337. Morgentau oder „Papa, was ist Altweibersommer?“ (Papa erklärt die Welt 33)

Morgentau
oder ›Papa, was ist Altweibersommer?‹

Der Herbst hatte begonnen. Die heißen Tage des Sommers gehörten mittlerweile der Vergangenheit an und die Blätter an den Bäumen färbten sich langsam rot, gelb und braun. Doch nach den letzten regnerischen Tagen, war es nun wieder sonnig und angenehm warm.
Das hatten Papa und Sofie natürlich ausgenutzt und waren den ganzen Tag über draußen an der frischen Luft gewesen. Aber nun saßen sie gemeinsam in Sofies Zimmer und sahen durch das Fenster der untergehenden Sonne zu.
»Das war heute richtig schön.«, schwärmte Sofie, während sie sie in ihr Nachthemd schlüpfte.
Papa nickte und lehnte sich gemütlich zurück.
»Das ist das schöne am Altweibersommer.«, erklärte er.
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, was ist eigentlich Altweibersommer? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Altweibersommer. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Spinne, die den ganzen Tag an Ästen und Pflanzenhalmen herum kletterte und ein Spinnennetz nach dem anderen wob. Ihr Name war Eleonora.
Am frühen Morgen kam Eleonora aus ihrem Versteck gekrochen und begann mit ihrer Arbeit. Erst am späten Abend, wenn die Sonne unterging, unterbrach sie ihr Tun und ging zu Bett.
Eines Tages, es war gerade früher Morgen, kam ein junges Mädchen daher. Sie spazierte durch die grüne Wiese und erfreute sich am frischen Morgentau, der ihre Füße kitzelte und mit Wassertropfen benetze. Das war ein herrlich erfrischendes Gefühl.
In diesem Moment kam ihre Freundin um eine Ecke gebogen.
»Marie, warte auf mich. Du sollst doch nicht allein durch den Wald laufen. Dir könnte etwas zustoßen.«
Aber Marie lachte nur und lief einfach weiter.
»Ella, komm her.«, rief sie.
»Zieh dir Schuhe und Strümpfe aus. Genieße den schönen Morgen. Bald ist es Herbst und es wird zu kalt dafür sein.«
Nur ungern kam Ella der Aufforderung nach und setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen in die nasse Wiese.
»Brrr, ist das kalt.«
Marie grinste über das ganze Gesicht.
»Nun hab dich nicht so. Es ist einfach nur schön.«
Sie nahm ihre Freundin an der Hand und zog sie hinter sich her.
Doch plötzlich blieben die beiden Mädchen stehen. Sie hatten etwas Seltsames entdeckt.
»Wie schön es doch ist.«
Sie mussten es sich von allen Seiten genau anschauen und konnten ihre Blicke nicht mehr davon lösen.
Das bemerkte natürlich auch die kleine Spinne Eleonora. Sie sah sich um und es fiel ihr auf, dass die Menschen von den Spinnennetzen fasziniert waren. An ihren Fäden hingen die frischen Tropfen des Morgentaus.
»Das geschieht nur im Altweibersommer.«, flüsterte Marie.
»Wenn der Wind geht, gehen die kleinen Gespinste auf die Reise. Sie fliegen den alten Weibern nach, die noch immer nicht verheiratet sind. Wer von den Netzen berührt wird, steht schon bald vor dem Traualtar und bekommt ein Baby.«
Ella bekam große Augen.
»So ein Quatsch. Das glaube ich dir nicht. Du willst mir doch wieder nur einen Bären aufbinden.«
Trotzdem war es ihr nicht ganz geheuer.
Marie grinste wieder.
»Doch. Jedes meiner Worte ist wahr. Also geh lieber nicht zu nah heran.«, neckte sie ihre Schwester weiter.
Eleonora musste leise lachen, als sie das alles hörte.
»Wartet es nur ab. Euch werde ich einen kleinen Schrecken einjagen.«
Schon kletterte sie zum nächsten Netz und biss die Befestigungsfäden durch. Genau in diesem Moment gab es einen kleinen Windstoß, der das Gespinst direkt zu Marie wehte.
Mit einem entsetzten Aufschrei sprang das Mädchen zur Seite und konnte dem Netz gerade noch ausweichen. Sie bekam einen hochroten Kopf und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht.
Nun war es Ella, die lachen musste.
»Jetzt bist du selbst auf deinen Scherz herein gefallen.«
Marie verzog die Mundwinkel und brummte leise vor sich hin, bevor sie antwortete.
»Ich wollte nur sicher gehen. Vielleicht ist ja doch etwas Wahres dran. Denn zum Heiraten ist es mir noch viel zu früh.«
Aber dann schoben die beiden Mädchen die ängstlichen Gedanken fort und liefen wieder vergnügt über die grüne Wiese.
Eleonora aber bewahrte dieses kleine Erlebnis in ihrem Herzen. Von nun an musste sie immer im September an Marie und Ella denken, wenn sich ihre Netze mit Morgentau benetzten.
»Ja, der Altweibersommer ist wirklich die schönste Zeit im ganzen Jahr.«, murmelte sie dann vor sich her.

Sofie hatte Papa aufmerksam zugehört. Während sie noch über das Gehörte nachdachte, schlüpfte sie bereits unter die Decke.
»Das war eine sehr schöne Geschichte.«, sagte sie schließlich.
Papa war zufrieden als er das hörte. Doch dann fiel Sofie noch etwas ein.
»Aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon.«
Grinsend zog sie sich die Decke bis zur Nase und schloss ihre beiden Augen.

(c) 2010, Marco Wittler

300. Rüpelsterne oder „Papa, wie kommen Sterne in die See?“ (Papa erklärt die Welt 32)

Rüpelsterne
oder ›Papa, wie kommen Sterne in die See?‹

Sofie saß auf ihrem Platz und starrte in das unendliche Sternenmeer. In dieser Nacht war der Himmel klar und unzählige kleine, weiße Punkte waren in allen Richtungen zu sehen.
»Ich bin ja schon so aufgeregt.«, sagte Sofie und wippte die ganze Zeit unruhig hin und her.
Papa hatte diesen Satz jetzt schon mindestens zehn Mal in der letzten halben Stunde gehört. Aber er grinste nur stumm vor sich hin.
Doch seine kleine Tochter hielt es kaum noch aus.
»Dauert das immer so lange, bis die Sonne aufgeht?«
Papa nickte.
»Die Sonne ist sehr groß und schwer. Deswegen kann sie nicht an den Himmel hüpfen.«, erklärte er.
In diesem Moment fuhr ein seltsames Glitzern vom Horizont aus über das Wasser.
»Ui, was ist denn das?«, staunte Sofie.
»Warum leuchtet denn das Meer plötzlich überall?«
Papa kniff die Augen zusammen und sah angestrengt auf das Wasser.
»Das müssen die Seesterne sein.«
Sofie hielt inne. Sie war verwirrt. Hatte sie doch bisher immer gedacht, dass Sterne nur am Himmel hängen würden. Papa fiel sofort auf, was er nun angerichtet hatte. Also bereitete er sich schnell vor.
»Papa, wie kommen denn die Sterne in die See?«
Sofies Neugierde war geweckt.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Seesternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Gruppe wilder Sterne, die wie ein Haufen Rüpel durch den Himmel zogen und mit jedem Artgenossen und sogar hin und wieder mit dem Mond Streit anfingen.
»Dein Licht leuchtet aber nicht so hell wie meins.«, war noch einer der harmlosesten Sprüche.
»Du könntest dir auch mal wieder das Gesicht waschen.«, musste sich der Mond anhören.
»Ich hab doch gar keine Flecken im Gesicht. Das sind Krater.«
Über viele Jahrhunderte ging das jede Nacht so. Niemand unternahm etwas dagegen.
Irgendwann hatte aber dann doch jemand die Nase voll.
Ein großer, dicker Wal versuchte im tiefen Ozean zu schlafen. Er wälzte sich auf dem sandigen Boden hin und her. Aber er bekam kein Auge zu. Der Lärm im Himmel war einfach viel zu laut.
»Ruhe da oben. Haltet endlich mal den Mund.«, brüllte er den Sternen entgegen.
»Ich will endlich schlafen.«
Aber der Lärm blieb und an Schlaf war einfach nicht zu denken.
»Wartet ab. Euch werde ich schon helfen.«, knurrte der Wal den Rüpeln entgegen.
Er hob seine riesige Schwanzflosse so hoch er konnte und ließ sie kraftvoll auf das Wasser klatschen. Im hohen Bogen spritzte das Wasser zum Himmel hinauf und fegte die fiesen Sterne vom Himmel.
Sie waren so überrascht, dass sie sich nicht mehr rechtzeitig irgendwo festhalten konnten. Und so fielen sie in den großen Ozean.
Der Wal sah sich um und war zufrieden.
»Jetzt müsst ihr bei mir hier unten bleiben. Und wagt es euch nicht, mich zu ärgern.«
Seit dieser Zeit strahlen ein paar Sterne aus dem Wasser heraus und heißen Seesterne.

