564. Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Der dicke Bauch des Weihnachtsmanns

Arne saß mit seiner Freundin Amelie in seinem Zimmer. Gemeinsam sahen sie sich gerade ein Buch mit Weihnachtsbildern an. Auf einem davon war der Weihnachtsmann abgebildet.
Amelie kicherte. »Der hat aber einen dicken Bauch.«
Sie zeigte mit dem Finger auf den Bauch und lachte. »Der ist ja noch dicker als mein Opa.«
Arne lachte auch. »So einen dicken Mann habe ich noch nie gesehen.«
Er kam auf eine Idee. Arne stand auf, nahm das Buch unter den Arm und Amelie an die Hand. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer.
»Papa!«, stürmte er los und legte sein Buch auf den Tisch. »Warum ist der Weihnachtsmann so dick?«
Papa sah auf das Bild und blickte dann Mama fragend an, die sich gerade um die kleine Schwester Anna kümmerte.
»Das weiß ich leider nicht. Aber dem Papa fällt bestimmt die richtige Antwort noch ein.«
Sie grinste.
Papa bekam einen roten Kopf. Die richtige Antwort? Woher sollte er die nur nehmen?
Schnell griff er nach dem Buch, blätterte ein paar Seiten vor, ein paar zurück, bis er wieder den Weihnachtsmann vor sich sah.
»Also gut. Warum ist der Weihnachtsmann so dick? Schauen wir mal, was hier alles steht.«
Papa glitt mit dem Zeigefinger an ein paar Buchstaben entlang und las.
»Ah! Hier ist auch schon die Antwort.«
Arne und Amelie setzten sich mit an den Tisch, stützten ihre Köpfe mit den Händen auf hörten gespannt zu. Selbst Anna schien zu gefallen, was Papa zu erzählen hatte.

Der Weihnachtsmann war einmal ein großer, schlanker und sportlicher Mann. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit füllte er seinen großen Sack mit Geschenken, legte sich diesen über die Schulter und machte sich zu Fuß auf den Weg zu den Menschenkindern, um ihnen eine Freude zu machen.
Er kletterte an Dachrinnen hinauf auf die Dächer und rutschte durch die Kamine in die Wohnzimmer. Unter jeden Christbaum legte er Geschenke, die er in den Sommermonaten wohl überlegt ausgesucht hatte. Dann ging es weiter zum nächsten Haus.
Der Weihnachtsmann war wirklich sehr sportlich. Er schaffte den Weg zu allen Kindern in nur einer Nacht, so schnell war er zu Fuß.
Doch eines Tages, an einem schon lange zurück liegenden Weihnachtsfest, bekam er großen Hunger.
»Nanu, was ist denn jetzt los?«, wunderte er sich. »Ich habe noch nie Hunger verspürt, wenn ich Geschenke verteilt habe.«
Er dachte kurz nach. Dann fiel ihm ein, dass er sein Abendessen vergessen hatte. Nun war es dafür zu spät.
»Ich muss etwas zu Essen finden, sonst schaffe ich nicht den ganzen Weg.«
Der Weihnachtsmann sah sich um, wo er sich gerade befand, nämlich mitten in einem Wohnzimmer.
»Schau an, schau an. Was haben wir denn da?«
Auf einem Tisch stand eine Schale mit frisch gebackenen Keksen. Ihr Duft lockten den Weihnachtsmann magisch an.
»Wenn ich mich nicht täusche, sind das Weihnachtskekse. Vielleicht sollte ich sie einmal probieren.«
Der Weihnachtsmann hatte noch nie Kekse gegessen. Am Nordpol gab es keinen Laden, wo man sie kaufen konnte. Zum selber backen fehlte ihm die Zeit.
Er stopfte sich einen Keks in den Mund und kaute darauf herum.
»Mmh, ist das lecker«.
Er nahm einen zweiten Keks, dann noch einen, bis schließlich die Schale leer war.
»Wie?« Keine Kekse mehr da? Schade. Na gut, dann mache ich mich wieder auf meinen Weg.«
Der Weihnachtsmann lief zum nächsten Haus und kletterte dort ins Wohnzimmer. Auch hier fand er eine Schale mit Keksen.
»Glück gehabt. Ich kann weiter naschen.«
So ging es dann in jedem Haus. Der Weihnachtsmann brachte Geschenke und nahm sich dafür Kekse.
Als er einige Stunden später wieder auf dem Heimweg war, fiel ihm das Laufen schwer. Nur mit größter Mühe konnte er sich zum Nordpol schleppen.
»Was ist denn nur mit mir los?«, wunderte er sich.
»So schwer ist mir das Laufen noch nie gefallen. Ich bin doch ein guter Sportler.«
Er legte den leeren Geschenkesack zur Seite und sah zu seinen Füßen hinab. Er versuchte es jedenfalls. Denn die Füße waren nicht mehr zu sehen. Sie waren unter einem dicken Bauch versteckt.
»Oh nein. Was ist passiert? Ich bin plötzlich ganz dick geworden. Wie konnte das nur geschehen?«
Dem Weihnachtsmann fielen wieder die vielen Schalen voller Kekse ein, die ihm so gut geschmeckt hatten. Er seufzte laut und schlich sich nach Hause.
»Jetzt muss ich mir etwas Neues überlegen, wie ich im nächsten Jahr meine Geschenke an die Kinder auf der ganzen Welt verteilen kann. Ich glaube, ich sollte mir einen Rentierschlitten anschaffen.«

Arne, Amelie und Anna sahen Papa mit großen Augen an.
»Und das ist wirklich so passiert?«, fragte Arne zur Sicherheit.
»Ganz bestimmt.«, antwortete Papa. »Das steht sogar hier im Buch.«
Arne nahm ihm das Buch aus der Hand und sah sich die Buchstaben an.
»Schade, dass ich noch nicht lesen kann. Aber wenn du sagst, dass es hier steht, dann wird das auch richtig sein.«
Er nahm Amelie wieder an der Hand und ging mit ihr zurück in sein Kinderzimmer.

