559. Weihnachten bei der Viererbande

Weihnachten bei der Viererbande

Draußen lag hoher Schnee. Dicke Schneeflocken tobten durch die Luft. In jeder Stadt, in der Straße und an jedem einzelnen Haus duftete es bereits nach Weihnachten, obwohl es noch ein paar Tage bis Heiligabend dauerte.
Drinnen, im warmen Wohnzimmer, saß Mama Yvonne auf dem Sofa und grübelte.
In diesem Moment öffnete sich mit einem lauten Rumms die Eingangstür.  Eine Gruppe vermummter, kleiner Personen in dicken Jacken kam herein gestürmt. Die Viererbande, wie sie von allen genannt wurde, machte sich im gesamten Flur breit. Dann flogen Jacken, Handschuhe, Schals, Schuhe und Mützen durch die Gegend und blieben einfach liegen, wo sie gelandet waren.
Mama stand auf hastig auf und trat der Bande mutig entgegen. sie stemmte ihre Hände in die Seiten und setzte ein grimmiges Gesicht auf.
»Marc, David, Sina, Lucas!«, rief sie laut.
»Wie oft habe ich euch eigentlich schon gesagt, dass ihr eure Klamotten nicht einfach überall liegen lassen könnt? Los, ab damit an die Garderobe, wie es sich gehört.«
Mit einem schiefen Grinsen gehorchten ihre vier Kinder.
»Und wenn ihr fertig seid, kommt bitte zu mir ins Wohnzimmer.«
Es dauerte nur wenige Augenblicke, da saß die komplette Viererbande um den Wohnzimmertisch verteilt. alle sahen Mama neugierig an.
»In ein paar Tagen ist Weihnachten.«, begann sie schließlich. »Kein einziges meiner Kinder hat mir bis heute auch nur einen Weihnachtswunsch gesagt. So langsam wird es dafür Zeit, wenn ihr nicht ohne Geschenk vor dem Weihnachtsbaum sitzen wollt.«
Die Kinder grinsten still. Jedes Jahr das gleiche Problem. Sie wussten einfach nicht, was sie sich wünschen sollten. Mama seufzte.
»Also, ihr geht jetzt in die Küche, nehmt euch Stift und Papier und schreibt Wunschzettel. Ihr kommt nicht eher zurück, bis ihr fertig seid.«
Die Viererbande stand auf. Jeder setzte sich an den Küchentisch, aß etwas und kritzelte drauf los. Zwischendurch tuschelten die Kinder miteinander, fragten, was der jeweils andere zu Weihnachten haben wollte. Erst eine ganze Stunde später kamen sie zurück ins Wohnzimmer und legten vier gefaltete Zettel auf den Tisch. Dann verzogen sie sich in ihre Zimmer.
Mama faltete die Zettel auseinander und las.
Die Wünsche passten zu jedem der Kinder. Während der letzten Monate hatten sie immer wieder von dem geredt, was nun auf den Wunschzetteln stand. Doch dann stutzte Mama und wunderte sich.
Marc hatte dieses Jahr noch etwas Zusätzliches aufgeschrieben. ›Der Weihnachtsmann soll bitte nich ein zweites Geschenk mitbringen. Es ist nicht für mich, sondern für den guten Geist, der auf unserem Dachboden lebt.‹
Bei David las sie etwas Ähnliches. ›Ich wünsche mir nich ein zweites Geschenk. Das liegt nicht daran, dass ich gierig bin, sondern ich möchte es an das kleine Monster aus dem Keller weiter geben, dass mich nie in seinem Leben ein Geschenk bekommen hat.‹
Der dritte seltsame Wunsch kam von Sina. ›Lieber Weihnachtsmann. Ein Wunsch ist gut, zwei Wünsche sind nich besser. Deswegen hätte ich gern zwei Weihnachtsüberraschungen. Eines davon gebe ich aber dem dicken Schneemann, der draußen vor der Tür steht. Er ist immer so einsam, wenn es Nacht wird. Er würde sich bestimmt über eine kleine Kleinigkeit freuen.‹
Und zum Schluss blieb nur noch Lucas übrig. Er hatte es seinen Geschwistern gleich getan. ›In diesem Jahr will ich zwei Geschenke. Das zweite gebe ich aber weiter an das kleine Mäuschen, dass nebenan in der Scheune lebt und immer so wahnsinnig friert. Ich verspreche auch, dass ich das zweite Geschenk nicht für mich behalten werde.‹
Mama wunderte sich immer mehr. Solche Wunschzettel hatte sie noch nie gelesen. Aber da Weihnachten vor der Tür stand, wollte sie alle Fünfe gerade sein lassen. Sollte die Viererbande ruhig zwei Geschenke in diesem Jahr bekommen.

Ein paar Tage später war es dann so weit. Heiligabend stand nicht nur auf dem Kalender, sondern auch vor der Tür. Der Christbaum stand festlich geschmückt im Wohnzimmer. Aus der Küche duftete es nach leckerem Punsch. Die Viererbande saß vor dem Baum. Gespannt warteten die auf das alljährliche Startkommando.
»Ihr dürft.«, gab Mama schließlich die Erlaubnis.
Marc war der erste, der sich sein Geschenk nahm. David, Sina und Lucas waren aber nur wenige Sekunden langsamer. Das Geschenkpapier flog in großen und kleinen Fetzen durch die Luft. Die Freude über die Geschenke war riesig groß.
»Und was ist mit den zweiten Geschenken?«, fragte Mama ein paar Minuten später.
»Die bringen wir jetzt weg.«, sagte Marc und zwinkerte seinen Geschwistern zu.
Die Viererbande stand auf. Sie schnappten sich ihre Geschenke, zogen ihre Winterklamotten an und verließen gemeinsam das Haus.
Nun wurde Mama richtig neugierig. Sie zog sich ebenfalls etwas Warmes über und schlich ihren Kindern hinterher.
Der Weg war nicht weit. Nur fünfhundert Meter weiter klingelte Sina an einer Haustür. Es wurde geöffnet und eine ältere Dame kam zum Vorschein.
»Aber das ist doch …«, murmelte Mama grinsend.
Sie kannte die alte Dame sehr gut. Sie stand jedes Jahr am Eingang des Kaufhauses und sammelte Geschenke für arme Kinder, die sonst keine Überraschung an Weihnachten bekamen.
»Eine tolle Viererbande hab ich da.«, freute sich Mama und ging mit einem Lächeln zurück nach Hause.

