349. Die Nacht der Nächte

Die Nacht der Nächte

Es war dunkel in dieser Nacht. Die fernen Lichter der Sterne und des Mondes waren nicht zu sehen. Die Wolkendecke unter dem Himmel war viel zu dicht. Wenn nicht hier oder da Licht hinter einigen Fenstern gewesen wäre, hätte man gar nichts mehr auf den Straßen sehen können. Eine erdrückende Stille lag über der Stadt. Alle Menschen, denen ihr Leben lieb war, verbargen sich in diesen Stunden in ihren Häusern und Wohnungen.
»Geh nicht zu dicht an das Fenster heran.«, ermahnte eine verängstigte Frau ihren Mann.
»Wenn sie dich sehen, bist du vielleicht für immer verloren.«
In einer anderen Familie hatte man sich bereits mit dem Nötigsten bewaffnet. Alles, was man zur Verteidigung seiner Seele brauchte, lag auf kleinen Tischen in der Nähe der Eingangstüren.
Überall wurde gezittert und gebibbert. Doch der Schrecken, der schon bald durch die verwinkelten Straßen und Gassen ziehen würde, wollte darauf keine Rücksicht nehmen. Doch noch war es still. Es war die Ruhe vor dem Sturm.
Und plötzlich waren sie da. Von überall kamen sie heran. Es war, als wären sie aus tiefen Gräbern und dunklen Grüften entstiegen. Unter ihnen waren Geister, Gespenster, haarige Monster, düstere Schurken, wandelnde Skelette und Vampire. Sogar der Tod wurde immer wieder mit seine großen Sense gesehen.
»Es ist so weit. Jetzt sind wir alle verloren.«, zitterte eine ältere Dame, die sich bereits hinter einem großen Sessel versteckte.
Und dann klingelte es schon an den Türen der Stadt. Mit Fäusten wurde lautstark angeklopft. Überall schlugen die finsteren Wesen zur gleichen Zeit zu. Die Bewohner hatten keine andere Wahl. Es war wie ein magischer Zauber, der sie nun zu den Türen zog. Sie legten ihre Hände auf die Klinken und öffneten den schrecklichen Gestalten.
»Süßes oder Saures.«, riefen die verkleideten Kinder begeistert und hielten bereits ihre Sammelbeutel auf, die sie in den nächsten Stunden mit allerlei Leckereien füllen lassen wollten.
Die grinsenden Erwachsenen, die von diesen kleinen Monstern überfallen wurden, griffen in vorbereitete Schalen und verteilten allerlei Zuckerwerk.
»Aber lasst mich bitte weiter leben.«, bettelte ein Mann zum Scherz.
»Sicher doch.«, riefen die Kinder als Antwort.
»Wir kommen dann nächstes Jahr wieder vorbei.«

