486. Helden des Tierheims (Tierheimgeschichten 8)

Helden des Tierheims

Der grau gestreifte Kater Manni lag auf der Fensterbank des Katzenhauses und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Das war seine Lieblingsbeschäftigung. Dabei durfte man ihn auch nur in dringenden Notfällen stören. Und davon gab es nicht viele. Heute war allerdings einer davon.
»Hallo? Ist da jemand?« flüsterte eine Stimme von der anderen Seite des aufgeklappten Fensters.
Manni grunzte unzufrieden. »Wer stört mich da? Ich habe zu tun.«
»Jemand braucht eure Hilfe.« sprach die Stimme weiter.
Jetzt wurde Manni munter. Hilfe war immer wichtig und durfte nie zu spät kommen.
»Wo steckst du? Zeig dich.« rief er nach draußen, als er aufstand.
Unter dem Fenster entdeckte er eine kleine, graue Ratte, die unsicher im Schatten eines Busches saß und sich immer wieder ängstlich umsah.
»Nicht so laut.« bat sie. »Ich habe Angst, dass mich eine streunende Katze entdeckt und frisst.«
Manni musste grinsen, als er auch zu flüstern begann.
»Und vor mir hast du keine Angst? Ich kann ziemlich hungrig und gefräßig sein. Sieh dir meinen Bauch an. Du solltest dich in Acht nehmen.«
Die Ratte musste schlucken. »Wer anderen hilft, kann nicht so schlimm sein – oder?«
Manni nickte. »Das Futter hier im Tierheim ist so reichhaltig und lecker. Ich muss keine anderen Tiere jagen. Aber jetzt erzähl mir, worum es geht.«
Die Ratte kletterte am Mauerwerk hinauf, setzte sich auf die andere Seite des Fenster und begann zu erklären, was sie und ihre Freunde entdeckt hatten.
»Ein paar Straßen weiter lebt ein alter Mann in einem kleinen, alten Häuschen. Es ist sieht scheußlich aus. Die Farbe blättert von den Wänden ab, das Dach ist schief, der Garten ungepflegt und überall liegt Müll herum. Da fühlt sich nicht einmal eine Ratte wohl. Trotzdem haben wir einen Blick hinein geworfen, als die Tür heute Morgen offen stand.«
»Die Hoffnung auf ein Frühstück treibt euch in jedes Haus hinein, egal wie es aussieht.« lachte Manni.
»Jedenfalls lebt der Mann nicht allein in seinen vier Wänden. In einer Ecke des Wohnzimmers steht ein Pappkarton. Darin lebt Konrad, ein kleiner Hund, der sich von seinem Platz nicht fort darf. Setzt er auch nur eine Pfote zu weit weg, bekommt er einen Schlag mit einer alten Zeitung. Er darf nicht einmal nach draußen, um sein Geschäft zu erledigen. Dass muss er alles in seinem Karton erledigen.«
Manni wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es in diesem Haus aussehen musste. Es hörte sich einfach zu schrecklich an.
»Wir werden etwas unternehmen.« entschloss er sich und trommelte sofort die anderen Katzen zusammen, denen er kurz berichtete, was er gehört hatte.
»Wir brauchen also einen Plan, wie wir den kleinen Kläffer da raus holen können. Er hat ein besseres Leben verdient.«
Eine halbe Stunde später machten sich die kleine Ratte und fünf Katzen auf den Weg.
Sie hatten das verfallene Haus nach wenigen Minuten erreicht. Sie sahen es sich von allen Seiten genau an, bevor sie etwas unternehmen wollten.
»Der Alte ist im Haus.« berichtete Manni, der von einem niedrigen Baum aus durchs Fenster sah.
»Er liegt faul im Sessel und trinkt Bier. Wir können mit dem Ablenkungsmanöver starten.«

Der alte Mann kratzte sich seinen dicken Bauch und rülpste. Er wollte gerade zu einer neuen Flasche Bier greifen, als er draußen lautes Geschrei hörte.
»Was soll denn dieser verdammte Lärm?« brüllte er, sprang auf und warf einen Blick durch das verdreckte Wohnzimmerfenster. Er konnte nichts entdecken.
Schnell lief er zur Eingangstür, öffnete sie und machte sich auf den Weg in den Garten. Dort entdeckte er er Kater Fridolin, der gerade eine Ratte hin und her jagte und dabei vergnügt lautes Miauen von sich gab.
»Verdammte Viecher!« brüllte der Alte und warf mit seiner leeren Bierflasche nach dem Kater. Zum Glück war er bereits so betrunken, dass es ihm unmöglich war, jemanden zu treffen.
»Jetzt sind wir dran.« flüsterte Manni den verbliebenen Katzen zu.
Sie schlichen gemeinsam in das Haus. Es war nicht weiter schwer den beschriebenen Pappkarton zu finden. In seinem Innern sahen sie den armen, kleinen Konrad. Wie ein Hund sah er allerdings nicht mehr aus. Überall klebte Dreck an ihm.
»Der wird nicht auf einen Beinen flüchten können.«
Ohne noch weiter darüber nachzudenken, packten die Katzen den Karton und trugen ihn nach draußen. Als sie die nächste Straßenecke erreicht hatten, pfiff Manni laut. Das war das verabredete Signal, das Ablenkungsmanöver zu beenden.

Ein paar Tage später ging es dem Hund besser. Sein Fell war sauber gewaschen worden, er hatte reichlich zu fressen bekommen und fühlte sich das erste Mal in seinem Leben frei und glücklich.
»Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie dankbar ich euch bin.« erklärte er den Katzen.
»Dafür sind wir doch da, lieber Konrad.« antwortete Manni.
»Lutz.« widersprach der Hund.
Die Katzen sahen ihn verwirrt an.
»Nennt mich Lutz. Konrad ist der Name meines alten Lebens. Damit möchte ich nichts mehr zu tun haben. Ich finde, Lutz passt viel besser zu mir.«
Und so hatte Lutz endlich in ein schönes Leben mit vielen neuen Freunden gefunden.

