457. Der gierige Affe

Der gierige Affe

Der kleine Affe saß unter einer großen Bananenpflanze und sah hungrig nach oben.
»Ich habe Hunger.«, rief er seiner Mutter zu.
»Holst du mir eine Banane?«
Die Affenmutter war verzweifelt. Alle ihre Kinder kletterten mittlerweile ganz allein an Bäumen und Sträuchern nach oben und holten sich ihr Essen selbst. Nur der Kleinste von ihnen wollte einfach nicht lernen, wie man klettert. Vielleicht war er aber auch nur zu faul.
»Versuch es doch mal selbst. Irgendwann musst du es doch mal lernen. Ich kann nicht den Rest deines Lebens für dich sorgen.«
Der kleine Affe sah wieder nach oben zu den leckeren Bananen.
»Aber Klettern ist so schwer und so anstrengend. Das schaffe ich nie. Du kannst das viel besser.«
Die Affenmutter seufzte und kletterte an der großen Pflanze nach oben.
»Das ist aber das letzte Mal. Ab Morgen musst du dir den Essen selbst holen.«
Der kleine Affe jubelte, als er seine Banane bekam. Es dauerte nur wenige Sekunden bis er sie geschält und gegessen hatte.
»Mehr, ich will mehr. Die sind ja so lecker.«
Wieder kletterte die Affenmutter hoch und holte eine Banane.
»Noch mehr. Noch viel mehr.«
Rauf und runter kletterte die Mutter. Der kleine Affe schien aber nicht satt zu werden. Er wollte immer mehr. Irgendwann reichte es ihr.
»Nein. Ab jetzt werde ich dir nichts mehr holen. Du bist so gierig, dass du gar nicht mehr weißt, wann Schluss ist. Jetzt musst du dich selbst um deine Bananen kümmern. Lern endlich Klettern oder verhungere.«
Dann verschwand sie, ohne sich noch einmal umzusehen, im dichten Urwald.
Der kleine Affe hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich gehen würde. Deswegen war er nun richtig überrascht.
»Pah, wenn du mir nicht mehr helfen willst, hole ich mir meine Bananen eben selbst. Die sind so lecker, dass ich das auch allein schaffe. Ich brauche dich nicht. Und ohne Klettern schaffe ich das garantiert auch.«
Er versuchte mit den Armen nach den Bananen zu greifen, kam aber nicht ran. Beim zweiten Versuch machte er sich richtig lang, schaffte es aber trotzdem nicht.
»Verdammt. Irgendwie muss das doch gehen.«
Der kleine Affe machte einen langen Hals und wollte nun die Bananen direkt von der Pflanze fressen. Aber immer noch fehlte ein gutes Stück, bis er auch nur in die Nähe der Leckereien kam.
Er machte seinen Hals noch länger, reckte seinen Kopf so hoch er nur konnte. Zentimeter für Zentimeter schob er ihn in die Höhe. Er konnte die Bananen schon riechen. Und nach ein paar Minuten, er hatte selbst schon nicht mehr damit gerechnet, stupste er mit seiner Nase an der ersten Banane an.
»Juhuu, ich habe es geschafft.«
Vor Freude biss er in die Banane und schluckte ein Stück von ihr herunter.
»Seht her, was ich kann.«, rief er in den Urwald zu seiner Affenfamilie.
»Ich kann Bananen fressen, ohne zu klettern.«
Doch als die Affen neugierig aus dem Dickicht kamen, lachten sie sich fast tot, denn der kleine Affe hatte einen unglaublich langen Hals bekommen. Seine Mutter schüttelte den Kopf.
»Was hast du denn jetzt nur wieder angestellt?«
Der kleine Affe grinste.
»Ich hatte keine Lust zu klettern. Also hab ich einfach meinen Hals länger gemacht.«
So war aus dem gierigen Affen die erste Giraffe geworden.

