455. Der Kuschelwuschelhund

Der Kuschelwuschelhund

Jule saß traurig vor dem Fenster und starrte in den grauen Himmel. Aus den dicken Wolken fielen unzählige dicke Regentropfen, durch die die Pfützen immer größer wurden.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Papa, als er den Kopf durch die Zimmertür steckte.
Jule zuckte nur mit den Schultern und wendete ihren Blick nicht vom Regen ab. Doch dann begann sie zu weinen und hielt Papa das Telefon hin.
»Mama hat gerade angerufen, als du im Keller warst. Sie kommt zwei Tage später nach Hause. Sie muss länger arbeiten.«
Papa nahm Jule in den Arm und drückte sie sanft an sich.
»Das tut mir Leid, mein Spätzchen. Ich verspreche dir aber, dass ich die ganze Zeit für dich da sein werde.«
»Danke, Papa.«, seufzte Jule leise.
»Dabei hatte ich mich so gefreut, endlich ein neues Kuscheltier zu bekommen. Mama hatte versprochen, mir einen Hund zu nähen. Aber das wird jetzt leider nichts.«
Wieder rollten ein paar dicke Tränen über ihre Wangen und tropften in den Teppich.
»Ich hab Morgen eine Überraschung für dich, als Ausgleich für Mamas genähten Hund. Das ist ein Versprechen, dass auch eingelöst wird. Und ich bin mir ganz sicher, dass Mama jetzt auch gern hier bei uns wäre, um dir den Hund zu nähen.«

Bis zum Abend hatte sich Jule beruhigt. Papa hatte ihr am Bett ein paar Geschichten erzählt. Nun saß er im Wohnzimmer, fluchte und schimpfte die ganze Zeit vor sich hin. Zwischendurch war immer wieder ein ‚Aua‘ zu hören.
»Ich sollte nicht immer auf so dumme Ideen kommen und etwas versprechen, das so schwer ist.«
Auch wenn er gern aufgehört hätte, machte er fleißig weiter. Die Überraschung sollte schließlich bis zum nächsten Morgen fertig sein.

Am nächsten Morgen, pünktlich um acht Uhr hüpfte Jule aus ihrem Bett. Sie war so neugierig, dass sie es einfach nicht länger aushielt. Sie zog sich gar nicht erst um, sondern lief sofort die Treppe runter und steuerte auf das Wohnzimmer zu.
Papa lag schlafend auf dem Sofa. Um ihn herum lagen Stoffreste, Watte, unzählige verknotete Fäden, Nadeln, Knöpfe und vieles mehr.
»Was ist denn hier los?«, fragte Jule neugierig.
Papa wurde wach, schreckte hoch und sah sich kurz verwirrt um, bevor er merkte, wo er sich befand.
»Oh, du bist schon wach?«, fragte er.
Dann griff er neben sich und holte ein kleines Geschenk hervor.
»Das ist für dich.«, überreichte er es seiner Tochter.
Jules Augen wurden ganz groß und strahlten vor Freude.
»Für mich?«
Sie wartete keine weitere Antwort ab, sondern riss das Geschenkpapier sofort auf. Darin fand sich ein kleiner, von Hand genähter Hund.
»Ich weiß.«, entschuldigte sich Papa.
»Er ist nicht der schönste Hund. Ich habe auch ein paar Fehler beim Nähen gemacht. Mama kann das bestimmt viel besser als ich, aber es ist das allererste Mal, dass ich überhaupt etwas genäht habe.«
Jule grinste und warf sich an Papas Hals.
»Ach was. Das ist der allerschönste Kuschelwuschelhund, den ich je gesehen habe. Ich hab dich lieb, Papa.«
In diesem Moment öffnete sich die Haustür und Mama kam herein.
»Ich durfte doch schon etwas früher nach Hause fahren.«, sagte sie müde und hielt ihrer Tochter einen weiteren Kuschelwuschelhund entgegen.
»Oh, wie toll.«, freute sich Jule.
»Jetzt habe ich gleich zwei tolle Kuscheltiere und die besten Eltern der ganzen Welt.«

