593. So ein leckerer Kuchen

So ein leckerer Kuchen

Mama hatte Kuchen gebacken. Zu Papa Geburtstag hatte sie seinen Lieblingskuchen gebacken. Das Problem an der ganzen Sache war nur, dass Papa ständig in die Küche kam, um davon zu naschen. Immer wieder musste Mama ihn verscheuchen.
»Wo willst du eigentlich Kaffee trinken und Kuchen essen?«, fragte sie irgendwann. »Soll ich den Tisch im Wohnzimmer decken oder willst du mit uns allen im Garten sitzen?«
Papa schüttelte den Kopf. »Wie wäre es, wenn wir zum Felsenmeer fahren und es uns dort auf der Wiese gemütlich machen. Ich habe schon lange kein Picknick mehr gemacht.«
Und so bereitete Mama alles für den Nachmittag vor. Sie ging in den Keller, holte einen großen Korb und eine Decke nach oben.

Am Nachmittag saßen sie dann alle zusammen auf der großen Decke im Schatten eines noch viel größeren Baums. Mama, Papa, die beiden Zwillinge Max und Paul und natürlich Oma und Opa.
»Wartet noch einen kleinen Moment.«, sagte Mama. Sie stellte den Kuchen vor sich ab und holte ein großes Messer aus dem Korb. »Ich schneide jedem von euch ein Stück vom Kuchen ab. Der wird euch hoffentlich gut schmecken.«
Sie setzte das Messer und wunderte sich, denn es verschwand mit der kompletten Schneide im Kuchen.
»Ist ja komisch.«, wunderte sich Mama. »Der Teig ist wohl nicht richtig gebacken. Da muss eine Blase drin sein.«
Sie setzte ein weiteres Mal zum Schnitt an einer anderen Stelle an. Das Messer rutschte wieder weit in den Kuchen hinein.
»Irgendwas stimmt damit nicht. Sowas ist mir noch nie passiert. Ich kann doch sonst so gut backen.«
In diesem Moment begann Papa zu grinsen und musste beichten, dass er etwas Verbotenes angestellt hatte.
»Dreh den Kuchen bitte einmal um.«, schlug er vor.
Mama hob den Kuchen hoch, drehte ihn vorsichtig um und erschrak.
»Der Kuchen ist ja ganz hohl von innen. Wie ist das denn passiert?«
»Ich musste ihn doch probieren, ob er wirklich gut geworden ist.«, entschuldigte sich Papa. »Und dann musste ich nochmal probieren, ob er an einer anderen Stelle genau so gut schmeckt. Und dann wieder und wieder und wieder.«
»Du bist mir ja einer.«, schimpfte Mama.
»An deinem nächsten Geburtstag muss ich wohl zwei Kuchen backen. Einen zum Probieren und einen, den ich vor dir verstecke.«
Damit war Papa einverstanden. Schon jetzt freute er sich darauf, im nächsten Jahr noch mehr von seinem Lieblingskuchen essen zu dürfen.

