165. In der Geisterbahn

In der Geisterbahn

Paul und Tim standen in einer großen Menschengruppe. Sie befanden sich auf einer großen Kirmes, die sich seit gestern in der Stadt befand. Vor ihnen ragte ein großes Fahrgeschäft auf. An den Seiten hingen große schaurige Wesen und über dem Eingang saß ein Monster mit langen Zähnen. Es war eine Geisterbahn.
»Willst du da wirklich rein gehen?«, fragte Tim.
»Aber natürlich. Das wird richtig cool. Oder hast du etwa Angst?«
Sofort schüttelte Tim den Kopf.
»Ich und Angst? Auf keinen Fall. Ich wollte nur sicher gehen, dass du es dir nicht im letzten Moment anders überlegst.«
Gemeinsam gingen sie zur Kasse und kauften sich die Eintrittkarten.
Nun dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Schlange vor ihnen kürzer wurden und sie an der Reihe waren. Doch nach zehn Minuten durften sie sich in ihren Wagen setzen. Ein paar Sekunden später setzte sich ihr Gefährt in Bewegung.
Mit einem Ruck knallten sie gegen eiserne Tore, die durch die Wucht auf schwangen. Die beiden Jungs wurden augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt.
Hin und her ging die Fahrt, hinauf und herunter. Zu sehen war allerdings nichts. Doch plötzlich blitzte es von allen Seiten hell auf. Die Jungs mussten sich die Augen zuhalten. Als es vorbei war, fuhren sie durch die nächste Tür und fanden sich zwischen Furcht erregenden Figuren wieder, die hin und wieder nach dem Wagen griffen.
Von der Decke fielen Spinnen herab und kleine Monster schwangen sich über die Strecke hinweg.
Tim erschrak sich immer wieder, traute sich aber nicht, zu laut zu quietschen. Er hatte Angst, dass sich Paul über ihn lustig machen würde.
Hätte er einen Blick zur Seite gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass Paul sich vor Angst nur noch die Augen zu hielt. Ihm war es viel zu gruselig.
Plötzlich hab es lautes Geräusch, als wäre etwas auf den Wagen gefallen. Die beiden Jungs drehten sich schnell um und sahen zwischen den Kopfstützen ihrer Sitze hindurch nach hinten. Dort hatte es sich ein Monster bequem gemacht und bereitete sich gerade darauf vor, die beiden zu erschrecken.
»Du meine Güte.«, flüsterte Paul.
»Das Monster wird uns fressen, wenn wir nichts unternehmen.«
Tim sah sich um und entdeckte zwei Geisterpuppen. Er griff nach ihnen und entriss ihnen die Bettlaken.
Das Monster stemmte sich gerade hoch und wollte die Insassen des Wagens an den Schultern packen. Doch als es über die Kopfstützen sah, blickten ihm zwei Geister in die Augen.
»Buh!«, machten sie und griffen nach dem Monster. Doch dieses war so erschrocken, dass es sofort fort sprang und um Hilfe schreiend in der Dunkelheit verschwand.
Tim und Paul waren froh, dass sie diese Fahrt überlebt hatten und fuhren nur Sekunden später wieder aus der Geisterbahn heraus.
Nun mussten sie sich allerdings wundern, denn draußen lief ein Mann in einem felligen Kostüm herum, der verzweifelt versuchte, die Menschen am Besuch der Geisterbahn zu hindern.
»Gehen sie nicht hinein. Dort drin sind Geister. Sie haben mich angefallen und hätten mich fast um den Verstand gebracht. Bleiben sie draußen und retten sie sich.«
Paul und Tim sahen sich, erinnerten sich noch einmal an ihr Erlebnis und mussten laut lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

164. Die Bestie

Die Bestie

Die Nacht brach herein. Wolken waren keine am Himmel zu sehen, dafür unzählige kleine weiße Pünktchen, die Sterne. Schon bald würde auch der Mond seine Bahn zum Firmament beschreiten. Ein paar wenige Grillen zirpten und ein Uhu ließ hin und wieder seine Stimme hören.
Der Boden des Waldes war mit leichten Nebelschwaden bedenkt, durch die immer wieder das eine oder andere Hütchen eines giftigen Pilzes hervor sah.
Es war eine perfekte Nacht, um Hexen und Zauberer zu beobachten, wie sie Zutaten für ihre geheimen Tränke suchten. Allerdings gab es auch noch ganz andere Gestalten, die zwischen Büschen und Bäumen umher schlichen. Unter ihnen waren zwielichtige Gestalten, Diebe und Mörder. Es wurde sogar gemunkelt, dass sogar schon Monster, Vampire und Kobolde gesichtet wurden. Doch das waren nur Gerüchte. Die Existenz des einen oder anderen Waldgeistes war dafür hinreichend belegt und bewiesen worden.
Eine Gruppe von drei Männern war in diesen Stunden auf einem dunklen Pfad unterwegs. Sie hatten die Zeit vergessen und waren nun auf dem Weg in ihr Heimatdorf. Auf den Rücken ihrer Maultiere lagen schwere Säcke mit kostbaren Stoffen und Gewürzen, die sie auf dem Markt der Stadt gekauft hatten.
»Wir sollten nicht hier sein.«, sagte einer von ihnen.
»Es wimmelt hier bestimmt nur so von Geistern und Gespenstern, die uns zu Tode erschrecken werden. Wir kommen hier bestimmt nicht mehr lebend heraus.«, fürchtete ein anderer.
Der Dritte war der einzige, dem man keine Angst ansehen konnte.
»Haltet endlich die Klappe. Das einzige, was es hier im Wald gibt, ist unrechtes Gesindel. Und wenn ihr weiter so viel redet, wie die Waschweiber, dann werdet ihr die Verbrecher noch viel schneller zu uns locken.«
Die drei Männer verstummten wieder und setzten ihren Marsch fort, während der Mond seine ersten Lichtstrahlen durch die Bäume sandte.
»Wer ist das dort? Das sitzt doch jemand?«
Und tatsächlich. Unter einer dicken Eiche hockte eine gebrechlich wirkende Person. Auf ihrem Kopf thronte ein spitzer Hut, während auf ihrer Schulter ein schwarzer fauchender Kater saß.
»Es ist eine Hexe, die Eicheln sammelt. Sprecht sie nicht an und schaut ihr nicht in die Augen. Dann wird sie uns nicht beachten und passieren lassen.«
Nur wenige Schritte waren sie von der alten Frau entfernt. Es schien, als würde sie gar nicht wissen, dass hinter ihr jemand durch den Wald gehen würde. Sie nahm eine Eichel nach der anderen auf und steckte sie in ein kleines Säckchen.
Nur ein paar Minuten später sprang ein großes haariges Wesen von einem Baum herab und knurrte die Gruppe an. Ein Werwolf, ein verfluchter Mensch, der sich im Licht des Vollmondes in eine gefräßige Bestie verwandelte, kam den drei Männern langsam näher. Von seinen kräftigen Kiefern tropfte frisches Blut und dennoch war sein Hunger noch lange nicht gestillt.
Er sprang ein weiteres Mal und riss bei seiner Landung einen der Männer zu Boden. Gerade als er ihm die Kehle durchbeißen wollte, riss es ihn von den Pfoten und ein weiterer Mann setzte sich auf seine Brust. Nun war von dem Untier nur noch ein leises Winseln zu hören.
Der Mann öffnete langsam seinen Mund. Das Mondlicht spiegelte sich an seinen langen Eckzähnen.
»Musst du uns denn jeden Monat wieder anfallen? Kannst du dir nicht einfach merken, dass wir Vampire sind und nicht auf deiner Speisekarte stehen?«
Er zog den Werwolf hoch, gab ihm einen Tritt und jagte ihn zurück in den Wald.
»Beim nächsten Mal werde ich dich zu einem von uns machen. Dann wirst du mit zwei schlimmen Flüchen leben müssen. Also überleg es dir gut.«, rief er der Bestie hinterher.
Die drei Männer setzten ihren Marsch fort.
»Ich hab es gewusst. Hab ich es euch nicht gewarnt?«, sagte nun der Ängstlichste von ihnen.
»Ich wusste, dass uns der Werwolf wieder auflauern wird. Aber  ihr wolltet ja nicht auf mich hören. Ich wünschte, er würde endlich damit aufhören. Ich bin doch so schreckhaft und werde eines Tages an einem Herzinfarkt sterben, wenn er sich nicht zurück hält. Ach wäre ich doch heute Nacht zu Hause in meinem Sarg geblieben. Aber ihr musstet ja unbedingt einkaufen gehen. Aber das nächste Mal könnt ihr ohne mich los ziehen. Darauf könnt ihr euch verlassen.«