(c) 2014, Marco Wittler

428. Kater Manni (Hallo Oma Fanny 1)

Kater Manni

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Die Mama hat gesagt, dass ich dir einen Brief schreiben soll, weil wir uns nicht so oft sehen können. Du wohnst ja leider viel zu weit von uns. Deswegen sitze ich jetzt hier an meinem Schreibtisch und überlege, was ich dir alles schreiben kann.
Heute will ich dir von unserem neuen Haustier erzählen. Die Mama mag Katzen sehr. Deswegen haben wir jetzt drei Stück. Unser neuer Kater heißt Manni. Er ist überall grau gestreift und macht ganz viel Blödsinn. Schon am ersten Tag hat er Türen geöffnet, Schubladen und Schränke durchwühlt und immer wieder die Klospülung gedrückt. Der ist richtig schlau.
Am zweiten Tag war unser Manni dann aber verschwunden. Wir haben ihn überall gesucht, konnten ihn aber nicht mehr finden. Wir hatten große Angst, dass er durch die Wohnungstür oder ein Fenster abgehauen ist und nun draußen im Wald herum läuft und nicht mehr den Weg nach Hause findet. Wir haben ihn gerufen, mit Katzenfutter gelockt, aber er kam nicht zurück.
Am Abend wollte Mama sich dann um das Abendessen kümmern. Sie öffnete den Kühlschrank und wollte den Braten heraus holen. Der lag aber nicht mehr auf seinem Teller. Dafür schlief dort unser Manni, der sich den Braten komplett aufgefressen hatte. Der Kater hat sich heimlich in den Kühlschrank geschlichen. Hinter ihm muss dann die Tür zu gefallen sein.
Das war richtig lustig. Ich habe ganz laut lachen müssen. Mir liefen sogar Tränen im Gesicht herunter.
Wir mussten dann Brot essen. Das war aber gar nicht so schlimm. Die Küchentür schließen wir nun immer ab, damit genug zu Essen für uns übrig bleibt.
Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen Brief. Ich hoffe, dass wir uns auch bald wieder mal sehen. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

388. Der schlaue Kater

Der schlaue Kater

Fabio saß am Frühstückstisch und aß ein großes Butterbrot mit leckerer Salami.
»Mh, ist das lecker.«, schwärmte er immer wieder und warf dabei seinen Blick zum Boden.
Dort saß ein Kater in grau und weiß, der gierig darauf wartete, dass ein Stück Wurst herab fiel. Und genau das passierte auch immer wieder.
»Hihihi.«, lachte Fabio dann und ließ ein weiteres Stück Wurst fallen.
»Jetzt wird es aber Zeit, in die Schule zu fahren.«, sagte Mama und räumte den Frühstückstisch auf.
Sie zog Fabio Jacke und Mütze über, achtete darauf, dass er seine Füße in die richtigen Schuhe steckte und brachte ihn dann zum Taxi.
»Viel Spaß beim lernen.«, rief ihm Mama nach.
»Und mach nicht so viel Blödsinn.«
Kater Diego entdeckte zur gleichen Zeit, dass die Haustür offen stand. Heimlich schlich er sich nach draußen und sah sich neugierig um. Er beobachtete, wie Fabio in das Taxi stieg.
»Was der Junge jetzt wohl macht?«, fragte sich der Kater neugierig.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und lief Fabio nach. Mit einem kräftigen Sprung verschwand er im Wagen und versteckte sich sofort unter einem der Sitze.
Das Taxi setzte sich in Bewegung und fuhr quer durch die Stadt. Nach einer ganzen Weile blieb es wieder stehen und die Kinder stiegen aus. Diego folgte Fabio heimlich mit etwas Abstand. Sie gingen in ein großes Gebäude. In einem der unzähligen Räume setzten sie sich alle an kleine Tische und hörten einer Frau zu, die ganz viel erzählte.
Diego hörte ganz genau zu. Das war alles sehr interessant. So viele schlaue Dinge hatte er noch nie auf einmal gelernt. Erst als es Nachmittag wurde schlich er sich wieder unter Fabios Tisch hervor und ließ sich vom Taxi nach Hause bringen.
»Die Schule ist richtig toll. Da fahre ich Morgen ganz bestimmt wieder hin.«, sagte er zu sich selbst, als er sich müde in seiner Katzenhöhle versteckte.