(c) 2016, Marco Wittler

404. Papas Geburtstagsgeschenk

Papas Geburtstagsgeschenk

Es sollte bald so weit sein. Der Tag war auf dem Kalender rot markiert. Papas Geburtstag. Schon seit einer ganzen Woche dachten die seine beiden Kinder Mira und Jonas darüber nach, womit sie ihm eine kleine Freude machen konnten. Es wollte ihnen allerdings nichts Passendes einfallen.
»Du Mama?«, fragten sie schließlich am Tag vor der großen Feier.
»Kannst du uns nicht helfen? Es fällt uns einfach kein Geschenk für Papa ein.«
Aber Mama hatte auch keine Idee.
»Vielleicht solltet ihr ihn selbst fragen. Der Papa weiß schließlich am Besten, was ihm gefällt.«
»Hm.«, murmelte Mira.
»Das könnte funktionieren. Wir fragen ihn nachher beim Einkaufen.«
Zwei Stunden später befand sich die Familie im Supermarkt. Papa schob den Einkaufswagen vor sich her, den Mama immer wieder mit ein paar Dingen füllte.
»Papa?«, fragte Jonas.
»Wie gefällt dir denn dieses Feuerwehrauto? Damit würdest du doch ganz bestimmt gerne spielen.«
Papa grinste und lehnte ab.
»Und wie wäre es damit?«
Mira hielt ihm eine Puppe in Prinzessinnenkostüm unter die Nase.
»Die ist sooo toll. Wenn du die hättest, könnten wir den ganzen Tag zusammen Teeparty im Schloss spielen.«
Aber auch das war nicht so ganz Papas Geschmack.
In der nächsten halben Stunde holten die Kinder immer mehr Sachen aus der Spielzeugabteilung heran, die ihnen selbst gut gefielen. Es gab Kuscheltiere, Kreisel, Fußballsammelkarten, kleine Hosentaschenponys, Spielzeugautos und vieles mehr. Aber irgendwie war nie das Richtige dabei.
»Puh.«
Mira setzte sich auf eine Pausenbank.
»Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, ein Geschenk für Papa zu finden. Der macht es uns gar nicht so einfach.«
Jonas, der sich neben sie gesetzt hatte, nickte erschöpft.
»Na, was ist mit euch? Macht ihr schon schlapp?«, fragte Papa.
»Wir müssen noch in die Kühlabteilung.«
»Daran liegt es nicht.«, erklärte Jonas.
»Wir wissen nur einfach nicht, was wir dir zum Geburtstag schenken sollen.«
Er seufzte.
»Ach je. Wisst ihr was?«, sagte Papa und setzte sich seinen Kindern auf die Bank.
»Ich bin so glücklich, dass wir eine Familie sind, dass ihr selbst die wunderbarsten Geschenke seid, die man sich nur vorstellen kann. Und wenn ihr dann auch versucht, so oft wie möglich artig zu sein, dann geht’s mir richtig gut.«
Mama nickte grinsend.
»Genau so seh ich das auch. Lieb und artig mag ich euch auch am Liebsten.«
Die Kinder dachten darüber nach. Nur wenige Augenblicke später hatte Mira plötzlich eine großartige Idee.

Einen Tag später saßen Mama, Papa, Oma und Opa am Kaffeetisch und wollten sich schon über den Kuchen her machen.
»Wo sind eigentlich die Kinder?«, wunderte sich Papa.
»Sie sind doch sonst immer die ersten, wenn es was zu Futtern gibt.«
»Das muss wohl an ihrem Geschenk liegen.«
Mama stand auf und holte einen riesigen Pappkarton, der mit einer roten Schleife umwickelt war, aus der Küche.
»Das soll ich dir von ihnen geben.«
Papa war erstaunt. Mit so einem großen Geschenk hatte er gar nicht gerechnet. Ganz neugierig stand er auf und öffnete das Paket.
»Alles Gute zum Geburtstag«, ertönte es, als er darin Mira und Jonas entdeckte.
»Das ist das eine tolle Überraschung.«, freute er sich und drückte seine Kinder an sich.
»Ich hab es euch ja gesagt. Ihr seid für mich das allerbeste Geschenk, das ich mir überhaupt vorstellen kann.«

(c) 2012, Marco Wittler

321. Dicke Freunde (Tommis Tagebuch 09)

Dicke Freunde

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Aber ich fang am Besten ganz vorne an.
Vor ein paar Wochen saß ich mal wieder im Baumhaus auf dem Spielplatz, als ein anderer Junge herein kam. Er heißt Paul und wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und wurden auch schnell Freunde.
Von da an trafen wir uns fast jeden Tag und haben alles Mögliche gespielt. Wir waren Astronauten auf dem Weg zum Mond, Piraten in einer großen Seeschlacht, Steinzeitmenschen und noch viel mehr.
Aber gestern Nachmittag war plötzlich etwas anders.
Ich war der erste im Baumhaus und wartete schon auf meinen Freund. Ich hatte mir überlegt, dass wir in einem großen Geländewagen sitzen und ein Wüstenrennen fahren würden. Als Paul dann kam, sah er sehr traurig aus.
Ich hatte ihn natürlich sofort danach gefragt, aner es hat eine ganze Weile gedauert, bis er es mir erzählen wollte.
»Ich habe Morgen Geburtstag, aber ich kann ihn leider nicht feiern, weil meine Mama so wenig Geld hat. Wir können uns das einfach nicht leisten.«, erklärte er mir und fing sofort an zu weinen.
Das hat mich natürlich auch traurig gemacht und ich versprach Paul, an seinem Geburtstag, die ganze Zeit mit ihm im Baumhaus zusammen zu sein und nur seine Lieblingsspiele zu machen. Das hat dann auch seine Laune verbessert.