(c) 2013, Marco Wittler

453. Tina und der Sonnenstrahl

Tina und der Sonnenstrahl

Tina saß an ihrem Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Lust hatte sie eigentlich keine, denn das Wetter war viel zu schön. Da sollte man doch lieber draußen spielen.
»Nur noch eine Viertelstunde.«, seufzte sie und schrieb an ihrem Aufsatz weiter.
Doch dann hörte sie plötzlich ein paar Stimmen im Garten. Neugierig sah sie aus dem Fenster und entdeckte ihren kleinen Bruder mit seinen Freunden.
»Oh, nein.«, seufzte Tina.
»Nicht schon wieder die drei Nervensägen. Dann wird das wohl nichts mit meinem Sonnenbad. Wenn die drei im Garten so laut sind, kann ich mich nicht richtig entspannen.«
Sie wollte ihren Stift zur Seite legen. Die Lust an den Hausaufgaben war ihr nun endgültig vergangen. Doch aus Angst vor einer schlechten Note, schrieb sie noch schnell die letzten Sätze in ihr Heft, bevor sie es in ihre Schultasche räumte.
Genau in diesem Moment wurde es im Garten noch eine Spur lauter. Tina sah wieder nach draußen und sah, wie die Jungs immer wieder Steine in die Luft warfen.
»Ich treffe bestimmt den Apfel.«, rief ihr Bruder Paul, warf den Stein und traf.
»Ich treffe sogar den Ast ganz oben.«, übertönte sein Freund Max.
Er brauchte drei Anläufe, bis er es tatsächlich schaffte. Nun war Leon an der Reihe. Doch was sollte er nun bewerfen? Das Haus? Ein Fenster? Nein.
»Ich bin der beste Werfer der Welt. Ich kann nämlich die Sonne treffen.«
Er sammelte sich ein paar Steine und warf sie hoch in die Luft. Aber es war gar nicht so einfach, sein Ziel zu erreichen. Irgendwann versuchten sich auch die anderen beiden Jungs.
»Was soll denn das?«, ärgerte sich Tina.
»Die werden sich noch gegenseitig oder jemand anderen verletzen.«
Sie zog sich schnell ihre Schuhe an und lief hinaus in den Garten. Gerade, als sie aus dem Haus kam, ertönte lauter Jubel.
»Ich hab es geschafft.«, brüllte Max.
»Ich hab es tatsächlich geschafft. Ich habe die Sonne getroffen.«
»Spinnt ihr?«, rief Tina, so laut sie konnte und schreckte die Jungs auf.
»Schnell weg hier.«
Max, Paul und Leon nahmen ihre Beine in die Hände, stürmten durch das Gartentor und verschwanden hinter der nächsten Straßenecke.
Tina sah sich um und seufzte. Überall lagen Steine im Garten verteilt. Sie lagen auf der Wiese, zwischen den Blumen und den Sträuchern. Doch was war das? Etwas glitzerte zwischen den Ästen des Apfelbaums.
»Nanu? Das war vorhin noch nicht da.«
Tina ging näher, kletterte vorsichtig am Baumstamm hinauf und holte ihre Entdeckung zwischen den Blättern hervor.
»Oh nein.«, flüsterte sie zu sich selbst.
»Die Jungs haben es tatsächlich geschafft. Sie haben mit den Steinen die Sonne getroffen und dabei einen ihrer Strahlen abgebrochen.«
Ihr wurde sofort flau im Magen. Sie kletterte zurück zum Boden und sah zum Himmel hinauf. Hatte die Sonne nun Schmerzen? Würde das Licht weniger werden? Sie wusste es nicht.
Verzweifelt warf sie den Sonnenstrahl zum Himmel hinauf. Immer wieder versuchte sie es. Aber leider fiel er jedes Mal zurück zur Erde.
»Ich schaffe es einfach nicht. Die Sonne braucht aber den Strahl.«
Schon wollte ihr ein erstes Tränchen die Wange herunter kullern, als Tina über sich ein freundliches Lachen hörte.
»Ist doch gar nicht so schlimm.«, sagte die Sonne mit beruhigender Stimme.
»Ich habe noch ganz viele Strahlen. Da fällt der eine gar nicht auf.«
Und nun besah sich Tina zum ersten Mal die Schönheit des Sonnenstrahls in ihrer Hand.
»Den darf ich wirklich behalten?«
»Ja.«, antwortete die Sonne.
»Wenn du mal schlechte Laune hast oder es den ganzen Tag regnet, dann hol ihn hervor und du kannst dich jederzeit am Sonnenschein erfreuen.«

(c) 2013, Marco Wittler

415. Ein Geschenk für den Weihnachtsmann

Ein Geschenk für den Weihnachtsmann

Auf dem Dach war zuerst ein Rumpeln zu hören, danach die Schritte schwerer Stiefel. Irgendwer war dort oben und kam dem Kamin immer näher. Es dauerte nur Sekunden, bis er darin verschwunden war und eine Etage tiefer im Wohnzimmer auftauchte.
Lena hatte sich hinter Opas großem Sessel versteckt und traute sich fast nicht, alles zu beobachten. Sie wusste genau, dass sie das nicht durfte, dass es gefährlich war. Trotzdem hatte sie sich nicht davon abhalten lassen, in dieser Nacht Wache zu schieben.
Ein großer, dicker Mann, der in einem roten Mantel gekleidet war, richtete sich auf und ließ ein paar Mal seinen Rücken knacken.
„Puh, wenn bloß diese Schmerzen nicht wären. Ich muss mir nachher unbedingt ein warmes Körnerkissen drauflegen.“
Lena wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Es war tatsächlich der Weihnachtsmann. Dabei hatte ihre große Schwester Hannah am Nachmittag noch behauptet, es würde ihn gar nicht geben.
„Jetzt kann ich ihr das Gegenteil beweisen.“, flüsterte sie leise, holte ihren Fotoapparat hervor und machte ein paar Fotos.
Der Weihnachtsmann ließ sich davon nicht weiter stören, da er es auch gar nicht bemerkte. Er holte ein paar Geschenke aus seinem Sack und legte sie vorsichtig unter den geschmückten Baum.
Als er fertig war, sah er sich um und war überrascht.
„Nanu, was ist denn das?“
Er nahm ein kleines Päckchen in die Hand.
„Für den Weihnachtsmann. Von Lena.“, las er von einem kleinen Schildchen ab.
Vorsichtig öffnete er das Geschenkpapier und entdeckte darin ein paar gemalte Bilder, die ihn und seine Rentiere mit Schlitten zeigten. Der Weihnachtsmann war so gerührt, dass ihm sogar eine Träne die Wange herunter kullerte.
„Das ist toll. Ich bekomme mal ein richtiges Geschenk. Das ist viel schöner, als überall Kekse und Milch zu bekommen. Die mag ich gar nicht mehr und und machen so dick.“
Der Weihnachtsmann packte sein Geschenk vorsichtig in seine Manteltasche und wollte gerade wieder in den Kamin steigen, als er sich noch einmal umdrehte und ein weiteres Päckchen aus seinem Sack holte.
„Für so liebe Kinder gibt es eine extra Überraschung.“
Dann verschwand er hinauf aufs Dach und flog mit seinem Schlitten zum nächsten Haus.
Lena war überglücklich, dass sie den Weihnachtsmann zum Beweis fotografiert hatte, doch als sie sich die Bilder ansah, stand überall nur ‚Frohe Weihnachten‘. Der Mann im roten Mantel war nirgendwo zu entdecken.
„Egal.“, sagte sie sich.
„Dafür werde ich mich immer an diesen Abend erinnern.“