(c) 2012, Marco Wittler

383. Der Fußballkater

Der Fußballkater

Kater Manni lag am Rand der Wiese und sah den Jungs beim Spielen zu. Immer wieder schossen sie einen großen Lederball hin und her. Nur zu gern hätte er sich dieses runde Ding gespannt und damit herum getollt. Aber bisher traute er sich einfach nicht. Viel zu leicht konnte er versehentlich getreten werden. Also sah er weiter zu.
›Soll ich? Soll ich nicht?‹, dachte er immer wieder.
Es reizte aber auch so sehr. Mit so einem Ball würde man bestimmt gut spielen können. Schon wackelte Mannis Hintern hin und her. Seine Beine machten sich zum Absprung bereit. Er fühlte sich, als würde er ein kleines Tier jagen. Seine Augen sahen ganz genau auf den Ball und warteten schon auf den richtigen Augenblick.
Und plötzlich war der richtige Zeitpunkt gekommen. Sein Ziel, der Ball kam ihm ganz nah. In den Augen des Katers hätte man ein Leuchten sehen können, so aufgeregt war. Er machte einen großen Sprung und lief dem Ball entgegen. Kurz bevor er das runde Leder erreichte, hüpfte er in die Luft und stürzte sich anschließend darauf. Mit seinen spitzen Krallen hielt er sich daran fest und kugelte dann gemeinsam mit dem Ball über den Rasen.
Ein paar Meter weiter pfiff der Schiedsrichter ratlos das Spiel ab. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Wie konnte dieser Kater bloß in das riesige Stadion gekommen sein? Das fragten sich auch die vielen tausend Zuschauer, die ihren Fußballvereinen die Daumen drückten.
Der Fernsehkommentator fand als erster seine Worte wieder und sprach zu den Menschen, die sich das alles über ihre Fernseher ansahen.
»Wer hätte das gedacht, meine Damen und Herren. Wenige Minuten vor dem Spielende ist ein grau gestreifter Kater auf das Spielfeld geflitzt und hat sich auf den Ball gestürzt. Wie es aussieht, hat er das Leder mit seinen Krallen durchbohrt, denn mit jeder Sekunde verliert der Ball an Größe. Hoffentlich ist für Ersatz gesorgt.«
Zum Glück gab es noch einen zweiten Ball. Nachdem der Schiedsrichter Kater Manni samt seiner Beute vorsichtig vom Rasen getragen hatte, pfiff er das Spiel wieder an.
»Viel Spaß noch mit dem Ball.«, rief er dem Tier zu.
Für Manni selbst war es eines seiner größten Erlebnisse seines Lebens.

(c) 2012, Marco Wittler

253. Ein kleines, dickes Kätzchen

Ein kleines, dickes Kätzchen

Lautes, vielstimmiges Miauen war weit über den großen Bauernhof zu hören. In der Katzenfamilie hatte es Nachwuchs gegeben. Sieben kleine Babys tummelten sich in einem warmen Körbchen und riefen immer wieder nach ihrer Mama.
»Das sind aber hungrige Mäuler.«, sagte der Katzenvater.
»Wie sollen wir die nur alle satte bekommen? So schnell kann ich die Milch doch gar nicht von den Kühen holen.«
Aber so sehr er sich auch beschwerte, er schaffte es doch irgendwie immer. Mit der großen Milchkanne lief er den ganzen Tag lang zum Stall und wieder zurück.
Die Kühe gaben nur zu gern etwas von ihrer Milch ab. Sie freuten sich immer wieder, wenn neue Tierbabys auf den Bauernhof kamen.
»Wenn die kleinen Mietzen größer geworden sind, dürfen sie auch mal auf unseren Kälbern reiten. Das wird ihnen bestimmt Freude machen.«
Und so verging die Zeit. Einige Wochen und Monate zogen ins Land, die Jahreszeiten wechselten und die Katzenbabys wurden immer größer. Man konnte ihnen fast beim Wachsen zuschauen.
Rosalie war jeden Tag besonders hungrig. Sie trank viel mehr Milch als ihre Geschwister und wuchs deswegen auch viel schneller. Mittlerweile war sie schon fast doppelt so groß, wie die anderen und hatte einen richtig dicken Bauch bekommen.
»Wir müssen dich bald auf Diät setzen, junge Dame.«, hatte Mama bereits angedroht.
»Mit so einem dicken Bauch kann man nur sehr schwer Mäuse fangen. Du wirst wohl Sport treiben müssen.«
Doch egal, was die Katzenmutter androhte, Rosalie wurde immer dicker.

Eines Tages spazierte die Katzenfamilie durch den nahen Wald. Vorsichtig tippelten sie über eine wacklige Holzbrücke, die die beiden Ufer eines Teiches miteinander verband.
»Passt gut auf, wo ihr hintretet.«, mahnte der Katzenvater.
»Ein paar der Bretter unter euren Füßen könnten morsch sein und zerbrechen.«
Also sahen sich die kleinen Kätzchen gut um. Nur Rosalie kaute genüsslich auf einem Apfel herum.
Plötzlich wehte ein Windstoß heran. Die Brücke begann zu wackeln und die Bretter brachen entzwei. Alle Katzen fielen ins flache Wasser.
Ertrinken konnten sie darin nicht. Aber da Katzen kein Wasser mögen, fingen sie sofort an zu kreischen.
»Nun macht doch nicht so einen Aufstand.«, rief Rosalie.
»Seid ihr etwa aus Zucker gemacht?«
Sie stand auf, ließ sich rückwärts wieder in den Teich plumpsen und holte einen neuen Apfel hervor.
»Huch. Mein Apfel ist schmutzig.«
Sofort wusch und putzte sie ihre Zwischenmahlzeit von allen Seiten, als hätte sie ihr Leben lang nie etwas anderes getan.
Die Katzeneltern sahen sich verdutzt an, als sie mit dem Rest der Familie ans trockene Ufer geklettert waren. Sie waren sich nicht sicher, was mit Rosalie geschehen war. Katzen gehörten einfach nicht ins Wasser. Das war gegen die Natur.
In diesem Moment war ein lautes Flattern in der Luft zu hören. Vom Himmel kam ein großer Vogel herab geflogen und landete auf einem alten Baumstumpf. Es war ein Storch.
»Hallo Katzenfamilie.«, grüßte er.
»Es tut mir leid, dass ich euren Spaziergang stören muss, aber als ich euch das letzte Mal eure Babys gebracht habe, ist mir ein schrecklicher Fehler unterlaufen. In meinem Körbchen ist doch tatsächlich ein Waschbärbaby gelandet. Könnt ihr euch das vorstellen?«
Die Katzenmama konnte es sich sogar sehr gut vorstellen. Nun wusste sie endlich warum Rosalie so groß und dick geworden war und sich offensichtlich gern im Wasser aufhielt.
»Ich möchte nun den Waschbären zum Umtausch abholen.«
Da musste die Katzenfamilie gar nicht lange nachdenken. Sofort stellten sie die Katzenkinder vor Rosalie auf.
»Unsere Schwester bekommst du nicht. Auch wenn sie ein wenig anders aussieht, größer ist und sich nicht wie eine richtige Katze verhält, gehört sie trotzdem zu unserer Familie.«
Da lachte der Storch und erhob sich wieder in die Luft.
»Wie gut, dass Babys grundsätzlich vom Umtausch ausgeschlossen sind. Ich wollte nur schauen, ob das auch so seht.«
Dann flog er davon und ging wieder seinen Geschäften nach.
Rosalie, die nun endlich wusste, dass sie gar keine Katze war, bekam ein paar Tage später einen kleinen Badesee auf dem Bauernhof geschenkt. Von nun an konnte sie jederzeit ins Wasser hüpfen. Und so nach und nach gewöhnten sich sogar ihre scheuen Geschwister an das kühle Nass.

