596. Der Regenbogenfänger

Der Regenbogenfänger

Papa kam aus dem Keller. Die letzten Stunden hatte er dort unten in seiner Werkstatt verbracht. Laute Geräusche hatten seine Arbeit begleitet. Er hatte gesägt, gehämmert, geschliffen. Und nun hielt er ganz stolz sein Werk in Händen und präsentierte es dem Rest der Familie.
„Was ist denn das?“,wollte sein Sohn Paul wissen, der sich das Machwerk neugierig ansah.
„Das, mein Sohn, ist ein Regenbogenfänger. Na gut. Eigentlich nennt man so ein Ding Sonnenfänger, aber ich finde, dass Regenbogenfänger besser dazu passt.“
Paul lachte. „Was soll das sein? Ein Regenbogenfänger? Ich sehe nur die alten Treibholzstücke, die du im Urlaub gesammelt hast. Mit ein paar Bindfäden hast du Mamas alte Glassteine daran gebunden. Wie soll man denn damit einen Regenbogen einfangen können?“
Er sah aus dem Fenster. „Außerdem ist ein Regenbogen viel zu groß. Der geht doch von einem Ende des Horizonts zum Anderen. Wo soll man denn denn anschließend verstauen? Du erzählst mir doch schon wieder Märchen, die nicht stimmen. Du versuchst mich auf den Arm zu nehmen, aber dieses Mal falle ich nicht darauf rein.“
Papa grinste. „Dann warte mal ab, was ich dir gleich zeige. Lass uns mal ins Wohnzimmer gehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Papa holte einen Hammer und einen Nagel aus einer tiefen Tasche seines Hosenbeins. Den Nagel schlug er in die Wand über dem Fenster. Daran hängte er dann den Regenbogenfänger auf.
„Regenbögen sind schön. Sie sind eine der schönsten Dinge, die es auf unserer Welt gibt. Nur leider gibt es nicht so viele von ihnen. Man kann sie nur sehen, wenn es gerade regnet und dabei die Sonne scheint. Das kommt aber nicht so oft vor. Und für die restliche Zeit, gibt es den Regenbogenfänger.“
Genau in diesem Moment rissen draußen am Himmel die Wolken auf. Sonnenstrahlen kamen durch das Fenster herein und trafen auf die vielen Glassteine des Regenbogenfängers. Und dann geschah das Unglaubliche. Überall, auf allen Wänden des Wohnzimmers erstrahlten kleine Regenbögen. Es waren so viele, dass Paul sie gar nicht zählen konnte.
„Das ist ja der totale Wahnsinn.“, flüsterte er ergriffen.
„Siehst du. Ich habe dir nicht zu viel versprochen.“, war Papa stolz.
Paul grinste über das ganze Gesicht, lief von einem kleinen Regenbogen zum nächsten und untersuchte sie ganz genau.
„Und wo sind jetzt die Goldtöpfe, die am Ende jedes Regenbogens stehen sollen? Bei so vielen Regenbögen müssten wir steinreich werden.“

(c) 2017, Marco Wittler

345. Das Licht im Kühlschrank (Tommis Tagebuch 10)

Das Licht im Kühlschrank

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich heute erlebt habe. Aber ich fang am Besten ganz vorne an.
Als Mama heute das Mittagessen gekocht hat, musste sie ein paar Zutaten aus dem Kühlschrank holen. Innen drin war jedes Regal schön beleuchtet und man konnte alles gut sehen. Aber weil der Papa immer sagt, dass wir Strom sparen sollen, hab ich gefragt, warum die Mama das Licht im Kühlschrank nie ausschaltet.
Mama hat angeschaut, als hätte ich eine ganz dumme Frage gestellt, dabei fand ich sie sehr wichtig. Sie hätte sogar fast angefangen zu lachen. Aber dann setzte sie sich auf den Küchenstuhl, nahm mich auf den Schoß und erklärte mir, dass das beim Schließen der Tür immer von ganz allein ausgehen würde.
Da hab ich dann natürlich ganz große Augen bekommen, so erstaunt war ich. Glauben konnte ich es aber trotzdem nicht.
»Hast du das denn auch schon übergeprüft?«, hab ich dann die Mama gefragt.
Da musste sie dann auch den Kopf schütteln. Hatte ich es doch richtig vermutet. Aber statt das dann nachzuholen, wollte sie mir einreden, dass das mit dem Licht schon immer so gewesen war und auch bestimmt so sein würde.
Ich tat dann so, als wäre ich damit zufrieden und bin erstmal in meinem Kinderzimmer verschwunden. Irgendwann später, nachdem die Mama mit dem Spülen fertig war, wollte ich der Sache natürlich auf den Grund gehen. Also bin ich in die Küche geschlichen, habe den ganzen Kühlschrank leer geräumt und habe mich hinein gesetzt.
Und weißt du was, liebes Tagebuch? Die Mama hatte tatsächlich Recht. Das Licht ging sofort aus, als sie Tür zu war.
Nun war ich also zufrieden und wollte zurück in mein Zimmer schleichen, doch da musste ich feststellen, dass ich von innen die Tür nicht mehr öffnen konnte. Ich war gefangen. Alles Rufen und Schreiben half nichts. Ich musste warten, bis jemand etwas aus dem Kühlschrank holen wollte.
Zu meinem Glück dauerte es nicht sehr lange. Schon nach ein paar Minuten tauchte die Mama in der Küche auf, entdeckte die Butter, die Marmelade und alles andere, was ich ausgeräumt hatte. Sofort wusste sie, was ich angestellt hatte und half mir aus meinem Gefängnis heraus.
Zitternd vor Kälte kletterte ich nach draußen. Aber trotzdem konnte ich noch grinsen.
»Du hattest Recht. Das Licht geht wirklich von alleine aus.«
Dann flitzte ich zurück in mein Zimmer.
Noch einmal würde ich das aber nicht machen. Es ist viel zu kalt und viel zu gefährlich. Wenn mich die Mama nicht so schnell gefunden hätte, wäre ich bestimmt im Kühlschrank erfroren oder krank geworden.

Und jetzt wird es Zeit zum Schlafen.
Bis bald, dein Tommi.