(c) 2016, Marco Wittler

557. Das schönste Geschenk

Das schönste Geschenk

Es war Weihnachten. Der Christbaum war festlich geschmückt, an fast jedem seiner Äste hing glänzendes Lametta. Bunte Kugeln brachten viel Farbe und die vielen kleiner Lichter leuchteten um die Wette.
Überall im Wohnzimmer standen Weihnachtsfiguren. Auf einem kleinen Tisch hatte Mama eine Krippe mit Figürchene aufgebaut. Überall duftete es herrlich. Und nun war es Zeit für die Bescherung.
Die Geschwister Tim und Marie saßen auf dem Boden und packten ihre Geschenke aus. Tim hatte sich eine Flugdrohne gewünscht. Das war so etwas wie ein kleiner Hubschrauber mit mehreren Propellern.
»Wuhuu!«, jubelte er. »Genau das, was ich schon immer haben wollte.«
Neben ihm wurde kurz darauf mindestens genau so laut gejubelt.
»Jaa! Super! Endlich das große Barbie Strandhaus.«, freute sich Marie.
Tim sah zu ihr rüber. »Mein Geschenk ist toller. Es ist cooler und schöner.«
Marie blickte zurück. »Stimmt ja gar nicht. Mein Strandhaus ist besser. Es ist edler und viel größer als dein komisches Ding da.«
Schon gab es den ersten Streit. Immer wieder versuchten die beiden den anderen zu überzeugen. Aber das klappte natürlich nicht.
»Hey, ihr beiden.«, mischte sich irgendwann Papa ein. »Jetzt ist aber Schluss damit. Es ist Weihnachten. An so einem Tag geht es nicht darum, wer das Schönste Geschenk bekommen hat. Jeder hat das, was er wollte. An Weihnachten denkt man auch mal an andere.«
Damit hatte er natürlich Recht. Beschämt sahen die Kinder für ein paar Augenblicke zu Boden. Und dann holten sie jeweils ein kleines Geschenk hervor, dass sie Mama in die Hand drückten.
»Hätten wir fast vergessen.«, entschuldigte sich Tim. »Frohe Weihnachten.«
Mama lächelte. Den Streit hatte sie jetzt schon wieder vergessen. Sie packte ihre beiden Geschenke aus und freute sich wirklich sehr über die kleinen Überraschungen ihrer Kinder. Sie drückte einmal Tim und einmal Marie an sich.
»Vielen Lieben Dank. Ich hab euch lieb.«
»Ha!«, sagte Tim plötzlich und wandte sich an seine Schwester. »Hast du gesehen? Bei meinem Geschenk hat sie sich mehr gefreut. Ich hab ihr das schönere Geschenk gemacht.«
»Ist ja gar nicht wahr.«, wehrte sich Marie. »Mein Geschenk ist viel schöner und sie wird sich darüber noch ganz, ganz lange freuen.«
Und da war er wieder, der Weihnachtsstreit. Mama und Papa seufzten.

(c) 2016, Marco Wittler

412. Der Nikolaus ist krank

Der Nikolaus ist krank

Klaus nieste laut. Er zog ein frisches Taschentuch aus der Verpackung und putzte sich schnaubend die Nase.
„Oh nein. Ich bin krank. Warum muss mir das gerade heute passieren? Ich hab doch keine Zeit für eine Grippe.“
Noch einmal nieste er und hustete gleich ein paar mal hinterher.
„Ich muss doch noch arbeiten.“
Er sah auf dem Kalender. Es war der fünfte Dezember. Die Uhr an der Wand schlug sechs Uhr am Abend.
„Die Kinder werden traurig sein, wenn sie ihre Lieferung nicht pünktlich bekommen.“
Klaus rappelte sich hoch, schleppte sich zur Garderobe und holte seinen roten Mantel hervor. Doch dann begannen seine schwachen Beine zu zittern und zwangen ihn, sich wieder in seinen Sessel zu setzen.
„Ach, es hat keinen Sinn. Ich kann heute nicht der Nikolaus sein.“
Klaus seufzte laut, schnäuzte in sein Taschentuch und wünschte sich einen warmen Tee herbei. Doch die Küche war ein paar Meter entfernt und er fühlte sich nicht kräftig genug, um hinüber zu gehen.
Langsam beugte er sich zum Schreibtisch rüber und zog sein Telefonbuch zu sich. Er blätterte durch die Seiten.
„Irgendwer muss mir helfen. Einer meiner Freunde muss den Job dieses Jahr für mich übernehmen.“
Es dauerte eine Weile, bis er jemanden fand, der bereits Erfahrungen im Verteilen von Geschenken hatte. Also zog Klaus sein Handy aus der Hosentasche und wählte die passende Nummer.
„Olli?“, fragte Klaus.
„Olli, bist du das? Ich versteh dich so schlecht. Ich hab eine Grippe und kann nicht so gut hören. Kannst du bitte schnell zu mir kommen? Ich brauche unbedingt deine Hilfe.“
Olli sagte tatsächlich zu und machte sich, zur Erleichterung des Nikolauses, sofort auf den Weg. Es dauerte nur eine halbe Stunde, bis er an die Tür klopfte.
„Komm rein.“, rief Klaus.
„Die Tür ist offen.“
Olli trat ein, klopfte sich den Schnee von den Füßen und hüpfte besorgt ins Wohnzimmer.
„Klaus, was ist denn los? Kannst du etwa nicht zur Arbeit? Heute ist doch dein großer Tag.“
Klaus schüttelte den Kopf und hielt seinem Freund ein Thermometer unter die Nase.
„Ich hab sogar Fieber. Das ist mir noch nie passiert.“
Olli sah auf die Anzeige.
„Du kannst auf keinen Fall arbeiten. Dafür bist du eindeutig zu krank. Das werde dieses Jahr ich für dich machen.“
Klaus seufzte erleichtert.
„Danke, mein Freund. Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann.“
Olli grinste.
„Wir arbeiten doch beide das Gleiche. Wir beschenken die Kinder dieser Welt. Was spielt es da für eine Rolle, ich das zu Ostern mit einem Berg Eiern mache oder zu Nikolaus mit Schokolade?“
Olli der Osterhase schnappte sich den großen Sack des Nikolauses und hüpfte damit in den Schnee hinaus.

