574. Nik und Nele erobern den Mond (Nik und Nele 01)

Nik und Nele erobern den Mond

Es war Abend geworden. Die Sonne war vor ein paar Minuten hinter dem Horizont verschwunden. Die zehn Jahre alten Zwillingsgeschwister Nik und Nele lagen seit ein paar Minuten im Bett und sollten eigentlich bald schlafen. Die tägliche Gute Nacht Geschichte hatten sie bereits von Mama vorgelesen bekommen.
»Ob die beiden schon vor dem Fernseher sitzen?« fragte Nele flüsternd in die Dunkelheit hinein.
Nik sah auf seinen leuchtenden Wecker. »Ist jetzt viertel nach acht. Die schauen jetzt ihre Lieblingsserie. Währenddessen gehen sie nicht mal zur Toilette.«
Er richtete sich im Bett auf und sah in das zweite Bett unter sich. »Hast du noch was vor oder warum hast du gefragt?«
Nele grinste, was ihr Bruder im dunklen Zimmer natürlich nicht sehen konnte.
»Ich will einmal zum Mond und zurück. Papa hat doch letzte Woche erzählt, dass da oben alles aus Käse gemacht ist.«
»Und das glaubst du natürlich nicht.«
Nele schüttelte den Kopf. »Papa erzählt so viel Blödsinn, dass ich das meiste davon gar nicht glauben mag. Also will ich selbst nachschauen, ob er Recht hat oder nicht.«
Nik seufzte und ließ sich zurück auf sein Kopfkissen fallen.
»Wie willst du das denn anstellen? Du bist keine Astronautin. Die werden dich niemals mit einer Rakete ins All schicken.«
Nele zuckte mit den Schultern. »Raketen interessieren mich eh nicht. Viel zu langsam und uncool. Opa hat mir geholfen, was besseres zu bauen.«
Jetzt musste Nik lachen. »Du hast mit Opa ein Raumschiff gebaut? Alles klar. Jetzt verstehe ich. Dann gehst du also Morgen in den Garten und spielst deine Reise zum Mond.«
»Nein.« antwortete seine Schwester entschlossen. »Mein Raumschiff ist echt. Und ich werde damit heute Nacht noch ins All starten. Ich werd es dir schon zeigen.«
Sie knipste ihre Nachttischlampe an und gab ihrem Bruder zu verstehen, dass er nach unten kommen sollte.
»Nimm Decke und Kopfkissen mit und vergiss da oben deine Kuscheltiere nicht.«
Nik war verwirrt. Was hatte das alles nur mit einem Flug ins All zu tun? Aber weil er seiner Schwester nicht den Spaß verderben wollte, machte er erstmal mit.
Nele schob nun ihr eigenes Kopfkissen zur Seite. Darunter war ein großer, roter Knopf versteckt gewesen.
»Es geht los.« flüsterte sie und drückte mit ihrer Hand kräftig darauf.
Wie von Geisterhand geführt, öffneten sich plötzlich die beiden Türen zum Balkon. Wenige Sekunden später schoben sich auf allen vier Seiten des Etagenbetts Glasscheiben nach oben und schlossen die Kinder ein.
»Damit wir im All nicht ersticken. Da oben gibt es nämlich keine Luft.« klärte Nele ihren Bruder auf.
Das Bett begann leicht zu vibrieren, später zitterte es an jedem einzelnen Brett, bevor es sich sanft erhob und durch die offenen Balkontüren nach draußen schwebte und Richtung Mond verschwand.