(c) 2010, Marco Wittler

344. Wo geht’s hier zum Mond? oder „Papa, wie hoch fliegen Fliegen?“ (Papa erklärt die Welt 34)

Wo geht’s hier zum Mond?
Oder ›Papa, wie hoch fliegen Fliegen?‹

Sofie saß auf dem Bett und sah ganz gebannt einer kleinen Fliege zu, die immer wieder gegen die Fensterscheibe flog.
»Nein, so wird das nichts, kleine Fliege. Man kann doch nicht durch das geschlossene Fenster fliegen.«, erklärte sie dem kleinen Insekt, das allerdings nicht zuhören wollte.
In diesem Moment kam Papa in das Kinderzimmer. Unter seinem Arm klemmte ein dickes Buch mit wunderschönen Märchen. Eines davon wollte er seiner Tochter vor dem Schlafen vorlesen.
»Was machst du denn da?«, fragte er neugierig.
»Da schau.«, sagte Sofie und zeigte mit dem Fenster zur Fliege.
»Sie versucht immer wieder durch die Scheibe zu fliegen.«
Papa seufzte, öffnete das Fenster und entließ die Fliege in die Freiheit.
»Wo fliegt sie jetzt hin?«, wollte Sofie wissen.
»Wahrscheinlich Richtung Mond, wie alle Fliegen, wenn es dunkel wird.«, antwortete Papa.
In diesem Moment fiel ihm die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte ein weiteres Mal und legte das dicke Buch in das Bücherregal, denn er wusste, was jetzt kam.
»Sie kann bis zum Mond fliegen?«, fragte sie neugierig.
Papa schüttelte den Kopf und verneinte.
»So weit kommen sie nicht.«
Sofie stutzte und begann zu grübeln. Man konnte es ihr ansehen, dass eine Frage in ihrem Kopf enstand.
»Papa, wie hoch fliegen eigentlich Fliegen? «
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar abenteuerlustigen Fliegen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Fliege, die den lieben langen Tag nichts anderen im Kopf hatte, als über die bunte Blumenwiese zu fliegen, von Blume zu Blume zu hopsen und hin und wieder ihre älteren Artgenossen zu ärgern.
Doch eines Tages, als wieder einmal die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und es dunkel wurde, tauchte am Himmel ein neues Licht auf,
»Was ist denn das für ein großes Licht dort oben zwischen den vielen anderen?«, fragte die kleine Fliege neugierig ihre Mutter.
»Das ist der Mond.«, erklärte sie.
»Er taucht immer wieder mal auf und zieht seine Bahn über den Himmel. Mehr wissen wir Fliegen aber auch nicht über ihn. Er ist nie zu uns herunter gekommen und von uns wollte auch nie jemand hinauf fliegen.«
»Das ist ja unglaublich aufregend.«, sprach die kleine Fliege.
Es war ihr richtig anzumerken, wie sie sich im ihrem Köpfchen große Abenteuer ausmalte.
»Dann muss es halt mal jemand versuchen,«
Und schon flitzte sie in ihr Zimmer, sammelte ein paar Kleinigkeiten zusammen und stand ein paar Minuten später auf der Türschwelle, dazu bereit, den Mond zu besuchen,
»Ich kenne jedes fliegende Tier der Blumenwiese. Und weil der Mond dazu gehört, werde ich ihm einen Besuch abstatten.«
Ihr Entschluss stand fest. Sie winkte der Mutter noch ein Lebewohl zum Abschied und flog davon.
Mittlerweile war es richtig finster geworden. Die Blumenwiese sah nun nicht mehr so schön bunt aus, wie noch am Nachmittag. Alle Blüten waren fest verschlossen. Ihre schönen Farben würden sie erst am nächsten Morgen wieder zeigen. Doch darauf achtete die kleine Fliege nicht weiter. Sie düste über alles hinweg und machte erst am Rand der Wiese eine kleine Rast, wo sie sich umsah und ein Wiesel entdeckte.
»Hallo, Wiesel. Wo geht’s hier zum Mond?«, fragte sie freundlich.
Das Wiesel sah zum Himmel hinauf und grinste.
»Nach da oben, wohin sonst. Einen anderen Weg kenne ich nicht. Hab es selbst noch nie probiert.«
Also zog die kleine Fliege weiter ihres Weges. Unterwegs fragte sie sich bei allen Tieren durch, die sie traf. Darunter waren ein Uhu, eine Mücke, eine Maus und ein grimmiger Hund, der gerade einschlafen wollte.
Schließlich traf sie eine Motte, die ebenfalls auf dem Weg zum Mond war.
»Ja, ich kenne den Weg.«, sagte diese stolz.
»Schließ dich mir an, dann fliegen wir ihn zusammen besuchen.«
Also nahmen sie sich gegenseitig an der Hand und flogen hinauf zum Himmel, immer dem hellen Licht über ihnen entgegen. Doch sehr kamen sie nicht, denn je näher sie dem Mond kamen, desto heller, greller und wärmer wurde sein Licht.
Plötzlich knallten sie mit den Köpfen gegen eine harte Wand. Die Wucht ließ sie für einen Moment taumeln, bis sie begriffen, dass sie nun direkt vor dem Mond herum schwirrten.
»Seltsam.«, sagte die kleine Fliege.
»Den Mond habe ich mir aber viel größer vorgestellt. Immerhin kann man ihn von überall aus sehen.«
Dieser Meinung war die Motte auch. Aber sie hatten doch alles richtig gemacht. Sie waren dem hellen Licht bis ans Ziel gefolgt. Also musste es wohl der Mond sein.
Die kleine Fliege bedankte sich für den schönen, aber doch recht kurzen Flug und machte sich auf den Heimweg.
Von nun an erzählte sie überall herum, dass sie die erste und einzige Fliege der ganzen Welt sei, die bereits von der Erde bis zum Mond geflogen war. Das machte sie bei allen Fliegen unglaublich berühmt.
Sie sollte aber nie erfahren, dass es eigentlich nicht der Mond war, gegen den sie mitten im Flug gestoßen war, sondern nur eine einfache Straßenlaterne, deren Licht sie von ihrem wahren Ziel abgelenkt hatte.

»Und warum fliegen die Fliegen heute immer noch zum Mond?«, fragte Sofie.
Papa überlegte kurz, bevor er antwortete.
»Weil die anderen Fliegen diesen weiten und schweren Flug ebenfalls schaffen wollen.«
Sofie musste lachen.
»Papa, das ist eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa grinste und zog seiner Tochter die Decke bis zur Nasenspitze, bevor er ihr eine gute Nacht wünschte und das Licht abschaltete.

(c) 2010, Marco Wittler

307. Von Seesternen und Glühwürmchen

Von Seesternen und Glühwürmchen

Es war ein schöner und warmer Abend am Meer. Die Menschen feierten große Feste und die Tiere gingen ihren ganz alltäglichen Geschäften nach.
Und dann war da noch ein kleines Glühwürmchenmädchen mit Namen Merle.
Merle flog, wie jeden Abend gemütlich den Strand entlang und erfreute sich am Rauschen des Meeres und der untergehenden Sonne.
»Ist das nicht ein schöner Abend?«, fragte sich sie selbst.
»Das ist sogar ein sehr schöner Abend.«, gab sie sich sogleich die Antwort.
In diesem Moment zog ein unerwarteter Wind auf und blies das Glühwürmchen hinaus aufs Wasser.
»Du meine Güte.«, wunderte sich Merle und bekam Angst.
»So etwas ist mir ja noch nie passiert.«
Sie sah sich schnell um und entdeckte den Strand.
»Ich muss schnell zurück, sonst werde ich noch im Wasser landen und ertrinken.«
Also schlug sie kräftig mit den Flügeln und kämpfte sich durch den Wind. Aber noch bevor sie ihr Ziel erreichte, sah sie ein Glitzern unter sich.
»Was ist denn das?«
Merle hielt inne und schwebte etwas tiefer. Sie konnte nicht erkennen, was es war, aber es faszinierte sie.
»Es ist wunderschön.«
Dann flog sie weiter und rettete sich ans Ufer.