Heute Morgen haben Mama und Papa den Samstagseinkauf gemacht und ich durfte mit.
Im großen Kaufhaus kenne ich mich jetzt schon richtig gut aus und weiß, wo die wichtigsten Sachen sind. Die Regale mit den Süßigkeiten sind hinten in der Ecke und die Spiele ganz vorne. Alles andere muss nur Mama wissen.
Ich bin natürlich sofort zu den Spielen geflitzt und habe mir alle genau angeschaut, bis ich gefunden hatte, was ich wollte.
Es war ein kleines Kartenspiel, in dem es um Bauernhoftiere geht. Das habe ich schon zu Hause, aber ein Zweites kann ja nicht schaden.
Ich brachte es zu Mama und Papa und legte es in den Einkaufswagen.
»Moment mal. Das hast du doch schon.«, stellte Mama fest.
Da wusste ich erst nicht, was ich sagen sollte. Aber dann fiel mir etwas ein.
»Mir fehlen ein paar Karten. Das Spiel lag auf dem Boden und Bello hat drauf rum gekaut.«
Damit gab sie sich zufrieden. Ich durfte das Spiel haben.

Am Nachmittag war ich dann schon ganz aufgeregt. Ich hatte das Kartenspiel in der Hosentasche versteckt und mir ein paar Kuchenstücke aus dem Schrank geholt. Damit machte ich mich auf den Weg zum Spielplatz.
Paul war bereits da und wartete schon unbeduldig auf mich. Er hatte bereits unseren Flugkurs zum Mond in das Baumhaus programmiert.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«, rief ich schon von der Leiter aus.
Paul freute sich. Doch seine Augen wurden richtig groß, als er den Kuchen sah.
»Mensch, du bist ein richtig guter Kumpel.«, bedankte er sich bei mir.
Nur zu gern hätte er mich mal an sich gedrückt, aber da waren wir uns einig, dass das nur Mädchen machen.
Nachdem wir den Kuchen verputzt hatten, holte ich das Kartenspiel aus der Hosentasche und legte es vor Paul auf den Boden.
»Das ist auch noch für dich. Ein kleines Geschenk.«
Ich glaub, Paul hatte fast angefangen zu weinen. Jedenfalls sahen seine Augen so aus. Dieses Mal wollte er sich auch nicht mehr zurück halten und nahm mich doch in die Arme.
»Das ist der schönste Geburtstag meines Lebens.«
Da musste ich auch vor Freude grinsen.
In diesem Moment hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir.
»Jetzt weiß ich auch, wohin der Kuchen verschwunden ist und wofür du noch ein Kartenspiel haben wolltest.«
Mama war es, die ihren Kopf in das Baumhaus gesteckt hatte.
Ich hab bestimmt einen ganz roten Kopf bekommen, weil sie mich erwischt hatte, also erklärte ich sofort, warum ich ihr nicht alles erzählt hatte.
»Da hat der Paul ja einen richtig tollen Freund.«, sagte Mama und zwinkerte mir zu.
»Dann lasst euch mal nicht weiter stören. Feiert ihr noch schön da oben auf dem Mond.«
Und dann ging sie wieder nach Hause.
Paul und ich drehten uns sofort um, setzten uns vor das Fenster und starteten den Countdown. Der Flug ins Weltall konnte beginnen.

Und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.
Bis bald, dein Tommi.