(c) 2009, Marco Wittler

241. Katzenbabys im Tierheim (Tierheimgeschichten 5)

Katzenbabys im Tierheim

Die Tierheimchefin saß in ihrem Büro und las einige Briefe, die sich in den letzten Tagen auf ihrem Schreibtisch gesammelt hatten.
»Rechnungen… Mahnungen… Werbung… Gibt es denn heutzutage keine normale Post mehr?« seufzte sie.
In diesem Moment klingelte es an der Eingangspforte. »Kann mal jemand nach vorne gehen und schauen, wer da ist?« Aber es reagierte niemand.
»Hallo? Ich bin grad mit der Post beschäftigt. Öffnet mal bitte jemand?« Doch dann fiel der Chefin ein, dass ihre Mitarbeiter vor ein paar Minuten in den Feierabend verschwunden waren.
»Ich sollte mal etwas gegen meine Vergesslichkeit unternehmen.«
Sie stand auf, ging zur Pforte und öffnete. »Nanu?« wunderte sie sich. »Niemand da.«
Doch dann hörte sie ein Geräusch, dass aus der Nähe ihrer Füße gekommen war. Sie sah nach unten und entdeckte ein abgedecktes Körbchen.
»Oh nein. Nicht schon wieder jemand, der heimlich Tiere abgibt, nur weil er die Gebühren sparen will.«
Die Chefin blickte sich noch einmal um. Sie hoffte, den Tierbesitzer doch noch entdecken zu können. Aber es war niemand zu entdecken.
»Dann kommt erstmal mit rein. Ihr seid bestimmt völlig verängstigt und braucht etwas Ruhe.«
Sie nahm den Korb vorsichtig hoch, nahm ihn mit ins Büro und stellte ihn auf dem Schreibtisch ab. Dann legte sie langsam die Decke zur Seite und sah hinein.
»Sieh mal einer an. Drei kleine Kätzchen. Für euch finde ich bestimmt auch noch einen Platz bei uns.«
Die Chefin sah schnell auf einen großen Plan, der an der Wand hing und fand schnell einen Schlafplatz für ihre neuen Mitbewohner.
»Die Mietzen im Katzenhaus werden euch bestimmt mit offenen Pfoten aufnehmen. Sie freuen sich über jeden neuen Mitbewohner.«
Eigentlich hätte sie die Katzen zuerst wiegen und untersuchen müssen, aber dafür fehlte im Moment die Zeit. Außerdem war der Tierarzt bereits auf dem Weg nach Hause.
»Das holen wir alles Morgen nach.«
Sie brachte den Korb ins Katzenhaus und stellte ihn in einem leeren Käfig ab. Sie gab den drei Findelkindern etwas zu Fressen.
»Hm. Etwas zu Trinken braucht ihr aber auch noch.« Sie ging kurz in den Gang zurück, füllte eine Schale mit Wasser und kam zurück.
»Du meine Güte. Was ist denn das?« Sie wunderte sich, denn die große Futterschale war in den wenigen Sekunden bereits völlig geleert worden.
»Habt ihr etwa in den letzten Tagen nichts zu Fressen bekommen? So dünn seht ihr gar nicht aus.«
Im Gegenteil. Die drei Katzenkinder sahen sehr kräftig aus und hatten beinahe riesige Pfoten.
»Ich habe schon viele Hunde gesehen, die ihr Futter so schnell wie ein Staubsauger auffressen, aber bei Katzen ist mir das noch nie passiert.«
Verwundert sperrte sie die Käfigtür ab und verließ das Katzenhaus in Richtung Büro.
»Endlich ist die Menschenfrau weg.« war nun aus dem Nachbarkäfig zu hören, dessen Tür von innen geöffnet wurde. Eine Katzendame kam hervor und sah sich die Neuankömmlinge genau an.
»Wie machst du das bloß immer nur?« wollte eine der anderen Katzen wissen. »Ich will auch rein und raus, wie es mir passt.«
Die Katzendame lachte. »Deine Krallen sind zu kurz. Meine sind lang genug, damit ich sie in das Schloss stecken kann. Aber nun zu euch, meine Lieben.«
Sie öffnete den drei Katzenbabys die Tür und lockte sie nach draußen.
»Kommt her, meine Süßen. Keine Angst, ich beiße nicht. Kommt raus und lasst euch ansehen. Wir wollen schließlich wissen, wer von nun an bei uns lebt.«
Doch statt ein paar verschüchterter Gesichter, stürmten ihr plötzlich drei wilde Fellbüschel entgegen.
»Du meine Güte.« schnappte die Katzendame verzweifelt nach Luft und versuchte, unter den neuen Mitbewohner hervor zu kriechen.
»So kräftige Katzenkinder habe ich noch nie erlebt. So etwas gibt es doch gar nicht.«
Aber anscheinend gab es das wohl doch, denn die Katzenkinder tobten nun quer durch das Katzenhaus. Sie sprangen von Kratzbaum zu Kratzbaum, kletterten an allem hoch, was sie finden konnten und leerten jeden fremden Fressnapf, der auf ihrem Weg lag.
Die Katzen des Hauses wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Sie konnten nur tatenlos zusehen, wie ihr schönes Zuhause mehr und mehr verwüstet wurde. Niemand konnte die Katzenkinder aufhalten. Die ganze Nacht tobten sie sich aus, bis am nächsten Morgen der Tierarzt zum Dienst erschien.
»Dann wollen wir uns doch mal unsere neuen Gäste anschauen.« Er betrat den Gang zwischen den Käfigen und wollte seinen Augen nicht trauen.
»Was ist denn hier passiert? Hier sieht es ja aus wie nach einer riesigen Party. Das können unmöglich unsere Katzen angestellt haben.«
Doch dann entdeckte er die Übeltäter und wusste sofort Bescheid, was geschehen war.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wie seid ihr denn hierher gekommen?«
Mit Leichtigkeit schnappte er sich die drei Katzenkinder, die nach einer langen Nacht müde auf dem Boden lagen, steckte sie in eine Transportkiste und rief die Tierheimchefin zu sich, die schnell aus ihrem Büro kam.
»Oh nein. Was ist denn hier passiert?« war sie erschrocken. »Das sollen unsere neuen Katzenbabys angestellt haben? Das ist doch gar nicht möglich. Sie sind so klein und süß.«
Der Tierarzt mussten laut lachen, bevor er wieder sprechen konnte.
»Haben sie sich denn gar nicht gewundert, warum die Kätzchen so großen Pfoten haben? Es sind nämlich keine Kätzchen, sondern Löwenbabys. Die sind jetzt schon richtige Kraftpakete und werden riesig groß.«
Da erschrak nicht nur die Chefin, sondern auch alle Katzen, im Katzenhaus.