Zur gleichen Zeit lag ein einsamer Seestern am Grunde des Meeres und langweilte sich fast zu Tode. Sein Name war Theodor.
»Mir ist ja sooo langweilig. Wenn doch bloß mal etwas geschehen würde. Aber in diesem Teil des Meeres passiert ja leider nie etwas.«
Er träumte schon davon, dass eines Tages ein Schiff gegen ein Riff fahren und sinken würde.
»Wenn hier doch bloß ein Riff wäre. Aber leider besteht der ganze Meeresboden nur aus Sand und kleinen Steinen. Es ist zum Verzweifeln.«
In diesem Moment sah er ein Licht über sich hinweg fliegen. Genau über seinem Kopf blieb es kurz stehen, kam näher und setzte seinen Weg dann fort zum Ufer, wo es dann verschwand.
»Ui, was war denn das? Es geschieht ja doch noch was. Aber leider ist es schon wieder fort. Dabei war es so wunderschön. Vielleicht sollte ich es suchen.«
Also machte sich Theodor auf den Weg zum Strand.

Am nächsten Abend flog Merle wieder über den weiten Strand.
»Ob dieses glitzernde Ding noch da ist? Vielleicht sollte ich noch einmal auf das Wasser hinaus fliegen. Hoffentlich sieht mich dabei niemand.«
Merle schlug kräftig mit den Flügeln und wollte gerade Richtung Meer fliegen, als sie etwas Glitzerndes auf einem Stein am Ufer entdeckte. Sofort flog sie hin und betrachtete es genau.
»Es ist ein kleiner Glitzer.«, rief sie begeistert.
»Ich bin ein Seestern.«, beschwerte sich Theodor und stemmte seine Fäuste in die Seiten.
»Und was bist du? Ein fliegendes Licht?«
Merle musste lachen.
»Nein. Ich bin ein Glühwürmchen.«
Sie landete neben dem Seestern, stellte sich höflich vor und berichtete von ihrem Flug über das Meer am Tag zuvor.

Die Zeit verging viel zu schnell. Es wurde tiefe Nacht und ein paar Stunden später ging die Sonne schon wieder auf. Und ehe es sich die beiden versahen, hatten sie sich ineinander verliebt.
»Aber wie soll das denn mit uns funktionieren?«, fragte Theodor verzweifelt.
»Ich bin ein Meeresbewohner und werde an Land vertrocken. Dafür kannst du im Wasser nicht atmen und wirst ertrinken. Wir werden nie zusammen leben können.«
Daran hatte Merle auch schon gedacht.
»Wir müssen einfach einen Ort finden, wo wir zusammen sein können. Und den werde ich jetzt suchen.«
Sie versprach, bis zum Abend wieder da zu sein.

Merle flog in die Luft. Sie flog so hoch, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte. Sie hoffte, das Land unter sich besser überblicken zu können. Allerdings fand sie kein geeignetes Plätzchen zum Leben für einen Seestern und sein Glühwürmchen.
»Was soll ich denn bloß machen? Ich liebe ihn doch so sehr. Mein Herz will gar nicht mehr ohne ihn sein.«
In diesem Moment wurde Merle von einer Eule überholt.
»Hallo Eule, kannst du mir denn nicht helfen?«
Die Eule hielt an und ließ sich vom Glühwürmchen die tragische Geschichte erzählen.
»Nana, mein Kind. Mach dir nicht so viele Sorgen. Ich weiß genau, wonach du suchst.«
Die Eule wies Merles Blick nach oben.
»Da oben ist der Himmel. Er ist auch ein Meer. Ein Meer für Sterne. Aber er hat kein Wasser. Deswegen wirst du dort auch nicht ertrinken können.«
Merle bekam große Augen und bedankte sich bei der Eule. Dann flog sie, so schnell sie konnte, zu Theodor zurück. Sie verriet ihm ihren Plan und drückte ihn fest an sich.
»Wir werden gemeinsam zum Himmel hinauf fliegen und dort zusammen leben.«
Und so geschah es dann auch. Bei Einbruch der Dunkelheit flogen sie zusammen zum Himmel hoch, von wo aus sie nun in jeder Nacht zur Erde hinunter leuchten.

(c) 2010, Marco Wittler

159. Glühwürmchen

Glühwürmchen

Die Tage waren kürzer geworden. Die Anzeige auf dem Thermometer  fiel und eine unüberschaubare Menge Schnee hatte sich auf die Erde gelegt. Überall auf dem Boden glitzerte das Licht von Mond und Sternen.
Weihnachten stand vor der Tür und alle Menschen bereiteten sich fieberhaft darauf vor. Die letzten Geschenke wurden verpackt und Häuser festlich geschmückt. Auch ein großer Weihnachtsbaum durfte in keiner einzigen Stube fehlen.
Das war im nahen Dorf so und in der Schule für Hexen und Zauberer nicht anders. Doch hier war alles etwas anders.
Der Schuldirektor, ein alter Zauberer mit langem Bart stand in der großen Eingangshalle und überwachte die Arbeiten des Hausmeisters. Dieser hatte nämlich gerade ein paar grüne Zweige unter der Decke angebracht und stemmte nun eine ziemlich große Tanne in einen Baumständer.
»Noch ein kleines Stück zurück. Nein, jetzt wieder etwas nach links. Ja, genau. Das ist perfekt.«
Der Baum stand und wurde festgeschraubt. Nun würde er während der Feiertage alle Schüler erfreuen.
»Aber was lasse ich mir denn in diesem Jahr einfallen, um ihn richtig zur Geltung zu bringen?«, fragte sich der Direktor.
Er braucht schon einen ganz besonderen Schmuck, damit er sich von den Bäumen der Dorfbewohner abhebt. Schließlich sind wir doch eine Zauberschule.«
Er zog sich seinen dicken Mantel an und begab sich in den Wald. Dort sah er sich überall um. Doch die letzten Pilze des Herbstes und ein paar alte Moose waren alles, was er fand.
»Also damit kann ich nun wirklich nichts anfangen.«
Doch in diesem Moment wurde er auf ein kleines Loch in einem Baum aufmerksam, in dem es seltsam leuchtete. Er ging vorsichtig näher und sah hinein.
»Du meine Güte, das ist ja ein ganzer Schwarm Glühwürmchen. Das ist genau das, wonach ich gesucht habe.«
Er holt mit der Hand ein Glühwürmchen nach dem anderen aus dem Loch und verstaute sie in einer kleinen Holzkiste, die er zuvor aus seiner großen Tasche genommen hatte.
»Wenn ich die kleinen Tierchen in gläserne Kugeln steckte, werden sie den Baum in ein herrliches Licht eintauchen. Die Schüler werden begeistert sein.«
Mit seinem Fund machte er sich schon nach ein paar Minuten auf den Heimweg.

Zurück in seinem Büro zauberte sich der Direktor eine große Kiste mit gläsernen Kugeln. In jede dieser Kugeln sperrte er nun jeweils einen der kleinen Leuchtkäfer.
Am Abend rief er alle Schüler in die Eingangshalle. Jeder sollte sich beteiligen und den Baum schmücken.
»Zuerst kommt das Lametta an die Äste, danach die Strohsterne und Engelsfiguren. Ganz zum Schluss hängt ihr die leuchtenden Kugeln an den Baum.«
Die Schüler sahen in die Kiste und bekamen große Augen. Sie konnten es nicht glauben, aber in jeder einzelnen Kugel war ein kleines Glühwürmchen gefangen.
Der Schulsprecher nahm eine von ihnen und trat vor den Direktor.
»Es tut mir leid, aber wir können diese Tiere unmöglich so an unseren Baum hängen. Es sind lebende Wesen und sie sind bestimmt nicht glücklich darüber, dass sie nun eine lange Zeit in einer Glaskugel verbringen müssen.«
Darüber hatte der Direktor gar nicht nachgedacht.
»Du hast natürlich Recht, mein Junge. Jetzt habe ich ein richtig schlechtes Gewissen. Was machen wir denn nun? Wir brauchen doch eine festliche Beleuchtung für unseren Baum.«
Doch die Schüler hatten bereits eine Idee. Sie schraubten die vielen Kugeln auf und ließen die Glühwürmchen frei. Zum Dank flogen die kleinen Käfer nun in den Baum hinein, verteilten sich auf den Ästen und leuchteten um die Wette.
»Sie wollen den ganzen Winter über hier in der warmen Schule verbringen. Es gefällt den Glühwürmchen hier viel besser als im kalten Wald. Sie möchten allerdings nie wieder eingesperrt werden.«, sagte der Schulsprecher.
»Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen.«, versprach der Direktor.
Nun leuchtete der Weihnachtsbaum so schön und hell, wie er es in keinem anderen Jahr zuvor getan hatte. Und alle paar Minuten flogen die kleinen Tierchen um die Baum herum und ließen sich an einem neuen Platz nieder.