(c) 2010, Marco Wittler

317. Der Geschenkekobold

Der Geschenkekobold

Sophie-Louise war aufgeregt, den heute hatte sie Geburtstag.
Gerade in diesem Moment kamen ihre kleinen Gäste und jeder hatte ein hübsch verpacktes Geschenk in Händen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, sagten sie nacheinander und legten ihre Pakete auf einen großen Tisch.
»Wir packen sie aus, wenn wir Kuchen gegessene haben.«, entschied Sophie-Louise.
Also setzten sich die Kinder an den Esstisch und verdrückten bergeweise Kuchen, Muffins und alles, was irgendwie essbar aussah. Dabei wurde viel gelacht und sie hatten alle eine Menge Spaß.
»So, jetzt packe ich die Geschenke aus.«, entschied Sophie-Louise.
Sie stand auf und lief zum Gabentisch. Ihre Freunde rannten alle hinterher. Doch plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen. Die Geschenke waren plötzlich verschwunden.
»Mama.«, rief Sophie-Louise verwirrt.
Doch auch Mama konnte sich das alles nicht erklären.
»Da treibt aber jemand einen ganz besonders gemeinen Schabernack. Müssen wir wohl das ganze Haus durchsuchen.«
Und schon verteilten sich die Kinder. Sie suchten in Ecken und Schränken. Fündig wurden sie allerdings nicht. Nicht einmal unter den Betten war etwas zu finden.
Doch plötzlich machte Sophie-Louise eine Entdeckung. In einer Flurwand war eine Geheimtür eingelassen, die nicht richtig geschlossen worden war.
Vorsichtig zog sie mit dem Finger daran und öffnete sie. Und was kam dabei zum Vorschein? Richtig. Die Geschenke. Und dazwischen saß ein kleiner, traurig ausschauender Kobold.
»Ich hab doch heute auch Geburtstag. Und niemand schenkt mir etwas.«, sagte er mit weinerlicher Stimme.
Inzwischen waren auch die anderen Kinder aufgetaucht. Gemeinsam überlegten und beratschlagten sie sich.
Am Ende schlug dann Mama etwas vor.
»Wenn du die Geschenke wieder ihrer richtigen Besitzerin zurück gibst, werden wir dich auch beschenken.«
Der Kobold schaute die Menschen misstrauisch an, willigte dann aber trotzdem ein.
Die Kinder jubelten. Sie machten sich sofort auf die Suche nach kleinen, hübschen Geschenken, die sie in Windeseile einpackten.
Nach ein paar Minuten waren sie fertig und übergaben sie dem Kobold, der sich noch nie in seinem Leben so sehr über etwas gefreut hatte.
»Und jetzt machen wir unsere Geschenke auf«, sagte Sophie-Louise.
Gemeinsam rissen die beiden Geburtstagskinder das Geschenkpapier auf und bestaunten ihre Geschenke.

(c) 2010, Marco Wittler

308. Der Zopf

Der Zopf

Es war mitten in der Nacht. Trotzdem lag Anni nicht in ihrem Bett. Sie konnte einfach nicht einschlafen.
»Ich bin ja so unglaublich aufgeregt.«, murmelte sie immer wieder vor sich hin.
»Was ich wohl zum Geburtstag geschenkt bekomme?«
In Gedanken malte sie die unglaublichsten Dinge aus.
»Ich bekomme bestimmt ein Pferd. Vielleicht hat Papa auch nicht vergessen, dass ich mir riesiges Puppenhaus gewünscht habe.«
Sie hakte noch einmal ihre Liste ab, bevor sie ein weiteres Mal auf den Wecker sah.
»Es ist ja immer noch ein Uhr. Will es denn gar nicht Morgen werden? Das ist so unfair. Vielleicht sollte die andern Wecken und jetzt schon feiern.«
Doch das traute sich Anni dann doch nicht.
Irgendwann schlief sich dann doch erschöpft am Schreibtisch ein.