Sofie bekam große Augen.
»Das sind ja fiese Sterne. Die hätte ich auch vom Himmel gefegt.«
Papa grinste zufrieden. Hatte er sich nun endlich mal eine Geschichte ausgedacht, die ihm seine Tochter abnahm?
In diesem Moment begann Sofie zu lachen.
»Die Geschichte war schön. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Nur einen Augenblick später ging die Sonne auf und ließ ihre Strahlen über das Meer .
»Ui, ist das schön.«

(c) 2010, Marco Wittler

292. Die unerwartete Weihnachtsüberraschung oder „Papa, wer beschenkt den Weihnachtsmann?“ (Papa erklärt die Welt 31)

Die unerwartete Weihnachtsüberraschung
oder ›Papa, wer beschenkt den Weihnachtsmann?‹

Sofie saß auf dem Sofa und blätterte durch einen Bestellkatalog. Fast auf jeder Seite fand sie etwas für ihren Wunschzettel.
Da gab es rosa Bettwäsche, kleine Ponys für ihre Puppen, ein neues Brettspiel, Hörspiele und noch vieles mehr.
»Oh je, was soll ich mir denn jetzt aussuchen? Das gefällt mir doch alles.«
Aber Papa hatte darauf bestanden, dass der Wunschzettel nicht zu lang werden dürfe.
»Na? Kommst du gut voran?«, fragte plötzlich Papa, der durch die Tür ins Wohnzimmer sah.
»Und denk daran. Wenn du dir zu  viel wünschst, glaubt der Weihnachtsmann, dass du gierig bist. Dann kommt er dieses Jahr gar nicht zu uns.«
Sofie beherzigte diese Worte, seufzte und holte wieder ein paar Merkzettel aus dem Katalog heraus. Am Ende entschied sie sich für ein Puppenhaus und ein neues Hörspiel. Da sie aber noch nicht schreiben konnte, malte sie die beiden  Dinge auf ihren Wunschzettel und packte ihn dann in einen Umschlag.
»Ich bin fertig.«
Nur wenige Sekunden später kam Papa zu ihr.
»Dann bringe ich das mal schnell zur Post, sonst kommt dein Brief zu spät am Nordpol an. Dann liegen deine Geschenke erst Silvester unter dem Baum.
»Auf keinen Fall. Fahr ganz schnell zum Briefkasten.«
Sofie runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Papa bemerkte es sofort und seufzte. Er wusste genau, was nun geschehen würde. Er würde wohl doch noch nicht zur Post fahren können.
»Papa, wer beschenkt eigentlich den Weihnachtsmann?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Weihnachtsmann. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal der Weihnachtsmann. Er lebte weit weg von den Menschen in einem kleinen Haus am Nordpol. Dort verbrachte er das ganze Jahr, bastelte mit seinen Elfen Geschenke für die braven Kinder und fütterte jeden Morgen seine neun Rentiere.
Erst in der Weihnachtsnacht, ließ er seinen großen Schlitten anspannen und flog dann um die ganze Welt, um die einzelnen Geschenke zu verteilen. Und so war es auch in diesem Jahr.
»Es ist ja schon wieder so weit.«, sagte der Weihnachtsmann zu seinen Elfen.
»Morgen Nacht geht es wieder auf große Tour. Habt ihr schon meinen Reiseplan fertig und die Geschenke in meinen großen Sack sortiert? Ich bin ja schon so aufgeregt. Irgendwie ist es immer wie beim ersten Mal. Hoffentlich schlafen auch alle Kinder, wenn es los geht.«
Dann streichelte er seinen dicken Bauch und dachte dabei schon an die vielen leckeren Kekse und die Milch, die er als Dankeschön vor den Christbäumen fand.
»Wie gut, dass ich den Sommer über Diät gehalten habe. Da darf ich mir dann auch mal was Süßes gönnen.«
Da fing er selbst an zu lachen und die Elfen stimmten munter mit ein. Denn der Bauch des Weihnachtsmannes war in den letzten Monaten nicht um einen einzigen Zentimeter dünner geworden.
»Doch bevor es los geht, werde ich noch ein wenig trainieren gehen.«
Dann zog er sich seinen roten Mantel über und kletterte ein paar Mal in seinem Trainingskamin rauf und runter.

Am nächsten Abend waren sie dann alle vorbereitet. Rudolph und die anderen Rentiere Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen hatte ihre Geschirre angelegt bekommen. Der riesige Schlitten stand beladen hinter ihnen. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann.
»Ich komme noch zu spät.«, rief er verzweifelt.
»Aber ich kann noch nicht los. Ich finde das wichtigste Geschenk nicht.«
Die Elfen beruhigten ihn aber wieder.
»Es ist alles in Ordnung. Kümmer dich um deine Flugtour. In der Zeit suchen wir es. Wenn du zurück bist, liegt es auf deinem Schreibtisch.«
Und los ging der wilde Flug. Es ging über die eisigen Felder des Nordpols, hinweg über die verschneiten Länder. Durch jeden Kamin wurden Geschenke gebracht. Sogar in den kleinsten Hütten im warmen Afrika wurden die Kinder glücklich gemacht. Innerhalb kürzester Zeit war alles erledigt.
Kurz vor Sonnenaufgang landete der Schlitten wieder vor dem großen Haus des Weihnachtsmannes.
Müde und erledigt öffnete der Weihnachtsmann seine Tür und ließ sich ein paar Meter weiter in seinen Sessel fallen.
»Das war ganz schön anstrengend. Aber ich habe es mal wieder geschafft.«
In diesem Moment klopfte es und ein lang erwarteter Gast trat ein.
»Ich gratuliere dir, mein Freund. Wieder einmal hast du die Kinder der ganzen Welt beschenkt. Dafür hast du dir aber auch selbst etwas verdient.«
Es war, ob man es glauben mag oder nicht, der Osterhase. Er setzte sich zum Weihnachtsmann und schob ihm ein kleines Päckchen mit einer großen Schleife zu.
»Das ist für dich.«
Der Weihnachtsmann konnte es kaum erwarten und öffnete seine Geschenk sofort.
»Du meine Güte. Das sind ja neue Socken. Sogar in rot. Das ist doch meine Lieblingsfarbe.«
Mit großer Freude bedankte er sich beim Osterhasen und drückte ihn an sich.
»Die hebe ich mir für nächstes Jahr auf. Dann kommen sie über den Kamin. Ich hoffe mal, dass mir dann der Nikolaus ein paar leckere Kekse hinein steckt.«
Dann ging er schnell zu seinem Schreibtisch und holte das Geschenk für seinen Freund.
»Und das hier ist für dich.«
Der Osterhase beäugte zunächst das Päckchen von allen Seiten, bevor er es langsam und bedächtig öffnete.
»Schau mal einer an. Das sind ja neue Ohrenschützer für den Winter. Das freut mich aber sehr.«
Er setzte sich sofort aus und probierte sie gleich draußen vor der Türe aus. Denn am Ende jeder heiligen Nacht veranstaltete er mit dem Weihnachtsmann und seinen Elfen eine große Schneeballschlacht.

»Er bekommt sein Geschenk vom Osterhasen?«, fragte Sofie ungläubig.
»Davon habe ich ja noch nie gehört. Woher weißt du das denn?«
Papa wurde rot im Gesicht.
»Naja. Es ist schon ziemlich lange her. Aber früher war ich mal einer dieser Elfen und habe dem Weihnachtsmann geholfen, die Geschenke zu basteln.«
Da musste Sofie lachen und drückte Papa an sich.
»Die Geschichte war prima. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.