(c) 2012, Marco Wittler

406. Die Weihnachtsengel

Die Weihnachtsengel

Ganz weit oben im Himmel saßen zwei Engel und langweilten sich. Jeden Tag putzten sie ihre goldenen Heiligenscheine, spielten Musik auf der Harfe und hüpften von Wolke zu Wolke.
»Mir so langweilig.«, beschwerte sich der erste Engel.
»Jeden Tag sitzen wir hier oben und machen ständig die gleichen Sachen. Können wir denn nicht mal etwas Neues unternehmen?«
»Du hast ja so Recht.«, stimmte der zweite Engel zu.
»Ich möchte auch mal etwas Spannendes erleben, vielleicht ein Abenteuer oder einfach nur etwas sehen, dass ich noch nicht kenne. Aber wo? Hier im Himmel gibt es ja nur Wolken, Engel und Harfen.«
Den Beiden wollte einfach nichts einfallen, bis ihr Blick zur Erde hinab fiel.
»Oh, was ist denn da unten los?« fragte sich der erste Engel und besah das bunte Treiben der Menschen mit großem Interesse.
»Sie feiern Weihnachten.«, antwortete der zweite Engel.
»Das machen sie jedes Jahr. Familien und Freunde treffen sich, schmücken ihre Wohnstuben und beschenken sich gegenseitig. Es ist das schönste Fest, das sie kennen.«
»Das sollten wir mal genauer anschauen.«
Und so flogen die beiden zur Erde hinunter.

Als die beiden Engel in einer kleinen Stadt angekommen waren, versteckten sie ihre Flügel unter ihrem Hemden, um nicht aufzufallen. Sie gingen durch die Straßen und blickten immer wieder neugierig durch die Fenster in die Wohnstuben. Tatsächlich wurde überall Weihnachten gefeiert. Die Menschen saßen an reich gedeckten Tischen, aßen, lachten und sangen gemeinsam Lieder.
Doch dann entdeckten sie ein großes Gebäude mit vielen Fenstern, in dem es nicht so feierlich aussah. Hinter allen Fenstern saßen traurige Kinder.
Die Engel konnten das nicht verstehen. Weihnachten war doch das schönste Fest der Welt. Wie konnte man an so einem Tag nur traurig sein? Also klopften sie an, um sich nach dem Grund zu erkundigen.
Eine Frau öffnete ihnen die Tür und beantwortete alle Fragen.
»Dies ist ein Kinderheim. Bei uns leben Kinder, die keine Eltern mehr haben. Weil niemand an sie denkt und wir auch nicht viel Geld haben, bekommen sie leider keine Weihnachtsgeschenke. Deswegen ist das für sie der schlimmste Tag im Jahr.«
Das war unglaublich. Die Engel hörten es, wollten es aber nicht glauben. Keine Geschenke? Das durfte es einfach nicht geben. Sofort flogen sie zurück in den Himmel, setzten sich auf eine Wolken und dachten darüber nach, wie sie den Kindern doch noch ein schönes Fest bereiten konnten.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ihnen tatsächlich etwas einfiel.
»Genau. So machen wir es.«, beschlossen die Engel.
Sie nahmen sich einen großen Sack, stopften eine Wolke hinein und flogen damit wieder zur Erde hinab.
»Da vorne ist ein Weihnachtsmarkt. Die Menschen geben dort sehr viel Geld aus. Da werden sie bestimmt auch noch etwas für uns übrig haben.«
Sie landeten ungesehen hinter einem großen Baum. Dort verkleideten sie sich als Händler und stellten sich dann zwischen die unzähligen Verkäufer.
»Zuckerwatte! Frische Zuckerwatte.«, riefen die Engel.
»Nur unsere Zuckerwatte schmeckt himmlisch lecker.«
Die Menschen, die sich auf dem Weihnachtsmarkt aufhielten, blieben stehen und kauften die Zuckerwatte, die eigentlich eine Wolke war. Es dauerte nur ein paar Minuten bis der Sack der Engel leer war.
»Jetzt haben wir genug Geld, um den Kindern eine Freude zu bereiten.«
Sie flogen in die Stadt und kauften so viel Spielzeug von ihrem Geld, wie sie nur tragen konnten. Sie brachten alles zum Kinderheim, schlichen sich heimlich hinein und verteilten das Spielzeug in den Schlafzimmern der Kinder.
»Jetzt werden die Kinder auch ein schönes Weihnachtsfest erleben.«, sagten sich die zufriedenen Engel.
»Das werden wir von nun an jedes Jahr machen.«