(c) 2008, Marco Wittler

163. Die Zähne des Vampirs

Die Zähne des Vampirs

Graf Richard Zahn von Dentavanien lief ruhelos durch sein düsteres Schloss. Es stand auf dem Gipfel eines hohen Berges inmitten einer flachen Ebene. Die Mauer waren grau bis schwarz und in der näheren Umgebung wuchsen weder Sträuche noch Bäume. Es schien, als sei das Land in der der Nähe des Schlosses gestorben.
Und nun lief der Graf hin und her und dachte über ein paar Probleme nach. Es war tief in der Nacht. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und der Mond bahnte sich verzweifelt einen Weg durch dichten Nebel.
»Ich habe so großen Hunger. Ich brauche Nahrung. Aber woher soll ich die nehmen?«
Das Schloss war mittlerweile völlig unbewohnt, bis auf den Grafen. Die umliegenden Dörfer waren schon vor längerer Zeit verlassen worden, denn es hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass in dieser Gegend ein gefährliches Monster sein Unwesen treiben würde. Manche Leute schworen darauf, in Vollmondnächten einen Werwolf gesehen zu haben. Andere wussten nur zu gut, dass es sich um eine Gruppe Hexen handeln musste. Doch keiner von ihnen hatte Recht. Denn es handelte sich in Wahrheit um einen blutsaugenden Vampir.
Graf Richard sah in einen Wandspiegel hinein, doch niemand blickte daraus zurück.
»Ach, wenn ich doch nur ein einziges Mal noch mein Antlitz erblicken könnte. Aber als Vampir ist mir dieses Glück leider nicht vergönnt. Hätte ich geahnt, welche Probleme auf mich zukommen, hätte ich mich niemals in eine Kreatur der Nacht verwandeln lassen.«
Das mag verwirrend klingen, aber der Graf war tatsächlich als Mensch geboren worden. Erst durch das Trinken von Vampirblut wurde er ebenfalls eine untote Seele.
»Ich brauche frisches Menschenblut, sonst werde ich vertrocknen und verdursten.«
Doch dazu waren die Menschen viel zu weit fort gezogen und die Vorräte im Keller seit ein paar Tagen verbraucht.
Graf Richard beschloss, dass er nicht mehr länger warten durfte. Er holte seinen Mantel aus dem Schrank, spannte ein paar Pferde vor seine Kutsche und ritt in die Nacht hinaus. Doch egal, durch welchen Ort er auch fuhr, nirgendwo war auch nur ein einziger Mensch zu finden.
»Soll ich mich etwa von Ratten- und Mäuseblut ernähren, wie ein Vampir niederster Art? Bin ich denn ein einfacher Bauernlümmel oder ein blaublütiger Herrscher mit eingenem Land?«
Er schnappte sich während der Fahrt eine Ratte und saugte ihr verzweifelt das Blut aus den Adern.
»Ich hoffe, dass es nicht zur Gewohnheit werden wird.«
Und weiter ging die Reise quer durch das Land. Während der Nacht hielt der Graf Ausschau nach Siedlungen und Städten. Tagsüber verbarg er seinen Körper vor den Strahlen der Sonne in einem kleinen Reisesarg.
Erst nach einer Woche traf er in einem bewohnten Dorf ein. Die Bewohner besahen sich die Kutsche mit großem Misstrauen, denn sie waren den Besuch adliger Leute nicht gewohnt.
Der Graf hingegen war mittlerweile so ausgehungert, dass es ihm egal war, ob ihn jemand bei einem seiner Überfälle sehen konnte oder nicht. Schnell wie ein Pfeil sprang er aus seinem Sarg heraus und stürzte sich auf den Hals einer jungen Frau.
Die Menschen waren entsetzt. Geschichten von Vampiren hatten sie oft gehört, aber noch nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment erschallte ein Schmerzensschrei über den Marktplatz. Er stammte allerdings nicht von der Frau, sondern von Graf Richard, der zurück zur Kutsche taumelte und sich beide Hände vor den Mund hielt.
»Meine Zähne, wo sind meine Zähne?«
Zuerst waren alle Leute verwundert. Doch dann zeigte die junge Frau die Halskette vor, die unter ihren langen Haaren versteckt war. Daran hatte sich der Graf seine Zähne ausgebissen.
Alle begannen zu lachen und jagten den Vampir wieder aus dem Dorf