(c) 2013, Marco Wittler

400. Die hungrige Raupe

Die hungrige Raupe

Die kleine Raupe Lilli lief auf der Wiese hin und her. Sie war auf der Suche nach frischen, leckeren Blütenblättern. Aber nirgendwo waren welche zu finden. Ein Bauer hatte am Tag zuvor das Gras gemäht.
»Wie soll ich denn nun etwas zu Fressen finden? Ich werde verhungern und nie zu einem wunderschönen Schmetterling werden.«
Eine dicke Krokodilsträne lief an ihrer Wange herunter und sie begann laut zu schluchzen.
In diesem Moment kam eine Biene vorbei geflogen. Sie hörte die weinende Raupe und landete.
»Hallo, kleine Raupe, was ist denn mit dir los?«
Die Raupe schniefte, wischte sich die Nase mit ihrem Ärmel sauber und antwortete.
»Ich habe großen Hunger, aber es gibt auf unserer Wiese keine einzige Blume mehr. Ich muss verhungern und sterben.«
Die Biene hörte sich die Sorgen an und nickte immer wieder.
»Nicht weit von hier ist noch eine Wiese. Sie liegt auf der anderen Seite des Bachs. Du musst nur zur anderen Seite, dann kannst du so viel fressen, wie du willst.«, schlug sie vor.
»Aber wie soll ich denn auf die andere Seite kommen?«, wollte die Raupen wissen.
»Ich habe keine Flügel und kann nicht fliegen. Schwimmen kann ich auch nicht.«
Sie seufzte einmal ganz laut und dann noch ein weiteres Mal. Daran konnte die Biene leider auch nichts ändern. Sie verabschiedete sich und wünschte der Raupe viel Glück, dass sie doch noch etwas zu Fressen finden würde.
Lilli trottete langsam zum Bach, in der Hoffnung, einen Weg hinüber zu finden. Bei ihrem langen Marsch hing ihr Magen immer tiefer und knurrte immer lauter, bis schließlich das Plätschern des Wasser alles übertönte.
»Ach je, was soll ich bloß machen? Ich werde es nie über das Wasser schaffen.«
Die kleine Raupe sah sich um. Auch hier gab es keine Blütenblätter zum Fressen. Nur ein paar Pusteblumen, die nicht gemäht worden waren.
»Die schmecken auch nicht.«
Plötzlich waren Schritte zu hören. Ein Mensch näherte sich. Lilli suchte sofort Schutz hinter einem Stein. Sie wollte nicht von einem Schuh zertreten werden. Ein paar Augenblicke sah sie dann ein Kind. Es lief auf die Pusteblumen zu, riss eine davon ab und blies die Samen in die Luft. Wie eine Gruppe Fallschirmspringer flogen sie weit weg, auf die andere Seite des Flusses.
Lilli beobachtete diesen wunderschönen Flug ganz genau und träumte sofort davon, sich eines Tages als Schmetterling ebenfalls in die Lüfte zu erheben.
»Moment mal.«, sagte sie dann zu sich selbst.
»Ich hab da eine ganz verrückte Idee.«
Schnell krabbelte sie zur nächsten Pusteblume, kletterte am Stiel hinauf und hielt sich an den Blumensamen fest. Im gleichen Augenblick packte das Kind die Blume, riss sie ab und blies kräftig darauf.
Die Samen lösten sich von der Blume und segelten langsam und gemütlich durch die Luft.
»Juhuu!«, jubelte Lilli laut. Nun schwebte sie doch noch auf die andere Seite des Bachs. Doch bevor sie mit ihrem Fallschirm landete, bewunderte sie die Schönheit der anderen Wiese. Überall standen Blumen in allen Farben des Regenbogens.
»Jetzt muss ich nie wieder hungern.«, freute sich die kleine Raupe.
»Jetzt werde ich doch noch ein wunderschöner Schmetterling.«

