544. Die Kastanienmännchen

Die Kastanienmännchen

Mitten auf dem Nieringser Weg in Deilinghofen stand einmal ein großer Kastanienbaum. In jedem Herbst, fanden sich unter ihrer breiten Krone die Kinder des Dorfes zusammen, um Kastanien zum Basteln  und Spielen zu sammeln. Eines dieser Kinder war Lilly.
Lilli war mit einer großen Tasche gekommen, um ganz viele Kastanien mit nach Hause nehmen zu können. Er, als sie die Tasche kaum noch tragen konnte, machte sie sich auf den Weg nach Hause.
»Damit bastel ich ganz viele kleine Kastanienmännchen und Kastanientiere. Die stelle ich dann auf meine Fensterbank und schaue sie mir den ganzen Tag an.«
Und so geschah es dann auch. Mit Mamas Hilfe sortierte sie die Kastanien auf dem Küchentisch. Zusammen bohrten sie vorsichtig Löcher, drückten Zahnstocher hinein und befestigten alles mit einigen Tropfen Klebern.
So entstand eine ganze Kastanienfamilie mit einem Vater, einer Mutter und drei kleinen Kindern. Dazu noch einen Hund und eine Katze.
Damit es der kleinen Familie später auf Lillys Fensterbank nicht langweilig werden würde, entstanden noch ein paar Tiere für einen Zoobesuch. Darunter waren ein Affe, eine Giraffe, ein Löwe, ein Elefant, ein Bär und eine Schlange, die aus den ganz kleinen Kastanien gebastelt war.
Am Abend, kurz vor dem Schlafen, stellte Lilly ihre Figuren vor das Fenster. Dann ließ sie sich noch eine Geschichte von Mama vorlesen und verschwand kurz danach im Land der Träume.
Am nächsten Morgen wollte Lilly schon vor dem Frühstück mit ihren Kastanien spielen. Aber die Fensterbank war komplett leer. Nicht eine einzige Figur war mehr da.
Stattdessen lag dort ein kleiner Brief, den sie nur mit einer Lupe lesen konnte. Im Brief stand:

Liebe Lilly.
Vielen Dank, dass du mich, meine Familie und die vielen Tiere gebastelt hast. Schon am Baum wussten wir, dass wir mehr sein könnten, als einfache Kastanien. Aber wir brauchten dich und deine Ideen, um zu dem zu werden, was wir jetzt sind.
Sei bitte nicht traurig, dass wir nicht mehr da sind, denn wir träumen schon lang von einem Leben auf einem eigenen Bauernhof. Deswegen haben wir uns auf den Weg gemacht, ein eigenes Zuhause zu finden.
Wir werden dich nie vergessen.
Deine Kastanienfamilie.

Echte, lebendige Kastanienfiguren? Damit hätte Lilly nie gerechnet. Auf der einen Seite war sie nun traurig, dass ihre kleinen Spielzeuge fort waren. Aber sie war auch stolz auf sich, dass sie ihren Kastanien zu etwas ganz Besonderem gemacht hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

498. Immer nur Regen

Immer nur Regen

»Regen.« murmelte Jonas schlecht gelaunt vor sich hin, während er aus dem Fenster blickte.
»Regen, Regen, Regen. Immer nur Regen. Kann es denn nicht auch mal ein anderes Wetter geben? Ich finde den Herbst richtig blöd.«
Er seufzte laut und ließ die Schultern hängen. Nur zu gern wäre er nach draußen gegangen. Er wollte mit dem Fahrrad durch den Wald fahren, In den Bäumen klettern, Burgen im Sandkasten bauen oder einfach nur faul in der Sonne liegen. Aber das konnte er erst wieder in einem halben Jahr machen.
»Was ist denn mit dir los?« wollte Mama wissen, die gerade den Kopf durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Ich will keinen Herbst. Ich will auch keinen Winter. Ich will einfach nur nach draußen und dort spielen.« antwortete Jonas.
»Was soll ich denn jetzt bis zum Frühling machen? Ich will nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Das ist irgendwann auch langweilig. Ich will was unternehmen. Ich will spannende Abenteuer erleben. Aber wenn es den ganzen Tag nur regnet, geht das nicht.«
Jonas seufzte ganz laut und kuschelte sich in Mamas Arme.
»Ich hab da eine Idee.« Mama grinste ihn an und zog ihn zum Schreibtisch.
Sie holte ein paar Zettel und Stifte aus einer Schublade.
»Wenn wir keine Abenteuer draußen erleben können, dann machen wir das einfach hier im Haus.«
Sie nahm einen Bleistift und fing an, ein paar Wörter aufzuschreiben.
»Wir erfinden jetzt spannende Abenteuergeschichten. Die schreiben wir auf, setzen uns dann abends mit einer Tasse Tee gemütlich aufs Sofa und erzählen uns dann gegenseitig unsere Ideen. Was hälst du davon?«
Jonas antwortete nicht. Stattdessen schnappte er sich sofort einen Stift und begann zu schreiben.