(c) 2012, Marco Wittler

409. Das verlorene Geschenk

Das verlorene Geschenk

Weihnachten.
Aus dicken Wolken fielen unaufhörlich dicke Schneeflocken und färbten den Boden schnell weiß. Keine Menschenseele war  in den Straßen zu sehen. Entweder saß man gemütlich im warmen Wohnzimmer mit einer Tasse Tee oder besuchte den Gottesdienst in der Kirche.
Doch dann war da plötzlich eine Stimme, die durch die Luft zu fliegen schien. Immer wieder war ihr lautes Lachen zu hören.
»Ho, ho, ho.«
Wäre nun doch ein Mensch unterwegs gewesen, hätte er den Weihnachtsmann mit seinem großen Schlitten auf den Dächern landen sehen.
Der Flug ging nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, von einem Kamin zum anderen. Überall hinterließ der Weihnachtsmann wunderschön verpackte Überraschungen für die Kinder, die an ihn glaubten. Für die anderen waren die Eltern zuständig.
In seinem riesigen Sack stapelten sich unzählige Päckchen bis zum Rand. Bei jedem Start, jeder Landung und jeder Kurve drohten sie, herauszufallen. Aber bisher war jedes Jahr alles gut ausgegangen.
Doch dieses Mal sollte alles anders sein. Ein kleines Geschenk lag ganz oben im Sack und wagte einen Blick nach draußen. Es war ein herrlicher Anblick, den tanzenden Schneeflocken beim Wirbeln zuzuschauen.
»Das würde ich auch gern mal ausprobieren.«, sagte das Geschenk zu sich selbst.
Sein Wunsch wurde schneller erfüllt, als es ihm lieb war. Denn plötzlich kam ein kräftiger Wind auf. Das Geschenk wurde aus dem Sack geweht, fiel schnell zum Boden herab und verschwand zur Hälfte im Schnee.
»He!«, rief es laut zum Himmel hinauf.
»Was soll denn das? Ich muss doch heute noch ausgeliefert werden. Weihnachtsmann, du kannst mich doch nicht einfach auf der Straße liegen lassen. Komm sofort zurück.«
Aber egal, ob es sich beklagte, schimpfte oder verzweifelt bettelte, es wurde nicht gehört und auch nicht wieder eingesammelt.
»Das ist gemein.«, brach es schließlich in Tränen aus.
»Ich soll doch ein Kind glücklich machen.«
Hätte das Geschenk eine Nase gehabt, hätte es bestimmt laut geschnieft.
Ein paar Minuten später kamen zwei Menschen die Straße entlang. Es waren eine Frau und ein Kind.
»Aber warum müssen wir denn heute zur Oma gehen?«, fragte das Kind.
»Weil sie drauf besteht. Sie denkt, dass man Weihnachten als Familie zusammen feiern sollte.«, antwortete die genervte Mutter.
»Bekomme ich denn dann auch ein Geschenk vom Weihnachtsmann?«
»Weihnachtsmann?«, fragte die Mutter zurück.
»Wie kommst du denn auf so ein Märchen? Den gibt es doch gar nicht. Wenn es nach mir ginge, würde dieses unnütze Fest abgeschafft.«
Das Kind wurde traurig und blickte verzweifelt zum Boden, wo es etwas Unerwartetes entdeckte.
»Was ist denn das?«, wunderte es sich und lief ein paar Meter vor.
Es griff mit den Händen in den Schnee und holte ein wunderschön verpacktes Geschenk hervor.
»Schau mal Mama. Ein Geschenk vom Weihnachtsmann.«, freute sich das Kind und riss sofort das bunte Papier auf. Darin fand es drei kleinere Geschenke.
»Für dich, für deine Mama, für deine Oma. Alles Liebe, der Weihnachtsmann.«, lasen Mutter und Kind verblüfft.
In diesem Moment ertönte wieder ein lautes Lachen vom Himmel.
»Ho, ho, ho. Frohe Weihnachten. Und lasst die Köpfe nicht hängen. Geht endlich glücklich feiern.«

(c) 2012, Marco Wittler

368. Die beste Mama der Welt

Die beste Mama der Welt

»Am Sonntag ist Muttertag.«, sagte die Lehrerin in der Grundschule.
»Deswegen werden wir heute für eure Muttis ein Bild malen und etwas Schönes basteln.«
Sie verteilte Papier, Kleber, Scheren und Bastelmaterial auf den Tischen und machte dann den Kindern ein paar Vorschläge, was sie machen konnten. Alle stürzten sich sofort in die Arbeit. Nur Hannah wusste nicht, was sie machen sollte. Als die Lehrerin das sah, kam sie herüber und fragte, ob etwas nicht stimmen würde.
»Fällt dir nichts ein oder hast du keine Lust?«
Aber Hannah schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Mama. Sie hat meinen Papa und mich allein gelassen, nachdem ich geboren wurde.«
Verschämt sah sie auf das weiße Blatt Papier vor sich, während die anderen Kinder zu tuscheln begannen.
»Ruhe. Ihr kümmert euch um eure eigenen Aufgaben.«, brachte die Lehrerin ihre Schüler zum Schweigen.
»Und du lass dir halt was einfallen. In meinem Unterricht gibt es keine Ausnahmen.«
Damit war das Thema für sie erledigt. Sie setzte sich hinter ihr Pult und sah streng hin und her.
Hannah seufzte und nahm widerwillig einen Buntstift zur Hand. Nervös kaute sie darauf herum und dachte verzweifelt nach.
»Wie soll ich mir denn etwas für eine Mama ausdenken, wenn ich noch nie eine hatte.«, schmollte sie vor sich hin.
Doch dann kam ihr eine Idee. Grinsend begann sie zu malen und freute sich schon sehr, bald fertig zu sein.
Am Ende der Schulstunde ging die Lehrerin an den einzelnen Kindern vorbei und besah sich die Ergebnisse. Als sie auf Hannahs Platz sah, runzelte sie die Stirn und begann zu stottern.
»Was soll denn das sein? So war das aber nicht gedacht.«
Aber Hannah zuckte nur mit den Schultern.
»Mir egal. Ich find es gut so.«