(c) 2010, Marco Wittler

203. Geist sucht Schloss

Geist sucht Schloss

Herr Simon saß in seinem Wohnzimmer und las die Zeitung. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Er kam am Nachmittag von der Arbeit, kochte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dann zum Lesen in seinen Sessel.
»Wie herrlich das duftet.«
Er nahm einen großen Schluck und las weiter. Doch weit kam er nicht, denn er hörte ein verdächtiges Geräusch. Irgendwer schien sich im Haus zu befinden.
»Hallo?«, rief Herr Simon.
»Ist da jemand?«
Die Schritte verstummten. Es war wieder still.
War alles nur eine Sinnestäuschung gewesen? Herr Simon war sich nicht sicher. Aber dann war er sich sicher, dass nur er selbst einen Haustürschlüssel besaß. Er blätterte eine Seite weiter und überflog die Todesanzeigen.
Doch was war das? Schon wieder ein Geräusch? War doch jemand im Haus?
Herr Simon legte die Zeitung leise zur Seite, stellte den Kaffee auf den Tisch und stand auf. Er hielt die Hand ans Ohr und schlich von Raum zu Raum.
In der Küche war nichts zu hören. Auch im Badezimmer war alles still. Im Schlafzimmer war es ganz friedlich und im Büro war niemand zu entdecken.
»Das scheint vom Dochboden zu kommen.«, sagte sich Herr Simon.
Er blickte im Flur zur Decke. Dort war die Einstiegsluke. Er öffnete einen Schrank, holte eine Stange heraus und zog die Bodentreppe herunter. Auf ihr stieg er Stufe für Stufe nach oben.
Vorsichtig steckte er den Kopf durch die Luke und sah sich um.
»Wer ist da?«
Es kam keine Antwort.
»Ich bin bewaffnet und kann mich wehren.«
Doch so sehr er auch in seiner Hosentasche suchte, es war nichts zu findet, womit er einen Einbrecher bedrohen konnte.
Die Geräusche waren nun wieder verstummt. Deswegen stieg Herr Simon den Rest der Treppe hinauf und schaltete das Licht an.
In diesem Moment verschwand etwas hinter einer Kiste und versteckte sich.
»Wer ist da?«
Doch der Fremde antwortete nicht.
Herr Simon sah sich um und fand einen alten Regenschirm, den er sich nun schnappte. Einen Schlag damit würde den Einbrecher zwar nicht verletzen, aber wenigstens etwas verwirren.
Langsam schlich Herr Simon auf die Kiste zu. Als er direkt davor stand, sprang er hoch und wollte dem Fremden einen Hieb versetzen. Doch dann erlebte er eine Überraschung.
»Bitte schlagen sie mich nicht.«, war eine unheimliche Stimme zu hören.
»Du meine Güte.«, rief Herr Simon entsetzt.
»Ich habe einen Geist auf meinem Dachboden.«
Er ließ den Regenschirm fallen und wollte sofort weg laufen, doch dann flog der Geist um ihn herum.
»Haben sie bitte keine Angst. Ich werde ihnen nichts tun.«
Herr Simon beruhigte sich. Nun konnte er eh nicht mehr fort laufen.
»Mein Name ist Theodor von Geisterfels. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Heim.«
Sofort schüttelte Herr Simon verzweifelt den Kopf.
»Du kannst auf keinen Fall in meinem Haus bleiben. Was sollen denn die Leute denken. Die werden mich bestimmt für verrückt erklären. Außerdem gehört ein Geist in eine Burg.«
Theodor blickte traurig zum Boden.
»Meine Burg gibt es nicht mehr. Sie ist mit den Jahrhunderten baufällig geworden und wurde vor einer Woche abgerissen. An ihrer Stelle soll ein modernes Hotel gebaut werden. Dort ist man dann als Gespenst völlig unerwünscht.«
Der Geist schniefte leise, nachdem er in sein Bettlaken geschnäuzt hatte.
»Dann werde ich mir wohl eine andere Bleibe suchen müssen.«
Theodor schwebte fort und verschwand durch die Wand. Doch da gab es ein Problem. Seine Geisterkette knallte dabei gegen das Gemäuer und ließ den Putz herab bröseln.
»Was ist denn das?«, fragte sich Herr Simon.
Er sah sich die Beschädigung genauer an. Unter dem Putz tauchten ein altes Wappen und eine Jahreszahl auf.
»1654, Schloss Felsenburg.«
Er kratzte sich am Kinn. Doch dann fiel ihm etwas ein.
»Mein Haus ist Teil des alten Stadtschlosses. Das wusste ich gar nicht. Das ist ja eine Überraschung.«
In diesem Moment tauchte der Geist wieder auf.
»Du lebst in einem alten Schloss? Dann kann ich ja doch auf deinem Dachboden bleiben.«
Herr Simon lachte.
»Es sieht wohl ganz so aus.«
Von diesem Tag an war Herr Simon nicht mehr allein in seinem Haus. Nun saß er jeden Tag nach der Arbeit mit seinem Freund Theodor im Wohnzimmer. Gemeinsam tranken sie Kaffee, lasen zusammen in der Zeitung und rasselten hin und wieder nacheinander an der Geisterkette.

(c) 2009, Marco Wittler

165. In der Geisterbahn

In der Geisterbahn

Paul und Tim standen in einer großen Menschengruppe. Sie befanden sich auf einer großen Kirmes, die sich seit gestern in der Stadt befand. Vor ihnen ragte ein großes Fahrgeschäft auf. An den Seiten hingen große schaurige Wesen und über dem Eingang saß ein Monster mit langen Zähnen. Es war eine Geisterbahn.
»Willst du da wirklich rein gehen?«, fragte Tim.
»Aber natürlich. Das wird richtig cool. Oder hast du etwa Angst?«
Sofort schüttelte Tim den Kopf.
»Ich und Angst? Auf keinen Fall. Ich wollte nur sicher gehen, dass du es dir nicht im letzten Moment anders überlegst.«
Gemeinsam gingen sie zur Kasse und kauften sich die Eintrittkarten.
Nun dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Schlange vor ihnen kürzer wurden und sie an der Reihe waren. Doch nach zehn Minuten durften sie sich in ihren Wagen setzen. Ein paar Sekunden später setzte sich ihr Gefährt in Bewegung.
Mit einem Ruck knallten sie gegen eiserne Tore, die durch die Wucht auf schwangen. Die beiden Jungs wurden augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt.
Hin und her ging die Fahrt, hinauf und herunter. Zu sehen war allerdings nichts. Doch plötzlich blitzte es von allen Seiten hell auf. Die Jungs mussten sich die Augen zuhalten. Als es vorbei war, fuhren sie durch die nächste Tür und fanden sich zwischen Furcht erregenden Figuren wieder, die hin und wieder nach dem Wagen griffen.
Von der Decke fielen Spinnen herab und kleine Monster schwangen sich über die Strecke hinweg.
Tim erschrak sich immer wieder, traute sich aber nicht, zu laut zu quietschen. Er hatte Angst, dass sich Paul über ihn lustig machen würde.
Hätte er einen Blick zur Seite gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass Paul sich vor Angst nur noch die Augen zu hielt. Ihm war es viel zu gruselig.
Plötzlich hab es lautes Geräusch, als wäre etwas auf den Wagen gefallen. Die beiden Jungs drehten sich schnell um und sahen zwischen den Kopfstützen ihrer Sitze hindurch nach hinten. Dort hatte es sich ein Monster bequem gemacht und bereitete sich gerade darauf vor, die beiden zu erschrecken.
»Du meine Güte.«, flüsterte Paul.
»Das Monster wird uns fressen, wenn wir nichts unternehmen.«
Tim sah sich um und entdeckte zwei Geisterpuppen. Er griff nach ihnen und entriss ihnen die Bettlaken.
Das Monster stemmte sich gerade hoch und wollte die Insassen des Wagens an den Schultern packen. Doch als es über die Kopfstützen sah, blickten ihm zwei Geister in die Augen.
»Buh!«, machten sie und griffen nach dem Monster. Doch dieses war so erschrocken, dass es sofort fort sprang und um Hilfe schreiend in der Dunkelheit verschwand.
Tim und Paul waren froh, dass sie diese Fahrt überlebt hatten und fuhren nur Sekunden später wieder aus der Geisterbahn heraus.
Nun mussten sie sich allerdings wundern, denn draußen lief ein Mann in einem felligen Kostüm herum, der verzweifelt versuchte, die Menschen am Besuch der Geisterbahn zu hindern.
»Gehen sie nicht hinein. Dort drin sind Geister. Sie haben mich angefallen und hätten mich fast um den Verstand gebracht. Bleiben sie draußen und retten sie sich.«
Paul und Tim sahen sich, erinnerten sich noch einmal an ihr Erlebnis und mussten laut lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