(c) 2008, Marco Wittler

090. Riesen Angst im Dunkeln oder „Papa, warum leuchtet eine Glühbirne?“ (Papa erklärt die Welt 7)

Riesen Angst im Dunkeln
oder ›Papa, warum leuchtet eine Glühbirne?‹

Sofie ging mit Papa zusammen in den Keller. Normalerweise traute sie sich nicht dort hin, aber zu zweit war das etwas anderes.
Papa schaltete die Lampe an und ging voraus. Sofie besah sich das und dachte nach.
»Du, Papa, warum leuchtet eigentlich eine Glühbirne?«
Papa blieb stehen, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Sie handelt von einem Riesen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer Riese mit Namen Argan. Er lebte von früh bis spät in den Tag hinein und war faul. Alle anstrengenden Arbeiten lies er von den kleinen Menschen erledigen, die er sich vor langer Zeit gefangen hatte.
Argan war ein böser Riese und er beschimpfte und bestrafte seine Gefangenen so oft wie möglich. Und so taten die Menschen immer das, was er von ihnen verlangte.
Groß, fett und faul war er in der langen Zeit geworden. So sah er noch schrecklicher aus, als es Riesen eh schon sind.
Doch abends, wenn die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und das Licht der Dunkelheit wich, veränderte sich Argan. Denn er hatte riesige Angst im Dunkeln. Sobald er nichts mehr sehen konnte, lief ihm kalter Schweiß den Rücken herab und er sah in jeder Ecke ein böses Monster, das ihn fressen wollte.
Damit er nicht ohne Licht schlafen musste, nahm er seine versklavten Menschen und drückte jedem von ihnen eine Lampe in die Hand. Danach holte er eine große Kiste mit Glühbirnen aus dem Schrank, schraubte sie auf und steckte die Menschen hinein. So waren in der ganzen Nacht alle Räume seine Hauses hell erleuchtet. Nur so konnte Argan ruhig schlafen.
Den Menschen gefiel das natürlich gar nicht. Tagsüber ackerten sie in den Gärten des Riesen und in der Nacht mussten sie in einer engen Glühbirne bei hellem Licht schlafen. Daher waren sie nie ausgeschlafen. Sie konnten ihre Aufgaben nicht richtig erledigen und es passierten immer wieder Unfälle, weil sie einfach während der Arbeit einschliefen.
Aber sie konnten sich nicht wehren. Kleine Menschen hatten gegen einen Riesen keine Chance. So nahmen sie es hin und beleuchteten jede Nacht das Haus.
»Wenn auch nur eine eurer Lampen in der Nacht erlischt, werde ich euch alle zusammen so hart bestrafen, wie ihr es euch nicht einmal in euren Alpträumen vorstellen könnt.«, sagte Argan jeden Abend, bevor er unter seine große Decke kroch. Dann schlief er ein und schnarchte die ganze Nacht so laut wie zehn Sägewerke zusammen.
Erst am nächsten Morgen befreite er die Menschen aus den Lampen und zwang sie zur Arbeit im Garten.

Eines schönen Tages kam ein kleines Wurmmädchen durch den Garten gekrochen. Ihr Name war Marla. Sie war angelockt worden vom Duft der süßen Früchte, an denen sie nun hungrig knabberte.
Doch als die Sonne langsam unter ging, suchte sie sich ein kleines Loch in der Hauswand, um dort schlafen zu können.
Doch von Ruhe und Schlaf konnte nicht die Rede sein. Denn noch bevor es richtig dunkel war, leuchtete bereits helles Licht im Innern des Hauses und überall beklagten sich kleine Menschen.
»Was mag denn da drin vor sich gehen?«, fragte sich Marla und kroch vorsichtig tiefer in das Loch, bis sie etwas sehen konnte.
Und da erblickte sie auch schon das graumsame Spiel. Ein gewaltiger Riese stopfte die Menschen mit ihren Lampen in Glühbirnen und hängte sie an der Decke auf.
»Wenn auch nur eine eurer Lampen in der Nacht erlischt, werde ich euch alle zusammen so hart bestrafen, wie ihr es euch nicht einmal in euren Alpträumen vorstellen könnt.«, sagte er wie jeden Abend.
»Hui, hat da vielleicht jemand Angst im Dunkeln?«, fragte sich das Wurmmädchen.
»Aber deswegen darf er doch die armen Menschen nicht einfach einsperren. Dagegen muss etwas unternommen werden.«
Marla kletterte wieder zurück nach draußen und pfiff einmal ganz laut auf ihren Fingern.
Kurz darauf bewegte sich etwas im Garten. Die Blätter des Salates wackelten und die Früchte der Bäume wippten hin und her, obwohl es völlig windstill war. Und dann konnte man sie sehen. Von überall kamen weitere Würmer hervor gekrochen und folgten Marla schließlich in das Haus des Riesen.

Die Menschen saßen still und traurig in ihren Glühbirnen. Sie achteten darauf, dass ihre Lampen nicht erloschen und waren so still wie es nur ging, damit der Riese nicht aufwachen konnte.
Doch dann war da ein Geräusch. ›Poch-poch, poch-poch‹. Irgend etwas klopfte von außen gegen das milchige Glas. Was konnte denn das nur sein? Dann war es wieder zu hören. ›Poch-poch, poch-poch‹.
Die Menschen wussten nicht, was sie davon halten sollten. Aber sie trauten sich auch nicht, darauf zu reagieren. Viel zu schnell hätte Argan wach werden können. Und ein wütender Riese war so ziemlich das schlimmste, was man sich vorstellen konnte.
Mit einem Mal entstand in allen Glühbirnen ein kleines Loch das schnell größer wurde. Die kleinen Würmer fraßen sich durch das Glas.
Eine leise Stimme sprach zu den Menschen und machte ihnen Mut.
»Kommt schnell heraus. Der Riese schläft. Wir sind hier, um euch zu befreien.«, flüsterte Marla.
Zuerst trauten sich die Menschen nicht.
»Er wird erwachen, sobald es dunkel wird. Und dann wird er uns bestrafen. Wir können hier nicht weg.«, antworteten sie.
Doch selbst dafür hatte Marla gesorgt, denn in diesem Moment war leises Summen zu hören und durch das Loch in der Wand kamen unzählige Glühwürmchen in das Haus geflogen.
»Sie werden eure Plätze einnehmen und für den Riesen leuchten. Denn für ein Glühwürmchen gibt es nichts schöneres als Licht zu machen.«
Nun fassten die Menschen Mut, kletterten aus ihren kleinen Gefängnissen und überließen ihre Plätze den Glühwürmchen. Noch in der selben Nacht verschwanden die Menschen für immer und suchten ein eigenes Land, in dem sie ohne Angst vor Riesen leben konnten.
Das Wurmmädchen Marla und ihre Freunde freuten sich sehr, jemand anderem etwas Gutes getan zu haben. Gemeinsam krochen sie in den Garten und fraßen sich am Obst und Gemüse des Riesen satt, bis nichts mehr davon übrig war. Danach verschwanden sie und wurden nie wieder dort gesehen.

