595. Wasserbomben

Wasserbomben

»Puh, ist das heiß heute.«, stöhnte Lena, die sich nur noch ungern bewegte.
»Warum muss das im Sommer bloß immer so heiß werden? Das ist doch nicht normal.«
Sie sah auf das Thermometer auf der Fensterbank.
»WAS? Draußen sind es fast vierzig Grad und hier drinnen schon zweiunddreißig? Wie soll ich das denn überleben?«
Mama zwang sich zu einem verschwitzten Lächeln.
Tut mir Leid. Aber unsere Dachgeschoßwohnung nimmt zu viel Wärme auf. Die anderen Wohnungen hier im Haus liegen alle unter uns und werden lange nicht so warm. Hätten wir einen Balkon, könnten wir es uns darauf gemütlich machen. Da weht wenigstens noch ein wenig frische Luft.«
Lena verzog das Gesicht. Ihr gefiel das heiße Wetter nicht. »Wenn wir wenigstens einen Garten hätten. Dann könnten wir da ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag da drin liegen. Das wäre so toll.«
»Oder in ein Freibad gehen. Aber wir haben leider keines in der Nähe.«
Mama dachte nach. Dann stand sie seufzend auf und ging in die Küche. Eine Weile kramte sie den Schränken. Dann kam sie mit einem Stapel Schwammtüchern, Gummibändern und einer Schere zurück.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Lena neugierig wissen.
»Will du jetzt bei der Hitze das Wohnzimmer wischen?«
»Nee.«, antwortete Mama. »Ich werde uns jetzt was Erfrischendes basteln.«
Mama zerschnitt die Schwammtücher in mehrere gleich große Stücke, legte sie übereinander und band ein Gummi darum.
»Schon fertig.«
»Was ist das denn?«
»Wasserbomben. Die legen wir in einen Eimer und können uns gegenseitig damit bewerfen. Das macht Spaß und erfrischt.«
Mama grinste frech.
»Geh du doch schon mal nach draußen auf den Gehweg. Ich werf dir dann die Wasserbomben zu und lasse ein paar Eimer Wasser an einem Seil nach unten. Du kannst dann alles annehmen.«
Lena ließ sich nicht zweimal bitten. Sie zog sich ihre Sandalen an und lief sofort nach unten.
Kaum war sie angekommen, öffnete sich auch schon das Fenster und Mamas Kopf kam zum Vorschein.
»Achtung! Ich werfe jetzt!«
Schon flogen die Wasserbomben. Allerdings waren sie bereits mit Wasser getränkt. Nach wenigen Sekunden war Lena pitschnass.
»Du hast mich veräppelt!«, rief Lena. »Aber wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so heiß.«
Und dann kam Mama doch noch nach unten und lieferte sich mit ihrer Tochter eine große Wasserschlacht.