Ein paar Stunden später, es war draußen bereits dunkel geworden und der Wind peitschte den prasselnden Regen gegen die Fensterscheiben, kam Jonas mit einem großen Stapel Blätter ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Mama folgte ihm mit einem Tablett. Darauf standen zwei Tassen, eine Kanne Tee und ein Teller mit leckeren Keksen.
»Bist du bereit?« fragte Mama.
Jonas nickte, kuschelte sich an Mama und nahm die erste Geschichte zur Hand.
Nachdem sie sich gegenseitig einige spannende Abenteuer vorgelesen hatten, grinsten sie sich zufrieden an.
»Machen wir das jetzt jeden Abend?« fragte Jonas.
Mama nickte. »Das ist eine prima Idee.

(c) 2014, Marco Wittler

494. Das erste Herbstlaub

Das erste Herbstlaub

Der Sommer war vorbei. Die Tage wurden wieder kürzer, das Wetter kalt und nass. Nur hin und wieder schien die Sonne und wärmte die Erde unter sich ein wenig auf.
Während die Menschen wegen des schlechten Wetters immer mehr ihre gute Laune verloren, ging es den Blättern an den Bäumen viel besser. Sie bekamen nach den langen, trockenen Monaten endlich wieder genug Wasser, um wachsen zu können. Nur eines von ihnen war traurig.
»Schaut euch doch nur die Menschen an.« sagte es zu den anderen.
»Sie wissen, dass bald der Winter kommt, es kalt wird und die Sonne kaum noch scheinen wird. Deswegen lachen sie gar nicht mehr. Sie verstecken sich nur noch in dicken Jacken und lassen den Mund hängen. Es wäre doch schön, wenn wir daran etwas verändern könnten.«
Der Meinung waren alle anderen Blätter auch. Und so beschlossen sie in der nächsten Nacht, ihr grünes Kleid abzulegen. Darunter waren sie fast so bunt wie ein Regenbogen. Sie ließen sich von ihren Bäumen zu Boden fallen und bedeckten die ganze Erde mit ihrer Farbenpracht.
Als die Menschen am Morgen vor die Türen traten, wollten sie ihren Augen nicht glauben. Die Welt war schön, auch ohne Sommer.
Mit breitem Grinsen liefen sie durch das bunte Blättermeer und lachten laut vor Freude. Die Blätter waren mit ihrer Idee so zufrieden, dass sie von nun an jeden Herbst ihre Farbe wechselten.

(c) 2014, Marco Wittler

389. Mein Apfel ist mein Zuhause

Mein Apfel ist mein Zuhause

»Achtung!«, war eine Stimme von der linken Seite zu hören.
»Vorsicht!«, eine zweite von rechts.
»Die Bäuerin kommt mit der Leiter. Jetzt ist es so weit. Rette sich wer kann.«
Die vielen kleinen Würmer, die es sich seit einigen Wochen in den Äpfeln eines Baumes gemütlich gemacht hatten, bangten um ihr Leben. Sie wussten nur zu gut, dass nun Erntezeit war. Die saftigen Äpfel sollten gepflückt werden.
Schon bohrten sich die Würmer ins Freie. Einer nach dem anderen ließ sich in das hohe Gras fallen. Der ersten Gefahr waren sie dadurch entgangen. Sie würden nicht im Magen eines hungrigen Menschen enden. Aber wo sollten sie nun hin? Sie waren keine Regenwürmer und konnten sich nicht in den Boden bohren. Jederzeit konnten sie vom Schnabel eines Vogels aufgespießt werden.
»Wenn die Äpfel doch das ganze Jahr am Baum hängen bleiben dürften.«, wünschten sie sich. Doch da begann die Bäuerin bereits, die rot glänzenden Früchte zu ernten.
»Nicht mit mir.«, rief ein besonders kleiner Wurm.
»Ich lasse mir doch nicht von einem Menschen mein Haus klauen. Der Apfel gehört mir und den behalte ich.«
Theo war noch sehr jung und hatte noch keine Apfelernte erlebt.
»Komm lieber runter, Kleiner, sonst isst sie dich mit Haut und Haar.«
Aber das wollte der kleine Wurm nicht hören. Schnell bohrte er sich nach draußen und sah sich um. Ganz in seiner Nähe entdeckte er mehrere Blätter, die ihn auf eine Idee brachten.
»Wartet es nur ab.«, rief er den anderen Würmern zu.
»Ich bleibe, wo ich bin.«
Rasch pflückte er ein Blatt nach dem anderen und klebte sie mit Spucke an seinem Apfel fest. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis kein roter Fleck mehr zu sehen war.
Die Bäuerin pflückte fleißig weiter. Ein Apfel nach dem anderen verschwand in einem großen Sack. Als sie fertig war, sah sie noch einmal an allen Ästen nach.
»Fertig.«, sagte sie zufrieden und brachte die Ernte in die große Scheune.
So ganz fertig war sie allerdings nicht. Denn einen einzigen Apfel hatte sie übersehen. In dem hauste Theo glücklich und zufrieden den ganzen Winter hindurch, bis im nächsten Sommer neue Früchte wuchsen.