154. Der Besuch

Der Besuch

Niklas stand mitten im Wohnzimmer und sah sich um. Die Girlanden hingen unter der Decke, im DVD-Abspieler lag ein Gruselfilm und auf dem Tisch standen Getränke und Knabberzeug. Der Halloweenfeier stand nichts mehr im Weg.
»Hoffentlich merken Mama und Papa nichts davon.«
Er stellte sich ein letztes Mal vor den Spiegel und zupfte seinen Vampiranzug zurecht. Das Blut am Mundwinkel sah fast echt aus. Nur die Plastikzähne drückten etwas gegen das Zahnfleisch.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Niklas ging in den Flur und öffnete. Vor ihm standen zwei Geister. Jedenfalls versuchten die beiden Kinder auf dem Fußabtreter solche darzustellen.
»Süßes oder Saures!«, flüsterten sie.
Niklas verdrehte die Augen und grinste.
»Ihr beiden seid echt unschlagbar. Fast wäre ich darauf herein gefallen.«
Er zog die beiden Gespenster an ihren Laken mit ins Haus.
»Aber wir dürfen nicht zu laut sein, sonst bekommen unsere Nachbarn etwas mit und verpetzen mich dann an meine Eltern.«
Die Gespenster nickten stumm und setzten sich auf das Sofa.
Niklas brachte einige Dinge ins Wohnzimmer. Er hatte ein paar Butterbrote gemacht, die er nun seinen Freunden Daniel und Steffen vorsetzte.
»Lasst es euch schmecken und nehmt auch noch etwas vom Kakao, den habe ich selber angerührt.«
Während des Essens dudelte etwas Musik aus dem Radio und Niklas erzählte seinen Gästen etwas über die Schule. Seltsamerweise bekam er kaum eine Antwort. Nur hin und wieder flüsterte einer der beiden etwas kaum Verständliches.
»Ihr habt eure Rollen aber wirklich gut einstudiert. Aber ihr müsst euch nicht die ganze Zeit wie Gespenster aufführen. Wir wollen doch noch eine Menge Spaß zusammen haben.«
Die beiden Bettlaken nickten und lehnten sich zurück.
»Wollen wir uns einen Film anschauen?«
Niklas sprang auf und schaltete den Fernseher ein. Er drückte ein paar Mal auf verschiedenen Fernbedienungen herum, bis schließlich der Film begann.
»Kinderland in Geisterhand ist mein absoluter Lieblingsfilm.«, erzählte er während des Vorspanns.
»Da verschwinden ständig Kinder in einem großen Möbelgeschäft und keiner weiß warum. Der ist unheimlich spannend und gruselig.«
Der Fernseher flackerte vor sich hin, die Getränke und Salzstangen verschwanden in den Mägen der Kinder und Niklas gruselte sich, obwohl er den Film schon mindestens fünfmal gesehen hatte. Erst eineinhalb Stunden später waren die Geister vertrieben und alle verschwundenen Kinder befreit.
In diesem Moment standen die beiden Bettlaken vom Sofa auf.
»Was ist denn los? Müsst ihr etwa schon gehen?«
Sie nickten und wollten sich gerade Richtung Tür begeben, als dort ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde.
Niklas erschrak.
»Das sind meine Eltern. Sie kommen viel zu früh nach Hause. Schnell! Versteckt euch im Garten.«
Er öffnete die Terassentür, schob seine Freunde nach draußen und sah ihnen verwundert nach, wie sie über den Rasen schwebten.
»Habt ihr etwa Rollschuhe an den Füßen?«
Er schloss die Tür und lief seinen Eltern entgegen.
»Hallo Niklas. Schau mal, wen wir draußen auf dem Gehweg getroffen haben.«
Hinter seiner Mutter standen zwei Jungs in schaurigen Piratenkostümen. Es waren Daniel und Steffen.
»Aber wir seid ihr so schnell …«, weiter kam Nikla nicht, denn es dämmerte ihm ein Verdacht.
Er lief schnell ins Wohnzimmer und sah sich um. Dort wo die beiden Bettlaken auf dem Sofa gesessen hatten, lagen die vielen Salzstangen und schwammen in einer Pfütze aus unzähligen Getränken.
Waren sie doch richtige Geister gewesen und alles, was sie gegessen und getrunken hatten war durch sie hindurch gefallen?
Niklas erschauerte bei dem Gedanken.

