502. Der Zahnschmerzkobold

Der Zahnschmerzkobold

Daniel hielt sich die Hand auf die Wange. Sein Gesicht sah sehr gequält aus. Er hatte nämlich Zahnschmerzen.
„Au. Das tut schrecklich weh. Kann das nicht endluch aufhören?‟
Den ganzen Tag verkroch er sich schon unter seiner Bettdecke und wollte niemanden sehen. Aber nach ein paar Stunden waren die Schmerzen so stark, dass er es nicht mehr aushielt. Er schlich sich ins Wohnzimmer und seufzte einmal laut.
„Mama, ich hab Zahnschmerzen. Kann man was dagegen tun, ohne sofort zum Zahnarzt gehen zu müssen? Du weißt doch, dass ich Angst habe.‟
Mama machte ein ernstes Gesicht und schüttelte den Kopf. „Da kann ich dir leider nicht helfen. Das muss sich der Zahnarzt anschauen.‟

Eine halbe Stunde später saß Max im Behandlungsstuhl und öffnete ängstlich seinen Mund. Der Zahnarzt sah hinein und grinste.
„Es wundert mich nicht, dass du Zahnschmerzen hast.‟ sagte er.
In deinem Mund hat sich sin hungriger Zahnschmerzkobold eingenistet. Er ernährt vom Zahnbelag. Wenn man sich dann seine Zähne nicht richtig putzt, wird er ganz dick, kugelrund und braucht dann so viel Platz zwischen deinen Zähnen, dass es weh tut.‟
Max wurde rot im Gesicht und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Ich werde mir ab jetzt immer meine Zähne  putzen. Das verspreche ich.‟
Der Zahnart nickte zufrieden und entfernte den Zahnschmerzkobold mit einer Pinzette.

(c) 2014, Marco Wittler

317. Der Geschenkekobold

Der Geschenkekobold

Sophie-Louise war aufgeregt, den heute hatte sie Geburtstag.
Gerade in diesem Moment kamen ihre kleinen Gäste und jeder hatte ein hübsch verpacktes Geschenk in Händen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, sagten sie nacheinander und legten ihre Pakete auf einen großen Tisch.
»Wir packen sie aus, wenn wir Kuchen gegessene haben.«, entschied Sophie-Louise.
Also setzten sich die Kinder an den Esstisch und verdrückten bergeweise Kuchen, Muffins und alles, was irgendwie essbar aussah. Dabei wurde viel gelacht und sie hatten alle eine Menge Spaß.
»So, jetzt packe ich die Geschenke aus.«, entschied Sophie-Louise.
Sie stand auf und lief zum Gabentisch. Ihre Freunde rannten alle hinterher. Doch plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen. Die Geschenke waren plötzlich verschwunden.
»Mama.«, rief Sophie-Louise verwirrt.
Doch auch Mama konnte sich das alles nicht erklären.
»Da treibt aber jemand einen ganz besonders gemeinen Schabernack. Müssen wir wohl das ganze Haus durchsuchen.«
Und schon verteilten sich die Kinder. Sie suchten in Ecken und Schränken. Fündig wurden sie allerdings nicht. Nicht einmal unter den Betten war etwas zu finden.
Doch plötzlich machte Sophie-Louise eine Entdeckung. In einer Flurwand war eine Geheimtür eingelassen, die nicht richtig geschlossen worden war.
Vorsichtig zog sie mit dem Finger daran und öffnete sie. Und was kam dabei zum Vorschein? Richtig. Die Geschenke. Und dazwischen saß ein kleiner, traurig ausschauender Kobold.
»Ich hab doch heute auch Geburtstag. Und niemand schenkt mir etwas.«, sagte er mit weinerlicher Stimme.
Inzwischen waren auch die anderen Kinder aufgetaucht. Gemeinsam überlegten und beratschlagten sie sich.
Am Ende schlug dann Mama etwas vor.
»Wenn du die Geschenke wieder ihrer richtigen Besitzerin zurück gibst, werden wir dich auch beschenken.«
Der Kobold schaute die Menschen misstrauisch an, willigte dann aber trotzdem ein.
Die Kinder jubelten. Sie machten sich sofort auf die Suche nach kleinen, hübschen Geschenken, die sie in Windeseile einpackten.
Nach ein paar Minuten waren sie fertig und übergaben sie dem Kobold, der sich noch nie in seinem Leben so sehr über etwas gefreut hatte.
»Und jetzt machen wir unsere Geschenke auf«, sagte Sophie-Louise.
Gemeinsam rissen die beiden Geburtstagskinder das Geschenkpapier auf und bestaunten ihre Geschenke.

(c) 2010, Marco Wittler

268. Der Zahncremekobold

Der Zahncremekobold

Melanie stand mit Mama zusammen im Bad und sah mit großen Augen in den Spiegel.
»Und jetzt die Zahnbürste in den Mund. Deine Zähne sollen doch schön sauber werden.«, sagte Mama.
Melanie nickte, machte ihren Mund ganz weit auf und wollte gerade anfangen, als ihr Blick auf die Borsten fiel.
»Mehr Creme Mama.«
Mama blicke auf die Bürste und seufzte.
»Ist dir das denn noch nicht genug?«
Melanie schüttelte kräftig den Kopf. Da durfte sie noch ein wenig Creme zusätzlich aus der Tube drücken.
»Und nun wird geputzt.«
Und schon sauste die Zahnbürste über die Zähne. Es ging hin und her und der Belag wurde komplett weg geschrubbt.
»Bin fertig Mama.«
Melanie spülte ihren Mund aus und nahm wieder die Tube in die Hand.
»Nochmal drücken. Mehr Creme.«
Doch Mama nahm sie ihr aus der Hand.
»Nein, mein Schatz, du bist jetzt fertig. Geh in dein Zimmer und spiel ein wenig.«
Nun seufzte Melanie und schlurfte aus dem Bad.
Nun kümmerte sich Mama um den Haushalt. Sie räumte die Spülmaschine aus, bügelte die Wäsche und wunderte sich irgendwann, warum ihre kleine Tochter so leise war.
»Ist alles mit dir in Ordnung, mein Schatz?«, rief sie durch das Haus.«
»Alles gut, Mama. Musst nicht rauf kommen.«, war die Antwort.
Das mache Mama natürlich besonders misstrauisch. Sie unterbrach ihre Arbeit und schlich die Treppe nach oben.
»Was machst du denn da?«, fragte sie erstaunt, als sie ins Bad sah.
»Melanie Zähne putzen.«
Mama schüttelte nur den Kopf.
»Das sieht eher nach Bad putzen aus. Deine Zähne sind doch gar nicht so groß.«
Auf dem Boden lagen dicke blaue Zahncremewürste. Auf dem Waschbecken und der Wanne sah es nicht besser aus.
»Dich darf man auch nicht mit der Tube allein lassen.«
»Melanie Zähne putzen.«, sagte das kleine Mädchen trotzig.
Heute Abend wieder mein Schatz. Jetzt muss ich hier erstmal sauber machen.«
Mama schickte ihre Tochter zurück ins Kinderzimmer und suchte sich einen großen Lappen.
Melanie setzte sich auf ihr Bett und schmollte. Es machte doch so viel Spaß auf die Tube zu drücken. Also schmiedete sie bereits neue Pläne, wie sie wieder an die Zahncreme kommen konnte.
Genau in diesem Moment machte es ›plopp‹ und ein kleines Männchen erschien wie von Zauberhand.
»Hallo, kleines Mädchen. Ich bin der Zahncremekobold.«, sagte er grinsend.
»Ich habe gehört, dass du so gern auf die Tube drückst.«
Melanie bekam zuerst große Augen, doch dann nickte sie heftig.
»Macht Spaß.«, sagte sie.
»Ja, das stimmt. Aber die Creme ist nicht zum Spielen gedacht. Damit putzt man sich nur die Zähne. Denn wenn die Tube leer ist, bekommt man seine Zähne nicht mehr richtig sauber und bleiben schmutzig. Davon können sie dann krank werden und ausfallen. Und das willst du doch bestimmt nicht.«
Nein, das wollte Melanie wirklich nicht. Sofort versprach sie dem Zahncremekobold, nie wieder mit der Tube zu spielen.
»Melanie will schöne Zähne haben.«, sagte sie, als sich der kleine Besucher verabschiedete und mit einem weiteren ploppen verschwand.

»Mama, will Zähne putzen.«, rief Melanie etwas später nach dem Abendessen wieder durch das ganze Haus.

(c) 2009, Marco Wittler

123. Eine Reise durch die Zeit

Eine Reise durch die Zeit

Nick saß gelangweilt vor dem Fernseher und wechselte von einem Programm auf das nächste. Bei jedem Sender sah er für einige Sekunden zu, war dann aber der Meinung, noch etwas besseres finden zu können. So ging es die Senderliste rauf und runter. Aber am Ende war nichts dabei, was er sehen wollte.
»Ach, mir ist so unendlich langweilig.«, maulte er und lies dann doch einfach einen uninteressanten Film laufen.
»Wir haben über hundert Sender, aber auf keinem läuft etwas Gutes. Das kann doch nicht wahr sein.«
Er sah sich um, konnte aber niemanden sehen. Sein Vater war noch arbeiten und seine Mutter stand in der Küche und machte den Abwasch vom Mittagessen.
»Prima, dann kann mich ja auch keiner erwischen, wenn ich mir eine Tüte mit Chips hole.«
Nur einen Augenblick später saß Nick wieder im Sessel und knabberte munter vor sich hin.
»Wenigstens etwas.«
Doch die Langeweile verschwand einfach nicht.
Mittlerweile war seine Mutter ins Wohnzimmer gekommen und sah ihrem Sohn zu.
»Warum gehst du denn nicht nach draußen und spielst da mit deinen Freunden? Das Wetter ist doch so schön heute.«
Sie hatte recht. Die Sonne schien und es war schön warm.
»Von denen hat doch keiner Zeit. Die haben jetzt alle eine Playstation oder einen Computer zu Hause. Die sitzen den ganzen Tag über da dran und spielen nur noch. Das würde ich auch gern machen, aber ich bekomme so ein Ding ja nicht von euch. Also muss ich mich halt vorm Fernseher langweilen.«
Schon sehr oft hatte Nick mit seinen Eltern über den Kauf eines Computers geredet. Aber er hatte nie Glück dabei gehabt. Sie waren der Meinung, dass man auch ohne Strom genug Spiele spielen konnte. Man musste sich nur etwas einfallen lassen.
»Das mit dem Computer hatten wir doch schon, Nick.«, sagte seine Mutter, um ihren Unwillen noch einmal zu bekräftigen.
»Wenn du älter bist und einen für die Schule brauchst, dann können wir noch einmal drüber reden. Aber nur zum Spielen sind sie einfach viel zu teuer.«
Sie ging zur Gartentür und öffnete sie, während sie mit der Fernbedienung den Fernseher abschaltete.
»Und nun raus mit dir. Schnapp ein wenig frische Luft. Das tut dir gut und du kommst vielleicht auf andere Gedanken.«
Nick stand gequält auf und schleppte sich gespielt aus dem Haus. Noch einmal sagte er, wie langweilig es draußen wäre, hatte aber trotzdem keine Chance gegen seine Mutter.
Er kletterte an einem Seil in den Kirschbaum hoch und verkroch sich in seinem Baumhaus. Von dort aus konnte er den ganzen Garten und die umliegenden Straßen beobachten, wurde aber selber nicht gesehen. Es war das perfekte Versteck.
»Hey, du kleiner Langweiler. Willst du nun den ganzen Tag über in deiner Holzhütte versauern oder wirst du doch noch etwas spielen?«
Wo kam denn diese Stimme plötzlich her und wem gehörte sie? Nick war sich nicht sicher. Er sah aus den Fenstern heraus und lies seinen Blick über den Boden schweifen. Er konnte allerdings niemanden entdecken.
»Ich hab dich was gefragt. Willst du mir nicht antworten?«
Da war sie wieder. Doch diesmal lies sich ein kleiner Mann, nicht größer als ein Fuß lang war, vom Dach herab und kletterte durch eines der Fenster herein.
»Wer … was bist du?«, stammelte Nick.
»Ich heiße Attal und bin ein Kobold. Ich lebe im Stamm deines Baumes. Und es lies sich nicht verhindern, zu bemerken, dass du keine Lust zum Spielen hast.«
Nick erzählte von den Computern seiner Freunde, vom langweiligen Fernsehprogramm und von seiner Mutter, die ihn jeden Tag aufs Neue antrieb, draußen etwas zu unternehmen.
»Sie sagt immer, dass sie früher nichts anderes getan hätten. Sie hätten keine Spiele am Computer gehabt, da es so etwas damals noch gar nicht gab. Aber das glaube ich ihr nicht.«
Der Kobold hatte sich alles angehört und dachte nach.
»Du sollst also, wie die Kinder früher, hier draußen spielen und dir fällt nichts ein?«
Nick nickte.
»Ohne meine Freunde ist es doch eh viel zu langweilig.«
»Dann wollen wir doch mal schauen, ob ich daran nicht etwas verändern kann.«
Attal kramte umständlich in einer seiner Taschen und holte eine handvoll Staub daraus hervor. Er holte tief Luft und blies den Staub in alle Himmelsrichtungen fort.
Auf einmal begann die Luft um das Baumhaus zu glitzern. Es kam Nick vor, als wären überall Glühwürmchen. Doch dann war wieder alles wie zuvor.
»Das war ja ein ganz toller Trick. Und nun soll meine Langeweile verfliegen? Daran glaubst du doch selber nicht.«
»Du wirst schon sehen.«, sagte der Kobold und kletterte wieder aus dem Fenster.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis ein anderer Junge die Straße entlang gelaufen kam. Es war Daniel, der gerade in diesem Moment durch ein kleines Tor in den Garten kam.
»Nick? Bist du da? Kannst du schnell mal her kommen? Bei uns ist etwas ganz Schreckliches geschehen.«
Nick kletterte zum Boden und lies sich erzählen, was passiert war.
»Ich habe gerade noch an meinem Computer gesessen und das neueste Spiel gespielt, als plötzlich alles um herum zu Glitzern begann und sich der Computer auflöste. Er ist komplett verschwunden, als wenn es ihn nie gegeben hätte. Kannst du dir das vorstellen?«
Nick konnte es nicht. Das hörte sich auch viel zu verrückt an. Doch nach und nach tauchten weitere seiner Freunde auf und erzählten ihm die gleiche Geschichte.
»Ihr wollt mich doch nur veräppeln. Ihr habt euch abgesprochen und lügt mich an.«
Nick ging wütend ins Haus. Doch als er den ersten Schritt durch die Tür gemacht hatte, stockte ihm der Atem. Der Fernseher war verschwunden. An seiner Stelle stand auf einem alten Tisch ein noch viel älteres Radio. Was war bloß geschehen?
Mittlerweile waren sie zu fünft. Gemeinsam gingen die Jungen von Haus zu Haus. Doch fanden sie das Gleiche. Eigentlich müsste man sogar sagen, dass sie nichts fanden, denn es gab keine Computer und keine Fernseher mehr. Sie waren verschwunden.
»Hey, Jungs. Kommt ihr auch gleich ins Stadtzentrum? Das Rennen fängt gleich an. Das wollt ihr doch bestimmt nicht verpassen.«
Es war Daniels Vater, der zu Fuß unterwegs war und die Jungen einlud, mit ihm zu kommen.
»Welches Rennen?«, fragten sie sich. Die Antwort darauf sahen sie dann aber direkt auf einem Plakat, das an einem Baum hing.

Heute großes Seifenkistenrennen in der Stadt!

Von rennenden Kisten hatten sie noch nie etwas gehört. Aber da sie nun eh nichts anderes machen konnten, gingen sie mit in die Stadt.
Die Hauptstraße war gesperrt worden. Das hatten die Jungen noch nie erlebt. In der Mitte stand eine große Rampe, auf der kleine, selbst gebaute Holzautos. In jedem saß ein Kind. Sie warteten gespannt auf den Start.
Plötzlich ertönte ein Schuss aus einer Startpistole. Auf der Rampe wurde eine kleine Sperre herab gelassen und die Autos fuhren los. Nun wurde es richtig aufregend, denn keiner der Rennfahrer hatte einen Kettenantrieb. Sie mussten darauf hoffen, dass sie weiter als die anderen fuhren und dadurch schneller das Ziel erreichten. Die leicht abschüssige Straße gab ihnen zusätzlich Fahrt mit auf den Weg. Erst nach ein paar hundert Metern kamen sie ins Ziel und wurden von jubelnden Eltern empfangen.
»Das sind Seifenkisten?«, fragte Daniel.
»Das sind ja richtig coole Dinger. So ein Auto will ich auch mal fahren. Das ist besser als jedes Computerspiel.« sagte Nick.
In diesem Moment erschien Attal. Unsichtbar war den Jungen gefolgt und alles mitbekommen.
»Habt ihr also doch Gefallen an den Spielen eurer Eltern und Großeltern gefunden? Die brauchten damals keine Computer und Fernseher. Sie waren von morgens bis abends draußen, spielten gemeinsam oder bastelten mit ihren Vätern an ihren Seifenkisten, um beim nächsten Rennen als Sieger ins Ziel zu fahren.«
Der Kobold holte erneut eine handvoll Staub aus seiner Tasche und blies sie fort. Ein weiteres Mal glitzerte es überall. Die Rennstrecke verschwand und machte dem alltäglichen Straßenverkehr platz. Die Jungen waren wieder in ihrer eigenen Zeit angelangt.
»Und nun habt ihr die Wahl, meine Freunde.«, sagte der Kobold.
»Entweder ihr geht alle einzeln nach Hause und setzt euch vor eure Computer und Fernseher oder ihr macht etwas gemeinsam.«
Nick und seine Freunde wussten genau, was sie nun unternehmen wollten. Sie dankten Attal und liefen so schnell es ging in den nächsten Laden und baten den Verkäufer um ein paar alte Holzkisten. Es wäre doch gelacht, wenn sie die alte Tradition der Seifenkistenrennen nicht wieder aufleben lassen könnten.
Und so begann für diese fünf Jungen der erste Tag mit wirklich richtig coolen Spielen.

(c) 2008, Marco Wittler