(c) 2012, Marco Wittler

341. Wenn die Tage kürzer werden

Wenn die Tage kürzer werden

Paul saß am Fenster und starrte verträumt nach draußen.
»Ach, wenn das Wetter doch bloß schöner wäre.«, murmelte er vor sich hin.
Doch leider war es dicht bewölkt und der Regen prasselte ohne Pause auf die Erde nieder.
»Und warum muss es nur so früh dunkel werden? Das ist doch ungerecht.«
Der Herbst hatte begonnen und die Tage wurden nun merklich kürzer. Am Morgen ging die Sonne später auf und am Nachmittag verschwand sie bereits wieder hinter dem Horizont. Das ließ sich einfach nicht mehr mit dem Sommer vergleichen.
»Ich will wieder Sommer haben. Ich will bis zum Abendessen im Sandkasten spielen.«, verlangte Paul energisch.
Heller wurde es dadurch natürlich nicht. Das Gegenteil war der Fall. Die Dunkelheit hatte in den letzten Minuten zugenommen.
»Was ist los? Warum schimpfst du denn die ganze Zeit?«, fragte Opa, der gerade den Kopf zur Tür herein steckte.
Paul drehte sich herum.
»Ich kann den Herbst nicht leiden. Es ist kalt, nass und so schnell dunkel. Wie soll ich denn da noch draußen spielen können.«
Er verließ das Fenster und ließ sich verärgert auf sein Bett fallen.
»Ach Opa. Es ist einfach ungerecht. Wenn ich mittags nach Hause komme, muss ich erstmal meine Schulaufgaben machen. Wenn ich fertig bin, wird es aber schon dunkel. Ich komme gar nicht mehr raus. Das ist so wahnsinnig langweilig.«
Opa grinste und setzte sich mit auf das Bett.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Wir zwei werden einfach etwas Passendes zum Herbst unternehmen.«
Paul sah in ungläubig an.
»Ich glaube nicht, dass es da etwas gibt.«
Aber Opa war da anderer Meinung.
»Komm einfach mit.«
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Oma hatte bereits einen duftenden Tee und leckere Kekse auf den Tisch gestellt.
Opa holte ein paar Stifte, Scheren, Klebe, Papier und noch viel mehr Sachen aus dem Schrank.
»Wir basteln uns etwas Herbstdekoration.«, erklärte er.
»Du weißt doch, wie gern Oma die Fenster schmückt. Und gerade jetzt im Herbst gehört buntes Laub dazu.«
Er setzte sich an den Tisch, nahm sich ein rotes Papier und schnitt mit der Schere ein verschiedene Baumblätter daraus aus.
»Na los, mach mit. Die heften wir dann gleich mit ein paar Klebestreifen an die Glasscheiben.«
Das ließ sich Paul kein zweites Mal sagen. Er fing ebenfalls an zu basteln.

Nach einer ganzen Weile waren alle Fenster des Hauses dekoriert.
»Das habt ihr richtig gut gemacht.«, lobte Oma.
»Jetzt habt ihr euch eine Belohnung verdient.«
Sie bat Opa und Paul auf das gemütliche Sofa, holte ein altes Buch aus dem Schrank.
»Daraus hat mir schon mein Opa Geschichten vorgelesen.«
Dann setzte sich sich eine dicke Brille auf die Nase und begann selbst laut zu lesen.
Nachdem sie fertig war, legte sie das Buch zur Seite und sah ihren Enkel erwartungsvoll an.
»Das war ein richtig schöner Tag heute.«, sagte Paul.
»Ich hätte nicht gedacht, dass man im Herbst so viel Spaß haben kann.«
Dann sah er Opa an.
»Und was machen wir Morgen?«
Opa dachte kurz nach, bevor er antwortete.
»Da wird mir schon etwas einfallen.«