(c) 2008, Marco Wittler

149. Die Geisterkutsche

Die Geisterkutsche

»Pünktlich zur Geisterstunde«, erzählte Papa seinen beiden Kindern, »fährt sie durch die Straßen der Stadt. Die Geisterkutsche sucht seit hunderten von Jahren nach Mitfahrern. Doch jeder, der einstieg, blieb für immer verschwunden. Was aus ihnen wurde, weiß bis heute kein einziger Mensch.«
Flynn sah seinen Papa mit großen Augen an. Seine kleine Schweste Sarah hätte gerne vor Angst am ganzen Körper gezittert, traute sich das aber nicht.
»Und wo kann man die Kutsche sehen?«, fragte Flynn.
Doch Sarah wollte die Antwort gar nicht hören. »Lass das bloß sein. Sobald du sie siehst, verzaubert sie dich und du musst einsteigen, ob du willst oder nicht. Also denk lieber schnell an etwas anderes.«
Papa musste innerlich lachen. Seine beiden Kinder waren tatsächlich auf die alte Geschichte herein gefallen, die ihm schon sein Großvater erzählt hatte.
»Also haltet euch schön von den Fenstern fern und schlaft so tief wie möglich, wenn es zwölf Uhr in der Nacht schlägt, damit euch die Geisterkutsche nicht in ihren Bann zieht.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich aus dem Kinderzimmer, schaltete das Licht aus und verschwand im dunklen Flur des Hauses.
»Heute Nacht werden die zwei bestimmt nicht so schnell einschlafen.«
Er sah verstohlen auf einen Wandkalender. Es war die Nacht zum einunddreißigsten Oktober. Es war die Nacht vor Halloween. Sollte es wirklich Geister geben, würden sie alle in dieser einen Nacht aus ihren Verstecken kommen und die Menschen erschrecken.
»Aber Geister gibt es nicht.«, murmelte er vor sich hin.
»Morgen werde ich den Kindern die Wahrheit erzählen.«
Er ging hinab ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und sah sich einen langweiligen Film an, bei der er nach nur wenigen Minuten im Sessel einschlief.

Flynn und Sarah lagen in ihren Betten und waren sich nicht sicher, ob sie die Wahrheit oder eine Gruselgeschichte gehört hatten.
»Gibt es wirklich Geister?«, fragte Sarah.
Ihr Bruder überlegte und nickte schließlich, bis ihm einfiel, dass ihn seine Schwester in dieser Dunkelheit unmöglich sehen konnte.
»Natürlich gibt es Geister. Ich habe schon oft welche gesehen. Sogar die Geisterkutsche kenne ich schon. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es war, nicht in sie einzusteigen.«
Er kicherte leise, denn er wusste, dass Sarah sich nun noch mehr fürchten würde.
Sie erzählten sich noch einige Stunden Geschichten über Geister und Monster, bis sie schließlich die Schläge des Glockenturms hörten und mitzählten.
»Eins, zwei, drei, … zehn, elf, zwölf.«
Die beiden Kinder wurden still.
»Geisterstunde.«, flüsterte Flynn schließlich.
Nun bekam er es auch mit der Angst zu tun. Was wäre, wenn es die Geisterkusche nun doch geben würde. Der Kutscher wäre bestimmt nicht erfreut darüber, dass ein kleiner Junge seine Witze über ihn machen würde.
Ein leises Geräusch war plötzlich zu hören. Es wurde immer lauter und schien von der Straße zu kommen. Sarah stand vorsichtig auf und ging ans Fenster. Dort bekam sie große Augen.
»Komm schnell her. Da ist die Geisterkutsche. Ich kann sie genau sehen. Sie schaut so aus, wie Papa sie beschrieben hat.«
Flynn war nun steif vor Angst. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass die Geschichte wahr wäre. Er zog leise die Decke über seinen Kopf und blieb ganz still.
Nach ein paar Minuten blieb die Kutsche vor dem Haus stehen.
»Hallo, kleines Mädchen. Komm herunter zu mir und fahre ein wenig in meiner Kutsche. Komm her.«
Sarah war erstaunt, dass der Kutscher sie hinter der Gardine sehen konnte. Trotzdem hatte sie keine Angst. Es schien ihr, als sei die Geschichte doch nur ein Märchen gewesen.
»So ein netter Geist entführt ganz bestimmt keine Kinder. Ich gehe jetzt runter und lasse mich einmal durch die Stadt fahren.«
Sie zog sich Schuhe und eine Jacke über und schlich sich nach draußen.
Nun hielt es Flynn unter seiner Decke nicht mehr aus. Er kam leise darunter hervor und kroch zum Fenster. Auf der Straße sah er, wie seine kleine Schwester mutig auf die weiß schimmernde Kutsche zuging.
»Oh nein. Sie wird einsteigen und für immer verschwinden. Und ich bin schuld daran, weil ich sie nicht aufgehalten habe.«
Nur zu gern wäre er ebenfalls auf die Straße gelaufen, um Sarah aufzuhalten. Aber dazu fehlte ihm einfach der Mut.