Am nächsten Morgen klopfte es laut an die Tür.
»Spätzchen, bist du wach? Es wird Zeit zum Aufstehen. Die Sonne ist schon aufgegangen und die Vögel zwitschern so laut sie können.«
Anni schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um, bis ihr wieder einfiel, wo sie eingeschlafen war.
Sie reckte und streckte sich, gähnte laut und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Mama.«, sagte sie verschlafen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, wünschte Mama und nahm ihre Tochter gleich an die Hand.
»Wir gehen jetzt zusammen nach unten. Die anderen warten schon auf dich.«
In der Küche saßen schon Papa und Annis Brüder Michi und Patrick.
»Herzlichen Glückwunsch.«, riefen sie und begannen, ein Ständchen zu singen.
»Bist du denn schon neugierig, was du von uns geschenkt bekommst?«, fragte Patrick neugierig.
Anni nickte kräftig mit dem Kopf und grinste von einem Ohr zum anderen.
Mama ging zum Backofen, öffnete dessen Tür und holte ein Blech heraus. Darauf lag etwas.
»Das ist von uns allen.«, erklärte Mama.
Anni bekam zuerst große Augen. Dann ließ sie enttäuscht ihre Schultern hängen.
»Ein gebackener Hefezopf?«
Anni wurde traurig und sauer.
»Was soll ich denn damit machen? Der reicht doch nur zum Frühstücken.«
Mama grinste.
»Du trägst doch so gerne Zöpfe. Da dachten wir uns, dass wir dir auch einen backen sollten.«
Anni presste ein leises Danke durch ihre Lippen und biss enttäuscht in den Hefezopf.
»Huch, was ist denn das?«
Sie hatte plötzlich ein Band zwischen den Zähnen, das zu einem großen Teil noch im Gebäck steckte.
Neugierig betrachtete sie den Zopf von allen Seiten, bevor sie das Band vorsichtig weiter heraus zog. Am Ende hing ein Schlüssel.
»Wofür ist denn der?«
Anni Neugierde war nun geweckt.
»Schau doch mal nach, ob der Schlüssel in die Schuppentür passt.«, schlug Papa vor.
Anni stürmte sofort in den Garten. Der Schlüssel passte und ließ sich leicht drehen. Sie öffnete die Tür und sah hinein. Vor ihr stand ein Pony, das nun zur Begrüßung laut wieherte.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, rief der Rest der Familie.
Anni standen Tränen in den Augen. Es war zwar kein Pferd, wie sie es sich gewünscht hatte, aber ein Pony war noch viel süßer.
Das war der schönste Geburtstag ihres Lebens.

(c) 2010, Marco Wittler

132. Immer die großen Jungs (Tommis Tagebuch 7)

Immer die großen Jungs

Hallo liebes Tagebuch. Ich bin es der Tommi.
Es war gestern ein unglaublicher Tag. Wie du weißt, haben meine Freunde und ich schon seit ein paar Wochen Probleme mit den großen Jungs in unserer Straße. Sie ärgern uns, wann immer sie uns über den Weg laufen. Keiner von uns ist vor ihnen sicher. Wir wussten gar nicht mehr, was wir machen sollten. Wir trafen uns nur noch heimlich zum Spielen bei einem von uns im Kinderzimmer, denn nicht einmal in unseren Gärten waren wir vor denen sicher. Nur zu gern würden wir es unseren Eltern erzählen, aber wir trauten uns bisher nicht. Die großen Jungs drohten uns immer eine Tracht Prügel an.
Gestern war es dann leider doch so weit. Wir waren alle zum Kindergeburtstag bei Christian eingeladen. Der wohnt zwei Straßen weiter und weiß nichts von unserem Problem. Wir freuten uns alle schon sehr, endlich mal wieder einen Nachmittag in einem Garten spielen zu können, ohne Ärger zu bekommen. Allerdings folgten uns die großen Jungs, was wir nicht wussten.
Um fünfzehn Uhr ging es los. Christians Mutter hatte ganz viel Kuchen gebacken und Kakao gekocht. Das war richtig lecker. Trotzdem hielten wir es nicht lange auf unseren Stühlen aus. Wir hatten alle die kleine Ritterburg im Auge, die sein Vater extra für uns aus Holzresten gebaut hatte.
Nach dem Essen kam ein Clown zu uns und bastelte für jeden von uns Schwerter, Helme und Schilde aus Luftballons. Damit waren wir zu richtigen Rittern geworden. Wir kämpften gegeneinander, zuerst jeder gegen jeden und später in zwei Mannschaften. Mal verteidigten wir die Burg, mal wollten wir sie erobern. Das hat riesig viel Spaß gemacht.
Aber unsere Freude am Spiel war ziemlich schnell vorbei.
»Was macht ihr denn da für einen Babykram? Seid nicht schon zu alt dafür?«, ertönte plötzlich eine Stimme.
Hinter dem Zaun stand Stefan. Er ist der Anführer der großen Jungs und der Fieseste von allen. Mit ihm hat sich noch niemand angelegt.
»Vielleicht sollten wir mal zu euch rüber kommen und euch mit unseren Stöcken verhauen. Die sind wenigstens nicht so langweilig wie eure blöden Luftballons.«
Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Sie waren uns gefolgt und wollten uns den schönen Nachmittag verderben.
»Wer sind die?«, fragte Christian.
»Das sind die großen Jungs, die uns jeden Tag ärgern. Wir wissen gar nicht, was wir noch machen sollen. Sie sind viel stärker als wir.«
Nun bekam Christian auch Angst. Wir zogen uns in die Burg zurück, um Kriegsrat zu halten. Jedenfalls wollten wir es so machen. Allerdings fiel keinem von uns etwas ein.
»Wir können sie nicht angreifen und auch nicht vertreiben.«, sagte Michi.
»Die werden sich für alles Rächen, was wir ihnen antun.«, fügte Basti hinzu.
Es war wie verhext. Wir wussten nicht mehr ein noch aus. Wir konnten doch nicht den Rest des Tages in undserem Versteck verbringen.
»Und das alles an meinem Geburtstag.«, maulte Christian zu Recht.
Im Garten war es still geworden. Irgendwann sprachen wir nicht mehr miteinander. Niemand wollte eine dumme Idee vorschlagen.
»Was ist denn mit euch los?«, fragte plötzlich Christians Vater, der von oben in die Burg hinein sah.
Wir erklärten ihm, was geschehen war. Er kam zu uns herein und setzte sich in unseren Kreis. Nun überlegten wir gemeinsam an einer Lösung.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee.«, sagte er schließlich.
»Ich habe vom Clown noch eine Tüte mit Luftballons geschenkt bekommen. Vielleicht reichen die ja aus, um die großen Jungs für immer zu vertreiben.«
Zuerst wollten wir das gar nicht glauben. Aber dann zählte er auf, was ihm alles eingefallen war.
Wir gingen zusammen ins Haus und fingen an zu basteln.