Zwei Tage später, es war Sonntag, schlich sich Hannah in Papas Schlafzimmer. Dort stupste sie ihn vorsichtig in die Seite, bis er wach wurde.
»Alles Gute zum Muttertag.«, flüsterte sie und drückte Papa ein Bild in die Hand.
»Muttertag?«, wunderte er sich und sah auf das Blatt.
»Für den Papa. Weil die für mich auch die beste Mama der Welt bist.«
Hannah drückte sich an ihn.
»Ich hab dich lieb, Papa.«

(c) 2011, Marco Wittler

287. Der schöne neue Pulli

Der schöne neue Pulli

Oma kam zu Besuch. Michelle freute sich schon sehr, denn sie hatten sich seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen.
»Ich bringe dir auch was Schönes mit.«, hatte Oma versprochen.
Was das wohl sein würde? Michelle war neugierig und gleichzeitig aufgeregt. Vielleicht war es ja eine übergroße Wasserpistole zum Ärgern oder ein schnelles Skateboard.
Am Nachmittag klingelte es dann an der Tür. Sofort stürmte ein kleines Mädchen durch den Flur.
»Oma, Oma. Endlich bist du.«
Michelle freute sich und grinste über das ganze Gesicht.
»Was hast du mir denn mitgebracht?«, fragte sie.
Oma war von ihrer Enkelin ganz überrascht und fühlte sich etwas überrumpelt.
»Aber nicht so schnell, mein Kind. Lass mich doch erstmal rein kommen.«
Also gingen sie gemeinsam ins Esszimmer und setzten sich zum Kuchen essen an den großen Tisch. Mama reichte heißen Kaffee für die Großen und kalten Kakao für Michelle. Papa verteilte den Kuchen auf den Tellern.
»So, dann will ich dich mal nicht länger auf die Folter spannen.«, sagte Oma und drückte ihrer Enkelin ein Geschenk in die Hand.
Michelle nahm es dankend entgegen und riss sofort das bunte Papier auf. Doch dann wurde ihre Laune schlechter.
»Ein Pulli?«
Oma hatte Stolz in den Augen.
»Den habe ich selbst gestrickt, extra mit Pferd, weil du Tiere doch so magst.«
Tiere? Michelle mochte Skateboards und Fahrräder. Autos fand sie auch prima. Aber das?
Nun hielt sie einen rosa Pullover mit einem weißen Pferd darauf in den Händen.
»Wenn ich den in der Schule anziehe, lachen mich doch alle aus. Auf Pferde steht doch nur meine Cousine Melanie.«, dachte sie sich und wünschte, Oma hätte einen besseren Geschmack.
Von Mama bekam sie einen Mitleidsblick.
»Da hat sich Oma aber wirklich viel Mühe gegeben. Zieh doch mal, ob er dir passt.«
Michelle verzog das Gesicht und schlüpfte dann widerwillig in den Pulli.
»Der ist mir viel zu weit.«, hörte man ihre dumpfe Stimme durch den Stoff hindurch.
»Ach, das macht doch nichts, mein Kind. Da wächst du schon noch rein.«, sagte Oma.
»Aber behalt ihn ruhig heute an. Ich finde dich richtig süß darin.«
Michelle  verdrehte die Augen und stützte ihren Kopf enttäuscht auf ihre Hände.
»Was meinst du, Süße, willst du nicht nach draußen gehen und etwas spielen?«, schlug Mama plötzlich vor.
»Hier drinnen bei uns langweilst du dich doch sonst nur.«
Das war eine glänzende Idee. Michelle sprang auf, schnappte sich ihr altes Skateboard und war eine Minute später auf dem Gehweg. Sie sah sich um und gab Gas. Sie fuhr immer hin und her und hatte eine Menge Spaß.
»Was spielt die Kleine denn da draußen?«, fragte Oma.
Sie stand auf und sah aus dem Fenster.
»Ist das nicht so ein Rollbrett für Jungs? Ich habe noch nie ein Mädchen mit so einem Ding gesehen.«
In diesem Moment fuhr Michelle zu dicht an einer Hecke vorbei. Ein kleiner Faden des neuen Pullis blieb an einem Ast hängen. Nach und nach löste sich das Strickwerk immer weiter auf. Innerhalb weniger Sekunden war der Rücken frei und nun verschwand auch noch das Vorderteil und die Arme.
Oma rannte sofort nach draußen und rief ihrer Enkelin nach. Doch es war bereits zu spät. Den ganzen Gehweg entlang lag nun ein langer Faden in rosa und weißer Farbe.
»Oh je.«, seufzte Oma.
»Ich glaube, ein Strickpullover ist doch nicht das richtige für so ein quirliges Mädchen. Das nächste Mal kaufe ich dir etwas Robustes aus dem Laden.«
Damit war dann auch Michelle zufrieden.
»Aber bitte ohne Tiere, Oma.«