(c) 2012, Marco Wittler

309. Frühlingsgefühle

Frühlingsgefühle

Die Zeit des Winterschlafs war gerade erst vorbei und der Frühling war bereits mit großen Schritten über das Land gefegt. Überall blühten die Blumen und die Bäume wurden mit jedem Tag grüner.
Und trotzdem war das Bärenmädchen Bella genervt. Sie konnte kaum einen Schritt vor die Tür machen, da wurde sie schon vom Bärenjungen Bruno umworben.
»Ich bin ja so verliebt in dich, hübsche Bella.«, sagte er ihr dann jedes Mal.
»Ich halte es kaum eine Minute ohne dich aus. Willst du denn nicht meine Freundin sein?«
Doch Bella hielt nichts von dem ganzen Quatsch und verzog sich gleich wieder.
»Dieser dumme Bär. Wenn er mich doch endlich in Ruhe lassen würde. Was soll ich denn bloß machen?«
Bruno hingegen ging es prima. Er spürte, wie wild die Schmetterlinge in seinem Bauch herum flogen. Sie waren es, die ihn immer wieder zu dem schönen Bärenmädchen trieben. Also besuchte er seine große Liebe in ihrer Höhle.
»Ach, liebste Bella. Hast du denn nicht auch die wunderbaren Frühlingsgefühle? In dieser schönen Jahreszeit musst du doch auch verliebt sein.«
Bella verdrehte die Augen.
»Bruno, lass mich endlich in Ruhe. Ich bin gerade erst aus meinem Winterschlaf erwacht. Ich möchte erstmal etwas Futtern, damit ich wieder zu Kräften komme und das Grummeln in meinem Magen aufhört.«
In diesem Moment fiel ihr etwas ein. Könnte es vielleicht sein, dass …
»Los, Bruno, komm her und iss dir etwas.«
Sie schob ihm ein großes Stück Fleisch rüber und sah zu, wie er fraß.
»Du meine Güte.«
Bruno war überrascht und sah an sich herab.
»Die Frühlingsgefühle sind fort. Die Schmetterlinge fliegen gar nicht mehr in meinem Bauch herum.«
Nun musste Bella grinsen.
»Du dummer Bär. Du warst gar nicht verliebt. Du hattest nur Hunger. Deine Frühlingsgefühle waren nur ein brummiger Magen.«
Da fielen sich die beiden lachend in die Arme. Und als sie sich dabei zufällig tief in die Augen sahen, verliebten sie sich doch ineinander und wurden ein bäriges Paar.

(c) 2009, Marco Wittler

293. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Die Temperaturen in der Stadt waren stark gefallen. Aus den ständigen Regentropfen waren mittlerweile dicke Schneeflocken geworden, die unaufhörlich zur Erde nieder schwebten. Die Menschen hatten sich in dicke Mäntel mit Mützen und Handschuhen gekleidet und liefen geschäftig hin und her. Nur auf dem kleinen Weihnachtsmarkt neben der Kirche blieben sie eine Weile stehen und wärmten sich mit Glühwein und Punsch.
Zu dieser Zeit sah eine kleine Maus aus ihrem Mauseloch heraus und zitterte am ganzen Leib.
»Wenn der Winter doch bloß schon wieder vorbei wäre. Das ist einfach viel zu kalt für eine Maus und ihre Familie.«
Sie sah sich um und blickte in die hungrigen Augen ihrer Kinder.
»Es tut mir Leid, meine Kleinen, aber bei dem Wetter finde ich nichts, was ich euch geben könnte. Es ist alles unter einer dicken Schneedecke verschwunden.«
Da knurrten die Mägen der Kleinen noch um einiges lauter. Also fasste sich die Maus ein Herz und lief hinaus in die Kälte.
Ihre Füßchen trugen sich durch den Schnee, vorbei an großen Bretterbuden. Sie musste gehörig aufpassen, dass sie noch von einem schweren Winterschuh der Menschen zertreten wurde.
»Sie werden doch bestimmt den einen oder anderen Krümel fallen lassen.«, hoffte sie.
Doch das war leider nicht der Fall. Wenn einmal ein Krümel herab fiel, verschwand er auch sofort im tiefen Schnee und war nicht mehr zu finden.
Traurig wollte die Maus kehrt machen und sich in der Höhle aufwärmen, als sie die Stimme eines Mädchens hinter sich hörte. Sofort bekam sie Angst. Entdeckt zu werden, war das Schlimmste, was sie sich vorstellen konnte.
»Hey, kleine Maus, warte mal. Du schaust so hungrig aus.«
Das Mädchen lächelte und bückte sich. Dann brach sie ein großes Stück von einer Brezel ab und hielt es der Maus hin. Diese nahm das Geschenk nur zu gern an und flitzte damit zurück in ihr Versteck.
Die kleinen Mäuschen bekamen große Augen. So viel Futter hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen. Jetzt konnten sie sich endlich satt fressen.
Das kleine Mädchen ging mit ihrer Mutter lächelnd nach Hause.
»An Weihnachten soll doch jeder glücklich sein und etwas zu Essen haben.«, sagte sie fröhlich.