(c) 2014, Marco Wittler

238. Fußballturnier im Tierheim (Tierheimgeschichten 4)

Fußballturnier im Tierheim

»Tooooooooorrrr« rief ein Kind laut und rannte stolz über die große Wiese.
»Tor?« wunderte sich Schildkröte Paul und sah zum Eingangstor des Tierheims. »Wer ist denn da am Tor? Ich kann niemanden sehen.«
Die zwei Hunde neben ihm lachten. »Nicht das Eingangstor. Der Bengel hat seinen Ball ins Tor geschossen. Hast du denn keine Ahnung von Fußball?«
Paul schüttelte den Kopf. »Sagt mir nichts. Habe ich noch nie gehört.«
»Na gut. Wir sind Hunde. Wir spielen ständig mit Bällen. Da kennen wir uns einfach besser aus, als andere Tiere.«
»Was soll das heißen?« mischte sich ein Kater ein. »Wieso sollten sich Hunde besser mit Fußball auskennen? Wir Katzen sind mindestens so gut wie ihr, wenn nicht noch besser.«
Die Hunde lachten wieder. »Kein Tier wird jemals einen Hund beim Fußball schlagen können. Fußball ist schließlich ein Menschenspiel. Und welches Tier ist der beste Freund des Menschen? Der Hund! Also ist es nur logisch, dass wir jedes Fußballspiel gewinnen würden.«
Nun war der Kater sauer. Stinksauer. Wie konnten diese überheblichen Kerle so etwas nur behaupten?
»In Ordnung. Ich nehme an. Heute Abend spielen wir gegeneinander. Sobald die Menschen Feierabend gemacht haben, rollt der Ball.«
Die Hunde hielten sich die Bäuche vor lachen und rollten sich auf dem Rasen hin und her.
»Ihr wollt tatsächlich gegen uns antreten? Ihr werdet nicht ein einziges Tor schießen. Das könnt ihr voll vergessen.«
»Wir werden es ja sehen.« antwortete der Kater Miro mit zittriger Stimme.

»Verehrte Damen und Herren. Es ist 18 Uhr. Die Menschen sind auf dem Weg nach Hause und die Bewohner unseres wunderschönen Tierheims haben sich auf der großen Wiese versammelten um einem großen Ereignis beizuwohnen.«
Schildkröte Paul hatte sich am Nachmittag von den Hunden die Spielregeln erklären lassen. Mittlerweile war er Feuer und Flamme. Er war so begeistert vom Fußball, dass er es sich nicht nehmen lassen wollte, Stadionsprecher zu sein. Er hatte sich aus einer dicken Pappe ein Sprechrohr gebastelt, damit man ihn überall hören konnte.
»Die Mannschaften der Hunde und der Katzen haben sich bereits warm gemacht und warten nun darauf, dass der Schiedsrichter den Ball frei gibt.«
In der Mitte des Feldes stand ein großer Papagei. Er fragte die Spieler noch einmal, ob sie bereit waren. Dann pfiff er laut und flatterte in die Luft, um alles besser überblicken zu können.
»Das Spiel ist gestartet.« rief Paul begeistert. »Die zweiundzwanzig Hunde und Katzen haben den ganzen Tag auf diesen Augenblick hin gefiebert. Jetzt gibt es kein Halten mehr.«
Es ging hin und her. Die Mannschaften schenkten sich nichts. Es wurde ein hartes Spiel. Die Katzen waren wendig, sie waren flink und flitzten immer wieder durch die Beine ihrer Gegner. Die Hunde kämpften auch erbittert um den Sieg. Allerdings setzten sie nicht immer faire Mittel ein. Sie bissen, sie bellten laut, foulten, drängelten und beschwerten sich ständig beim Schiedsrichter. Nach sechs Minuten erzielten die Kläffer das erste Tor. Weitere zwei Minuten fiel das Zweite. Die Katzen keuchten vor Anstrengung und wussten nicht mehr, was sie machen sollten. Mit ganz viel Gück erzielten sie durch eine Grätsche den Anschlusstreffer.
»Gott sei Dank steht es nur noch 2:1. Und das sollte den Katzen Mut geben.« rief Paul aufgeregt.
Es ging weiter hin und her. Mal gab es Chancen auf der einen, mal auf der anderen Seite.
»Achtzehnte Spielminute. Tor für die Katzen. Das ist der Ausgleich. Es ist unglaublich. Wer hätte das erwartet?«
Nach 45 Minuten war dann erstmal Halbzeitpause. Die Tiere versorgten sich mit Wasser und Futter. Für jeden standen Näpfe am Spielfeldrand bereit.