(c) 2009, Marco Wittler

215. Das Licht des Mondes oder „Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?“ (Papa erklärt die Welt 29)

Das Licht des Mondes
oder ›Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?‹

Es war spät geworden. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden und der Mond zog einsam seine Bahn durch das unendliche Sternenmeer.
Sofie saß an ihrem Fenster und wartete bereits auf Papa, der ihr noch eine Geschichte erzählen wollte. Doch es dauerte noch ein paar Minuten, bis er das Zimmer betrat.
»Was schaust du dir denn da draußen an?«
Sofie drehte sich nicht um, winkte Papa aber herbei.
»Sieh dir das mal an. Da draußen fliegen ganz viele Motten immer wieder um die Laterne herum. Tanzen sie dort vielleicht? Und bei den anderen Laternen sieht es auch nicht anders aus.«
Papa sah aus dem Fenster und zuckte mit den Schultern. Doch mit solch einer Antwort wollte sich Sofie nicht zufrieden geben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar Motten. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Motte mit dem Namen Fritz.
Fritz Motte stand vor dem Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten. Er hatte sich richtig schick gemacht und war der Meinung, nun endlich perfekt auszusehen. Denn am heutigen Abend wollte er seiner großen Liebe einen Heiratsantrag machen.
Er hatte sich mit seiner Freundin Friederike am großen einzelnen Baum auf einer Lichtung im Park verabredet.
»Folge einfach dem schimmernden Licht des Mondes.«, hatte sie gesagt. »Dann wirst du mich finden, mein Liebster.«
Und so machte sich Fritz auf den Weg. Er verließ das Haus, spannte seine kleinen Flügel weit auseinander und flog los.
Zuerst musste er sich ein wenig orientieren. Er stieg weit hinauf zum Himmel, bis er den Mond leuchten sah.
»Da ist er ja.«
Nun wusste er, in welche Richtung er fliegen musste. Nach ein paar Minuten sollte er den Baum und damit seine Braut, erreicht haben. Doch schon nach kurzer Zeit, stieß er sich am Mond den Kopf.
»Autsch. Was ist denn das?«
Er flog ein weiteres Mal auf das Licht zu, schließlich hatte er gelernt, dass der Mond so weit entfernt war, dass keine Motte ihn jemals erreichen könnte. Doch auch diesmal stieß er sich ein weiteres Mal.
»Verdammt, das kann doch gar nicht wahr sein. Der Mond ist direkt vor mir. Wie kann er mir dann noch den Weg weisen? Ich bin doch noch gar nicht am Baum der Liebe angekommen.«
In seiner Verzweiflung flog er immer wieder auf das helle Licht zu. Irgendwann musste er einfach weiter voran kommen und den restlichen Weg finden.
Es wurde immer später. Die Minuten und Stunden rannen davon. Fritz bekam immer größere Angst, dass seine Freundin irgendwann die Geduld verlieren würde.
Nach einer ganzen Weile kam ein dicker Brummer vorbei geflogen.
»Hey, kleine Motte, was machst du denn da?«
»Ich fliege dem Mond entgegen, um meinen Weg zu finden, aber ich komme einfach nicht vorwärts. Ich bin schon völlig aus der Puste.«
Der Brummer musste laut lachen.
»Du bist mir ja ein komischer Geselle.«
Er nahm sich die Motte beiseite und setzte sich mit ihr auf einen Ast in der Nähe.
»Schau mal in diese Richtung dort. Das ist der Mond, dem du entgegen geflogen bist. Und wenn du jetzt mal in die andere Richtung siehst, entdeckst du dort den richtigen Mond. Du bist die ganze Zeit um eine Laterne geflogen. Die wurde von den Menschen aufgestellt, um die Straße zu beleuchten. Aber sie verwirren uns Insekten nur. Ich habe mehrere Tage zugebracht, bis ich hinter dieses Geheimnis gekommen bin.«
Fritz sah ein paar Mal nach Links und nach Rechts.  Zuerst wollte er nicht glauben, was er sah. Doch dann akzeptierte er seinen Fehler.
»Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich muss sofort los, damit ich meine Braut treffen kann.«
Fritz schlug mit seinen Flügel so kräftig, wie er konnte. Er sauste dem Mond entgegen und sah sich nach dem Baum um. Zum Glück erreichte er sein Ziel schon nach wenigen Minuten. Als er landete entdeckte er sofort Friederike. Noch bevor sie sich über seine Verspätung beschweren konnte, versuchte er ihr zu erklären, was geschehen war.
»Du glaubst ja nicht, was mir gerade passiert ist.«
Doch seine Freundin wollte davon nichts hören. Mit einer süßen Stimme stellte sie ihm eine Frage.
»Bist du denn nicht aus einem anderen Grund hierher gekommen?«
Da fiel es Fritz wieder ein.
»Willst du mich heiraten?«
Friederike fiel ihrem Fritz um den Hals, küsste ihn und antwortete mit einem Ja.

Sofie sah wieder aus dem Fenster und beobachtete die verwirrten Motten unter den Laternen.
»Und das ist der Grund, warum sie zu jedem Licht fliegen, dass sie sehen?«
Papa nickte.
»Und nun ab ins Bett mit dir.«
Er deckte seine kleine Tochter zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und wünschte ihr schöne Träume. Während er das Licht abschaltete und das Zimmer verließ, hörte er noch einmal Sofies kichernde Stimme.
»Ich glaube dir kein Wort davon.«

(c) 2009, Marco Wittler

190. Weiberfastnacht oder „Papa, was machen die Weiber im Rathaus?“ (Papa erklärt die Welt 28)

Weiberfastnacht
oder ›Papa, was machen die Weiber im Rathaus?‹

»… erstürmten die närrischen Weiber um elf Uhr elf die Rathäuser deutscher Städte. Unzählige Krawatten fielen diesem Überfall zum Opfer.«
Sofie machte große Augen. Eine Horde Frauen hatte den Bürgermeister aus seinem Büro vertrieben. Sie übernahmen die Macht über die Stadt.
»Können die denn die Arbeit des Bürgermeisters wirklich übernehmen?«, fragte sie?
Papa musste lachen, bevor er einen Versuch startete, ihr den Beginn des Karnevalsfestes zu erklären.
Sofie verzog den Mund und schmollte.
»Nun lach mich doch nicht aus. Ich bin noch klein und weiß nicht Bescheid.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Papa, was die Weiber da im Rathaus?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Also gut. Ich werde auch nicht mehr lachen, denn das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einer Horde Karnevalsweiber. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal vor langer Zeit eine kleine Stadt, in der die Menschen tagein und tagaus ihren Geschäften nachgingen. Doch einmal im Jahr änderte sich das.
Immer, wenn sich auf dem Kalender der Aschermittwoch näherte und mit ihm die Fastenzeit, legten die Männer der Stadt ihre Arbeit nieder. Eine Woche lang feierten sie rauschende Feste, aßen so viel sie konnten und tranken übermäßig Wein und Bier. Sie waren der Meinung, dass sie sonst die lange Fastenzeit bis Ostern nicht anders überleben konnten.
In der Zeit der großen Feste blieb die Arbeit natürlich nicht liegen. Die Männer bestanden darauf, dass sich die Frauen darum kümmern sollten.
So hatten die Frauen die stressigste Woche des ganzen Jahres vor sich. Sie kümmerten sich um den Haushalt, die Wäsche, die Kinder und nun auch noch um alles andere. Bis zum Abend waren sie kraftlos, müde und richtig sauer. Doch das interessierte die Männer nicht.

Irgendwann waren es die Frauen Leid. Wieder einmal stand die Karnevalszeit vor der Tür. Die Wein- und Bierfässer wurden in die Wirtschaften und Gasthäuser gebracht. Die Feste würden schon in wenigen Tagen beginnen. Doch dieses Mal sollte alles anders kommen.
In einer alten Waschküche standen fünf Waschweiber zusammen. Sie redeten über die bevorstehende Woche und sofort graute es ihnen.
»Dagegen muss man doch etwas unternehmen. Unsere Männer nutzen uns doch nur aus.«
Dieser Meinung waren sie alle. Also schmiedeten sie einen Plan.
»Aber wie sollen wir uns denn wehren? Der Bürgermeister achtet doch ganz genau darauf, dass die Männer nicht gestört werden.«
Also musste er als erster aus dem Weg geräumt werden.