Sarah stand auf der Straße und besah sich die Kutsche ganz genau. Auf dem Bock saß niemand. Die Geisterpferde schienen selber genau zu wissen, wann sie laufen oder stehen sollten.
»Dann muss der Kutscher im Innern sitzen.«
Sie öffnete eine Tür, kletterte die Stufen hinauf und rief ganz laut ›Buh‹.
Der Geisterkutscher fuhr ins sich zusammen, als er das kleine Mädchen sah. Sofort zog er die Tür wieder zu, kletterte nach vorn und trieb die Pferde zu wildem Galopp an. Während die Kutsche um eine Hausecke verschwand, hörte Sarah noch ein paar ängstliche Worte durch die dunkle Nacht erklingen.
»Zu Hilfe, ein Mensch. Rettet mich. Nie hätte ich gedacht, dass es wirklich Menschen gibt. Haben mich denn alle guten Geister verlassen?«

Und seit dieser Zeit ist die Geschichte der Geisterkutsche nicht mehr die selbe. Nun erzählt man sich von dem kleinen Mädchen, vor dem sich alle Geister fürchten. Ob es der Wahrheit entspricht, weiß ich allerdings nicht.

(c) 2008, Marco Wittler

081. Kleine Geister haben Angst im Dunkeln (Tommis Tagebuch 1)

Kleine Geister haben Angst im Dunkeln

Hallo liebes Tagebuch.

Bisher kennen wir uns noch nicht. Das liegt aber daran, dass du noch ganz neu bist und ich nun zum ersten Mal etwas in dich hinein schreibe. Darum stelle ich mich erst einmal vor.
Ich bin der Tommi. Ja ich weiß, Jungs schreiben eigentlich keine Tagebücher. Das weiß ich auch. Schließlich machen sich die anderen Jungs immer über die Mädchen lustig, die ein Tagebuch besitzen.
Aber irgendwem möchte ich gerne schreiben, was ich alles erlebe, denn meine große Schwester Nina schickt regelmäßig Briefe an ihre Freundin Steffi und berichtet ihr alles, was hier geschieht. Und ich wette, dass sie dann immer über mich lästert. Aber das habe ich noch nicht heraus gefunden.
Und weil noch keiner meiner Freunde weggezogen ist und sie alle Schreiben doof finden, habe ich nun dich – mein erstes eigenes Tagebuch. Du kannst mir zwar nicht antworten, aber vielleicht finde ich es später einmal ganz lustig zu lesen, was ich hier so alles geschrieben habe.
Und jetzt geht es auch richtig los.

Gestern war ein ziemlich verrückter Tag. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie verrückt der war. Irgendwie kann ich selber kaum glauben, dass es wirklich so geschehen ist.
Alles begann, als ich morgens aufstand und nach dem Frühstück in den Garten ging, um mein Fahrrad zu putzen. Du musst wissen, dass gestern Samstag war und ich nicht zur Schule gehen musste. Und da Papa samstags immer sein Auto säubert, mache ich das auch so mit meinem Fahrrad.
Ich stand also im Garten auf der Wiese und und lies den Wischlappen über meinen Drahtesel flitzen. Das Wasser im Putzeimer war schon richtig dreckig, so sehr habe ich mich angestrengt. Überall blitzte und glitzerte das Metall des Rahmens. Fast hätte ich eine Sonnenbrille tragen müssen, um nicht blind zu werden. Aber es ging so gerade eben noch gut.
Verrat es bitte nicht weiter, aber ich habe die ganze Zeit ein Lied vor mich hin gesungen, das ich noch aus dem Kindergarten kenne. Wenn das die anderen Jungs aus der Schule wüssten, würden sie mich ganz bestimmt auslachen.
Hin und wieder sah ich auch zum Himmel hinauf. Ich schaue mir nämlich sehr gerne die Wolken an und überlege mir lustige Sachen, die sie darstellen könnten. Gestern war sogar eine große Ritterburg dabei, die von einem grausamen Dinosaurier angegriffen wurde. Das hättest du mal sehen sollen.
In genau diesem Augenblick hörte ich etwas. Da summte jemand zu meinem Lied.
Ich wurde ganz schnell still. Hatte mich etwa meine Schwester erwischt und machte sich nun über mich lustig? Mir war das sofort sehr peinlich. Und richtig sauer wurde ich auch. Am liebsten hätte ich sie verhauen. Aber das hat Mama mir verboten. Außerdem ist Nina ein ganzes Stück größer und stärker als ich. Gegen die komme ich ja gar nicht an.
Ich legte den Putzlappen beiseite und sah mich um. Ich stand auf, lief im Garten umher und sah überall nach. Aber sie war nirgendwo zu sehen. Bis ich schließlich einen Schatten hinter dem Dachbodenfenster vorbei huschen sah.
Also hatte sie mich doch gesehen.
Ich lief sofort ins Haus und zum Dachboden. Zum Glück hatte Papa vor ein paar Wochen eine richtige Treppe eingebaut, sonst hätte ich gar nicht so weit nach oben gehen dürfen. Die alte Klapptreppe war einfach und gefährlich für mich.
Als ich unter dem Dach an kam, war dort nichts. Na gut, die vielen Sachen, die Mama hier oben verstaute lagen überall, aber Nina war nicht zu sehen.
»Komm sofort raus. Ich habe die gesehen.«, rief ich. Aber eine Antwort bekam ich nicht.
Ich zog alle Kisten vor und sah in jede Ecke. Aber hier war niemand.
»Das ist ja komisch.«, sagte ich noch zu mir selber.
Ich lief wieder nach unten und ging zu Mama. Die sagte mir, dass Nina mit ihren Freundinnen unterwegs war. Sie konnte mich gar nicht beobachtet haben. Und jemand anderes hatte das Haus nicht betreten. Dabei war ich mir so sicher jemanden da oben gesehen zu haben. Das war alles sehr seltsam.
Ich ging also wieder in den Garten und putzte das Fahrrad weiter. Doch diesmal hielt ich meinen Mund und schaute alle paar Minuten heimlich zum Dachboden hinauf. Vielleicht würde ich ja doch noch jemanden entdecken. Aber leider passierte nichts mehr.