(c) 2008, Marco Wittler

154. Der Besuch

Der Besuch

Niklas stand mitten im Wohnzimmer und sah sich um. Die Girlanden hingen unter der Decke, im DVD-Abspieler lag ein Gruselfilm und auf dem Tisch standen Getränke und Knabberzeug. Der Halloweenfeier stand nichts mehr im Weg.
»Hoffentlich merken Mama und Papa nichts davon.«
Er stellte sich ein letztes Mal vor den Spiegel und zupfte seinen Vampiranzug zurecht. Das Blut am Mundwinkel sah fast echt aus. Nur die Plastikzähne drückten etwas gegen das Zahnfleisch.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Niklas ging in den Flur und öffnete. Vor ihm standen zwei Geister. Jedenfalls versuchten die beiden Kinder auf dem Fußabtreter solche darzustellen.
»Süßes oder Saures!«, flüsterten sie.
Niklas verdrehte die Augen und grinste.
»Ihr beiden seid echt unschlagbar. Fast wäre ich darauf herein gefallen.«
Er zog die beiden Gespenster an ihren Laken mit ins Haus.
»Aber wir dürfen nicht zu laut sein, sonst bekommen unsere Nachbarn etwas mit und verpetzen mich dann an meine Eltern.«
Die Gespenster nickten stumm und setzten sich auf das Sofa.
Niklas brachte einige Dinge ins Wohnzimmer. Er hatte ein paar Butterbrote gemacht, die er nun seinen Freunden Daniel und Steffen vorsetzte.
»Lasst es euch schmecken und nehmt auch noch etwas vom Kakao, den habe ich selber angerührt.«
Während des Essens dudelte etwas Musik aus dem Radio und Niklas erzählte seinen Gästen etwas über die Schule. Seltsamerweise bekam er kaum eine Antwort. Nur hin und wieder flüsterte einer der beiden etwas kaum Verständliches.
»Ihr habt eure Rollen aber wirklich gut einstudiert. Aber ihr müsst euch nicht die ganze Zeit wie Gespenster aufführen. Wir wollen doch noch eine Menge Spaß zusammen haben.«
Die beiden Bettlaken nickten und lehnten sich zurück.
»Wollen wir uns einen Film anschauen?«
Niklas sprang auf und schaltete den Fernseher ein. Er drückte ein paar Mal auf verschiedenen Fernbedienungen herum, bis schließlich der Film begann.
»Kinderland in Geisterhand ist mein absoluter Lieblingsfilm.«, erzählte er während des Vorspanns.
»Da verschwinden ständig Kinder in einem großen Möbelgeschäft und keiner weiß warum. Der ist unheimlich spannend und gruselig.«
Der Fernseher flackerte vor sich hin, die Getränke und Salzstangen verschwanden in den Mägen der Kinder und Niklas gruselte sich, obwohl er den Film schon mindestens fünfmal gesehen hatte. Erst eineinhalb Stunden später waren die Geister vertrieben und alle verschwundenen Kinder befreit.
In diesem Moment standen die beiden Bettlaken vom Sofa auf.
»Was ist denn los? Müsst ihr etwa schon gehen?«
Sie nickten und wollten sich gerade Richtung Tür begeben, als dort ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde.
Niklas erschrak.
»Das sind meine Eltern. Sie kommen viel zu früh nach Hause. Schnell! Versteckt euch im Garten.«
Er öffnete die Terassentür, schob seine Freunde nach draußen und sah ihnen verwundert nach, wie sie über den Rasen schwebten.
»Habt ihr etwa Rollschuhe an den Füßen?«
Er schloss die Tür und lief seinen Eltern entgegen.
»Hallo Niklas. Schau mal, wen wir draußen auf dem Gehweg getroffen haben.«
Hinter seiner Mutter standen zwei Jungs in schaurigen Piratenkostümen. Es waren Daniel und Steffen.
»Aber wir seid ihr so schnell …«, weiter kam Nikla nicht, denn es dämmerte ihm ein Verdacht.
Er lief schnell ins Wohnzimmer und sah sich um. Dort wo die beiden Bettlaken auf dem Sofa gesessen hatten, lagen die vielen Salzstangen und schwammen in einer Pfütze aus unzähligen Getränken.
Waren sie doch richtige Geister gewesen und alles, was sie gegessen und getrunken hatten war durch sie hindurch gefallen?
Niklas erschauerte bei dem Gedanken.

(c) 2008, Marco Wittler

153. Der große Kürbis

Der große Kürbis

»Halloween ist doof. Das ist doch etwas für kleine Kinder.«, beschwerte sich Max.
»Ich weiß gar nicht, was daran so lustig sein soll, wenn man sich so albern verkleidet. Es gibt keine Geister, Gespenster und den ganzen anderen Kram. Ich will damit nichts zu tun haben.«
Seine Mutter verzweifelte mittlerweile. Schon seit einer Stunde versuchte sie, das Kostüm für ihren Sohn zu schneidern. Max weigerte sich allerdings sehr erfolgreich.
»Aber an Karneval bist du doch im Piratenkostüm herum gelaufen und hattest sehr viel Spaß.«
Max wurde rot im Gesicht.
»Das war ja auch etwas ganz anderes. Das lässt sich doch gar nicht vergleichen. An Karneval vertreibt man mit seiner Verkleidung den Winter. Das ist eine ganz wichtige Sache.«, rechtfertigte er sich.
Seine Mutter gab auf. Es schien keinen Zweck zu haben.
»Na gut, wenn du meinst. Dann lassen wir das. Falls du es dir doch noch anders überlegst, kannst du ja immer noch das Piratenkostüm aus dem Schrank holen.«
In diesem Moment kam Thilo ins Wohnzimmer. Er war der Ältere der beiden Kinder in dieser Familie.
»Na du Zwerg, bist du schon wieder bockig?«
»Ich bin nicht bockig. Lass mich bloß in Ruhe.«
Thilo lachte. Er ließ sich die Halloweenlaune nicht mehr verderben. Zu sehr freute er sich bereits auf die anstehende Party, die er mit seinen Freunden geplant hatte. In diesem Jahr war er selber als Gastgeber dran.
»Aber glaub bloß nicht, dass du unverkleidet mit in den Partykeller kommen darfst. Da darf nur rein, wer Spaß an Halloween hat.«
Max rümpfte die Nase und drehte sich weg.
»Das ist mir doch völlig egal. Ich habe da keine Lust drauf. Mach doch deine Party alleine.«

