577. Nik und Nele auf dem Planeten der Hunde (Nik und Nele 03)

Nik und Nele auf dem Planeten der Hunde

Es war ein schöner Oktoberabend gewesen. Nur leider wurde es mittlerweile schon viel zu früh dunkel. Die warme Sonne hatte sich hinter dem Horizont verkrochen und ihre warmen Strahlen gleich mitgenommen.
»Schon komisch, dass es jetzt so früh dunkel wird. Das ist im Sommer einfach schöner.« murmelte Nik in seinem Bett vor sich hin.
»Aber dafür schlaft ihr dann auch schneller ein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte nun auch Niks Zwillingsschwester Nele in die Dunkelheit hinein.
»Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hälst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an, holte ihr dickes Weltraumbuch unter der Decke hervor und blätterte ein paar Sekunden darin herum.
»Der Planet Pluto. Der ist so weit weg von der Sonne. Da ist es bestimmt ganz einsam. Der braucht unbedingt einen Besuch.«
Nik grinste. »Du weißt aber schon, dass Pluto kein Planet mehr ist?«
Nele nickte und verdrehte die Augen. »Ja, ich weiß, dass Pluto seit 2006 kein Planet mehr ist. Er ist nur noch ein Kleinplanet. Aber du hast vielleicht noch nicht mitbekommen, dass man dieses Jahr darüber geredet hat, ihn wieder zu einem echten Planeten zu machen.«
Sie klappte das Buch zu, legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Pluto. Intergalaktischer Raumflughafen.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während sie mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

»Die Umlaufbahn Plutos ist sehr ungewöhnlich. Er ist mal näher und mal weiter weg von der Sonne als sein Nachbar Neptun. Ihre Bahnen kreuzen sich immer wieder. Hoffentlich stoßen sie dabei nie zusammen.« dachte Nele über ihr Ziel nach.
»Wird schon gut gehen.« warf Nik ein. »Auch im Weltall gilt Rechts vor Links.«
»Wusstest du, dass man annimmt, dass Pluto mal ein Mond Neptuns war?« fragte Nele weiter.
»Neptun hat vor langer Zeit den Mond Triton eingefangen. Dadurch wurden Pluto und sein Mond Charon weggeschleudert. Nun drehen sie sich jeweils umeinander.«
In diesem Moment kamen sie an Charon vorbei, der nur ein kalter, grauer Felsbrocken war.
»Neben ihm gibt es noch vier weitere Monde. Nix, Hydra, Kerberos und Styx.«
Nik lachte laut. »Auf Nix ist bestimmt nix los.«
»Deswegen landen wir auch in wenigen Augenblicken auf der Oberfläche des Pluto.«

Die Landung war problemlos gewesen. Sanft hatte das Etagenbett seine Beine in den Staub der Plutooberfläche gesetzt und dann die schützenden Glasscheiben gesenkt.
»Wuff!« machte es plötzlich von einer Seite.
»Wuff!« kam es dann von der anderen Seite.
Von überall her stürmten Hunde heran. Kleine und Große, Dicke und Dünne, mit kurzem und langem Fell und tropfenden Sabbermäulern.
»Wo sind wir denn hier gelandet?« fragte sich Nik verwirrt. »Ich dachte, Pluto wäre unser Ziel gewesen und kein Hundetrainingsplatz.«
Nele schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Mensch. Denk doch mal nach. Der Planet heißt Pluto, wie der Hund von Micky Maus. Einer seiner Monde ist Kerberos. Das ist der Höllenhund bei den alten Griechen. Wir sind hier auf einem Hundeplaneten.«
»Hundezwergplanet!« verbesserte Nik grinsend.
Nun waren die Hunde heran. Sie setzten sich schwanzwedelnd vor das Bett und sahen die beiden Menschen erwartungsvoll an.
»Spazieren gehen?« fragte einer von ihnen.
»Werft mir ein Stöckchen! Werft mir ein Stöckchen.« ein anderer.
»Habt ihr Leckerlis dabei? Ihr habt doch bestimmt ganz tolle Leckerlis.«
»Ich will Gassi gehen. Ich habe extra meine Leine mitgebracht.«
In diesem Moment kam eine große Dogge anmarschiert. Sie war mindestens zwei Köpfe größer als alle anderen Hunde, die sich bereits versammelt hatten. Etwas scheu machte man ihr Platz.
»Sitz!« rief die Dogge. Alle Hunde setzten sich und wurden still.
»Ich bin hier der Leithund.« sagte die Dogge mit kräftiger Stimme.
»Ihr seid  ohne meine Erlaubnis auf unserem Planeten gelandet. Nach unseren Gesetzen steht darauf eine hohe Strafe.«
Die Zwillinge sahen sich ängstlich an.
»Auf das Betreten unseres Reviers stehen drei Jahre sozialer Dienst. Das bedeutet, ihr müsst nun jeden Tag mit uns Gassi gehen, uns Leckerlis geben, Stöckchen werfen und mir ganz persönlich den Bauch kraulen.«
Die Dogge legte sich auf den Rücken und machte einen Herz erweichenden Hundeblick.
»Bitte, bitte, bitte krault mich.«
Nele verdrehte die Augen und drückte entschlossen auf den roten Startknopf des Bettes.
»Das ist uns zu anstrengend. Aber wir schicken euch gerne mal  ein paar Schickimickidamen vorbei. Die tragen euch bestimmt gern den ganzen Tag in ihren großen Handtaschen durch die Gegend.«
Die Schutzgläser des Bettes hatten sich geschlossen. Nik und Nele flogen zurück zur Erde.
»Verrückte Planeten gibt es.« lachte Nele. Dann schlug sie ihr Weltraumbuch auf und suchte bereits nach dem nächsten Flugziel für eine andere Nacht.