(c) 2016, Marco Wittler

548. Engelshaar oder „Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?“ (Papa erklärt die Welt 41)

Engelshaar
oder »Papa, warum hängen die Engel Lametta an den Weihnachtsbaum?«

Papa und Sofie standen zusammen im Wohnzimmer und bereiteten gemeinsam das Weihnachtsfest vor. Der Christbaum stand bereits an seinem Platz und an seinen Ästen glänzten die bunten Glaskugeln in allen Farben des Regenbogens. Dazwischen hingen Strohsterne, gehäkelte Engelchen, glitzernde Eicheln und Tannenzapfen. Eine lange Lichterkette mit kleinen Leuchten und ein großer Stern auf der Baumspitze rundeten den Baumschmuck ab.
Sofie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete voller Stolz den Weihnachtsbaum. Doch dann zog sie die Stirn in Falten.
»Irgendwas fehlt da noch. Mir fällt nur nicht ein, was es sein könnte.«
Sie dachte nach, machte abwechselnd Schritte nach links und rechts. Und dann hatte sie es.
»Jetzt weiß ich es wieder. Da muss noch Lametta an den Ästen hängen, sonst ist der Baum nicht perfekt.«
Sie sah sich um, kramte durch die vielen Pappkartons, die Papa im Wohnzimmer verteilt hatte. Lametta war in ihnen aber nicht zu finden.
»Weißt  du vielleicht, wo das Lametta geblieben ist? Ich will es noch aufhängen.«
»Lametta?«, fragte Papa verwirrt. »Das kommt heute Nacht an den Baum. Das ist nämlich nicht unsere Aufgabe.«
»Nicht?«
Sofie stemmte die Hände in die Seiten.
»Wessen Aufgabe ist es denn dann?«
»Dafür sorgen heute Nacht die Engel. Wenn wir schlafen kommen sie in unser Haus, schleichen sich ins Wohnzimmer und hängen das Lametta an den Baum.«
Sofie stand für einen kurzen Augenblick vor Staunen der Mund auf. Doch dann grinste sie.
»Ja klar. Fast hätte ich dir das sogar geglaubt. Aber du erzählst mir so oft Blödsinn, dass das mit dem Lametta auch nicht wahr sein wird.«
Papa schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist wirklich wahr. Die Engel sind für das Lametta zuständig. Das ist schon sehr lange ihre Aufgabe.«
»Aha. Und warum hängen die Engel Lametta an unseren Weihnachtsbaum?«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Weihnachtsgeschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Engeln und einem großen Berg Lametta. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte nun wieder über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Weihnachtsgeschichte.«
»Und wie fängt eine Weihnachtsgeschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal zur Weihnachtszeit‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal zur Weihnachtszeit …«

Es war einmal zur Weihnachtszeit, dass sich die Engel auf ihren Wolken im Himmel langweilten. Den ganzen Tag saßen sie dort, spielten auf ihren Harfen oder sahen den Menschen auf der Erde zu.
»Es ist so langweilig hier über den Wolken.«, beschwerten sie sich immer wieder. »Jeden Tag machen wir die gleichen Sachen. wir spielen Lieder auf unseren Harfen und schauen den Menschen auf der Erde zu. Wenn wir doch bloß mehr Abwechslung hätten.«
Die einzige Abwechslung, die sich die Engel von Zeit zu gönnten, war ein Besuch beim Friseur, um sich die Spitzen schneiden zu lassen. Doch damit konnte man keinen ganzen Tag verbringen.
Irgendwann saß einer der Engel im Friseurstuhl auf Wolke 17, blickte in den Spiegel und betrachtete seine wallende Frisur. Lange, blonde, gewellte Haare umspielten ein gelangweiltes Gesicht.
»Ich bin es einfach so leid.«, beschwerte sich der Engel seufzend. Ich möchte endlich einmal etwas Neues probieren, einmal etwas erleben.«
Der Engel drehte sich zum Frisör um und grinste.
»Na los. Nimm die grösste Schere, die du hast und schneid mir die Haare ab. Ich will eine neue Frisur.«
Der Friseur machte große, ungläubige Augen. Ein Engel mit kurzen Haaren? Das hatte er noch nie erlebt. Deswegen musste er auch etwas länger nach einer großen Schere suchen. Mit zitternden Händen band er die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und setzte sein Werkzeug an. Dann schloss er die Augen und schnitt die blonde Mähne entzwei.
Der Zopf fiel zu Boden und verschwand augenblicklich in der weichen Wolke.
»Nanu, wo sind meine Haare?«, wunderte sich der Engel, stand aus dem Stuhl auf und legte sich auf den Boden. Mit den Gänden zerteilte er die Wolke und sah dem fallenden Zopf nach.
»Wie schön sich die Haare im Wind bewegen.«, schwärmten Engel und Friseur gemeinsam, bis die Blonde Pracht auf einem verschneiten Tannenbaum im Garten einer Familie landete und an den Ästen hängen blieb. Dort glitzerten sie im Mondlicht und sandten ein traumhaftes Glitzern durch die nahen Hausfenster.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis neugierige Blicke das Glitzern entdeckten. Die Familie kam in den Garten und betrachtete das Haar am Baum.
»Wie schön es glänzt und glitzert.«, freuten sich die Kinder. »Können wir es mit rein nehmen und damit unseren Weihnachtsbaum schmücken?«
Sie durften. Der Vater pflückte das gefundene Haar vorsichtig vom Baum und gab es seinen Kindern, die es begeistert ins Haus brachten.
Der Engel im Himmel war hoch erfreut. Mit so einem tollen Erlebnis hatte er niemals gerechnet. Sofort flitzte er durch den Himmel, sauste von einer Wolke zur nächsten und berichtete von seinem tollen Friseurberuf.
Sofort wurden die anderen engel von dieser Freude angesteckt. jeder von ihnen wollte sich sofort die Haare schneiden lassen, damit die Menschen ein noch schöneres und glanzvolleres Weihnachtsfest feiern konnten.

Ein weiteres Mal stand Sofie der Mund auf, während Papa seine Geschichte beendete.
»So entstand das Lametta. Es ist echtes Engelshaar. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gehen sie zum Friseur, lassen sich die Haare schneiden und verteilen sie auf den Christbäumen.«
Sofie staunte noch immer. Doch nach ein paar Sekunden begann sie zu grinsen.
»Das war eine tolle Geschichte.«
Sie drückte Papa an sich.
»Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Dann nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her.

(c) 2016, Marco Wittler
»Und jetzt bringe ich dich in dein Bett, damit die Engel in Ruhe ihr Haar an unseren Tannenbaum hängen können.