(c) 2017, Marco Wittler

021. Ein viel zu heißer Sommer

Ein viel zu heißer Sommer

 Es war Sommer. Seit mehreren Wochen schon hatte sich keine einzige Wolke mehr am Himmel blicken lassen. Von Tag zu Tag wurde es heißer und heißer. Die Menschen bewegten sich nur, wenn es sich nicht mehr anders vermeiden lies. Die einzigen Orte, an denen man sie antreffen konnte, waren dunkle Keller und erfrischende Freibäder. Allerdings brachten diese auch keine richtige Abkühlung mehr, denn das Wasser hatte mittlerweile die Temperatur einer Badewanne.
Aber nicht nur den Menschen erging es so. Auch den Tieren im Zoo war es viel zu heiß. Allen voran der Klaus. Dieser war ein großer dicker Eisbär und stammte eigentlich vom Nordpol. Dort war es immer kalt und das ganze Jahr über lag Schnee. Daran war jeder Eisbär von Geburt an gewöhnt. Doch nun lebte Klaus schon seit einiger Zeit im Zoo und ihm war viel zu heiß. Anders wie bei den Menschen, die in Badehose oder Bikini herumlaufen konnten,  musste er sein dickes Fell anbehalten. Auch sein Badeteich kühlte nun nicht mehr. Trotzdem lag der den ganzen Tag am Wasser. Das war immer noch besser als in der Sonne zu schwitzen.
Er war allerdings nicht der einzige. Den Pinguinen war es auch zu heiß und allen anderen Tieren ebenfalls. So konnte es doch nicht weiter gehen. Irgendetwas musste dringend und schnell unternommen werden – nur was?
Der Abend kam und damit ein fast nicht spürbares, leicht kühlendes Lüftchen. Manch einer im Zoo atmete etwas auf. Aber nicht Klaus. Und genau deswegen hatte er schon beim Frühstück alle Tiere im Zoo informiert. Sie sollten sich nach Einbruch der Dunkelheit im Elefantenhaus treffen. Dort war genügend Platz für eine große Versammlung.
Und nun war es auch soweit. Alle machten sich auf den Weg. Um diese Zeit konnten sie das auch machen, denn der Zoo war mittlerweile geschlossen, und kein Mensch sah sie frei auf den Wegen umherlaufen. Und wirklich alle waren unterwegs. Die Schlangen schlängelten durch die Büsche, die Vögel flatterten hinterher und selbst die großen Krokodile machten sich mit ihren kurzen Beinen auf den Weg. Die Elefanten waren hingegen nicht zu sehen, denn sie waren ja heute Abend die Gastgeber und konnten zu Hause bleiben.
Die erste offizielle Zootier Versammlung der Geschichte konnte beginnen. Jeder, der etwas zu sagen hatte, durfte nach vorn kommen und sich an einem Rednerpult alles von der Seele reden. Und das sollte bis zum Morgengrauen dauern, denn jeder wollte erzählen, wie sehr ihm die Hitze zu schaffen machte.
Zum Schluss, kurz bevor die Sonne aufging redete Klaus als letzter. Er hatte beschlossen eine Gruppe aus unerschrockenen Tieren zu bilden, die sich dieses Problems an- und etwas dagegen unternehmen wollten. An seiner Seite hatte er schließlich die Elefantendame Elisa, den Kaiman Kalli und die Nasenbärin Nadine. Zu viert versprachen sie, schnellstens etwas gegen die Hitze machen zu wollen und viele Regenwolken hierher zu locken.
Um das Vertrauen der anderen auf ihrer Seite zu haben schüttelten sie allen beim Verlassen des Elefantenhauses die Hand, Kralle, Tatze, Pfote und was auch immer sie am Ende ihrer Arme und Beine besaßen.
Dabei fiel Klaus auf, dass eine Tiergruppe nicht zur Sitzung erschienen war. Die Löwen war nicht gekommen. Das war doch ziemlich komisch. Auf dem Weg zu seinem Gehege dachte er darüber nach und als er sich in seinen Teich gleiten lies fiel es ihm auf.
Die Löwen hatten keine Lust gehabt zu kommen. Sie sonnten sich sogar noch auf ihrem Felsen und fühlten sich regelrecht wohl. Eigentlich war das sogar klar, denn Löwen kamen ja ursprünglich aus der Steppe Afrikas. Dort war es immer heiß und nur selten kam Regen vom Himmel. Das war ihr Verhalten doch ziemlich eindeutig. Und nun hatte Klaus eine Idee, aber dafür musste er noch einen Tag schwitzen und bis zur nächsten Nacht warten.

 Als es wieder dunkel wurde traf er sich mit Elisa, Kalli und Nadine. Zusätzlich hatte er alle Vögel zu Hilfe gerufen. Sie sollten sich in einem Busch, nahe dem Löwengehege, verstecken und auf sein Zeichen warten.
Als der Eisbär mit seiner Gruppe bei den Löwen ankam schliefen diese bereits tief und fest in einer kleinen Höhle.
Der Zeitpunkt war günstig. Elisa packte den Eisbär, den Kaiman und die Nasenbärin und hob sie mit dem Rüssel in das Gehege. Dort fingen sie an, sich zu dritt umzuschauen.
Klaus Riecher hatte genau richtig gelegen. Denn hinter den Löwen, im Innern der Höhle waren jede Menge Regenwolken gefangen. Deswegen konnte es auch nicht regnen. Die Löwen waren an allem schuld.
Jetzt musste alles schnell gehen. Elisa trötete laut mit ihrem Rüssel, dass es im ganzen Zoo zu hören war. Die Löwen wurden von dem Lärm sofort wach und liefen aufgeregt zur Elefantendame an den Zaun um zu erfahren, warum sie so laut war. Diese Chance nutzten Klaus und seine beiden Freunde aus. Sie holten alle Wolken aus der Höhle und legten sie vorsichtig auf den Boden davor.
Nun war es Zeit für die Vögel. sie kamen aus dem Busch geflogen und schnappten sich mit ihren Krallen die Wolken und brachten sich mit kräftigen Flügelschlägen zum Himmel, wo sie hingehörten.
Plötzlich fing es an zu regnen. Es regnete wie aus Blechkübeln und es wollte gar nicht mehr aufhören. Die Löwen waren sehr erschreckt, denn Löwen waren eigentlich nur zu groß geratene Katzen. Und wie jeder weiß, sind Katzen sehr wasserscheu. Also rannten sie jaulend in ihre Höhle zurück um schnell wieder trocken zu werden.
Da sie nun nicht mehr am Zaun standen konnte Elisa die drei Wolkenretter wieder über den Zaun heben. Nun hatten sie es endlich geschafft. Die Wolken waren wieder da und die Hitze war verschwunden.
Alle Tiere im Zoo freuten sich und feierten bis zum Morgengrauen. Nur eine Gruppe war sauer. Die Löwen wurden nämlich nicht trocken, denn die Höhle hatte Löcher in der Decke und es regnete durch. Aber das war die gerechte Strafe für den viel zu langen und zu heißen Sommer. Sie hatten ihre Lektion gelernt und würden so eine Gemeinheit bestimmt nicht wieder machen.

 (c) 2004, Marco Wittler