Es war der Donnerstag vor Aschermittwoch. Der Bürgermeister saß in seinem Sessel und zitterte. Seit Urzeiten feierten die Männer ihren Karneval, ohne dabei gestört zu werden. Doch nun war das Gerücht umgegangen, dass die Weiber etwas dagegen unternehmen wollten. Man sagte sich, dass sie um elf Uhr das Rathaus erstürmen und die Macht übernehmen wollten. Aus diesem Grund hatte der Bürgermeister Soldaten vor den Eingangstüren postieren lassen.
Die Uhr schlug elf. Doch in den Straßen blieb es ruhig. Zuerst waren die Wachmänner unsicher. Doch mit jeder Minute wurden sie ruhiger und sicherer, dass alles nur Gerede gewesen sein. Nach ein paar Minuten verließen sie ihre Posten und kehrten in ihre Feierstuben zurück.
Auf diesen Augenblick hatten die Frauen nur gewartet. Die Uhr zeigte elf Minuten nach elf Uhr an. Mit Scheren bewaffnet lief eine Horde Weiber in das Rathaus hinein. Allen Männern wurden sofort die Krawatten abgeschnitten und die Schnürsenkel der Schuhe durchtrennt.
»Du meine Güte. Ohne meine Krawatte kann ich mich doch nicht auf dem Fest sehen lassen.«, riefen die einen verzweifelt.
»Hilfe. Wie soll man sich denn noch in diesen Schuhen fort bewegen?«, sagten die anderen.
Es dauerte nicht lange, bis auch der Bürgermeister den Weibern zum Opfer fiel. Er wurde aus seinem Büro vertrieben. Die Anführerin der Frauen stellte sich mit ihrer Krawattenbeute auf den Balkon und unterrichtete die Stadt darüber, dass nun die Weiber herrschen würden.
Sofort bekamen die Männer Angst. Mussten sie nun auf ihre Feiern verzichten? Würde nun alles anders herum ablaufen?
Doch die Frauen waren freundlich und hatten andere Ideen im Kopf.
»Wir feiern von nun an zusammen. Der heutige Tag gehört uns Weibern. Wir übernehmen das Rathaus, die Macht und den ganzen Spaß. Danach dürft ihr gerne wieder in die Gasthäuser einziehen.«
Mit diesem Vorschlag waren alle zufrieden. Ein paar Änderungen gab es dann aber doch noch. Die Frauen wollten jedem Mann zeigen, dass sie wirklich die Herrschaft übernommen hatten. Also verkleideten sie sich als Bürgermeister, Lehrer, Bäcker und was ihnen noch alles einfiel.

Sofie lachte.
»Da sind die Weiber und Frauen ja sehr schlau gewesen. Man darf die Männer ja nicht immer alleine feiern lassen.«
Sie drückte Papa an sich.
»Das ist endlich mal eine Geschichte von dir, die ich dir wirklich glaube.«
Sie ging in ihr Zimmer, verkleidete sich und kam anschließend mit ihrer Bastelschere in das Wohnzimmer gestürmt. Sie schnitt Papa die Krawatte vom Hals und strahlte über das ganze Gesicht.
»Jetzt habe ich die Macht hier im Haus.«, sagte sie zu Papa.
»Also gehst du jetzt in die Küche und kümmerst dich um das Mittagessen. Ich werde mich so lange um den Fernseher kümmern. Der gehört für heute mir.«

(c) 2009, Marco Wittler

189. Wie von Geisterhand oder „Papa, wie kommt der Geist in die Flasche?“ (Papa erklärt die Welt 27)

Wie von Geisterhand
oder ›Papa, wie kommt der Geist in die Flasche?‹

»Nachdem der Flaschengeist seinem Herrn die drei Wünsche erfüllt hatte, verschwand er und ward nie mehr gesehen.«
Papa schloss das Buch und legte es zur Seite. Sofie sah auf das bunte Titelbild. Sie konnte noch nicht lesen, wusste aber ganz genau, was dort stand: Geschichten aus tausend und einer Nacht.
»So einen Geist hätte ich auch gern.«, sagte sie schließlich.
»Dann würde ich mir zuerst noch viel mehr Wünsche wünschen. Das wäre richtig toll.«
Sie lachte und Papa stimmte mit ein.
»Jetzt wird es aber Zeit zu schlafen. Morgen geht es wieder in den Kindergarten.«
Sofie ließ sich die Decke bis unter die Nase ziehen. Doch dann zog sie sie wieder weg.
»Papa, wie kommt der Geist eigentlich in die Flasche? Irgendwer muss ihn doch hinein gestopft haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Flaschengeist. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein junger Geist namens Ishmael. Er lebte von morgens bis abends in den Tag hinein, genoss sowohl Regen, als auch Sonnenschein und war manchmal etwas frech.
Nur zu gern trieb er sich in den Städten der Menschen herum, sauste durch Wohnhäuser und Geschäfte. Immer wieder erschreckte er die Passanten auf den Straßen oder die Verkäuferinnen auf dem Basar. Dann verzog er sich immer schnell auf eines der schwer zu erreichenden Dächer und lachte, bis ihm der Bauch weh tat.
So hätte es noch viele hundert oder sogar tausend Jahre weiter gehen können. Doch dann kam ein schicksalhafter Tag, denn der junge Geist wurde übermütig.
In der Welt der Geister fand eine große Tagung statt. Alles, was Rang und Namen hatte, traf sich in einer tiefen Höhle unter der Stadt Bagdad. Die Wände waren bunt geschmückt und kein einziger Sitzplatz war frei geblieben.
Pünktlich trat ein großer und stattlicher Geist nach vorn an das Rednerpult. Er straffte seine durchsichtige Erscheinung und wandte sich dann den Zuhörern zu.
»Verehrte Gespenster, Geister und andere Wesen – liebe Freunde.
Wir haben uns heute versammelt, um einige wichtige Beschlüsse für die Zukunft zu fällen. Wie jeder von euch mittlerweile bemerkt hat, vermehren sich die Menschen immer mehr. Sie breiten sich auf der ganzen Welt aus. Für uns ist immer weniger Platz vorhanden. Es wird daher von Tag zu Tag schwieriger, nicht von ihnen entdeckt zu werden. Daher möchte ich nun Vorschläge hören, was wir zu unserem Schutz machen sollen.«
Hörbares Schweigen breitete sich aus. Alle sahen gespannt hin und her und warteten auf die ersten Ideen. Aber niemand schien sich etwas ausgedacht zu haben.
In diesem Moment war ein lautes Scheppern zu hören. Es kam von der Höhlendecke. Dort lösten sich gerade einige Töpfe und Eimer. Sie fielen zu Boden und entleerten eine große Menge Wasser im ganzen Raum.
Ein paar der anwesenden Geister wurden sofort unsichtbar oder verschwanden in kleinen Wandritzen. Doch die meisten wurden nass.
Ishmael schwebte unter der Decke und lachte leise vor sich hin.
»Wer war das?«, fragte der Obergeist laut.
Man konnte ihm die Wut ansehen. Sein bleiches Gesicht war so rot, wie eine reife Tomate.
»Ich verlange, dass man den Übeltäter vor mich bringt.«
Der junge Geist wollte gerade unsichtbar verschwinden, doch das ging nicht mehr.
»Was soll denn das?«
Er musste feststellen, dass in der ganzen Höhle ein Zauber wirkte. Niemand konnte in diesem Moment hinein oder hinaus.
Der Obergeist sah nach oben und entdeckte ihn.
»Komm sofort herunter, du ungezogener Bengel.«, schrie er.
Ishmael gehorchte und durfte sich nun eine Gardinenpredigt anhören, die sich gewaschen hatte. Doch dabei blieb es nicht. Im Saal mehrten sich die wütenden Stimmen. Jeder anwesende Geist wusste etwas über ihn zu berichten.
»Der macht doch nur Ärger.«, rief jemand.
»Er erschreckt jeden Menschen, der ihm über den Weg läuft.«, beschwerte sich ein anderer.
»Er geht mir immer auf den Geist.«, klagte ein besonders altes Gespenst.
Der Obergeist wollte zunächst nicht glauben, was er da hörte. Doch dann sah er Ishmael mit finsterer Miene an.
»Wie mir scheint, bist du ein Quälgeist, wie er im Buche steht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als dich zu bestrafen. Anders ist unsere Gemeinschaft nicht wirksam vor der Entdeckung durch die Menschen zu schützen.«
Eine Strafe? Ishmael glaubte, sich verhört zu haben. Es war noch nie zuvor ein Geist für seine Handlungen bestraft worden.
»Wir werden dich für eine lange Zeit einsperren.«
Das Urteil war gesprochen. Doch wie sperrte man einen Geist ein? Aus jedem Gefängnis konnte er mit einem Augenzwinkern entfliehen.
Alle sahen sich um. Doch etwas geeignetes war nicht zu finden. Ishmael atmete beruhigt auf.
Er drehte sich im Kreis und entdeckte eine alte Flasche in einer Ecke. Er holte sie und hielt sie dem Obergeist unter die Nase.
»Wenn ihr mich unbedingt einsperren wollt, dann versucht es doch mit dieser Flasche.«, witzelte er.
»Wenn ihr wirklich so mächtig seit, könnt ihr mich darin für immer gefangen halten.«
Er lachte. Doch dann wurde er ergriffen und und in die Flasche gesteckt und ein Korken in die Öffnung gestopft.
Ishmael stockte zuerst der Atem. Doch dann lachte er wieder. Er war ein Geist. Eine simple Glasflasche konnte ihn nicht aufhalten. Er machte sich unsichtbar und schwebte durch die Flasche hindurch. Jedenfalls hatte er es sich so gedacht.
»Autsch.«, rief er. Er hatte sich den Kopf gestoßen.
Der Obergeist sah in die Flasche hinein und grinste.
»Du bist mit einem mächtigen Zauber belegt worden. Du wirst so lange in der Flasche bleiben, bis jemand den Korken zieht. Damit das aber nicht geschieht, werde ich sie persönlich ins Meer werfen.«
So geschah es dann auch. Ishmaels Flasche versank auf den Grund des Meeres.