Nach dem Mittagessen machte ich mit Papa eine Fahrradtour durch den Wald. Das hat richtig Spaß gemacht. Jetzt lohnt es sich auch richtig, nächsten Samstag mein Fahrrad neu zu putzen. Da freue ich mich schon drauf.

Die seltsamsten Dinge passierten allerdings gestern Abend. Und davon berichte ich dir jetzt.
Nachdem Mama mir eine Gute Nacht Geschichte über eine Schnecke erzählt hatte, die einer Spinne das Laufen beibrachte, machte sie das Licht aus, schloss die Tür hinter sich und ging nach unten ins Wohnzimmer.
Ich war noch gar nicht so richtig müde und blieb deswegen noch eine Weile wach. Der Kassettenrekorder dudelte neben meinem Bett und spielte mir ein paar Schlaflieder vor, die so langweilig waren, dass ich dann doch recht schnell einschlief.
Allerdings wurde ich ganz spät in der Nacht wieder wach, weil ich Geräusche hörte.
Zuerst dachte ich, es wäre schon früh am Morgen. Ich stand auf und zog das Rollo nach oben, aber es blieb dunkel.
»Das ist ja wirklich komisch. Wer läuft denn um diese Zeit durch das Haus?«
Nina konnte es nicht sein, denn sie war über Nacht bei ihrer Freundin geblieben. Mama und Papa hatten ihr Schlafzimmer in der unteren Etage. Es konnte also niemand hier oben im Flur sein.
Ganz mutig kletterte ich aus dem Bett, öffnete leise die Tür und sah nach draußen. Sehen konnte ich allerdings nichts. Ich verließ mein Zimmer, schlich auf Zehenspitzen hin und her und blickte in jede Richtung, aber es gab nichts zu entdecken.
Doch dann war da wieder ein Geräusch. Es kam vom Dachboden. Zuerst hatte ich etwas Angst, wie du dir bestimmt gut vorstellen würdest. Dir als Tagebuch hätten bestimmt auch die Seiten gezittert.
Als ich die letzte Stufe betreten hatte setzte ich mich auf den Boden und wartete ab. Sehen konnte ich noch immer nichts. Aber dafür war es auch viel zu dunkel.
Doch dann hörte ich jemanden weinen. Weinen? Auf unserem Dachboden? Aber wer konnte das denn sein?
Ich kroch langsam vorwärts und entdeckte schließlich jemanden – eigentlich etwas – hinter einer Kiste.
Es war etwa so groß wie ich, hatte keine Beine, war dafür weiß und durchsichtig.
»Was bist du denn?«, fragte ich erstaunt.
Das Wesen erschrak und zuckte zusammen. Es sah mich an und verkroch in die hinterste Ecke.
»Ich bin nur ein kleiner Geist. Bitte lass mich in Ruhe. Ich habe eh schon viel zu viel Angst.«
Das konnte ich gar nicht glauben. Wir hatten einen richtig echten Geist auf dem Dachboden. Das war der Wahnsinn.
Ich setzte mich zum Geist und sah ihn mir genauer an. Doch dieser verkroch sich hinter seinen Händen.
»Warum hast du denn so viel Angst? Hier oben kann dir doch nichts gefährlich werden.«, fragte ich.
Der Geist war mittlerweile so ängstlich, dass er nicht mehr wusste, wo er hin sollte. Also erzählte er mir alles.
»Es ist so dunkel hier oben. Und ich bin ganz allein. Die anderen Geister sind unterwegs und vertreiben sich draußen die Zeit. Nur ich traue mich nicht von hier weg. Ich weiß ja gar nicht, was mir im Dunkeln alles passieren könnte. Und hier oben auf dem Dachboden ist es auch nicht besser. Ich habe Angst, dass ständig ein Mensch hier auftauchen könnte. Denn die anderen sagen immer, dass Menschen sehr gefährlich sind und Geister fressen.«
Jetzt musste ich mir das Lachen verkneifen. Zum Glück war es dunkel genug, damit der Geist mein Grinsen nicht sehen konnte.
Ich versuchte ihm beruhigend auf die Schulter zu klopfen, aber dann musste ich feststellen, dass man Geister nicht berühren kann. Meine Hand ging durch ihn hindurch.
»Weißt du was?«, sagte ich.
»Menschen sind gar nicht so gefährlich, wie du denkst. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass sie Geister fressen. Es ist sogar so, dass Menschen extreme Angst vor Geistern haben.«
Der kleine Geist wollte mir zuerst nicht glauben. Aber schließlich wurde er langsam ruhiger.
»Und die haben wirklich Angst vor mir? Das ist ja eine lustige Sache. Wenn ich das gewusst hätte. Dann muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen.«
Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander und versprachen uns, öfters zusammen Zeit zu verbringen.

