509. April, April … macht was er will

April, April … macht was er will

Opa Rudi sah aus dem Fenster und freute sich. »Sieh man einer an. Die Sonne scheint. Der perfekte Moment, um einen gemütlichen Nachmittagsspaziergang zu machen.«
Er trank den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse. Dann zog er seine Schuhe an, nahm seinen Spazierstock zur Hand und verließ das Haus. Kaum hatte er die Haustür hinter sich abgeschlossen, fegte ein starker Wind durch die Straße.
»Damit habe ich jetzt aber nicht gerechnet.« wunderte sich Opa Rudi. Immerhin war der Himmel wolkenlos. »So kann ich nicht spazieren gehen.«
Er ging also zurück ins Haus. Mühsam kletterte er die Treppe hinauf, holte einen warmen Pullover aus dem Schrank und ging erneut nach draußen.
Opa Rudi war kaum zehn Meter gegangen, als dicke, graue Wolken auftauchten und die Sonne verdeckten. Von einer Minute zur anderen begann es zu regnen. Dicke Tropfen vielen herab und füllten schnell die Pfützen auf der Straße.
»Regen?« Wo ist der blaue Himmel?« beschwerte sich Opa.
Erneut stapfte er ins Haus, strich sich die Wassertropfen aus dem Haar und überlegte, ob er überhaupt noch nach draußen gehen sollte.
»Mit Friesennerz wird’s wohl gehen.«
Also zog er sich einen Regenmantel an, stülpte sich Gummistiefel über die Füße und begann den dritten Versuch seines Spaziergangs.
Aber das Wetter wollte einfach nicht mitspielen. Es spielte ihm einen weiteren Streich. Die Temperaturen kühlten plötzlich ab. Die dicken Regentropfen gefroren, fielen nun als Schneeflocken und färbten die ganze Umgebung weiß ein.
»Das darf doch einfach nicht wahr sein.«
Opa Rudi fluchte und schimpfte zum Himmel hinauf.
»Ich will doch nur einen Spaziergang machen und frische Luft schnappen.«
Also noch einmal zurück ins Haus. Er tauschte Regenmantel gegen Wintermantel und Handschuhe.
»Das ist jetzt mein allerletzter Versuch. Danach gebe ich auf.«
Opa Rudi öffnete vorsichtig die Haustür und sah nach draußen. Es schneite immer noch. Es sah sogar nach einem richtigen Schneesturm aus.
»Jetzt passt es.«
Opa Rudi nickte und ging nach draußen. Kaum hatte er die Tür hinter sich verschlossen, verschwanden die Schneeflocken. Er wurde wieder wärmer. Der Schnee schmolz, die Wolken rissen auf und die Sonne kam wieder zum Vorschein.
Opa Rudi seufzte und gab auf. »Das wird heute nichts mehr mit meinem Spaziergang.«
Er ging also zurück ins Haus und ließ sich enttäuscht in seinen Sessel fallen.
»Es ist doch schon Mai. Warum haben wir dann so ein grausiges Aprilwetter?«

Hätte Opa Rudi einmal hinter seine Büsche gesehen, hätte er sich bestimmt gewundert. Dort saß nämlich ein kleiner Kobold mit langen, spitzen Ohren, der sich vor Lachen den Bauch hielt. Dann holte er einen Zauberstab aus seiner Tasche und schwang ihn hin und her. Dabei änderte sich schon wieder das Wetter.
»April, April – Ich mache was ich will.« sang er dabei immer wieder. »Und das nicht nur im April. Hi hi hi.«