529. Die Weihnachtsbäckerei oder „Papa, warum leuchten die Wolken rot?“ (Papa erklärt die Welt 40)

Die Weihnachtsbäckerei
oder ‚Papa, warum leuchten die Wolken rot?‘

Papa und Sofie waren in der Stadt unterwegs. Sie hatten sich zu Hause eine lange Liste gemacht, wer welches Weihnachtsgeschenk bekommen sollte. Einen Teil davon hatte sie bereits gefunden und gekauft.
Mittlerweile war es aber schon später Nachmittag und die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden. Es wurde dunkel und die Wolken färbten sich rot.
»Ui, das sieht wunderschön aus.«, schwärmte Sofie und zeigte mit dem Finger zum Himmel hinauf.
»Los. Du musst dir das unbedingt anschauen.«
Papa blickte nach oben.
»Oh ja. Das schaut toll aus. So sieht der Himmel nur vor Weihnachten aus.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck. Papa wusste sofort, was das bedeutete.
»Papa, warum leuchten die Wolken rot?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom roten Himmel. Und die werde ich dir jetzt bei einer heißen Tasse Schokolade erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht, während Papa sie an die Hand nahm und mit in ein warmes Café nahm.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Gruppe fleißiger Engel, die im Himmel damit beschäftigt war, die Weihnachtsplätzchen für die vielen Menschenkinder zu backen.
Es war kurz vor Weihnachten und in einer der vielen  Weihnachtsbäckereien, die auf einer großen Wolke stand, lief die Arbeit auf Hochtouren. Auf der einen Seite der Bäckerei brachten einige Engel Mehl, Zucker, Nüsse, Schokolade und andere Zutaten herein. Im Gebäude selbst glühten die Öfen und spuckten tonnenweise frisch duftende Kekse aus. Auf der Rückseite wurden die Kekse in kleine Päckchen geschnürt und dann zur Erde gebracht.
Und dann waren da noch die drei kleinen Engel. Sie standen direkt vor den Öfen. Ihre Aufgabe war es, darauf zu achten, dass die Plätzchen nicht anbrannten.
Immer wieder machten sie die Türen der Öfen auf und wieder zu. Immer wieder schlug ihnen die starke Hitze entgegen. Die ganze Zeit schwitzten sie. Ständig mussten sie sich die Gesichter abwischen.
»Puh, dass es hier aber auch so heiß sein muss.«, waren sie verzweifelt.
Ein Fenster konnten sie auch nicht öffnen, denn im Backraum gab es keine. Es blieb ihnen nur die Möglichkeit, sich gegenseitig mit ein paar alten Zeitungen Luft zuzuwedeln. Doch auch das brachte nicht wirklich viel.
»Da muss es doch noch eine andere Lösung geben.«, überlegten sie und fanden auch schnell eine Anwort.
»Wir bauen die Öfen ab und stellen sie nach draußen. Dann haben wir immer frische Luft, die uns sanft um die Nasen weht.«
Das fanden die kleinen Engel gut. In der Nacht schlichen sie sich in die Bäckerei und setzten ihren Plan in die Tat um. Schon am nächsten Morgen standen die Öfen draußen auf der Wolke.
Am nächsten Morgen kamen dann auch die großen Engel zur Arbeit. Sie entdeckten sofort die Öfen und waren ganz schön sauer. Aber ändern ließ sich nun nichts mehr. Die Öfen waren für den restlichen Abend viel zu heiß, um in die Bäckerei getragen zu werden.
»Morgen bringt ihr sie wieder zurück an ihren Platz.«, wurde den kleinen Engeln aufgetragen, die nur widerwillig nickten.
Als es dann langsam dunkel wurde, konnte man das das rote Leuchten der heißen Öfen im ganzen Himmel sehen. Die weißen Wolken färbten sich rot und tauchten die Erde unter sich in ein warmes, freundliches Licht.
»Wahnsinn, wie schön das aussieht.«, waren nun kleine wie große Engel begeistert. »Wir sollten die Öfen unbedingt draußen stehen lassen und von nun an immer hier backen.«
Diese Idee sprach sich natürlich auch auf den anderen Wolken herum. Schon wenige Tage später stand kein einziger Ofen mehr in einer Weihnachtsbäckerei, sondern alle draußen.

»Und seitdem leuchtet der Himmel vor Weihnachten so rot?«, fragte Sofie erstaunt.
Papa nickte und grinste. »War doch eine tolle Idee von den drei kleinen Engel, meinst du nicht auch?«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Auf jeden Fall. Und wenn ich den roten Himmel sehe, weiß ich, dass es zu Weihnachten genug Plätzchen für mich geben wird.«
Papa lachte und bezahlte die Rechnung. Als die beiden wieder draußen standen zog Sofie an seiner Jacke.
»Das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Und dann hüpfte sie den Gehweg entlang und sang das Lied ‚In der Weihnachtsbäckerei‘.

(c) 2015, Marco Wittler

528. Der einsame Mond oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?‘ (Papa erklärt die Welt 39)

Der einsame Mond
oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?

Ein paar Tage vor Weihnachten stellte Papa den großen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer auf. Gemeinsam mit seiner Tochter Sofie schmückte er ihn von oben bis unten mit bunten Kugeln, glitzerndem Lametta, süßen Holzfiguren, vielen Lämpchen und kleinen Sternen.
»Wow.«, bewunderte Sofie den Baum. »Er sieht wundervoll aus. So schön hat unser Weihnachtsbaum noch nie ausgesehen.«
»War doch eine gute Idee von mir, dieses Jahr noch ein paar Sterne zu kaufen.«, war Papa mit sich selbst zufrieden.
»Da hast du Recht.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck.
»Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von kleinen Weihnachtssternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal zum Weihnachtsfeste, dass der Mond im dunklen, schwarzen Himmel aufging und die Menschen auf der Erde beobachtete, wie sie sich um einen großen, bunt geschmückten Baum versammelten, sich gegenseitig Geschenke machten und den Abend mit ihren Liebsten verbrachten.
»Ach, ist das schön.«, war der Mond begeistert. »Wie gerne würde ich auch einmal Weihnachten feiern. Stattdessen hänge ich hier oben am Himmel und bin ganz allein und einsam.«
Er schniefte leise vor sich hin und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
»Zum Glück kann ich wenigstens den Menschen zuschauen und mir vorstellen, selbst dabei zu sein.«
Während der nächsten Stunden zog er über die Erde hinweg und sah in unzählige Häuser. Überall wurde gefeiert und niemand war allein. Kurz bevor der Mond am frühen Morgen unterging seufzte er noch ein letztes Mal und verschwand anschließend in seinem Bett.
In diesem Moment ging die Sonne hinter dem Horizont auf. Sie hatte gehört, dass der Mond traurig war und dass er sich einsam fühlte.
»Der arme Mond. Er tut mir so leid. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm eine Freude machen könnte. Aber mir fällt nichts ein.«
Auch die Sonne zog nun über den Himmel hinweg. Ihr ging es dabei viel besser, denn die Erde war in ihr warmes Sonnenlicht getaucht. Ihre Sonnenstrahlen spiegelten sich im Schnee des Winters und ließen die ganze Welt glitzern.
»Wie schön es da unten ist. Die Menschen sind wirklich zu beneiden.«
Und da fiel der Sonne plötzlich etwas ein.
»So etwas Wundervolles würde dem Mond bestimmt auch gefallen. Wenn der Himmel um ihm herum so glitzern würde wie der Schnee, dann würde er sich bestimmt nicht mehr so einsam fühlen.«
Dann nahm sie ein paar ihrer Sonnenstrahlen und zerbrach sie vorsichtig in unzählige kleine Stücke, die sie über den ganzen Himmel verteilte.
»Und das ihr mir schön artig zum Mond seid.«, sagte sie zu den kleinen Lichtstücken. »Er ist ein sehr netter Kerl und verdient nur das Beste.«
Am Abend verschwand die Sonne wieder hinter dem Horizont. Aber sie legte sich nicht ins Bett, sondern beobachtete heimlich den Himmel.
Ein paar Minuten später ging der Mond auf und kletterte langsam am Himmel hinauf.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert?«
Er sah sich begeistert um. Egal in welche Richtung er sah, überall waren kleine, helle Lichter, die wie winzige Diamanten glitzerten.
»Wer seid ihr denn? Wo kommt ihr her?«
Eines der kleinen Lichter kam näher und lächelte freundlich.
»Wir sind Sterne. Die Sonne hat uns gemacht, um dir zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Wir werden dir von nun an Gesellschaft leisten, damit du dich nie wieder einsam fühlen musst.«
Der Mond wurde rot im Gesicht, so dankbar war er. Nun wusste er, wie schön es war, wenn jemand an Weihnachten an jemand anderes dachte.
»Vielen Dank, liebe Sonne. Du bist wirklich eine sehr, sehr liebe und gute Freundin.«
Und dann zog der Mond die Nacht über durch den Himmel und begrüßte jeden Stern einzeln und gab jedem einen Namen.