»Das ist ja völlig irre.« rief Nik begeistert und konnte sich an der schnell kleiner werdenden Erde unter sich kaum satt sehen.
»Wir fliegen wirklich und das auch noch komplett ohne Raumschiff und Raketen. Das wird mir niemand glauben. Hätte ich bloß meine Digitalkamera mitgenommen.«
Sie rasten an der Raumstation vorbei, die seit einigen Jahren ihre Kreise um die Erde zog. Zu gern hätten sie den Astronauten zugewunken, aber dafür war das Bett einfach zu schnell.
»Wir sind gleich da.« Nele zeigte mit dem Finger nach vorn, wo immer mehr Krater der Mondoberfläche erkennbar wurden. »Wir brauchen nur noch einen guten Landeplatz.«
Sie suchten sich eine weite Ebene aus, in der es keine Berge und Hügel gab. Dann landete das Etagenbett zum ersten Mal auf dem Boden des Mondes.
»Los! Aussteigen!« rief Nele begeistert. Sie drückte wieder den roten Knopf und ließ damit die Schutzscheiben um sie herum verschwinden.
Sie sprang nach draußen und landete mehrere Meter vom Bett entfernt.
»Hui.« war sie begeistert. »Auf dem Mond bin ich viel leichter. Ich komme mir vor wie eine Feder.«
Sie setzte sich hin und kramte in der Tasche ihrer Schlafanzugshose, aus der sie ein kleines Taschenmesser hervor holte.
»Wird Zeit für einen Test.«
Vorsichtig schnitt sie in den Mondboden und nahm ein Stück davon zwischen die Finger. Sie roch ein paar Mal daran und steckte es sich schließlich in den Mund.
»Mh, voll lecker. Papa hatte von Anfang an Recht, hättest du das gedacht?«
Nik, der noch immer im Bett saß und das alles um sich herum nicht wirklich begreifen konnte, machte nur ein verwirrtes Gesicht?
»Der Mond besteht tatsächlich aus Käse. Hast du etwa Papas Geschichte schon wieder vergessen?« Nele lachte, schnitt ein weiteres Stück zurecht und warf es ihrem Bruder zu, der nur zögerlich daran nagte.
»Wow. Das stimmt wirklich. Und ich habe immer gedacht, hier oben wäre alles aus Stein und Staub. Das habe ich nämlich mal im Fernsehen gehört.«
Langsam kam Nele zurück und setzte sich wieder auf ihre Matratze.
»Wird Zeit, dass wir nach Hause fliegen.«
Da wurde der vorsichtige Nik traurig.
»Muss das jetzt schon sein? Ich würde gerne noch eine Weile bleiben. Vielleicht entdecken wir auf dem Mond noch mehr Dinge, von denen niemand etwas weiß.«
Aber Nele ließ sich nicht erweichen. »Morgen ist Schule. Wir brauchen unseren Schlaf, sonst können wir uns nicht auf den Unterricht konzentrieren.«
Das Mädchen hatte natürlich Recht. Nik ließ es sich dafür nicht nehmen, selbst für den Start zu sorgen. Er drückte den roten Knopf, lehnte sich zurück und sah der Erde zu, wie während des Rückflugs wieder näher kam.
»Wir werden aber bald wieder ins All aufbrechen.« versprach Nele und schob sich ein letztes Stück Käse in den Mund.

(c) 2014, Marco Wittler

540. Mäuse auf dem Mond

Mäuse auf dem Mond

Ein kleines Raumschiff flog durch die Unendlichkeit des Alls. Nur wenn man wirklich richtig hinsah, hätte man es entdecken können. Für alle anderen war es praktisch unsichtbar, denn es war sehr, sehr klein. In ihm flogen Mäuse durch den Weltraum. Und so konnte es sich völlig unbemerkt der Erde nähern.
»Wir sind bald zu Hause, Captain.«, erklärte der Steuermann. »In zwei Stunden landen wir wieder auf der Erde.«
Der Captain nickte und seufzte laut.
»So lange dauert’s noch?«
Eigentlich wusste er ganz genau, wie lange es bis zur Landung dauern würde. Aber das half ihm auch nicht weiter, denn sein Magen knurrte schon so laut, dass man ihn im ganzen Raumschiff hören konnte.
»Gibt es unterwegs noch einen Schnellimbiss?«, fragte der Captain seine Leute.
»Hier im Weltraum? Hier gibt es nichts. Absolut nichts.«, antwortete der Steuermann.
Auch das wusste der Captain leider nur zu gut.
»Ich habe aber trotzdem Hunger. Ich werde garantiert verhungert sein, bis wir zu Hause sind. Schaut mich doch mal an. Ich bin nur noch Haut und Knochen.«
Er zog an seinem Fell, um zu zeigen, wie ernst es ihm war. Sein dicker Bauch half dabei allerdings nicht mit.
»Ist denn wirklich nichts mehr in unserer Küche?«
Der Mäusekoch schüttelte den Kopf. »Wir haben auf unserer langen Reise alles aufgebraucht. Das ist doch auch der Grund, warum wir jetzt nach Hause fliegen. Ich kann dir nur noch eine Banane anbieten. Aber gegen die bist du leider allergisch.«
Der Captain nickte und seufzte noch einmal so laut er nur konnte. Dann fiel sein Blick auf den großen Bildschirm vor sich, auf dem die Erde langsam größer wurde.
»Moment mal.«
Der Captain sprang aus seinem Sessel auf.
»Ich hab da eine Idee.«
Schnell lief er auf den Bildschirm zu und zeigte mit dem Finger darauf.
»Was ist das hier?«
»Das ist der Mond.« erklärte der Steuermann. »Ist aber gerade nur als Sichel zu sehen.
»Das ist die Idee. Wir landen auf dem Mond.«
Der Captain streichelte sich über seinen Bauch und schleckte sich über seine Lippen. Er hatte schon immer wissen wollen, ob der Mond aus Käse bestand, wie immer behauptet wurde.

Ein paar Minuten später landete das Raumschiff der Mäuse auf dem Mond.
»Hier sind wir richtig.«, war der Captain begeistert.
»Los! Schlagt euch die Bäuche voll und futtert den Mond auf. Es ist genug für alle da.«
Die Mäuse verließen ihr Raumschiff und mampften los. Der Mond schmeckte so herrlich nach Gouda, Gorgonzola, Edamer und Emmentaler. An jeder Ecke gab es einen anderen Geschmack.
Die hungrigen Mäuse futterten, bis der Mond komplett aufgegessen war. Dann betraten sie wieder ihr Raumschiff und machten sich auf den Weg zur Erde.
»Was machen wir denn jetzt mit dem Mond?« fragte der Steuermann.
»Wir haben ihn aufgegessen. Die Menschen werden sich bestimmt wundern, wenn sie ihn in der Nacht nicht sehen können.«
»Keine Sorge.«
Der Captain grinste und warf die Banane aus dem Fenster.
»Die Banane hat die gleiche Form wie der Mond. Das wird bestimmt funktionieren.«

Es funktionierte tatsächlich. Die Menschen sahen, wie in jeder Nacht, hinauf zum Himmel und erfreuten sich am Mond. Dieses Mal wunderten sie sich aber und fragten sich, warum er nicht mehr weiß, sondern gelb leuchtete.

(c) 2015, Marco Wittler

122. Alles Käse oder „Papa, warum verschwindet der Mond?“ (Papa erklärt die Welt 18)

Alles Käse
oder »Papa, warum verschwindet der Mond?«

Sofie saß in ihrem Zimmer auf dem Bett und blätterte in einem Buch mit Kindergeschichten. Mit den vielen Buchstaben konnte sie zwar noch nichts anfangen, weil sie erst im nächsten Jahr zur Schule gehen würde, aber dafür waren die bunten Bilder umso schöner anzusehen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was machst du denn da? Ich dachte, du hättest dich schon längst in deine Decke eingerollt. Nun aber los.«
Er grinste und nahm sich das Buch.
»Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?«, fragte er.
Sofie schüttelte den Kopf, stand auf und setzte sich auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster.
»Da steht nicht drin, was ich mich gerade frage.«
Papa runzelte die Stirn,setzte sich ebenfalls auf das Sofa und zog seine Tochter auf den Schoß.
»Was beschäftigt dich denn? Verrätst du es mir?«
Sofie zog die Gardine zur Seite und zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Schau doch mal. Da hängt der Mond am Himmel. Aber irgendwie sieht er kleiner aus als gestern und die die Tage davor. Papa, warum verschwindet eigentlich der Mond? Macht er Diät?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Mond und einer großen Menge Tiere. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter Bauer. Schon am frühen Morgen stand er auf und brachte seine Kühe auf die Weide, damit sie frisches Gras fressen konnten. War das Wetter einmal nicht so gut, blieben seine Tiere im Stall und wurden gefüttert. Doch damit war die Arbeit noch lange nicht getan. Denn ab der Mittagszeit mussten die Kühe gemolken werden.
Der Bauer bekam von seiner Herde viel mehr Milch als er trinken konnte. Daher nahm er einen großen Teil davon und machte ihn zu einem Käse, der so lecker war, dass sich die Menschen der ganzen Stadt danach die Finger leckten.
Eines Tages holte der Bauer seinen Sohn zu sich, um mit ihm zu reden.
»Mein Sohn, es ist an der Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Ich werde mit jedem Tag älter und gebrechlicher. Die Arbeit fällt mir immer schwerer. Von nun an sollst du diesen Hof bewirtschaften. Du bist alt genug und hast viel von mir gelernt. Ich glaube, dass es dir wohl gelingen wird.«
Der Sohn war überrascht. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es ohne seinen Vater sein würde. Von nun an war er kein einfacher Knecht mehr.
Der alte Bauer und seine Frau packten ihre Sachen und zogen in eine kleine Wohnung in der Stadt. Dort mussten sie nicht mehr so lange Wege gehen und das Leben war etwas gemütlicher.
Der Sohn gab sich von nun an besonders große Mühe. Er stellte einen neuen Knecht ein und machte sich als neuer Bauer an die Arbeit. Am frühen Morgen trieb er die Kühe auf die Weide, am Mittag melkte er sich und am Nachmittag machte er aus der Milch Käse für die Menschen in der Stadt. Schon als kleiner Junge hatte er dabei immer zugesehen und nun machte er alles auf die gleiche Weise nach.
Am Abend saß er schließlich gemütlich in einem großen Sessel vor dem Kamin und las in der Zeitung.
»Ein guter und angesehener Bauer werde ich eines Tages sein, wie mein Herr Vater. Er war mir ein guter Lehrer und ich ihm hoffentlich ein noch besserer Schüler.«
Nach ein paar wenigen Wochen passierte allerdings etwas. Der neue Bauer ging in den Keller hinab, um den fertigen Käse für den Verkauf hervor zu holen. Doch da traf ihn der Schrecken. Nicht einen einzigen Käse würden ihm die Menschen aus der Stadt abkaufen, denn sie waren alle angebissen. Kleine Mäusezähne hatten sich in die gelben Laiber gegraben.
»Na wartet, ihr kleinen bösen Nager. Wenn ich euch erwische, geht es euch an den Kragen.«
Wütend fuhr er in die Stadt und kaufte so viele Mausefallen, wie er nur bekommen konnte. Diese stellte er im Keller auf, so dicht aneinander, wie es eben ging.
»Ihr kommt mir nicht mehr an meinen Käse.«
Der Bauer ging zu Bett und schlief bis zum nächsten Morgen.

Als der Hahn krähte war die Sonne gerade dabei über den Horizont zu klettern. Sie gähnte leise und schickte dann ihre Sonnenstrahlen über das Land.
Der Bauer kam aus dem Bett, zog sich seine Sachen über und ging erwartungsvoll in den Keller. Doch was der dort sah, war nicht das, was er sich erhofft hatte. Alle Mausefallen waren zu gefallen. Aber nicht eine einzige Maus saß darin fest. Dafür waren die neuen Käselaiber angefressen.
»Das kann doch gar nicht wahr sein? Wie ist denn das möglich?«
Der Bauer war verwirrt. So etwas hatte er noch nie erlebt. Waren die Mäuse etwa so schlau, dass sie die Fallen umgingen? Ein Antwort hatte er freilich nicht zur Hand. Daher versuchte er es in der nächsten Nacht mit einem großen Kater, den er sich beim Nachbarn ausgeborgt hatte.

Am nächsten Tag wollte er seinen Augen nicht trauen. Lautes Gejaule war aus dem Keller zu hören. Als der Bauer die Treppe herab gestiegen war sah er einen verängstigten Kater, der in einer der Mausefallen saß und mit seinen Barthaaren am Gitter festgebunden war. Sofort befreite er das Tier und brachte es zum Nachbarn zurück.
»Dieser verdammten Brut werde ich es zeigen. Heute Nacht lege ich mich selber auf die Lauer.«, sprach er.
Glück hatte er allerdings immer noch keins. Denn noch bevor die erste Maus aus ihrem Versteck kam, war der Bauer bereits eingeschlafen.

Es half alles nichts. Kein Einfall und keine Idee war gut genug, um die kleinen Plagegeister loszuwerden.
Doch plötzlich erinnerte sich der Bauer an seinen Vater. Er war nie so schlimm von den Mäusen geärgert worden. Aber woran lag das bloß?
Der Bauer machte sich auf den Weg in die Stadt und suchte die Wohnung seiner Eltern auf. Dort kam er auch sofort auf sein Problem zu sprechen.
»Vater, ich leide an einer großen Mäuseplage. Kaum hattet ihr den Hof verlassen, kamen diese Biester aus ihren Verstecken und übernahmen den Käsekeller. Jeden Morgen, wenn ich hinein schaue, sind die Laiber angefressen. Die kauft mir doch niemand mehr ab. Was soll ich denn nur machen?«
Der Vater lachte, nahm dann aber seinen Sohn bei der Hand.
»Ich werde mit dir zurück zum Hof kommen. Dort zeige ich dir, wie ich über die vielen Jahre mit den Mäusen fertig geworden bin.«

Einige Stunden später standen sie zu zweit im Käsekeller. Der Vater sah mit einem Blick, wie schlimm der Schaden mittlerweile geworden war.
»Es ist allerhöchste Zeit, dass ich gekommen bin. Wenn wir jetzt nicht bald handeln, werden hier so viele Mäuse leben, dass auch ich nicht mehr helfen kann.«
Aus einem Schrank holte er eine besonders große Käseform hervor und befüllte sie.
»Dieser ganz besondere Käse ist die Leibspeise deiner ungebetenen Gäste. Es ist der Mäusekäse. Es dauert nur wenige Tage bis er reif ist.«
So geschah es dann auch. Nur drei Tage später war der Laib fest geworden. Der alte Bauer holte ihn hervor und beschriftete ihn mit großen Buchstaben:

Der beste Mäusekäse der Welt.

Am Abend band er ihn an ein Seil und wartete auf die Dunkelheit. Als die ersten Sterne zum Himmel hinauf zogen, band er das Seil zu einem Lasso, schwang es hoch in die Lüfte und band es so an einen der Sterne. Mit einem kräftigen Ruck wurde nun der Käse in den Himmel gezogen. Dort oben leuchtete er nun über das Land und sein verführerischer Duft war über weite Strecken zu riechen.
Kurz darauf hörte man das leise Getrappel vieler kleiner Pfötchen. Die Mäuse aus dem Keller kamen die Treppe herauf gelaufen. Sie wurden vom Mäusekäse angelockt und liefen ihm hinterher.
Der junge Bauer konnte noch immer nicht glauben, was er dort sah.
»Was geschieht dort?«
»Es ist ganz einfach mein Sohn. Die Mäuse lassen sie nicht ganz vertreiben. Aber wenn man ihnen einen kleinen teil abgibt, verschwinden sie für einen Monat. Sie laufen dem Käse nach, bis er schließlich an den Bergen hängen bleibt. Dort fressen sie sich an ihm satt, bis er verschwunden ist. Danach kommen sie wieder. So hat es schon mein Vater gemacht, dessen Vater und alle unsere Vorfahren vor ihnen auch.«
Zufrieden setzten sich die beiden Männer auf eine Bank vor dem Haus und sahen zu, wie die Mäuse verschwanden.

Sofie sah noch immer nach draußen und beobachtete den Mond, wie er am Himmel entlang zog.
»Und er ist jetzt auf dem Weg zu den Bergen und die Mäuse laufen ihm alle nach?«
Papa nickte und packte das Buch mit den Kindergeschichten in ein Regal.
Sofie schien nachzudenken, während sie aufstand und langsam in ihr Bett ging. Als Papa sie schließlich zudeckte begann sie zu lachen.
»Der alte Bauer war ja ein richtig schlauer Kerl.«
Sie zog die Decke bis kurz unter die Nase. Kurz bevor Papa die Tür hinter sich schloss, war sie sich aber endlich sicher, was sie von dieser Geschichte zu halten hatte.
»Das hast du wirklich schön erzählt, Papa. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort.«
Sie kicherte noch ein Weilchen, während Papa grinsend das Zimmer verlies.

(c) 2008, Marco Wittler

019. Einmal zum Mond und zurück

Einmal zum Mond und zurück

Es war Zeit für das Abendessen. Tim saß bereits am Tisch, wartete aber noch auf seinen Papa. Aber der lies sich wie immer Zeit. Er war noch in der Garage und bastelte an einem alten Auto. Irgendwann sollte es mal blitzblank aussehen und wieder über die Straßen rollen. Aber das würde wohl noch einige Zeit dauern, denn im Moment bestand es nur aus Einzelteilen.
Die Küchentür öffnete sich und Tim drehte sich um.
„Papa, wie siehst du denn aus? Du bist ja ganz schmutzig. Ich muss mich vor dem Essen doch auch immer waschen. Dann musst du das auch.“
Also ging Papa erst einmal ins Bad , wusch sich und zog sich saubere Sachen an.
In der Zwischenzeit holte Tim die Wurst aus dem Kühlschrank und das Brot aus dem Brotkasten. Mit Tellern und Tassen deckte er den Tisch. Nur die Messer lies er im Schrank, denn die durfte er noch nicht benutzen. Das war Papas Aufgabe.
Und der kam nun frisch gewaschen in die Küche und setzte sich auf seinen Platz.
Wie jeden Abend goss er sich eine große Tasse Milch ein, trank sie in einem Zug leer, wischte sich den breiten Milchbart aus dem Gesicht und lehnte sich hinüber zum Schrank, um ein Buttermesser herauszuholen.
Er griff sich zwei Scheiben Brot. Die erste machte er für Tim fertig, mit ganz dünn Butter und einer Scheibe Kochschinken. Die zweite war für ihn selber.
Während Tim ein großes Stück von seiner Schnitte abbiss, sah Papa sich auf dem Tisch um.
„Wo ist denn der Käse geblieben?“, wunderte er sich.
Tim zuckte mit den Schultern, hüpfte vom Stuhl und ging zum Kühlschrank.
„Ich habe vergessen ihn herauszuholen.“
Als der Junge durch die Kühlfächer guckte, konnte er aber nichts finden.
„Der Käse ist alle. Wir haben heute morgen den letzten Rest gegessen.“
„Na, so was.“, sagte Papa. „Dann muss ich heute ja Wurst essen und Morgen auch. Denn dann ist Sonntag. Da sind alle Läden geschlossen.“
Während die beiden still ihre Brote aßen, schaute Tim aus dem Fenster und sah gerade den Mond aufgehen, dessen rundes Gesicht über den Wald leuchtete und sich im See spiegelte. Unzählige Sterne funkelten am Himmel und schienen den Mond zu begrüßen.
„Da oben müsste man wohnen.“
„Wo denn?“, fragte Papa.
„Na, da oben, auf dem Mond. Die Anna-Lena hat gesagt, dass der ganze Mond aus Käse gemacht ist. Jedenfalls behauptet das ihr Papa. Und der muss es wissen. Der hat auch schon einmal was von einem Butterberg erzählt.“
Aber Tims Papa zuckte nur mit den Schultern.
„Davon habe ich noch nie was gehört. Außerdem gibt es keine Möglichkeit dort hin zu kommen. Der Mond ist zu hoch und zu weit weg. Wir müssen halt bis Montag warten, bis wir wieder Käsebrote machen können.“

 Nach dem Essen war es Zeit zu Bett zu gehen. Tim wusch sich im Bad, putzte sich die Zähne und ging in sein Zimmer. Dort zog er sich seinen Schlafanzug an und legte sich hin. Er schlief sofort ein.
Papa hingegen bastelte noch ein wenig an seinem Auto in der Garage.

 Mitten in der Nacht zupfte etwas an der Bettdecke. Dann wurde Tim auch noch leicht an der Schulter angestupst. Er wurde wach und öffnete seine verschlafenen Augen. Vor ihm stand sein Papa. Er hatte noch immer seine Sachen und sogar mittlerweile eine Jacke angezogen. Auf seinem Rücken hatte er sich einen Rucksack geschnallt.
„Aufstehen, Tim. Wir machen eine kleine Spritztour. Ich habe das Auto fertig und jetzt fahren wir los und besorgen uns doch noch etwas Käse.“
Tim wischte sich über die Augen, zog sich im Halbschlaf an und trottete in die Garage hinunter.
Das Auto war tatsächlich fertig geworden. Alles war zusammen geschraubt, knallig rot lackiert und blitzblank poliert. Bei diesem Anblick war der Junge sofort hellwach. Er hüpfte in seinen Kindersitz, schnallte sich an und wartete darauf, dass es losgehen würde.
Wo bekommt man wohl so tief in der Nacht noch Käse, überlegte er sich. Aber dann stieg Papa ein und startete den Motor.
Und schon ging es los. Sie fuhren die lange Straße entlang, die aus der Stadt führte, bis sie zur Autobahn kamen. Von da an konnten sie einiges Schneller fahren. Der Wind pfiff richtig an den Fenstern vorbei.
„Wie weit müssen wir denn fahren?“, fragte Tim.
„Eine Weile wird es schon dauern. Aber bestimmt wird es nicht langweilig.“, war die kurze Antwort.
Ein paar Kilometer später wurde das Auto noch schneller, denn Papa gab jetzt richtig Gas.
„Da kommt unsere Ausfahrt. Da müssen wir ordentlich Anlauf nehmen, denn sonst schaffen wir die Steigung nicht.“
Tim sah sich um. Nirgendwo war ein Berg zu sehen. Hier war doch alles flach. Das war sehr komisch. Noch seltsamer war das nächste Schild. Darauf stand:

Noch 500 Meter bis zur Milchstraße.

Aber war die nicht irgendwo am Himmel?
Nicht weit vor ihnen leuchtete es hell. Da waren mehr Sterne als anderswo. Und darauf fuhren sie direkt zu.
Das Auto ruckelte kurz und schon ging es aufwärts. Die Autobahn und die Lichter der Stadt blieben unter ihnen zurück und wurden rasch kleiner, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Jetzt waren sie tatsächlich auf der Milchstraße, die sich weit in den Himmel erstreckte.
Das Auto fuhr an leuchteten Sternen vorbei, überholte so manchen Kometen und lies ein paar Milchtransporter hinter sich zurück, die damit beschäftigt waren, ein paar Schlaglöcher auszubessern. Tims Mund und seine Augen waren weit offen und er konnte nur noch staunen.
„Wo fahren wir denn überhaupt hin?“
„Dorthin, wo es mitten in der Nacht noch Käse gibt.“
Papa zeigte mit dem Finger auf den Mond, auf den sie zufuhren.
Langsam wurde das Mondgesicht größer und man konnte einige Krater sehen. Bald mussten sie da sein. Mittlerweile war die Erde hinter ihnen schon sehr klein geworden. Aber langweilig wurde es unterwegs nicht, denn es gab so vieles zu sehen. Hin und wieder flog sogar ein Raumschiff an ihnen vorbei.
Bei der Ausfahrt zum Mond bogen sie wieder ab und parkten ein paar Meter weiter das Auto vor einem kleinen Krater. Sie waren am Ziel angekommen. Tims Papa schnallte sich den Rucksack wieder um und beide stiegen sie aus.
Von hier aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Erde. Sie hing nun wie eine blaugrüne Scheibe am Himmel. Sie sah aus, wie ein Mond.
Tim fasste Papa an der Hand. Es war ihm doch etwas unheimlich hier. Niemand anderes war zu sehen. Es gab auch keine Tiere und Pflanzen, nur jede Menge Krater im Boden und einige Gebirge am Horizont.
Sie gingen los und sahen sich um. Hin und wieder steckten kleine Schilder im Boden, die Papa vorlas:

Tilsiter, Emmentaler, Edamer, Harzer.

Beim Parmesan hielten sie sich angestrengt die Nase zu.
„Hier sind wir richtig. Dort steht Gouda auf dem Schild.“
Tim staunte. Der Mond bestand tatsächlich aus Käse. Man konnte es riechen und sogar schmecken, wenn man ein Stück probierte.
Papa holte ein Messer aus dem Rucksack, schnitt mehrere Stücke aus dem Boden und füllte damit den Rucksack.
„So, das wird wohl reichen. Jetzt wird es Zeit, nach Hause zu fahren.“
Sie gingen zurück und stiegen wieder in das Auto. Doch diesmal wollte es nicht anspringen. Es gab keinen Ton von sich. Ein Blick unter die Motorhaube verriet Papa, dass die Batterien leer waren.
So konnten sie unmöglich zurück kommen. Aber hier auf dem Mond konnten sie auch nicht bleiben, denn ohne Brot schmeckte der beste Käse nicht. Also mussten sie auf Rettung warten.

 Nach etwa einer halben Stunde flog ein silbrig glänzendes Raumschiff vorbei. Richtig schick sah es aus. Papa winkte sofort, um zu zeigen, dass sie Hilfe brauchten, worauf es auch gleich neben ihnen landete.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich eine Luke und jemand sprang heraus. Er war eindeutig von einem anderen Planeten gekommen. Er sah etwas anders aus als ein Mensch. Seine Haut war blau, die Haare weiß und die Ohren fast doppelt so groß wie bei Papa.
Der Außerirdische lächelte und bot ihnen an, sie abzuschleppen. Er war gerade auf dem Weg zum Mars, da lag die Erde auf seiner Reiseroute.
Der Rückflug war sehr viel schneller. Aber trotzdem schlief Tim unterwegs sofort ein, so müde hatte ihn die Fahrt gemacht. Außerdem war es auch schon sehr spät. So lange Nächte war er nicht gewohnt.
Zuhause angekommen bedankte sich Papa für die Hilfe. Er brachte Tim ins Bett und schob anschließend das Auto zurück in die Garage.

 Als Tim am nächsten Morgen wach wurde konnte er sich noch an alles erinnern, die Reise zum Mond, den vielen Käse und an den netten Mann vom anderen Stern. Das war ein komischer Traum gewesen. Aber wenn es darin leckeren Käse gab, war es auf jeden Fall ein guter und schöner Traum.
Er stand auf, zog sich an und machte sich im Bad fertig.
Als er kurz darauf den Aufschnitt für das Frühstück aus dem Kühlschrank holen wollte, staunte er nicht schlecht. Denn darin war ein großer Haufen Käse, der am Abend vorher noch nicht da war.
Konnte man vielleicht doch mit dem Auto über die Milchstraße zum Mond fahren?
In diesem Moment kam Papa grinsend in die Küche, wünschte einen guten Morgen und begann, wie jeden Tag, die Brote zu schmieren, eine Schnitte für Tim und eine für ihn selber.
Er sagte nichts zu dem Käse oder was in der letzten Nacht passiert war. Nachdem Tim aber fragte guckte, zwinkerte er ihm ganz kurz zu.

(c) 2004, Marco Wittler

19 Einmal zum Mond und zurück