(c) 2014, Marco Wittler

238. Fußballturnier im Tierheim (Tierheimgeschichten 4)

Fußballturnier im Tierheim

»Tooooooooorrrr« rief ein Kind laut und rannte stolz über die große Wiese.
»Tor?« wunderte sich Schildkröte Paul und sah zum Eingangstor des Tierheims. »Wer ist denn da am Tor? Ich kann niemanden sehen.«
Die zwei Hunde neben ihm lachten. »Nicht das Eingangstor. Der Bengel hat seinen Ball ins Tor geschossen. Hast du denn keine Ahnung von Fußball?«
Paul schüttelte den Kopf. »Sagt mir nichts. Habe ich noch nie gehört.«
»Na gut. Wir sind Hunde. Wir spielen ständig mit Bällen. Da kennen wir uns einfach besser aus, als andere Tiere.«
»Was soll das heißen?« mischte sich ein Kater ein. »Wieso sollten sich Hunde besser mit Fußball auskennen? Wir Katzen sind mindestens so gut wie ihr, wenn nicht noch besser.«
Die Hunde lachten wieder. »Kein Tier wird jemals einen Hund beim Fußball schlagen können. Fußball ist schließlich ein Menschenspiel. Und welches Tier ist der beste Freund des Menschen? Der Hund! Also ist es nur logisch, dass wir jedes Fußballspiel gewinnen würden.«
Nun war der Kater sauer. Stinksauer. Wie konnten diese überheblichen Kerle so etwas nur behaupten?
»In Ordnung. Ich nehme an. Heute Abend spielen wir gegeneinander. Sobald die Menschen Feierabend gemacht haben, rollt der Ball.«
Die Hunde hielten sich die Bäuche vor lachen und rollten sich auf dem Rasen hin und her.
»Ihr wollt tatsächlich gegen uns antreten? Ihr werdet nicht ein einziges Tor schießen. Das könnt ihr voll vergessen.«
»Wir werden es ja sehen.« antwortete der Kater Miro mit zittriger Stimme.