(c) 2009, Marco Wittler

231. Katzen und Spatzen

Katzen und Spatzen

Piep saß mit seinen Freunden auf einem großen Platz mitten in der Stadt. Sie fraßen kleine Brotkrümel, die eine alte Frau auf den Boden geworfen hatte.
Moment mal. Jetzt fragst du dich bestimmt, wer so etwas macht. Dann will ich es dir erzählen.
Piep und seine Freunde waren kleine Spatzen. Sie flogen den ganzen Tag hin und her, rauf und runter. Zwischendurch fraßen sie dann, was sie bekommen konnten. Dieses Mal waren es Brotkrümel. Sie schmeckten richtig lecker und machten ordentlich satt.
Plötzlich  hörten sie von hinten ein Geräusch. Irgendwer schlich sich zur Futterstelle. Zuerst dachte Piep, es wäre wohl noch ein hungriger Vogel. Doch als er sich umsah, blickte er direkt in die Augen einer großen schwarzen Katze.
Da  sie nun entdeckt war, fauchte sie laut, duckte sich kurz und sprang dann in die Vogelgruppe hinein. Ganz wild schlug sie mit ihren Pfoten um sich. Aber ihre Krallen konnten keinen einzigen Vogel einfangen. Die Spatzen waren davon geflogen.
»Das war aber knapp.«, stöhnte Piep.
»Fast hätte uns dieser gefräßige Kater zum Mittag verspeist.«
Nach ein paar Minuten wurde es der Katze zu langweilig. Sie trottete fort und verschwand in einem großen Busch.
Da dauerte es auch nicht lange, bis sich die Spatzen wieder an die Brotkrümel trauten. Nach und nach flogen sie vom sicheren Baumast auf den Boden.
Nur leider hatten sie nicht an die gemeinen Tricks der listigen Katze gedacht. Kaum waren die Vögel mit Fressen beschäftigt, sprang sie aus dem Busch hervor. Doch auch dieses Mal hatte sie kein Glück.
»Wie sollen wir denn satt werden, wenn uns dieser gemeine Kater ständig stört?«, beschwerte sich einer der Spatzen.
»Ich glaube, ich habe einen Plan.«, sagte Piep schließlich.
Er flüsterte seinen Freunden etwas zu und flog dann direkt auf die Katze zu. Er landete auf ihrem Schwanz und hielt sich daran mit seinen Krallen fest.
Die Katze erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie sah sich um und erblickte den kleinen Vogel. Sie wollte ihn fangen, doch egal, wie oft sie sich im Kreis drehte, ihr Schwanz tat es auch.
»Los, macht schon.«, rief Piep.
»Ich habe den Kater fest im Griff.«
Das ließen sich seine Freunde natürlich nicht zweimal sagen. Sie flogen zum Boden herab, sammelten alle Brotkrümel ein und verschwanden mit ihnen.
Als kein Futter mehr auf dem Boden lag, ließ Piep von der Katze ab und flog ebenfalls in den nahen Baum hinein. Auf einem der dickeren Äste warteten schon seine Freunde auf ihn.
»Das hat ja prima geklappt.«, lobten ihn die anderen.
»Du bist ein richtiger Held.«
Das hörte Piep nur zu gern. Und während er sich einen Brotkrümel schnappte und diesen mit seinem Schnabel zerkaute, sah er noch ein letztes Mal zur Katze hinab, die sich nun schwarz und lila ärgerte.

(c) 2009, Marco Wittler

199. Der Troll

Der Troll

»Um Himmels Willen. Was ist denn hier passiert?«
Die Küchengehilfin stand in der Vorratskammer und hatte die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Erst am Abend zuvor hatte sie die Regale und Schränke mit frischen Lebensmitteln aufgefüllt. Doch nun war nichts mehr da. Lediglich ein paar Krümel lagen auf dem Boden verteilt. Alles war fort.
»Wie soll ich das denn dem König erklären? Er verlangt doch in ein paar Minuten nach seinem Frühstück. Er wird mich garantiert bestrafen.«
Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief sie hin und her und wusste sich keinen Rat. Schließlich entschied sie sich, ihren Herrn aufzusuchen und ihm alles zu beichten.
Der König war ein gerechter Mann und hörte der Küchengehilfin aufmerksam zu.
»Wir sind bestohlen worden. Da muss sofort etwas unternommen werden. Ich werde das von meinen Wachleuten untersuchen lassen.«
Der König war der Meinung mit dieser Entscheidung dem Problem auf die Spur zu kommen.
Doch schon am nächsten Morgen war die Vorratskammer aufs Neue geplündert worden.
»Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.«, grummelte der König und setzte sich mit seinen Beratern zusammen.
»Wir müssen dringend etwas unternehmen.«, sagte er entschlossen.
»Wir können nicht jeden Morgen neue Lebensmittel kaufen.«
Nach einigen Stunden kamen sie auf eine Idee. Ein Soldat sollte die ganze Nacht Wache halten.