So, liebes Tagebuch. Jetzt weißt du, was gestern los gewesen ist. Bitte verrate es niemandem, es soll mich ja keiner auslachen.

Bis morgen.

024. Bange machen gilt nicht (Ninas Briefe 2)

Bange machen gilt nicht

 Hallo Steffi!

 Mein heutiger Brief erreicht dich nicht von mir zu Hause, wo ich sonst immer am Schreibtisch sitze, sondern von ganz woanders.
Wie du ja schon weißt, gehe ich seit ein paar Monaten hier im Dorf in die Jungschar, diese coole Gruppe nur für Mädchen. Und da jetzt Ferien sind, sind wir alle weg gefahren. Allerdings sind wir nicht alleine, denn die Jungs aus der anderen Jungschar sind ebenfalls mit dabei. Aber die sind in der Unterzahl. Die werden sich also davor hüten, uns zu ärgern.
Und nun sitzen wir seit zwei Tagen im Sauerland auf der Burg Bilstein. Das ist eine richtige alter Ritterburg, na ja, jedenfalls von außen. Denn innen ist es mittlerweile eine Jugendherberge. Aber trotzdem ist es richtig toll hier.
Ich teile mir mein Zimmer mit fünf anderen Mädchen, mit Lena, Ilka, Doreen, Jenny und Laura aus der Schule. Wir sind echt das beste Zimmer der ganzen Truppe. Es ist nur schade, dass du nicht mitkommen konntest. Aber das ist nicht so schlimm, denn wir sehen uns ja bald wieder.
Wir sitzen aber nicht den ganzen Tag in unserem Zimmer, denn es gibt hier jede Menge Programm für uns. Um das alles kümmern sich fünf Mitarbeiter.
Da gibt es die Almut, die ist Jugendreferentin, also ist das ihr Beruf mit uns solche Fahrten zu machen. Aber sie ist echt klasse und sitzt immer mit uns herum und spielt für uns Gitarre, damit wir was zum Singen haben.
Der nächste ist der Marco. Er ist der Leiter von der Jungengruppe. Der ist sehr nett, tut aber immer so geheimnisvoll, denn er hat neben seinem normalen Gepäck noch zwei große Koffer dabei und verrät uns nicht, was da drin ist.
Der Dritte heißt Kai. Der kommt auch von der anderen Truppe. Das ist ein ganz verrückter Kerl, der hat nur Blödsinn im Kopf und ärgert immer die anderen.
Nummer Vier ist Rebekka. Die ist zwar leise und ruhig, aber unheimlich lieb und lustig.
Die fünfte heißt Steffi, so wie du. Die ist zwar auch ruhig und sieht ganz harmlos aus, hat aber immer ganz verrückte Ideen im Kopf, was man alles anstellen könnte. Sie kann dann auch so richtig hinterlistig gucken. Gut, dass sie Mitarbeiterin ist, sonst würde sie bestimmt oft Ärger von den Anderen bekommen.
Heute haben uns die Fünf mal einen ruhigen Nachmittag gegönnt. Wir mussten also nicht so anstrengende Sachen machen. Das ist auch ganz gut, denn die letzte Nacht war sehr aufregend und wir alle haben fast gar nicht geschlafen. Aber ich glaube, ich berichte lieber von Anfang an.