»Und so sind die Sterne entstanden?«, fragte Sofie.
Papa nickte grinsend, deckte seine kleine Tochter zu.
»Und deswegen hängen wir sie jedes Jahr an unseren Weihnachtsbaum?«
»Ganz genau. Weil die ersten Sterne zum Weihnachtsfest am Himmel erschienen sind. Und nun schlaf gut, meine kleine Prinzessin.«
Sofie grinste, als Papa das Licht ausschaltete.
»Das war eine tolle Weihnachtsgeschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«

(c) 2015, Marco Wittler

519. Teddys für alle oder „Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?“ (Papa erklärt die Welt 38)

Teddys für alle
oder »Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?«

Sofie und Papa gingen an einem schönen Sonntag Nachmittag gemeinsam am nahen Fluss spazieren. Am Ufer wuchsen schöne Blumen und dichte Büsche in denen sich viele kleine Insekten tummelten und Nektar schlürften. Hier und da schnupperte Sofie begeistert an den Blüten und erfreute sich an den herrlichen Düften.
»Schau mal, Papa. Die Blume ist aber besonders groß.«
Sofort lief sie den Weg entlang und wollte sich die große Pflanze zum riechen herunter ziehen, als Papa sie bremste.
»Bleib stehen! Fass sie bloß nicht an. Die ist gefährlich.«
Sofie blieb tatsächlich stehen und drehte sich um. »Das ist doch nur eine Blume. Die kann doch nicht gefährlich sein. Sie wird mich bestimmt nicht auffressen oder in den Fluss werfen.«
Papa grinste. »Das vielleicht nicht. Aber wenn man sie berührt, bekommt man ganz schlimme Verbrennungen.«
Sofie verdrehte die Augen. »Das glaube ich dir nicht. Ich sehe hier gar kein Feuer und heiß ist die Blume auch nicht. Das kann doch gar nicht funktionieren.«
Papa setzte sich auf eine Bank. Seine Tochter setzte sich dazu.
»Wenn man den Saft dieser Pflanze auf die Haut bekommt und dann die Sonne darauf scheint, dann ist das so, als wenn man brennen würde. Das ist sehr, sehr gefährlich.«
Sofie bekam große Augen, denn beinahe wäre ihr das passiert.
»Das ist aber eine richtig böse Pflanze. Warum tut die das?«
»Das macht der Riesenbärenklau, so heißt sie, um sich zu schützen.«
»Riesenbärenklau?« fragte Sofie überrascht. »Warum heißt die Blume Riesenbärenklau?«
Sie dachte ein paar Sekunden nach, bevor sie die nächste Frage stellte.
»Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Farbe der Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine alte Frau, die den ganzen Tag in ihrer Puppenstube saß und kleine Puppen herstellte. Sie machte ihre Arbeit gut, denn ihre Puppen waren die schönsten in der ganzen Stadt. Ihr ganzes Leben hatte sie nichts anderes gemacht. Mit ihren Puppen hatte sie ohne Ausnahme alle Kinderaugen der Stadt glücklich gemacht. Irgendwann gab es in jedem Haus so viele Puppen, dass niemand mehr welche kaufen wollte. Also überlegte die alte Frau recht lange nach, womit sie in Zukunft den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte.
Wochenlang schloss sie sich in ihrer Puppenstube ein und probierte vieles aus. Sie erfand kleine Holzfiguren, baute Schiffchen, entwarf große Papierdrachen und mehr. Aber nichts von allem gefiel ihr.
An einem frühen Abend, kurz vor Sonnenuntergang machte sie einen Spaziergang im nahem Wald. Kurz bevor es zu dunkel wurde, hörte sie plötzlich ein Geräusch. Zwischen den dicken Bäumen entdeckte sie einen großen, braunen Bären, der auf der Suche nach Futter war. Die alte Frau hielt den Atem an und versteckte sich ängstlich, bis der Bär verschwunden war. Dann machte sie sich eilig auf den Weg nach Hause.
In der Nacht hatte sie plötzlich eine Idee.
»Ich werde kleine Bären zum Kuscheln nähen. Das wird den Kindern bestimmt gefallen.«
Sofort machte sie sich an die Arbeit, bis am nächsten Morgen ein fertiger Kuschelbär in ihrem Schaufenster stand.

Nicht nur die Kinder der Stadt, sondern auch ihre Eltern drückten sich wenig später ihre Nasen am Fenster platt. Der kleine Bär dahinter zog sie magisch an. Jeder wollte einen haben. Das Problem war, dass es nur einen gab.
Die alte Frau hatte tatsächlich etwas gefunden, was sie nun jeden Tag herstellen konnte.
Tag für Tag landeten neue Bären in ihrem Laden, die aber nur wenige Augenblicke dort blieben. Sie wurden sofort begeistert gekauft. Sie verkauften sich sogar besser als die Puppen zuvor.

Nach ein paar Tagen kamen ein paar weinende Kinder in die Puppenstube. Ihre Bären waren spurlos verschwunden.
Von nun an verschwanden jede Nacht mehr Kuschelbären. Irgendwer brach in die Häuser ein, schnappte sie und verschwand ungesehen in der Dunkelheit.
Das ärgerte die alte Frau so sehr, dass sie eines Abends mehrere Bären vor die Eingangstür der Puppenstube ablegte und sich dann in einer dunklen Ecke versteckte.
Irgendwann ging die Sonne unter, der Mond ging auf und die Sterne begannen am Himmel zu funkeln. Die Menschen der Stadt gingen schlafen und die Kinder hatten Angst um ihre Kuschelbären.
Irgendwann in der tiefen Nacht näherte sich ein großer, kaum sichtbarer Schatten der Puppenstube. Er war nicht nur groß, er war riesig. Die alte Frau hielt erschrocken den Atem an und beobachtete, wie die Kuschelbären ergriffen und entführt wurden. Dann verschwand der Schatten wieder in der Dunkelheit.
Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, folgte sie dem Bärendieb. Er bewegte sich sehr schnell mit großen Schritten durch den Wald, bis er bei Sonnenaufgang an einem Flussufer halt machte und die Bären hinter einer großen Pflanze versteckte und sich dann in eine Höhle zurückzog.
Die Frau sah vorsichtig hinter die Pflanze und entdeckte einen großen Haufen ihrer Bären.
»Das glaube ich einfach nicht. Hier sind sie alle.«
Sie wollte gerade den Fund aus dem Versteck holen, als eine große Hand sie festhielt.
»Bleib stehen! Fass sie bloß nicht an. Die ist gefährlich.«
Die alte Frau drehte sich erschrocken um und blickte in das Gesicht eines Riesen. Sofort geriet sie in Panik und begann zu schreien.
»Ich werde dir nichts tun. Aber du darfst die Pflanze nicht berühren. Sie würde dir die Haut verbrennen.«
Sofort entfernte sie sich ein paar Schritte von dieser Gefahr und versuchte sich zu beruhigen.
»Aber warum klaust du alle Bären der Stadt und versteckst sie hier?«
Der Riese seufzte und wischte sich eine dicke Träne aus seinem rechten Auge.
»Die Bären sind so schön und so kuschelig. Ich wollte für mich und die anderen Riesen auch welche davon haben. Aber wenn ich in die Stadt zum Einkaufen gehe, erschrecken sich alle Menschen zu Tode. Ich hätte nie einen bekommen. Hinter der Pflanze verstecke ich sie, damit sie mir niemand mehr abnimmt. Wer es trotzdem versucht, verbrennt sich nicht nur die Finger.«
»Ich werde euch helfen.« sagte die alte Frau schließlich. »Für jeden Bären, den ich für die Kinder in der Stadt nähe, werde ich einen anderen Bären für euch machen. Ich werde sie alle hinter der großen Pflanze verstecken, wo ihr sie euch dann abholen könnt. Und ich werde niemandem von euch erzählen.«

Papa lächelte, als er die Geschichte beendete.
»Die Frau gab dann der Pflanze noch einen Namen. Da der Riese ständig Bären geklaut hatte, nannte sie diese große Blume Riesenbärenklau. Danach erzählte sie allen Menschen in der Stadt, dass man sich ihr nicht nähern dürfe, weil man sich an ihr sehr schlimm verbrennen könne.«
Sofie drückte Papa an sich. »Das war eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Dann stand sie von der Bank auf und ging den Weg am Fluss weiter. Um jeden Riesenbärenklau, den sie sah, machte sie von nun an einen großen Bogen.