(c) 2012, Marco Wittler

404. Papas Geburtstagsgeschenk

Papas Geburtstagsgeschenk

Es sollte bald so weit sein. Der Tag war auf dem Kalender rot markiert. Papas Geburtstag. Schon seit einer ganzen Woche dachten die seine beiden Kinder Mira und Jonas darüber nach, womit sie ihm eine kleine Freude machen konnten. Es wollte ihnen allerdings nichts Passendes einfallen.
»Du Mama?«, fragten sie schließlich am Tag vor der großen Feier.
»Kannst du uns nicht helfen? Es fällt uns einfach kein Geschenk für Papa ein.«
Aber Mama hatte auch keine Idee.
»Vielleicht solltet ihr ihn selbst fragen. Der Papa weiß schließlich am Besten, was ihm gefällt.«
»Hm.«, murmelte Mira.
»Das könnte funktionieren. Wir fragen ihn nachher beim Einkaufen.«
Zwei Stunden später befand sich die Familie im Supermarkt. Papa schob den Einkaufswagen vor sich her, den Mama immer wieder mit ein paar Dingen füllte.
»Papa?«, fragte Jonas.
»Wie gefällt dir denn dieses Feuerwehrauto? Damit würdest du doch ganz bestimmt gerne spielen.«
Papa grinste und lehnte ab.
»Und wie wäre es damit?«
Mira hielt ihm eine Puppe in Prinzessinnenkostüm unter die Nase.
»Die ist sooo toll. Wenn du die hättest, könnten wir den ganzen Tag zusammen Teeparty im Schloss spielen.«
Aber auch das war nicht so ganz Papas Geschmack.
In der nächsten halben Stunde holten die Kinder immer mehr Sachen aus der Spielzeugabteilung heran, die ihnen selbst gut gefielen. Es gab Kuscheltiere, Kreisel, Fußballsammelkarten, kleine Hosentaschenponys, Spielzeugautos und vieles mehr. Aber irgendwie war nie das Richtige dabei.
»Puh.«
Mira setzte sich auf eine Pausenbank.
»Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, ein Geschenk für Papa zu finden. Der macht es uns gar nicht so einfach.«
Jonas, der sich neben sie gesetzt hatte, nickte erschöpft.
»Na, was ist mit euch? Macht ihr schon schlapp?«, fragte Papa.
»Wir müssen noch in die Kühlabteilung.«
»Daran liegt es nicht.«, erklärte Jonas.
»Wir wissen nur einfach nicht, was wir dir zum Geburtstag schenken sollen.«
Er seufzte.
»Ach je. Wisst ihr was?«, sagte Papa und setzte sich seinen Kindern auf die Bank.
»Ich bin so glücklich, dass wir eine Familie sind, dass ihr selbst die wunderbarsten Geschenke seid, die man sich nur vorstellen kann. Und wenn ihr dann auch versucht, so oft wie möglich artig zu sein, dann geht’s mir richtig gut.«
Mama nickte grinsend.
»Genau so seh ich das auch. Lieb und artig mag ich euch auch am Liebsten.«
Die Kinder dachten darüber nach. Nur wenige Augenblicke später hatte Mira plötzlich eine großartige Idee.

Einen Tag später saßen Mama, Papa, Oma und Opa am Kaffeetisch und wollten sich schon über den Kuchen her machen.
»Wo sind eigentlich die Kinder?«, wunderte sich Papa.
»Sie sind doch sonst immer die ersten, wenn es was zu Futtern gibt.«
»Das muss wohl an ihrem Geschenk liegen.«
Mama stand auf und holte einen riesigen Pappkarton, der mit einer roten Schleife umwickelt war, aus der Küche.
»Das soll ich dir von ihnen geben.«
Papa war erstaunt. Mit so einem großen Geschenk hatte er gar nicht gerechnet. Ganz neugierig stand er auf und öffnete das Paket.
»Alles Gute zum Geburtstag«, ertönte es, als er darin Mira und Jonas entdeckte.
»Das ist das eine tolle Überraschung.«, freute er sich und drückte seine Kinder an sich.
»Ich hab es euch ja gesagt. Ihr seid für mich das allerbeste Geschenk, das ich mir überhaupt vorstellen kann.«

(c) 2012, Marco Wittler

357. Das richtige Geschenk

Das richtige Geschenk

Hannah konnte es kaum noch erwarten. Nur noch einmal schlafen, dann durfte sie endlich ihr Geschenk auspacken.
»Hoffentlich bekomme ich dieses Jahr etwas Schönes. Letztes Weihnachten hat das Christkind auch schon daneben gelegen. Vielleicht sollte ich mal nachschauen gehen.«
Schon von den Jahren vorher wusste sie, dass das Christkind bereits ein paar Tage im Voraus die Geschenke ablieferte. Sie langen dann die restliche Zeit in der Abstellkammer auf dem obersten Regalbrett. Hannah schlich also auf Zehenspitzen durch den Flur und öffnete heimlich die Tür, die so kurz vor Weihnachten verboten war.
»Da sind sie.«, flüsterte sie und sah nach oben.
Sie nahm sich einen Hocker und kletterte darauf. Mit spitzen Fingern erreichte sie die Pakete und holte sie einzeln herunter.
»Welches ist denn für mich?«, fragte sie sich und las die Namensschilder.
Als sie ihr Geschenk gefunden hatte, öffnete sie ganz vorsichtig die Klebestreifen. Unter dem bunten Papier kam ein Schminkset zum Vorschein.
»Sieht ja ganz nett aus, aber da gibt es bestimmt noch was Besseres.«
Sie nahm sich das nächste Geschenk vor. Auf dem Schild stand in großen Buchstaben das Wort ›MAMA‹.
Hannah öffnete es trotzdem und sah hinein.
»Ein Brettspiel. Das ist ja cool. Warum bekommt Mama eigentlich immer die Schönsten Geschenke?«
Während sie die Geschenke behutsam wieder verpackte, dachte sie nach.
»Mama wird eh noch nicht wissen, was sie vom Christkind bekommt. Ich werde einfach die Schilder vertauschen. Dann gehört das Spiel mir.«
Ein paar Minuten später verschwand Hannah grinsend in ihrem Kinderzimmer.

