455. Der Kuschelwuschelhund

Der Kuschelwuschelhund

Jule saß traurig vor dem Fenster und starrte in den grauen Himmel. Aus den dicken Wolken fielen unzählige dicke Regentropfen, durch die die Pfützen immer größer wurden.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Papa, als er den Kopf durch die Zimmertür steckte.
Jule zuckte nur mit den Schultern und wendete ihren Blick nicht vom Regen ab. Doch dann begann sie zu weinen und hielt Papa das Telefon hin.
»Mama hat gerade angerufen, als du im Keller warst. Sie kommt zwei Tage später nach Hause. Sie muss länger arbeiten.«
Papa nahm Jule in den Arm und drückte sie sanft an sich.
»Das tut mir Leid, mein Spätzchen. Ich verspreche dir aber, dass ich die ganze Zeit für dich da sein werde.«
»Danke, Papa.«, seufzte Jule leise.
»Dabei hatte ich mich so gefreut, endlich ein neues Kuscheltier zu bekommen. Mama hatte versprochen, mir einen Hund zu nähen. Aber das wird jetzt leider nichts.«
Wieder rollten ein paar dicke Tränen über ihre Wangen und tropften in den Teppich.
»Ich hab Morgen eine Überraschung für dich, als Ausgleich für Mamas genähten Hund. Das ist ein Versprechen, dass auch eingelöst wird. Und ich bin mir ganz sicher, dass Mama jetzt auch gern hier bei uns wäre, um dir den Hund zu nähen.«

Bis zum Abend hatte sich Jule beruhigt. Papa hatte ihr am Bett ein paar Geschichten erzählt. Nun saß er im Wohnzimmer, fluchte und schimpfte die ganze Zeit vor sich hin. Zwischendurch war immer wieder ein ‚Aua‘ zu hören.
»Ich sollte nicht immer auf so dumme Ideen kommen und etwas versprechen, das so schwer ist.«
Auch wenn er gern aufgehört hätte, machte er fleißig weiter. Die Überraschung sollte schließlich bis zum nächsten Morgen fertig sein.

Am nächsten Morgen, pünktlich um acht Uhr hüpfte Jule aus ihrem Bett. Sie war so neugierig, dass sie es einfach nicht länger aushielt. Sie zog sich gar nicht erst um, sondern lief sofort die Treppe runter und steuerte auf das Wohnzimmer zu.
Papa lag schlafend auf dem Sofa. Um ihn herum lagen Stoffreste, Watte, unzählige verknotete Fäden, Nadeln, Knöpfe und vieles mehr.
»Was ist denn hier los?«, fragte Jule neugierig.
Papa wurde wach, schreckte hoch und sah sich kurz verwirrt um, bevor er merkte, wo er sich befand.
»Oh, du bist schon wach?«, fragte er.
Dann griff er neben sich und holte ein kleines Geschenk hervor.
»Das ist für dich.«, überreichte er es seiner Tochter.
Jules Augen wurden ganz groß und strahlten vor Freude.
»Für mich?«
Sie wartete keine weitere Antwort ab, sondern riss das Geschenkpapier sofort auf. Darin fand sich ein kleiner, von Hand genähter Hund.
»Ich weiß.«, entschuldigte sich Papa.
»Er ist nicht der schönste Hund. Ich habe auch ein paar Fehler beim Nähen gemacht. Mama kann das bestimmt viel besser als ich, aber es ist das allererste Mal, dass ich überhaupt etwas genäht habe.«
Jule grinste und warf sich an Papas Hals.
»Ach was. Das ist der allerschönste Kuschelwuschelhund, den ich je gesehen habe. Ich hab dich lieb, Papa.«
In diesem Moment öffnete sich die Haustür und Mama kam herein.
»Ich durfte doch schon etwas früher nach Hause fahren.«, sagte sie müde und hielt ihrer Tochter einen weiteren Kuschelwuschelhund entgegen.
»Oh, wie toll.«, freute sich Jule.
»Jetzt habe ich gleich zwei tolle Kuscheltiere und die besten Eltern der ganzen Welt.«

(c) 2013, Marco Wittler

416. Der Mistelzweig

Der Mistelzweig

Da hing er nun an der Decke des Wohnzimmers. Er war ein kleiner Mistelzweig mit grünen Blättern und ein paar weißen Beeren. Dort oben fühlte er sich allerdings gar nicht wohl.
„Was soll ich eigentlich hier? Ich gehöre doch nicht in ein Haus.“, schimpfte er vor sich hin.
„Ich gehöre in einen Baum, der an der frischen Luft steht, aber nicht in eine stickige Bude.“
Es gab da allerdings ein Problem. Der Zweig hatte keinen Mund. Es konnte ihn niemand hören. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als dort hängen zu bleiben, wo er nun war.
„Oh je.“, seufzte er.
„Jetzt kommen auch noch Menschen herein.“
Tatsächlich betraten gerade ein Mann und eine Frau das Zimmer. Sofort fiel ihnen der Zweig an der Decke auf. Die Frau wurde etwas rot im Gesicht und sah verlegen zu Boden.
„Du weißt doch, was man sagt, wenn ein Mann und eine Frau unter einem Mistelzweig stehen?“, fragte sie ihn.
Da wurde er auch rot und er musste schlucken. Er nickte, bekam aber kein Wort über die Lippen.
Da öffnete sich die Zimmertür und ein kleines Mädchen kam herein gestürmt.
„Mann und Frau müssen sich unter einem Mistelzweig küssen. Das weiß doch jedes Kind.“
Dann lief es lachend in den Flur zurück.
Der Mann lächelte, zog die Frau sanft zu sich und gab ihr einen dicken Kuss. Das fand der Mistelzweig so rührend, dass er sich nun doch freute, im Wohnzimmer zu hängen und nicht mehr in einem Baum.

(c) 2012, Marco Wittler

402. Die Liebe seines Lebens

Die Liebe seines Lebens

Papa saß am Schreibtisch und hatte dicke Falten auf der Stirn stehen. Er grübelte, dachte nach, überlegte sich Ideen und schüttelte ständig den Kopf. Nichts von dem, was ihm einfiel, war nach seinem Geschmack. Wie sollte er die Worte nur aufs Papier bringen?
In diesem Moment kamen die Kinder herein gestürmt und warfen einen Blick auf die bekritzelte Seite.
»Schreibst du eine neue Geschichte für uns?«, freuten sie sich bereits.
»Liest du sie uns heute Abend vor?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Die Geschichte ist dieses Mal nicht für euch, sondern für die Mama. Aber mir fällt einfach nichts Gescheites dafür ein. Ihr wisst ja, dass sie sehr hohe Ansprüche hat und ihr nicht alles gefällt. Und weil ich sie so liebe, soll es doch etwas ganz Besonderes werden.«
Die Kinder nickten, mussten aber auch sofort grinsen.
»Aber Papa, du bist doch der beste Geschichtenschreiber aller Zeiten. Wenn das einer schafft, dann nur du.«
Papa umarmte die Beiden und bedankte sich.
»Wenn du die Mama so sehr liebst, dann schreib doch einfach darüber. Dann musst du dir nichts ausdenken, sondern schreibst einfach die Wahrheit.«
Das war es. Das war genau die Idee, die ihm gefehlt hatte. Sofort suchte Papa ein neues Blatt Papier, nahm seinen schönsten Füller zur Hand, den ihm Mama geschenkt hatte und begann zu schreiben.

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die sich sehr liebten. Ihre Liebe war so groß, dass es nichts gab, womit man sie vergleichen konnte. Und trotzdem fiel es dem Mann immer wieder schwer, seine Gefühle in die richtigen Worte zu fassen oder zu zeigen, was er für seine Liebste empfand. Also schulterte er seinen Rucksack und zog hinaus in die Welt, um sich Hilfe zu suchen. Doch wo sollte er sie nur finden?
Schon nach wenigen Kilometern Fußweg fand er eine einzelne rote Rose am Straßenrand stehen.
»So eine wundervolle Blume. Sie ist nicht so wundervoll wie meine Liebste, aber sie wäre trotzdem ein schönes Geschenk.«
Also holte er ein Taschenmesser hervor und wollte gerade den Stiel der Rose durchschneiden, als er von einer alten Frau aufgehalten wurde.
»Unterstehen sie sich, die Blume zu klauen. Sie wächst dort schon sein über fünfzig Jahren. Jeden Tag komme ich hier vor und freue mich über ihre Blüten. Ich liebe diese Rose, weil sie mir ein glückliches Gefühl gibt.«
Der Mann bekam ein schlechtes Gewissen, stand auf setzte seinen Weg fort. Er wollte nicht daran die Schuld tragen, wenn die alte Frau traurig würde.
In der nächsten Stadt entdeckte er wieder etwas Neues. Im Fenster eines kleinen Ladens fand er ein Liebesgedicht. Es war mit so liebevollen Worten geschrieben, dass es das perfekte Geschenk für die Liebste war. Der Mann betrat also den Laden,  wollte sich nach dem Preis erkundigen und holte das Gedicht bereits aus dem Fenster.
»Ich würde ihnen das Gedicht sehr gern verkaufen.«, sagte der Dichter, während er seine Schreibfeder zur Seite legte.
»Aber sehen sie selbst.«
Er zeigte mit dem Finger zum Fenster. Auf der Straße hatten sich bereits mehrere Menschen versammelt, die grimmig herein sahen.
»Jeden Tag kommen die Bewohner der Stadt zu mir und lesen es durch. Es erfreut sie und bessert ihre Laune. Es hat nie jemand gewagt, es für sich allein zu besitzen.«
Der Mann verstand. Er wollte den Menschen der Stadt nicht nehmen, was sie so sehr liebten, wie er seine Liebste. Er verabschiedete sich also und setzte seine Suche fort.
»Was soll ich ihr bloß zum Geschenk machen? Ich kann einfach nichts passendes finden.«
Doch da fiel ihm plötzlich ein riesiges, rotes Herz ins Auge, das an einem großen Gebäude hing.
»Das ist es. Das muss ich ihr einfach mitbringen.«
Er betrat das Gebäude und fragte einen Mann im weißen Kittel, wie viel das Herz kosten würde.
»Unser Herz wollen sie kaufen? Nein, das ist absolut unmöglich. Wir sind eine Herzklinik. Zu uns kommen Menschen aus dem ganzen Land, damit wir sie gesund machen. Das Herz ist dafür gedacht, damit man unser Krankenhaus schon von weit her erkennt. Stellen sie sich mal vor, was passieren würde, wenn es fort wäre.«
Der Mann sah es ein und ging enttäuscht zurück auf die Straße. Mittlerweile hatte er bereits aufgegeben. Ein passendes Geschenk war einfach nicht zu finden. Also machte er sich auf den Heimweg.
Er kam vorbei an bunten Schaufenstern. Sie waren angefüllt mit bunten Frühlingsblumen, duftender Schokolade, kleinen und großen Geschenken. Doch nichts davon konnte seine Liebe zu seiner Liebsten widerspiegeln.
Irgendwann stand er vor ihrer Tür. Ganz vorsichtig und ganz leise klopfte er an. Er hatte die Hoffnung gehabt, dass sie es überhört hatte, aber dann öffnete sie ihm.
»Ich habe dich schon erwartet.«, begrüßte sie ihn lächelnd, fiel ihm um den Hals und gab ihm einen dicken Kuss.
»Ich habe schon vermisst. Wo warst du denn so lang?«
Er entschuldigte sich und berichtete schließlich von seiner verzweifelten Suche.
»Du bist ein wirklich liebevoller Mensch. Der allerliebste von allen.«, strahlte sie ihn an.
»Aber ich habe doch gar nichts gefunden, um dir zeigen zu können, wie sehr ich dich liebe.«
»Oh doch, das hast. Du zeigst es mir jeden Tag.«
Sie lächelte weiter.
»Wenn du mich verliebt ansiehst, wenn du mit mir Hand in Hand durch die Stadt gehst, wenn du mich küsst, mich in der Nacht in deinen starken Armen hälst und mir immer wieder sagst, dass du mich ewig lieben wirst – in allen diesen Momenten zeigst du mir, wie sehr du mich liebst. Und das macht mich glücklicher als jedes Geschenk, das du mir geben könntest.«
Der Mann seufzte erleichtert. Dann nahm er seine Liebste in die Arme und sah ihr tief in die Augen.
»Ich werde dich für immer lieben.«, versprach er ihr.
Dann drückte er sie an seine Brust und beide fühlten sich unglaublich glücklich.

(c) 2012, Marco Wittler

399. Die ganz große Liebe

Die ganz große Liebe

Lena und Max lagen auf der Lauer. Es war zwar kalt und regnete immer wieder, aber das konnte sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Sie blieben in ihrem Versteck unter einem Busch, gekleidet in dicke Winterjacken und warteten. Sie wollten sich diesen ganz besonderen Augenblick auf keinen Fall entgehen lassen.
»Und du bist dir wirklich sicher, dass sie kommen?«, wollte Lena wissen.
Ihr großer Bruder nickte.
»Sie kommen jedes Jahr hier vorbei. Ist nicht das erste Mal, dass ich sie dabei beobachte.«
Und tatsächlich kamen ein paar Minuten später zwei Personen den Waldweg entlang. Sie hielten sich verliebt an den Händen und blickten sich immer wieder verträumt in die Augen.
Der Mann und seine Begleiterin blieben stehen, Sie sahen sich um und suchten nach einem ganz bestimmten Baum. Als sie ihn gefunden hatten, holten sie ein Taschenmesser hervor und ritzten ihre Namen und ein großes Herz in die Rinde. Dann gaben sie sich einen langen Kuss und gingen zurück.
»Ist das nicht das Romantischste, das es gibt?«, fragte Lena gerührt.
Max nickte eifrig. Da konnte er seiner Schwester nur zustimmen.
»Mama und Papa machen das jedes Jahr zum Valentinstag.«
Lena seufzte laut.
»Das möchte ich später auch mal mit meinem Mann machen.«
Die Kinder verließen ihr Versteck und schlichen sich wieder nach Hause.

(c) 2012, Marco Wittler

391. Mama, ich hab dich lieb

Mama, ich hab dich lieb

Mama steckte den Schlüssel in die Tür und betrat die Wohnung. Sie hatte nur kurz im Laden an der Ecke ein paar Zutaten für das Mittagessen geholt und war nicht einmal fünf Minuten fort gewesen. Trotzdem wurde sie von ihrer Tochter Lena begeistert empfangen.
»Hallo Mama, ich hab dich lieb.«, rief das Mädchen aus ihrem Kinderzimmer und wiederholte sich noch zwei weitere Male, bis sie an der Wohnungstür angekommen war.
»Ich hab dich auch lieb, Kleines.«
Dann ging Mama in die Küche und stellte einen großen Kochtopf auf den Herd. Nur einen Augenblick später steckte Lena ihren Kopf durch die Tür und grinste.
»Mama, ich hab dich lieb.«
Dann verschwand sie kichernd und ließ ihre verwirrte Mutter zurück.
»Was ist denn heute in dieses Mädchen gefahren? So ist sie doch sonst nicht.«
Mama kochte weiter, gab nach und nach die Zutaten in den Topf und rührte immer wieder kräftig um. Ruhe hatte sie dabei allerdings nicht, denn immer wieder kam Lena herein.
»Mama, ich hab dich lieb.«
Mama seufzte. Und das alles nur, weil sie Lenas Lieblingsgericht kochte. Handgemachte Ravioli in einer leckeren Tomatensoße. Irgendwann war sie so genervt, dass sie sich ihre Tochter an der Hand schnappte.
»Warte mal. Ich weiß ja, dass du mich lieb hast, vor allem, weil ich dir dein liebstes Essen mache. Aber du musst mir das nicht alle drei Minuten sagen.«
Lena nickte und ging zurück in ihr Kinderzimmer. Von nun an war es in der Küche ruhig.
Eine halbe Stunde später war das Essen fertig. Mama nahm den großen Topf vom Herd und ging ins Esszimmer. Dort wollte sie nicht glauben was sie sah. Auf den Wänden, den Möbeln, sogar auf dem Fußboden klebten überall rote Herzen, auf denen immer wieder die selben fünf Worte geschrieben standen.
›Mama, ich hab dich lieb.‹
Mama fühlte sich geschmeichelt, dachte aber bereits an die Arbeit, die sie haben würde, das ganze Papier einzusammeln.
»Ich hab dich auch lieb, Kleines.«, sagte sie als sich Lena an den Tisch setzte und sich die ersten Ravioli auf den Teller schaufelte.

(c) 2012, Marco Wittler

368. Die beste Mama der Welt

Die beste Mama der Welt

»Am Sonntag ist Muttertag.«, sagte die Lehrerin in der Grundschule.
»Deswegen werden wir heute für eure Muttis ein Bild malen und etwas Schönes basteln.«
Sie verteilte Papier, Kleber, Scheren und Bastelmaterial auf den Tischen und machte dann den Kindern ein paar Vorschläge, was sie machen konnten. Alle stürzten sich sofort in die Arbeit. Nur Hannah wusste nicht, was sie machen sollte. Als die Lehrerin das sah, kam sie herüber und fragte, ob etwas nicht stimmen würde.
»Fällt dir nichts ein oder hast du keine Lust?«
Aber Hannah schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Mama. Sie hat meinen Papa und mich allein gelassen, nachdem ich geboren wurde.«
Verschämt sah sie auf das weiße Blatt Papier vor sich, während die anderen Kinder zu tuscheln begannen.
»Ruhe. Ihr kümmert euch um eure eigenen Aufgaben.«, brachte die Lehrerin ihre Schüler zum Schweigen.
»Und du lass dir halt was einfallen. In meinem Unterricht gibt es keine Ausnahmen.«
Damit war das Thema für sie erledigt. Sie setzte sich hinter ihr Pult und sah streng hin und her.
Hannah seufzte und nahm widerwillig einen Buntstift zur Hand. Nervös kaute sie darauf herum und dachte verzweifelt nach.
»Wie soll ich mir denn etwas für eine Mama ausdenken, wenn ich noch nie eine hatte.«, schmollte sie vor sich hin.
Doch dann kam ihr eine Idee. Grinsend begann sie zu malen und freute sich schon sehr, bald fertig zu sein.
Am Ende der Schulstunde ging die Lehrerin an den einzelnen Kindern vorbei und besah sich die Ergebnisse. Als sie auf Hannahs Platz sah, runzelte sie die Stirn und begann zu stottern.
»Was soll denn das sein? So war das aber nicht gedacht.«
Aber Hannah zuckte nur mit den Schultern.
»Mir egal. Ich find es gut so.«

Zwei Tage später, es war Sonntag, schlich sich Hannah in Papas Schlafzimmer. Dort stupste sie ihn vorsichtig in die Seite, bis er wach wurde.
»Alles Gute zum Muttertag.«, flüsterte sie und drückte Papa ein Bild in die Hand.
»Muttertag?«, wunderte er sich und sah auf das Blatt.
»Für den Papa. Weil die für mich auch die beste Mama der Welt bist.«
Hannah drückte sich an ihn.
»Ich hab dich lieb, Papa.«

(c) 2011, Marco Wittler

367. Mama, ich hab dich lieb

Mama, ich hab dich lieb

»Los, Papa. Es wird Zeit.«
Sofie drängelte bereits, obwohl es erst acht Uhr in der Früh war.
»Du weißt doch, dass heute Muttertag ist. Ich muss mich doch noch um ein Geschenk kümmern. Das mache ich doch jedes Jahr.«
Papa seufzte einmal und kroch laut gähnend aus seinem warmen Bett.
»Zum Glück scheint draußen die Sonne. Bei Regen würden mich keine zehn Pferde vor die Tür kriegen.«
Er zog sich an und schlurfte langsam ins Bad.
»Was machst du denn da?«, fragte Sofie entsetzt.
Papa bekam ein paar Denkfalten auf der Stirn, als er antwortete.
»Wonach sieht es denn aus? Ich will mir die Zähne putzen.«
Sofie verdrehte die Augen und zog Papa zurück in den Flur.
Doch nicht jetzt. Das kannst du auch später noch machen. Ich hab es ganz ganz eilig.«
Gemeinsam verließen sie also das Haus und setzten sich ins Auto. Papa steckte den Zündschlüssel in das Schloss, drehte ihn herum und fuhr los.
»Wie lange dauert es denn noch, bis wir an der großen Wiese angekommen sind?«, kam die Frage aus dem Kindersitz, noch bevor sie die Auffahrt verlassen hatten.
Fünf Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht. Sofie sprang aus dem Wagen und flitzte anschließend auf der Wiese hin und mehr. Sie pflückte so lange bunte Blumen, bis sie keine mehr tragen konnte.
»Ich glaube, dass reicht jetzt. Wir können weiter fahren.«
Sie ließ sich von Papa ins Auto helfen, der kurz darauf ein paar Kilometer weiter fuhr. Vor einer kleinen Kirche blieben sie schließlich stehen.
»Weißt du auch den richtigen Weg?«, fragte Sofie, als sie mit den Blumen durch ein großes Gittertor ging.
Papa nickte und half ihr mit den vielen Blumen, während sie ein paar schmale Wege entlang gingen.
»Da vorn ist es.«, sagte Papa.
»Dankeschön. Ich kann die restlichen Meter allein gehen. Wartest du hier auf mich?«
Papa nickte und blieb stehen. Seine kleine Tochter schleppte die Blumen weiter und blieb schließlich vor einem der vielen Gräber stehen.
»Alles gute zum Muttertag.«
Sie legte die Blumen nieder.
»Mama, ich hab dich lieb.«
Dann warf sie dem Grabstein noch eine Kusshand zu, bevor sie wieder zurück lief.
»Der Mama geht es gut, hat sie mir erzählt. Sie vermisst uns beide. Außerdem soll ich dich ganz lieb von ihr grüßen. Sie hat uns ganz doll lieb.«
Papa lächelte und seufzte noch einmal, bevor er mit Sofie den Friedhof verließ und sie in den Wagen stiegen.

(c) 2011, Marco Wittler

364. Rosenmontag oder „Papa, warum heißt der Tag Rosenmontag?“ (Papa erklärt die Welt 35)

Rosenmontag
oder ›Papa, warum heißt der Tag Rosenmontag?‹

Durch die Straßen der Stadt zogen unzählige Menschen. Sie alle hatten die verrücktesten Verkleidungen an. Hin und wieder warfen sie mit Bonbons und kleinen Blumensträußen.
»Ist der Rosenmontag nicht ein toller Tag?«, fragte Papa seine Tochter Sofie, die auf seinen Schultern saß und sich das bunte Treiben ansah.
»Ja, das macht einen riesigen Spaß.«
In diesem Moment fiel Papa die Neugier seiner kleinen Tochter ein. Er seufzte und bereitete sich auf die kommende Frage vor.
»Warum heißt der Tag heute Rosenmontag?«, fragte Sofie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Rosenmontag. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in der Stadt Köln ein junge, wunderschöne Frau mit dem Namen Eisabeth, auf deren Liebe ein junger Mann namens Paul hoffte. Doch bisher hatte sie ihr Herz nicht an ihn verschenkt, denn Paul traute sich nicht, ihr seine Liebe zu gestehen.
Tag für Tag saß er hinter seinem Fenster und beobachtete Elisabeth, wenn sie die Straße entlang ging. Nur zu gern wäre Paul nach draußen gestürmt und hätte ihr eine Rose geschenkt. Aber dazu war er viel zu schüchtern.
»Wenn ich doch bloß mutiger wäre.«, verfluchte er sich dann immer selbst.
Doch das ganze Gejammer brauchte ihn auch nicht weiter. Es musste endlich etwas passieren.
Niedergeschlagen ging Paul eines Abends ins Gasthaus und traf sich dort mit seinen Freunden.
»Sie ist so schön, so unglaublich schön.«, schwärmte er mal wieder.
Seine Freunde verdrehten die Augen.
»Müssen wir uns das noch oft anhören? Du nervst ganz schön.«, grummelte Hans und schüttelte den Kopf.
»Schnapp dir endlich das Mädchen und werde glücklich mit ihr.«
Doch davon wollte Paul nichts wissen. Er wusste doch gar nicht, wie er das anstellen sollte. Also klagte er den anderen lieber sein Leid.
Doch plötzlich begann Hans zu grinsen.
»Ich habe da eine Idee. Ich werde dir zu deinem Glück verhelfen. Am Montag ist es dann so weit.«
Paul verstand nichts. Das hatte Hans auch so beabsichtigt. Mit einem Lächeln stand er auf und verließ die Runde.
»Verbringt bitte den Abend ohne mich, meine lieben Freunde. Ich habe noch ein paar Vorbereitungen zu machen. Am Montag wird der Paul endlich seine Freundin bekommen.«

Der Montag war gekommen. Paul war unglaublich aufgeregt. Er wusste noch immer nicht, was heute geschehen sollte, als Hans ihn zu Hause abholte.
»Hier zieh das an, komm mit mir mit und stell keine Fragen.«
Paul war verwirrt und sah in die Tasche hinein, die er nun in Händen hielt. Im Innern fand er ein Kostüm.
»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich damit das Herz einer Frau gewinnen kann, oder?«
Hans schüttelte den Kopf.
»Ich sagte doch, du sollst keine Fragen stellen.«
Ein paar Minuten später sahen sich die beiden zum Verwechseln ähnlich. Beide hatten sich in bunte Clowns verwandelt.
»Los geht’s. Wir wandern jetzt gemeinsam zum Dom. Dort wartet schon die schöne Elisabeth auf eine Überraschung. Ich habe sie um elf Minuten nach elf Uhr her bestellt, ohne ihr zu sagen, worum es geht.«
Vor Pauls Augen drehte sich alles. Er verstand nichts mehr.
»Warum wandern wir gemeinsam? Wer ist denn da noch?«
Die Antwort auf seine Frage bekam er nur wenige Sekunden später, als er das Haus verließ. In allen Straßen standen unzählige Clowns bereit. Sie alle sahen so aus wie er.
»Du meine Güte, das sieht aus, als wären das alle Männer der gesamten Stadt.«
Hans nickte zufrieden.
»Und wir marschieren nun gemeinsam zur Elisabeth und werden sie überraschen.«
In einem großen Umzug gingen nun die Clowns zum Dom. Als sie nacheinander vor Elisabeth traten, holten sie jeweils eine einzelne Rose hervor, legten sie ihr zu Füßen und flüsterten ihr etwas zu. Es war immer der selbe Satz:
»Er liebt dich.«
Der letzte in der Reihe war Paul. Sein Herz pochte wie wild. Er hatte große Angst. Doch plötzlich wurde ihn klar, dass er nichts zu verlieren hatte.
»In diesem Kostüm wird sie mich nicht einmal erkennen. Also kann es gar nicht so schlimm werden.«
Er warf alle Angst fort, kniete sich vor Elisabeths Füßen auf den Boden, hielt ihr eine Rose hin und gestand ihr seine Liebe. Dann sah er ihr tief in die Augen und wartete gespannt auf ihre Antwort.
»Ich liebe dich auch, mein Paul.«, waren ihre Worte.
Dann fiel sie ihm um den Hals und gab ihm einen langen Kuss.

Sofie strahlte von einem Ohr zum anderen, während sich eine ältere Dame neben Papa leise räusperte.
»Das war eine tolle Geschichte. Aber ich glaube ihnen davon kein einziges Wort.«
Nun musste Sofie laut lachen.
»Hey, das sage ich doch sonst immer.«

(c) 2011, Marco Wittler

340. Papa macht Überstunden

Papa macht Überstunden

Es war halb sechs am frühen Morgen, als der Wecker rappelte. Papa öffnete müde und verschlafen seine Augen.
»Oh, schon wieder so spät.«
Schnell krabbelte er aus dem Bett, machte sich im Bad fertig und fuhr direkt zur Arbeit. In der Eile vergaß er sogar seine Butterbrote, die Mama ihm am Abend vorher gemacht hatte.
Und nun saß Papa an seinem Arbeitsplatz. Vor ihm stapelten sich seine heutigen Aufgaben.
»Uff.«, stöhnte er.
»Das schaffe ich doch niemals. Ich könnte Hilfe gebrauchen.«
Hilfe gab es aber leider nicht. Also machte er sich ans Werk und arbeitete sich langsam vorwärts.
Irgendwann warf er seinen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war Mittagspause.
»Keine Zeit. Die muss ausfallen, sonst schaffe ich das niemals.«
Er machte weiter, arbeitete Stunde um Stunde, bis es draußen langsam dunkel wurde.
Als Papa endlich seine Arbeit geschafft hatte, konnte, lange nachdem seine Kollegen schon gegangen waren, Feierabend machen. Müde und geschafft fuhr er heim.
Zu Hause öffnete er die Tür, zog die Schuhe aus und stellte seine Tasche im Flur ab. Es war still. Zu still. Waren die Kinder schon im Bett?
Er betrat das Wohnzimmer und fand auf dem Tisch einen Zettel.
›Ich habe dir ein Bad eingelassen, mein Liebster. Dann kannst du dich nach dem langen Tag schön entspannen. Bin unterwegs und komme später zurück.‹, hatte Mama geschrieben.
Papa seufzte. Das war eine gute Idee. Er ging ins Bad und staunte. Überall standen Kerzen und es duftete erfrischend. Er zog sich aus und legte sich in das dampfende Wasser.
»Ah, das tut gut. Hier bleib ich erstmal.«
Er schloss die Augen und genoss die Wärme.
In diesem Moment öffnete sich leise die Tür. Mama kam mit den Kindern herein geschlichen. Papa hörte sie natürlich und öffnete langsam die Augen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, sangen sie und Mama stellte einen leckeren Kuchen auf ein kleines Tischchen.
»Die Kinder sind extra lange aufgeblieben, damit sie dir an deinem Ehrentag noch gratulieren können.«
Papa war gerührt. Er wischte sich ein paar kleine Tränchen aus den Augen.
»Wisst ihr was?«, fragte er seine Frau und die Kinder.
»Ich habe die beste Familie der Welt. Ich hab euch alle lieb.«

(c) 2010, Marco Wittler

312. Das kranke Baby

Das kranke Baby

Im Krankenhaus schlichen immer wieder zwei Mädchen am Zimmer eines Babys vorbei und drückten sich am Fenster die Nasen platt.
»Was hat denn das Baby?«, fragte Hanna ihre Freundin, die mit ihr ein Zimmer teilte.
»Weiß ich doch auch nicht. Mehr als der Name steht hier auch nicht an der Tür. Jasmin.«, las Lina leise vor.
»Schau doch nach, wenn du dich traust.«
Das ließ sich Hanna nicht noch einmal sagen. Sie blickte nach links und rechts. Es war sonst niemand im Flur zu sehen. Also öffnete sie leise die Zimmertür und schlich sich an das kleine Babybettchen. Doch in diesem Moment kam eine Krankenschwester um die Ecke.
»Was machst du denn da? Komm sofort da raus.«
Sie holte Hanna aus dem Zimmer und hockte sich dann vor die beiden Mädchen.
»Was sollte das denn grad werden?«
Hanna sah verschämt auf den Boden.
»Wir wollten doch nur wissen, warum so ein kleines Baby schon im Krankenhaus liegen muss.«
Das sah dann auch die Krankenschwester ein. Also brachte sie Hanna und Lisa zurück in ihr Zimmer und erklärte den beiden, dass das kleine Baby einen schweren Herzfehler hatte und daran bald operiert werden musste.
»Braucht es denn ein neues Herz?«, fragte Hanna später ihre Freundin. Aber darauf fanden sie keine Antwort.
»Wir müssen was dagegen unternehmen. Dem Baby müssen wir unbedingt helfen. Ich weiß auch schon, wie wir das machen.«
Hanna war nicht aufzuhalten. Sie hüpfte aus ihrem Bett und lief durch die ganze Kinderstation. In jedem einzelnen Zimmer machte sie halt und sprach mit allen Kindern, die sie traf.

Am nächsten Tag kam eine Frau in die Kinderstation. Sie kam jeden Tag hierher und sah nach dem Baby – ihrem Baby. Sie ging durch die Tür, an der Jasmin stand und blieb plötzlich wie erstarrt stehen.
Sie musste sich erst einmal verwirrt umschauen. Dann rieb sie sich noch die Augen. Aber alles, was sie sah, war wirklich da.
Überall an den Wänden hingen große und kleine Herzen mit Grüßen und Genesungswünschen.
Die Frau musste vor Rührung weinen. Dann lief sie auf den Gang und fragte die Schwester nach den vielen Herzen.
»Das war eine Idee der beiden Mädchen dort.«
Sie zeigte auf Hanna und Lina.
»Aber alle anderen Kinder haben auch mit geholfen.«
Die Frau sah sich um. Plötzlich standen überall Kinder, die sie anlächelten.
»Vielen Dank, ihr Lieben, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist das Schönste, das jemand für mein kleines Baby gemacht hat.«

(c) 2010, Marco Wittler