Weitere fünfzehn Minuten später betraten Hunde und Katzen wieder den Rasen. Die Hunde lachten ihre Gegner aus. »Wollt ihr wirklich noch gegen uns antreten? Habt ihr die Hosen immer noch nicht voll genug? Auch wenn es jetzt unentschieden steht, wir werden euch jetzt so richtig fertig machen.«
Die Katzen sahen an sich herab. »Wir haben gar keine Hosen, die wir voll haben könnten.«
Schildkröte Paul stellte sich wieder an den Rand des Spielfelds und informierte die Zuschauer über das aktuelle Geschehen.
»Das Spiel geht weiter. Der Schiedsrichter pfeift an. Aber was ist das?«
Paul sah nach oben und entdeckte dunkle, graue Wolken über sich, aus denen Tropfen auf seinen Kopf gefallen waren.
»Es beginnt zu regnen. Jetzt werden die Karten des Spiels also ganz neu gemischt. Der Rasen wird rutschiger und die Felle der Spieler nasser.«
Das Lachen der Hunde war mittlerweile verstummt. Die bemerkten, dass sie mit jeder Minute weniger Halt auf der Wiese hatten. Ihre klobigen Pfoten rutschten immer wieder weg. Die Hunde landeten mit ihren Schnauzen im Dreck.
Die Katzen kamen mit dem Wetter besser klar. Sie konnten sich mühelos in den feuchten Boden krallen und hatten den besseren Halt. Sie wurden immer selbstsicherer und erspielten sich immer mehr Möglichkeiten. Aber ein weiterer Treffer wollte nicht folgen. Er kurz vor Schluss kam es zu einer ganz großen Chance. Die Hunde verspielten einen Ball, den sich Kater Miro schnappte. Paul war begeistert und bekam sich nicht mehr ein.
»Miro hat den Ball. Aus dem Hintergrund müsste er schießen. Miro schießt. Toooor, Toooor, Toooor, Toooor! Tor für die Katzen. 3:2.«
Die Katzen mussten nur noch fünf Minuten durchhalten. Der Regen war auf ihrer Seite. Die Hunde schienen mittlerweile aufgegeben zu haben. Sie konnten mit ihren Gegnern nicht mehr mithalten. Und dann kam der Schlusspfiff.
»Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Die Katzen sind Tierheimmeister.«
Pauls Stimme überschlug sich. Die Katzen fielen sich in die Arme, während die Hunde erschöpft in die großen Pfützen des Rasens stürzten.

(c) 2014, Marco Wittler

236. Ein Beißer im Tierheim (Tierheimgeschichten 3)

Ein Beißer im Tierheim

»Es geht einfach nicht mehr. Wir kommen nicht mehr mit ihm zurecht.« sagte der Mann zur Tierheimchefin und drückte ihr schweren Herzens eine Leine in die Hand. Am anderen Ende der Leine saß ein großer Hund. Sein Maul steckte in einem Beißkorb. Seine Augen glühten wild.
»Wir haben Angst. Angst, dass er jemanden beißt, dass er vielleicht sogar uns beißt. Wir haben kleine Kinder, verstehen sie? Wir können ihn nicht mehr bei uns behalten.«
Er drehte sich um und verließ seufzend das Gelände. Die Tierheimchefin seufzte ebenfalls. Die Menschen machten es sich viel zu einfach. Zuerst war es ihnen zu viel Arbeit, die Tiere in einer Hundeschule ordentlich zu erziehen und dann schoben sie sie ins Tierheim ab, wenn sie mit ihnen nicht mehr fertig wurden. Es war immer die gleiche Geschichte.
»Dann suchen wir mal ein Plätzchen für dich.« Sie brachte ihn in das Hundehaus, öffnete einen Zwinger und und leitete den Hund hinein.
»Den Maulkorb brauchst du da drin aber nicht mehr. Mit so einem Ding würde ich mich auch nicht wohl wühlen.«
Sie nahm den Korb vorsichtig ab. Darauf schien der Hund aber nur gewartet zu haben. Ohne Vorwarnung flitzte er los, an ihr vorbei und nach draußen. Auf der Wiese bellte er so laut er konnte und jagte hinter den anderen Tieren her. Sabber tropfte aus seinen Mundwinkeln. Die Augen leuchteten böse.
»Der Beißer ist ausgebrochen. Fangt ihn ein und passt auf die anderen Tiere auf.« rief die Tierheimchefin verzweifelt ihren Mitarbeitern zu.
Aber da war es auch schon geschehen. Der Beißer stürmte in das Katzenhaus. Die Menschen hielten den Atem an. Was würde nun passieren?
»Sagt dem Tierarzt Bescheid. Es wird vielleicht verletzte geben.«
Die Chefin öffnete vorsichtig die Tür einen Spalt breit und warf einen Blick hinein. Es war aber weder etwas zu hören, noch zu sehen.
»Ich gehe jetzt hinein und versuche ihn nach draußen zu scheuchen. Wenn er kommt, fangt ihr ihn irgendwie ein.« Sie bewaffnete sich mit einem Besen und machte sich auf alles gefasst.
Es dauerte zwei Minuten. Zwei Minuten der Stille. Es war kein Geschrei der Katzen, kein Gebell des Beißers zu hören. Dann öffnete sich die Tür wieder. Die Chefin kam allein nach draußen. Ihr Gesicht zeigte völlige Verwirrung.
»Ihr werdet mir das nie glauben, wenn ich es euch erzähle. Das müsst ihr euch selbst ansehen.«
Die Menschen betraten leise das Katzenhaus. Dort wären ihnen fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Der Beißer lag auf dem Boden, alle vier Beine von sich gestreckt und seufzte immer wieder wohlig vor sich hin. Auf seinem Rücken lagen drei Katzenkinder und kuschelten sich in sein weiches Fell.
»Dem hat einfach die Liebe gefehlt.«
Von diesem Tag an, gab es keinen Beißer mehr. Der Kuschelkönig, wie sie ihn von nun an nannten, war der liebste Hund im Tierheim und der Beschützer des Katzenrudels.