Sofie bekam große Augen und ging näher an eine der Lampen im Keller heran.
»Und da drin sitzt also ein Glühwürmchen und macht Licht?
Papa machte ein ernstes Gesicht und nickte stumm.
Sofie musste grinsen.
»Weißt du was? Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber lustig war die Geschichte trotzdem.«

(c) 2008, Marco Wittler

082. Der Mond wurde finster

Der Mond wurde finster

Der Abend brach an und die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Sie machte Platz für den Mond und seine unzähligen Begleiter, die Sterne.
Armin saß auf einer kleinen Waldlichtung an seinem Lagerfeuer und wärmte sie sein Essen auf. In der kleinen Pfanne lag ein kleines Stück Pökelfleisch und auf einem der Steine am Rand ein Stück Brot.
Es war nicht gerade ein Essen für einen König, aber Armin war damit zufrieden.
»So lange ich überhaupt etwas zu Essen habe und jeden Tag satt werde, bin ich zufrieden.«
Gemütlich lehnte er sich an einen großen Baumstumpf und warf einen Blick in das unendliche Sternenmeer über sich. Dann nahm er das Brot, brach ein Stück davon ab und warf es in hohem Bogen über seinen Kopf hinweg.
»Ihr Götter im Himmel, ich möchte euch ein wenig meiner kargen Mahlzeit opfern, damit ihr freundlich gestimmt seit und auf mich acht gebt, wenn ich diese Nacht im Freien verbringe. Bitte haltet alle Gefahren von mir fern.«
Armin nahm das Fleisch aus der Pfanne, schnitt mit seinem Messer ein kleinen Teil ab und opferte auch diesen.
»Bitte sendet mir ein Zeichen, welches meine weitere Reise beeinflussen soll.«
Erst dann begann er zu essen.
Das Fleisch war zäh und das Brot trocken. Aber zumindest wurde der Magen voll. Vielleicht würde es ja doch bald wieder ordentliche Mahlzeiten geben.
»Wenn das Leben doch nicht so ungerecht wäre, dann hätte ich weiterhin in meiner Heimat bleiben und dort arbeiten können.«

Armin war auf der Flucht. In seinem Heimatdorf war ein Verbrechen geschehen. Jemand hatte vor einigen Monaten den Stern von Haladan gestohlen. Der Stern war eigentlich ein Stein, welcher vor ewigen Zeiten vom Himmel gefallen war. Er war ein Geschenk der Götter und schützte das Dorf vor allem Übel. Doch nun war er verschwunden.
Der Stern war in einer sonderbaren Nacht gestohlen worden. Die Sterne funkelten am Himmel und auch der Mond spendete sehr viel Licht. Armin war als Wachposten eingeteilt. Seine Aufgabe war es, den Tempel des Sterns von seinem Wachturm aus im Auge zu behalten, denn in der Nacht durfte ihn niemand betreten. Alles war ruhig und niemand war auf den Straßen zu sehen.
Doch dann geschah es. Wolken zogen auf und überdeckten die Sterne. Das war war nicht Ungewöhnliches. Aber als schließlich der Mond vom Himmel verschwand und dichte Nebelschwaden aufzogen, herrschte plötzlich absolute Finsternis.
»Was ist das? Wie kann das sein?«
Armin bekam es mit der Angst zu tun. Sofort holte er eine kleine Lampe hervor und entzündete ihr Feuer. Er blickte auf den Kalender, doch der Monat war noch nicht vorbei. Der Mond verschwand in regelmäßigen Abständen, kam dann aber auch zurück. Doch in dieser Nacht sollte er in voller Pracht am Himmel stehen.
»Oh, ihr Götter, welches Verbrechens klagt ihr uns Menschen an, dass ihr uns das Licht der Nacht nehmt?«
Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen hörte er nur das ferne Heulen der Wölfe im Wald.
Armin nahm seinen ganzen Mut zusammen und verließ seinen Posten. Mit der Lampe in der Hand ging er zum Tempel. Schließlich hatte er noch immer eine Aufgabe zu erfüllen.
Vorsichtig ging er die ersten Stufen hinauf. Er wagte es allerdings nicht, den Innenraum zu betreten. Zu sehen war allerdings nichts. Es war einfach viel zu finster.
Es verging einige Zeit. Bis auf einige Tiere im Wald war kein Geräusch zu hören.
Und dann wurde es schnell wieder heller. Die Wolken zogen weiter, der Nebel löste sich auf und der Mond kam wieder zum Vorschein.
»Seltsam, wirklich sehr seltsam.«
Armin sah sich um. Die Straßen waren wieder gut zu sehen und der Blick auf den Stern von Haladan wurde wieder frei.
Doch halt, was war das? Der Stern war verschwunden. Der große gläserne Schrein, in dem er während der Nacht aufbewahrt wurde, war leer.
In diesem Augenblick kam der Bürgermeister. Ab und zu war er in den Nächten unterwegs und spazierte durch die Straßen. Er genoss jedes Mal die Ruhe der Nacht.
»Was bist du bloß für ein Taugenichts. Der Stern ist verschwunden. Nun ist unser Dorf allen Gefahren schutzlos ausgeliefert. Ich werde dir zeigen, was dir für eine Strafe blüht.«
Doch dann hielt er inne und dachte kurz nach. Schließlich verfinsterten sich seine Augen.
»Hast du etwa selber unsere Gesetze gebrochen und den Tempel betreten, um den Stern zu stehlen?«
Der Bürgermeister nahm seinen Spazierstock fest in beide Hände und machte eine bedrohliche Geste.
Armin wusste, dass es nicht nützen würde, den Diebstahl abzustreiten. Niemand würde ihm glauben. Er versuchte es trotzdem.
»Aber der Mond verschwand vom Himmel. Es war absolut dunkel und ich konnte nichts sehen. Nur deswegen bin ich hierher gekommen, um den Stern im Auge zu behalten.«
Der Bürgermeister war außer sich vor Wut und holte mit dem Stock aus. Er schlug allerdings ins Leere, da Armin entsetzt zur Seite sprang und darauf hin schnell in die Nacht hinaus flüchtete.

Fleisch und Brot waren verspeist. Armin machte es sich an seinem Baumstumpf gemütlich, zog eine Decke über seinen Körper und sah wieder zu den Sternen hinauf, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Im nahen Wald knackten ein paar Äste.
Armin stand entsetzt auf.
»Wer ist da?«, rief er.
Es kam zwar keine Antwort, dafür sprangen zehn Soldaten aus dem Dickicht, gefolgt vom Bürgermeister.
»Haben wir dich endlich erwischt. Ich wusste doch, dass du Dieb uns nicht entwischen wirst.«
Er wandte sich an seine Leute und brüllte weitere Befehle.
»Fesselt ihn gut, damit er uns nicht ein weiteres Mal entwischt. Ich will den Burschen in einer Stunde im Kerker sitzen sehen. Und nun durchsucht seine Sachen. Irgendwo muss der Stern sein.«
Aber die Suche war vergeblich, der Stern blieb verschwunden.
»Das kann doch nicht möglich sein. Wo hast du den Stein versteckt.«
Doch Armin konnte nicht antworten. Er lag gefesselt und geknebelt am Boden.
Plötzlich zogen Wolken auf und verdeckten die Sterne. Nebelschwaden erfüllten die kleine Lichtung und der Mond verlöschte. Es war so finster, dass niemand mehr etwas sehen konnte.
Der Bürgermeister wurde nervös.
»Was ist das? Was hat das zu bedeuten?«
Er stieß einen seiner Soldaten um. Dieser stürzte auf Armin.
»Glaube bloß nicht, dass du die Dunkelheit zur Flucht nutzen kannst. Das werde ich nicht zulassen.«
Der Soldat verstand sofort und hielt seinen Gefangenen fest umklammert.
Der Bürgermeister schimpfte. Er war es nicht gewohnt, unter freiem Himmel nichts sehen zu können. Doch dann verstummte seine Stimme.
Wer ihn nun hätte sehen können, hätte sofort bemerkt, dass er am ganzen Körper zu zittern begann.
»Das kann doch gar nicht möglich sein. Was geschieht hier?«
Mit seinen Worten zogen der Nebel und die Wolken weg und der Mond kam wieder zum Vorschein. Die Menschen bekamen ihr Licht zurück und konnten wieder etwas sehen.
Noch immer lag Armin gefesselt am Boden und ein Soldat lag auf ihm drauf.
Der zitternde Bürgermeister war in sich zusammen gebrochen und saß nun wimmernd auf seinem Hintern. In seinen Händen hielt er einen kleinen schwarzen Stein, der nun hell zu leuchten begann.
»Die Götter hatten den Stern zu sich in den Himmel geholt und ihn nun zu uns zurück geschickt. Sie haben den Bund mit uns erneuert.«
Langsam stand er auf und hielt den Stein in die Höhe.
»Habt Dank.«
Doch dann lies er die Arme wieder sinken und sah beschämt auf den Boden.
»Armin, es tut mir leid, dass ich an deiner Ehrlichkeit gezweifelt habe. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.«
Die Soldaten halfen Armin sofort auf und befreiten ihn von den Fesseln.
Der Bürgermeister ging auf seinen ehemaligen Wachmann zu und drückte ihm den Stern in die Hand.
»Ich möchte, dass du ihn zurück in den Tempel bringst. Das bin ich dir schuldig. Und es wird auch der Wunsch der Götter sein, denn auf deinen Wunsch nach einem Zeichen, haben sie ihn zurück geschickt.«
Armin strahlte nun über das ganze Gesicht und war sehr stolz mit dieser wichtigen Aufgabe betraut worden zu sein.
Von nun an arbeitete er jede Nacht im Tempel. Er war der einzige, der die Erlaubnis dazu bekam. Von nun an sollte er den Stern von Haladan ganz persönlich und aus nächster Nähe bewachen. Und vielleicht würden die Götter ihm hin und wieder ein weiteres Zeichen senden, welches er den Menschen weiter geben sollte.

(c) 2008, Marco Wittler

052. Großer schwarzer Stein am Himmel oder „Papa, warum ist die Sonne so warm?“ (Papa erklärt die Welt 4)

Großer schwarzer Stein am Himmel
oder »Papa, warum ist die Sonne so warm?«

Sofie lag im Garten in einem großen Liegestuhl und lies sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Es war ein richtig schöner und warmer Sommertag. Überall summten Bienen durch die Luft und sammelten Pollen und Nektar.
Papa saß vor einem Blumenbett und pflanzte ein paar Blumen in die Erde, die Mama vom Einkaufen mit gebracht hatte.
Sofie beobachtete ihn. Aber irgendwann wurde es ihr zu langweilig und schlenderte zu Papa.
»Du, Papa, mir ist es ganz schön warm in der Sonne. Kannst du nicht das Planschbecken aufstellen, damit ich meine Füße da drin baumeln lassen kann?«
Papa legte die Schaufel und die kleine Gießkanne beiseite und stand auf.
»Das ist eine gute Idee. Mir ist es auch schon viel zu warm Und ich brauche eine Pause.«
Er holte das Planschbecken aus dem kleinen Gartenhaus, blies es mit einer elektrischen Pumpe auf und lies anschließend Wasser hinein.
Sofie zog sich ihren Stuhl heran und steckte die Füße ins Wasser, noch bevor Papa fertig war.
»Los, Papa, hol dir einen Stuhl und mach mit. Das Wasser ist so schön kalt. Das macht richtig Spaß.«
Sie wackelte mit den Zehen und spritzte ab und zu mit den Füßen Wasser aus dem Becken.
Papa holte sich seinen Stuhl und kühlte sich ebenfalls ab.
Die Sonne stand sehr hoch am Himmel und stach Sofie ins Auge. Also zog sie ihre Mütze tiefer ins Gesicht.
»Papa, warum ist die Sonne eigentlich so warm?«
Papa musste nachdenken. Doch dann schien ihm etwas einzufallen.
»Mir fällt da eine Geschichte ein. Sie handelt von der Sonne. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Zeit, in der die Sonne niemals schien. Oh, sie hing zwar schon am Himmel, aber sie war nur eine dunkle, schwarze Scheibe.
Auf der Erde freuten sich die Menschen über jedes kleine Feuer, denn es war den ganzen Tag so dunkel wie in der Nacht. Die Sterne leuchteten rund um die Uhr. Und es war immer kalt.
Die einzelnen Menschenstämme überfielen sich in regelmäßigen Abständen gegenseitig und raubten sich das Feuer und warme Felle, in die sie sich kleiden konnte.
Es war eine Zeit, in der Niemand glücklich war. Das Leben war hart und gefährlich.
In den besonders schlimmen Zeiten hatten die Menschen gar kein Feuer. Manchmal wurde es vom Regen gelöscht, vom starken Wind ausgeblasen oder man hatte vergessen, neues Holz nach zu legen.
Dann musste man immer auf ein Gewitter warten und hoffen, dass der Blitz in einen Baum einschlug, welche dann Feuer fing. Doch das konnte manchmal sehr lange dauern.
Eines Tages trafen sich alle Stämme der Gegend auf einer großen Wiese. Niemand von hatte Feuer und jeder schob dem anderen die Schuld dafür in die Schuhe. Es sollte einen großen Krieg geben.
Ein letztes Mal trafen sich die Häuptlinge in der Mitte des Platzes, in der Hoffnung, den Krieg abzuwenden. Doch niemand von ihnen wollte die Schuld auf sich nehmen.
Also zogen sie alle ihre Schwerter, kreuzten die Klingen und gingen zu ihren Stämmen zurück.
Stille legte sich über die Wiese. Alle Krieger warteten nun gespannt darauf, dass es bald los gehen würde. Alle beteten dafür, dass sie diesen Tag überleben würden.
Aber ein paar Sekunden, bevor sie los stürmen wollten trat ein Jüngling in die Mitte der Stämme. Er schwenkte einen langen Stock hin und her, an dessen Ende sich ein weißes Tuch befand. Es war das überall bekannte Friedenszeichen. Nun durfte niemand mit dem Kampf beginnen, bevor man den jungen Mann angehört hatte.
Voller Wut stürmten die Häuptlinge mit gezogenen Schwertern in die Mitte und bedrängten den Jüngling. Sie beschimpften ihn, bedrohten ihn und verlangten auf der Stelle eine Erklärung, warum er versuchte, den Krieg zu verhindern.
Doch der junge Mann, sein Name war Helios, drängte sie alle zurück.
»Schämt ihr euch denn nicht? Ihr seid nicht nur erwachsene Männer, ihr seid auch die Häuptlinge unserer Stämme. Ihr tragt die Verantwortung für alle Menschen hier. Sie vertrauen auf euch. Sie wollen von euch beschützt werden. Aber ihr schickt sie in einen sinnlosen Krieg. Sie sollen sich gegenseitig töten, nur weil ihr zu dickköpfig seit, euch endlich einig zu werden.«
Die Häuptlinge sagten nichts. Stattdessen sahen sie alle beschämt zu Boden.
»Das Feuer ist verloschen. Keiner von uns kann es erneut entfachen. Aber die Schuld daran tragen wir alle. Ständig stehlen wir uns das Feuer. An anderen Tagen verlöscht es, weil wir zu dumm sind, darauf aufzupassen.
Aber nun wird es endlich Zeit, dass wir uns gemeinsam eine Lösung ausdenken, dass wir gemeinsam unser Feuer behüten.«
Die Häuptlinge schüttelten alle den Kopf. Ein weiteres Mal wiesen sie alles von sich und fanden tausend Begründungen, warum die anderen Schuld waren.
Helios setzte sich und verlangte dies auch von den Häuptlingen.
»Ihr seid Narren und Dummköpfe. So kann es doch nicht für immer weiter gehen. Denn bisher war es doch immer so. Irgendwann waren alle Feuer verloschen und irgendwer wurde deswegen zum Sündenbock gemacht. Wollt ihr das denn nicht ändern? Gebt euren Leuten neue Hoffnung zeigt ihnen, dass es einen besseren Weg in die Zukunft gibt.«
Die Häuptlinge konnten nichts dagegen sagen, denn die Krieger um sie herum hatten jedes Wort gehört und waren nun guter Hoffnung, nicht mehr kämpfen zu müssen.
Einer der Häuptlinge ergriff nun das Wort, denn es brannte ihm eine große Frage auf dem Herzen.
»Aber wie soll diese neue Zukunft aussehen? Wir haben alle lange darüber nachgedacht, aber sind nie auf die richtige Lösung gekommen.«
Helios zog ein paar Zweige aus der Tasche und einen Faden. Er legte alles auf den Boden und begann dann, alles miteinander zu verbinden.
»Seht her. Dies hier ist alles, was wir brauchen. Wir brauchen viele Äste und Seile, aus denen wir eine Leiter bauen können.«
Er hatte nun ein kleines Modell dieser Leiter in der Hand. In die andere nahm er nun einen Stein.
»Dies hier soll der große schwarze Stein am Himmel sein. Ich werde die Leiter auf einen Berg stellen und an den Stein anlehnen. So kann ich zu ihm hinauf klettern. Ich werde dort oben viel Holz aufschichten und dann anzünden. Denn dann wird uns der große Stein immer Licht und Wärme spenden. Und schon ist unser Problem gelöst. Es muss nur hin und wieder jemand neues Holz hinauf schaffen.«
Die Häuptlinge trauten dieser Idee nicht über den Weg. Die umstehenden Krieger schienen aber begeistert zu sein.
Und so wurde die Idee umgesetzt.

Die vielen Krieger begannen gleich mit der Arbeit. Sie sammelten viel Holz für das Feuer und starke Äste für die Leiter. Die Frauen der Stämme flochten Seile. Nach nur wenigen Tagen konnten sie mit dem Bau beginnen. Doch sollte es fünfzig Tage dauern, bis sie fertig waren.
Helios war sehr stolz auf seine Idee und das Werk der Menschen, die ihm geholfen hatten. Es war eine Arbeit gewesen, die alle Stämme zusammen gebracht hatte. Sie hatten die Kriege und Auseinandersetzungen vergessen. Nirgendwo wurde etwas gestohlen. Man lebte in Frieden zusammen.
Schließlich kam der große Tag. Sie stellten die Leiter auf dem höchsten Berg der Umgebung auf und lehnten ihr oberes Ende an den großen Stein im Himmel.
Helios stieg mit ein paar kräftigen Männern hinauf und schichtete das gesammelte Holz zu einem großen Haufen auf.
»Es ist vollbracht, liebe Freunde. Nun wird es, das Feuer zu entfachen. Geht geschwind nach unten und bringt mir das Feuer vom letzten Gewitter.«
Es war gerade einmal fünf Tage her, als es kräftig gedonnert und geblitzt hatte. Seitdem verfügten die Menschen wieder über ein Feuer. Diesmal hatten es sich alle Stämme geteilt und auch gemeinsam darauf acht gegeben, dass es nicht wieder aus ging. Nun sollte es bald in den Himmel gebracht werden, um die ganze Erde zu beleuchten.
Ein Krieger kletterte kurz darauf mit einer Fackel in den Himmel und übergab sie Helios.
»Danke, mein Freund. Und nun geh wieder zurück zu den anderen. Ich möchte nicht, dass irgendwem hier oben etwas passiert.«
Er spazierte mit der Fackel ein wenig über den Stein im Himmel. Er dachte noch einmal darüber nach, was er alles erreicht hatte, dass die Menschen Frieden gefunden hatten und nun nur noch auf Wärme und Licht hofften.
»Es ist geschafft. Bald werdet ihr das große Wunder erleben.«
Er stieß mit dem Fuß die große Leiter um, damit niemand auf die Idee kam, ihm zu folgen. Es sollte niemand hier oben zu Schaden kommen.

Helios steckte die Fackel in den Boden und legte seinen Beutel daneben, den er die ganze Zeit am Körper getragen hatte. Er öffnete ihn und holte ein Buch daraus hervor. Es war groß und dick, weil es sehr viele Seiten hatte.
Es war das Buch eines großen Magiers, der vor langer Zeit gelebt hatte. Er hatte es kurz vor seinem Tod an seinen Sohn weitergegeben und dieser wiederum an seinen Sohn. So war es über viele Generationen gegangen, bis es schließlich in die Hände von Helios gelangte.
Und der junge Bursche war nach so langer Zeit, der erste, der sich wirklich die Mühe machte, darin zu lesen und viele Zaubereien zu erlernen. Dadurch war er selbst zu einem Magier geworden.
Er hatte nie darüber gesprochen, hatte auch niemals für andere gezaubert. Zu groß war seine Angst gewesen, dass er von den Menschen ausgenutzt oder ausgestoßen wurde.
Doch nun war es an der Zeit. Es war Zeit, diese besondere Begabung zu nutzen, um den Menschen das zu geben, worum sie sonst ständig kämpften. Er wollte ihnen Licht und Wärme schenken.
Er stand auf, schlug eine Seite des Buches auf und begann, einige Zaubersprüche in einer fremden Sprache vor sich hin zu murmeln. Nach jedem Satz zerbrach er einen Ast des Holzes, dass er mit auf den schwarzen Stein im Himmel mitgebracht hatte.
Als der letzte Ast zerbrach, geschah plötzlich etwas.
Helios verlor den Boden unter den Füßen. Er begann zu schweben. Fast hätte er das Buch verloren. Doch nun hielt er es fest im Arm und steckte es vorsichtig zurück in seinen Beutel.
Der Jüngling schwebte höher und höher. Er lies den schwarzen Stein hinter sich und flog weg. Weit weg trieb es ihn, immer weiter in den Himmel hinein, bis die Erde unter ihm fast nicht mehr zu sehen war.

Die Menschen auf der Erde wurden misstrauisch. Sie hatten die Leiter fallen sehen und konnten sich denken, dass Helios sie an der Nase herum geführt hatte, denn noch immer brannte kein Feuer auf dem schwarzen Stein.
Schon wollten sie die Leiter erneut aufstellen und nachsehen, als plötzlich eine gewaltige Lichtwelle über sie hinweg flutete. Die Sterne verschwanden und der schwarze Himmel färbte sich hellblau. Nicht einmal der schwarze Stein war noch zu sehen.
Stattdessen sahen sie am Himmel etwas Neues. Dort war nun eine große helle Scheibe. Sie brachte viel Licht und noch viel mehr Wärme.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Krieger in ihren dicken Tierfellen zu schwitzen begannen und Teile ihrer Kleidung ablegen mussten.
Am Abend, als die helle Scheibe hinter dem Horizont verschwunden war und es dunkler und kühler wurde, kamen die Häuptlinge wieder zusammen. Sie wollten über das Wunder reden.
In diesem Moment tauchte der schwarze Stein wieder am Himmel auf. Doch diesmal reflektierte er das Licht der hellen Scheibe.
»Schaut zum Himmel hinauf. Selbst der schwarze Stein leuchtet voll Freude. Er ist nun nicht mehr allein. Und er wird uns in den dunklen Nächten noch so viel Licht spenden, dass wir genug sehen können.«
Sie gaben dem schwarzen Stein einen neuen Namen. Sie nannten ihn Mond.
»Wir müssen auch der hellen Scheibe einen Namen geben. Doch welcher ist wirklich angemessen für so etwas Wunderbares?«
Sie überlegten nicht lange, denn sie wussten bereits, welcher Name als einziger in Frage kommen würde.
»Wir nennen sie Helios. Der Junge hat mehr gehalten, als er uns versprochen hat. Darum soll sie seinen Namen tragen.«
Die Häuptlinge waren sich alle einig.
Von nun an lebten die Stämme in Frieden. Es gab keine Kriege und niemand musste das Feuer des anderen stehlen.

Helios schwebte im Himmel. Er blickte auf die Erde herab und sah, was sich dort unten tat. Er stellte mit Freude fest, dass die Menschen nun in Frieden zusammen lebten. Er hatte geschafft, was er ihnen versprochen hatte.
Sein Herz hatte sich für die Menschen geöffnet. Es strahlte so viel Licht und Wärme aus, dass es die Erde für immer veränderte.

Sofie sah Papa an.
»Du erzählst mir doch bestimmt nicht die Wahrheit, oder?«
Papa musste lachen.
»Natürlich ist das die Wahrheit. Oder was meinst du wohl, warum die Sonne sonst so heiß ist?«
Sofie dachte nach. Sie fand keine bessere Erklärung. Immerhin war die Sonne wirklich sehr hell und heiß.
»Aber warum hat dieser Mann einen so komischen Namen? Helios heißt doch kein Mensch.«
Papa grinste.
»Helios ist ein uraltes Wort. Es kommt aus einer anderen Sprache und heißt Sonne.«
Mit einem Lachen sagte Sofie schließlich: »Ich glaube dir kein Wort, Papa.«

(c) 2007, Marco Wittler

001. Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms

Vor langer Zeit lebte ein großer Leuchtturm auf einer Nordseeinsel. Seine Aufgabe war es, den Seeleuten in der Nacht den Weg zu weisen, damit sie ihre Schiffe auch im Dunkeln sicher in den Hafen steuern konnten, ohne am Ufer zu stranden oder an einem Felsen zu zerschellen.
Jeden Abend, wenn die Menschen von der Arbeit kamen und die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, sagte der große Leuchtturm seiner Familie Lebewohl und verrichtete dann seine Arbeit.
Das tat er sehr gut. Noch nie war ein Schiff gesunken. Sein helles Licht war auf der ganzen Insel zu sehen und bis weit hinaus auf das Meer. Immer wenn er seiner Aufgabe nachging saß sein kleiner Sohn am Fenster und sah ihm dabei zu.
»Ich möchte auch einmal auf einer Insel stehen und den Schiffen den Weg weisen.«, schwärmte er.
Seine Mutter lächelte ihn dann an und brachte ihn zu Bett.
Morgens, wenn die Sonne ihre ersten hellen Strahlen über die Erde schickte, war die Arbeit des Leuchtturms getan und er kam zurück nach Hause. Der kleine Leuchtturm wartete dann schon, um ihm, wie jeden Tag, zu sagen, dass er auch irgendwann einmal den Schiffen den Weg weisen wollte. Aber der Vater lachte dann nur und sagte, dass nur ein richtig großer Leuchtturm diese wichtige Aufgabe übernehmen könnte, sein kleiner Sohn aber viel zu klein wäre.
Das machte den kleinen Leuchtturm natürlich sehr traurig, denn er sah seinem Vater nur zu gern beim Leuchten zu. Trotzdem blieb es immer sein größter Traum dies auch eines Tages machen zu können.
Nach einigen Jahren war der kleine Leuchtturm alt genug, um in die weite Welt hinaus zu ziehen. Er wollte sich eine eigene Insel suchen, auf der er leuchten und den Schiffen den Weg weisen konnte. Doch mit der Größe war es nie etwas geworden. Er war so klein geblieben wie er es früher schon war. Trotzdem brannte in ihm sein Wunsch weiter.
Also erzählte er seinen Eltern davon, packte seine Sachen und verabschiedete sich.
Sein Vater hatte sich in der ganzen Zeit nicht verändert und lachte immer noch darüber. Er bot ihm sogar eine Arbeit als Schreibtischlampe an. Aber der kleine Leuchtturm lies sich davon nicht abschrecken.
Schon bald traf er auf die erste Insel. Doch zu seinem Bedauern stand dort bereits ein Leuchtturm. Der war viel größer und prächtiger als er. Also zog er weiter. Das Gleiche passierte ihm allerdings bei jeder weiteren Insel.
Nach einer recht langen Suche wollte er schon aufgeben und nach Hause zurückkehren. Doch dann kam er in einen sehr kleinen Teil der Nordsee. Und dort fand er tatsächlich eine Insel, die noch keinen Leuchtturm hatte. Das lag vor allem daran, dass sie selber sehr klein war, zu klein für einen normalen Leuchtturm.
Die beiden freuten sich sehr sich getroffen zu haben und freundeten sich schnell an. Seitdem leuchtet ein neues Licht über das Meer. Und jede Nacht weist der kleine Leuchtturm den ganz kleinen Schiffen den Weg, die im Dunkeln um die kleine Insel herum fahren.

(c) 2004, Marco Wittler

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms – gelesen von Marc Schröder

Die Geschichte des kleinen Leuchtturms – gelesen von Marco Wittler

01 Die Geschichte des kleinen Leuchtturms