509. April, April … macht was er will

April, April … macht was er will

Opa Rudi sah aus dem Fenster und freute sich. »Sieh man einer an. Die Sonne scheint. Der perfekte Moment, um einen gemütlichen Nachmittagsspaziergang zu machen.«
Er trank den letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse. Dann zog er seine Schuhe an, nahm seinen Spazierstock zur Hand und verließ das Haus. Kaum hatte er die Haustür hinter sich abgeschlossen, fegte ein starker Wind durch die Straße.
»Damit habe ich jetzt aber nicht gerechnet.« wunderte sich Opa Rudi. Immerhin war der Himmel wolkenlos. »So kann ich nicht spazieren gehen.«
Er ging also zurück ins Haus. Mühsam kletterte er die Treppe hinauf, holte einen warmen Pullover aus dem Schrank und ging erneut nach draußen.
Opa Rudi war kaum zehn Meter gegangen, als dicke, graue Wolken auftauchten und die Sonne verdeckten. Von einer Minute zur anderen begann es zu regnen. Dicke Tropfen vielen herab und füllten schnell die Pfützen auf der Straße.
»Regen?« Wo ist der blaue Himmel?« beschwerte sich Opa.
Erneut stapfte er ins Haus, strich sich die Wassertropfen aus dem Haar und überlegte, ob er überhaupt noch nach draußen gehen sollte.
»Mit Friesennerz wird’s wohl gehen.«
Also zog er sich einen Regenmantel an, stülpte sich Gummistiefel über die Füße und begann den dritten Versuch seines Spaziergangs.
Aber das Wetter wollte einfach nicht mitspielen. Es spielte ihm einen weiteren Streich. Die Temperaturen kühlten plötzlich ab. Die dicken Regentropfen gefroren, fielen nun als Schneeflocken und färbten die ganze Umgebung weiß ein.
»Das darf doch einfach nicht wahr sein.«
Opa Rudi fluchte und schimpfte zum Himmel hinauf.
»Ich will doch nur einen Spaziergang machen und frische Luft schnappen.«
Also noch einmal zurück ins Haus. Er tauschte Regenmantel gegen Wintermantel und Handschuhe.
»Das ist jetzt mein allerletzter Versuch. Danach gebe ich auf.«
Opa Rudi öffnete vorsichtig die Haustür und sah nach draußen. Es schneite immer noch. Es sah sogar nach einem richtigen Schneesturm aus.
»Jetzt passt es.«
Opa Rudi nickte und ging nach draußen. Kaum hatte er die Tür hinter sich verschlossen, verschwanden die Schneeflocken. Er wurde wieder wärmer. Der Schnee schmolz, die Wolken rissen auf und die Sonne kam wieder zum Vorschein.
Opa Rudi seufzte und gab auf. »Das wird heute nichts mehr mit meinem Spaziergang.«
Er ging also zurück ins Haus und ließ sich enttäuscht in seinen Sessel fallen.
»Es ist doch schon Mai. Warum haben wir dann so ein grausiges Aprilwetter?«

Hätte Opa Rudi einmal hinter seine Büsche gesehen, hätte er sich bestimmt gewundert. Dort saß nämlich ein kleiner Kobold mit langen, spitzen Ohren, der sich vor Lachen den Bauch hielt. Dann holte er einen Zauberstab aus seiner Tasche und schwang ihn hin und her. Dabei änderte sich schon wieder das Wetter.
»April, April – Ich mache was ich will.« sang er dabei immer wieder. »Und das nicht nur im April. Hi hi hi.«

(c) 2015, Marco Wittler

306. Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

Wie der Frühling den Winter aufs Kreuz legte

»Ist das nicht ein herrliches Wetter?«, sagte der Winter, als er vor die Tür seines Hauses trat und sich einmal kräftig streckte.
Das Wetter war tatsächlich schön. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Allerdings war es bitter kalt und auf dem ganzen Land lag eine hohe Schneedecke.
»Es geht doch nichts über ein paar hübsche Schneeflocken.«
Der Winter zog einen kleinen Zauberstab aus seiner Hosentasche, wedelte einmal damit in der Luft und steckte ihn wieder ein.
Es begann zu schneien. Der Winter sah sich zufrieden um, steckte sich ein Pfeifchen an und ging wieder zurück ins Haus.