Viele Jahre später kam ein großer Sturm auf. Der Wind peitsche das Wasser vor sich her. Riesige Wellen türmten sich auf und wühlten durch den Meeresboden. Ishmaels Flasche kam in Bewegung. Sie wurde von den Strömungen hin und her gerissen, bis sie schließlich an einem Strand liegen blieb.
Der Wind wurde schwächer, die Wellen kleiner und die Strömungen verschwanden. Als dann auch noch die Sonne wieder zum Vorschein kam, ging ein Mann am Ufer spazieren.
»Was glitzert denn da im Sand?«, fragte er sich und ging neugierig näher.
Er hatte eine verkorkte Flasche gefunden.
»Hinein sehen kann ich nicht. Aber sie ist schwer genug, um gefüllt zu sein. Ob da etwas zu Trinken drin ist?«
Erwartungsvoll zog er den Korken aus dem Hals. Doch dann erschrak er und wurde kreidebleich. In der Flasche schien ein Feuer zu brennen, denn es kam dichter Rauch aus ihr heraus. Als dieser dann verschwand, schwebte plötzlich ein Geist in der Luft.
»Mein Name ist Ishmael.«, sagte der Geist.
»Viele Jahrhunderte war ich in dieser Flasche eingesperrt. Aber da du mich befreit hast, gewähre ich dir drei Wünsche.«
Der Mann war begeistert. Hatte er nur mit einem alten Tropfen Wein gerechnet, bekam er nun was er wollte. Er führte einen Freudentanz auf.
»Ich wünsche mir, der reichste Mann der Welt zu sein.«
Ishmael nickte und grinste von einem Ohr zum anderen.
»Dein Wunsch ist mein Befehl.«
Er schnippte mit den Fingern. Sofort regnete es Goldmünzen vom Himmel. Die Freude des Mannes wurde größer und größer. Doch ehe er es sich versah, war er vom Gold eingesperrt. Viele Meter war türmte sich der Schatz um ihn herum auf. Er war nun gefangen.
Ishmael lachte und verschwand. Er machte sich auf die Suche nach einer großen Stadt. Endlich konnte er nun wieder Menschen ärgern.

Sofie machte große Augen.
»Das war aber kein freundlicher Geist.«
Papa lachte.
»Da siehst du mal, dass ein Flaschengeist nicht unbedingt gut sein muss. Die meisten von ihnen sind ganz schön finstere Gestalten.«
Sofie zuckte nur mit den Schultern.
»Das ist mir egal. Ich glaube dir von deiner nämlich kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, zog sich die Decke bis unter die Nase und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

173. Babylieferanten oder „Papa, woher kommen die Babys?“ (Papa erklärt die Welt 26)

Babylieferanten
oder ›Papa, woher kommen die Babys?‹

Der Postbote war gerade wieder gegangen. Sofie hatte schon hinter der Tür gewartet und holte nun die vielen Briefe herein. Alle Briefe, die wichtig aussahen, legte sie auf einen, die viele Werbung auf einen anderen Stapel. Zuletzt blieb ein einzelner Umschlag übrig. Auf ihm war die Zeichnung eines kleines Babys aufgedruckt. Neugierig ging sie damit ins Wohnzimmer.
»Papa, ich weiß nicht, wohin ich diesen Brief sortieren soll.«
Papa setzte seine Lesebrille auf und besah sich den Absender oben links in der Ecke.
»Schau mal einer an. Das ist Post von deiner Tante Susanne. Sie hätte uns doch auch anrufen können. Was mag da wohl drin sein?«
Vorsichtig riss er den Umschlag an einer Seite auf und zog eine Karte daraus hervor.
›Wir sind Eltern geworden.‹, stand auf der ersten Seite neben dem Foto eines kleinen Babys.
»Sie sind Eltern geworden? Haben Tante Susanne und Onkel Michael jetzt ein eigenes Baby?«
Sofie war ganz aufgeregt. Endlich war sie nicht mehr das einzige Kind in der großen Familie.
»Sieht ganz danach aus. Wir sind sogar zu einer kleinen Feier eingeladen. Da muss ich doch anrufen und zusagen.«
Noch während Papa nach dem Telefon suchte, drehte Sofie die Karte in ihren Händen hin und her und besah sie sich ganz genau. Als Papa dann schließlich mit dem Telefon neben ihr stand, fiel seiner Tochter eine Frage ein.
»Papa, woher kommen eigentlich die Babys?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach. Dann legte er betont seufzend den Apparat beiseite.
»Ich glaube, wir werden wohl etwas später mit Tante Susanne telefonieren, denn du hast eine wirklich eine gute Frage gestellt. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Babys. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein junger Storch namens Adam in einem fernen Land. Als er heran wuchs, tobte er sehr viel mit seinen Freunden über die Wiese, flog in wilden Kreisen durch den Himmel und jagte den schnellen Fröschen hinterher. Doch irgendwann kommt für jeden Storch die Zeit, eine wichtige Aufgabe zu übernehmen.
An seinem Geburtstag wurde Adam vom Ältesten abgeholt.
»Nun ist der Moment gekommen.«, sagte Adebar mit andächtiger Stimme.
»Ich werde dir nun alles erklären, was du für die Zukunft wissen musst.«
Gemeinsam flogen sie fort zu einer weit entfernten Wiese.
»Dieser Ort ist der Beginn von allem. Es ist der Platz des Lebens und wir Störche wachen schon seit Urzeiten über ihn.«
Zunächst konnte Adam nicht verstehen, was an dieser Wiese so besonders war. In ihrer Mitte stand ein einzelner riesiger Baum. Um ihn herum saßen unzählige Störche und warteten. Hin und wieder startete einer von ihnen, flog unter dem Baum hindurch und verschwand kurz darauf in den Wolken.
»Der Baum des Lebens. An seinen Ästen wachsen kleine Menschenbabys in Körbchen heran. Wenn es Zeit für sie ist, geboren zu werden, fallen sie herab. Wir fangen sie mit unseren Krallen am Tragegriff auf und bringen sie an jeden Ort der Welt.«
Adam war fasziniert von diesem Gedanken. Er hatte vorher nie gewusst, wie die Menschen geboren wurden. Sie legten schließlich keine Eier wie die Vögel.
»Aber woher wissen wir, zu welchen Eltern sie gehören?«
Adebar lachte.
»Mach dir darüber keine Sorgen. Du wirst es wissen, wenn du das erste Mal ein Körbchen aufgefangen hast.«
Er wies Adam einen Platz zu, breitete seine Flügel aus und flog davon.
»Du wirst deine Sache gut machen, davon bin ich überzeugt.«
Mit diesen Worten verschwand der Älteste zwischen den Wolken.
Adam war sich unsicher. Er glaubte, seiner neuen Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Jedes Mal, wenn ein Körbchen vom Baum fiel, sah er schnell in eine andere Richtung.
»Mach dir keine Sorgen. So schlimm ist es nicht.«, sagte plötzlich sein Nachbar.
»Ich hätte mir an meinem ersten Tag fast vor Angst in die Hosen gemacht. Aber schließlich habe ich mich doch getraut.«
In diesem Moment erklang wieder das Geräusch eines Körbchens, das sich von einem der Äste gelöst hatte.
»Na los, stürz dich in das Abenteuer der Menschengeburt. Jetzt bist du dran.«, hörte Adam und bekam einen Klaps auf den Rücken.
Er konnte sich nicht mehr halten und war nun gezwungen, zu fliegen. Mich kräftigen Flügelschlägen raste er auf den Baum zu. Er sah das fallende Körbchen. Sofort wuchs seine Angst.
»Ich werde es nicht rechtzeitig schaffen. Das Körbchen wird auf dem Boden aufschlagen und das Baby wird verletzt.«
Adam war tatsächlich zu langsam. Doch kurz vor dem Boden wurde das Körbchen langsamer und blieb schließlich in der Luft schweben.
»Hier wird niemals einem Baby etwas geschehen.«, rief einer Störche.
»Es ist für uns nur ein Wettstreit. Wir schauen gern, wer sein Körbchen am Schnellsten erwischt.«
Adam schnappte sich den Tragegriff und stieg in die Luft hinauf. Wo lag nun sein Ziel? Würde er die richtigen Eltern finden?
Da sah er plötzlich einen hellen Lichtpunkt am Horizont. Er schien ihn magisch anzuziehen.
»Dort ist es. Da wird das kleine Baby geboren werden.«
Er setzte sich in Bewegung und sah während des Fluges immer wieder den kleinen Menschen an, wie er friedlich in dem Körbchen schlief.
Ein paar Stunden später stellte Adam seine Fracht vor einer Haustür ab, drückte auf die Klingel und versteckte sich auf dem Dach. Er sah zu, wie die neuen Eltern ihr Kind freudig in die Arme schlossen.
Als der Storch schließlich am Abend auf seinen Platz vor dem Baum des Lebens zurück kehrte, berichtete er den anderen von dem warmen Gefühl in seinem Herzen.
»Das ist der Grund, warum wir diese Aufgabe vor so langer Zeit übernommen haben.«, hörte er nun wieder die Stimme Adebars. Der Älteste war sehr zufrieden mit seinem neuen Schüler.