(c) 2010, Marco Wittler

337. Morgentau oder „Papa, was ist Altweibersommer?“ (Papa erklärt die Welt 33)

Morgentau
oder ›Papa, was ist Altweibersommer?‹

Der Herbst hatte begonnen. Die heißen Tage des Sommers gehörten mittlerweile der Vergangenheit an und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot, gelb und braun. Doch nach den letzten regnerischen Tagen, war es nun wieder sonnig und angenehm warm.
Das hatten Papa und Sofie natürlich ausgenutzt und waren den ganzen Tag über draußen an der frischen Luft gewesen. Aber nun saßen sie gemeinsam in Sofies Zimmer und sahen durch das Fenster der untergehenden Sonne zu.
»Das war heute richtig schön.«, schwärmte Sofie, während sie sie in ihr Nachthemd schlüpfte.
Papa nickte und lehnte sich gemütlich zurück.
»Das ist das schöne am Altweibersommer.«, erklärte er.
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, was ist eigentlich Altweibersommer? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Altweibersommer. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Spinne, die den ganzen Tag an Ästen und Pflanzenhalmen herum kletterte und ein Spinnennetz nach dem anderen wob. Ihr Name war Eleonora.
Am frühen Morgen kam Eleonora aus ihrem Versteck gekrochen und begann mit ihrer Arbeit. Erst am späten Abend, wenn die Sonne unterging, unterbrach sie ihr Tun und ging zu Bett.
Eines Tages, es war gerade früher Morgen, kam ein junges Mädchen daher. Sie spazierte durch die grüne Wiese und erfreute sich am frischen Morgentau, der ihre Füße kitzelte und mit Wassertropfen benetze. Das war ein herrlich erfrischendes Gefühl.
In diesem Moment kam ihre Freundin um eine Ecke gebogen.
»Marie, warte auf mich. Du sollst doch nicht allein durch den Wald laufen. Dir könnte etwas zustoßen.«
Aber Marie lachte nur und lief einfach weiter.
»Ella, komm her.«, rief sie.
»Zieh dir Schuhe und Strümpfe aus. Genieße den schönen Morgen. Bald ist es Herbst und es wird zu kalt dafür sein.«
Nur ungern kam Ella der Aufforderung nach und setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen in die nasse Wiese.
»Brrr, ist das kalt.«
Marie grinste über das ganze Gesicht.
»Nun hab dich nicht so. Es ist einfach nur schön.«
Sie nahm ihre Freundin an der Hand und zog sie hinter sich her.
Doch plötzlich blieben die beiden Mädchen stehen. Sie hatten etwas Seltsames entdeckt.
»Wie schön es doch ist.«
Sie mussten es sich von allen Seiten genau anschauen und konnten ihre Blicke nicht mehr davon lösen.
Das bemerkte natürlich auch die kleine Spinne Eleonora. Sie sah sich um und es fiel ihr auf, dass die Menschen von den Spinnennetzen fasziniert waren. An ihren Fäden hingen die frischen Tropfen des Morgentaus.
»Das geschieht nur im Altweibersommer.«, flüsterte Marie.
»Wenn der Wind geht, gehen die kleinen Gespinste auf die Reise. Sie fliegen den alten Weibern nach, die noch immer nicht verheiratet sind. Wer von den Netzen berührt wird, steht schon bald vor dem Traualtar und bekommt ein Baby.«
Ella bekam große Augen.
»So ein Quatsch. Das glaube ich dir nicht. Du willst mir doch wieder nur einen Bären aufbinden.«
Trotzdem war es ihr nicht ganz geheuer.
Marie grinste wieder.
»Doch. Jedes meiner Worte ist wahr. Also geh lieber nicht zu nah heran.«, neckte sie ihre Schwester weiter.
Eleonora musste leise lachen, als sie das alles hörte.
»Wartet es nur ab. Euch werde ich einen kleinen Schrecken einjagen.«
Schon kletterte sie zum nächsten Netz und biss die Befestigungsfäden durch. Genau in diesem Moment gab es einen kleinen Windstoß, der das Gespinst direkt zu Marie wehte.
Mit einem entsetzten Aufschrei sprang das Mädchen zur Seite und konnte dem Netz gerade noch ausweichen. Sie bekam einen hochroten Kopf und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
Nun war es Ella, die lachen musste.
»Jetzt bist du selbst auf deinen Scherz herein gefallen.«
Marie verzog die Mundwinkel und brummte leise vor sich hin, bevor sie antwortete.
»Ich wollte nur sicher gehen. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran. Denn zum Heiraten ist es mir noch viel zu früh.«
Aber dann schoben die beiden Mädchen die ängstlichen Gedanken fort und liefen wieder vergnügt über die grüne Wiese.
Eleonora aber bewahrte dieses kleine Erlebnis in ihrem Herzen. Von nun an musste sie immer im September an Marie und Ella denken, wenn sich ihre Netze mit Morgentau benetzten.
»Ja, der Altweibersommer ist wirklich die schönste Zeit im ganzen Jahr.«, murmelte sie dann vor sich her.