»Verehrte Damen und Herren. Es ist 18 Uhr. Die Menschen sind auf dem Weg nach Hause und die Bewohner unseres wunderschönen Tierheims haben sich auf der großen Wiese versammelten um einem großen Ereignis beizuwohnen.«
Schildkröte Paul hatte sich am Nachmittag von den Hunden die Spielregeln erklären lassen. Mittlerweile war er Feuer und Flamme. Er war so begeistert vom Fußball, dass er es sich nicht nehmen lassen wollte, Stadionsprecher zu sein. Er hatte sich aus einer dicken Pappe ein Sprechrohr gebastelt, damit man ihn überall hören konnte.
»Die Mannschaften der Hunde und der Katzen haben sich bereits warm gemacht und warten nun darauf, dass der Schiedsrichter den Ball frei gibt.«
In der Mitte des Feldes stand ein großer Papagei. Er fragte die Spieler noch einmal, ob sie bereit waren. Dann pfiff er laut und flatterte in die Luft, um alles besser überblicken zu können.
»Das Spiel ist gestartet.« rief Paul begeistert. »Die zweiundzwanzig Hunde und Katzen haben den ganzen Tag auf diesen Augenblick hin gefiebert. Jetzt gibt es kein Halten mehr.«
Es ging hin und her. Die Mannschaften schenkten sich nichts. Es wurde ein hartes Spiel. Die Katzen waren wendig, sie waren flink und flitzten immer wieder durch die Beine ihrer Gegner. Die Hunde kämpften auch erbittert um den Sieg. Allerdings setzten sie nicht immer faire Mittel ein. Sie bissen, sie bellten laut, foulten, drängelten und beschwerten sich ständig beim Schiedsrichter. Nach sechs Minuten erzielten die Kläffer das erste Tor. Weitere zwei Minuten fiel das Zweite. Die Katzen keuchten vor Anstrengung und wussten nicht mehr, was sie machen sollten. Mit ganz viel Gück erzielten sie durch eine Grätsche den Anschlusstreffer.
»Gott sei Dank steht es nur noch 2:1. Und das sollte den Katzen Mut geben.« rief Paul aufgeregt.
Es ging weiter hin und her. Mal gab es Chancen auf der einen, mal auf der anderen Seite.
»Achtzehnte Spielminute. Tor für die Katzen. Das ist der Ausgleich. Es ist unglaublich. Wer hätte das erwartet?«
Nach 45 Minuten war dann erstmal Halbzeitpause. Die Tiere versorgten sich mit Wasser und Futter. Für jeden standen Näpfe am Spielfeldrand bereit.

Weitere fünfzehn Minuten später betraten Hunde und Katzen wieder den Rasen. Die Hunde lachten ihre Gegner aus. »Wollt ihr wirklich noch gegen uns antreten? Habt ihr die Hosen immer noch nicht voll genug? Auch wenn es jetzt unentschieden steht, wir werden euch jetzt so richtig fertig machen.«
Die Katzen sahen an sich herab. »Wir haben gar keine Hosen, die wir voll haben könnten.«
Schildkröte Paul stellte sich wieder an den Rand des Spielfelds und informierte die Zuschauer über das aktuelle Geschehen.
»Das Spiel geht weiter. Der Schiedsrichter pfeift an. Aber was ist das?«
Paul sah nach oben und entdeckte dunkle, graue Wolken über sich, aus denen Tropfen auf seinen Kopf gefallen waren.
»Es beginnt zu regnen. Jetzt werden die Karten des Spiels also ganz neu gemischt. Der Rasen wird rutschiger und die Felle der Spieler nasser.«
Das Lachen der Hunde war mittlerweile verstummt. Die bemerkten, dass sie mit jeder Minute weniger Halt auf der Wiese hatten. Ihre klobigen Pfoten rutschten immer wieder weg. Die Hunde landeten mit ihren Schnauzen im Dreck.
Die Katzen kamen mit dem Wetter besser klar. Sie konnten sich mühelos in den feuchten Boden krallen und hatten den besseren Halt. Sie wurden immer selbstsicherer und erspielten sich immer mehr Möglichkeiten. Aber ein weiterer Treffer wollte nicht folgen. Er kurz vor Schluss kam es zu einer ganz großen Chance. Die Hunde verspielten einen Ball, den sich Kater Miro schnappte. Paul war begeistert und bekam sich nicht mehr ein.
»Miro hat den Ball. Aus dem Hintergrund müsste er schießen. Miro schießt. Toooor, Toooor, Toooor, Toooor! Tor für die Katzen. 3:2.«
Die Katzen mussten nur noch fünf Minuten durchhalten. Der Regen war auf ihrer Seite. Die Hunde schienen mittlerweile aufgegeben zu haben. Sie konnten mit ihren Gegnern nicht mehr mithalten. Und dann kam der Schlusspfiff.
»Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Die Katzen sind Tierheimmeister.«
Pauls Stimme überschlug sich. Die Katzen fielen sich in die Arme, während die Hunde erschöpft in die großen Pfützen des Rasens stürzten.