Weihnachten. Endlich war es so weit. Der Baum stand geschmückt im Wohnzimmer und das Fest hatte begonnen. Die ganze Familie saß gemeinsam am Esstisch und aß die letzten Reste der Nachspeise.
»Dürfen wir jetzt die Geschenke aufmachen?«, fragte Hannah ungeduldig.
Endlich nickte Mama. Also standen sie alle auf und versammelten sich vor dem Weihnachtsbaum. Hannah stürzte sich sofort auf das Geschenk, welches ihr Namensschild trug und riss die Verpackung auf.
»Ein Brettspiel.«, rief das Mädchen begeisterst.
»Das habe ich mir schon immer gewünscht. Ich werd es gleich mal ausprobieren.«
Schnell packte sie ihre Beute unter den Arm und lief damit in ihr Zimmer.
Mama grinste, denn ihr Plan hatte funktioniert. Zufrieden öffnete sie ihr eigenes Geschenk und holte ihr neues Schminkset hervor.
»Wenn ich bloß wüsste, warum sie immer meine Geschenke zu Weihnachten haben will.«
Papa stimmte ihr zu.
»Da war es doch eine prima Idee, an Hannahs Brettspiel deinen Namen zu hängen.«

(c) 2010, Marco Wittler

355. Ein ganz besonderes Geschenk

Ein ganz besonderes Geschenk

Lena hielt sich an Omas Hand fest. Gemeinsam liefen sie durch die völlig überfüllte Innenstadt. Die Menschen schienen an diesem Heiligabend noch unbedingt Geschenke kaufen zu müssen.
»Ist das an Weihnachten immer so voll hier?«, fragte Lena neugierig.
Oma nickte angestrengt und versuchte, sich und ihre Enkelin unbeschadet an einem Mann mit Tannenbaum vorbei zu manövrieren.
Nach und nach betraten sie die Geschäfte in der Fußgängerzone. Darunter waren ein Laden für Geschenkartikel, eine Parfümerie, ein Juwelier und ein großes Kaufhaus. Lena ging überall mit prüfendem Blick an den Regalen vorbei. Mal hielt sie ein Duschgel in der Hand, mal eine Schneekugel. Einen singenden Elch mit Sonnenbrille fand sie sehr witzig, aber auch das war nicht das Richtige.
»Ich will Mama doch ein ganz besonderes Geschenk zu Weihnachten machen. Ich kann es aber nicht finden.«
Enttäuscht sah sie Oma an und seufzte.
»Lass uns wieder nach Hause fahren. Ich werd Mama wohl doch nichts anderes als ein gemaltes Bild schenken können.«
Also fuhren Oma und Lena wieder nach Hause.

Lena hatte mittlerweile ein schönes Weihnachtsbild für Mama gemalt und langweilte sich nun. Ein Blick aus dem Fenster brachte sie dann aber auf eine andere Idee. Der viele Schnee im Garten lockte.
»Ich geh nach draußen bis Weihnachten anfängt.«, rief sie ins Wohnzimmer.
»Aber bleib nicht zu lange. Es ist ganz schön kalt geworden.«, antwortete Mama, die gerade den Weihnachtsbaum schmückte.
Lena zog sich also ihre dicke Jacke, die Mütze und Handschuhe an und lief in den Garten.
Der tiefe Schnee lud richtig dazu ein, einen Schneemann zu bauen. Das kleine Mädchen formte ein paar große Kugeln und stapelte sie übereinander. Fehlten nur noch zwei große Grillkohlen als Augen, fünf kleine nebeneinander als Mund und eine lange Möhre in der Mitte als Nase. Fertig war das Schneekunstwerk.
»Lena, komm rein, wir wollen essen!«, rief Mama aus dem Küchenfenster.
»Ich komme!«, antwortete Lena.
Sie stapfte zurück zum Haus. Als sie an Mamas Blumenbeet vorbei kam, blieb sie stehen.
»Huch, was ist denn das?«
Lena ging einen Schritt näher und schüttelte den Schnee von einer Blume. Darunter kam eine rote Rosenblüte zum Vorschein, die noch frisch aussah.
»Wie schön. Da hat uns der Sommer einen letzten Gruß hinterlassen.«
In diesem Moment kam Lena eine Idee. Sie brach die Blüte samt Stil ab und ging ins Haus.
»Das ist das perfekte Geschenk für Mama. Sie wird sich riesig über eine ihrer Lieblingsrosen freuen.«
Grinsend legte sie ihre Wintersachen ab, flitzte ins Kinderzimmer und holte das Bild. Zufällig hatte sie darauf eine Rose gemalt. Mit ihren Sachen lief sie ins Wohnzimmer und übergab Mama ihr Geschenk.
»Fröhliche Weihnachten, Mama.«
Mama sah die Rose und musste sofort erfreut lächeln.
»Ist das etwa …?«, fragte sie.
»Ja, das ist eine von deinen Gartenrosen.«, erklärte Lena.
Mama drückte ihre Tochter an sich.
»Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk von allen. Ich hab dich lieb.«

(c) 2010, Marco Wittler

317. Der Geschenkekobold

Der Geschenkekobold

Sophie-Louise war aufgeregt, den heute hatte sie Geburtstag.
Gerade in diesem Moment kamen ihre kleinen Gäste und jeder hatte ein hübsch verpacktes Geschenk in Händen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, sagten sie nacheinander und legten ihre Pakete auf einen großen Tisch.
»Wir packen sie aus, wenn wir Kuchen gegessene haben.«, entschied Sophie-Louise.
Also setzten sich die Kinder an den Esstisch und verdrückten bergeweise Kuchen, Muffins und alles, was irgendwie essbar aussah. Dabei wurde viel gelacht und sie hatten alle eine Menge Spaß.
»So, jetzt packe ich die Geschenke aus.«, entschied Sophie-Louise.
Sie stand auf und lief zum Gabentisch. Ihre Freunde rannten alle hinterher. Doch plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen. Die Geschenke waren plötzlich verschwunden.
»Mama.«, rief Sophie-Louise verwirrt.
Doch auch Mama konnte sich das alles nicht erklären.
»Da treibt aber jemand einen ganz besonders gemeinen Schabernack. Müssen wir wohl das ganze Haus durchsuchen.«
Und schon verteilten sich die Kinder. Sie suchten in Ecken und Schränken. Fündig wurden sie allerdings nicht. Nicht einmal unter den Betten war etwas zu finden.
Doch plötzlich machte Sophie-Louise eine Entdeckung. In einer Flurwand war eine Geheimtür eingelassen, die nicht richtig geschlossen worden war.
Vorsichtig zog sie mit dem Finger daran und öffnete sie. Und was kam dabei zum Vorschein? Richtig. Die Geschenke. Und dazwischen saß ein kleiner, traurig ausschauender Kobold.
»Ich hab doch heute auch Geburtstag. Und niemand schenkt mir etwas.«, sagte er mit weinerlicher Stimme.
Inzwischen waren auch die anderen Kinder aufgetaucht. Gemeinsam überlegten und beratschlagten sie sich.
Am Ende schlug dann Mama etwas vor.
»Wenn du die Geschenke wieder ihrer richtigen Besitzerin zurück gibst, werden wir dich auch beschenken.«
Der Kobold schaute die Menschen misstrauisch an, willigte dann aber trotzdem ein.
Die Kinder jubelten. Sie machten sich sofort auf die Suche nach kleinen, hübschen Geschenken, die sie in Windeseile einpackten.
Nach ein paar Minuten waren sie fertig und übergaben sie dem Kobold, der sich noch nie in seinem Leben so sehr über etwas gefreut hatte.
»Und jetzt machen wir unsere Geschenke auf«, sagte Sophie-Louise.
Gemeinsam rissen die beiden Geburtstagskinder das Geschenkpapier auf und bestaunten ihre Geschenke.