(c) 2015, Marco Wittler

501. Schöne Frühlingsblumen

Schöne Frühlingsblumen

Der kleine Maulwurf buddelte sich durch die Erde nach oben. Kurz bevor er durch die Oberfläche stieß, hielt er an. Er hatte gefunden, wonach er suchte. Über seinem Kopf baumelten leckere Gras- und Blumenwurzeln, die er sich nun genüsslich schmecken ließ.
»Frische Frühlingswurzeln schmecken besonders lecker.« sagte sich der kleine Maulwurf immer wieder.
»Da sind ganz viele Vitamine drin. Die kann ich nach diesem langen, kalten Winter gut gebrauchen.«
Immer wieder zog er an den weißen, dicken Halmen und stopfte sie sich in den Mund.
»Mmmh. Einfach gut. Schade, dass es solche Leckerbissen nicht im Winter gibt.«
In diesem Moment klopfte es von oben. Neugierig buddelte sich der Maulwurf aus und entdeckte ein kleines Mädchen.
»Hey, was soll denn das?« beschwerte sie sich laut.«
Du kannst doch nicht alle Wurzeln auffressen. Meine armen Blümchen können dann kein Wasser mehr trinken und verdursten. Schau dir an, wie welk sie schon geworden sind.«
Traurig hielt sie ihm einen verdorrten Strauß Blumen unter die Nase.
»Das tut mir leid.« entschuldigte sich der Maulwurf. »Ich habe gar nicht gewusst, dass Blumen so schön sind. Ich bin heute zum ersten Mal an der Oberfläche. Wenn ich das nur gewusst hätte. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich noch essen kann. Ich werde verhungern.«
Gemeinsam überlegten sie nun, wie sie beide zufrieden sein konnten.
Nach ein paar Minuten liefen sie zusammen über die Wiese und pflanzten neue Blumen in den Boden.
»Das ist jetzt meine Blumenecke.« erklärte das Mädchen begeistert.
Der kleine Maulwurf versprach ihr, sich der Ecke nicht zu nähern. Alle anderen Wurzeln durfte er weiter futtern.

(c) 2014, Marco Wittler

492. Schneckenfrühling (Ninos Schneckengeschichten 10)

Schneckenfrühling

›Mai.‹
So stand es seit ein paar Tagen auf dem Kalenderblatt an Ninos Wand. Das freute ihn sehr, denn der Frühling war seine liebste Jahreszeit.
»Dann putze ich mal schnell mein Häuschen, damit es gut aussieht, wenn ich damit ausgehe.«
Ein Häuschen mit dem man ausgehen kann? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Tja, mit Ninos Haus konnte man tatsächlich ausgehen, denn Nino war eine kleine Schnecke mit einem kleinen Schneckenhaus auf dem Rücken. Und genau dieses putzte er nun von oben bis unten, von vorne nach hinten und von links nach rechts, bis es überall blitzte und blinkte.
Dann packte er seine sieben Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zur großen Blumenwiese.
Es ging über Stock und Stein, durch Feld, Wald und Wiesen.
»Puh.« schaufte Nino. »Der Weg ist ganz schön weit.«
Das lag vor allem aber daran, dass Schnecken nicht so schnell laufen können. Er brauchte Tag um Tag. Trotzdem gab er nicht auf.
Als er schließlich an seinem Ziel angekommen war, staunte er nicht schlecht. Es war keine einzige Blume zu entdecken. Weit und breit blühte nichts. Stattdessen lag überall braunes Laub und die Bäume waren kahl.
»Oh je. Das gleiche Problem wie jedes Jahr. Es dauert bis zum Herbst, bis ich die Blumenwiese erreicht habe.«
Er seufzte einmal laut, drehte um und machte sich auf den langen Heimweg.

(c) 2014, Marco Wittler

443. Alle Vögel sind schon da (Hallo Oma Fanny 16)

Alle Vögel sind schon da

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Heute ist nach einem langweiligen Tag etwas richtig Lustiges passiert. Davon muss ich dir unbedingt berichten.
Seit ein paar Tagen wird es bei uns immer wärmer. Papa hat gesagt, dass nun der Frühling vor der Tür steht. Ich hab natürlich sofort nachgeschaut, aber draußen war niemand. Danach erklärte er mir, dass nun auch bald die ersten Vögel aus dem Süden zurück kommen würden. Und als hätten sie ihn gehört, waren sie auch schon da.
In großen Gruppen flogen sie unter den Wolken her und machten einen unglaublichen Lärm.
Sofort schnappte sich Papa sein Fernglas, nahm mich an die Hand und wir gingen zusammen nach draußen. Er wollte sich unbedingt die vielen Vögel anschauen und mir erklären, wie sie alle heißen. In Gedanken ging ich schon mal ein paar Namen durch. Karl-Heinz, Peter, Otto, Paula, …
Du kannst dir nicht vorstellen, wie langweilig es war, auf der Wiese im Garten zu stehen und in den Himmel zu starren. Zwischendurch sollte ich dann auch mal durch das Fernglas schauen, aber da konnte ich nichts als Wolken erkennen. Lag wohl auch daran, dass ich nie die richtige Richtung gefunden hatte.
Papa war richtig aufgeregt. Er überlegte schon, wo er seine Fotokamera zuletzt gesehen hatte. Er sprach sogar von einer Zugvögel-Willkommensparty. Ich hab nur noch die Augen verdreht und gehofft, dass alles schnell vorbei geht.
Und dann musste ich plötzlich laut lachen. Es gab ein lautes Platsch und Papa hatte einen großen Haufen Vogelkacke im Gesicht kleben. Er selbst fand das natürlich nicht lustig. Aber zum Glück war danach der Vogelkundeunterricht vorbei.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

306. Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

»Ist das nicht ein herrliches Wetter?«, sagte der Winter, als er vor die Tür seines Hauses trat und sich einmal kräftig streckte.
Das Wetter war tatsächlich schön. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Allerdings war es bitter kalt und auf dem ganzen Land lag eine hohe Schneedecke.
»Es geht doch nichts über ein paar hübsche Schneeflocken.«
Der Winter zog einen kleinen Zauberstab aus seiner Hosentasche, wedelte einmal damit in der Luft und steckte ihn wieder ein.
Es begann zu schneien. Der Winter sah sich zufrieden um, steckte sich ein Pfeifchen an und ging wieder zurück ins Haus.

»Oh nein. Nicht schon wieder Schnee. Als würde nicht schon genug davon herum liegen.«
Die Menschen waren unzufrieden. Seit drei Monaten mussten sie nun schon unter der weißen Pracht leiden. Man konnte kaum noch über die Gehwege laufen und die Pferdeschlitten kamen auch nur noch mühsam durch die Straßen.
»Wann hat das endlich ein Ende? Es ist bald März. Da muss es doch mal wärmer werden.«
Aber es halfen keine Beschwerden, kein Bitten und kein Betteln. Der Winter blieb hartnäckig.
Eines Tages ging Lisa lustlos nach draußen. Mit ihren kleinen Beinen kämpfte sie sich durch die Schneemassen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie vor der Schule stand. Ganz abgekämpft und erschöpft setzte sie sich auf eine Bank und holte tief Luft.
In diesem Moment kam ein sehr ungewöhnlicher Mann des Weges. Er war in einen kunterbunten Mantel gehüllt und hatte leuchtend grünes Haar auf dem Kopf.
Hallo, wer du?«, fragte Lisa neugierig.
»Ich bin der Frühling antwortete der Mann.
Lisa musste sich ungläubig umschauen.
»Du bist der Frühling? Und warum ist es dann immer noch so kalt und verschneit? Warum unternimmst du denn nichts gegen dieses Wetter?«
Der Frühling wurde rot im Gesicht und entschuldigte sich sofort mehrere Male, bevor er sich auf die Bank setzte.
»Der Winter ist immer so hartnäckig. Jedes Jahr versucht er so lange, wie es geht, die Welt zu vereisen. Und ich komme nur ganz schwer gegen ihn an.«
Der Frühling lenkte Lisas Blick mit seinem Finger auf die weißen Wiesen, Felder und Straßen in der Umgebung.
»Wenn der Schnee so hoch liegt, kann keine einzige Blume wachsen. Es ist für sie zu kalt. Außerdem bekommen sie nicht genug Sonnenlicht. Da kann ich noch so gute und geheimnisvolle Zaubersprüche aufsagen. Es hilft einfach nicht.«
Lisa warf ihre Stirn in Falten und dachte angestrengt.
»Da muss man doch etwas unternehmen können. Sonst sitzen wir ja noch im Sommer mit Mäntel da und werfen Holz ins Kaminfeuer.«
Sie nahm den Frühling an die Hand und zog ihn hinter sich her.
»Ich werde dir helfen.«, hatte sie entschieden und wusste auch schon, wie sie das anstellen sollte.