(c) 2009, Marco Wittler

279. Pit

Pit

Malte war stinksauer.
»Gib mir sofort meinen Ball zurück.«, blaffte er seine kleine Schwester Marla an.
Marla lachte allerdings nur und freute sich in ihrem Kinderwagen so sehr über ihre Beute. Mit ihren kleinen Ärmchen wedelte sie nun hin und her und brabbelte unverständliche Worte vor sich hin.
Malte wurde es zu bunt. Er wollte gerade zugreifen, als seiner Schwester der Hand aus den Fingerchen rutschte. Er hüpfte ein paar Mal über den Boden, sprang über das Balkongeländer und hinab. Noch bevor er am Boden aufschlug, verschwand er in einem Busch.
»Jetzt sieh dir an, was du angestellt hast. Mama wird bestimmt mit dir schimpfen.«
Malte wurde knallrot im Gesicht. Doch er wusste, dass der ganze Ärger nichts brachte. Seine Schwester war einfach zu klein, um den Ball wieder nach oben zu holen.
Malte sah vorsichtig über das Geländer.
»Ich kann ihn nicht entdecken. Wenn ich doch bloß gesehen habe, wo er hin ist. Ich werde ihn bestimmt nie wieder zurück kriegen. Das war doch mein Lieblingsball.«
Fast wären ihm ein paar Tränen die Wangen herab gekullert. Doch das durfte auf keinen Fall jemand sehen. Also zog er einmal kräftig die Nase hoch und stemmte seine Fäuste in die Seiten.
»Ich geh jetzt meinen Ball suchen. Du bleibst hier, Marla und machst keine Dummheiten.«
Doch als er gerade aus der Wohnung flitzen wollte, sprang der zurück auf den Balkon.
»Huch, wie ist denn das passiert?«
Ungläubig sah Malte noch einmal nach unten. Doch da war niemand.
»Da stimmt doch etwas nicht.«
Er entschloss sich dazu, den Ball ein weiteres Mal in den Hof fallen zu lassen und warf ihn dieses Mal selbst über das Geländer. Es dauerte nur Sekunden, bis er wieder zurück kam.
»Da will mich doch jemand veräppeln.«
Malte warf einen neugierigen Blick nach unten und entdeckte einen dunklen Schatten, der schnell im Busch verschwand.
»Da ist doch jemand. Mama darf ich runter gehen? Ich will wissen, wer mir den Ball zurück wirft.«
Mama war völlig in ein dickes Buch vertieft und bekam gar nicht genau mit, was sie gefragt wurde. Sie nickte einfach.
»Bleib aber nicht zu lange weg. Es wird bald dunkel.«
Malte lief los. Mit schnellen Schritten rannte er die Treppe hinab und stand schon bald im Hof vor dem Busch.
»Hallo?«
Er wartete auf eine Antwort, bekam aber nur ein heiser klingendes Husten zu hören.
»Wer ist denn da?«
Das Geräusch wieder sich noch einmal. Doch dann raschelten die Blätter hin und her, bis ein dunkelgraues Geschöpf aus dem Busch gekrabbelt kam. Aus seinem Maul kam das laute Husten.
»Hast du mir meinen Ball zurück geworfen?«, wollte Malte wissen.
Und um seine Frage zu bestätigen, warf er dem Tier seinen Ball. Mit großer Geschicklichkeit fing es den Ball mit seiner Nase auf, balancierte ihn ein paar Sekunden lang darauf und warf ihn dann wieder zurück. Dann klatschte es vor Freude mit seinen flossenähnlichen Vorderbeinen.

Ein paar Minuten später hörte Mama die Wohnungstür.
»Malte? Wo war du denn?«, fragte sie überrascht.
»Aber ich war doch unten im Hof. Du hast es mir erlaubt.«, war die knappe Antwort.
Mama erinnerte sich. Ja, da war doch etwas gewesen.
»Hast du denn den heimlichen Ballwerfer gefunden?«, hakte sie nach.
Mal bejahte und kam mit einem dunklen Schatten in das Wohnzimmer.
»Das ist Pit, mein neuer Freund. Mit ihm kann man richtig prima spielen.«
Mama stockte der Atem.
»Aber das ist doch ein Seehund. Den können wir unmöglich behalten. Das geht doch gar nicht. Was soll denn Papa dazu sagen.«
Sie war geschockt und bekam etwas Angst.
»Und geh nicht zu nah an das Tier dran. Es könnte dich beißen.«
Doch Malte störte das nicht und ließ sich sofort von Pit einen dicken Kuss auf die Wange drücken.
»Sieht du, er ist ganz harmlos.«

Eine ganze Stunde lang saßen sie nun schon auf dem Balkon und warteten. Malte und Pit saßen auf der einen, Mama etwas ängstlich auf der anderen Seite. Marla stand mit ihrem Kinderwagen lachend dazwischen, bestaunte den Seehund mit großen Augen und lachte ohne Pause vor sich hin.
In diesem Moment kam Papa von der Arbeit nach Hause. Sofort hörte er das heisere Hüsteln von draußen.
»Nein.«, entfuhr es ihm überraschend.
»Ist das etwa ein …«
Und dann stand er Pit gegenüber. Fast wären ihm die Augen aus dem Kopf gefallen.
»… richter Seehund?«
Papa streichelte dem Tier über den Kopf.
»Wo habt ihr denn her? Dürfen wir ihn behalten?«
Er schien sich noch mehr zu freuen als Malte.
»Also so ein geniales Geschenk hast du mir noch nie gemacht, Schatz. Du kannst die gar nicht vorstellen, wie ich mich freue.«
Da fiel Mama ein, dass sie Papas Geburtstag vergessen hatte.
»Oh. Ja. Nein. Achso. Richtig.«, stammelte sie.
»Ja, dein Geburtstagsgeschenk. Herzlichen Glückwunsch.«
Sie drückte Papa einen Kuss auf die Wange und wurde ganz rot im Gesicht.
»Selbstverständlich darfst du ihn behalten.«
Und so wurde die kleine Familie um ein weiteres Mitglied größer.
Pit bekam ein eigenes Schwimmbecken im Hof und ein Gehege in dem er sich austoben konnte. Doch die meiste Zeit verbrachte er zusammen mit Mama in der Küche, die sich nun auch an ihn gewöhnt hatte und ihn nie wieder weg geben wollte.