Sofie hatte Papa aufmerksam zugehört. Während sie noch über das Gehörte nachdachte, schlüpfte sie bereits unter die Decke.
»Das war eine sehr schöne Geschichte.«, sagte sie schließlich.
Papa war zufrieden als er das hörte. Doch dann fiel Sofie noch etwas ein.
»Aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon.«
Grinsend zog sie sich die Decke bis zur Nase und schloss ihre beiden Augen.

(c) 2010, Marco Wittler

335. Herbstwetter

Herbstwetter

»So ein blödes Wetter.«, beschwerte sich Nina, als sie aus dem Fenster sah.
»Warum muss es denn heute so kalt und windig sein? Ich wollte doch heute raus gehen und spielen. Ich kann den Herbst einfach nicht leiden.«
Enttäuscht ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Das Treffen mit ihren Freundinnen auf dem Spielplatz konnte sie wohl vergessen.
»Dann werde ich heute wohl den ganzen Tag Langeweile haben.«
Sie seufzte laut.
In diesem Moment ging Papa an ihrem Zimmer vorbei. Als er seine Tochter hörte, steckte er den Kopf durch die Zimmertür.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er.
»Ach, Papa.«, antwortete Nina enttäuscht.
»Schau doch mal aus dem Fenster. Bei dem Wetter kann ich mich doch nicht mit meinen Freundinnen auf dem Spielplatz treffen. Das macht doch keinen Spaß.«
Papa warf einen Blick nach draußen. Er sah die Wolken, die schnell über den Himmel hinweg zogen und dachte nach.
»Ich hab da eine Idee.«
Er nahm seine Tochter mit ins Wohnzimmer, drückte ihr das Telefon in die Hand und bat sie, alle ihre Freundinnen einzuladen.
»Aber Papa, wir können doch gar nicht raus gehen und hier drinnen wollen wir auch nicht spielen.«
Papa musste grinsen.
»Wer sagt denn, dass ihr nichts draußen unternehmen könnt? Ich hab mir da schon was einfallen lassen. Vertrau mir einfach.«
Also wählte Nina eine Telefonnummer nach der anderen und lud schließlich ihre ganzen Freundinnen ein, während Papa grinsend im Keller verschwand.

Nach einer halben Stunde saßen sieben neugierige Mädchen im Wohnzimmer. Sie wussten nicht, was gleich unternommen werden sollte, denn Papa hatte sich noch nicht wieder blicken lassen. Aber es war zu hören, dass er an irgendwas arbeitete.
Dann wurde es im Keller still. Als nächstes waren Schritte auf der Treppe zu hören.
»Ich bin fertig. Wir können loslegen. Also zieht eure Jacken an. Wir gehen nach draußen.«
Die Mädchen sahen sich verwirrt an. Doch dann zogen sie sich an und gingen schließlich nach draußen auf die große Wiese vor dem Spielplatz.
Papa hatte eine Kiste in Händen, die er nun vor seine Füße stellte. Er öffnete den Deckel und holte etwas heraus, dass er schnell gebastelt hatte.
»Der Wind ist so schön kräftig heute.«, sagte er.
»Deswegen lassen wir heute Drachen steigen.«
Jedem Mädchen drückte er einen handgemachten Drachen in die Hand. Dann führte er ihnen vor, wie man sie schnell und einfach in die Luft steigen lassen konnte.
»Hui, ist das ein Spaß.«, rief Nina begeistert.
»Mit dem richtigen Spielzeug ist der Herbst eine ganz tolle Jahreszeit.«
Da konnten ihre Freundinnen nur beipflichten.

(c) 2010, Marco Wittler

284. Ideen gegen Miesepeterwetter

Ideen gegen Miesepeterwetter

Kennst du das auch? Es ist mitten im November und der Herbst zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Die Blätter fallen von den Bäumen, es wird immer früher dunkel und es regnet von früh bis spät. Nicht einmal in der Nacht bleibt es draußen trocken. Da vergeht einem doch jede gute Laune, wenn man an den Sommer zurück denkt und sich ärgern muss, dass man jetzt nicht mehr im Sandkasten spielen oder auf der Schaukel sitzen kann. Sogar das Fahrrad ist schon in der Garage verschwunden.
Am liebsten würde man von morgens bis abends im Bett liegen bleiben und gar nichts machen. Doch das ist viel zu langweilig.
Aber Max ließ sich davon nicht beeindrucken.
»Weißt du was?«, fragte er Mama.
»Nein. Du hast es mir ja auch noch nicht erzählt.«, lachte sie zurück.
Max stemmte seine Hände in die Seiten und machte ein ernstes Gesicht.
»Ich erkläre heute den Schmuddelherbst und das Miesepeterwetter für beendet. Hier und heute beginnt wieder der Sommer.«
Mama sah ihn verwundert an.
»Wie willst du das denn schaffen? Die Jahreszeiten werden bestimmt nicht auf die hören.«
Doch Max war da ganz anderer Meinung und zwinkerte verschwörerisch.
»Du wirst schon sehen. Ich habe mich gut vorbereitet.«
Dann schob er Mama aus dem Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich.
»Du darfst nicht rein kommen, bis ich fertig bin. Das wird eine Überraschung.«
Max holte eine große Tasche hinter dem Sofa hervor. Er öffnete sie und holte buntes Papier, eine Kinderbastelschere und ein paar Rollen Klebestreifen heraus. Das alles verteilte er auf dem Tisch und begann den Sommer zurück zu holen.
Mama stand noch immer hinter der Wohnzimmertür und lauschte.
»Was macht der denn da drin? Ich bin ja so neugierig. Am liebsten würde ich heimlich einmal rein schauen. Aber der Junge hat sogar das Schlüsselloch mit einem Tuch verhängt.«
Sie musste also warten.