Eine Stunde später hockten die beiden hinter einem großen Busch, der in der nähe des Winterhauses stand.
»Du musst jetzt nur genau das machen, was ich dir sage.«, befahl Lisa und drückte dem Frühling ein paar Tulpenzwiebeln in die Hand.
»Mach was daraus. Lass dir bitte etwas einfallen.«
Der Frühling besah sich die Zwiebeln und ließ die Schultern herab sinken.
»Damit kann ich doch nichts anfangen. Tulpen wachsen nicht im Schnee.«
Lisa verdrehte die Augen.
»Ich dachte du bist der Frühling. Warum bist du nur so einfallslos. Wenn die Tulpen nicht im Schnee wachsen, dann mach daraus etwas Neues. Das kannst du doch bestimmt.«
Sie dachte kurz nach.
»Erfinde eine Schneeblume.«
Plötzlich wurden die Augen des Frühlings heller und weiteten sich.
»Das ist es. Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen.«
Er schlich sich zum Haus des Winters. Rundherum machte er Löcher in den Schnee und den darunter liegenden Boden, in die er die Tulpenzwiebeln steckte. Als er fertig war, holte er einen Zauberstab hervor, wedelte damit in der Luft herum und sprach einen ganz neuen Zauberspruch.
»Möge ein kleines, aber kräftiges Leben in euch fahren. Erwacht zum Leben und gedeihet wohl. Als Schneeglöckchen wird man euch fortan kennen und lieben.«
Und sofort tat sich etwas. Aus dem Boden kamen kleine, grüne Pflänzchen hervor. Sie wuchsen schnell empor, bis sie kleine, weiße Blüten bekamen.
»Was ist denn hier los? Was macht ihr denn da?«, brüllte der Winter und stürmte aus seinem Haus.
»Oh nein. Blumen. Das darf doch nicht wahr sein. Die werden mir noch den ganzen schönen Schnee vertreiben.«
Und genau so geschah es dann auch Sekunden später. Um die Blumen herum taute der Schnee und es bildeten sich erste kleine Pfützen.
»Hör mal, Frühling.«, flüsterte Lisa.
Der Frühling begann zu grinsen, als er die ersten Vögel zwitschern hörte.
»Ist das herrlich. Jetzt ist der Winter endlich vorbei.«, bedankte sich der Frühling bei Lisa.

(c) 2010, Marco Wittler

303. Juhuu, wir sind da

Juhuu, wir sind da

Ganz klein war es. Es steckte tief im Dunklen und war in einen monatelangen Schlaf versunken. Viele schöne Träume geisterten durch seinen Kopf. Aber es wusste ganz genau, dass es da noch mehr geben musste. Eines Tages würde etwas ganz Besonderes geschehen. Dann würde es nicht mehr nur ein kleines Körnchen sein.
Eines Tages wurde es wärmer und das Körnchen erwachte. Es gähnte laut und lang.
»Huuuch. Was ist denn das? Ich bin erwacht. Dabei hätte ich doch so gern noch weiter geschlafen. Es war doch gerade so richtig gemütlich geworden.«
Es sah sich um. Doch in jeder Richtung war es dunkel. Man konnte nicht einmal eine Hand vor Augen sehen.
»He, warum ist es denn so dunkel? Kann denn nicht mal jemand das Licht einschalten?«
Aber es kümmerte sich niemand. Es blieb dunkel. Stattdessen war plötzlich ein vielstimmiges Gähnen zu hören. Da wurden noch mehr kleine Körnchen wach. Und schon war es mit der angenehmen Ruhe vorbei.
Nun fragten sie sich alle, wo sie sich befanden und was nun zu tun sei. Eine Antwort bekamen sie aber nicht.
»Wir sollten uns bewegen.«, schlug das kleine Körnchen vor.
»Wenn wir einfach so liegen bleiben, kommen wir doch nie im Form. Da wird uns etwas Sport gut tun.«
Und schon zappelte es hin und her, kam aber nicht recht vom Fleck. Außerdem gefiel es ihm nicht, dass es von oben immer wärmer wurde, unten aber kalt blieb.
»Ich will hier raus. Dort oben wird es mir ganz bestimmt besser gefallen. Ich wachse hier raus.«
Das Körnchen begann sich zu recken und zu strecken. Es wurde lang und länger. Es wuchs regelrecht durch die Dunkelheit nach oben, bis es schließlich aus seinem Schlafplatz ausbrach und zum ersten Mal in seinem Leben das Licht der Sonne erblickte.
»Ui, ist das schön hier. Und alles ist so herrlich warm. Leute, das müsst ihr euch unbedingt anschauen.«
Es dauerte gar nicht lange, bis auch die anderen hinterher kamen. Manche mussten sich erst die Augen reiben. Aber dann war der Jubel groß.
»Juhuu, wir sind da.«, riefen sie einem Menschen entgegen, der gerade an ihnen vorbei ging.
»Huch. Wer ruft denn da?«, fragte sich dieser, sah aber nichts anderes als die ersten frisch gewachsenen Blumenstengel des Frühlings, die lustig im Wind hin und her wehten.

