603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

602. Teddys Wunschzettel

Teddys Wunschzettel

Teddy saß im Regal. Ganz hinten links in der letzten Ecke war sein Platz. Dort hatte er schon immer gesessen, seit er im Spielwarengeschäft vor vielen Jahren angekommen war. Gekauft hatte ihn in der langen Zeit niemand. Er war immer übersehen worden. An Kindergeburtstagen zu Weihnachten oder einfach zwischendurch, waren immer die anderen Kuscheltiere gekauft worden. Es waren immer die Großen, Schönen, Bunten gewesen. Oder einfach die, die ganz vorn im Regal gesessen hatten. Nur Teddy, der blieb wo er war und verstaubte mit der Zeit.
Doch dieses Weihnachten sollte alles anders werden. Teddy wollte nicht mehr der alte Bär in der Ecke bleiben, der über den die anderen Kuscheltiere hinter vorgehaltener Hand lachten. Teddy wollte endlich ein Zuhause bei einem kleinen Kind finden. Er hatte sich auch schon genau überlegt, wie er das anstellen wollte. Er schrieb einen Brief an den Weihnachtsmann.

Hallo lieber Weihnachtsmann.
Hier schreibt Dir Teddy. Du weißt schon, der kleine, alte Bär aus der hintersten Ecke im Spielwarengeschäft. Der, den bisher niemand gekauft hat. Der, an den nie jemand denkt.
Ich fühle mich hier an meinem Platz sehr einsam, auch wenn ganz viele andere Spielzeuge um mich herum leben. Denn im Verkaufsregal zu sitzen ist etwas anderes, als von einem kleinen Kind lieb gehabt zu werden. Das fehlt mir sehr. Jedes Jahr, wenn ich zusehe, wie die anderen nach und nach verkauft und verpackt werden, macht mich das traurig, dass ich wieder nicht unter einem Weihnachtsbaum oder auf einem Geburtstagstisch sitzen werde.
Deswegen schreibe ich Dir diesen Brief und hoffe, dass Du mir helfen kannst.
Mein einziger und größter Wunsch ist es, dieses Weihnachten endlich in das Herz eines ganz besonderen Kindes geschlossen zu werden. Eines, das mich nimmt, wie ich bin.
Ich bin zwar nicht der schönste Teddy, auf mir liegt schon eine Staubschicht, mein Fell glänzt schon etwas länger nicht mehr und ein Auge fehlt mir auch schon, seit ich einmal aus dem Regal gefallen bin, aber ich ich habe trotzdem noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass mich jemand findet und mit sich nach Hause nimmt. Vielleicht kannst Du mir ja dabei helfen, dass mein Traum in Erfüllung geht.

Liebe Grüße,
Dein Teddy.

Den Brief steckte Teddy in einen bunten Umschlag und legte ihn auf den großen Stapel auf dem Verkaufstresen.
Er ließ sich auch nicht vom leisen Gekicher der anderen Kuscheltiere entmutigen. Er hörte sie schon flüstern: „Schaut euch mal den alten Teddy an. Der glaubt wirklich noch daran, dass er eines Tages verkauft wird. So einen Schmuddelbären will doch keiner mehr haben.“
Doch das war ihm egal. Er setzte sich wieder an seinen Platz, in die hinterste Ecke des Regals und träumte von seiner Zukunft in einem bunten Kinderzimmer.