»Ein Storch hat das Baby zu Tante Susanne gebracht?«
Papa nickte.
»Sind denn seine Krallen und Flügel kräftig genug für so ein schweres Körbchen?«
Papa nickte wieder und griff erneut zum Telefon.
»Und jetzt rufen wir Tante Susanne an, um ihr zu sagen, dass wir sehr gerne zu Besuch kommen werden, um uns das Baby anzusehen.«
Sofie dachte noch immer angestrengt darüber nach, was sie gerade gehört hatte.
»Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Sie musste lachen, während Papa gespielt gekränkt die Arme vor der Brust verschränkte.
»Und warum glaubst du mir nicht?«
Sofie war noch etwas eingefallen.
»Die Mama von Anna aus dem Kindergarten hat einen ganz dicken Bauch. Sie hat gesagt, dass da ein Baby drin ist. Also kann das mit dem Storch doch gar nicht stimmen.«
Papa dachte nach.
»Alles, was ich dir über den Storch erzählt habe, ist wahr. Die Sache mit dem dicken Bauch ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich dir vielleicht Morgen.«

(c) 2009, Marco Wittler

172. Das falsche Vogelküken oder „Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?“ (Papa erklärt die Welt 25)

Das falsche Vogelküken
oder ›Papa, warum hat der Kuckuck kein eigenes Nest?‹

Sofie saß an ihrem Fenster und sah in die Welt hinaus. Nur wenige Meter vom Haus entfernt begann der Wald. In einem der Bäume war ein Vogelnest zu sehen. Immer wieder hielt sie sich ein dickes Fernglas vor die Augen und beobachtete genau, was dort vor sich ging. Immer wieder kehrten die Vogeleltern zurück und brachten dem Küken Würmer und Insekten zum Fressen. Aber irgendwas schien da nicht zu stimmen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was beobachtest du denn da?«, fragte er interessiert.
Sofie gab ihm das Fernglas und deutete auf das kleine Nest.
»Das Küken dort sieht ganz anders aus, als seine Eltern.«
»Das ist ja seltsam.«, murmelte Papa.
Er besah sich alles ganz genau und kam zum selben Ergebnis wie seine Tochter.
»Da stimmt tatsächlich etwas nicht. Ich hole uns mal schnell ein Vogellexikon aus meinem Regal. Dann schauen wir nach, was das für Vögel sind.«
Er lief ins Wohnzimmer, kramte dort ein wenig herum und kam schließlich mit einem dicken Buch zurück. Er blätterte alle Seiten durch, bis er schließlich ein passendes Foto fand.
»Das ist ein Zaunkönig. Aber das Küken passt gar nicht dazu.«
Papa dachte angestrengt nach, bis ihm etwas einfiel und er ein paar Seiten weiter blätterte.
»Du wirst es nicht glauben, aber in dem Nest wird ein Kuckuck groß gezogen. Die brüten nämlich ihre eigenen Eier nicht aus, sondern legen sie heimlich in fremden Nestern ab. Und wenn dann das Küken geschlüpft ist, wirft es die restlichen Eier oder Küken einfach raus.«
Sofie bekam große Augen.
»Fair ist das nicht. Aber so machen sie es halt.«, erklärte Papa weiter.
Damit wollte sich Sofie aber nicht zufrieden geben. Sie kratzte sich ein wenig am Kinn und dachte nach. Schließlich hatte sie eine Idee.
»Mir fällt da gerade eine Geschichte ein. Die habe ich vor kurzem erst gehört. Sie handelt zufällig von einem Kuckuck. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Papa sah sie erstaunt an, denn normalerweise erzählte er doch immer etwas.
»Und wie fängt die Geschichte an?«, fragte er.
»Es war einmal.«, antwortete Sofie und gluckste schon vor Freude.

Es war einmal ein Zaunkönigpärchen.
Nach dem langen Winter kam es aus seinem warmen Versteck gekrochen und suchte sich einen schönen Platz für ein neues Nest. Es sollte nicht zu hoch gelegen sein. Auf einem Baumast, um den ein Busch herum gewachsen war, lag die ideale Stelle.
Sofort begannen die beiden mit dem Bau des Nestes. Aus Moos, kleinen Zweigen, trockenen Blättern und Stengeln bauten sie eine kleine runde Höhle.
»Darin wird uns niemand etwas anhaben können.«, sagten sie sich stolz.
Schon nach wenigen Tagen legte das Weibchen fünf Eier in das Nest und polsterte sie mit warmen Federn und Moos. Wenn es nicht gerade unterwegs war, um etwas zu fressen, saß es nun darauf und brütete ihre Jungen aus.
Eines schönen Tages kam das Pärchen von der nahen Wiese zurück. Sie hatten gerade ein paar Würmer zum Frühstück gefressen, als sie einen großen grauen Vogel in der Nähe ihres Nestes entdeckten. Sofort bekamen sie Angst, dass ihren Jungen etwas zugestoßen sein könnte. Doch dann sahen sie, dass alle Eier noch unversehrt waren.
»Hattest du nicht fünf Eier gelegt?«, fragte das Männchen.
»Dort liegen aber nun sechs.«
Das war wirklich seltsam. Aber wie sollte auf einmal ein weiteres Ei auftauchen? Sie einigten sich schließlich darauf, sich beim ersten Mal verzählt zu haben.

Zehn Tage später tat sich etwas im Nest. Etwas bewegte sich. Eine Eierschale knackte laut und ein Küken schlüpfte. Sofort riss es seinen Schnabel auf und rief laut, denn es hatte unglaublich großen Hunger.
Sofort kamen die Elternvögel herbei geflogen und brachten etwas zu fressen. Das Neugeborene wurde aber nicht richtig satt. Es piepte und zwitscherte so laut, dass die Mutter und Vater sofort wieder auf Nahrungssuche flogen.
Und nun sah sich das Küken in Ruhe um.
»Eins, zwei, drei, vier und fünf. Fünf kleine Geschwister habe ich also um mich herum.«
Und wie es der Zufall wollte, knackten bei ihnen ebenfalls die Schalen auf.
»Dann wollen wir doch erst einmal für mehr Platz sorgen.«
Mit den Flügeln schob das Küken die Eier hin und her, bis es sie schließlich vor dem Ausgang liegen hatte und eines nach dem anderen hinaus warf.
»Wenn es euch nicht mehr gibt, bekomme ich mehr zu Fressen. So einfach ist das.«
Diese grausame Tat wurde nicht von einem kleinen Zaunkönig ausgeführt, sondern von einem Kuckuck. Seine richtige Mutter hatte sein Ei einfach in einem fremden Nest abgelegt, was die Vogeleltern nicht ahnten, aber den noch ungeborenen anderen Küken nun bewusst wurde.
Die fünf Eier fielen hinab und landeten im Dickicht. Dort platzten die Schalen auf und die Küken sahen zum ersten Mal  den Sonnenschein.
»Prima. Kaum hat das Leben begonnen, schon hat man uns raus geschmissen. Was sollen wir denn nun machen?«
Völlig hilflos saßen sie dort und zwitscherten verzweifelt. Immer wieder kamen ihre Eltern zum Nest zurück und fütterten das falsche Kind, während sie hungernd zuschauen mussten. Niemand hörte sie klagen und weinen.
Der Kuckuck hatte es sich nun richtig gemütlich gemacht. Sein Magen füllte sich nach und nach. Es konnte einfach nicht schöner sein. Das Einzige, was ihn störte, war das seltsame Zwitschern unter seinem Nest.
»Was ist das denn bloß?«, fragte er sich immer wieder.
Schließlich sah er hinaus und entdeckte die kleinen Zaunkönige, die nicht vor und zurück wussten.
»Sie werden dort wohl verhungern. Aber das ist ja nicht mein Problem.«
Und doch war es ein komisches Gefühl, darüber nachzudenken.
»Ich halte das einfach nicht mehr aus.«, rief der kleine Kuckuck plötzlich.
Er riss mit seinem Schnabel einen Ast aus dem Nest und hielt ihn aus der Öffnung.
»Los, klettert daran herauf.«
Die anderen Küken konnten nicht glauben, was sie da hörten, kletterten trotzdem sofort nach oben.
»Es tut mir leid, was ich euch angetan habe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich davon so ein schlechtes Gewissen bekommen würde. Ich verspreche euch, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.«
Und so wuchsen nun in dem kleinen Nest sechs junge Vögel heran, die das Futter gerecht unter sich verteilten.