(c) 2009, Marco Wittler

194. Der kleine Junge, der nicht schlafen wollte

Der kleine Junge, der nicht schlafen wollte

Adam saß am Fenster und blickte in die tiefe Nacht hinaus. Es war so dunkel, dass man nichts mehr sehen konnte. Doch das konnte ihn nicht von seiner Beschäftigung abbringen.
»Suchst du etwas?«, fragte seine Mutter.
Doch Adam schüttelte den Kopf. Mit der Hand zeigte er auf den Wandkalender.
»Es ist schon der fünfzehnte Dezember. Aber es ist noch nicht eine einzige Schneeflocke vom Himmel gefallen. Ich will, dass es endlich richtig Winter wird.«
Sein Schlitten stand schon seit einem ganzen Monat an der Haustür bereit. Es war draußen sogar schon richtig kalt geworden, aber der Schnee ließ auf sich warten.
»Du kannst doch Morgen wieder schauen, ob sich das Wetter geändert hat.«, schlug seine Mutter vor.
»Es ist schon spät und du solltest längst im Bett liegen und schlafen.«
Aber Adam tat so, als hörte er sie nicht.
»Ich werde nicht eher vom Fenster verschwinden, bevor es nicht angefangen hat zu schneien.«
Nach und nach gingen seine Eltern und Geschwister schlafen. Sie hatten die nächsten Tage so viel für Weihnachten vorzubereiten, dass sie ausgeschlafen sein wollten.
Adam war das alles egal. Er wollte der Erste sein, der die ersten Schneeflocken sah.
Die Zeiger auf der Uhr tickten und drehten sich weiter im Kreis. Die Nacht zog vorbei und ein neuer Morgen kündigte sich an. Die Sonne stieg auf und erhellte den ganzen Himmel.
»Verdammt. Es sind wieder keine Wolken zu sehen.«
Adam war enttäuscht. So einen späten Winter hatte er noch nie erlebt.
Inzwischen waren die anderen aufgestanden. Ausgeschlafen und vergnügt versammelten sie sich um den großen Tisch und aßen das Frühstück.
»Willst du nicht zu uns kommen?«, fragte sein großer Bruder.
»Nein.«, war die knappe Antwort.
»Ich habe keine Zeit. Wenn ich jetzt zu euch komme, verpasse ich die Schneewolken. Aber ihr könnt mir ein Brot herüber bringen.«
Also aß Adam am Fenster.

Mit jedem Tag, der verging, wurde Adam müder. Er gähnte immer öfter und hatte große Mühe, seine Augen offen zu behalten.
»Willst du nicht vielleicht doch irgendwann schlafen gehen?«
Seine Mutter machte sich Sorgen um ihren Sohn. Doch dieser lehnte ab. Er durfte auf keinen Fall den Winteranfang verpassen.

Am Vorabend des Weihnachtsfestes geschah es dann.
Nein, der Winter kam nicht plötzlich über das Land geschneit. Es war Adam, der nun so müde war, dass ihm seine Augen endgültig zu fielen und er laut zu schnarchen begann. Er war tatsächlich eingeschlafen.
Seine Mutter seufzte erleichtert und brachte ihn ins Bett. Während sie mit der schweren Last die Treppe hinauf stieg, sah sie kurz aus einem Fenster hinaus. Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Da fielen Schneeflocken vom Himmel. Dick und schwer bedeckten sie innerhalb weniger Minuten das Land. Der Winter war nun doch endlich gekommen.
»Adam, du musst aufwachen. Der Winter ist da.«, rief die Mutter.
Adam hörte sie nicht. Sein Schlaf war tief und fest.