 Beim Abendessen kündigte uns Almut an, dass wir uns nach dem Abendprogramm noch Jacken und Schuhe bereit halten sollten, denn dann würden wir eine Nachtwanderung durch den Wald machen. Das fand ich auch gleich sehr spannen, denn so spät war ich noch nie im Wald unterwegs gewesen. Das würde bestimmt super aufregend werden.
Um halb zehn war es dann auch schon dunkel und wir marschierten los. Ein wenig mulmig war mir schon, deswegen bin ich auch die ganze Zeit mit Lena zu zweit gegangen. Da war mit dann schon nicht mehr ganz so ängstlich.
Nach einer halben Stunde kamen wir auf einer Lichtung an. Dort brannte ein Lagerfeuer und ein paar Bänke standen drum herum. Der Kai war mit dem Auto hierher gefahren und hatte das alles vorbereitet.
Also saßen wir hier eine ganze Weile, haben Stockbrot gemacht und mit Almut viele Lieder gesungen.
Zwischendurch kam Steffi auf die Idee uns ein paar Gruselgeschichten zu erzählen. Die waren richtig spannend, da machte das Zuhören richtig viel Spaß. Allerdings haben wir dann auf dem Rückweg hinter jedem Busch und Baum Monster und Gespenster gesehen. Das könnte aber auch daran gelegen haben, dass Rebekka ständig angeblich selber überall welche sah. Die wollte uns noch zusätzlich Angst machen. Aber wir kamen trotzdem heile wieder zurück auf die Burg.
Dort angekommen, stürmten wir gleich alle in unsere Zimmer und machten uns rasch, nach dem Waschen und Zähneputzen, bettfertig.
Steffi und Marco kamen dann noch durch alle Zimmer, sagten uns Gute Nacht und machten das Licht aus.
Dann ging die Tür zu und es war Ruhe. Doch ein paar Sekunden später öffnete sie sich wieder, Steffi guckte herein und warnte uns augenzwinkernd vor den Nachtgespenstern.
Als wenn sie tatsächlich glauben würde, dass uns so etwas Angst machen würde. Stattdessen schliefen wir ziemlich schnell ein, denn so eine Nachtwanderung war immer sehr anstrengend und ermüdend.
Irgendwann tief in der Nacht wurden wir dann plötzlich wieder wach. Ich saß kerzengerade in meinem Bett.
Du fragst dich nach dem Warum?
Draußen auf dem Flur gab es ganz schaurige Geräusche. Irgendwer heulte ganz laut vor sich hin und rasselte ständig mit einer Kette wie ein altes Burggespenst. Da kam uns gleich wieder der Gedanke an Steffis Warnung, trotz, dass wir wussten, dass es keine Geister gibt.
Zuerst traute sicher keiner von uns aus dem Bett. Aber dann war Jenny mutig genug, kam unter der Decke hervor und schaute vorsichtig zur Tür heraus.
Zuerst hatte sie nichts gesehen, aber auf den Blick sah entdeckte sie etwas weißes um die nächste Ecke huschen. Also doch ein Gespenst.
Inzwischen waren auch alle anderen Türen offen und jeder war wach. Etwas ängstlich schlichen wir gemeinsam zu den Zimmern der Mitarbeiter und weckten sie. Irgendwer musste uns doch schließlich helfen.
Kai war am besten vorbereitet. Er wurde zwar nur ganz langsam wach, hatte dafür aber bereits eine Geisterfalle zur Hand. Trotzdem war uns etwas mulmig dabei, denn er schnallte sich einen Staubsauger auf den Rücken und das Saugrohr richtete er drohend vor sich auf. – Jedenfalls sah es wie ein Staubsauger aus. Aber Kai versicherte uns, dass man mit diesem Ding auch Gespenster einfangen konnte.
Also taten wir uns alle zusammen und gingen auf die Jagd nach dem schlafraubenden Geist, der uns alle geweckt hatte.
Langsam schlichen wir uns, dicht aneinander gedrängt durch den Flur. Ganz vorne gingen Almut und Kai, immer bereit, ein Gespenst zu verjagen oder einzufangen. Ein paar Meter dahinter lief der Rest unserer Gruppe. Da wir nicht bewaffnet waren, mussten wir ja auch vorsichtiger sein. Aber bisher war ja auch noch nichts zu sehen.
Wir gingen gerade zum zweiten Mal an Kais Zimmer vorbei und weiter zu Marcos Tür. Als sich diese öffnete. Heraus kam aber nicht Marco, der übrigens, wie uns jetzt erst auffiel, die ganze Zeit über nicht bei uns war, sondern der Geist.
Wir schrieen sofort, aber dann schaltete Kai seine Geisterfalle an und hielt unserem Gegenüber das Saugrohr bedrohlich entgegen.
Am liebsten wäre ich sofort weggelaufen und unter meine Decke gekrochen, aber dafür hätte ich erst an diesem Gespenst vorbei gemusst.
Kai hielt dem Geist seine Waffe nun ganz nah vor dessen Bauch. Er wollte unbedingt zeigen, dass er keine Angst hatte.
Und genau in diesem Moment rief Laura von ganz hinten, dass unser Erschrecker gar nicht echt sein konnte. Es wäre garantiert Marco, der unter einem großen Bettlaken steckte. Almut solle ihn einfach unter dem Stoff hervor ziehen.
Aber das hörte das Gespenst gar nicht gern. Noch bevor irgendwer zugreifen konnte, drehte es sich um, rannte die nächste Treppe hinunter und verschwand.
Jetzt mussten wir alle erleichtert lachen. Da hatten wir so viel Angst gehabt vor einem kleinen Streich.
In diesem Augenblick öffnete sich schon wieder die Zimmertür neben uns und Marco kam ganz verschlafen auf den Flur. Er fragte, warum wir alle so viel Lärm machen würden, bei dem kein Mensch schlafen könne und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder in sein Bett.
Jetzt wurde uns doch wieder mulmig zumute. Wenn Marco die ganze Zeit über geschlafen hatte, wer war denn dann der Geist gewesen? War er vielleicht doch echt gewesen?
Wir wollten es gar nicht genau wissen, denn in diesem Augenblick hörten wir wieder eine rasselnde Kette klirren. Wir sahen uns nur kurz ängstlich an und liefen dann sofort in unsere Zimmer. Jeder versteckte sich unter seiner Decke.
Viel mehr hatte ich dann auch nicht mehr mit bekommen, denn ich schlief schnell ein und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf.

So, jetzt ist der Brief auch schon wieder zu Ende, denn auf mich wartet jetzt ein Geländespiel und die anderen stehen schon draußen und rufen ständig nach mir.

Bis bald und nicht traurig sein, dass du nicht dabei sein kannst.

Deine Nina!

P.S.: Solltest du mal ein Gespenst mit Bettlaken und rasselnder Kette begegnen, dann schau doch bitte für mich nach, ob es echt ist oder ob da jemand drunter steckt.

(c) 2005, Marco Wittler