Die Zeit verging wie im Fluge. Schon zwei ganze Stunden hatte Max mit Basteln verbracht. Inzwischen war auch Papa mit Tochter Emely vom Sport zurück gekommen. Die beiden durften natürlich auch nicht ins Wohnzimmer.
Also setzte sich die Familie in die Küche und rätselte, was dort wohl vor sich gehen konnte. Aber so recht wollte ihnen nichts einfallen.
Erst eine weitere Stunde später öffnete die plötzlich die verschlossene Tür und Max kam nach draußen.
»Hallo Mama und Papa, hallo Emely.«, begrüßte er die anderen vornehm.
»Wie ihr wisst, ist das Wetter draußen ganz schön nass und kalt. Da macht es keinen Spaß irgendwas zu unternehmen. Also habe ich beschlossen, den Sommer zu uns nach Hause einzuladen, damit wir alle gemeinsam etwas gegen den Herbst unternehmen können.«
Er winkte die Familie hinter sich her.
»Folgt mir bitte ins Wohnzimmer und macht es euch dort gemütlich.«
Als Mama den Raum betrat wären ihr beinahe beide Augen aus dem Kopf gefallen, so überrascht war sie.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert? Der Sommer ist ja tatsächlich bei uns gelandet.«
Überall an den Wänden klebten bunte Papierblumen, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten. An der Decke hing eine große gelbe Sonne. Das alles wurde von mehreren Lampen beleuchtet, dass sofort jeder ein wohliges Sommergefühl bekam. Sogar im Wintergarten, zwischen den kleinen Bäumen und Palmen war das Planschbecken aufgebaut und mit warmem Wasser gefüllt.
»Wer eine Badehose dabei hat, darf es sich im Pool gemütlich machen.«, sagte Max stolz und drückte jedem einen leckeren Fruchtsaft in die Hand. In den Bechern steckten sogar kleine bunte Schirmchen.
»Und das hast du alles allein gemacht?«, wunderte sich Papa und überlegte, wie sein Sohn die Sonne an die Decke geklebt hatte.
»Nein.«, lachte Max.
»Tante Sandra hat mir geholfen. Aber die Ideen sind alle von mir.«
In diesem Moment kam die Tante hinter einem Sessel hervor. Sie hatte bereits einen Badeanzug an und machte es sich sofort im Planschbecken gemütlich.
»Also das muss man eurem Sohn aber lassen. Seine Ideen gegen schlechte Herbstlaune sind wirklich genial.«
Dann nahm sie einen großen Schluck Saft und schloss genüsslich die Augen.

(c) 2009, Marco Wittler

135. Die Jahreszeiten

Die Jahreszeiten

Das ganze Jahr ist von Veränderungen geprägt. Wenn es beginnt, liegt überall Schnee, es ist eisig kalt und die Äste der Bäume sind kahl und leer. Die Tiere halten Winterschlaf oder sind in den warmen Süden gezogen.
Es dauert ein paar Monate, bis die Tage langsam länger werden, die Temperaturen steigen und der Schnee dem frischen Grün Platz macht. Die ersten Pflanzen wachsen, die Schneeglöckchen und die Krokusse blühen und die Bäume lassen neue Blätter wachsen. Mit dem Frühling kehrt das Leben in die Wälder zurück. Die Vögel verlassen den Süden, bauen ihre Nester und alle andere Tiere erwachen aus ihrem langen Schlaf.
Doch dabei bleibt es nicht, denn der Sommer wartet nur darauf, die Welt in seine Hand zu bekommen. Er heizt die Erde richtig auf. Es wird wärmer und wärmer. Doch bleibt auch ihm nur eine begrenzte Zeit, denn der Herbst wird ihn ein paar Monate später ablösen.
Wenn es so weit ist, färben sich die Blätter bunt und fallen zu Boden. Die Bäume werden wieder kahl. Die Vögel machen sich auf den Weg in den Süden und alle anderen Tiere bereiten sich auf den bevor stehenden Winter vor. Sie sammeln Nahrung und suchen sich warme Höhlen und Verstecke für die lange Schlafenszeit. Und so beginnt wieder alles von vorn.
Eigentlich sollte es in jedem Jahr so sein, doch eines Tages geschah etwas, womit die Jahreszeiten nicht gerechnet hätten.