Die Nacht brach herein. In der Küche war alles ruhig. Doch dann verschwand der Mond hinter dem Horizont und es wurde richtig dunkel.
Plötzlich rumpelte es irgendwo. Der Wachmann bekam Angst, blieb aber auf seinem Posten. Als er aber eine riesige Gestalt vor sich sah, wurde er von der Panik übermannt und lief fort.

»Es war unglaublich. Er war riesig. Er konnte sich bestimmt nur gebückt vorwärts bewegen.«
Es war schon längst wieder hell draußen geworden, aber der Soldat war noch immer kreidebleich im Gesicht.
»Das muss ein Troll gewesen sein.«, erklärte einer der Berater.
Er schlug ein Buch auf, suchte nach einem bestimmten Kapitel und zeigte den anderen ein Bild.
Ein Troll war ein großes Wesen, einem Menschen nicht ganz unähnlich. Er besaß lange, zottelige Haare, einen ungepflegten Bart, rot glühende Augen und einen dicken Bauch. Dazu waren sie sehr gefräßig, häßlich, faul und ziemlich dumm. Zumindest wurde es vom Buch so behauptet.
»Wenn sie einen so großen Hunger haben,«, dachte der König laut, »dann müssen wir nur dafür sorgen, dass sie nichts mehr zu fressen finden. Und es darf niemand erfahren, dass sich diese Kreatur inunserem Heim aufhält. Es darf keine Panik entstehen.«
Er befahl, dass von nun an alle Lebensmittel in einem geheimen Versteck untergebracht werden sollten.

In der folgenden Nacht war die junge Prinzessin noch spät in den Gängen des Schlosses unterwegs. Sie konnte nicht schlafen und wollte sich ein Brot schmieren. Doch als sie die Küche betrat, hörte sie ein leises Schluchzen.
»Hallo? Wer ist denn da?«
Es kam allerdings keine Antwort.
Die Prinzessin setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und entdeckte ein großes menschenähnliches Wesen, das auf dem kalten Boden saß und weinte. Es war ein Troll.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte sie.
»Ich kann nichts zu Essen finden, habe aber einen riesigen Hunger. Was soll ich denn jetzt machen?«
Die Prinzessin geriet ins Stocken. War es das Wesen, von dem unter vorgehaltener Hand im Schloss geredet wurde?
»Bist du ein Troll?«
Das Wesen nickte.
»Du siehst ganz anders aus, als ich es erwartet hätte. Du bist gar nicht so hässlich, wie man immer sagt. Dumm scheinst du auch nicht zu sein.«
Sie dachte nach und suchte nach einer Lösung. Es tat ihr leid, den Troll so verzweifelt zu sehen.
»Weißt du was? Ich habe eine Idee.«

Am nächsten Morgen betrat der König die Küche. Er wollte persönlich zuschauen, wie seine Angestellten die Vorratskammer befüllten.
Zu seinem Erstaunen stand ein neuer Koch am Herd und rührte in einem großen Topf.
»Du meine Güte, was duftet denn da so?«
Der König trat hinzu, steckte einen Finger in die Suppe und probierte.
»So etwas Köstliches habe ich noch nie geschmeckt. Warum hast du nicht schon früher bei mir gearbeitet?«
Der Troll lachte leise, als er sich eine Antwort überlegte.
»Weil ihr Menschen ein völlig falsches Bild von uns Trollen habt. Wir sind die besten Köche der Welt.«
Nun wurde dem König bewusst, wen er vor sich hatte. Er atmete erleichtert auf, denn ihm wurde klar, dass von nun an nie wieder Lebensmittel ungefragt geplündert würden.

(c) 2009, Marco Wittler

020. Hunger im Schlaraffenland

Hunger im Schlaraffenland

 Weit von hier entfernt gibt ein Land, in dem es jedem Menschen gut geht. Und diejenigen, die woanders leben, suchen danach, denn es ist sehr gut versteckt und auf keiner Landkarte eingezeichnet.
Das Schlaraffenland ist ein Paradies für jeden, der gerne und viel isst und dafür möglichst wenig arbeiten und sich bewegen will. Das Einzige was zu tun ist: Man muss sich unter einen Baum ins Gras legen und das Leben genießen.
Hier fließen Milch und Honig in den Bächen und Flüssen, köstlicher Wein sprudelt aus kühlen Felsquellen, süße Leckereien wachsen an jedem Busch und knusprige Brathähnchen fliegen durch die Luft. Wenn man den Mund öffnet, flattern sie einfach direkt hinein.
Es ist dort einfach alles essbar. Besser kann es einem Menschen gar nicht gehen. Allerdings muss man vorher den Weg ins Schlaraffenland finden. Und das ist gar nicht so einfach.
Ein paar Glückliche, die tatsächlich den Eingang gefunden hatten waren der Igel Benedikt, der Hase Fridolin und der kleine Mäuserich Frederick. Sie waren schon ein paar Wochen hier und ließen es sich richtig gut gehen. Das Leben war hier richtig herrlich. Alle drei lagen auf den Wiesen herum und aßen, was ihnen vor die Nase und den Mund kam. Ihre Bäuche waren mittlerweile schon kugelrund und dick geworden. Aber trotzdem wurden sie nicht satt und aßen immer weiter. Fridolin war nun auch so langsam wie ein Igel geworden, was ihm aber nichts ausmachte, denn im Schlaraffenland ist schnelles Bewegen, Arbeiten und jede Art von Anstrengung verboten. Wer sich nicht an diese Regel hält wird mit zwanzig großen Portionen Erdbeereis mit extra viel Sahne bestraft.
So hätte das Leben ewig weiter gehen können. Doch leider passierte etwas, wodurch die Gemütlichkeit empfindlich gestört wurde. Denn ein paar neue Leute hatten den Weg hierher gefunden. Es waren drei Mädchen, die Pudeldame Marie, das Flamingofräulein Anna und Petra Pony. Sie waren, wie alle Neuen hier, noch rank und schlank. Aber bei dem guten Essen würde sich das rasch ändern. Doch dann kam alles anders als es hätte sein dürfen.
Die drei Mädchen hatten schnell die Jungs entdeckt und mit ihnen die ersten Tage verbracht. So konnten sie ziemlich schnell alle wichtigen Regeln lernen. Außerdem ließen sie sich die Plätze mit dem besten und nahrhaftesten Essen zeigen.
Fridolin, Benedikt und Frederik führten sie nur zu gerne herum und zeigten ihnen alles, denn von neuen Leuten hört man neue Geschichten. Ansonsten unterhielten sich die drei Freunde nur noch übers Essen. Das wurde auf die Dauer immer schnell langweilig.

 Nachdem die Mädchen über alles Bescheid wussten, machten sie sich auf, um eine eigene Stelle zu finden, an der sie es sich gemütlich machen konnten. Jedenfalls erzählten sie das den Jungs. Aber in Wirklichkeit hatten sie ganz andere Dinge im Kopf. Denn schon ein paar Tage später passierten einige Veränderungen im Schlaraffenland.
Es fing bei den Flüssen an. Plötzlich versiegte der Strom von Milch und Hönig. Selbst der Wein sprudelte nicht mehr aus der Felsenquelle. Zuerst dachten sich die Jungs nichts dabei. Aber dann waren überall, wo sie auch nur hingucken konnten die Leckereien von den Büschen und Bäumen verschwunden. Zum Schluss fehlten ihnen sogar die Brathähnen. Fridolin lag unter seinem Baum im Schatten und öffnete seinen Mund. Aber nichts flatterte hinein.
Das konnte nicht mit rechten Dingen zu gehen, dachten sich die drei. Irgend etwas stimmte da nicht. Aber faul, wie sie mittlerweile waren, blieben sie liegen wo sie waren und warteten darauf, dass am nächsten Tag alles wieder so sein würde, wie es sein sollte.