(2009), Marco Wittler

161. Ein Bär zu Weihnachten

Ein Bär zu Weihnachten

Der Bär saß in einem mit buntem Papier eingepackten Paket. Er hatte sich schon lange auf seinen großen Auftritt vorbereitet, denn der Sinn seines Lebens war es, einem kleinen Kind zum Freund zu werden.
Schon im Einkaufszentrum hatte er den Jungen und Mädchen vom Regal aus zugewunken. Trotzdem hatte es doch tatsächlich bis kurz vor Weihnachten gedauert, bis er dann endlich gekauft worden war.
Nun war es endlich so weit. Er konnte es hören, Während ein kleiner Junge vor sich hin brabbelte, sagte ein Mädchen ein Gedicht auf. Das musste das Startsignal sein. Gleich würden die Geschenke ausgepackt werden.
Der Teddy freute sich schon. In ein paar Minuten würde er in die Arme genommen und gedrückt werden. Wem würde er wohl geschenkt werden?
Gleich würde das Geschenkpapier aufgerissen und der Teddy aus der Verpackung genommen. Jeden Augenblick musste es so weit sein.
Das Gedicht ging zu Ende, die Eltern erteilten die Erlaubnis, die Geschenke zu öffnen.
Nun war der Bär richtig aufgeregt. Doch irgendwie bleib es um ihn herum dunkel. Doch wie konnte das denn sein? Wiesen die Eltern ihre Kinder denn nicht auf die wichtigen Geschenke hin? Oder sollten sie zuerst die weniger schönen Dinge auspacken, damit die Freude nach einem Teddy nicht abflaute?
Doch dann entstand der erste Riss im Papier und ließ etwas Licht herein. Nun war der Bär an der Reihe. Mit beiden Armen winkte er den staunenden Kinderaugen entgegen. Die Verpackung wurde geöffnet und der Bär entnommen. Doch dann war die Verwunderung sehr groß.
Der Teddy wurde unter den Baum auf den Boden gesetzt, während sich der kleine Junge freudestrahlend auf Geschenkpapier und Verpackung stürzte. Daran schien er richtig Spaß zu haben. Doch konnte das denn sein? Er sollte sich doch um den Teddy kümmern und mit ihm spielen.
Der Bär war sauer. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Das hatte bestimmt auch keiner seiner Artgenossen jemals gehört. Wie konnte ein Kind an einem Haufen Müll mehr Spaß haben, als an einem weichen Spielzeug?
Die Zeit verging und der Abend kam. Noch immer saß der Teddy unter dem Baum. Mittlerweile war er richtig traurig geworden. Die Kinder wurden nach und nach ins Bett gebracht. Würde er die Nacht allein unter einer Tanne verbringen müssen?
Doch bevor das Licht abgeschaltet wurde kam die Mutter ein letztes Mal in den Raum.
»Ach, da bist du ja.«
Sie griff nach dem Bären, brachte ihn ins Kinderzimmer und legte ihn in das kleine Kinderbett.
»Hier wirst du besser schlafen, als unter dem Weihnachtsbaum.«
Und schon wurde er von zwei kleinen Ärmchen umschlungen. Der kleine Junge brauchte für die Nacht wohl doch einen bärigen Freund. So gefiel das dem Teddy schon besser. Er kuschelte sich an den kleinen Jungen und schlief glücklich mit ihm zusammen ein.