(c) 2014, Marco Wittler

236. Ein Beißer im Tierheim (Tierheimgeschichten 3)

Ein Beißer im Tierheim

»Es geht einfach nicht mehr. Wir kommen nicht mehr mit ihm zurecht.« sagte der Mann zur Tierheimchefin und drückte ihr schweren Herzens eine Leine in die Hand. Am anderen Ende der Leine saß ein großer Hund. Sein Maul steckte in einem Beißkorb. Seine Augen glühten wild.
»Wir haben Angst. Angst, dass er jemanden beißt, dass er vielleicht sogar uns beißt. Wir haben kleine Kinder, verstehen sie? Wir können ihn nicht mehr bei uns behalten.«
Er drehte sich um und verließ seufzend das Gelände. Die Tierheimchefin seufzte ebenfalls. Die Menschen machten es sich viel zu einfach. Zuerst war es ihnen zu viel Arbeit, die Tiere in einer Hundeschule ordentlich zu erziehen und dann schoben sie sie ins Tierheim ab, wenn sie mit ihnen nicht mehr fertig wurden. Es war immer die gleiche Geschichte.
»Dann suchen wir mal ein Plätzchen für dich.« Sie brachte ihn in das Hundehaus, öffnete einen Zwinger und und leitete den Hund hinein.
»Den Maulkorb brauchst du da drin aber nicht mehr. Mit so einem Ding würde ich mich auch nicht wohl wühlen.«
Sie nahm den Korb vorsichtig ab. Darauf schien der Hund aber nur gewartet zu haben. Ohne Vorwarnung flitzte er los, an ihr vorbei und nach draußen. Auf der Wiese bellte er so laut er konnte und jagte hinter den anderen Tieren her. Sabber tropfte aus seinen Mundwinkeln. Die Augen leuchteten böse.
»Der Beißer ist ausgebrochen. Fangt ihn ein und passt auf die anderen Tiere auf.« rief die Tierheimchefin verzweifelt ihren Mitarbeitern zu.
Aber da war es auch schon geschehen. Der Beißer stürmte in das Katzenhaus. Die Menschen hielten den Atem an. Was würde nun passieren?
»Sagt dem Tierarzt Bescheid. Es wird vielleicht verletzte geben.«
Die Chefin öffnete vorsichtig die Tür einen Spalt breit und warf einen Blick hinein. Es war aber weder etwas zu hören, noch zu sehen.
»Ich gehe jetzt hinein und versuche ihn nach draußen zu scheuchen. Wenn er kommt, fangt ihr ihn irgendwie ein.« Sie bewaffnete sich mit einem Besen und machte sich auf alles gefasst.
Es dauerte zwei Minuten. Zwei Minuten der Stille. Es war kein Geschrei der Katzen, kein Gebell des Beißers zu hören. Dann öffnete sich die Tür wieder. Die Chefin kam allein nach draußen. Ihr Gesicht zeigte völlige Verwirrung.
»Ihr werdet mir das nie glauben, wenn ich es euch erzähle. Das müsst ihr euch selbst ansehen.«
Die Menschen betraten leise das Katzenhaus. Dort wären ihnen fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Der Beißer lag auf dem Boden, alle vier Beine von sich gestreckt und seufzte immer wieder wohlig vor sich hin. Auf seinem Rücken lagen drei Katzenkinder und kuschelten sich in sein weiches Fell.
»Dem hat einfach die Liebe gefehlt.«
Von diesem Tag an, gab es keinen Beißer mehr. Der Kuschelkönig, wie sie ihn von nun an nannten, war der liebste Hund im Tierheim und der Beschützer des Katzenrudels.