(c) 2010, Marco Wittler

292. Die unerwartete Weihnachtsüberraschung oder „Papa, wer beschenkt den Weihnachtsmann?“ (Papa erklärt die Welt 31)

Die unerwartete Weihnachtsüberraschung
oder ›Papa, wer beschenkt den Weihnachtsmann?‹

Sofie saß auf dem Sofa und blätterte durch einen Bestellkatalog. Fast auf jeder Seite fand sie etwas für ihren Wunschzettel.
Da gab es rosa Bettwäsche, kleine Ponys für ihre Puppen, ein neues Brettspiel, Hörspiele und noch vieles mehr.
»Oh je, was soll ich mir denn jetzt aussuchen? Das gefällt mir doch alles.«
Aber Papa hatte darauf bestanden, dass der Wunschzettel nicht zu lang werden dürfe.
»Na? Kommst du gut voran?«, fragte plötzlich Papa, der durch die Tür ins Wohnzimmer sah.
»Und denk daran. Wenn du dir zu  viel wünschst, glaubt der Weihnachtsmann, dass du gierig bist. Dann kommt er dieses Jahr gar nicht zu uns.«
Sofie beherzigte diese Worte, seufzte und holte wieder ein paar Merkzettel aus dem Katalog heraus. Am Ende entschied sie sich für ein Puppenhaus und ein neues Hörspiel. Da sie aber noch nicht schreiben konnte, malte sie die beiden  Dinge auf ihren Wunschzettel und packte ihn dann in einen Umschlag.
»Ich bin fertig.«
Nur wenige Sekunden später kam Papa zu ihr.
»Dann bringe ich das mal schnell zur Post, sonst kommt dein Brief zu spät am Nordpol an. Dann liegen deine Geschenke erst Silvester unter dem Baum.
»Auf keinen Fall. Fahr ganz schnell zum Briefkasten.«
Sofie runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Papa bemerkte es sofort und seufzte. Er wusste genau, was nun geschehen würde. Er würde wohl doch noch nicht zur Post fahren können.
»Papa, wer beschenkt eigentlich den Weihnachtsmann?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Weihnachtsmann. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal der Weihnachtsmann. Er lebte weit weg von den Menschen in einem kleinen Haus am Nordpol. Dort verbrachte er das ganze Jahr, bastelte mit seinen Elfen Geschenke für die braven Kinder und fütterte jeden Morgen seine neun Rentiere.
Erst in der Weihnachtsnacht, ließ er seinen großen Schlitten anspannen und flog dann um die ganze Welt, um die einzelnen Geschenke zu verteilen. Und so war es auch in diesem Jahr.
»Es ist ja schon wieder so weit.«, sagte der Weihnachtsmann zu seinen Elfen.
»Morgen Nacht geht es wieder auf große Tour. Habt ihr schon meinen Reiseplan fertig und die Geschenke in meinen großen Sack sortiert? Ich bin ja schon so aufgeregt. Irgendwie ist es immer wie beim ersten Mal. Hoffentlich schlafen auch alle Kinder, wenn es los geht.«
Dann streichelte er seinen dicken Bauch und dachte dabei schon an die vielen leckeren Kekse und die Milch, die er als Dankeschön vor den Christbäumen fand.
»Wie gut, dass ich den Sommer über Diät gehalten habe. Da darf ich mir dann auch mal was Süßes gönnen.«
Da fing er selbst an zu lachen und die Elfen stimmten munter mit ein. Denn der Bauch des Weihnachtsmannes war in den letzten Monaten nicht um einen einzigen Zentimeter dünner geworden.
»Doch bevor es los geht, werde ich noch ein wenig trainieren gehen.«
Dann zog er sich seinen roten Mantel über und kletterte ein paar Mal in seinem Trainingskamin rauf und runter.