(c) 2008, Marco Wittler

08 - Ein Bär zu Weihnachten

055. Sternensucher

Sternensucher

Der Morgen war angebrochen, die Sonne kroch langsam über dem Horizont und kletterte am Himmelszelt hinauf. Der Mond fand dies überhaupt nicht in Ordnung. Er hatte noch nie viel für so viel Helligkeit übrig gehabt. Daher verzog er sich ganz schnell und ging einfach unter. Die kleinen leuchtenden Sterne folgten ihm natürlich sofort.
Der Tag begann und die ersten arbeitenden Menschen waren schon auf den Beinen.
Martin, ein junger Bursche war bereits unterwegs und wollte seiner angebeteten Elisa einen Strauß Blumen schenken. Seit ihr ein Paar geworden waren, tat er dies jeden Tag.
Doch als er am Blumenstand an kam, traute er seinen Augen nicht mehr. Es war nicht eine einzige Blume mehr zu finden.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?«, fragte er den Verkäufer.
»Tut mir leid, mein Freund. Aber da kann ich dir nicht helfen. Das Schiff mit der neuen Lieferung hat sich verspätet. Es ist noch nicht im Hafen angekommen. Vielleicht gab es draußen auf See einen gefährlichen Sturm und sie mussten einen Umweg nehmen.«
Martin war verzweifelt. Er hatte seiner Freundin versprochen, ihr jeden Tag einen Strauß Blumen zu schenken. Und nun, nach fast zwei Jahren, würde er das erste Mal sein Versprechen nicht halten können.
»Dann geh doch einfach auf die große Wiese hinter der Kirche. Da wachsen ganz viele wilde Blumen, die niemand haben will.«
»Ach nein, das ist nicht das Gleiche. Dort gibt es nur gewöhnliche Blumen. Die wird sie nicht mögen. Ich werde mit wohl etwas anderes überlegen müssen.«
Martin ging enttäuscht zum Hafen hinunter und sah den Segelschiffen hinterher, die ablegten und auf das offene Meer hinaus fuhren.
»Ich hoffe, dass das Schiff mit den Blumen bald ankommt. Vielleicht bekomme ich dann doch noch einen Strauß für Elisa.«, sagte er zu sich selbst.
Aber den ganzen Tag über passierte nichts. Als es dunkel wurde und die Fischerboote zurück kehrten, musste sich Martin enttäuscht geschlagen geben. Er hatte sich bereits damit abgefunden, seiner Freundin die traurige Nachricht zu überbringen.
Doch geschah etwas sehr seltsames. Ein leichter Windstoß wehte ihm die Mütze vom Kopf und trieb sie nun über die Straße.
»He, bleibst du wohl hier. Ich brauche dich noch.«
Martin lief ihr nach, konnte sie aber nicht einholen. Jedes Mal wenn er nach ihr greifen wollte, blies der Wind erneut und die Mütze flog ein weiteres Stück am Hafen entlang.
Schließlich erhob sie sich hoch in die Lüfte, machte einen Bogen und landete auf einem Schiff, das etwas abseits der anderen angelegt hatte.
Martin blieb stehen und besah sich den Kahn. Als etwas anderes hätte auch niemand anderes bezeichnet. Das Holz sah nicht mehr schön aus und die Segel hatten stark ausgefranste Ränder. Es brauchte eine dringende Renovierung.
Als der Steuermann an Deck kam rief ihm Martin entgegen.
»Hey-ho, Seemann.«
»Hey-ho, du Landratte. Was ist dein Begehr?«, kam die Antwort zurück.
Martin ging näher, bis er das Schiff fast berühren konnte.
Ich habe den ganzen Tag auf das Schiff mit den Blumen gewartet, wurde aber enttäuscht. Und nun war ich auf dem Weg zu meiner Liebsten, bis es mir plötzlich die Mütze vom Kopf wehte. Sie liegt nun an Bord eures Schiffes. Ich wollte fragen, ob ich sie zurück bekommen könnte.«
Der Steuermann sah sich um, entdeckte die Mütze, hob sie auf und wedelte damit herum.
»Ist es jene hier? Dieses hässliche Ding nennst du dein Eigen und willst es tatsächlich auf deinen Kopf setzen?«
Er lachte.
»Ich biete dir ein Geschäft an. Du kommst zu mir an Bord und holst dir deine Mütze ab. Wenn du dich bereit erklärst, eine Nacht mit mir zu segeln, um einen Schatz zu finden, dann setze ich dich morgen früh wieder hier ab, werde dich so reich belohnen, dass du dir ein ganzes Land voll Blumen kaufen kannst und schenke dir obendrein noch eine Mütze, die aus dir einen richtigen Mann macht.«
Martin dachte nach.
»Grübel nicht zu lange, denn der Mond geht bald auf und die Sonne verschwindet. Dann müssen wir in See stechen.«
Martin warf seine Bedenken beiseite, winkte aber, bevor er an Bord ging, einen Jungen herbei und sagte ihm: »Geh für mich zu Fräulein Elisa. Sie erwartet mich heute Abend. Bitte richte ihr von mir aus, dass ich mich verspäten werde und erst Morgen zu ihr kommen kann. Dafür werde ich mit einem Geschenk zurück kehren, dass alle Blumen, die ich ihr bisher gebracht habe, in den Schatten stellen wird.«
Er drückte dem Jungen noch einen Silberling in die Hand.
»Sobald du deinen Auftrag ausgeführt hast, ist diese Münze dein.«
Der Junge machte große Augen. So großzügig war noch nie jemand zu ihm gewesen. Er nickte eifrig und lief davon, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Martin stieg derweil an Bord.
»Nun denn, Steuermann. Stechen wir in See. Ich bin bereit.«
Er sah sich um.
»Wo ist denn die restliche Besatzung und wo ist der Kapitän?«
Der Steuermann lachte und hielt sich den Bauch.
»Die siehst sie alle vor dir. Ich bin Besatzung, Steuermann und Kapitän. Nur wir zwei werden uns auf den Weg machen. Mehr Hilfe brauchen wir nicht.«
Und als wollten sie seine Worte bestätigen, rollten sich die alten Segel von allein aus und füllten sich sogleich mit Wind.
Martin löste die Seile von der Hafenmauer. Das Schiff stach in See.

Der Hafen war noch nicht weit entfernt, als ein starker Ruck durch das Schiff ging. Etwas schien zu passieren, doch noch war nichts zu sehen.
»Wunderst du dich, was geschehen ist? Dann schau auf das Wasser unter uns.«
Martin tat es und traute seinen Augen nicht. Die Meeresoberfläche entfernte sich. Das Schiff schwebte knapp darüber und hob immer weiter ab. Es war, als würde es dem Himmel entgegen fliegen.
»Ich kann dir genau ansehen, was du denkst. Und ich sage dir, du denkst genau richtig.«
Der Steuermann machte eine ausholende Geste.
»Mein Schiff ist etwas ganz besonderes. Es mag vielleicht etwas schäbig aussehen. Aber dafür ist es das einzige Schiff der Welt, das fliegen kann. Wir fliegen in den Himmel hinein und warten darauf, dass die Sterne auftauchen. Und dann finden wir einen Schatz, er nicht mit allem Gold der Welt zu bezahlen ist.«
Martin sah fasziniert abwechselnd zum Wasser hinab, von welchem er sich immer weiter entfernte, und dann zum Himmel hinauf, in den er nun flog.
»Aber kann uns auch nichts geschehen? Vielleicht stürzen wir plötzlich wieder zurück.«
Doch der Steuermann ignorierte die Angst seines neuen Matrosen.