(c) 2014, Marco Wittler

108. Hlfe, die Hunde kommen oder „Papa, was ist Katzengold?“ (Papa erklärt die Welt 13)

Hilfe, die Hunde kommen
Oder » Papa, was ist Katzengold?«

»Seien sie jetzt bitte alle vorsichtig und achten sie genau darauf, wohin sie ihre Füße setzen. Es soll doch niemand verletzt werden.«
Sofie nahm Papa fester an die Hand.
»Ich werde schon gut auf die aufpassen. Versprochen.«
Papa lächelte.
Die beiden hatten das schöne Wochenendwetter ausgenutzt und waren mit den Fahrrädern ziellos durch die Gegend gefahren. Irgendwann hatten sie vor einer Höhle gestanden, in der Führungen gemacht wurden.
Eine Frau mit einer großen Taschenlampe in der Hand ging nun voran und zeigte den Besuchern die schönen Tropfsteine und erzählte viel über Steinzeitmenschen, Höhlenbären und Mammuts.
»Im vorderen Teil dieser Höhle sind Knochen von Menschen und Tonscherben gefunden worden. Daher nehmen wir an, dass dieser Ort entweder bewohnt war oder als Grabstätte benutzt wurde. Etwas weiter hinten lag ein vollständig erhaltenes Bärenskelett, welches nun in unserem Museum ausgestellt ist. Sie können es nach der Führung gerne betrachten. Ihre Eintrittskarten behalten dafür ihre Gültigkeit.«
Sofie war schon ganz gespannt darauf. Die glitzernden Tropfsteine waren zwar ganz schick, aber niemand konnte sich ihre komplizierten Namen merken. Stala-dingsbums, Stala-irgendwas. Die einen wuchsen von oben, die anderen von unten. Es gab sogar welche, die den Boden mit der Decke verbanden, als wären sie eine Stütze. Dennoch war ein richtig echtes Skelett viel interessanter.
»Gehen wir nachher noch in das Museum, Papa? Bitte, bitte.«
Papa nickte.
»Natürlich. Den alten Bären lassen wir uns auf keinen Fall entgehen. So etwas sieht man ja nicht alle Tage.«
Hinter der nächsten Kurve bekam Sofie große Augen. An der Wand, zwischen gewöhnlichen Steinen und Lehm, glitzerte etwas.
»Papa, schau mal, ist das etwa …«, Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Es waren Goldnuggets, die sie entdeckte hatten.
»Lass und heimlich ein paar davon mitnehmen. Die scheint ja noch keiner entdeckt zu haben. Wir werden richtig reich. Dann kannst du mir davon ein Eis kaufen.«
Papa lachte leise. Die Höhlenführerin stimmte mit ein, denn sie schien die kleine Unterhaltung mitbekommen zu haben.
»Das ist doch nur Katzengold. Dafür interessiert sich hier kein Mensch.«
Sofie runzelte die Stirn.
»Katzengold? Ist das etwa etwas anderes als richtiges Gold?«
Aber die Frau war schon wieder ein paar Schritte weiter gegangen und erzählte den anderen Besuchern etwas über Höhlenmenschen.
»Papa, was ist eigentlich Katzengold und wie kommt es in diese Höhle?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar ziemlich reichen Katzen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Eine Geschichte?«, fragte die Höhlenführerin.
Sie und die anderen Leute in der Höhle gesellten sich zu den Beiden, um ebenfalls zuhören zu können.
»Ja genau, ich erzähle euch eine Geschichte. Und wie sollte sie beginnen?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Kater,der auf den Namen Miro hörte.
Miro ging es gar nicht gut. Es ging sogar sehr schlecht. Er kroch auf seinem Bauch über einen Waldweg. Er war so stark verletzt und erschöpft, dass er sich nicht mehr auf seinen Beinen halten konnte. Trotzdem hatte er es sich in den Kopf gesetzt, so schnell wie möglich zur Katzenstadt zu gelangen.
Aber nach einer Weile verließen ihn die letzten Kräfte und er brach zusammen.
Es dauerte zwei Tage, bis Miro wieder zu sich kam und seine Augen öffnen konnte. Er lag auf einem flauschigen Kissen in einem weißen Zimmer.
»Was? Wo bin ich hier?«
Eine Krankenschwester kam zu ihm, schnurrte ihn kurz an und erklärte, was geschehen war.
»Der Förster hat dich gestern im Wald gefunden. Du warst ohnmächtig. Also hat er dich auf die Schultern genommen und zu uns ins Krankenhaus gebracht. Wäre er nicht gewesen, wärst du bestimmt schnell gestorben.«
Miro versuchte sich zu erinnern. Zuerst fiel es ihm schwer, doch dann war alles wieder da.
»Ich komme aus Katzenhausen. Wir wurden von einem großen Hunderudel überfallen. Wir hatten keine Chance gegen sie. Sie stahlen unser Gold und zerstörten die ganze Stadt. Ich habe als einziger überlebt. Deswegen habe ich mich auf den Weg zu euch gemacht, damit ihr gewarnt seit. Es wird nicht lange dauern, bis es euch ebenso ergeht.«
Die Schwesternkatze erstarrte. Es gab für sich kein schlimmeres Wesen als einen Hund. Und nun stellte sie sich vor, wie es wohl sein würde, wenn man gleich mehreren von diesen Biestern begegnete.
»Ich werde sofort den Bürgermeister holen. Er muss sich das anhören.«, sagte sie schließlich.