(c) 2015, Marco Wittler

396. Der Wolkenputzer oder „Papa, warum sind die Wolken so grau?“ (Papa erklärt die Welt 37)

Der Wolkenputzer
oder ›Papa, warum sind die Wolken so grau?‹

Sofie saß vor dem Fenster und sah gelangweilt nach draußen. Das Wetter war seit mehreren Wochen schlecht. Die Wolken hingen dunkelgrau am Himmel. Immer wieder fiel strömender Regen auf die Erde hinab. Papa gesellte sich dazu und hielt ihr ein Buch unter die Nase.
»Langeweile?«, fragte er.
Sofie nickte.
»Soll ich dir vielleicht eine Geschichte vorlesen?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich wollte doch draußen im Garten spielen. Aber bei dem Wetter geht das einfach nicht.«
Sie schmollte.
»Gegen die dunklen Wolken kann ich leider nichts machen.«, versuchte sich Papa zu entschuldigen.
»Hm.«, machte Sofie.
Sie dachte über die letzten Worte nach, bis sie eine Frage auf den Lippen hatte.
»Papa, warum sind die Wolken eigentlich so grau? Bei gutem Wetter sind sie doch so weiß wie ein Wattebausch.«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Farbe der Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein kleines Dorf in den weißen Wolken. In ihm lebten ein paar Menschen die den ganzen Tag über nicht viel zu tun hatten. Darum litten sie an großer Langeweile. Manche von ihnen kamen sogar auf ganz dumme Ideen. Da wurde in den Nasen gepopelt oder sich am Po gekratzt. Das war natürlich alles andere als schön und ein guter Grund, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Die Menschen vereinsamten.
Doch eines Tages hatte einer von ihnen, der Martin, eine großartige Idee. Schnell rannte er damit zum Bürgermeister und erklärte diesem, was ihm eingefallen war.
»Wir nehmen uns die ganz kleinen Wolken, bauen einen schnellen Motor in sie ein und veranstalten damit Wettrennen durch den ganzen Himmel.«
»Hm.«, machte der Bügermeister und dachte eine Weile darüber nach.
Er setzte sich in seinen gemütlichsten Sessel und grübelte hin und her, bis er schließlich eine Woche später eine Entscheidung getroffen hatte. Er ließ alle Menschen auf dem Dorfplatz rufen und verkündete ihnen seinen Entschluss.
»Liebe Leute. Von nun an wird sich einiges bei uns ändern. Wir wollen nicht mehr länger gelangweit auf unseren Wolken liegen und darüber nachdenken, was wir tun sollen. Ab sofort werden wir regelmäßig Himmelsrennen veranstalten. Jeder von euch darf daran teilnehmen.«
Der Jubel und die Freude waren natürlich groß und es dauerte nicht lange, bis die ersten Wolkenflitzer fertig waren und durch den Himmel flogen. Fast täglich fanden Rennen statt. Die Zeit der Langeweile war vorbei.
Den Menschen gefiel das sehr gut. Sie setzten sich auf ihre Wolken und gaben sich sehr viel Mühe, schneller als die anderen zu sein. Was sie aber nicht beachteten war ein Problem, mit dem niemand gerechnet hatte. Martin war der erste, der darauf aufmerksam wurde.
»Irgendwie riecht es hier komisch.«, stellte er eines Tages fest, als er sein Haus verließ.
Er atmete tief ein und verfolgte den seltsamen Geruch. Er schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen. Er war überall. Erst nach einer ganzen Weile fiel sein Blick zum Boden.
»Die Wolken schauen auch nicht mehr so schön aus, wie es früher einmal war.«
Tatsächlich war das Schneeweiß einem dunklen Grau gewichen. Die Wolken hatten sich verfärbt.
»Das hat es ja noch nie gegeben. Ich muss sofort etwas unternehmen.«
Martin lief zum Bürgermeister und erzählte, was ihm aufgefallen war.
»Ja, jetzt merke ich es plötzlich auch.«, sagte dieser.
»Was kann das denn nur sein? Wir müssen es unbedingt heraus finden.«
Sie machten sich auf die Suche, aber in keinem Gebäude war etwas zu finden. Erst nach einigen Tagen fiel es ihnen auf.
»Bürgermeister, schau dir das mal an.«
Martin deutete auf den Auspuff eines Wolkenflitzers.
»Da kommt dunkler Rauch heraus. Die Abgase machen unsere Wolken schmutzig.«
Sie hatten die Ursache der Verschmutzung gefunden.
»Aber was machen wir denn jetzt?«
Martin grübelte bereits. Ihm wollte aber keine Lösung einfallen. Die Wolkenrennen konnten sie unmöglich abschaffen. Alle Menschen hatten sich bereits daran gewöhnt und wollten nicht wieder mit der langweiligen Langeweile leben müssen.
»Ich hab da eine Idee.«, sagte der Bürgermeister grinsend.
»Komm doch mal mit mir mit.«
Gemeinsam gingen sie in das kleine Rathaus und suchten dort den Abstellraum des Hausmeisters auf.
»Du hast dir das mit den Wolkenflitzern ausgedacht, mein lieber Martin, also musst du jetzt auch dafür sorgen, dass unsere Wolken wieder schön sauber werden.«
Der Bürgermeister drückte Martin einen Eimer Wasser in die eine Hand und einen Schrubber in die andere.
»Nach jedem Rennen müssen die Wolken wieder schön sauber gemacht werden. Das wird in Zukunft deine Aufgabe sein.«
Martin sah sich seine neuen Arbeitswerkzeuge an.
»In Ordnung.«, sagte er laut seufzend.
»Beim Putzen wird es mir zumindest nicht langweilig.«
Er ging nach draußen und begann sofort mit den Reinigungsarbeiten. Die anderen Wolkenflitzerfahrer wurden darauf natürlich aufmerksam und gesellten sich sofort zu ihm.
»Wir machen die Wolken gemeinsam schmutzig, also werden wir sie auch gemeinsam wieder sauber machen.«
Und schon schwangen sie Schrubber und machten sich an die Arbeit. Ein paar Stunden später erstrahlten die Wolken wieder in ihrer schneeweißen Farbe.

»Wenn sie dann dort oben in den Wolken beim Putzen mal etwas Wasser daneben geht, fällt es als Regen zur Erde herunter.«, beendete Papa seine Geschichte.
»Moment mal.«, protestierte Sofie.
»Hast du mir nicht mal etwas ganz anderes über den Regen erzählt?«
Papa machte ein ganz unschuldiges Gesicht.
»Nein, das kann gar nicht sein.«, entgegnete er grinsend.
Sofie begann zu lachen.
»Das war eine sehr schöne Geschichte, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Sie fiel Papa um den Hals und drückte ihn an sich.
»Weißt du was? Jetzt gehe ich nach draußen und werde das wunderschöne Wetter genießen. Immerhin kommen gerade die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken.«
Sofie stand auf und lief nach draußen in den Garten.