Nach dem Abendessen stand Thilo im Partykeller und brachte die letzten Verzierungen an. Auf den Tischen standen kleine Kürbisse in die er Gesichter geschnitten hatte. Unter der Decke hingen unzählige Girlanden mit Geistern, Monstern und allem, was zu Halloween einfach dazu gehört.
»Was ist das überhaupt alles für ein albernes Zeug?«, fragte Max von der Tür aus.
»Du bist doch dumm.«, entgegnete Thilo.
»An Halloween verkleidet man sich schaurig und gruselig. Je unheimlicher, desto besser. Dazu gehören Monster, Geister, Gespenster, Vampire, Zombies und auch der große Kürbis.«
»Der große Kürbis?«
Nun wurde Max neugierig und kam weiter in den Raum hinein. Indessen nahm Thilo einen Kürbis vom Tisch.
»Ja, der große Kürbis. Er kommt in der Halloweennacht in die Stadt und sucht nach neuen Opfern. Man sagt, dass es sich bei ihm um einen alten Kürbisbauern namens Jack handelt, der zu Lebzeiten schon Menschen getötet hat. Und nun kehrt er mit seinem Kürbiskopf jedes Jahr zurück um wieder zu töten.«
Thilo macht schaurige Geräusche und freute sich darüber, seinem kleinen Bruder Angst eingejagt zu haben.
»Das glaubst du doch selber nicht.«, beschwerte sich Max.
»Diesen Jack gibt es gar nicht, dass hast du dir nur ausgedacht.«
Ohne ein weiteres Wort verließ er den Keller.

Am nächsten Abend war es soweit. Es war Halloween. Thilo hatte sich ein falsches Gebiss mit langen Eckzähnen in den Mund gesteckt, und an den Mundwinkel falsches Blut gemalt. Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, versuchte er seine Gäste in der Verkleidung des Vampirs zu erschrecken. Doch irgendwie wollte das nicht so richtig gelingen.
Im Keller spielte laute Musik und die Kinder machten sich nach und nach über die unzähligen Süßigkeiten her. Sie hatten alle unglaublich viel Spaß.
Zu etwas späterer Stunde wurde es dann leiser. Thilo hatte das Licht abgeschaltet und saß nun mit seinen Freunden um eine Kerze herum. Es war Zeit, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen.
Stefan berichtete von einer Mumie, die am Vormittag angeblich in der Schule gesehen worden war. Michi war einem Geist im Wald über den Weg gelaufen und Erik war immer noch verängstigt, weil ein Zombie drei Stunden vor der Haustür gestanden hatte.
Nun war Thilo an der Reihe. Am Abend zuvor hatte er genug Gelegenheit, seine Geschichte über den großen Kürbis zu üben. Max hatte jedenfalls Angst dabei bekommen.
»Heute ist die Nacht des großen Kürbis.«, berichtete er mit einer ganz tiefen Stimme.
»Heute kommt er in die Stadt und sucht nach Opfern, die er mit seinem langen Messer aufschlitzen kann.«
Zwei Mädchen kuschelten sich eng aneinander. Die Jungs lachten.
»Auf seinen Schultern hat er keinen Kopf, sondern einen riesigen Kürbis.«
Die Jungs lachten weiter.
»Ach komm, das ist doch keine Gruselgeschichte. Da ist erzählt meine Oma sogar etwas Besseres.«, beschwerte sich Nils.
In diesem Moment krachte die Tür des Partyraums auf. Nebelschwaden drangen herein und ein düsteres Licht schuf eine schaurige Atmosphäre.
»Kann einer von euch die Tür schließen?«, bat Thilo unsicher.
»Wir wollen doch ungestört Gruselgeschichten erzählen.«
Keines der Kinder stand auf. Sie starrten alle gebannt auf den Nebel. Es war ihnen nicht mehr geheuer. Als dann auch noch ein völlig verrücktes Lachen zu hören war, begannen einige von ihnen zu kreischen und verkrochen sich unter dem Tisch.
Der Nebel im Kellerflur wurde immer dichter. Doch nun wurde langsam eine Person sichtbar, die langsam, Schritt für Schritt, herein kam.
Sie trug dicke Stiefel und einen langen Umhang. Auf den Schultern war kein Kopf, dafür aber ein riesiger Kürbis zu sehen, aus dem ein Gesicht geschnitzt worden war. Aus den Augen loderten kleine Flammen.
»Hilfe, es ist der große Kürbis.«
Thilo bekam Panik und wusste nicht mehr, was er machen sollte.
»Rettet mich doch. Einer von euch muss mit ihm kämpfen.«
Doch in diesem Moment öffnete der große seinen Umhang und holte eine Sense darunter hervor. Langsam kam er näher. Und schon wieder lachte er hämisch.
Er hob den Arm und zeigte nach und nach mit dem Finger auf die einzelnen Kinder, bis er bei Thilo stehen blieb.
»Du!«, flüsterte er gefährlich leise.
»Komm her und stirb.«
Nun begannen alle Kinder zu schreien. Bei diesem Lärm bemerkten sie gar nicht das Lachen, das unter dem Kürbis hervor kam.
Die Furcht einflößende Kreatur ließ seine Sense fallen,griff an ihren Kürbiskopf und hob diesen hoch. Alle Kinder im Raum hielten den Atem an.
Als sie dann aber sahen, wer sich unter dieser Verkleidung verbarg, atmeten sie alle auf.
»Na, wer ist nun der wahre Halloweenkönig?«
Thilo kam unter dem Tisch hervor und gesellte sich zu seinem kleinen Bruder.
»Da hast du mich aber ganz herein gelegt, du Zwerg. Mit dir hätte ich ja gar nicht gerechnet.«
Max war unheimlich stolz, dass er in diesem Jahr das gruseligste Kostüm bekommen hatte. Es war schließlich gar nicht so einfach gewesen, den anderen mit Mama zusammen etwas vorzuspielen.