Es war September. Der Sommer war schon fast vorüber. Tagsüber schien noch immer die Sonne und wärmte alles auf. Doch die Nächte waren klirrend kalt. Es wurde Zeit für den Herbst.
Noch bevor sich der Herbst auf den Weg machte, schickte er seine kleinen Helfer voraus, um seine Ankunft vorzubereiten.
»Und dass ihr mir bloß kein einziges Blatt vergesst.«, mahnte er sie an.
»Und klettert nicht herum. Im letzten Jahr musste ich Mutter Natur erklären, warum ihr Schneehase plötzlich rot war. Das darf nicht noch einmal vorkommen.«
Die fleißigen Helfer nickten eifrig und machten sich an ihre Vorbereitungen.
Sie hatten einen großen Transportwagen hinter einem Gespann aus acht Pferden gehängt. Im Wagen befand sich allerlei Material. Da waren Farbeimer mit unzähligen roten und braunen Farben. Keiner glich dem anderen. Daneben lag ein Berg mit neuen Pinseln, die nur darauf warteten, benutzt zu werden.
»Haben wir auch alles dabei?«, fragte Herbstwichtel Nummer Eins.
»Jawohl!«, antwortete Herbstwichtel Anton.
»Wir haben alles ordnungsgemäß und nach Vorschrift in den Wagen gepackt und fest verschnürt. Es sollte schon etwas völlig Unmögliches passieren, bevor uns auch nur ein einziger Tropfen Farbe verloren geht.«
Nummer Eins war zufrieden. Er begutachtete noch einmal alles und gab dann den Befehl zu Abfahrt.
Ein unüberschaubare Zahl Herbstwichtel stürmte auf den Wagen zu. Gemeinsam mit den Pferden liefen sie los und machten sich auf den Weg zu den Wäldern der Welt.

Nach ein paar Tagen kamen die Wichtel an ihrem ersten Ziel an. Vor ihnen wuchsen riesige Bäume in den Himmel.
»Holt die Leitern hervor und beginnt mit der Arbeit.«, befahl Nummer Eins.
Die Wichtel holten die Leitern hervor und stellten sie an die Bäume. Anton verteilte Farbeimer und Pinsel.
»Legt die Pinsel an!«, rief Nummer Eins.
»Auf mein Kommando. Achtung! Fertig! Malt!«
Die Wichtel kletterten die Leitern hinauf und begannen, die Blätter der Bäume zu bemalen. Nach und nach wurde das Laub des Waldes bunt, während das Grün verschwand.
»Sieht doch schon ganz herbstlich aus. Ihr leistet wirklich gute Arbeit.«
Nummer Eins lief ständig zwischen den Bäumen herum, begutachtete die einzelnen Blätter und wies seinen Wichteln immer wieder neue Bäume zu. Antons Aufgabe war es, die leeren Farbeimer gegen volle einzutauschen, damit die Arbeit zügig weiter gehen konnte.
»Du meine Güte, wenn ihr weiter in diesem Tempo arbeitet, werden wir dieses Jahr ein paar Tage früher fertig ist als sonst. Ich komme ja kaum noch hinterher, euch neue Farben zu bringen.«

Am Abend verließen sie den Wald. Nummer Eins ging voraus und wollte sich das Werk seiner Wichtel anschauen. Doch dann traf ihn ein Schrecken.
»Was ist denn das? Das kann doch gar nicht wahr sein.«
Der Wald sah fast so aus wie vorher. Alle Bäume waren grün. Nur die letzten, deren Blätter gerade erst bemalt worden waren, erstrahlten in bunten Farben.
»Sind unsere Farben nicht in Ordnung oder was ist da passiert? Kann mir das mal jemand erklären?«
Eine Antwort hatte niemand. Dafür war die Verwunderung umso größer.
»Wir werden eine Nacht darüber schlafen und uns Morgen früh beraten.«, entschied Nummer Eins.