Der Bürgermeister stand eine Stunde später an Miros Krankenbett.
»Hunde sagst du? Das sind doch nur Ammenmärchen. Es gibt gar keine Hunde. Daran glauben nur Kinder. Ich habe meinen Jungen auch immer diese Märchen erzählt. Aber sie glauben schon längst nicht mehr an diesen Quatsch. Du bist bestimmt nur ein Rumtreiber, der hier auf Mitleid hofft. Ich werde schon dafür sorgen, dass du schnellstens aus der Stadt geworfen wirst.«
Der Bürgermeister war sauer. So eine Unverschämtheit hatte er noch nie erlebt. Wie konnte es ein fremder Nichtsnutz wagen, die Leute in der Stadt in Angst zu versetzen?
Miro war enttäuscht. Dabei hatte er doch alles mit eigenen Augen gesehen. Er hielt den Bürgermeister fest und hielt ihm seinen verletzten Arm unter die Nase.
»Was denkst du wohl, woher ich diese Bisswunden habe? Ein Eichhörnchen ist sicherlich nicht dazu fähig.«
Der Bürgermeister hielt inne. Er wollte noch immer nicht an diese Geschichte glauben. Aber die Beweise waren eindeutig.
»Das kann alles Mögliche sein. Du musst mir schon etwas besseres zeigen.«
Miro stand auf und stützte sich auf einen Stock.
»Dann komm mit. Ich führe dich zu meiner Stadt. Dort wirst du sehen, was geschehen ist.«

Es war ein Tagesmarsch, bis sie ihr Ziel erreichten. Immer wieder brauchte Miro eine Pause, doch kurz bevor die Sonne unterging, erreichten sie Katzenhausen.
Der Bürgermeister war beim ersten Anblick völlig entsetzt und schockiert. Nicht ein einziges Gebäude war verschont worden. Alles lag in Schutt und Asche. Hier herrschte kein Leben mehr.
Er weigerte sich noch immer, an die Existenz von Hunden zu glauben, bis er einen Schatten durch die Trümmer schleichen sah und ein leises Knurren hörte.
»Es ist also doch wahr. Sie existieren. Dann sind wir alle in Gefahr. Wir müssen sofort handeln und etwas unternehmen.«

Die Hunde waren mit ihrem schrecklichen Werk fertig. Die Stadt war zerstört, das Gold der Katzen geraubt. Der Anführer sammelte sein Rudel zusammen und erteilte neue Befehle.
»Hier gibt es nichts mehr zu holen. Es wird Zeit, dass wir über die nächste Stadt herfallen. Ich denke, bis morgen sollten wir dort sein. Meine Späher haben mich bereits informiert, dass in Katerstadt noch viel mehr Reichtümer für uns bereit liegen. Also bewegt euch, wir haben noch einen langen Marsch vor uns.«

Am nächsten Tag kamen die Hunde in die nächste Stadt. Allerdings fanden sie sie anders vor, als sie erwartet hatten. Die Straßen und Häuser waren leer. Nirgends waren Katzen zu sehen.
»Seht euch sofort um. Ich will wissen, was hier los ist und wo das Gold versteckt wurde.«, brüllte der Anführer.
Sein Rudel schwärmte aus, konnte aber niemanden finden. Erst nach Stunden entdeckte einer der Hunde eine Höhle. Schon von weitem konnte er das Katzengold glitzern sehen.
Er machte sofort kehrt und informierte die anderen.
Mit großen Säcken und Transportkarren kam das Rudel zur Höhle. Vorsichtig liefen sie hinein, bis sie einen großen Haufen Gold vor sich liegen sahen.
»Die Katzen haben sich wohl gedacht, sie könnten ihre Reichtümer vor uns verstecken. Da haben sie sich aber mit dem Falschen angelegt. Hunde sind nicht so dumm.«
In diesem Moment hörten sie ein lautes Rumpeln. Eine große Menge Steine polterte herab. Die Hunde suchten überall Schutz. Aber keiner von ihnen wurde auch nur von einem Staubkorn getroffen. Die Höhle war sicher. Dafür war nun ihr Eingang verschüttet. Das Rudel war gefangen.

Miro wurde vom Bürgermeister gelobt und von den anderen Katzen gefeiert. Dank ihm waren die Hunde in die Falle gelaufen und würden nie wieder einer Katze gefährlich werden.
»Lieber Miro, wir haben zwar unser ganzes Gold verloren, aber dafür unsere Stadt und unser Leben retten können. Wir sind dir zu großen Dank verpflichtet. Wünsch dir etwas, wir werden es dir erfüllen.«
Miro lächelte, dachte nicht lange nach und ergriff die Pfote der Krankenschwester.
»Liebe Schwester Lilly, willst du mich heiraten?«, fragte der Kater.
Eine Antwort bekam er nicht, dafür aber einen richtig dicken Kuss.