Am nächsten Tag räumte die Verkäuferin des Spielzeugladens die Regale leer und wischte Staub. Danach sortierte sie die Kuscheltiere neu ein und platzierte sie ordentlich nebeneinander.
„Nanu, was ist denn das? Den habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Sie hielt Teddy in Händen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Nein, was sich hier alles in den letzten Jahren angesammelt hat. Ich glaube, ich muss mal wieder altes Spielzeug aussortieren, dass sich nicht verkaufen lässt. Und mit diesem Teddy fange ich jetzt an.“
Aussortieren? Altes Spielzeug? Teddy bekam Angst. so alt war er doch auch nicht. Nur wegen einem bisschen Staub, einem fehlenden Augen und matten Fell durfte man ihn doch nicht aussortieren. Er gehörte ins Regal, damit ihn jemand kaufen konnte.
Teddy bekam Angst. Nur zu gern hätte er geschrien und gebrüllt. Aber als Spielzeug war das leichter gedacht als getan. Er konnte sich nicht einmal wehren. Die Verkäuferin nahm ihn mit nach hinten, öffnete eine Tür und warf Teddy in einen großen Müllcontainer.
Da lag er nun. Lange war er übersehen und vergessen worden. Und nun endete sein Leben im Müll. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt.
Doch dann hörte er eine kleine, leise Stimme.
„Hast du das gesehen, Mama? Die Frau hat ein Spielzeug weggeworfen. Darf ich mir das mal ansehen?“
Die Mutter zögerte etwas.
„Das dürfen wir nicht machen. Das ist verboten. Der Müll gehört immer noch der Frau aus dem Geschäft. Wenn wir uns etwas davon nehmen, bekommen wir Ärger mit der Polizei. Das ist nämlich Diebstahl.“
„Aber Mama. Du weißt doch, wie gern ich ein Spielzeug zu Weihnachten haben möchte, auch wenn du dieses Jahr kein Geld dafür hast. Mir würde schon ein altes Spielzeug reichen, das niemand anderes mehr haben will. Bitte, bitte.“
Die Mutter seufzte.
„Na gut. Aber wir beeilen uns, damit uns niemand erwischt.“
Gemeinsam näherten sie sich dem Müllcontainer und sahen hinein. Teddy, der im Container lag, sah nach draußen und entdeckte Mutter und Kind. Beide waren in alte Klamotten gekleidet, die sie bestimmt schon einige Jahre getragen hatten. Es schien ihnen wohl nicht besonders gut zu gehen.
Da öffnete sich wieder die Hintertür des Geschäfts. Die Verkäuferin war wieder da. In ihren Händen hielt sie weitere Spielzeuge, die sie aussortiert hatte.
„Was machen sie hier?“, fragte sie die Beiden.
„Wir … äh.“
Die Mutter begann zu stottern. Sie schien Angst zu haben, dass nun die Polizei gerufen werden würde.
„Ist schon gut.“, sagte die Verkäuferin.
„Sucht euch ein Spielzeug aus. Meinem Chef wird es bestimmt nicht auffallen, wenn etwas im Müllcontainer fehlt. Ihr könnt es bestimmt gebrauchen.“ Aber erzählt es bitte nicht weiter.“
Mutter und Kind nickten. Dann sah das Kind wieder in den Container.
„So viel Spielzeug habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“, flüsterte es. „Ich kann mich gar nicht entscheiden.“
Teddy versuchte mit einem seiner Arme zu winken. Er wollte dem Kind etwas zurufen, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Aber für ein kleines, altes Spielzeug war das gar nicht so einfach. Er konnte einfach nur hoffen, dass es sich für ihn entscheiden würde.
Doch dann sah er die viel schöneren Spielzeuge, zwischen denen er lag. Da wusste er, dass er keine Chance hatte.
„Den da will ich. Der gefällt mir gut.“
Das Kind zeigte mit einem Finger in den Container.
„Wen meint sie? Wen hat sie ausgesucht?“, wollte Teddy wissen. „Wer von uns ist der Glückliche?“
Und dann kam langsam die Hand der Mutter herab. Sie ergriff Teddy und hob ihn vorsichtig heraus.
„Der sie aber nicht mehr schön aus. Er ist schmutzig, sein Fell glänzt nicht mehr und ein Auge fehlt ihm auch noch.“, sagte die Mutter.
„Willst du dir nicht etwas Schöneres aussuchen?“
„Nein. Denn etwas Schöneres gibt es in dem Container nicht. Ich möchte gern den Teddy haben.“
Die Mutter gab ihrem Kind den Teddy.
Und Teddy konnte sein Glück noch gar nicht wirklich fassen. Er war tatsächlich von einem Kind ausgesucht worden. Von einem echten Kind. Er würde in einem richtigen Kinderzimmer leben und spielen. Und ein Kind würde ihn lieb haben. Das war der schönste Tag in seinem ganzen Leben.

(c) 2017, Marco Wittler

601. Marathon

Marathon

Endlich war es so weit. Auf diesen Tag hatte sich Papa ein ganzes Jahr vorbereitet. Mehrmals in der Woche hatte er hart trainiert, war immer wieder die Geh- und Waldwege entlang gelaufen. Das alles nur für ein einziges Ziel: Den Weihnachtsmarathon im Dorf zu gewinnen.
Schon ein paar Mal hatte er es versucht. Im ersten Jahr war er gar nicht bis ins Ziel gekommen. Die Strecke über zweiundvierzig Kilometer war bei den kalten Temperaturen einfach zu viel gewesen. Doch danach hatte er sich Jahr für Jahr nach vorn gekämpft. Das einzige, was Papa noch fehlte, war der Sieg. Dieses Mal wollte er ihn sich endlich holen.
An diesem Tag war die ganze Familie auf den Beinen. Papas Sohn Max stand mit seiner dicken Winterjacke am Start und feuerte Papa an. Hinter ihm standen noch Oma, Opa, Mama und seine kleine Schwester Sara. Sie alle drückten Papa die behandschuhten Daumen.
Und da ertönte der Startschuss. Die einhunderfünfzig Läufer, denen der Dezember nicht zu kalt zum Laufen war, setzten sich in Bewegung. Schon wenige Meter hinter der Startlinie begann Papa sein erstes Überholmanöver. Nach und nach ließ der einen Läufer nach dem anderen hinter sich. Es sah gut aus für den Sieg. Aber noch lagen die zweiundvierzig Kilometer vor ihm.
Nachdem alle Teilnehmer hinter der ersten Kurve verschwunden waren, wurde es langweilig und kalt. Max und der Rest der Familie zogen sich in das nahe Gemeindehaus der Dorfkirche zurück. Dort war es warm. Es gab heißen Tee, Kuchen und eine ordentliche Gulaschsuppe. Die Erwachsenen unterhielten sich miteinander, während sich die Kinder schminken oder von einem Zauberer verzaubern lassen konnten. Ein paar Spielstationen gab es auch noch.
„Wie lange wird Papa denn unterwegs sein?“, fragte Max irgendwann.
„Wenn alles gut geht, dann kommen die ersten Läufer nach etwa vier Stunden ins Ziel.“, erklärte Opa
Max übte sich also weiter in Geduld und wartete.
Nach fast vier Stunden hielt es ihn nicht mehr im Gemeindehaus. Er wollte Papas Sieg nicht verpasst. Also ging er gemeinsam mit seiner Familie nach draußen. Sie stellten sich in der Nähe der Ziellinie auf, hielten mehrere Kameras und Handys bereit, um ein möglichst gutes Foto von Papa machen zu können.
Über der Ziellinie hing eine große Uhr, auf der die aktuelle Zeit der Läufer angezeigt wurde. Ein Mann mit Mikrofon kommentierte alles, was er sah und was ihm sonst noch einfiel.
Die Uhr zeigte 3:59:00. In einer Minute würden die vier Stunden rum sein. Papa hatte sich gewünscht, das erste Mal in seinem Leben unter diesen vier Stunden bleiben zu können.
„Das wird bestimmt richtig schwer, weil es viel kälter ist.“, hatte er gesagt. Trotzdem wollte er sein Bestes geben.
„Und da sehe ich auch schon den ersten Läufer auf die Zielgerade biegen. Wenn er so weiter macht, wird er unter vier Stunden bleiben.“, sagte der Sprecher von seinem erhöhten Stehplatz.
„Nur noch wenige Meter trennen ihn vom Ziel. Ach, und da kommt auch schon der Zweite. Sie sind ganz nah beeinander. Das wird ein Kopf an Kopf rennen. Wer wird wohl unseren diesjährigen Weihnachtsmarathon gewinnen?“
Max streckte sich. Er machte seinen Hals so lang wie möglich, um etwas sehen zu können.
Tatsächlich war das Papa, der ganz vorn lief.
Max jubelte. Er feuerte Papa an. Doch da war plötzlich der zweite Läufer. Dieser gab nochmal richtig Gas. Er holte Papa ein. Dann erkämpfte sich Papa wieder einen kleinen Vorsprung, der er aber sofort wieder verlor. Bis zum Ziel waren die Beiden auf gleicher Höhe. Aber auf dem letzten Meter fiel Papa zurück und der Andere gewann den Marathon.
Max staunte. Denn es war nicht irgendwer, der da gewonnen hatte. Der Sieger trug einen langen Mantel und eine dicke Mütze in roter und weißer Farbe. Seine Füße steckten nicht in Laufschuhen, sondern in dicken Stiefeln. Im Gesicht hatte er einen langen, weißen Bart. Und seinen Sieg bejubelte er mit einem lauten ‚Ho ho ho‘.
Der Gewinner war der Weihnachtsmann.
„Ich habe gegen den Weihnachtsmann verloren?“, war Papa verzweifelt. „Das darf doch nicht wahr sein. Was machst du denn hier? Ich wusste gar nicht, dass du Marathon läufst.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Glaubst du etwa, ich würde es schaffen, in einer Nacht alle Geschenke zu verteilen, wenn ich nicht vorher trainieren würde?“
Papa seufzte. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Zum Trost fiel ihm Max um den Hals.
„Papa, das hast du ganz, ganz toll gemacht. Für mich bist du die Nummer Eins. Gegen so einen Profi hat halt niemand eine Chance.“

(c) 2017, Marco Wittler

600. Der Adventskalender

Der Adventskalender

Tim lag aufgeregt in seinem Bett. Er war schon sehr früh wach geworden, weil er es nicht mehr aushalten konnte. Gleich würde Mama in sein Zimmer kommen, das Licht einschalten und ihn wecken. Dann würde Tim gleich aus den Federn springen, zu seinem Adventskalender laufen und das erste Türchen öffnen. Schokolade noch vor dem Frühstück, das gab es nur im Dezember. Aber dann gleich vierundzwanzig Mal hintereinander. Was für eine tolle Jahreszeit.
Es konnte sich nur noch um wenige Minuten handeln. Oder sollte Tim schon heimlich aufstehen und schon jetzt die Schokolade naschen? Nein. Dann wäre die ganze Aufregung und Vorfreude dahin. Also wartete er geduldig.
Fünf Minuten später öffnete sich die Tür. Tim schloss schnell die Augen und stellte sich schlafend. Mama schaltete das Licht ein, schüttelte sanft an Tims Schulter, bis er gähnend die Augen öffnete.
»Es wird Zeit aufzustehen. Gleich geht es in die Schule.«
Tim stand sofort hellwach auf und zog sich geschwind an.
»Darf ich, Mama?«
Mama seufzte und lächelte. »Na los. Mach dein Türchen auf und lass dir die Schokolade schmecken.«
Tim flitzte zu seinem Schreibtisch und öffnete Türchen Nummer Eins … und war verwirrt.
»Was soll denn das? Wo ist meine Schokolade? Hier ist nichts drin. Da stimmt doch was nicht.«
Er sah sich den Kalender genauer an und stellte fest, dass jedes Türchen schon geöffnet und wieder verschlossen worden war. Also öffnete auch er die Türen nacheinander.
»Leer … leer … leer … nichts … gar nichts … noch mehr nichts …«
Tränen standen ihm in den Augen.
»Mama, der Kalender ist komplett leer. Es hat ihn jemand leer gefuttert, bevor ich das machen konnte. Wer macht denn sowas?«
Er warf sich in Mamas Arme und begann zu weinen. In diesem Moment kam Papa keuchend ins Kinderzimmer.
»Oh, verdammt. Ich bin zu spät dran.«
Papa wurde rot im Gesicht.
»Zu spät wofür?«, fragte Mama. Sie bekam plötzlich einen strengen Ton in ihrer Stimme.
»Hast du etwa …?«
Papas Gesicht wurde nun dunkelrot wie eine reife Kirsche.
»Ähm … ich … also.«
Er seufzte.
»Tut mir wirklich leid. Aber ich hatte gestern Abend einen unglaublichen Hunger auf etwas Süßes. Ich konnte einfach nicht widerstehen. Passiert aber bestimmt nicht wieder.«
Dann holte er aus einer Einkaufstasche einen neuen Adventskalender hervor.
»Ich dachte, ich schaffe es noch, bevor du aufstehst, aber dann war die Schlange an der Kasse so lang. Da standen ganz viele Väter mit roten Gesichtern und Adventskalendern in den Händen.«
Jetzt konnte Tim wieder grinsen.
»Dann bist du ja nicht der einzige Papa, der seinen Kindern die Schokolade weg gefuttert hat.«
»Ja genau. Und stell dir vor, drei von ihnen haben keine Kalender mehr bekommen. Das Regal war nämlich irgendwann leer.«
Da war Tim froh, dass sein Papa rechtzeitig zum Einkaufen gefahren war.

(c) 2017, Marco Wittler

599. Der sprechende Kürbis

Der sprechende Kürbis

Tim hatte sich dieses Jahr einen ganz besonderen Streich für Halloween ausgedacht. Bisher war er jedes Mal auf Mama herein gefallen. Jetzt wollte er ihr endlich zeigen, dass er was von ihr gelernt hatte.
Am Mittag nach der Schule hatte sie gemeinsam beim Bauern um die Ecke zwei große Kürbisse gekauft. Und nun saßen Tim und Mama schon seit ein paar Stunden in der Kühe, höhlten diese aus und schnitzen ihnen gruselige Gesichter. Am Abend sollten sie dann, durch eine Kerze beleuchtet, vor der Haustür stehen und die Leute erschrecken, die die Straße entlang gingen.
„Das wird wie immer ein großer Spaß.“, freute sich Tim. Insgeheim freute er sich aber noch mehr darauf, Mama zu erschrecken.
Seit einem halben Jahr hatte er alles genau geplant. Es konnte gar nichts mehr schief gehen.
Als es dunkel wurde, stellten sie ihre Kürbisse nach draußen. Sie platzierten sie auf zwei Hockern, stellten die Kerzen hinein und entzündeten die kleinen Feuer. Schon konnte man die schrecklichen Gesichter die ganze Straße hinunter leuchten sehen.
Während Mama schon wieder im Haus verschwand, wartete Tim noch einen Moment auf der Eingangstreppe. Als er sich sicher war, dass ihn niemand sah, legte er sein Handy hinter seinen Kürbis. Dann ging er ebenfalls rein.
Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Ein paar Kinder waren gekommen, um Süßigkeiten zu sammeln. Mama öffnete und schon bekam sie den bekannten Satz zu hören: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“
„Oh je. Was habe ich mich erschreckt.“, lachte Mama. „Eure Kostüme sehen wirklich gruselig aus.“
Dann verteilte sie ein paar Bonbons und verabschiedete die Gruppe kleiner Geister.
Sie wollte schon die Tür schließen, als sie eine Stimme hörte. Sie sah sich um, konnte aber niemanden entdecken.
„Hallo? Wer bist du? Und vor allem, wo?“
„Ich liege direkt vor dir. Ich bin der schaurige Kürbiskopf.“
Mama sah sich die zwei Kürbisse an.
„Buh!“, machte einer von ihnen. „Hast du Angst vor mir?“
Mama grinste.
„Nein. Ich habe keine Angst vor dir. Du bist nur ein Kürbis.“
Der Kürbis blieb ein paar Sekunden still, bevor er weiter sprach.
„Aber du hast dich bestimmt kurz erschreckt, richtig?“
Mama lachte.
„Nein, erschreckt habe ich mich auch nicht.“
Dann drehte sie sich zur Tür ging ins Haus und rief:
„Tim, du kannst dir dein Handy abholen. Dein Plan hat nicht funktioniert.“
Mit einem enttäuschten Gesicht kam Tim aus dem Wohnzimmer.
„Aber nächstes Jahr zeige ich es dir. Dann lege ich dich rein.“
Als Tim sein Handy einsteckte, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich.
„Und ich werde dir dabei helfen. Deiner Mutter werden wir es beim nächsten Halloween schon zeigen.“
Verwirrt sah Tim auf Mamas Kürbis. Hatte er tatsächlich zu ihm gesprochen?
„Du hast schon richtig gehört.“, bestätigte ihm der Kürbis.
„Ich kann sprechen.“
Tims Augen wurden riesig groß. Ein sprechender Kürbis? So etwas konnte es doch nicht geben. Ängstlich lief er ins Haus, schlug die Tür hinter sich zu und versteckte sich in seinem Zimmer.
Kurz darauf ging Mama noch einmal zur Außentreppe. Mit einem breiten Grinsen holte sie ebenfalls ihr Handy rein. Ihr Halloweenscherz hatte mal wieder funktioniert.
Und dann hörte auch sie eine unbekannte Stimme.
„Deinem Sohn haben wir es aber wieder gezeigt, was?“
Es war eindeutig der Kürbis, der zu ihr sprach. Mama begann zu suchen. Nirgendwo fand sie ein Handy, einen Lautsprecher oder etwas anderes, woraus die Stimme hätte kommen können.
„Da kannst du lange suchen.“, sagte der Kürbis. „Ich spreche wirklich mit dir.“
dann grinste er über sein ganzes, oranges Gesicht und zwinkerte Mama zu.

(c) 2017, Marco Wittler

598. Die Nacht der Mumie

Die Nacht der Mumie

Es war Halloween, die Nacht der Untoten, Monster, Geister, Gespenster und allem anderen, was den Menschen im Normalfall Angst bereitet. In jedem Jahr war es auch die Nacht, in der die Mumie im Stadtmuseum für wenige Stunden wieder zum Leben erwachte.
Die Uhr schlug zwölf. Die Mumie öffnete von innen ihren Sarkophag und stand auf. Müde streckte sie ihre Glieder von sich und ließ die alten Knochen knacken. Dann begab sie sich auf einen Rundgang durch das Museum.
»So ein Spaziergang durch die einzelnen Säle tut gut. Da werden meine Muskeln endlich wieder mal warm. Wenn ich doch bloß mal wieder Joggen gehen könnte. Aber ich konnte seit viertausend Jahren nicht mehr richtig trainieren. Das schaffe ich nicht mehr.«
Die Mumie schlurfte langsam vorwärts, stöhnte hin und wieder wegen der schmerzenden Beine, die sie seit einem ganzen Jahr nicht mehr bewegt hatte und dachte schon jetzt darüber nach, was sie in den nächsten 52 Wochen in ihrem Sarkophag treiben konnte, um nicht zu viel Langeweile zu bekommen.
Irgendwann hörte sie vor sich ein Geräusch. Das hatte es in all den Jahren im Museum noch nie in der Halloween Nacht gegeben.
»Was ist denn das? Ist da etwa noch jemand im Museum?«, flüsterte sie sich selbst zu, bevor sie weiter ging.
Ein paar Räume und Gänge später sah sie tatsächlich einen Menschen. Eine Frau putzte mit einem Wischmop den Boden. Die Putzfrau war noch da.
»Warum sind sie so spät in der Nacht noch hier?«, wollte die Mumie wissen und fragte ganz ungeniert.
Die Putzfrau sah hoch und erschrak.
»Um Himmels Willen. Die Mumie lebt.«, schrie sie laut. Dann nahm sie ihre Beine und den Wischmop in die Hände und rannte auf schnellstem Wege aus dem Museum.
Die Mumie seufzte. Sie hatte nicht vorgehabt, die Putzfrau zu erschrecken. Sie ging noch ein paar Räume weiter. Ein weitere Putzfrau fand sie aber nicht. Stattdessen sah sie die Uhr in der Eingangshalle. Es war gerade einmal acht Uhr am Abend.
»Du meine Güte. Kein Wunder, dass noch jemand hier war. Es ist viel zu früh für mich. Jemand muss die Uhr in meiner Kammer verstellt haben. Aber wer putzt jetzt das Museum fertig und vor allem womit? Der Wischmop ist weg.«
Die Mumie grübelte kurz. Dann wickelte sie sich die alten Stoffbahnen vom Körper und wischte mit ihnen den Boden fertig. Es brauchte ganze zwei Stunden, bis sie fertig war. Am Ende waren die alten Stoffe schmutzig und nass.
»Die kann ich unmöglich noch einmal anziehen. Was sollen denn Morgen die Leute denken, wenn ich völlig schmutzig in meinem Sarkophag liege. Außerdem bekomme ich in in dem nassen Zeug eine Lungenentzündung. Damit ist nicht zu spaßen. Ich könnte mir den Tod holen.«
Was sollte sie nur machen? Doch dann hatte die alte Mumie die rettende Idee. Sie schlurfte zur nächsten Toilette und wickelte sich mit Klopapier von oben bis unten ein. Dann legte sie sich für die nächsten zwölf Monate zurück an ihren Platz und freute sich schon jetzt auf das nächste Halloweenfest in ihrem Museum.

(c) 2017, Marco Wittler

597. Partydurst

Partydurst

Halloween. Endlich. Darauf hatte sich Fred schon das ganze Jahr gefreut. Endlich wieder mal eine Party mit schaurig, gruseligen Kostümen feiern. Wie in jedem Jahr hatte er Stunden vor dem Spiegel verbracht und sich von oben bis unten geschminkt und verkleidet. Am Ende hatte ihm ein Untoter, ein halb verwester Zombie angegrinst.
Kurz darauf war Fred angekommen. Die Party im Haus seines Kumpels Paul war schon in vollem Gange. Überall standen oder saßen Vampire, Mumien, Skelette, Monster, Menschen ohne Köpfe und mehr.
»Da bist du ja endlich.«, wurde er von Paul begrüßt. »Wir warten schon alle auf dich.«
Er schob Fred ins vor sich her ins Wohnzimmer.
»Leute schaut mal, Fred ist endlich da. Hat sich wieder mal mit seinem Kostüm extrem viel Mühe gegeben. Er sieht wie ein waschechter Zombie aus. Jetzt wartete ich nur noch darauf, dass ihm Arme oder Beine abfallen.«
Alle Gäste lachten. Fred stöhnte nur. Zombies sprachen schließlich nicht.
»Willst du was trinken?«, fragte ihn Paul.
Fred nickte und stöhnte erneut. Tatsächlich hatte er während der letzten Stunden keinen einzigen Tropfen getrunken. Er bekam einen großen Becher, den er sich sofort an die Lippen setzte. Er trank ihn in einem Zug aus. Der Durst wollte aber nicht verschwinden.
Fred füllte sich den Becher wieder auf und trank und trank und trank. Aber es geschah nichts. Der Durst blieb. So etwas hatte er noch nie erlebt. Irgendwas stimmte nicht mit ihm.
Während er Liter um Liter in sich hinein schüttete, wurden immer der anderen Gäste auf ihn aufmerksam. Langsam wurde es still im Wohnzimmer. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Jeder starrte ihn an.
»Stimmt was nicht?«, wunderte sich Fred.
Er folgte den Blicken seiner Freunde, die auf seine Füße sahen.
Fred erschrak. Er stand in einer großen Pfütze. Liter um Liter floss aus unzähligen Löchern seines verwesenden Körpers.
Paul fand als erster seine Worte wieder.
»Puh, man. Das ist echt abgefahren. Deine Kostüme waren jedes Jahr extrem krass. Aber dieses Mal hast du dich wirklich selbst übertroffen.«
Fred wurde rot im Gesicht und wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er wusste nicht einmal, wie das Ganze überhaupt funktionierte. Er hoffte jetzt nur noch, dass der Abend schnell vorüber gehen würde und er zu Hause aus dem Kostüm schlüpfen und wieder richtig trinken konnte.

(c) 2017, Marco Wittler

596. Der Regenbogenfänger

Der Regenbogenfänger

Papa kam aus dem Keller. Die letzten Stunden hatte er dort unten in seiner Werkstatt verbracht. Laute Geräusche hatten seine Arbeit begleitet. Er hatte gesägt, gehämmert, geschliffen. Und nun hielt er ganz stolz sein Werk in Händen und präsentierte es dem Rest der Familie.
„Was ist denn das?“,wollte sein Sohn Paul wissen, der sich das Machwerk neugierig ansah.
„Das, mein Sohn, ist ein Regenbogenfänger. Na gut. Eigentlich nennt man so ein Ding Sonnenfänger, aber ich finde, dass Regenbogenfänger besser dazu passt.“
Paul lachte. „Was soll das sein? Ein Regenbogenfänger? Ich sehe nur die alten Treibholzstücke, die du im Urlaub gesammelt hast. Mit ein paar Bindfäden hast du Mamas alte Glassteine daran gebunden. Wie soll man denn damit einen Regenbogen einfangen können?“
Er sah aus dem Fenster. „Außerdem ist ein Regenbogen viel zu groß. Der geht doch von einem Ende des Horizonts zum Anderen. Wo soll man denn denn anschließend verstauen? Du erzählst mir doch schon wieder Märchen, die nicht stimmen. Du versuchst mich auf den Arm zu nehmen, aber dieses Mal falle ich nicht darauf rein.“
Papa grinste. „Dann warte mal ab, was ich dir gleich zeige. Lass uns mal ins Wohnzimmer gehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Papa holte einen Hammer und einen Nagel aus einer tiefen Tasche seines Hosenbeins. Den Nagel schlug er in die Wand über dem Fenster. Daran hängte er dann den Regenbogenfänger auf.
„Regenbögen sind schön. Sie sind eine der schönsten Dinge, die es auf unserer Welt gibt. Nur leider gibt es nicht so viele von ihnen. Man kann sie nur sehen, wenn es gerade regnet und dabei die Sonne scheint. Das kommt aber nicht so oft vor. Und für die restliche Zeit, gibt es den Regenbogenfänger.“
Genau in diesem Moment rissen draußen am Himmel die Wolken auf. Sonnenstrahlen kamen durch das Fenster herein und trafen auf die vielen Glassteine des Regenbogenfängers. Und dann geschah das Unglaubliche. Überall, auf allen Wänden des Wohnzimmers erstrahlten kleine Regenbögen. Es waren so viele, dass Paul sie gar nicht zählen konnte.
„Das ist ja der totale Wahnsinn.“, flüsterte er ergriffen.
„Siehst du. Ich habe dir nicht zu viel versprochen.“, war Papa stolz.
Paul grinste über das ganze Gesicht, lief von einem kleinen Regenbogen zum nächsten und untersuchte sie ganz genau.
„Und wo sind jetzt die Goldtöpfe, die am Ende jedes Regenbogens stehen sollen? Bei so vielen Regenbögen müssten wir steinreich werden.“

(c) 2017, Marco Wittler

595. Wasserbomben

Wasserbomben

»Puh, ist das heiß heute.«, stöhnte Lena, die sich nur noch ungern bewegte.
»Warum muss das im Sommer bloß immer so heiß werden? Das ist doch nicht normal.«
Sie sah auf das Thermometer auf der Fensterbank.
»WAS? Draußen sind es fast vierzig Grad und hier drinnen schon zweiunddreißig? Wie soll ich das denn überleben?«
Mama zwang sich zu einem verschwitzten Lächeln.
Tut mir Leid. Aber unsere Dachgeschoßwohnung nimmt zu viel Wärme auf. Die anderen Wohnungen hier im Haus liegen alle unter uns und werden lange nicht so warm. Hätten wir einen Balkon, könnten wir es uns darauf gemütlich machen. Da weht wenigstens noch ein wenig frische Luft.«
Lena verzog das Gesicht. Ihr gefiel das heiße Wetter nicht. »Wenn wir wenigstens einen Garten hätten. Dann könnten wir da ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag da drin liegen. Das wäre so toll.«
»Oder in ein Freibad gehen. Aber wir haben leider keines in der Nähe.«
Mama dachte nach. Dann stand sie seufzend auf und ging in die Küche. Eine Weile kramte sie den Schränken. Dann kam sie mit einem Stapel Schwammtüchern, Gummibändern und einer Schere zurück.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Lena neugierig wissen.
»Will du jetzt bei der Hitze das Wohnzimmer wischen?«
»Nee.«, antwortete Mama. »Ich werde uns jetzt was Erfrischendes basteln.«
Mama zerschnitt die Schwammtücher in mehrere gleich große Stücke, legte sie übereinander und band ein Gummi darum.
»Schon fertig.«
»Was ist das denn?«
»Wasserbomben. Die legen wir in einen Eimer und können uns gegenseitig damit bewerfen. Das macht Spaß und erfrischt.«
Mama grinste frech.
»Geh du doch schon mal nach draußen auf den Gehweg. Ich werf dir dann die Wasserbomben zu und lasse ein paar Eimer Wasser an einem Seil nach unten. Du kannst dann alles annehmen.«
Lena ließ sich nicht zweimal bitten. Sie zog sich ihre Sandalen an und lief sofort nach unten.
Kaum war sie angekommen, öffnete sich auch schon das Fenster und Mamas Kopf kam zum Vorschein.
»Achtung! Ich werfe jetzt!«
Schon flogen die Wasserbomben. Allerdings waren sie bereits mit Wasser getränkt. Nach wenigen Sekunden war Lena pitschnass.
»Du hast mich veräppelt!«, rief Lena. »Aber wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so heiß.«
Und dann kam Mama doch noch nach unten und lieferte sich mit ihrer Tochter eine große Wasserschlacht.

(c) 2017, Marco Wittler

594. Das Fahrrad

Das Fahrrad

Hannah saß gespannt am Fenster. Jeden Augenblick sollten Mama und Papa wieder zu Hause sein. In wenigen Minuten konnte sie nach draußen laufen, um sie zu begrüßen. Und dann konnte sie endlich wieder ihr Fahrrad benutzen – das erste Mal nach dem Umzug in eine neue Stadt. Seitdem hatte es bei Oma in der Garage gestanden.
Ein leises Brummen war zu hören. Dann bog ein Auto um die Ecke. Sie waren wieder Zuhause.
Hannah hatte sich schon vor einer Stunde ihre Schuhe angezogen, den Fahrradhelm bereit gelegt und konnte sofort die Treppe nach unten stürmen. Sie verließ das Haus und lief ihren Eltern entgegen.
„Da seid ihr ja endlich. Und da ist mein Fahrrad. Juhuu! Ich hatte schon Angst, dass ich die ganzen Ferien nicht damit fahren kann.“
Papa öffnete die Klappe zum großen Kofferraum und holte das Fahrrad heraus.
„Darf ich sofort damit fahren? Bitte, bitte, bitte.“
Hannah durfte. Sie setzte sich den Helm auf und setzte sich auf ihren Sattel.
„Jetzt kann ich endlich die ganze Umgebung kennenlernen. Darauf habe ich mich so lange gefreut.“
Sie trat in die Pedale, fuhr los und verschwand hinter der nächsten Ecke.
„Die sehen wir wohl die nächsten paar Stunden nicht mehr wieder.“, sagte Papa, der daran dachte, wie gern Hannah immer mit ihrem Rad unterwegs war. Dann nahm er Mama an die Hand und ging mit ihr ins Haus.
„Wir trinken erstmal gemütlich eine Tasse Kaffee. Was hälst du davon?“
Davon hielt Mama natürlich sehr viel.

Nach nur fünfzehn Minuten klingelte es an der Haustür Hannah war wieder da. Ihr Gesicht war krebsrot und völlig verschwitzt. Das Grinsen war einem Schmollmund gewichen.
„Was ist denn mit dir passiert?“, wollte Mama wissen. „Bist du gestürzt?“
Hannah schüttelte den Kopf.
„Radfahren ist doof. Ich will nie wieder auf einen Sattel steigen.“
„Aber du bist doch sonst immer gern mit deinem Rad nach draußen. Was ist denn jetzt anders?“
Mama verstand die Welt nicht mehr. In so kurzer Zeit konnte ihre Tochter doch nicht den Spaß an ihrem liebsten Hobby verloren haben.
„Was jetzt anders ist?“, heulte Hannah los und warf ihren Helm in die Ecke. „Hier sind überall Berge. In unserem alten Zuhause bei Oma an der Nordsee ist alles flach. Da kann man super mit dem Fahrrad fahren. Aber hier im Sauerland gibt es nur Berge. Alles ist so hoch und steil. Da komme ich mit meinem Fahrrad einfach nicht rauf. Das ist so extrem anstrengend. Das macht einfach keinen Spaß. Ich will nie wieder fahren.“
Nun kam auch Papa in den Flur. Vom Wohnzimmer aus hatte er alles gehört.
„Da kann man bestimmt etwas machen. Uns fällt bestimmt eine Lösung ein. Vielleicht hat ja einer von uns schon bald eine tolle Idee, um die Berge mit dem Rad hoch zu kommen.“
Hannah schniefte. „Wenn du meinst. Aber jetzt grad will ich mir nichts überlegen.“
Sie lief in ihr Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu und warf sich auf ihr Bett.

Nachdem Hannah eine Weile geweint und geschluchzt hatte, schlief sie für ein paar Stunden ein. Sie begann zu träumen. Sie sah sich auf ihrem Fahrrad. Sie sah, wie sie einen Berg nach dem anderen überwand, alles ohne selbst zu trampeln, ohne sich anzustrengen. Ganz gemütlich fuhr sie durch das Sauerland und kam nicht einmal ins Schwitzen. Und die Lösung war ganz einfach. Hannah wachte auch und begann zu grinsen.
Sie stand auf und suchte in ihrem Schrank nach einem ganz bestimmten Gegenstand. Irgendwo musste da doch noch etwas sein. Schließlich fand sie ein altes Hamsterrad. Sie nahm es an sich und stürmte nach draußen in den Garten.
„Ich habe da eine super Idee. Ich muss nie wieder selber trampeln. Ich will jetzt doch wieder Radfahren.“
„Wie kommt denn das?“, wollte Mama wissen.
Hannah hielt stolz das Hamsterrad hoch.
„Das hier baut mir Papa an mein Fahrrad. Dann kaufen wir einen Hamster und setzen ihn rein. Wenn er dann läuft, fährt das Fahrrad los und bringt mich jeden Berg hinauf.“
Mama lachte. „Ach, Schätzchen. So ein kleiner Hamster ist viel zu schwach. Das schafft er doch gar nicht.“
„Wieso? Es hat doch bestimmt noch niemand ausprobiert.“
Trotzig machte Hannah einen Schmollmund. „Ich bin mir ganz sicher, dass das funktioniert. Oder hast du vielleicht eine bessere Idee?“
Mama nickte. „Dass du dir helfen lassen möchtest, ist ein toller Einfall gewesen. Aber es muss dir jemand helfen, der größer und kräftiger ist als ein Hamster.“
„Ein Löwe?“, fragte Hannah.
„Nein.“, lachte Mama erneut. „Aber wir können wir dabei helfen.“
Sie zeigte zur Einfahrt hinunter. Papa kam gerade wieder nach Hause und brachte ein ganz neues Fahrrad mit. Es war viel länger und hatte gleich drei Sitze.
„Das ist ein Fahrrad für drei Personen. Einer lenkt und drei trampeln. Damit wird das alles viel leichter und gemütlicher. Damit können wir dann immer gemeinsam die Berge rauf und runter fahren.“
„Juhuu!“, rief Hannah. Sie drückte Mama und Papa an sich.
„Ihr seid die Allerbesten.“

(c)  2017, Marco Wittler