Der nächste Morgen brachte die nächste Überraschung. Auch die letzten Bäume waren wieder grün geworden. Im ganzen Wald war nicht ein einziger Tropfen Farbe zu finden.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das ist doch völlig unmöglich.«
Nummer Eins regte sich auf und bekam einen hochroten Kopf.
»So etwas hat es noch nie gegeben, seit ich ein Herbstwichtel bin. Wir müssen sofort von vorn anfangen.«
Die Wichtel gingen zum Wagen und holten ihre Arbeitssachen hervor. Doch etwas fehlte.
»Was ist denn das?« wunderte sich Anton.
»Die Leitern liegen hier und die Farbtöpfe stehen auch bereit. Aber wo sind die Pinsel geblieben?«
Tatsächlich war nicht ein einziger Pinsel zu finden. Sie waren verschwunden.
»War jemand heute Nacht hier und hat uns bestohlen? Hat jemand was gesehen oder gehört?«, fragte Nummer Eins.
Aber leider hatte jeder Wichtel in der Nacht tief und fest geschlafen.
Nummer Eins kam das alles nicht geheuer vor. Er begann einen Plan zu schmieden.
»Mir ist es egal, ob wir Pinsel haben oder nicht. Wir werden das Laub bunt anmalen. Immerhin haben wir noch Hände und Finger. Also legt los, Männer.«
Die Wichtel kletterten ein weiteres Mal die Leitern empor und tauchten nun ihre Finger in die Farbeimer. Es dauerte natürlich auch einiges länger, aber trotzdem hörte Nummer Eins nicht ein Murren oder Maulen. Ein schlauer Wichtel kam sogar auf die Idee seinen langen Bart als Pinsel zu benutzen.
Als dann einige Stunden später der Abend kam, war wieder ein Teil der bemalten Blätter auf wundersame Weise ergrünt.
»Das glaub ich einfach nicht. Da muss Hexerei am Werk sein.«, beschwerte sich Nummer Eins.
»Aber das lasse ich nicht mit uns machen. Ich werde die ganze Nacht Wache halten und die restlichen Bäume beobachten. Ich finde schon heraus, wer die Farbe entfernt.«

Die Nacht zog sich lange hin. Die Dunkelheit wurde kaum erleuchtet, da dichte Wolken das Licht des Mondes und der Sterne nicht durch ließen.
Nummer eins hatte sich auf das Dach des Transportwagens gesetzt und beobachtete alles ganz genau. Ständig wechselte sein Blick die Himmelsrichtungen. Aber bisher war der Übertäter nicht aufgetaucht.
»Vielleicht beobachtet er mich und wartet nur darauf, dass ich einschlafe.«, murmelte er in sich hinein.
»Ich werde mich also in meinen Schlafsack verkriechen und mich schlafend stellen.«
Nur eine halbe Stunde später hörte man knackende Zweige. Irgendwer ging durch den Wald. Nummer Eins war noch immer wach und wartete nur darauf, den Pinseldieb zu sehen.
Plötzlich wurde eine Leiter an einen Baum gestellt und jemand kletterte daran hinauf. Er holte einen Lappen aus der Tasche und wischte alle Blätter sauber. Doch schon nach ein paar Minuten legte sich eine Hand auf seine Schulter.
»Habe ich dich doch noch erwischt.«, sagte Nummer Eins.
In diesem Moment standen alle anderen Wichtel auf und entzündeten ihre Lampen. Nun wollten sie den Übeltäter auch sehen.
»Aber du bist doch der Sommer, oder irre ich mich da?«
Nummer Eins war verdutzt. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
»Warum zerstörst du unsere Arbeit? Wir müssen doch alles für die Ankunft des Herbstes vorbereiten.«
Der Sommer ließ die Schultern hängen, während er langsam die Leiter herab stieg.
»Das ist es ja gerade. Ich will doch noch gar nicht gehen. Ist es denn nicht die schönste Jahreszeit, wenn die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern und es immer warm ist?«
Nummer Eins musste sich eingestehen, dass es ihm so wirklich sehr gefiel.
»Trotzdem werden bald der Herbst und der Winter kommen. Die Welt, die Tiere und die Menschen sind daran gewöhnt. Wenn du nun plötzlich das ganze Jahr bleiben würdest, wären sie alle völlig verwirrt. Außerdem würden dann Frühling Herbst und Winter arbeitslos.«
Der Sommer war traurig. Trotzdem sah er ein, dass er einen Fehler begangen hatte.
»Dann werde ich wohl doch bis zum nächsten Jahr verschwinden müssen.«
Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Doch dann hielt ihn Anton zurück.
»Warte bitte. Ich glaube, ich habe da eine Idee.«
Der Sommer drehte sich mit leuchtenden Augen um.
»Wir könnten die Welt in zwei Hälften aufteilen. Die Grenze ziehen wir am Äquator. Die eine Jahreshälfte lebst du hier im Norden und die andere dann im Süden. Ich bin mir sicher, dass die anderen Jahreszeiten damit einverstanden wären. Und die Welt selber wird kaum etwas davon merken.«
Der Sommer wischte sich ein paar Freudestränen aus dem Gesicht und drückte Anton fest an sich.
»Du bist ein wahrlich kluger Wichtel, mein Freund. Ich nehme deinen Vorschlag an.«
Und so begannen die vier Jahreszeiten über die Welt hin und her zu reisen.

(c) 2008, Marco Wittler