(c) 2008, Marco Wittler

152. Der Fährmann

Der Fährmann

Wir waren schon einige Tage im Herzen Englands unterwegs. Mit dem Planwagen ging es landauf und landab. Wir besichtigten alte Burgen, Schlösser und hin und wieder das eine oder andere Städtchen. Es war unglaublich, wie viel Geschichte in diesem Land steckte.
Über eine Sache machten wir uns allerdings sehr gerne lustig. In jedem alten Gemäuer wollte man uns weiß machen, dass es dort spuken würde. Die Engländer sind schon ein komisches und abergläubisches Völkchen.
»Wir müssen uns beeilen. Das Wetter schlägt um.«, rief plötzlich einer unserer drei Kutscher.
Ich rutschte nach vorn und sah zum Himmel hinauf. Tatsächlich zogen dunkelgraue Wolken auf. Es würde schon sehr bald zu regnen beginnen.
Alles bloß das nicht, dachte ich mir. Den letzten Regen hatten wir gerade erst hinter uns gelassen. Vor zwei Tagen hatte er uns erwischt und alles durchnässt. Zum Glück fanden wir eine Pension, die über einen Trockner verfügte, sonst wäre der Rest des Urlaubs ziemlich unangenehm geworden.
»Wie weit ist es denn noch bis Blackwood Castle?«, fragte ich.
Der Kutscher zuckte nur mit den Schultern und kaute weiter auf seinem alten Grashalm, den er schon seit einer Woche nicht mehr durch einen neuen ausgetauscht hatte.
»Wie lange werden wir noch unterwegs sein?«, fragte ich erneut.
Er fühlte sich genervt, als er mir schließlich in seinem gebrochenen Deutsch antwortete.
»Noch zwei Stunden, wenn alles gut geht. Müssen noch den Fluss überqueren.«
Das konnte doch nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen, dachte ich mir. Immerhin gibt es heutzutage überall Brücken, die man bequem befahren kann.
Kurz Zeit später kamen wir an einem kleinen Wäldchen vorbei, an dessen Rand eine alte Frau Reisig sammelte.
Als sie uns sah, drehte sie sich zur Straße um und rief uns etwas entgegen. Zuerst verstand ich sie nicht wegen ihres starken Dialekts, doch mit etwas Konzentration gelang es mir dann doch.
»Bezahlt den Fährmann nicht.«, rief sie.
»Bezahlt den Fährmann nicht.«
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die Alte musste verwirrt sein. Wir wurden von mehreren Kutschern begleitet, aber einen Fährmann konnte ich weit und breit nicht sehen.
Irgendwann endete die Straße an einem Ufer. Weit und breit war keine einzige Brücke zu sehen. Das Ufer auf der anderen Seite des Flusses war rund fünfzig Meter entfernt. So erfuhr ich jedenfalls vom Kutscher. Sehen konnte man es nicht, da es im dunstigen Nebel verborgen war.
»Kommen wir mit den Wagen unbeschadet durch das Wasser?«, fragte ich.
»Durchqueren nicht möglich. Wasser zu tief.«, war die Antwort des Kutschers.
Na prima, dachte ich. Nun waren wir stundenlang unterwegs, nur im an diesem Punkt umkehren zu müssen. Wirklich prima.
Doch da tauchte plötzlich eine Fähre aus dem Nebel auf.
»Müssen mit Boot auf andere Seite übersetzen.«
Ich hatte es befürchtet. Auf dem Wasser hatte ich mich noch nie wohl gefühlt. Ein paar meiner Freunde ging es da nicht anders. Ich konnte mir jetzt schon vorstellen, wie sich mein Magen nach ein paar Minuten Geschaukel fühlen würde.
»Muss das denn wirklich sein? Gibt es keinen anderen Weg?«
Der Kutscher schüttelte den Kopf.
»Müssen Boot nehmen.«
Die Fähre legte an und unsere drei Kutschen fuhren langsam auf das ächzende Holz des Bodens. Das erste mulmige Gefühl bekam ich, als ich den Zustand des Kahns sah. Ich hatte Angst, dass er es nicht auf die andere Seite schaffen würde. Für das besonders schlechte Gefühl im Magen war allerdings der Fährmann zuständig. Als ich ihn sah, glaubte ich sofort, dass es in diesem Land spuken würde. Er sah aus, als wäre er schon vor vielen Jahren gestorben und seine Bekleidung hing ihm in alten dreckigen Fetzen am buckligen Körper.
»Kommt nur, liebe Leute.«, flüsterte er mit abstoßend verlockender Stimme.
»Kommt auf meine Fähre. Ich werde euch sicher an das andere Ufer geleiten. Doch zuvor bezahlt mich für die Überfahrt.«
In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, was ich zuvor gehört hatte. Die alte Frau hatte uns doch gewarnt. Ich hielt den Kutscher zurück.
»Bezahlt wird auf der anderen Seite. Vorher nicht.«, rief ich mit zittriger Stimme.
»So soll es sein, feiner Herr, so soll es sein.«
Der Fährmann löste grimmig die Halteseile und steuerte seine Fähre in den Fluss hinein. Mit seinen Händen zog er an einem weiteren Seil, dass über den Fluss gespannt war. So kamen wir dem anderen Ufer Meter um Meter näher.
Nach ein paar Minuten waren wir im Nebel eingetaucht. Land war nicht mehr zu sehen, nur noch das gemächlich dahin plätschernde Wasser.
»Die Hälfte der Fahrt ist gemacht, feiner Herr.«, hörte ich den Fährmann sagen.
»Gebt mir nun mein Geld und ich werde euch sicher auf die andere Seite geleiten.«
Es lief mir eiskalt den Rücken herab. Sollte ich ihn tatsächlich bezahlen? Doch was würde dann geschehen? Ich malte mir die wildesten Horrorgeschichten aus. Vor meinem inneren Auge sah ich, wie der Fährmann über uns herfiel, einen nach dem anderen tötete und unsere leblosen Körper anschließend im Fluss versenkte.
»Wir werden dich bezahlen, sobald wir sicher auf der anderen Seite angekommen sind. So war es abgemacht.«
Der Nebel schien immer dichter zu werden. Ich konnte kaum noch die anderen zwei Kutschen erkennen. Kalter Angstschweiß klebte mir das Hemd an den Rücken.
»Hallo?«
Keine Antwort.
»Hallo? Hört mich jemand?«
Wieder nichts.
Was sollte ich nur machen.
Plötzlich legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Ein übler Mundgeruch stieg mir in die Nase. Der Fährmann saß hinter mir in der Kutsche.
»Gib mir mein Geld und dir wird kein Unheil mehr geschehen. Und ehe du bis drei zählen kannst, wirst du auf der anderen Seite stehen.«
Ich schrie vor Schreck und sprang von der Kutsche. Doch wo sollte ich mich verstecken können? Überall war nur Wasser.
»Ihr bekommt euer Geld auf der anderen Seite.«, rief ich verzweifelt in den Nebel hinein.
Doch der Fährmann, wo auch immer er jetzt stecken mochte, lachte, als wäre er verrückt geworden. Es schien, als wäre er zu allem fähig.
In diesem Moment rumpelte die Fähre. Ich drehte mich um und sah das Ufer. Wir hatten es geschafft. Die Kutschen rollten an Land, gefolgt vom Fährmann. Nun stand er vor mir und hielt mir seine schmutzige Hand entgegen.
»Gib mir mein Geld.«, fauchte er.
Ich schluckte schwer, als ich ein paar Münzen aus der Hosentasche zog. Vorsichtig legte ich sie ihm in die Hand.
»Vielen Dank, Sir. Und beehren sie uns bald wieder.
Merkwürdigerweise sprach er plötzlich ganz normal. Er zog eine Fernbedienung aus der Tasche und betätigte ein paar Knöpfe. Innerhalb kürzester Zeit verschwand der Nebel und mir wurde klar, dass ich auf einen Trick herein gefallen war. Auf der Fähre, die bei besserer Witterung doch nicht so schaurig und alt aussah, stand etwas geschrieben:

Schaurig schöne Überfahrten mit Ghost Ferries
Gruselspaß bis zur Bezahlung

Deswegen hatte uns die alte Frau gewarnt. Sie wollte, dass wir bis zur anderen Seite Angst haben. Verrücktes England, verrückte Engländer.
Ich kletterte wieder in meinen Planwagen. Als ich einen letzten Blick auf den Fluss warf, war die Fähre verschwunden. Es war kein Nebel mehr da und doch fehlte von diesem Boot jede Spur. Der Fährmann konnte sich unmöglich in Luft aufgelöst haben.
Während die Kutscher den Pferden das Kommando zur Weiterfahrt gaben, hörte ich von Fern ein leises verrücktes Lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

151. Kopflos

Kopflos

»… und so verjagten die Geister ein letztes Mal die störenden Menschen aus ihrem Schloss und lebten von nun an in Ruhe und Frieden.«
Lina und Sebastian saßen ganz gebannt auf ihren Betten und hatten der Geschichte gelauscht, die ihnen ihre Mutter erzählt hatte. Es war der Halloweenabend. Noch vor zwei Stunden hatten die beiden Kinder an die Türen der Nachbarschaft geklopft, Leute erschreckt und dafür Süßigkeiten bekommen.
»Meinst du denn, dass es Geister wirklich gibt?«, fragte Lina.
Mama musste lachen.
»Wer weiß.«, antwortete sie.
»Ich habe zwar noch nie welche gesehen, aber das bedeutet ja nicht, dass es keine gibt. Vielleicht verstecken sie sich ja vor uns Menschen.«
»Außer an Halloween.«, warf Sebastian plötzlich ein.
»Heute laufen so viele Menschen verkleidet herum, dass ein richtiges Gespenst oder ein Monster gar nicht auffällt. Es kann einfach über die Straße gehen ohne bemerkt zu werden.«
Mama ging zum Fenster und sah heraus.
»Was meint ihr wohl, wer von den Leuten dort unten echt oder verkleidet ist?«
Die Kinder kamen hinzu und sahen ebenfalls nach draußen. Sie dachten sich zu jeder Verkleidung die verwegensten Ideen und Geschichten aus, bis es schließlich Zeit wurde, die Augen zu schließen und auf den Sandmann zu warten.
»Aber Mama, wir müssen heute wach bleiben.«, beschwerte sich Sebastian.
»Der Sandmann wurde heute zu einer Halloweenfeier eingeladen. Er hat gar keine Zeit uns Sand in die Augen zu streuen.«
»Das glaubt ihr doch selber nicht.«, lachte Mama.
»Ihr werdet jetzt schön schlafen.«
Sie schaltete das Licht ab und verschwand aus dem Kinderzimmer.
»Ob es wirklich Geister und Monster da unten auf der Straße gibt?«, fragte Lina ängstlich.
»Ganz bestimmt. Auf jeden Fall.«, bestätigte Sebastian.
»Außerdem sind da noch Vampire, Mumien, Zombies, Kopflose und vieles mehr. Sie sind jetzt auf der Suche nach Menschen, die sie aussaugen, anknabbern oder überfallen können. Aber hier drin sind wir sicher. Die kommen nicht bis zu uns. Es sind doch alle Türen verschlossen.«
Sebastian hätte zu gerne gelacht. Seine kleine Schwester hatte vor allem Möglichen Angst.
»Na gut. Dann kann ich auch ruhig schlafen.«
Lina drehte sich um und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Damit hatte Sebastian gar nicht gerechnet. Eigentlich wollte er ihr Angst machen. Aber nun war er selber kurz davor, Panik zu bekommen.
Von draußen waren immer wieder unheimliche Geräusche zu hören. Jemand kreischte, ein anderer schrie, als würde er gleich sterben. Es knackte in den Dachbalken und der Wind pfiff um das ganze Haus herum.
»Oh nein. Hoffentlich gibt es doch keine Monster. Ich will von denen nicht gefressen werden.«
Sebastian zog sich die Decke über den Kopf und zitterte am ganzen Körper, bis er eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen wurden die Kinder mit den ersten Sonnenstrahlen wach. Sie standen auf, gähnten ganz laut und sahen vorsichtig aus dem Fenster. Die Geister, Monster und alle anderen gefährlichen Kreaturen waren verschwunden. Nun sah man nur noch ganz normale Menschen und den üblichen Straßenverkehr. Sebastian atmete tief durch und war froh, die Nacht überlebt zu haben.
»Dann hatte ich ja doch Recht. Es gibt keine Wesen, die mich fressen wollten. Habe ich ein Glück gehabt.«
Er öffnete die Tür des Kinderzimmers. Gerade als er den ersten Fuß in den Flur setzen wollte, öffnete sich die Tür des Bades und ein Mann wankte daraus hervor. Alles an ihm war so normal, wie bei jedem Menschen. Er hatte einen Körper, zwei Arme, Beine, Füße und Hände. Doch über dem Kragen seines Hemdes war nichts zu sehen. Der Kopf fehlte.
»Hilfe, hilfe!«, rief er und prallte an einer Wand ab.
»Hilfe, Mama, hilfe!«, brüllte Sebastian um einiges lauter.
»Da ist ein kopfloser Mann im Badezimmer. Hilfe!«
Er rannte die Treppe hinunter und verkroch sich unter dem Küchentisch.
Mama konnte das alles nicht so recht glauben und ging vorsichtig die Treppe hoch. Dort sah sie, wie Papa sich gerade sein Hemd zurecht zog.
»Was ist denn hier passiert?«
»Papa hat sich das Hemd angezogen, ohne den obersten Knopf zu öffnen.«, berichtete Lina.
»Ich habe das ja sofort gesehen. Aber Sebastian ist ein viel zu großer Angsthase. Der fürchtet sich ja vor allem Möglichen.«