Adam wurde wach. Laut gähnte er durch sein Zimmer. Dann sah er sich um und stellte sofort fest, dass er eingeschlafen sein musste.
»Oh nein. Hoffentlich, hat der Winter nicht ohne mich begonnen.«
Er stand auf und lief ans Fenster. Schnee war keiner zu sehen. Nur die vielen bunten Blumen auf der Wiese.
»Da habe ich ja Glück gehabt.«
Er ging die Treppe hinunter und blieb plötzlich verwirrt stehen.
Bunte Blumen? Zur Winterzeit?
Er raste in die Küche.
»Was ist passiert?«
Seine Mutter musste lachen. Dann erklärte sie ihm, dass er viel zu lange nicht geschlafen hatte. Irgendwann war seine Müdigkeit so groß geworden, dass er den ganzen Winter hindurch geschlafen hatte.
»Der März ist schon fast vorbei. Du hast sogar den Frühlingsanfang verschlafen.«
In diesem Moment kamen seine Geschwister herein und schwärmten von dem vielen Schnee, den sie den ganzen Winter über genossen hatten.
»Über einen Meter hoch lag er. Von Weihnachten an konnten wir bis letzte Woche jeden Tag mit dem Schlitten fahren. Das war der schönste Winter, den wir je erlebt haben.«
Adam konnte es nicht fassen. Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
»Wie dumm bin ich doch bloß gewesen. Das passiert mir bestimmt kein zweites Mal.«
Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als bis zum nächsten Winter zu warten. Bis dahin ging er jeden Abend pünktlich in sein Bett und schlief.

(C) 2009, Marco Wittler

135. Die Jahreszeiten

Die Jahreszeiten

Das ganze Jahr ist von Veränderungen geprägt. Wenn es beginnt, liegt überall Schnee, es ist eisig kalt und die Äste der Bäume sind kahl und leer. Die Tiere halten Winterschlaf oder sind in den warmen Süden gezogen.
Es dauert ein paar Monate, bis die Tage langsam länger werden, die Temperaturen steigen und der Schnee dem frischen Grün Platz macht. Die ersten Pflanzen wachsen, die Schneeglöckchen und die Krokusse blühen und die Bäume lassen neue Blätter wachsen. Mit dem Frühling kehrt das Leben in die Wälder zurück. Die Vögel verlassen den Süden, bauen ihre Nester und alle andere Tiere erwachen aus ihrem langen Schlaf.
Doch dabei bleibt es nicht, denn der Sommer wartet nur darauf, die Welt in seine Hand zu bekommen. Er heizt die Erde richtig auf. Es wird wärmer und wärmer. Doch bleibt auch ihm nur eine begrenzte Zeit, denn der Herbst wird ihn ein paar Monate später ablösen.
Wenn es so weit ist, färben sich die Blätter bunt und fallen zu Boden. Die Bäume werden wieder kahl. Die Vögel machen sich auf den Weg in den Süden und alle anderen Tiere bereiten sich auf den bevor stehenden Winter vor. Sie sammeln Nahrung und suchen sich warme Höhlen und Verstecke für die lange Schlafenszeit. Und so beginnt wieder alles von vorn.
Eigentlich sollte es in jedem Jahr so sein, doch eines Tages geschah etwas, womit die Jahreszeiten nicht gerechnet hätten.