»Das war aber eine schöne Geschichte.«, lobte Papa.
»Ich wusste gar nicht, dass du so etwas kennst.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, da kannst du nur staunen. Und nun werde ich nach draußen gehen und sie dem Kuckuck da drüben erzählen. Vielleicht ändert er dann seine Meinung und lässt seine Geschwister leben. Das wäre doch viel schöner.«
Papa schmunzelte, als er seiner kleinen Tochter zusah, wie sie zum Waldrand flitzte.

(c) 2009, Marco Wittler

170. Der Hirte oder „Papa, warum sehen die Wolken wie Schäfchen aus?“ (Papa erklärt die Welt 24)

Der Hirte
oder ›Papa, warum sehen Wolken wie Schäfchen aus?‹

Sofie saß verträumt vor ihrem Fenster und sah in den blauen Himmel hinauf, der langsam dunkler wurde. Hin und wieder zog eine kleine weiße Wolke über ihn hinweg. In diesem Moment kam Papa in ihr Zimmer.
»Du liegst ja noch gar nicht im Bett. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit zum Schlafen.«
Sofie stand langsam auf und legte sich in ihr  Bett. Papa zog ihr die Decke bis knapp unter die Nase und wollte gerade ein Buch mit Gute Nacht Geschichten aus dem Regal holen, als seiner Tochter etwas einfiel.
»Papa, warum sehen die Wolken eigentlich wie Schäfchen aus?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in einer Zeit, in der man noch nicht so gut über das Wetter Bescheid wusste. Die Bauern mussten einfach darauf hoffen, dass es genug Regen gab, damit ihre Felder nicht vertrockneten. Aber die Sonne musste ebenfalls reichlich scheinen, sonst verkümmerten die Pflanzen. Würde der nächste Winter mild ausfallen oder mussten die Menschen mehr Brennholz für die kalten Monate sammeln? Selbst die Kriegsheere wussten nie, ob sie bei einer Schlacht nasse Füße bekamen. Einen Wetterbericht gab es noch nicht.

Eines Tages saß König Theodor von Rotenfels in seinem Thronsaal und empfing seinen höchsten militärischen Berater.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen, euer Majestät.«, begann dieser zu erklären.
»Mit hoch erhobenem Haupt zogen unsere Soldaten in die Schlacht gegen unser Nachbarland Schwarzenberg. Es sah danach aus, als würden wir den Krieg gewinnen. Doch dann zogen tiefgraue Wolken über den Himmel und es regnete wie aus großen Fässern. Das Schlachtfeld verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in Matsch und unsere Männer verloren darin ausnahmslos ihre Stiefel und Strümpfe. Es blieb uns nichts anderes übrig, als und zurück zu ziehen. So etwas ist uns noch nie zuvor geschehen. Die gegnerischen Truppen haben uns ausgelacht und verhöhnt.«
Als der König das hörte, wurde er wütend. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Er rief sofort nach seinen Beratern und dem Hofzauberer.
»Meine Herren, es muss unbedingt etwas gegen dieses verdammte Wetter unternommen werden. Es kann nicht sein, dass ich als König über alles und jeden bestimmen kann, nur die Wolken am Himmel widersetzen sich mir. Lasst euch also etwas einfallen.«
Die Berater zogen sich sogleich zurück, während der Zauberer sofort eine Idee im Kopf hatte.
»Wenn ihr erlaubt, euer Majestät, werde ich den Himmel verhexen. Er wird dann nur noch auf euer Wort hören.«
Er stellte sich an das Fenster, wirbelte wild mit seinem Zauberstab durch die Luft und murmelte Beschwörungen vor sich hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Sofort sah der König hinaus und rief dem Himmel entgegen.
»Lass die Wolken verschwinden und zeige mir die Sonne.«
Doch nichts geschah.
Wütend drehte er sich um, doch sein ängstlicher Zauberer war bereits aus dem Thronsaal verschwunden.

Ein paar Tage später traten die Berater wieder vor den König. Sie mussten ihm mitteilen, dass sie keine Lösung für das Problem gefunden hatten. Der Himmel entzog sich einfach ihrer Macht.
»Aber es muss doch etwas geben, wie wir das Wetter für unsere Zwecke manipulieren können.«, sprach der König verzweifelt vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.
»Wenn man die Wolken so einfach zusammen und fort treiben könnte, wie der Hirte dort unten seine Schafe, dann wäre das eine feine Sache.«
Er kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eigentlich keine so schlechte Idee. Schnappt euch den Hirten da unten und bringt ihn in den Himmel zu den Wolken. Er soll von nun an dort oben seine Arbeit verrichten.«

Und so geschah es auch schon am nächsten Tag. Mit einer riesigen Schleuder schickte man den Schäfer in den Himmel. Von diesem Moment an, hütete er die vielen Wolken. Regelmäßig schien nun die Sonne und es regnete nur, wenn es vom König erlaubt wurde.
Ein paar Wochen später standen sich wieder die Kriegsheere von Rotenfels und Schwarzenberg gegenüber. Schon bald sollten sie in die Schlacht ziehen. Doch in dem Moment, als die ersten Soldaten aufeinander zu stürmten, begann es wie aus Eimern zu regnen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Boden wieder in Matsch.
König Theodor beobachtete das alles  von seinem Fenster aus und wurde wütend, als der die dunklen Wolken erblickte. Nun würden seine Männer wieder Stiefel und Strümpfe verlieren. So konnte man einfach keinen Krieg gewinnen.
Sofort rief er zum Wolkenschäfer hinauf und befahl ihm, die Wolken fort zu treiben. Doch dieser hatte etwas ganz anderes im Sinn.
»Mein König, ich kann die Wolken nicht vertreiben, denn Krieg ist eine schlimme Sache. Die Soldaten kämpfen und werden sich gegenseitig töten. Das Land des Verlierers fällt in Armut und den Bewohnern wird es sehr schlecht gehen. Sie werden nicht genug zu Essen haben und werden daher viel öfter krank sein. Das kann ich einfach nicht zulassen. Gerne werde ich weiterhin das Wetter nach euren Wünschen gestalten. Aber einen Krieg wird es nicht mehr geben, solang ich die Wolken hüte.«
Irgendwie hatte der Hirte Recht, sagte sich der König. Jeder Krieg sorgte für große Probleme. Aber trotzdem mussten Schlachten ausgetragen werden. Sonst konnte man sich seine Gegner nicht vom Hals schaffen.
»Ich hätte da eine Idee.«, schlug der Wolkenschäfer vor.
»Einigt euch mit den Schwarzenbergern auf Frieden. Ich kann auch für zwei Länder die Wolken kontrollieren. Und wenn unsere beiden Länder miteinander Handel treiben, profitieren wir alle davon.«

Ein paar Minuten später sah man einen prunkvoll gekleideten Mann auf das Schlachtfeld gehen. Es war König Theodor. In seiner Hand hielt er einen Friedensvertrag, den er den gegnerischen Truppen übergab.
Schon kurz darauf dachte niemand mehr an einen schrecklichen Krieg.