(c) 2008, Marco Wittler

150. Das Geisterschloss

Das Geisterschloss

Anna stapfte einer Gruppe Kindern hinterher. Sie war mit ihrer Schulklasse zu Besuch auf einem alten Schloss in der Nachbarstadt. Es war ein Tagesausflug.
»Wenn es doch bloß nicht so langweilig wäre. Überall stehen nur alte Möbel und rostige Ritterrüstungen herum. Da ist ja sogar die Schule noch interessanter.«
Sie maulte bei jeder Gelegenheit herum, egal, ob die anderen etwas davon hören wollten oder nicht.
Nico, der Musterschüler, schien von der Führung sehr begeistert zu sein. Er hörte der älteren Dame mit dem Zeigestock gebannt zu und saugte jedes Wort in sich auf. Außerdem nutzte er jede Möglichkeit, um zusätzlich Fragen zu stellen.
»Stimmt es, dass es hier im Schloss spukt?«
Die alte Dame schüttelte den Kopf. Und wollte mit ihrem Vortrag fortfahren, wurde aber erneut unterbrochen.
»Ich habe davon im Internet gelesen. Es soll hier richtige Geister geben.«
Die Dame drehte sich zu Nico um und sah ihn grimmig an.
»Hör mir mal zu, Junger Mann. Ich arbeite schon seit dreißig Jahren in diesem Schloss. In der ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Gespenst gesehen. Also hör mit dem Quatsch auf.«
Nico war enttäuscht. Nur zu gern hätte er einen echten Geist zu Gesicht bekommen. Aber da musste er wohl ein anderes Schloss besuchen.
»Aber jedes Schloss hat doch ein eigenes Gespenst.«, murrte er leise vor sich hin.
Anna verdrehte die Augen, als sie das hörte.
»Der benimmt sich ja wie ein nörgeliges Baby. Wenn der wirklich einem Geist begegnet, macht er sich garantiert in die Hose.«
Die Schulklasse ging weiter von Raum zu Raum. Ein etwas lauteres Gelächter konnten sich die Kinder nicht mehr verkneifen, als sie ein Schlafgemach betraten.
»Das muss ja ein Kinderzimmer gewesen sein.«, ertönte es aus der einen Ecke.
»Schliefen die etwa alle in Kinderbetten?«, sprach eine weitere Stimme.
Die ältere Dame wurde zornig.
»Das sind normale Betten aus dem Mittelalter. Die Menschen waren damals etwas kleiner als heute. Also macht euch nicht darüber lustig.«
Die Kinder verstummten wieder und folgten ihr in den nächsten Raum. Wieder neue Rüstungen und alte Kleider der Frauen aus einer anderen Zeit.

Während die Kinder weiter durch das Schloss gingen, wurde es draußen immer dunkler. Anna sah auf ihre Armbanduhr und wunderte sich.
»Es ist doch erst elf Uhr am Morgen. Wie kann denn da schon wieder die Sonne untergehen? Das gibt es doch gar nicht.«
Frau Stein, die Lehrerin, hatte Anna gehört und bat die Kinder durch eines der Fenster nach draußen zu schauen.
»In etwa einer halben Stunde ist es draußen stockdunkel. In der Zeitung stand, dass wir heute eine Sonnenfinsternis erleben dürfen.«
Schon öfters hatten die Kinder im Unterricht gehört, dass sich bei diesem Ereignis der Mond zwischen Sonne und Erde schiebt. Sein Schatten verdunkelt dabei einen Teil der Erde.

Eine halbe Stunde später war es dann so weit. Die Schulklasse sah am Himmel nur noch einen hellen Strahlenkranz, der um den Mond herum leuchtete. Dazu ein paar weiße Tupfer, die Sterne.
Keines der Kinder sagte etwas. Sie waren viel zu begeistert, um etwas sagen zu können.
In diesem Moment wurde es auch im Schloss finster. Die Lampen in allen Räumen schalteten sich ab. Von einem Augenblick zum anderen war die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen.
»Es ist alles in Ordnung, Kinder. Da ist nur eine Sicherung ausgefallen. Bleibt bitte wo ihr seid, damit ihr euch nicht verletzt oder ihr etwas versehentlich kaputt macht.«, sagte Frau Stein.
Schon war ein erstes Wimmern von ein paar ängstlichen Mädchen zu hören, während zwei Jungs Geistergeräusche machten.
Die Lehrerin herrschte die Jungs an und bestand darauf, dass sie ihre Münder hielten.
»Schämt euch. Das ist alles andere als nett von euch.«
Doch dann lief es ihr ebenfalls kalt den Rücken hinunter, denn durch einen der Durchgänge zwischen den Räumen schimmerte plötzlich ein leichter Lichterschein, der immer näher kam. Es waren nicht einmal Schritte zu hören.
»Ein Geist, da ist ein Geist.«, schrie Nico vor lauter Panik und versteckte sich hinter einer Gruppe anderer Kinder.
Frau Stein war sich nicht sicher, was sie dort sah. Sie traute der ganzen Sache nicht.
»Schaut nach, ob euer Sitznachbar aus dem Bus bei euch ist.«, verlangte sie von ihrer Klasse.
Schon nach wenigen Sekunden stellte sich heraus, dass Anna nicht mehr da war. Frau Stein stand wütend auf und ging auf das falsche Gespenst zu, welches nun ganz deutlich als dunkelblau leuchtendes Bettlaken zu erkennen war.
Sie griff nach dem Laken und zog daran. Doch darunter war nichts. Der Stoff fiel auf dem Boden in sich zusammen.
Die Kinder fingen an zu kreischen und wollten so schnell wie möglich aus dem Schloss heraus. Die rannten wie wild durch die Dunkelheit und suchten verzweifelt nach einem Ausgang.
Und in diesem Moment begannen die Lampen wieder zu leuchten. Der Spuk war  vorbei.
An einer der Türen stand die ältere Dame. Ihre Hand lag auf einem der Lichtschalter, den sie gerade betätigt hatte. Neben ihr stand Anna. Beide grinsten über das ganze Gesicht.
»Danke, Tante Berta.«, sagte sich freudestrahlend.
»Der Trick mit dem schwebenden Bettlaken am Haken funktioniert immer wieder. Ich wusste doch gleich, dass auch meine Klasse darauf herein fällt.«