 Doch leider mussten sie auch diesmal auf etwas Essbares verzichten. Nun musste doch etwas unternommen werden, denn langsam wurden sie sehr hungrig. Also machte sich Frederik auf den Weg, zu sehen, was passiert war. Da er eine mutige Maus war, die einige Abenteuer bestanden hatte, war er genau der Richtige für diese Aufgabe.
Mühsam wanderte er durch das ganze Schlaraffenland, denn sein dicker Bauch hinderte ihn beim Laufen. Schnell gehen konnte er nicht. Er schlich eher.
Doch am Abend, als er zurück war, hatte er den anderen etwas zu erzählen. Irgend jemand hatte in den Bächen und Flüssen Dämme gebaut und die Weinquellen mit Korken verstopft. Die Brathähnchen steckten in Käfigen und alles andere war in riesigen Speisekammern weggesperrt. Und weil Frederik mit seinem dicken Bauch viel zu schwach war, hatte er nichts davon wieder so herrichten können, wie es war.

 Am zweiten Tag versuchten sie es zu Dritt. Jedenfalls hatten sie es sich so vorgenommen. Doch war Benedikt sofort zu faul zum Laufen und Fridolin und Frederik waren alleine zu schwach um etwas tun zu können.
Verflixt und zugenäht, dass ist zum aus der Haut fahren, dachten sich die drei. Irgendwie mussten sie doch an etwas Essbares kommen. Deswegen waren sie doch hergekommen.

 Nach ein paar Tagen, die drei Jungs hatten nur ein wenig am Gras der Wiesen geknabbert, hatten sie zwar immer noch großen Hunger, aber dafür waren ihre Bäuche ein ganzes Stück kleiner geworden. Nun konnten sie endlich tun, was zu tun war: endlich etwas zu Essen besorgen.
Sie machten sich auf den Weg. Doch schon bei den Käfigen, in denen die Brathähnchen gefangen waren, gab es die ersten Schwierigkeiten. Denn dort saßen die drei Mädchen und schauten die Jungs böse an.
„Ihr wollt doch wohl nicht schon wieder etwas Essen.“, sagte Petra Pony.
„Schaut euch doch nur einmal an, wie dick ihr geworden seit. Das sieht ja schlimm aus. Ihr könnt doch nicht immer nur faul im Gras herum liegen und gar nichts tun. Das ist doch völlig ungesund.“
Darin waren sich die drei Mädchen einig. Es musste einiges im Schlaraffenland getan werden. Doch darauf hatten die Jungs keine Lust. Ihnen gefiel es wie es vorher war.
Doch leider hatten Marie, Anna und Petra schon viel Schaden angerichtet. Sie hatten mit dem dicken König des Landes geredet und ihn davon überzeugt, dass es viel gesünder wäre, wenn man neben dem vielen Essen noch eine gehörige Menge Sport treiben würde, damit der Bauch nicht zu groß würde.
Daraufhin wurden sofort alle Regeln neu überarbeitet. Ab sofort wurde Sport im Schlaraffenland zur Pflicht. Mindestens drei Stunden am Tag sollte trainiert werden. Erst dann gab es etwas zu Essen.
Das war den Jungs zuviel So hatten sie sich das gemütliche Leben nicht vorgestellt.
„Wisst ihr was, ich werde das Schlaraffenland wieder verlassen. Wenn ich mich schon bewegen soll für mein Essen, dann suche ich mir ein schöneres Plätzchen aus.“
Frederik stemmte seine Hände in die Seiten und schaute grimmig auf Petra Pony.
„Außerdem wollte ich schon immer mal in einem Leuchtturm leben. Und da kann ich fast genauso faul leben wie hier.“
Benedikt und Fridolin stimmten ihm zu. Alle drei marschierten, ohne ein weiteres Wort zu sagen zum Ausgang und verließen das Land, in dem Milch und Honig fließen.
Schon bald wurden ihre Bäuche kleiner und kleiner, bis sie wieder völlig normal aussahen. Sie konnten sogar wieder normal gehen und laufen.
Immer schimpften sie über die drei Mädchen, dass sie soviel Unheil über das Schlaraffenland gebracht hatten. Aber in Wirklichkeit waren sie ihnen sehr dankbar, dass sie nun wieder richtig gut aussahen und alles machen konnten, denn so fühlten sie sich besser. Aber das erzählten sie niemanden und behielten es für sich.

(c) 2004, Marco Wittler