Am nächsten Abend waren sie dann alle vorbereitet. Rudolph und die anderen Rentiere Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen hatte ihre Geschirre angelegt bekommen. Der riesige Schlitten stand beladen hinter ihnen. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann.
»Ich komme noch zu spät.«, rief er verzweifelt.
»Aber ich kann noch nicht los. Ich finde das wichtigste Geschenk nicht.«
Die Elfen beruhigten ihn aber wieder.
»Es ist alles in Ordnung. Kümmer dich um deine Flugtour. In der Zeit suchen wir es. Wenn du zurück bist, liegt es auf deinem Schreibtisch.«
Und los ging der wilde Flug. Es ging über die eisigen Felder des Nordpols, hinweg über die verschneiten Länder. Durch jeden Kamin wurden Geschenke gebracht. Sogar in den kleinsten Hütten im warmen Afrika wurden die Kinder glücklich gemacht. Innerhalb kürzester Zeit war alles erledigt.
Kurz vor Sonnenaufgang landete der Schlitten wieder vor dem großen Haus des Weihnachtsmannes.
Müde und erledigt öffnete der Weihnachtsmann seine Tür und ließ sich ein paar Meter weiter in seinen Sessel fallen.
»Das war ganz schön anstrengend. Aber ich habe es mal wieder geschafft.«
In diesem Moment klopfte es und ein lang erwarteter Gast trat ein.
»Ich gratuliere dir, mein Freund. Wieder einmal hast du die Kinder der ganzen Welt beschenkt. Dafür hast du dir aber auch selbst etwas verdient.«
Es war, ob man es glauben mag oder nicht, der Osterhase. Er setzte sich zum Weihnachtsmann und schob ihm ein kleines Päckchen mit einer großen Schleife zu.
»Das ist für dich.«
Der Weihnachtsmann konnte es kaum erwarten und öffnete seine Geschenk sofort.
»Du meine Güte. Das sind ja neue Socken. Sogar in rot. Das ist doch meine Lieblingsfarbe.«
Mit großer Freude bedankte er sich beim Osterhasen und drückte ihn an sich.
»Die hebe ich mir für nächstes Jahr auf. Dann kommen sie über den Kamin. Ich hoffe mal, dass mir dann der Nikolaus ein paar leckere Kekse hinein steckt.«
Dann ging er schnell zu seinem Schreibtisch und holte das Geschenk für seinen Freund.
»Und das hier ist für dich.«
Der Osterhase beäugte zunächst das Päckchen von allen Seiten, bevor er es langsam und bedächtig öffnete.
»Schau mal einer an. Das sind ja neue Ohrenschützer für den Winter. Das freut mich aber sehr.«
Er setzte sich sofort aus und probierte sie gleich draußen vor der Türe aus. Denn am Ende jeder heiligen Nacht veranstaltete er mit dem Weihnachtsmann und seinen Elfen eine große Schneeballschlacht.

»Er bekommt sein Geschenk vom Osterhasen?«, fragte Sofie ungläubig.
»Davon habe ich ja noch nie gehört. Woher weißt du das denn?«
Papa wurde rot im Gesicht.
»Naja. Es ist schon ziemlich lange her. Aber früher war ich mal einer dieser Elfen und habe dem Weihnachtsmann geholfen, die Geschenke zu basteln.«
Da musste Sofie lachen und drückte Papa an sich.
»Die Geschichte war prima. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.

(c) 2009, Marco Wittler

160. Ein kleines Geschenk

Das kleine Geschenk

Es war Weihnachten. Das sollte eigentlich ein Grund zur Freude sein, doch den meisten Familienmitgliedern graute es vor diesen Feiertagen. Unzählige Verwandte kamen zu Besuch, redeten viel miteinander, beachteten die Kinder nicht und blieben manchmal sogar über Nacht.
Und Kinder gab es dann auch viel mehr als üblich unter diesem Dach. Normalerweise lebten hier Lea, Anna, Timo, Daniel und Sophie. An Weihnachten kamen aber noch ein paar Andere. Onkel Heinz hatte drei, die Tanten Elli und Ina jeweils zwei und Onkel Friedrich sogar vier Kinder. Insgesamt würden dann also sechzehn Kinder durch das Haus wuseln.
Es klingelte an der Tür und die ersten Gäste trafen ein. Sie stapelten im Flur ihre Jacken und die vielen Geschenke und verteilten sich dann auf den viel zu wenigen Sitzplätzen im Wohnzimmer.
»Wir haben dieses Jahr extra einen dritten Tisch gekauft und ins Esszimmer gestellt. Jetzt sollten wir alle gleichzeitig essen können.«, berichtete Papa sofort und wiederholte sich bei jedem weiteren Verwandten, der neu ankam.
Die Kinder verkrochen sich in den Kinderzimmern und spielten und zankten miteinander.
»Oma hat mich lieber als dich.«, war eine Stimme zu hören.
»Ich bekomme eh das größte und teuerste Geschenk von allen.«, ertönte eine weitere.
»Immer das Gleiche.«, stöhnte Mama, als sie das hörte, während sie in die Küche ging und nach dem Essen sah, an dem ihre zwei Schwestern bereits eifrig kochten.
»Aber in drei Tagen ist ja alles vorbei.«
Ein letztes Mal klingelte es an der Tür. Alle Erwachsenen und Kinder verstummten. Selbst Oma, die im gemütlichsten Sessel Platz genommen hatte, sah sich unsicher um. Fehlte denn noch jemand? Eigentlich war die Familie vollständig anwesend.
Papa ging an die Tür und sah zuerst durch das Guckloch. Sehen konnte er allerdings niemanden. Er öffnete vorsichtig die Tür und entdeckte zur großen Überraschung seine Tante Erika, die es sich auf einer Bank neben dem Eingang gemütlich gemacht hatte.
»Das wurde aber auch Zeit. Ich dachte schon, es macht mir keiner auf. Fast wäre ich hier fest gefroren.«
Sie stand auf und kam herein.
»Aber Tante Erika, was machst du denn hier?«, wunderte sich Papa.
»Du hast mich doch eingeladen, oder etwa nicht? Also bin ich gekommen.«, antwortete sie bissig.
Papa wunderte sich noch immer.
»Du hast doch meine Einladungen bisher nie angenommen.«
»Dann wurde es ja höchste Zeit. Willst du mir nicht aus meinem Mantel helfen?«
Aber da hatte sie ihn bereits selber ausgezogen.
Tante Erika betrat das Wohnzimmer und sah sich um. Inzwischen waren auch alle Kinder aus der oberen Etage herunter gekommen und sahen sich neugierig den unerwarteten Gast an.
»Was glotzt ihr denn so? Ihr habt mich doch alle schon einmal gesehen. Also macht nervt mich nicht.«
Sie scheuchte Oma aus ihrem Sessel und machte sich dort breit.
»Ich bin die Älteste in der Familie und habe den gemütlichsten Platz verdient.«, rechtfertigte sie sich.
»Das wird ja ein spannendes Weihnachtsfest.«, grummelte Papa, während er in den Keller ging, um einen weiteren Stuhl aus dem Keller zu holen.