»Und deswegen sehen die Wolken aus wie Schäfchen?«, fragte Sofie.
Papa nickte und zwinkerte mit dem rechten Auge.
»Der Hirte brauchte doch etwas, das er gewohnt war. Vorher sahen die Wolken noch ganz anders aus.«
Nun musste Sofie lachen.
»Deine Geschichten sind wirklich klasse. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, drehte sich um und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

147. Der vergessliche König oder „Papa, was ist denn das Echo?“ (Papa erklärt die Welt 23)

Der vergessliche König
oder ›Papa, was ist denn das Echo?‹

Sofie mühte sich einen Berg hinauf. An ihren Schultern hing ein gut gefüllter Rücksack und hinter hier schnaufte Papa den Weg entlang.
»Wie weit ist es denn noch bis zum Gipfel?«, fragte sie erschöpft.
»Es ist nicht mehr weit.«, antwortete Papa.
»Wir sollten in ein paar Minuten angekommen sein.«
Und er behielt Recht. Schon ein wenig später ging es nicht mehr weiter. Sie hatten die Bergspitze erreicht. Über ihnen gab es nur noch den Himmel.
»Hui, von hier aus hat man aber eine tolle Aussicht.«, schwärmte Sofie.
Sofort holte sie ihre kleine Kamera aus dem Rucksack und schoss ein paar Fotos in alle Himmelsrichtungen. Doch dann fiel ihr etwas auf.
»Warum steht hier oben eigentlich ein so großes Kreuz? Hier finden doch bestimmt keine Gottesdienste statt.«
Papa musste lachen.
»Das nicht. Aber das Kreuz markiert genau den höchsten Punkt des Berges. Und in dem Kreuz ist ein kleines Buch versteckt, in dem sich jeder eintragen darf, der es bis hierher geschafft hat.«
Sofie umrundete das Kreuz mehrfach, bis sie tatsächlich hinter einer unscheinbaren Klappe ein kleines Heft und einen Stift fand.
»Schreiben wir da jetzt auch unsere Namen rein?«
Papa nickte. Er hielt seiner kleinen Tochter das Buch hin und half ihr bei den einzelnen Buchstaben, da sie noch ein Kindergartenkind war. Dann setzte er seinen Namen dazu und tat ebenso unbeholfen.
Sofie strahlte über das ganze Gesicht. Dies war der erste Berg, den sie komplett bestiegen hatte.
»Juhu!«, rief sie, so laut sie nur konnte.
»Juhu!«, rief kurz darauf jemand zurück.
Irritiert sah sie sich um. Es war aber weit und breit niemand zu sehen.
»Was war denn das? Will mich da jemand veralbern? Ich kann niemanden außer uns entdecken.«
Sofort verfinsterte sich ihre Miene.
»Du hast doch wohl nicht mich im Verdacht?«
Papa nahm sich seine kleine Tochter auf den Schoß.
»Was du gehört hast, ist das Echo. Es wiederholt alles, was man laut gerufen hat.«
Sofie sah ihn ungläubig an.
»Papa, was ist denn das Echo?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Entstehung des Echos. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter König. Er herrschte über ein großes Reich mitten in den Bergen. Und auf der höchsten Spitze stand sein stattliches Schloss. Jeden Morgen ging er auf seinen Balkon, sah über sein Land hinweg und war mit sich zufrieden.
»Ach, ist das ein schöner Tag heute. Dieses Wetter ist eines Königs wert.«
Danach betrat er seinen Thronsaal und hörte sich die Probleme seiner Bürger an.
Nach und nach kamen die Bauern seiner Ländereien herein und erzählten von den schlechten Ernten. Daraufhin ließ der König seine Getreidespeicher öffnen, damit das Volk genug zu Essen bekam.
Auch die normalen Bürger kamen zu einer Audienz. Sie berichteten von Dieben, Verbrechern und gemeinen Überfällen. Auch dafür hatte der weise König eine Lösung. Er schickte seine Ritter in die Städte, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Doch mit der Zeit wurde der König immer älter. Sein Bart wurde länger, seine Haare weißer und sein Gedächtnis etwas schlechter.

Eines schönen Morgens stand er wieder auf seinem Balkon und erfreute sich ein weiteres Mal an seinem Reich.
»Ach, ist das herrlich heute. Nur zu gern würde ich mein Pferd satteln und durch die Wälder reiten.«
Während er sich ankleidete dachte er über etwas nach. Dann ging er erneut auf seinen Balkon und erfreute sich ein weiteres Mal an der Aussicht.
»Ach, ist das herrlich heute.«
Der König verzog das Gesicht. Irgendwas stimmte da nicht.
»War ich heute nicht schon hier? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Das ist ja seltsam.«
Nachdenklich ging er in seinen Thronsaal und hörte sich die Sorgen seines Volkes an und versuchte, ihre Probleme zu lösen.
Am Abend legte er sich mit einem unguten Gefühl ins Bett.

Ein weiterer Tag brach an. Der König stellte sich auf seinen Balkon und begrüßte die aufgehende Sonne.
»Ach, wie herrlich du dein Licht über mein Land strahlst. Meine Weinbauern werden es dir danken.«
Er zog sich seine Sachen an, putzte sich die Zähne und betrat seinen Balkon.
»Ach, wie herrlich die Sonne heute scheint.«
Erneut verfiel er ins Grübeln.
»Nein, nein, nein. Das darf doch nicht war sein. Mein Gedächtnis wird immer schlechter. Ich muss etwas unternehmen, sonst werde ich eines Tages mein Reich nicht mehr richtig regieren können.«
Etwas nachdenklich begab er sich wieder in seinen Thronsaal, um sich die Probleme seines Volkes anzuhören. Noch immer gab er sich viel Mühe für alles eine Lösung zu finden, doch heute war er nicht so richtig bei der Sache. In seinem Kopf dachte er ständig über sein schlechtes Gedächtnis nach, sofern er selbst das nicht gerade wieder vergessen hatte.
Kurz vor der Mittagszeit kam ein junger Mann vor den König. Mit einer ungewöhnlich lauten Stimme brachte er sein Leid vor.
»Eure Majestät. Ich leide darunter, dass ich keine Arbeit finde und bettelarm bin. Aber niemand will einen Mann einstellen, der so laut redet wie ich. Aber ich kann nicht anders. Das ist mir angeboren.«
Der König überlegte. So etwas Außergewöhnliches hatte er noch nie gehört. Daher bat er alle anderen Besucher, am nächsten Tag zurück zum Schloss zu kommen. Für dieses Anliegen brauchte er viel mehr Bedenkzeit. Außerdem wollte er sich mit dem jungen Burschen beraten.

Den ganzen Tag saßen die beiden nun im königlichen Arbeitszimmer. Der König murmelte meist vor sich hin, während man den Bürger noch außerhalb der Schlossmauern hören konnte.
Doch plötzlich hatte der König eine Idee.
»Ich hab es. So können wir gleich zwei Probleme auf einmal lösen.«
Der junge Mann sah auf einmal sehr glücklich aus. Er hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass ihm jemand helfen würde.
»Erzählt mir bitte von eurem Einfall. Ich werde alles für euch machen.«
»Nun gut. Ich leide selber seit einiger Zeit unter einem großen Problem. Ich werde von Tag zu Tag vergesslicher. Zumindest geht es mir in den Morgenstunden so. Wenn ich auf meinem Balkon stehe und die Sonne begrüße, vergesse ich fast sofort, dass ich es auch getan habe.«
Der Bursche verstand noch nicht, was sein König sich ausgedacht hatte.
»Ich werde dir ein Haus auf einem der umliegenden Berggipfeln bauen lassen. Dort kannst du den Rest deines Lebens verbringen. Und jeden Morgen, wenn ich den Tag begrüße, wirst du mir zuhören und anschließen laut wiederholen, was ich gesagt habe. Dadurch wird es mir dann auch im Gedächtnis verbleiben.«

Und so geschah es dann auch ein paar Wochen später. Auf einem nahen Berg wurde ein stattliches Haus gebaut, in dem der Bursche von nun an lebte.
Jeden Morgen stand er beim ersten Hahnenschrei auf und wiederholte des Königs Worte. Diese Aufgabe machte ihm sogar so viel Spaß, dass er auch alles andere nachplapperte, was Besucher in den Bergen sprachen.

»Und so soll das Echo entstanden sein?«
Sofie schaute ungläubig. Papa nickte.
»Das ist die reine Wahrheit. Ich habe das Haus des Echo selbst einmal gesehen.«
Sofie sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Papa sah sich schnell um und verwies mit seinem Zeigefinger auf einen kleineren Berg, der in einer Wolke versteckt war.
»Dort ist es. Nur leider kann man es wegen des Wetters gerade nicht sehen.«
Nun musste Sofie lachen. Sie nahm Papa an die Hand und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück ins Tal.
»Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.

(c) 2008, Marco Wittler