(c) 2012, Marco Wittler

384. Peter erobert die Welt oder „Papa, warum heißt der Regenwurm eentlich Regenwurm?“ (Papa erklärt die Welt 36)

Peter erobert die Welt
oder ›Papa, warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?‹

Es regnete. Es regnete sogar schon seit Tagen und es wollte einfach nicht aufhören. Bei diesem Wetter wollte man nicht mal einen Hund vor die Tür scheuchen. Nur Papa und Sofie waren auf dem Gehweg unterwegs. Sie waren auf dem Heimweg.
Sofie lachte die ganze Zeit über und ließ es sich nicht nehmen, mit ihren dicken Gummistiefeln in jede Pfütze zu hüpfen.
»Papa, das macht riesig Spaß. Probier das doch auch mal aus.«
Doch dann blieb sie plötzlich stehen. Sie hockte sich hin und bestaunte etwas Kleines vor ihren Füßen.
»Ui, was ist denn das?«, fragte sie neugierig.
Papa kam näher und sah ebenfalls auf das kleine Etwas.
»Das ist nur ein Regenwurm.«, erklärte er.
»Warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?«, fragte Sofie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regenwurm. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Peter. Peter war ein Wurm, dem es nicht reichte, seine Gänge in der Erde zu graben. Er wollte die große weite Welt bereisen, sich ferne Länder anschauen und und etwas anderes sehen, als jeden Tag die Dunkelheit im Untergrund.
»Ich werde eine Reise machen.«, sagte sich Peter.
Aus dem Schrank holte er seinen Rucksack hervor, den er bis zum heutigen Tag noch nie benutzt hatte. Dort hinein packte er alles, was er vielleicht brauchen konnte. Eine große Taschenlampe, ein Taschenmesser, ein Taschentuch, eine Taschenuhr und ein Taschenbuch gegen Langeweile. Gut gerüstet machte sich der Wurm auf den Weg nach oben.
Neugierig bohrte er sich vorsichtig durch den Boden und erblickte das erste Mal in seinem Leben die warme Sonne, eine grüne Wiese und viele bunte Blumen in allen Farben, die man sich nur vorstellen konnte.
»Oh, wie schön es doch hier oben ist. Das Paradies könnte nicht schöner sein.«
Doch dann bebte der Boden um ihn herum und vier Beine liefen nur knapp an Peters Kopf vorbei.
»Hilfe! Zu Hilfe!«, rief er panisch und hatte Angst um sein Leben.
Ein großes, behaartes Tier war es gewesen. Laute, bellende Geräusche gab es von sich und trottete weiter, als habe es den Wurm gar nicht gesehen.
»Pass doch besser auf, wo du hin gehst. Hier sind noch andere Leute auf der Wiese.«
Aber das Tier hörte gar nicht zu.
Peter kletterte langsam aus seinem Loch heraus. Dieses Mal sah er sich aber genau um. Seine Augen sahen nach links, nach rechts, nach vorn und auch nach hinten. Neue Gefahren waren nicht in Sicht.
»Schön, dann kann ich ja endlich die Welt bereisen und mir alles anschauen.«
Doch hatte er sich zu früh gefreut. Wie aus heiterem Himmel ertönte ein schriller Ton von oben. Ein schreckliches Wesen, das am ganzen Körper Federn hängen hatte, stürzte sich auf den Wurm herab. Ein spitzer Schnabel war bereit, ihn zu fressen.
»Hilfe!«
Peter kroch schnell zurück in seine unterirdischen Gänge. Hinter sich schloss er sofort das Loch nach oben. Dann atmete er erst einmal durch.
»Was ist das nur für eine gefährliche Welt? Das habe ich mir aber anders vorgestellt.«
Eigentlich wollte er seine Reisepläne fallen lassen, aber die Neugier war größer. Der Wurm öffnete ein weiteres Mal einen Durchgang zur Wiese und sah sich nun ganz vorsichtig um. Nun entdeckte er überall Gefahren. Riesige Zweibeiner liefen hin und her, setzten sich einfach auf den Rasen und zerdrückten mit ihren Hintern alles, was nicht schnell genug flüchten konnte.
»Was mache ich nur? So werde ich niemals etwas erleben.«
Peter war enttäuscht und verkroch sich erneut. Doch dann geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Aus allen Richtungen hörte er plötzlich klopfende Geräusche.
»Nanu? Was ist denn das?«
Ein letztes Mal streckte er seinen Kopf nach draußen. Es fielen unzählige Wassertropfen vom Himmel. Und wer hätte es gedacht, die schrecklichen Wesen und Tiere verschwanden. Sie liefen fort und versteckten sich. Es schien, als hätten sie Angst vor den Tropfen.
»Ihr seid mir aber feine Monster.«, lachte Peter.
Dann setzte er sich einen Hut auf den Kopf und kroch auf die Wiese. Bei diesem Wetter konnte er sich ganz in Ruhe umschauen und die Welt bereisen. Nun lauerte ihm niemand mehr auf. Alle Gefahren waren auf und davon.
»So werde ich es nun immer machen.«, sagte sich Peter.
»Wenn Wassertropfen vom Himmel fallen, werde ich durch die schöne Welt reisen. Wenn der Regen dann aufhört, verstecke ich wieder unter der Erde.«
Und so lebte der Wurm glücklich weiter und entdeckte immer wieder neue schöne Dinge.

Sofie sah Papa mit großen Augen an.
»Und so ist der erste Regenwurm entstanden?«
Papa nickte ernst und nahm seine kleine Tochter an die Hand.
»Und nun gehen wir weiter. Bei dem Regen gefällt es mir zu Hause doch viel besser.«
Sofie folgte ihm. Als ich mit ihren großen Gummistiefeln in eine Pfütze hüpfte, musste sie laut lachen.
»Die Geschichte war prima, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa seufzte. Hatte sie ihn schon wieder beim Schwindeln erwischt.