Es war September. Der Sommer war schon fast vorüber. Tagsüber schien noch immer die Sonne und wärmte alles auf. Doch die Nächte waren klirrend kalt. Es wurde Zeit für den Herbst.
Noch bevor sich der Herbst auf den Weg machte, schickte er seine kleinen Helfer voraus, um seine Ankunft vorzubereiten.
»Und dass ihr mir bloß kein einziges Blatt vergesst.«, mahnte er sie an.
»Und klettert nicht herum. Im letzten Jahr musste ich Mutter Natur erklären, warum ihr Schneehase plötzlich rot war. Das darf nicht noch einmal vorkommen.«
Die fleißigen Helfer nickten eifrig und machten sich an ihre Vorbereitungen.
Sie hatten einen großen Transportwagen hinter einem Gespann aus acht Pferden gehängt. Im Wagen befand sich allerlei Material. Da waren Farbeimer mit unzähligen roten und braunen Farben. Keiner glich dem anderen. Daneben lag ein Berg mit neuen Pinseln, die nur darauf warteten, benutzt zu werden.
»Haben wir auch alles dabei?«, fragte Herbstwichtel Nummer Eins.
»Jawohl!«, antwortete Herbstwichtel Anton.
»Wir haben alles ordnungsgemäß und nach Vorschrift in den Wagen gepackt und fest verschnürt. Es sollte schon etwas völlig Unmögliches passieren, bevor uns auch nur ein einziger Tropfen Farbe verloren geht.«
Nummer Eins war zufrieden. Er begutachtete noch einmal alles und gab dann den Befehl zu Abfahrt.
Ein unüberschaubare Zahl Herbstwichtel stürmte auf den Wagen zu. Gemeinsam mit den Pferden liefen sie los und machten sich auf den Weg zu den Wäldern der Welt.

Nach ein paar Tagen kamen die Wichtel an ihrem ersten Ziel an. Vor ihnen wuchsen riesige Bäume in den Himmel.
»Holt die Leitern hervor und beginnt mit der Arbeit.«, befahl Nummer Eins.
Die Wichtel holten die Leitern hervor und stellten sie an die Bäume. Anton verteilte Farbeimer und Pinsel.
»Legt die Pinsel an!«, rief Nummer Eins.
»Auf mein Kommando. Achtung! Fertig! Malt!«
Die Wichtel kletterten die Leitern hinauf und begannen, die Blätter der Bäume zu bemalen. Nach und nach wurde das Laub des Waldes bunt, während das Grün verschwand.
»Sieht doch schon ganz herbstlich aus. Ihr leistet wirklich gute Arbeit.«
Nummer Eins lief ständig zwischen den Bäumen herum, begutachtete die einzelnen Blätter und wies seinen Wichteln immer wieder neue Bäume zu. Antons Aufgabe war es, die leeren Farbeimer gegen volle einzutauschen, damit die Arbeit zügig weiter gehen konnte.
»Du meine Güte, wenn ihr weiter in diesem Tempo arbeitet, werden wir dieses Jahr ein paar Tage früher fertig ist als sonst. Ich komme ja kaum noch hinterher, euch neue Farben zu bringen.«

Am Abend verließen sie den Wald. Nummer Eins ging voraus und wollte sich das Werk seiner Wichtel anschauen. Doch dann traf ihn ein Schrecken.
»Was ist denn das? Das kann doch gar nicht wahr sein.«
Der Wald sah fast so aus wie vorher. Alle Bäume waren grün. Nur die letzten, deren Blätter gerade erst bemalt worden waren, erstrahlten in bunten Farben.
»Sind unsere Farben nicht in Ordnung oder was ist da passiert? Kann mir das mal jemand erklären?«
Eine Antwort hatte niemand. Dafür war die Verwunderung umso größer.
»Wir werden eine Nacht darüber schlafen und uns Morgen früh beraten.«, entschied Nummer Eins.

Der nächste Morgen brachte die nächste Überraschung. Auch die letzten Bäume waren wieder grün geworden. Im ganzen Wald war nicht ein einziger Tropfen Farbe zu finden.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das ist doch völlig unmöglich.«
Nummer Eins regte sich auf und bekam einen hochroten Kopf.
»So etwas hat es noch nie gegeben, seit ich ein Herbstwichtel bin. Wir müssen sofort von vorn anfangen.«
Die Wichtel gingen zum Wagen und holten ihre Arbeitssachen hervor. Doch etwas fehlte.
»Was ist denn das?« wunderte sich Anton.
»Die Leitern liegen hier und die Farbtöpfe stehen auch bereit. Aber wo sind die Pinsel geblieben?«
Tatsächlich war nicht ein einziger Pinsel zu finden. Sie waren verschwunden.
»War jemand heute Nacht hier und hat uns bestohlen? Hat jemand was gesehen oder gehört?«, fragte Nummer Eins.
Aber leider hatte jeder Wichtel in der Nacht tief und fest geschlafen.
Nummer Eins kam das alles nicht geheuer vor. Er begann einen Plan zu schmieden.
»Mir ist es egal, ob wir Pinsel haben oder nicht. Wir werden das Laub bunt anmalen. Immerhin haben wir noch Hände und Finger. Also legt los, Männer.«
Die Wichtel kletterten ein weiteres Mal die Leitern empor und tauchten nun ihre Finger in die Farbeimer. Es dauerte natürlich auch einiges länger, aber trotzdem hörte Nummer Eins nicht ein Murren oder Maulen. Ein schlauer Wichtel kam sogar auf die Idee seinen langen Bart als Pinsel zu benutzen.
Als dann einige Stunden später der Abend kam, war wieder ein Teil der bemalten Blätter auf wundersame Weise ergrünt.
»Das glaub ich einfach nicht. Da muss Hexerei am Werk sein.«, beschwerte sich Nummer Eins.
»Aber das lasse ich nicht mit uns machen. Ich werde die ganze Nacht Wache halten und die restlichen Bäume beobachten. Ich finde schon heraus, wer die Farbe entfernt.«