»Oh nein. Nicht schon wieder Schnee. Als würde nicht schon genug davon herum liegen.«
Die Menschen waren unzufrieden. Seit drei Monaten mussten sie nun schon unter der weißen Pracht leiden. Man konnte kaum noch über die Gehwege laufen und die Pferdeschlitten kamen auch nur noch mühsam durch die Straßen.
»Wann hat das endlich ein Ende? Es ist bald März. Da muss es doch mal wärmer werden.«
Aber es halfen keine Beschwerden, kein Bitten und kein Betteln. Der Winter blieb hartnäckig.
Eines Tages ging Lisa lustlos nach draußen. Mit ihren kleinen Beinen kämpfte sie sich durch die Schneemassen. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie vor der Schule stand. Ganz abgekämpft und erschöpft setzte sie sich auf eine Bank und holte tief Luft.
In diesem Moment kam ein sehr ungewöhnlicher Mann des Weges. Er war in einen kunterbunten Mantel gehüllt und hatte leuchtend grünes Haar auf dem Kopf.
Hallo, wer du?«, fragte Lisa neugierig.
»Ich bin der Frühling antwortete der Mann.
Lisa musste sich ungläubig umschauen.
»Du bist der Frühling? Und warum ist es dann immer noch so kalt und verschneit? Warum unternimmst du denn nichts gegen dieses Wetter?«
Der Frühling wurde rot im Gesicht und entschuldigte sich sofort mehrere Male, bevor er sich auf die Bank setzte.
»Der Winter ist immer so hartnäckig. Jedes Jahr versucht er so lange, wie es geht, die Welt zu vereisen. Und ich komme nur ganz schwer gegen ihn an.«
Der Frühling lenkte Lisas Blick mit seinem Finger auf die weißen Wiesen, Felder und Straßen in der Umgebung.
»Wenn der Schnee so hoch liegt, kann keine einzige Blume wachsen. Es ist für sie zu kalt. Außerdem bekommen sie nicht genug Sonnenlicht. Da kann ich noch so gute und geheimnisvolle Zaubersprüche aufsagen. Es hilft einfach nicht.«
Lisa warf ihre Stirn in Falten und dachte angestrengt.
»Da muss man doch etwas unternehmen können. Sonst sitzen wir ja noch im Sommer mit Mäntel da und werfen Holz ins Kaminfeuer.«
Sie nahm den Frühling an die Hand und zog ihn hinter sich her.
»Ich werde dir helfen.«, hatte sie entschieden und wusste auch schon, wie sie das anstellen sollte.

Eine Stunde später hockten die beiden hinter einem großen Busch, der in der nähe des Winterhauses stand.
»Du musst jetzt nur genau das machen, was ich dir sage.«, befahl Lisa und drückte dem Frühling ein paar Tulpenzwiebeln in die Hand.
»Mach was daraus. Lass dir bitte etwas einfallen.«
Der Frühling besah sich die Zwiebeln und ließ die Schultern herab sinken.
»Damit kann ich doch nichts anfangen. Tulpen wachsen nicht im Schnee.«
Lisa verdrehte die Augen.
»Ich dachte du bist der Frühling. Warum bist du nur so einfallslos. Wenn die Tulpen nicht im Schnee wachsen, dann mach daraus etwas Neues. Das kannst du doch bestimmt.«
Sie dachte kurz nach.
»Erfinde eine Schneeblume.«
Plötzlich wurden die Augen des Frühlings heller und weiteten sich.
»Das ist es. Warum bin ich da nicht früher drauf gekommen.«
Er schlich sich zum Haus des Winters. Rundherum machte er Löcher in den Schnee und den darunter liegenden Boden, in die er die Tulpenzwiebeln steckte. Als er fertig war, holte er einen Zauberstab hervor, wedelte damit in der Luft herum und sprach einen ganz neuen Zauberspruch.
»Möge ein kleines, aber kräftiges Leben in euch fahren. Erwacht zum Leben und gedeihet wohl. Als Schneeglöckchen wird man euch fortan kennen und lieben.«
Und sofort tat sich etwas. Aus dem Boden kamen kleine, grüne Pflänzchen hervor. Sie wuchsen schnell empor, bis sie kleine, weiße Blüten bekamen.
»Was ist denn hier los? Was macht ihr denn da?«, brüllte der Winter und stürmte aus seinem Haus.
»Oh nein. Blumen. Das darf doch nicht wahr sein. Die werden mir noch den ganzen schönen Schnee vertreiben.«
Und genau so geschah es dann auch Sekunden später. Um die Blumen herum taute der Schnee und es bildeten sich erste kleine Pfützen.
»Hör mal, Frühling.«, flüsterte Lisa.
Der Frühling begann zu grinsen, als er die ersten Vögel zwitschern hörte.
»Ist das herrlich. Jetzt ist der Winter endlich vorbei.«, bedankte sich der Frühling bei Lisa.

(c) 2010, Marco Wittler