Das Essen verlief ruhig und still. Kaum jemand sprach ein Wort. Jeder blickte stumm auf seinen Teller und aß, was auf den Tisch kam. Zu groß war die Angst, von Tante Erika beschimpft zu werden. Denn das tat sich nur zu gern.
Nach dem Essen zündete Mama ein paar Kerzen im Wohnzimmer an und schaltete das Licht ab. Im Hintergrund waren leise Weihnachtslieder aus der Musikanlage zu hören.
»Es ist Zeit für die Bescherung Kinder. Kommt her und sucht euch eure Geschenke.«
Doch Tante Erika schien das nicht zu gefallen.
»Wie denn? Geschenke? Einfach so? Das hätte es früher nicht gegeben. Zuerst werdet ihr nacheinander ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen, sonst bekommt ihr gar nichts.«
Die Kinder wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollten. Sie hatten doch keine Gedichte gelernt. Also schlichen sie zum Bücherschrank und suchten nach einem Liederbuch, aus dem sie kurz darauf gemeinsam etwas sangen.
»Dürfen wir jetzt bitte unsere Geschenke auspacken?«, fragte Lea vorsichtig.
Tante Erika nickte zufrieden und trank ein paar Schlucke aus ihrem Weinglas.
»So muss Weihnachten einfach sein. Die ganze Familie ist beieinander und die Kinder machen noch etwas für ihre Geschenke.«
Das Reißen von Papier war zu hören und die Kinder freuten sich über die vielen Geschenke. Schnell war die schlechte Laune vergessen und sie begannen auf dem dicken Teppich im Wohnzimmer zu spielen. Doch das war wieder ein großer Fehler.
»Wie lange wollt ihr mich denn damit stören? Geht gefälligst in die Kinderzimmer und macht die Türen hinter euch zu. Das kann ja kein Mensch ertragen.«
Wie ein Soldat, der einen Befehl erhalten hatte, gingen die Kinder die Treppe hoch und spielten so leise wie es nur eben ging. Doch ein paar von ihnen trauten sich nicht einmal mehr das.
»Das ist doch das schrecklichste Weihnachten, dass ich je erlebt habe. Warum haben wir nur so gemeine Verwandte in der Familie. Das ist so ungerecht. Papa hätte Tante Erika gar nicht erst einladen dürfen.«
Anna sagte das, was alle Kinder dachten.
»Wir bleiben einfach hier oben, bis sie wieder verschwindet.«
Es klopfte an der Tür und Mama steckte ihren Kopf in das Zimmer.
»Tante Erika erwartet von euch noch ein Geschenk. Sie sagt, dass es sich nicht gehört, wenn die Kinder dem ältesten Familienmitglied nichts schenken.«
Sie sah den Kindern an, sie sehr ihnen das missfiel.
»Es tut mir leid. Aber Papa hatte keine andere Wahl. Sie gehört zur Familie. Deswegen muss er sie jedes Jahr einladen. Es wäre noch schlimmer, wenn er es nicht getan hätte. Dann wäre sie trotzdem gekommen und würde den ganzen Tag mit jedem von uns schimpfen. Ich kann verstehen wie ihr euch fühlt.«
Sie schloss die Türe wieder und lies die Kinder allein.
»Ich werde ihr nichts schenken.«, sagte Lea.
»Von mir aus kann sie auf ein Geschenk warten, bis es in der Wüste schneit.«, schloss sich Daniel an. Die anderen Kinder waren der gleichen Meinung.
Sie wischten die Gedanken an Tante Erika beiseite und begannen wieder zu spielen.

Eine Stunde später wurden die Kinder ins Wohnzimmer gerufen. Tante Erika wartete auf ihr Geschenk.
»Ich habe kein Geschenk für dich.«, sagte Leon selbstbewusst.
»Ich will dir nichts schenken, weil du den ganzen Tag so gemein zu uns warst.«, kam von Leonie.
Und so hatte jedes Kind etwas zu sagen.
Tante Erika wurde wütend und ihr Gesicht lief rot an. Rote Gesichter bekamen auch alle anderen Erwachsenen. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass die Kinder so handeln würden. Doch dann trat Anna schüchtern vor und hielt ein kleines Kästchen in der Hand.
»Ich habe ein Geschenk für dich. Und ich hoffe, dass es dir gefällt.«
Sie legte es auf den Tisch und stellte sich zurück.
Tante Erika nahm das Kästchen ungläubig in die Hand, öffnete es vorsichtig und sah hinein. Im Innern lag ein kleines Herz aus roter Knete. Sie nahm es heraus und besah es sich von allen Seiten.
»Ich möchte dir Freundschaft und Liebe schenken.«, erklärte Anna.
»Du magst vielleicht mit jedem von uns geschimpft haben und alle hier im Haus haben Angst vor dir. Aber vielleicht liegt das ja auch daran, dass dich niemand von uns im ganzen Jahr besuchen kommt und du immer allein bist. Das kleine Herz soll dir aber zeigen, dass du nicht allein bist. Wir sind deine Familie und wir haben dich trotzdem lieb.«
Tante Erika wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Dicke Tränen kullerten ihr plötzlich an der Wange herab und sie schluchzte wie ein Schlosshund. Auch die anderen Erwachsenen hatten einen dicken Kloß im Hals.
»Ja, wir lieben dich wirklich.«, hörte sich Papa plötzlich sagen. Er stand auf und umarmte seine Tante. Und dann taten sie es ihm alle gleich. Nach und nach ging jeder Verwandte zu Erika und drückte sie an sich.

Etwas später am Abend, als alle anderen Familienmitglieder schon verschwunden waren, brachten Papa und Anna Tante Erika zur Tür.
»Mein liebes Kind, du hast dafür gesorgt, dass ich in diesem Jahr das schönste Weihnachtsfest meines ganzen Lebens erlebt habe. Für dein kleines Geschenk danke ich dir sehr und ich werde dafür einen ganz besonderen Platz in meiner Wohnung finden.«
Anna lächelte und Tante Erika lächelte zurück.
»Und ich komme dich bald mit allen anderen Kindern besuchen. Dann werden wir bestimmt eine ganze Menge zusammen unternehmen.«
Tante Erika nickte zufrieden.
»Darauf freue ich mich schon sehr. Ich kann es kaum erwarten.«

(c) 2008, Marco Wittler