(c) 2014, Marco Wittler

234. Feuer im Tierheim (Tierheimgeschichten 1)

Feuer im Tierheim

Feierabend.
In der letzten Stunde hatten sich die Menschen um das Abendessen der vielen Bewohner des Tierheims gekümmert. In unzähligen Näpfen lag nun das Futter, Trinkschalen waren ausgewaschen um mit frischem Wasser befüllt worden.
»Schlaft gut und träumt schön.« rief Klaus noch einmal in jedes Gehege. »Und bleibt nicht wieder so lange wach. Ich werde euch wie immer ganz früh aus den Federn werfen.«
Dann machte er sich auf den Weg nach Hause zu seiner Familie.
Nun war es still. Das heißt, es waren keine Menschenstimmen mehr zu hören. Aber das Bellen, das Miauen, Zwitschern, Brummen und Fiepen wurde nicht leiser. Im Gegenteil. Jetzt waren die Tiere endlich unter sich. Die Tierkinder tollten gemeinsam durch die Gehege, die Älteren unterhielten sich über die Ereignisse des Tages und die ganz Alten tauschten sich über ihre Wehwehchen aus.
Alles in dieser Nacht hätte so schön sein können, wenn es da nicht diesen lauten Knall kurz vor dem Aufstehen gegeben hätte.
»Was war das?« fuhren die Katzen vor Schreck in sich zusammen.
Irgendwo über ihren Köpfen war etwas geschehen, dass ihnen Angst machte. Sie sahen aus dem Fenster.
»Das war kein Donnerschlag. Es ist ein schöner Tag. Da sind nicht mal Wolken am Himmel. Es kann kein Gewitter gewesen sein.« murmelte die alte Katzendame Thelma vor sich hin.
Ein paar Augenblicke später begann es zu stinken. Dünne Rauchschwaden drückten sich unter den Türen hindurch. Mit jeder Minute wurde es schlimmer.
»Feuer! Es brennt!« rief Thelma aufgeregt.
Sofort entstand Panik im Katzenhaus. Alle schrien und liefen durcheinander, wussten nicht, was sie machen sollten.
»Beruhigt euch wieder.« versuchte Thelma Ordnung in ihr Katzenrudel zu bringen. »Ihr habt doch den Menschen bei der letzten Feuerschutzübung zugeschaut. Wir machen das alles, so wie wir es oft genug heimlich geübt haben.«
Aber das war leichter gesagt, als getan. Eine Übung war halt nur eine Übung. Keine der Katzen hätte jemals damit gerechnet, dass man in diesem dichten Qualm so schlecht sehen und atmen konnte.
Thelma dachte kurz und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was nun wichtig war. Dann drehte sie sich zu drei älteren Katern um.
»Ihr kümmert euch um den Nachwuchs. Die Kleinen müssen als erstes gerettet werden. Die Katzendamen sollen eine Reihe bilden, sich an den Schwänzen halten und in einer langen Kette nach draußen gehen. Wenn alle vorbereitet sind, geht es los. Erst dann dürft ihr die Ausgangstür öffnen. Wenn jemand von euch die Nerven verliert und zu früh nach draußen stürmt, kommt zu viel Rauch rein und wir werden alle ersticken.«
Sie nickten und befolgten die Anweisung so schnell es ging. Thelma kletterte an eines der Fenster und rief nach den Grashüpfern auf der nahen Wiese. Die kleinen Insekten ließen nicht lange auf sich warten.
»Hier drin brennt es.« berichtete Thelma schnell. »Wenn wir Pech haben, breitet sich das Feuer auch noch auf die anderen Gebäude aus. Sagt den anderen Tieren Bescheid, dass sie sich in Sicherheit bringen. Die Hütehunde sollen für Ordnung sorgen, damit kein Durcheinander entsteht. Es soll niemand verletzt werden.«
Sofort machten sich die Grashüpfer auf den Weg, um die Nachricht an alle Gehege und Ställe zu verteilen. Nun war es auch an Thelma, sich zu retten, denn inzwischen war das Katzenhaus so stark verqualmt, dass man kaum noch die Pfoten vor den Augen sehen konnte. Die anderen Katzen hatten also die Tür geöffnet und sich in Sicherheit gebracht.
Der Weg nach draußen war kaum noch zu bewältigen. Der Rauch kratzte im Hals. Thelma konnte nicht mehr richtig atmen. Jeder einzelne Schritt wurde zur Qual. Die letzten Meter konnte sie nur noch kriechen. Auf der Türschwelle griffen ihr zwei Starke Kater unter die Beine und brachten sie auf die Wiese.
»Ist jemandem was passiert?« fragte Thelma besorgt, sah sich sofort unter den anderen Katzen und zählte sie durch.
»Sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, acht- … Moment. Da fehlt jemand.«
Noch einmal sah sie in die Gesichter des Rudels. »Wo ist Lilli? Lilli ist nicht da. Hat einer von euch Lilli gesehen?«
Sofort waren sie wieder alle aufgeregt. »Wir müssen sie übersehen haben. Sie ist bestimmt noch im Haus.«
Thelma sammelte noch einmal die letzten Reste ihrer Kräfte, richtete sich auf und schleppte sich zurück zum Katzenhaus. »Ich werde sie suchen und da raus holen.«
»Das kannst du nicht machen.« stellten sich ihr die Kater in den Weg. »Da kann keiner mehr rein. Das ist einfach zu gefährlich. Du wirst ersticken oder verbrennen.«
Thelma schüttelte den Kopf und stieß die Kater zur Seite. »Heute wird niemand verbrennen. Wir lassen niemanden im Feuer zurück.« Dann verschwand sie in den dichten Rauchschwaden.
Der Qualm war überall. Man konnte keinen Zentimeter weit sehen. Thelma versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Sie tastete sich an der Wand entlang, durchsuchte die einzelnen Schlafplätze, bis sie mit den Vorderpfoten gegen etwas Weiches stießen. Vorsichtig tastete sie danach. Es war ein Katzenkind. Das musste einfach Lilli sein.
Sie packte zu und schleppte das schlappe Fellbündel zum Ausgang. »Wir schaffen das. Wir beide kommen hier heile raus. Das verspreche ich dir.« keuchte sie leise.
Thelma kam bis zur Türschwelle. Dann brach sie zusammen. Ihr Kopf landete gerade eben in den weichen Grashalmen der Wiese.
»Hier sind noch zwei.« rief eine Menschenstimme.
Die beiden Katzen wurden sanft von zwei starken Händen ergriffen und aufgehoben.
»Die müssen sofort in die Tierklinik gebracht werden. Sie haben Rauchvergiftungen.«
Die Feuerwehr war inzwischen aufgetaucht. Aus langen Schläuchen spritzte Wasser auf das brennende Dach.
Mit ihrer letzten Kraft öffnete Thelma noch einmal ihre Augen. Zufrieden sah sie, dass Lilli sich bewegte. Sie hatte es also geschafft, das Katzenkind zu retten.
»Jetzt ist alles wieder gut.« murmelte sie glücklich, bevor sie langsam einschlief.