Sofie saß auf einem dicken Stein und hatte Papa gebannt zugehört. Sie schien aber mit der Geschichte nicht zufrieden zu sein
»Papa, das ist doch bestimmt nicht so geschehen.«
»Oh, doch. Das kann ich nur bestätigen.«, warf die Höhlenführerin ein.
»Vor ein paar Tagen sind ein paar Wissenschaftler in einem unerforschten Teil der Höhle auf eine große Menge Hundeknochen gestoßen.«
Nun musste Sofie lachen.
»Ich glaube euch beiden kein einziges Wort.«
»Aber schön war die Geschichte trotzdem.«, sagte eine Frau.

(c) 2008, Marco Wittler

042. Was für ein Hundeleben

Was für ein Hundeleben

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich erlebt habe. Ich kann es ja selbst nicht mal so wirklich glauben. Dabei sind alle Erinnerungen noch ganz frisch in meinem Kopf.
Es war in der letzten Woche. Da lag ich zusammen mit meinen acht Brüdern und Schwestern bei unserer Mama im Körbchen. Wir hatten uns alle ganz dicht aneinander gekuschelt und schliefen um die Wette. Nur zwischendurch ist mal einer von uns wach geworden, um sich dann an Muttis Milchbar satt zu trinken.
Aber das sollte bald ein Ende haben.
Es begann, als plötzlich unser Züchter kam und meine Schwester Wuff auf den Arm nahm. Er kraulte sie, so wie er es immer macht, wenn er einen von uns hoch nimmt. Doch statt sie wieder zurück zu legen, verschwand er mit ihr. Und er kam auch nicht so schnell zurück.
Am nächsten Tag, Wuff war noch immer verschwunden, war der Züchter wieder da. Er schnappte sich meine Brüder Biff und Baff. Auch die beiden brachte er durch die große Tür hinaus. Wohin haben wir nicht erfahren. Aber langsam bekamen wir anderen Angst.
Immer mehr von meinen Geschwistern verschwanden auf diese Weise, bis nur noch ich bei Mama lag.
Bis dahin hatte ich immer mehr Angst bekommen. Aber trotzdem hatte ich noch Hoffnung, da ich als Letzter übrig geblieben war, dass mir dieses ungewisse Schicksal erspart bleiben würde. Und trotzdem habe ich mich jedes Mal, wenn der Züchter zur Fütterung herein kam, unter Muttis Bauch versteckt. Sicher ist sicher.
Ein paar Tage später, der Züchter war wieder in unsere kleine Welt gekommen, öffnete sich die Tür hinter ihm ein zweites Mal und andere Menschen kamen herein. Bisher hatte ich gedacht, dass der Züchter der einzige Mensch wäre, den es überhaupt gibt. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht.
»Ob das wohl andere Züchter sind?«, ging es mir durch den Kopf.
Es waren insgesamt drei, die sich nun um Muttis Körbchen stellten und auf uns herab sahen. Ich bekam es mit der Angst zu tun und versteckte mich wieder. Allerdings hatte ich nicht die Rechnung mit dem Züchter gemacht, der nun Mutti hoch hob und einfach nach mir griff.
Er hielt mich hoch und gab mich zu den drei Fremden, die mich nur zu gern in die Hände nahmen und sofort am ganzen Körper streichelten. Das war wirklich ein schönes Gefühl.
Schließlich landete ich in den Armen eines Mädchens. Als sie mich sah, bekam sie große, leuchtende Augen. Sie schien richtig glücklich zu sein, dass ich in ihrer Nähe war. Aber auch ich fühlte mich bei ihr sehr wohl. Die großen Menschen redeten mit dem Züchter und gaben ihm ein paar Papierstücke. Dann schüttelten sie sich alle die Hände und die Fremden verließen den Raum.
Das Mädchen blieb erst stehen und hielt mich meiner Mutti entgegen, die mich mit ihren warmen Augen ansah und »Leb wohl, mein kleines Baby. Ich wünsche dir ein wunderbares und erfülltes Leben. Ich werde dich nie vergessen und dich immer lieben.« zu mir sagte.
Erst begriff ich gar nicht, was sie mir damit sagen wollte. Doch das änderte sich schlagartig, als das Mädchen unsere kleine Welt verlies und mich einfach mit sich nahm.
Ich bekam riesige Angst. Ich wollte hier nicht weg. Ich wusste ja nicht, was mich nun erwarten würde. Ich strampelte mit meinen kleinen Beinchen so fest, wie ich konnte. Aber es nützte gar nichts. Es sollte der letzte Tag sein, an dem ich bei meiner Mutti war.