(c) 2008, Marco Wittler

149. Die Geisterkutsche

Die Geisterkutsche

»Pünktlich zur Geisterstunde«, erzählte Papa seinen beiden Kindern, »fährt sie durch die Straßen der Stadt. Die Geisterkutsche sucht seit hunderten von Jahren nach Mitfahrern. Doch jeder, der einstieg, blieb für immer verschwunden. Was aus ihnen wurde, weiß bis heute kein einziger Mensch.«
Flynn sah seinen Papa mit großen Augen an. Seine kleine Schweste Sarah hätte gerne vor Angst am ganzen Körper gezittert, traute sich das aber nicht.
»Und wo kann man die Kutsche sehen?«, fragte Flynn.
Doch Sarah wollte die Antwort gar nicht hören. »Lass das bloß sein. Sobald du sie siehst, verzaubert sie dich und du musst einsteigen, ob du willst oder nicht. Also denk lieber schnell an etwas anderes.«
Papa musste innerlich lachen. Seine beiden Kinder waren tatsächlich auf die alte Geschichte herein gefallen, die ihm schon sein Großvater erzählt hatte.
»Also haltet euch schön von den Fenstern fern und schlaft so tief wie möglich, wenn es zwölf Uhr in der Nacht schlägt, damit euch die Geisterkutsche nicht in ihren Bann zieht.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich aus dem Kinderzimmer, schaltete das Licht aus und verschwand im dunklen Flur des Hauses.
»Heute Nacht werden die zwei bestimmt nicht so schnell einschlafen.«
Er sah verstohlen auf einen Wandkalender. Es war die Nacht zum einunddreißigsten Oktober. Es war die Nacht vor Halloween. Sollte es wirklich Geister geben, würden sie alle in dieser einen Nacht aus ihren Verstecken kommen und die Menschen erschrecken.
»Aber Geister gibt es nicht.«, murmelte er vor sich hin.
»Morgen werde ich den Kindern die Wahrheit erzählen.«
Er ging hinab ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und sah sich einen langweiligen Film an, bei der er nach nur wenigen Minuten im Sessel einschlief.

Flynn und Sarah lagen in ihren Betten und waren sich nicht sicher, ob sie die Wahrheit oder eine Gruselgeschichte gehört hatten.
»Gibt es wirklich Geister?«, fragte Sarah.
Ihr Bruder überlegte und nickte schließlich, bis ihm einfiel, dass ihn seine Schwester in dieser Dunkelheit unmöglich sehen konnte.
»Natürlich gibt es Geister. Ich habe schon oft welche gesehen. Sogar die Geisterkutsche kenne ich schon. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es war, nicht in sie einzusteigen.«
Er kicherte leise, denn er wusste, dass Sarah sich nun noch mehr fürchten würde.
Sie erzählten sich noch einige Stunden Geschichten über Geister und Monster, bis sie schließlich die Schläge des Glockenturms hörten und mitzählten.
»Eins, zwei, drei, … zehn, elf, zwölf.«
Die beiden Kinder wurden still.
»Geisterstunde.«, flüsterte Flynn schließlich.
Nun bekam er es auch mit der Angst zu tun. Was wäre, wenn es die Geisterkusche nun doch geben würde. Der Kutscher wäre bestimmt nicht erfreut darüber, dass ein kleiner Junge seine Witze über ihn machen würde.
Ein leises Geräusch war plötzlich zu hören. Es wurde immer lauter und schien von der Straße zu kommen. Sarah stand vorsichtig auf und ging ans Fenster. Dort bekam sie große Augen.
»Komm schnell her. Da ist die Geisterkutsche. Ich kann sie genau sehen. Sie schaut so aus, wie Papa sie beschrieben hat.«
Flynn war nun steif vor Angst. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit, dass die Geschichte wahr wäre. Er zog leise die Decke über seinen Kopf und blieb ganz still.
Nach ein paar Minuten blieb die Kutsche vor dem Haus stehen.
»Hallo, kleines Mädchen. Komm herunter zu mir und fahre ein wenig in meiner Kutsche. Komm her.«
Sarah war erstaunt, dass der Kutscher sie hinter der Gardine sehen konnte. Trotzdem hatte sie keine Angst. Es schien ihr, als sei die Geschichte doch nur ein Märchen gewesen.
»So ein netter Geist entführt ganz bestimmt keine Kinder. Ich gehe jetzt runter und lasse mich einmal durch die Stadt fahren.«
Sie zog sich Schuhe und eine Jacke über und schlich sich nach draußen.
Nun hielt es Flynn unter seiner Decke nicht mehr aus. Er kam leise darunter hervor und kroch zum Fenster. Auf der Straße sah er, wie seine kleine Schwester mutig auf die weiß schimmernde Kutsche zuging.
»Oh nein. Sie wird einsteigen und für immer verschwinden. Und ich bin schuld daran, weil ich sie nicht aufgehalten habe.«
Nur zu gern wäre er ebenfalls auf die Straße gelaufen, um Sarah aufzuhalten. Aber dazu fehlte ihm einfach der Mut.

Sarah stand auf der Straße und besah sich die Kutsche ganz genau. Auf dem Bock saß niemand. Die Geisterpferde schienen selber genau zu wissen, wann sie laufen oder stehen sollten.
»Dann muss der Kutscher im Innern sitzen.«
Sie öffnete eine Tür, kletterte die Stufen hinauf und rief ganz laut ›Buh‹.
Der Geisterkutscher fuhr ins sich zusammen, als er das kleine Mädchen sah. Sofort zog er die Tür wieder zu, kletterte nach vorn und trieb die Pferde zu wildem Galopp an. Während die Kutsche um eine Hausecke verschwand, hörte Sarah noch ein paar ängstliche Worte durch die dunkle Nacht erklingen.
»Zu Hilfe, ein Mensch. Rettet mich. Nie hätte ich gedacht, dass es wirklich Menschen gibt. Haben mich denn alle guten Geister verlassen?«

Und seit dieser Zeit ist die Geschichte der Geisterkutsche nicht mehr die selbe. Nun erzählt man sich von dem kleinen Mädchen, vor dem sich alle Geister fürchten. Ob es der Wahrheit entspricht, weiß ich allerdings nicht.

(c) 2008, Marco Wittler