(c) 2014, Marco Wittler

231. Katzen und Spatzen

Katzen und Spatzen

Piep saß mit seinen Freunden auf einem großen Platz mitten in der Stadt. Sie fraßen kleine Brotkrümel, die eine alte Frau auf den Boden geworfen hatte.
Moment mal. Jetzt fragst du dich bestimmt, wer so etwas macht. Dann will ich es dir erzählen.
Piep und seine Freunde waren kleine Spatzen. Sie flogen den ganzen Tag hin und her, rauf und runter. Zwischendurch fraßen sie dann, was sie bekommen konnten. Dieses Mal waren es Brotkrümel. Sie schmeckten richtig lecker und machten ordentlich satt.
Plötzlich  hörten sie von hinten ein Geräusch. Irgendwer schlich sich zur Futterstelle. Zuerst dachte Piep, es wäre wohl noch ein hungriger Vogel. Doch als er sich umsah, blickte er direkt in die Augen einer großen schwarzen Katze.
Da  sie nun entdeckt war, fauchte sie laut, duckte sich kurz und sprang dann in die Vogelgruppe hinein. Ganz wild schlug sie mit ihren Pfoten um sich. Aber ihre Krallen konnten keinen einzigen Vogel einfangen. Die Spatzen waren davon geflogen.
»Das war aber knapp.«, stöhnte Piep.
»Fast hätte uns dieser gefräßige Kater zum Mittag verspeist.«
Nach ein paar Minuten wurde es der Katze zu langweilig. Sie trottete fort und verschwand in einem großen Busch.
Da dauerte es auch nicht lange, bis sich die Spatzen wieder an die Brotkrümel trauten. Nach und nach flogen sie vom sicheren Baumast auf den Boden.
Nur leider hatten sie nicht an die gemeinen Tricks der listigen Katze gedacht. Kaum waren die Vögel mit Fressen beschäftigt, sprang sie aus dem Busch hervor. Doch auch dieses Mal hatte sie kein Glück.
»Wie sollen wir denn satt werden, wenn uns dieser gemeine Kater ständig stört?«, beschwerte sich einer der Spatzen.
»Ich glaube, ich habe einen Plan.«, sagte Piep schließlich.
Er flüsterte seinen Freunden etwas zu und flog dann direkt auf die Katze zu. Er landete auf ihrem Schwanz und hielt sich daran mit seinen Krallen fest.
Die Katze erschrak. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie sah sich um und erblickte den kleinen Vogel. Sie wollte ihn fangen, doch egal, wie oft sie sich im Kreis drehte, ihr Schwanz tat es auch.
»Los, macht schon.«, rief Piep.
»Ich habe den Kater fest im Griff.«
Das ließen sich seine Freunde natürlich nicht zweimal sagen. Sie flogen zum Boden herab, sammelten alle Brotkrümel ein und verschwanden mit ihnen.
Als kein Futter mehr auf dem Boden lag, ließ Piep von der Katze ab und flog ebenfalls in den nahen Baum hinein. Auf einem der dickeren Äste warteten schon seine Freunde auf ihn.
»Das hat ja prima geklappt.«, lobten ihn die anderen.
»Du bist ein richtiger Held.«
Das hörte Piep nur zu gern. Und während er sich einen Brotkrümel schnappte und diesen mit seinem Schnabel zerkaute, sah er noch ein letztes Mal zur Katze hinab, die sich nun schwarz und lila ärgerte.

(c) 2009, Marco Wittler