Hinter unserer kleinen Welt lag noch eine andere, viel größere Welt. Das kleine Mädchen trug mich durch einen großen Raum, den wir aber sehr schnell wieder verließen. Sie stieg mit den anderen Menschen in einen kleinen grauen Kasten und nahm mich einfach mit. Sie setzte mich neben sich und sagte, dass ich nun still sitzen sollte, damit mir nichts passieren würde.
Ich konnte mir nicht vorstellen, was nun so gefährlich werden könnte, doch da setzte sich der graue Kasten in Bewegung und ich fiel um. Da aber alles um mich herum ganz weich war, tat ich mir nicht weh.
Es dauerte eine ganze Weile, bis das Ruckeln und Zuckeln wieder aufhörte. Ich hatte schon Angst bekommen, dass mir schlechte würde. Aber ich hatte noch einmal Glück. Im letzten Augenblick blieb der Kasten stehen und wir alle stiegen aus.
Ich sah mich schnell um und entdeckte eine blaue Decke über mir, über die viele weiße Schäfchen hinweg zogen. Das sah wirklich schön aus.
Doch dann betraten wir eine neue kleine Welt. Es war die Welt dieser Menschen. Hier schienen sie zu leben. Aber was ich hier zu suchen hatte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Neugierig war ich ja schon immer gewesen, aber dass ich dafür so weit weg sein müsste von meiner Mutti, das hatte ich nie gewollt.
Ich bekam ganz viel Heimweh und fing an zu heulen.
Das Mädchen setzte mich vorsichtig auf den Boden. Ich drehte mich schnell um und sah die Tür, die nach draussen führte. Ich lief los, so schnell ich konnte, aber einer der großen Menschen schloss sie schnell. Nun war ich gefangen.
Ich legte mich still in eine Ecke und war so traurig wie nie zuvor.
Am Abend, es wurde langsam dunkel, kam das kleine Mädchen zu mir, streichelte mich eine Weile und trug mich dann in ein kleines Körbchen. Es war riesig groß. Naja, es war vielleicht so groß, wie das von Mutti, aber nun lag ich allein darin auf einem richtig weichen Kissen. Sollte das nun der Platz sein, an dem ich für den Rest meines Lebens schlafen sollte?
Ich dachte etwas nach, knautschte mir das dicke Kissen zurecht, damit es richtig gemütlich wurde und lies mich in die Federn plumpsen. Ich hatte ja nun eh keine Wahl und keine Möglichkeit wieder nach Hause zu kommen. Es dauerte auch nicht lange, bis ich eingeschlafen war.
Es dauerte allerdings nicht lange, bis ich wieder wach war. Das Heimweh und die Sehnsucht nach meiner Mutti waren so groß, dass ich einfach nicht mehr weiter schlafen konnte. Ich weinte dicke Tränen und muss wohl so laut gewesen sein, dass das kleine Mädchen bald auch wach war, zu mir kam und mich mit meinem Körbchen zusammen in ihr Zimmer trug.
Sie stellte mich neben ihr Bett und sagte, dass ich hier nicht so allein wäre. Dann müsste ich auch nicht mehr so traurig sein.
Ich fühlte mich gleich etwas wohler. Aber noch schöner wäre es gewesen, wenn ich in diesem riesigen Bett hätte schlafen dürfen. Das sah so unheimlich kuschelig aus. Aber das durfte ich dann doch nicht.
Und so schlief ich dann doch ganz ruhig in meinem Körbchen bis zum nächsten Morgen.

Nun ist schon einige Zeit vergangen und ich habe mich endlich in meine neue Welt eingelebt. Ich vermisse meine Mutti noch immer, aber meine neue Familie ist mir auch so richtig ans Herz gewachsen. Auch wenn ich zu Anfang viel Angst hatte und eigentlich gar nicht hier sein wollte, möchte ich nun nie wieder von hier weg.
Jeden Tag geht das kleine Mädchen mit mir spazieren und füttert mich, wenn ich Hunger habe. Am Nachmittag spielen wir stundenlang im Garten. Mittlerweile hat sie sogar ein paar kleine Tricks von mir gelernt. Jedes Mal, wenn ich ihr ein Stöckchen bringe, wirft sie es gleich wieder weg. Es hat lange gedauert, ihr dies beizubringen. Aber dafür macht es auch umso mehr Spaß.
Und wenn ich mal nur auf meinen Hinterbeinen stehe, bekomme ich gleich etwas Leckeres zu Fressen. Also das kleine Mädchen habe ich wirklich gut erzogen.
Ich würde nur gern wissen, ob es meinen Geschwistern genauso ergangen ist wie mir. Aber das werde ich wohl leider nie erfahren.

(c) 2007, Marco Wittler

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