Eine ganze Weile waren sie geflogen. Das Meer war nur noch zu erahnen. Die Welt lag in tiefem Schlaf, nirgendwo brannte ein Licht.
»Wirf den Anker, du Landratte. Wir sind an unserem Ziel angekommen.«
Martin gehorchte und löste die Ankerkette. Es ratterte einen Moment, dann hielt das Schiff an.
Wie von Geisterhand geführt, rollten sich die Segel ein.
»Schau dich um. Die ersten Sterne tauchen bereits auf. Sie beginnen zu leuchten und füllen den Himmel mit ihrem Licht. Und wenn du genau hin siehst, dann entdeckst du den Schatz, den ich suche.«
Martin sah sich um, konnte aber nichts entdecken.
»Ich weiß nicht, von welchem Schatz du die ganze Zeit redest. Ich sehe hier nichts. Hier sind doch nur die Sterne und die Schwärze der Nacht.«
Wieder lachte der Steuermann und hielt sich erneut den Bauch.
»Du bist jung und hast gesunde Augen. So vieles kannst du sehen. Aber trotzdem bleibt dir das Wichtigste verborgen. Lass das Beiboot hinunter und kletter dann hinein. Wir werden noch ein kleines Stück rudern müssen.«
Ein paar Minuten später fuhren sie durch den Himmel.
»Sieh dich um und sag mir, was du siehst.«
»Es ist noch immer das Gleiche. Nur die Sterne sind hier. Aber weit und breit nicht ein einziger Schatz. Hier gibt es kein Gold, kein Geschmeide, keine Perlen. Nach was suchen wir denn hier?«
Der Steuermann war nun ganz nah bei einem der Sterne angekommen. Er griff danach und verbarg ihn in der Hand.
»Was gibt es schöneres, als einer Frau die Sterne vom Himmel zu holen und sie ihr zum Geschenk zu machen?«
Er öffnete seine Hand und gab Martin den leuchtenden Stern.
»Bring ihr diesen Stern als Geschenk mit. In dunklen Zeiten wird er für euch leuchten. Solange ihr ihn besitzt, wird es für euch niemals finster werden.«
Martin bekam große Augen. Schon oft hatte er Männer sagen hören, dass sie für ihre Frauen die Sterne vom Himmel holen wollten, aber nun hatte er es tatsächlich auch getan.
Dankbar steckte er den Stein ein und half nun mit, noch ein paar weitere in einen kleinen Beutel zu füllen.
»Nun wird es aber Zeit, dass wir uns auf den Rückweg machen. Bald geht der Mond auf. Und wenn er bemerkt, dass wir ein paar seiner Sterne an uns genommen haben, wird er ziemlich sauer werden und uns verfolgen und bestrafen.«
Der Steuermann ruderte zu Schiff zurück und zog mit Martin das Beiboot hoch. Sie holten den Anker ein und die Segel rollten sich wieder aus.

Als sie zurück im Hafen waren, ging die Sonne wieder auf. Ein neuer Tag begann.
Martin ging an Land und verabschiedete sich.
»Warte noch einen Moment. Ich habe noch ein Dankeschön für dich. Deine Hilfe soll schließlich belohnt werden.«
Der Steuermann griff in seinen Beutel und holte einen der Sterne heraus. Er leuchtete so kräftig, dass man am Hafen hätte denken können, die Sonne wäre im Himmel angekommen.
»Dieser Stern soll für schlechte Zeiten sein. Wenn es dir und deiner Liebsten nicht gut geht, wenn ihr in Not seit, dann hol ihn hervor. Du wirst dann schon wissen, wie er dir helfen kann.«

Als Martin bei Elisa an kam, entschuldigte er sich für seine Verspätung und für die fehlenden Blumen. Dafür erklärte er ihr, wo er die letzte Nacht gewesen war.
»Ich glaube dir kein Wort. Aber trotzdem verzeihe ich dir. Vielleicht wirst du mir ja irgendwann die Wahrheit erzählen.«, sagte seine Freundin.
Martin aber zog seine Tasche hervor und holte ein kleines Päckchen hervor.
»Dann öffne dieses Geschenk an dich und überzeuge dich selbst.«
Elisa freute sich und öffnete das Papier. Und da strahlte ihr auch schon der Stern entgegen.
»Ich sehe es, kann es aber noch immer nicht glauben. Du hast mir tatsächlich einen Stern vom Himmel geholt.«
Sie küsste Martin und drückte ihn fest an sich.
»Ich habe noch einen zweiten Stern. Er soll uns für die Zukunft helfen. Ich weiß noch nicht wie, aber der Steuermann sagte, dass ich es bald erfahren würde.«
Er griff erneut in die Tasche und holte einen zweiten leuchtenden Stern hervor. Sein Licht glühte, wurde aber rasch dunkler, bis es ganz verschwand. Zurück blieb ein großer, glitzernder Diamant.
»Damit haben wir für den Rest unseres Lebens ausgesorgt, mein lieber Martin. Wir sind reich und werden niemals Hunger leiden müssen. Die letzte Nacht war für uns beide ein großer Glücksfall.«

Und so kam es dann auch. Martin und Elisa heirateten bald und lebten glücklich und mussten niemals mehr an die ärmeren Zeiten denken.

 (c) 2007, Marco Wittler