(c) 2012, Marco Wittler

344. Wo geht’s hier zum Mond? oder „Papa, wie hoch fliegen Fliegen?“ (Papa erklärt die Welt 34)

Wo geht’s hier zum Mond?
Oder ›Papa, wie hoch fliegen Fliegen?‹

Sofie saß auf dem Bett und sah ganz gebannt einer kleinen Fliege zu, die immer wieder gegen die Fensterscheibe flog.
»Nein, so wird das nichts, kleine Fliege. Man kann doch nicht durch das geschlossene Fenster fliegen.«, erklärte sie dem kleinen Insekt, das allerdings nicht zuhören wollte.
In diesem Moment kam Papa in das Kinderzimmer. Unter seinem Arm klemmte ein dickes Buch mit wunderschönen Märchen. Eines davon wollte er seiner Tochter vor dem Schlafen vorlesen.
»Was machst du denn da?«, fragte er neugierig.
»Da schau.«, sagte Sofie und zeigte mit dem Fenster zur Fliege.
»Sie versucht immer wieder durch die Scheibe zu fliegen.«
Papa seufzte, öffnete das Fenster und entließ die Fliege in die Freiheit.
»Wo fliegt sie jetzt hin?«, wollte Sofie wissen.
»Wahrscheinlich Richtung Mond, wie alle Fliegen, wenn es dunkel wird.«, antwortete Papa.
In diesem Moment fiel ihm die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte ein weiteres Mal und legte das dicke Buch in das Bücherregal, denn er wusste, was jetzt kam.
»Sie kann bis zum Mond fliegen?«, fragte sie neugierig.
Papa schüttelte den Kopf und verneinte.
»So weit kommen sie nicht.«
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, wie hoch fliegen eigentlich Fliegen? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar abenteuerlustigen Fliegen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Fliege, die den lieben langen Tag nichts anderen im Kopf hatte, als über die bunte Blumenwiese zu fliegen, von Blume zu Blume zu hopsen und hin und wieder ihre älteren Artgenossen zu ärgern.
Doch eines Tages, als wieder einmal die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und es dunkel wurde, tauchte am Himmel ein neues Licht auf,
»Was ist denn das für ein großes Licht dort oben zwischen den vielen anderen?«, fragte die kleine Fliege neugierig ihre Mutter.
»Das ist der Mond.«, erklärte sie.
»Er taucht immer wieder mal auf und zieht seine Bahn über den Himmel. Mehr wissen wir Fliegen aber auch nicht über ihn. Er ist nie zu uns herunter gekommen und von uns wollte auch nie jemand hinauf fliegen.«
»Das ist ja unglaublich aufregend.«, sprach die kleine Fliege.
Es war ihr richtig anzumerken, wie sie sich im ihrem Köpfchen große Abenteuer ausmalte.
»Dann muss es halt mal jemand versuchen,«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer, sammelte ein paar Kleinigkeiten zusammen und stand ein paar Minuten später auf der Türschwelle, dazu bereit, den Mond zu besuchen,
»Ich kenne jedes fliegende Tier der Blumenwiese. Und weil der Mond dazu gehört, werde ich ihm einen Besuch abstatten.«
Ihr Entschluss stand fest. Sie winkte der Mutter noch ein Lebewohl zum Abschied und flog davon.
Mittlerweile war es richtig finster geworden. Die Blumenwiese sah nun nicht mehr so schön bunt aus, wie noch am Nachmittag. Alle Blüten waren fest verschlossen. Ihre schönen Farben würden sie erst am nächsten Morgen wieder zeigen. Doch darauf achtete die kleine Fliege nicht weiter. Sie düste über alles hinweg und machte erst am Rand der Wiese eine kleine Rast, wo sie sich umsah und ein Wiesel entdeckte.
»Hallo, Wiesel. Wo geht’s hier zum Mond?«, fragte sie freundlich.
Das Wiesel sah zum Himmel hinauf und grinste.
»Nach da oben, wohin sonst. Einen anderen Weg kenne ich nicht. Hab es selbst noch nie probiert.«
Also zog die kleine Fliege weiter ihres Weges. Unterwegs fragte sie sich bei allen Tieren durch, die sie traf. Darunter waren ein Uhu, eine Mücke, eine Maus und ein grimmiger Hund, der gerade einschlafen wollte.
Schließlich traf sie eine Motte, die ebenfalls auf dem Weg zum Mond war.
»Ja, ich kenne den Weg.«, sagte diese stolz.
»Schließ dich mir an, dann fliegen wir ihn zusammen besuchen.«
Also nahmen sie sich gegenseitig an der Hand und flogen hinauf zum Himmel, immer dem hellen Licht über ihnen entgegen. Doch sehr kamen sie nicht, denn je näher sie dem Mond kamen, desto heller, greller und wärmer wurde sein Licht.
Plötzlich knallten sie mit den Köpfen gegen eine harte Wand. Die Wucht ließ sie für einen Moment taumeln, bis sie begriffen, dass sie nun direkt vor dem Mond herum schwirrten.
»Seltsam.«, sagte die kleine Fliege.
»Den Mond habe ich mir aber viel größer vorgestellt. Immerhin kann man ihn von überall aus sehen.«
Dieser Meinung war die Motte auch. Aber sie hatten doch alles richtig gemacht. Sie waren dem hellen Licht bis ans Ziel gefolgt. Also musste es wohl der Mond sein.
Die kleine Fliege bedankte sich für den schönen, aber doch recht kurzen Flug und machte sich auf den Heimweg.
Von nun an erzählte sie überall herum, dass sie die erste und einzige Fliege der ganzen Welt sei, die bereits von der Erde bis zum Mond geflogen war. Das machte sie bei allen Fliegen unglaublich berühmt.
Sie sollte aber nie erfahren, dass es eigentlich nicht der Mond war, gegen den sie mitten im Flug gestoßen war, sondern nur eine einfache Straßenlaterne, deren Licht sie von ihrem wahren Ziel abgelenkt hatte.

»Und warum fliegen die Fliegen heute immer noch zum Mond?«, fragte Sofie.
Papa überlegte kurz, bevor er antwortete.
»Weil die anderen Fliegen diesen weiten und schweren Flug ebenfalls schaffen wollen.«
Sofie musste lachen.
»Papa, das ist eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa grinste und zog seiner Tochter die Decke bis zur Nasenspitze, bevor er ihr eine gute Nacht wünschte und das Licht abschaltete.