Die Nacht zog sich lange hin. Die Dunkelheit wurde kaum erleuchtet, da dichte Wolken das Licht des Mondes und der Sterne nicht durch ließen.
Nummer eins hatte sich auf das Dach des Transportwagens gesetzt und beobachtete alles ganz genau. Ständig wechselte sein Blick die Himmelsrichtungen. Aber bisher war der Übertäter nicht aufgetaucht.
»Vielleicht beobachtet er mich und wartet nur darauf, dass ich einschlafe.«, murmelte er in sich hinein.
»Ich werde mich also in meinen Schlafsack verkriechen und mich schlafend stellen.«
Nur eine halbe Stunde später hörte man knackende Zweige. Irgendwer ging durch den Wald. Nummer Eins war noch immer wach und wartete nur darauf, den Pinseldieb zu sehen.
Plötzlich wurde eine Leiter an einen Baum gestellt und jemand kletterte daran hinauf. Er holte einen Lappen aus der Tasche und wischte alle Blätter sauber. Doch schon nach ein paar Minuten legte sich eine Hand auf seine Schulter.
»Habe ich dich doch noch erwischt.«, sagte Nummer Eins.
In diesem Moment standen alle anderen Wichtel auf und entzündeten ihre Lampen. Nun wollten sie den Übeltäter auch sehen.
»Aber du bist doch der Sommer, oder irre ich mich da?«
Nummer Eins war verdutzt. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
»Warum zerstörst du unsere Arbeit? Wir müssen doch alles für die Ankunft des Herbstes vorbereiten.«
Der Sommer ließ die Schultern hängen, während er langsam die Leiter herab stieg.
»Das ist es ja gerade. Ich will doch noch gar nicht gehen. Ist es denn nicht die schönste Jahreszeit, wenn die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern und es immer warm ist?«
Nummer Eins musste sich eingestehen, dass es ihm so wirklich sehr gefiel.
»Trotzdem werden bald der Herbst und der Winter kommen. Die Welt, die Tiere und die Menschen sind daran gewöhnt. Wenn du nun plötzlich das ganze Jahr bleiben würdest, wären sie alle völlig verwirrt. Außerdem würden dann Frühling Herbst und Winter arbeitslos.«
Der Sommer war traurig. Trotzdem sah er ein, dass er einen Fehler begangen hatte.
»Dann werde ich wohl doch bis zum nächsten Jahr verschwinden müssen.«
Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Doch dann hielt ihn Anton zurück.
»Warte bitte. Ich glaube, ich habe da eine Idee.«
Der Sommer drehte sich mit leuchtenden Augen um.
»Wir könnten die Welt in zwei Hälften aufteilen. Die Grenze ziehen wir am Äquator. Die eine Jahreshälfte lebst du hier im Norden und die andere dann im Süden. Ich bin mir sicher, dass die anderen Jahreszeiten damit einverstanden wären. Und die Welt selber wird kaum etwas davon merken.«
Der Sommer wischte sich ein paar Freudestränen aus dem Gesicht und drückte Anton fest an sich.
»Du bist ein wahrlich kluger Wichtel, mein Freund. Ich nehme deinen Vorschlag an.«
Und so begannen die vier Jahreszeiten über die Welt hin und her zu reisen.

(c) 2008, Marco Wittler