Eine Stunde später war es dann so weit. Wir würden Stefan und seine Freunde austricksen. Mit Mühe und Not rollte Christians Vater auf einer Schubkarre zwei schwere Hanteln in den Garten. Er schaffte es kaum, sie auf den Rasen zu legen. Doch dann kam Michi und hob sie beide hoch, als würden sie nur aus Luft bestehen. Eine hielt er mit der linken Hand in die Luft, die andere mit der rechten.
Stefan wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen, so überrascht war er. Damit hatte er bestimmt nicht gerechnet.
»Da hat sich ja das Krafttraining richtig gelohnt.«, lobte Christian.
Wir klatschten anerkennend mit den Händen und reichten dann die Hanteln einzeln im Kreis herum. Jeder von uns vollbrachte nun kleine Kunststücke. Wir bewiesen den großen Jungs, dass es nicht klug wäre, sich mit uns anzulegen. Schließlich zogen wir unsere Jacken aus und zeigten ihnen die neuen Muskeln, die wir mittlerweile bekommen hatten.
Nun hielt es Stefan nicht mehr aus.
»Das kann doch alles nicht wahr sein. Das ist unfair. Ihr könnt doch nicht auf einmal so stark sein.«, brüllte er uns an.
Langsam gingen wir auf den Zaun zu und schauten ihn grimmig an. Die großen Jungs bekamen es mit der Angst zu tun und liefen schnell weg. Stefan war nun allein und völlig verzweifelt.
»Lasst mich bloß in Ruhe. Ich habe euch doch gar nichts getan. Wenn mich einer von euch schlägt, werde ich das sofort meiner Mutter erzählen.«
Und schon drehte er sich um und rannte seinen Freunden nach.
Jetzt konnten wir endlich durchatmen. Sie großen Jungs waren auf unseren Trick herein gefallen. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass unsere Hanteln nur Luftballons an Besenstielen waren. Das gleiche galt auch für unsere Muskeln. Die bestanden auch nur aus Luft. Nun konnten wir endlich wieder um die Burg im Garten kämpfen, ohne weiter gestört zu werden.
Als wir dann heute Morgen alle zusammen zur Schule gingen, begegneten wir wieder Stefan und seinen Freunden. Als sie uns sahen, wechselten sie sofort die Straßenseite und taten so, als hätten sie uns nicht gesehen.

So einen aufregenden Tag habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Endlich sind wir die großen Jungs los.

Bis bald, dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler