620. Volles Haus

Volles Haus

Tief in der Nacht öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer. Tommi lag unter seiner Decke und schlief tief und fest. Das jemand herein kam, bekam er gar nicht mit. So verpasste er den dicken Mann mit weißem Bart und rotem Mantel.
Es war der Weihnachtsmann, der sich auf leisen Sohlen herein schlich. Er sah sich um und hielt Ausschau nach einem guten Platz, um das Weihnachtsgeschenk abzulegen. Da sich im Wohnzimmer in diesem Jahr kein Christbaum befand, musste er auf der Kinderzimmer ausweichen.
Der Weihnachtsmann wollte gerade wieder gehen, als sich hinter ihm die Tür öffnete. Sofort bekam er Schweißperlen auf der Stirn. Würde man ihn entdecken oder konnte er noch rechtzeitig ein Versteck finden?
Nein, nicht mit seinem dicken Bauch. Also wartete er einfach auf das, was passieren würde. Statt eines anderen Kindes oder Timmis Eltern kam ein alter Mann mit weißem Bart und dickem Bauch herein.
„Du hier? Ein wenig spät, meinst du nicht auch?“
Der zweite Mann wurde rot im Gesicht und sah verschämt zu Boden.
„Tut mir leid. Ich hab es nicht eher geschafft. An Nikolaus lag ich mit Grippe im Bett.“
Der Nikolaus wollte gerade ein Geschenk aus seinem Sack holen, da begann es vor seinen Augen zu glitzern. Dann erschien vor seinen Augen eine Frau mit wunderschönen Flügeln am Rücken.
„Oh je.“, sagte sie entschuldigend. „Ich wusste nicht, dass ihr in diesem Zimmer bei der Arbeit seid.“
Der Weihnachtsmann seufzte.
„Ich wäre auch schon längst weg, wenn mich der Nikolaus nicht aufgehalten hätte. Und wenn wir schon dabei sind, was machst du eigentlich hier?“
Die Frau lächelte und holte einen Taler aus einem Beutel.
„Ihr wisst doch, dass ich die Zahnfee bin. Tommi hat heute einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt. Es ist mein Job, ihn einzutauschen.“
„Ja. Das stimmt. Das kann ich nur bestätigen. Die Zahnfee macht nur ihre Arbeit.“, hörten sie plötzlich aus dem Flur.
Die drei Anwesenden drehten sich erschreckt um und blickten in das Gesicht des Christkinds.
„Und ich mache auch grad nur meine Arbeit.“, sagte es entschuldigend und quetschte sich mit in das kleine Kinderzimmer.
„Ihr wisst schon. Geschenke und so.“
„Und nicht nur Geschenke.“, brummte plötzlich eine düstere Stimme durch den Raum.
Mitten unter ihnen wurde plötzlich jemand sichtbar. Zuerst konnte man noch nur seinen Körper hindurch sehen wie durch einen Geist. Doch dann gewann er immer mehr an Gestalt.
„Gestatten, Knecht Ruprecht oder auch der Krampus. Wie es euch auch immer belieben mag.“
Der grimmig ausehende Mann blickte von einem Gesicht zum nächsten.
„Hat hier jemand nach mir gerufen? Gibt es hier ein Kind, das unartig war und die Rute verdient hat?“
„Nein!“, stöhnte der Nikolaus. „Du bist hier ganz falsch. Hast dich wohl im Haus geirrt.“
„Sagt mal, könnt ihr nicht mal etwas leiser reden oder einfach verschwinden? Tommi und ich versuchen hier in Ruhe zu schlafen.“
Zehn Augen richteten sich ängstlich auf das Bett. Waren sie nun doch erwischt worden?
Im Arm des Jungen lag ein kuschliger Hase, der ziemlich sauer aussah. Es war der Osterhase.
„Was machst du denn hier?“, fragten fünf Münder gleichzeitig.
„Ist mein Nebenjob.“, erklärte der Hase grinsend. „Ich habe nur einen Tag im Jahr Arbeit. Deswegen bin ich die restliche Zeit Tommis Kuscheltier. Und jetzt macht euch auf die Socken und verschwindet. Wir wollen schlafen und ihr habt eure Aufgaben zu erledigen.“
Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkind legten ihre Geschenke auf den Schreibtisch und gingen durch die Tür nach draußen. Die Zahnfee tauschte den verlorenen Zahn gegen einen Taler und verschwand gleichzeitig mit Knecht Ruprecht in einer Glitzerwolke.
„Na endlich.“, seufzte der Osterhase. „Ich dachte schon, ich komme gar nicht mehr in den Schlaf.“

(c) 2017, Marco Wittler

455. Der Kuschelwuschelhund

Der Kuschelwuschelhund

Jule saß traurig vor dem Fenster und starrte in den grauen Himmel. Aus den dicken Wolken fielen unzählige dicke Regentropfen, durch die die Pfützen immer größer wurden.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Papa, als er den Kopf durch die Zimmertür steckte.
Jule zuckte nur mit den Schultern und wendete ihren Blick nicht vom Regen ab. Doch dann begann sie zu weinen und hielt Papa das Telefon hin.
»Mama hat gerade angerufen, als du im Keller warst. Sie kommt zwei Tage später nach Hause. Sie muss länger arbeiten.«
Papa nahm Jule in den Arm und drückte sie sanft an sich.
»Das tut mir Leid, mein Spätzchen. Ich verspreche dir aber, dass ich die ganze Zeit für dich da sein werde.«
»Danke, Papa.«, seufzte Jule leise.
»Dabei hatte ich mich so gefreut, endlich ein neues Kuscheltier zu bekommen. Mama hatte versprochen, mir einen Hund zu nähen. Aber das wird jetzt leider nichts.«
Wieder rollten ein paar dicke Tränen über ihre Wangen und tropften in den Teppich.
»Ich hab Morgen eine Überraschung für dich, als Ausgleich für Mamas genähten Hund. Das ist ein Versprechen, dass auch eingelöst wird. Und ich bin mir ganz sicher, dass Mama jetzt auch gern hier bei uns wäre, um dir den Hund zu nähen.«

Bis zum Abend hatte sich Jule beruhigt. Papa hatte ihr am Bett ein paar Geschichten erzählt. Nun saß er im Wohnzimmer, fluchte und schimpfte die ganze Zeit vor sich hin. Zwischendurch war immer wieder ein ‚Aua‘ zu hören.
»Ich sollte nicht immer auf so dumme Ideen kommen und etwas versprechen, das so schwer ist.«
Auch wenn er gern aufgehört hätte, machte er fleißig weiter. Die Überraschung sollte schließlich bis zum nächsten Morgen fertig sein.

Am nächsten Morgen, pünktlich um acht Uhr hüpfte Jule aus ihrem Bett. Sie war so neugierig, dass sie es einfach nicht länger aushielt. Sie zog sich gar nicht erst um, sondern lief sofort die Treppe runter und steuerte auf das Wohnzimmer zu.
Papa lag schlafend auf dem Sofa. Um ihn herum lagen Stoffreste, Watte, unzählige verknotete Fäden, Nadeln, Knöpfe und vieles mehr.
»Was ist denn hier los?«, fragte Jule neugierig.
Papa wurde wach, schreckte hoch und sah sich kurz verwirrt um, bevor er merkte, wo er sich befand.
»Oh, du bist schon wach?«, fragte er.
Dann griff er neben sich und holte ein kleines Geschenk hervor.
»Das ist für dich.«, überreichte er es seiner Tochter.
Jules Augen wurden ganz groß und strahlten vor Freude.
»Für mich?«
Sie wartete keine weitere Antwort ab, sondern riss das Geschenkpapier sofort auf. Darin fand sich ein kleiner, von Hand genähter Hund.
»Ich weiß.«, entschuldigte sich Papa.
»Er ist nicht der schönste Hund. Ich habe auch ein paar Fehler beim Nähen gemacht. Mama kann das bestimmt viel besser als ich, aber es ist das allererste Mal, dass ich überhaupt etwas genäht habe.«
Jule grinste und warf sich an Papas Hals.
»Ach was. Das ist der allerschönste Kuschelwuschelhund, den ich je gesehen habe. Ich hab dich lieb, Papa.«
In diesem Moment öffnete sich die Haustür und Mama kam herein.
»Ich durfte doch schon etwas früher nach Hause fahren.«, sagte sie müde und hielt ihrer Tochter einen weiteren Kuschelwuschelhund entgegen.
»Oh, wie toll.«, freute sich Jule.
»Jetzt habe ich gleich zwei tolle Kuscheltiere und die besten Eltern der ganzen Welt.«

(c) 2013, Marco Wittler

313. Dem Täter auf der Spur

Dem Täter auf der Spur

»Oh, nein.«
Michi war entsetzt.
»Er ist verletzt. Was soll ich denn jetzt machen?«
In diesem Moment kam Kati in das Zimmer und sah sich genau um.
»Nichts anfassen.«, sagte sie kurz und knapp.
»Das hier ist ein Tatort. Es dürfen keine Spuren durch irgendeine falsche Bewegung zerstört werden.«
Dann stellte sie sich ganz nah vor Mich auf.
»Was genau ist passiert?«
Michi drückte sich ein paar Tränen aus den Augen und zeigte mit der rechten Hand auf den Boden.
»Teddy wurde verletzt. Und nun liegt er völlig hilflos da auf dem Boden.«
Tatsächlich. Es hatte Teddy erwischt. Ihm fehlte das rechte Bein und aus der großen Wunde war sein weiches Füllmaterial gerissen worden.
Kati hatte sofort einen Verdacht.
»Wo waren sie, als Teddy überfallen wurde.«
Michi stutzte.
»Was soll denn das heißen? Du glaubst doch nicht, dass ich ihm das angetan hätte. Er ist mein allerliebster Freund.«
Diese Erklärung schien ihm zuerst zu reichen. Doch dann war er sich nicht sicher, ob Kati sich sich damit zufrieden geben würde.
»Außerdem war ich im Kindergarten.«, fügte er schließlich noch hinzu.
»Es wird sich noch zeigen, ob das stimmt.«
Kati zog eine Lupe aus der Tasche, kniete sich hin und besah sich den Boden um Teddy herum.
»Ich brauche mehr Licht, damit ich keine Spuren übersehe.«
Sie drückte ihrem Bruder eine Taschenlampe in die Hand. Das Abdeckglas hatte sie mit einem blauen Tuch bespannt.
»So machen die das im Fernsehen auch immer.«
Michi musste nun alles ordnungsgemäß beleuchten.
»Ahaaa.«, rief Kati plötzlich triumphierend.
»Ich habe eine Spur.«
Sie hatte ein paar Fussel von Teddys Füllung gefunden, die quer über den Boden lagen.
»Sie führen auf den Flur. Das ist ja interessant.«
Mit der Lupe krabbelte sie der Spur nach. Michi lief ihr nach und beleuchtete alles, so gut er konnte.
Auf den Fliesen des Flurs war die Spur noch deutlicher zu sehen. Nach ein paar Metern verlief sie in das Wohnzimmer.
Es ging durch mehrere Ecken, auf das Sofa, wieder zurück auf den Boden und schließlich endete sie vor einem großen Körbchen.
»Oh, nein. Bello!«
Bello wusste sofort, was er getan hatte. Schuldbewusst blickte der Hund nach unten auf Teddys Bein, an dem er bis vor ein paar Sekunden genagt hatte.
»So geht das aber nicht.«, entschloss sich Kati, nahm Bello seine Beute weg und drückte sie Michi in die Hand.
»Fall gelöst. Da staunst du, was?«
Michi sah in seine Hand.
»Und wer macht Teddy jetzt wieder gesund?«
Seine Schwester überlegte.
»Nichts leichter als das.«
Sie verschwand kurz aus dem Wohnzimmer, durchwühlte die Spielzeugkiste im Flur und kam mit einem Arztkoffer zurück.
»Das ist eine Aufgabe für Doktor Kati.«
Sie nahm Michi das zerkaute Bein ab und lief ins Kinderzimmer.
»Aus dem Weg. Doktor Kati muss eine Notoperation machen.«

(c) 2010, Marco Wittler

246. Der erste Teddy

Der erste Teddy

Teddy saß auf seinem Lieblingsast hoch oben in einem riesigen Baum. An diesem Ort verbrachte er gern seine Freizeit, wenn er gerade nichts anderes zu tun hatte, was meistens der Fall war.
Von hier oben konnte fast die ganze Welt überblicken. Nur am Horizont hatte das Auge seine Grenze.
Teddy rieb sich über seinen dicken Bauch und fühlte sich pudelwohl. Gerade hatte er einen großen Keks in sich hinein gestopft und war nun richtig satt.
»So ein Leben ist schön. Von früh bis spät auf der faulen Haut liegen und nichts tun.«, sagte er sich.
Doch in diesem Moment gab es einen kräftigen Windstoß. Teddy konnte sich nicht mehr rechtzeitig am Baum festhalten und purzelte vom Ast nach unten.
»Hilfe.«, schrie er. Aber es hörte ihn niemand. Seine Freunde lagen auf ihren eigenen Ästen und hielten einen Mittagsschlaf.
»So helft mir doch.«, versuchte er es abermals.
Und mit einem lauten Plumps landete er auf dem weichen Waldboden.
»Das hat aber ganz schön weh getan.«
Er rieb sie mit der Pfote über den Po und dachte mit Schrecken daran, dass er bald einen großen blauen Fleck an dieser Stelle haben würde.
Teddy sah sich um. Er war noch nie in seinem ganzen Leben am Boden gewesen. Er fragte sich, wie er wieder in die luftige Höhe kommen sollte, denn an seinen Pfoten fehlten starke Krallen, um am Baumstamm nach oben klettern zu können.
»O je, o je. Was mache ich denn jetzt?«
Auch wenn er es besser wusste, versuchte es Teddy mit Klettern. Aber schon nach mehreren Zentimetern rutschte er wieder ab und saß auf dem Boden.
In diesem Moment hörte er Schritte, die den Weg entlang kamen.
»Das müssen Menschen sein, die einen Spaziergang machen.« flüsterte er sich zu.
Schnell versteckte sich Teddy in einem Gebüsch. Er hatte ganz schreckliche Geschichten über die Menschen gehört.
Schon kamen sie um die Ecke. Sie waren zu dritt. Zwei von ihnen waren sehr groß, der dritte ein ganzes Stückchen kleiner.
Der kleine Mensch hielt ein weiteres, felliges Tier an einer Leine fest.
Das Tier schnupperte wie wild in der Gegend herum. Plötzlich schien es etwas entdeckt zu haben und lief zielstrebig auf den Busch zu.
»Nein, bitte nicht.«
Teddy war entdeckt und wurde im Maul des Tieres auf den Weg getragen.
»Böser Hund, lass das fallen.«, sprach der kleine Mensch.
Der Hund gehorchte sofort und legte Teddy ab.
»Was ist denn das?«, fragte einer der großen Menschen, kam allerdings nicht mehr dazu, sich den Fund genauer anzuschauen, denn der kleine Mensch hob Teddy bereits auf und drückte ihn an sich.
»Der ist ja unglaublich weich. Darf ich den behalten?«
Behalten? Teddy bekam Angst. Er wollte doch in seinem Wald bleiben. Doch alles Zittern und Bibbern half nichts. Der kleine Mensch ließ ihn nicht mehr los.

Eine Stunde später betraten sie ein großes Haus. Sofort stürmte der kleine Mensch in sein Zimmer und setzte Teddy auf ein weiches Bett.
»So, hier ist dein neues Zuhause. Wenn du artig bist und auf mich wartest, bekommst du auch gleich etwas leckeres zu Fressen.«
Teddy war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Fressen klang immer gut, denn sein Magen knurrte bereits. Außerdem war das Bett so weich, wie kein einziger Ast seines Baumes.
»Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich schon längst bei den Menschen eingezogen. Das ist ja wirklich paradiesisch hier.«
Er legte sich mit dem Rücken auf das Bett und wartete darauf, gefüttert zu werden. Nur wenige Minuten kam dann auch der kleine Mensch mit einem leckeren Apfel zurück.

Spät am Abend, als die Sonne bereits verschwunden war, saß Teddy am Fenster und sah zu den hohen Bäumen hinaus. Die Menschen schliefen bereits tief und fest.
»Beim nächsten Spaziergang, wenn wir wieder im Wald sind, werde ich allen meinen Freunden von den Menschen erzählen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie sich dann auch von einem Kind finden lassen wollen.«
Dann drehte er sich um, schloss seine Augen und begann leise zu schnarchen.

(c) 2009, Marco Wittler

148. Timmis grüner Bär

Timmis grüner Bär

Als Timmi noch ein kleines Baby war, bekam er zu seine Taufe ein Kuscheltier geschenkt. Es war ein Teddybär, den seine Patentante Michaela für ihn ausgesucht hatte.
Die Ohren des Bären waren ein wenig klein geraten, die Knopfaugen dafür zu groß und sein komplettes Fell war giftgrün.
Mama war entsetzt, als sie dieses Geschenk sah und hätte es nur zu gern irgendwo im Keller verschwinden lassen.
»Du meine Güte, was ist das bloß für ein hässliches Ding. Den hast du doch bestimmt vom Krabbeltisch gekauft. Willst du den nicht lieber noch einmal umtauschen?«
Aber Tante Michaela war da anderer Meinung. Immerhin passte der Bär wunderbar zu ihren grün gefärbten Haaren und Fingernägeln. Sie packte den Teddy aus und legte ihn zwischen die anderen geschenkten  Kuscheltiere.
»Lass den Kleinen doch einfach entscheiden. Park seinen Popo zwischen die unzähligen Bären und lass ihn einen davon aussuchen.«
Mit diesem Vorschlag war Mama zufrieden. Sie war sich sicher, dass ihr Sohn einen ausgezeichneten Geschmack besitzen und sich für ein ordentliches Kuscheltier entscheiden würde.
Also saß Timmi ein paar Minuten später in einem Kreis aus etwa zwanzig Stofftieren. Sprechen konnte er noch nicht, auch verstand er nicht, was nun von ihm erwartet wurde. Aber trotzdem sah er sich ganz genau um, bevor er zu lächeln begann. Er hatte sich einen neuen weichen Spielkameraden ausgesucht und krabbelte nun auf ihn zu. Er nahm ihn in seine Arme und drückte ihn ganz fest an sich.
»Na, was habe ich dir gesagt. Er steht auf grün, so wie seine Tante.«
Mama seufzte und räumte die restlichen Bären, Enten und anderen Tiere beiseite. Von nun an wurde nur noch grün gekuschelt.

Die Zeit und die Jahre vergingen. Timmi wuchs mit jedem Tag ein wenig mehr. Sein ständiger Begleiter durch dick und dünn war der giftgrüne Bär. Einen Namen hatte er ihm auch schon verpasst.
»Das ist Bruno. Der ist so cool.«
Denn niemand besaß einen Bären, der auch nur ansatzweise so verrückt aussah.
»Bruno und ich sind ganz dicke Freunde. Wir machen alles gemeinsam und sind niemals ohne den anderen unterwegs.«
Und damit hatte er Recht. Egal wo einer der beiden anzutreffen war, fehlte niemals der Zweite. Sie waren wie Zwillinge. Wenn Timmi krank im Bett lag, leistete ihm der Bär Gesellschaft oder wurde ebenfalls krank. Alleine zum Spielplatz? Auf keinen Fall. Bruno half beim Sandburgen bauen und wurde mehr als einmal unter der großen Rutsche verbuddelt. Sie fielen sogar gemeinsam in den kleinen Bach, der durch die große Wiese plätscherte.
Mama hatte sich inzwischen an dieses unzertrennliche Paar gewöhnt. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig. Denn sie hatte es in ersten Zeit oft genug versucht, Bruno gegen einen anderen Bären einzutauschen. Aber schon nach wenigen Minuten musste sie bereits nachgeben. Timmi konnte sehr laut schreien und weinen.
Mindestens einmal in der Woche musste Bruno gewaschen werden, so oft landete er im Sandkasten, in einer Pfütze oder im Garten zwischen den Büschen.
»Bär schmutzig«, sagte Timmi dann immer und sah Mama mit großen traurigen Augen an.
»Du musst schon ein wenig vorsichtiger sein, Timmi. Das Waschen ist nicht gut für sein Fell.«
Aber egal, wie oft Bruno in der Waschmaschine landete, er lief nicht ein, das Fell wurde nicht blass und die Nähte blieben heil.
»Dieses Kuscheltier ist wirklich hart im Nehmen. So robust sieht er eigentlich gar nicht aus. Da hast du tatsächlich einen guten Kauf getätigt.«, hörte Timmi eines Abends Mama zu Tante Michaela sagen.
Da drückte er seinen besten Freund besonders fest an sich.
»Hast das gehört? Du bist etwas Besonderes. Und nur ich besitze einen Bären wie dich.«

Die Urlaubszeit rückte näher. Timmi und Bruno waren inszwischen acht Jahre alt geworden. Mama packte die Koffer und Papa stopfte dann alles in das kleine Auto.
»Ich bekomme das nicht alles in den Kofferraum. Das ist viel zu viel.«, beschwerte er sich einmal pro Minute.
»Das schaffst du schon. Du schaffst das doch jedes Jahr.«, munterte ihn Mama auf.
Auch Timmi packte gerade seine wichtigsten Dinge zusammen. In seinem Reiserucksack steckten ein Buch, ein paar Hörspielkassetten und ein alter Fotoapparat von Opa.
Dann holte er seine Schultasche hervor und öffnete sie. Zwischen den Büchern, Heften und der Stiftetasche schaute Bruno hervor. Denn auch in der Schule durfte er nie fehlen.
»Na los, Bruno.«, sagte Timmi.
»Hüpf mal in den Rucksack. Wir fahren doch gleich zur Nordsee. Ich bin ja so neugierig, wie es dort ist. Ich war noch nie am Meer. Vielleicht sehen wir ja sogar ein paar Boote und Schiffe.«
Er zog den grünen Bären hervor und stopfte ihn in in die Urlaubstasche.

Während der langen Fahrt saß Timmi auf dem Rücksitz und schlief die meiste Zeit. In seinem Arm lag Bruno und schnarchte leise. Das machen Bären immer, wenn sie schlafen.
Wenn die beiden wach waren, zählten sie die Autos, die Papa überholte.
Als es dann allmählich dunkel wurde, kamen sie an ihrem kleinen Ferienhaus an. Timmi und Bruno schliefen schon wieder tief und fest und wurden von Papa ins Bett getragen.
»Er kann sich das Meer auch Morgen früh noch anschauen. Es läuft ihm ja nicht weg.«
Wenn Mama geahnt hätte, was sie da sagte, hätte sie bestimmt lieber den Mund gehalten.

Am nächsten Morgen war Timmi schon früh auf den Beinen und weckte sofort seine Eltern.
»Wann kann ich denn endlich das Meer sehen? Ich war doch noch nie in meinem Leben hier. Ich will es auf keinen Fall verpassen.«
Er drängelte während des Zähneputzens und drängelte beim Frühstück. Er ließ seinen Eltern keine Ruhe, bis sie endlich gemeinsam aufbrachen.
Ein paar Minuten Fußweg lag vor ihnen. Timmi hatte sich seinen Rucksack umgeschnallt und Bruno schaute daraus hervor. Der Bär durfte schließlich nichts verpassen.
Als die Vier allerdings oben auf dem Deich ankamen, sahen sie nur eine große matschige Fläche.
»Wo ist denn nun das Meer. Müssen wir jetzt noch durch den Matsch laufen? Ich dachte hinter dem Deich fängt es an.«
Timmi war sauer. Und Bruno hätte bestimmt auch geschimpft, wenn er hätte sprechen können.«
Papa musste lachen und Mama wurde rot im Gesicht.
»Jetzt ist gerade Ebbe.«, erklärte Papa. »Das Meer zieht sich alle paar Stunden zurück und kommt danach wieder hierher.«
Timmi nickte und bat darum, etwas später noch einmal nachschauen zu dürfen. Mama nickte. Danach gingen sie wieder in ihr Ferienhaus.
Timmi warf seinen Rucksack auf sein Bett und wollte hervor holen, aber der Bär war verschwunden.
»Bruno? Wo bist du? Ich habe jetzt keine Lust verstecken zu spielen.«
Aber Bruno antwortete nicht. Timmi durchsuchte das ganze Zimmer und nahm sich dann alle weiteren Räume vor. Aber sein Teddy blieb verschwunden.
»Bruno ist verschwunden.«, rief er laut und Tränen rannen seine Wangen herab.
Mama kam aus der Küche und sah ihren Sohn mitleidig an.
»Dann zieh dir deine Jacke an. Wir laufen noch einmal schnell zum Deich und suchen nach ihm.«
Mama konnte gar nicht glauben, was sie da gesagt hatte. Noch vor ein paar Jahren wäre sie überglücklich gewesen, das grüne Fellbündel loszuwerden. Doch nun hatte sie Mitleid mit ihrem Sohn. Außerdem war ich Bruno mittlerweile auch ans Herz gewachsen. Er war einfach ein Teil von Timmi und gehörte zur Familie.
»Wir werden ihn schon finden.«
Gemeinsam gingen sie die Strecke vom Morgen ab und suchten hinter jedem Stein und unter jedem Busch. Aber der Bär war nicht mehr zu finden. Timmi war so traurig, wie nie zuvor in seinem Leben und konnte nicht aufhören zu weinen.
»Er geht jetzt seinen eigenen Weg und erfüllt sich seinen ganz großen Traum.«
»Was?«, fragte Timmi verwirrt.
»Bruno ist nun ein großer Bär, so wie du ein großer Junge bist.«, erzählte Mama weiter.
»Sein Traum war es wohl immer, eines Tages an die Nordsee zu reisen, um dann dort mit einem Schiff über alle sieben Weltmeere zu segeln. Er hat sich von Tante Michaela an dich schenken lassen, weil er es genau gespürt hat, dass er mit deiner Hilfe seinem Traum näher kommen wird.«
»Aber warum ist er denn dann einfach verschwunden ohne sich zu verabschieden?«
Mama dachte kurz nach, bevor sich weiter sprach.
»Bruno hat gewusst, dass dir der Abschied sehr schwer fallen wird. Vielleicht hättest du ihn auch nicht gehen lassen wollen. Darum hat er sich ganz still auf den Weg gemacht, als wir hier oben auf dem Deich standen. Aber ich bin mir sicher, dass er es dir eines Tages erklären wird.«
Timmi nahm Mama an die Hand und ging mit ihr nach Hause. Der Schmerz im Herzen war immer noch da. Aber die Trauer wurde erträglicher.
Als dann später die Flut kam und die Wellen gegen das Ufer wogten, stand Timmi allein auf dem Deich. Er wollte sich nun von seinem besten Freund verabschieden. Gemeinsam mit Mama hatte er einen Brief geschrieben. Darin standen alle großen Ereignisse, die sie miteinander erlebt hatten, die Schönen und die weniger Schönen. Und er bedankte sich für die tolle Zeit.
Er rollte den Brief zusammen, steckte ihn in eine Flasche und warf ihn ins Meer.
»Machs gut Bruno. Ich werde dich nie vergessen.«

Ein paar Monate später saß Timmi zu Hause im Garten und baute einen Schneemann. Seinen grünen Freund hatte er nicht vergessen, aber er musste auch nicht mehr weinen, wenn er an ihn dachte. Er wusste ja, dass Bruno sich seinen Traum erfüllt hatte.
Einen neuen Bären hatte er sich nicht gewünscht, denn der wäre einfach kein guter Ersatz geworden.
In diesem Moment kam der Postbote an den Zaun und reichte Timmi ein paar Briefe an. Einer davon war ziemlich dick und war mit Marken aus einem fremden Land frankiert.
Auf dem Umschlag stand Timmis Name.
»Das ist ja komisch. Mir hat noch nie jemand einen Brief geschrieben.«
Er öffnete den Brief und las ihn sich durch.

Lieber Timmi.

Vielen Dank für die Flaschenpost, die du mir geschrieben hast. Sie ist vor ein paar Tagen hier in der Südsee an den Strand gespült worden. Durch Zufall habe ich sie dann entdeckt.
Ich möchte mich bei dir bedanken, dass du so viele Jahre mein bester Freund warst und auf mich aufgepasst hast. Nur zu gern bin ich mit dir durch Dick und Dünn gegangen. Und nur durch deine Hilfe konnte ich mir meinen ganz großen Traum erfüllen und als Seebär durch die Weltmeere segeln. Ohne dich hätte ich das nie geschafft.
Ich hoffe, du behälst mich in guter Erinnerung und wirst mich nie vergessen. Auch du wirst immer ein Teil von mir sein und in meinem Herzen bleiben.

Dein Bruno.

Timmi hatte Tränen in den Augen. Doch diesmal war es keine Trauer, sondern große Freude, dass sein Freund sich nun doch noch von ihm verabschiedet hatte.

(c) 2008, Marco Wittler

099. Teddy auf der Flucht

Teddy auf der Flucht

Lange Zeit hatte Teddy in einem kleinen Schuhkarton gelebt. Dieser stand über viele Jahre in einem dunklen Keller, der nur selten von irgendwem betreten wurde. Teddys braunes Fell war über die Zeit schon ein wenig staubig geworden. Etwas muffig roch es mittlerweile auch. Doch das machte ihm nichts aus, denn hier im Keller hatte er immer seine Ruhe gehabt.
Wenn er ab und zu an frühere Zeiten dachte, dann wurde ihm immer sehr schwindelig. Er hatte in einem schrecklichen Kinderzimmer leben müssen. Sein damaliger Besitzer, ein fünfjähriger Junge, hatte Teddy immer nur hin und her geworfen. Das hatte so manchen blauen Fleck gegeben und an einem Bein war eine Naht geplatzt, aus der nun das Innenfutter heraus schaute.
»Aber das ist nicht so schlimm. Dafür kann ich hier in meinem Versteck liegen und habe meine Ruhe.«, sagte sich Teddy dann immer.
Eines Tages war wieder jemand im Keller. Das Licht wurde eingeschaltet. Der Besucher kramte in Schränken und Regalen herum.
Teddy verhielt sich so still, wie er nur konnte, damit er nicht bemerkt würde. Aber dann wurde sein Schuhkarton schließlich doch noch hervor geholt.
»Schau mal einer an.«, sagte eine Männerstimme. »Da ist ja mein alter Teddybär. Der kommt auch mit auf den Trödelmarkt.«
Trödelmarkt? Teddy glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Der Handel mit Teddybären war strengstens verboten. Zu dumm, dass die Menschen davon noch nichts gehört hatten.

Ein paar Stunden später wurden viele Gegenstände aus dem Kofferraum eines Wagens auf einen Tisch gelegt. Dieser stand mitten auf einem großen Platz in der Stadt.
Teddy hob vorsichtig den Deckel an und sah sich um. Hier und da entdeckte er ein paar Artgenossen, die ebenfalls heute verkauft werden sollten. Einer von ihnen sah sogar besonders mitgenommen aus. Es fehlten ihm ein Auge und ein Bein.
»Oh je. Hoffentlich will mich niemand kaufen. Kinder sind ja so grausam zu uns Bären. Ich will doch einfach nur meine Ruhe haben.«
Ständig sah er Kinder über den großen Platz laufen. Sie schauten hier und schauten dort. Sie nahmen Spielzeuge in die Hand und sahen sie sich genau an.
Nach und nach verschwanden alle Teddys vom Flohmarkt. Sie wurden alle verkauft. Sogar der Einäugige wechselte seinen Besitzer.
»Vielleicht habe ich ja doch noch Glück und darf wieder in meinen dunklen Keller zurück.«
Doch dann wurde der Schuhkarton hoch gehoben, gerüttelt und geschüttelt.
»Was ist denn da drin?« Darf ich mal rein schauen?«, war eine Kinderstimme zu hören.
Der Deckel wurde abgenommen und das Gesicht eines Jungen sah hinein. Teddy bekam große Angst. Noch schlimmer wurde es, als er heraus geholt wurde. Das Kind drückte ihn an sich.
»Mama, den will ich haben. Der ist so schön kuschelig.«
Die Mama sah Teddy prüfend an.
»Nein, der ist nichts mehr. Schau ihn dir doch an. Der ist dreckig, riecht nicht mehr gut und am Bein ist er auch schon kaputt. Leg ihn wieder weg, wir finden ein schöneres Kuscheltier für dich.«
Teddy war der Mama unglaublich dankbar.
»Ja, legt mich bitte wieder weg und vergesst mich sofort. Ich bin alt, schäbig und stinke nach Keller.«, dachte er bei sich.
Doch das Kind war anderer Meinung.
»Wir können ihn doch waschen und reparieren. Mama, du kannst doch nähen.«
Die Mama gab nach, drückte dem Verkäufer ein paar Münzen in die Hand und verstaute das Kuscheltier wieder in seinem Schuhkarton.
Teddy bekam Panik. Er hatte einen neuen Besitzer bekommen. Es war ein kleines Kind und es würde nun bestimmt wieder so eine schreckliche Zeit werden, wie früher. Vielleicht würde es sogar noch schlimmer werden. Er sah sich bereits in einer Ecke des Zimmers liegen, ohne Augen und Arme.
»Hilfe!«, schrie er. Aber niemand konnte ihn hören.

Ein paar Stunden später legte das Kind den Schuhkarton auf den Schreibtisch und packte seinen neuen Bären aus.
»Super, du hast mir noch gefehlt. Du kommst gleich zu den anderen Kuscheltieren.«
Teddy wurde auf ein Regal gesetzt. Links und rechts von ihm saßen noch ein paar andere Tiere. Es waren eine Maus, die viel zu lange Beine hatte und ein weiterer Bär in einem braunen Pullover.
»Die beiden können mich bestimmt nicht leiden, weil ich der Neue bin. Sie wollen mich bestimmt schnell wieder los werden.«, bibberte Teddy vor sich hin.
Als das Kind sein Zimmer verlies, ergriff er seine Chance und kletterte am Regal hinab.
Teddy überlegte, wie er so schnell wie möglich verschwinden konnte. Dann sah er das offene Fenster. Er lief hin, kletterte an der Gardine nach oben und hüpfte nach draußen.
Er fiel weit nach unten und landete in einem Sandkasten. Ohne Pause lief er sofort weiter zum Zaun.
»Vielleicht kann ich mich ja in einem tiefen Wald verstecken. Da wird mich niemand finden.«
Weit kam er allerdings nicht, denn die Maschen des Zaunes waren viel zu eng und Teddy passte nicht hindurch. Er musste einen anderen Weg finden.
»Huch, wie kommst du denn nach draußen?«
Da war wieder die Stimme der Mutter.
Teddy wurde ergriffen und in ein neues Zimmer gebracht.
»Jetzt wollen wir dich erst einmal wieder gesund machen, du kleiner Ausreißer.«
Die Mutter holte Nadel und Faden und nähte ganz vorsichtig die geplatzte Naht zu. Teddy hatte Angst, aber es tat nicht einmal weh.
Nach der Operation ging es ins Badezimmer. Dort wurde der kleine Bär von oben bis unten gewaschen. Der Staub der vielen Jahre und der Kellergeruch verschwanden.
Teddy fühlte sich schon fast so, als wäre er gerade neu geboren worden.
»Und jetzt kommst du an deinen neuen Stammplatz.«, war das letzte, was er von der Mama zu hören bekam.
Es war mittlerweile schon dunkel geworden und der kleine Junge lag in seinem Bett. Es war Zeit zum Schlafen.
Die Mama legte Teddy mit ins Bett, wünschte eine gute Nacht und verließ das Zimmer.
»Endlich hab ich dich wieder, mein schöner, weicher Kuschelbär. Und ich werde immer aufpassen, dass du nie wieder so schlecht behandelt wirst wie früher.«
Der Junge drückte Teddy an sich und schlief ein.
»Eigentlich fühlt es sich richtig schön an, wenn man gekuschelt wird. Komisch, dass ich davor so viel Angst hatte.«, murmelte Teddy vor sich während er ebenfalls einschlief.
Etwas weiter weg saßen der Pulloverbär und die Maus mit den langen Beinen. Sie schauten den beiden Schlafenden zu und lächelten.

(c) 2008, Marco Wittler