(c) 2010, Marco Wittler

337. Morgentau oder „Papa, was ist Altweibersommer?“ (Papa erklärt die Welt 33)

Morgentau
oder ›Papa, was ist Altweibersommer?‹

Der Herbst hatte begonnen. Die heißen Tage des Sommers gehörten mittlerweile der Vergangenheit an und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot, gelb und braun. Doch nach den letzten regnerischen Tagen, war es nun wieder sonnig und angenehm warm.
Das hatten Papa und Sofie natürlich ausgenutzt und waren den ganzen Tag über draußen an der frischen Luft gewesen. Aber nun saßen sie gemeinsam in Sofies Zimmer und sahen durch das Fenster der untergehenden Sonne zu.
»Das war heute richtig schön.«, schwärmte Sofie, während sie sie in ihr Nachthemd schlüpfte.
Papa nickte und lehnte sich gemütlich zurück.
»Das ist das schöne am Altweibersommer.«, erklärte er.
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, was ist eigentlich Altweibersommer? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Altweibersommer. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Spinne, die den ganzen Tag an Ästen und Pflanzenhalmen herum kletterte und ein Spinnennetz nach dem anderen wob. Ihr Name war Eleonora.
Am frühen Morgen kam Eleonora aus ihrem Versteck gekrochen und begann mit ihrer Arbeit. Erst am späten Abend, wenn die Sonne unterging, unterbrach sie ihr Tun und ging zu Bett.
Eines Tages, es war gerade früher Morgen, kam ein junges Mädchen daher. Sie spazierte durch die grüne Wiese und erfreute sich am frischen Morgentau, der ihre Füße kitzelte und mit Wassertropfen benetze. Das war ein herrlich erfrischendes Gefühl.
In diesem Moment kam ihre Freundin um eine Ecke gebogen.
»Marie, warte auf mich. Du sollst doch nicht allein durch den Wald laufen. Dir könnte etwas zustoßen.«
Aber Marie lachte nur und lief einfach weiter.
»Ella, komm her.«, rief sie.
»Zieh dir Schuhe und Strümpfe aus. Genieße den schönen Morgen. Bald ist es Herbst und es wird zu kalt dafür sein.«
Nur ungern kam Ella der Aufforderung nach und setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen in die nasse Wiese.
»Brrr, ist das kalt.«
Marie grinste über das ganze Gesicht.
»Nun hab dich nicht so. Es ist einfach nur schön.«
Sie nahm ihre Freundin an der Hand und zog sie hinter sich her.
Doch plötzlich blieben die beiden Mädchen stehen. Sie hatten etwas Seltsames entdeckt.
»Wie schön es doch ist.«
Sie mussten es sich von allen Seiten genau anschauen und konnten ihre Blicke nicht mehr davon lösen.
Das bemerkte natürlich auch die kleine Spinne Eleonora. Sie sah sich um und es fiel ihr auf, dass die Menschen von den Spinnennetzen fasziniert waren. An ihren Fäden hingen die frischen Tropfen des Morgentaus.
»Das geschieht nur im Altweibersommer.«, flüsterte Marie.
»Wenn der Wind geht, gehen die kleinen Gespinste auf die Reise. Sie fliegen den alten Weibern nach, die noch immer nicht verheiratet sind. Wer von den Netzen berührt wird, steht schon bald vor dem Traualtar und bekommt ein Baby.«
Ella bekam große Augen.
»So ein Quatsch. Das glaube ich dir nicht. Du willst mir doch wieder nur einen Bären aufbinden.«
Trotzdem war es ihr nicht ganz geheuer.
Marie grinste wieder.
»Doch. Jedes meiner Worte ist wahr. Also geh lieber nicht zu nah heran.«, neckte sie ihre Schwester weiter.
Eleonora musste leise lachen, als sie das alles hörte.
»Wartet es nur ab. Euch werde ich einen kleinen Schrecken einjagen.«
Schon kletterte sie zum nächsten Netz und biss die Befestigungsfäden durch. Genau in diesem Moment gab es einen kleinen Windstoß, der das Gespinst direkt zu Marie wehte.
Mit einem entsetzten Aufschrei sprang das Mädchen zur Seite und konnte dem Netz gerade noch ausweichen. Sie bekam einen hochroten Kopf und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
Nun war es Ella, die lachen musste.
»Jetzt bist du selbst auf deinen Scherz herein gefallen.«
Marie verzog die Mundwinkel und brummte leise vor sich hin, bevor sie antwortete.
»Ich wollte nur sicher gehen. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran. Denn zum Heiraten ist es mir noch viel zu früh.«
Aber dann schoben die beiden Mädchen die ängstlichen Gedanken fort und liefen wieder vergnügt über die grüne Wiese.
Eleonora aber bewahrte dieses kleine Erlebnis in ihrem Herzen. Von nun an musste sie immer im September an Marie und Ella denken, wenn sich ihre Netze mit Morgentau benetzten.
»Ja, der Altweibersommer ist wirklich die schönste Zeit im ganzen Jahr.«, murmelte sie dann vor sich her.

Sofie hatte Papa aufmerksam zugehört. Während sie noch über das Gehörte nachdachte, schlüpfte sie bereits unter die Decke.
»Das war eine sehr schöne Geschichte.«, sagte sie schließlich.
Papa war zufrieden als er das hörte. Doch dann fiel Sofie noch etwas ein.
»Aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon.«
Grinsend zog sie sich die Decke bis zur Nase und schloss ihre beiden Augen.

(c) 2010, Marco Wittler

300. Rüpelsterne oder „Papa, wie kommen Sterne in die See?“ (Papa erklärt die Welt 32)

Rüpelsterne
oder ›Papa, wie kommen Sterne in die See?‹

Sofie saß auf ihrem Platz und starrte in das unendliche Sternenmeer. In dieser Nacht war der Himmel klar und unzählige kleine, weiße Punkte waren in allen Richtungen zu sehen.
»Ich bin ja schon so aufgeregt.«, sagte Sofie und wippte die ganze Zeit unruhig hin und her.
Papa hatte diesen Satz jetzt schon mindestens zehn Mal in der letzten halben Stunde gehört. Aber er grinste nur stumm vor sich hin.
Doch seine kleine Tochter hielt es kaum noch aus.
»Dauert das immer so lange, bis die Sonne aufgeht?«
Papa nickte.
»Die Sonne ist sehr groß und schwer. Deswegen kann sie nicht an den Himmel hüpfen.«, erklärte er.
In diesem Moment fuhr ein seltsames Glitzern vom Horizont aus über das Wasser.
»Ui, was ist denn das?«, staunte Sofie.
»Warum leuchtet denn das Meer plötzlich überall?«
Papa kniff die Augen zusammen und sah angestrengt auf das Wasser.
»Das müssen die Seesterne sein.«
Sofie hielt inne. Sie war verwirrt. Hatte sie doch bisher immer gedacht, dass Sterne nur am Himmel hängen würden. Papa fiel sofort auf, was er nun angerichtet hatte. Also bereitete er sich schnell vor.
»Papa, wie kommen denn die Sterne in die See?«
Sofies Neugierde war geweckt.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Seesternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Gruppe wilder Sterne, die wie ein Haufen Rüpel durch den Himmel zogen und mit jedem Artgenossen und sogar hin und wieder mit dem Mond Streit anfingen.
»Dein Licht leuchtet aber nicht so hell wie meins.«, war noch einer der harmlosesten Sprüche.
»Du könntest dir auch mal wieder das Gesicht waschen.«, musste sich der Mond anhören.
»Ich hab doch gar keine Flecken im Gesicht. Das sind Krater.«
Über viele Jahrhunderte ging das jede Nacht so. Niemand unternahm etwas dagegen.
Irgendwann hatte aber dann doch jemand die Nase voll.
Ein großer, dicker Wal versuchte im tiefen Ozean zu schlafen. Er wälzte sich auf dem sandigen Boden hin und her. Aber er bekam kein Auge zu. Der Lärm im Himmel war einfach viel zu laut.
»Ruhe da oben. Haltet endlich mal den Mund.«, brüllte er den Sternen entgegen.
»Ich will endlich schlafen.«
Aber der Lärm blieb und an Schlaf war einfach nicht zu denken.
»Wartet ab. Euch werde ich schon helfen.«, knurrte der Wal den Rüpeln entgegen.
Er hob seine riesige Schwanzflosse so hoch er konnte und ließ sie kraftvoll auf das Wasser klatschen. Im hohen Bogen spritzte das Wasser zum Himmel hinauf und fegte die fiesen Sterne vom Himmel.
Sie waren so überrascht, dass sie sich nicht mehr rechtzeitig irgendwo festhalten konnten. Und so fielen sie in den großen Ozean.
Der Wal sah sich um und war zufrieden.
»Jetzt müsst ihr bei mir hier unten bleiben. Und wagt es euch nicht, mich zu ärgern.«
Seit dieser Zeit strahlen ein paar Sterne aus dem Wasser heraus und heißen Seesterne.

Sofie bekam große Augen.
»Das sind ja fiese Sterne. Die hätte ich auch vom Himmel gefegt.«
Papa grinste zufrieden. Hatte er sich nun endlich mal eine Geschichte ausgedacht, die ihm seine Tochter abnahm?
In diesem Moment begann Sofie zu lachen.
»Die Geschichte war schön. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Nur einen Augenblick später ging die Sonne auf und ließ ihre Strahlen über das Meer .
»Ui, ist das schön.«

(c) 2010, Marco Wittler