624. Eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann (Ninas Briefe 23)

Eine Schlittenfahrt mit dem Weihnachtsmann

Hallo Steffi.

Es ist der absolute Wahnsinn, was mir Gestern am späten Abend passiert ist. Das wirst du mir nie, nie, niemals glauben. Ach, Moment. Ich bin schon wieder viel zu schnell. Tut mir leid. Ich fange einfach nochmal von vorne an.

Zuerst wünsche ich dir nachträglich frohe Weihnachten. Eigentlich es ist immer noch Weihnachten, um genau zu sein ist grad bei mir der erste Weihnachtsfeiertag. Da aber heute und Morgen die Post nicht arbeitet, wird dich mein Brief also erst nach den Feiertagen erreichen. Also: Frohe Weihnachten.
Ich hoffe, du warst dieses Jahr artig genug, um Geschenke vom Weihnachtsmann zu bekommen. Ist ja nicht immer so einfach. Weiß ich selbst. Ich streite mich nämlich immer noch viel zu oft mit meinem kleinen Bruder Tommi und höre nicht immer auf das, was Mama und Papa mir sagen. Aber ich war wohl artig genug, denn ich habe Geschenke bekommen.
Mein Wunschzettel war dieses Mal sehr kurz. Im Gegensatz zu letztem Jahr – da waren es ganze 25 Wünsche – habe ich nur einen einzigen gehabt. Der war dafür aber umso größer.
Ich habe mir vom Weihnachtsmann eine Fahrt mit seinem Schlitten gewünscht. Kannst du dir vorstellen, wie cool das sein muss? Die ganze Nacht lang geht es mit Hilfe der Rentiere durch den Himmel. Man fliegt einmal um die ganze Welt und von Haus zu Haus. Da bekommt man bestimmt super viel zu sehen. Das wollte ich immer schon mal machen.
Ich habe dann Gestern Abend in meinem Zimmer gesessen. Eigentlich sollte ich ja in meinem Bett schlafen. Aber ich war viel zu aufgeregt. Ich hätte eh kein Auge zu machen können. Also saß ich an meinem Schreibtisch und habe ein Buch gelesen.
Irgendwann in der Nacht, es war schon nach Eins, hörte ich plötzlich ein Geräusch. Zuerst war es auf dem Dach, dann im Wohnzimmer. Ein paar Minuten später rumpelte es vor dem Haus. Das musste er gewesen sein.
Ich zog mir also schnell meine Wintersachen an und flitzte los. Das Wohnzimmer war aber leer. Dann bin ich nach draußen und sah hoch. Auch auf dem Dach war nichts zu sehen. Du kannst dir bestimmt vorstellen, wie enttäuscht ich war. Der Weihnachtsmann hatte mich vergessen oder mein Wunschzettel war nicht am Nordpol angekommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er meinen Wunsch absichtlich nicht erfüllt. Er hat garantiert noch nie einem Kind einen Wunsch abgeschlagen. Dafür ist er viel zu nett und zu großzügig.
Zur Sicherheit bin ich dann noch einmal um das ganze Haus gelaufen. Aber es waren weder der Weihnachtsmann, noch sein Schlitten oder irgendwelche Spuren im Schnee zu finden. Also bin ich wieder ins Haus und wollte mich bereits enttäuscht ins Bett legen. Doch dann hörte ich wieder Geräusche aus dem Wohnzimmer. Es waren sehr seltsame Geräusche. Es klang, als würde sich ein Tier darin befinden?
Vorsichtig öffnete ich dir Tür und sah hinein. Sofort entdeckte ich ein großes Geschenk, das vorher noch nicht dort gestanden hatte. Ich schlich mich hinein und sah es mir neugierig von allen Seiten an. Oben drauf lag ein Briefumschlag, der meinen Namen trug. Mit zittrigen Fingern öffnete ich ihn, hotle einen Zettel aus dem Umschlag und las, was darauf geschrieben stand.

Liebe Nina.
Es ist schade, dass ich dich nicht persönlich angetroffen habe. Leider warst du gerade draußen im Garten, als ich dein Geschenk herein gebracht habe.
Ein Flug mit meinem Schlitten und meinen Rentieren ist wirklich eine verdammt coole Sache und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue darauf, durch den Himmel und um die ganze Welt zu fliegen. Aber leider gibt es in meinem Schlitten nur einen einzigen Sitz. Darauf muss dann mein dicker Po passen, was von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Ich esse unterwegs einfach viel zu viele Kekse.
Aber damit du ein wenig nachempfinden kannst, wie toll so ein Schlitten ist, habe ich mir für dich eine ganz besondere Überraschung ausgedacht.

Ich wünsche dir frohe Weihnachten.
Dein Weihnachtsmann

Wahnsinn. Ein ganz persönlicher Brief vom Weihnachtsmann. Ich war zwar enttäuscht, dass ich keine Freifahrt in seinem Schlitten bekommen hatte, aber dieser Brief hat mich dann doch ein wenig getröstet.
Eigentlich hätte ich dann ins Bett gehen sollen. Die Geschenke werden bei uns immer erst am nächsten Morgen, als heute, geöffnet. Aber ich hielt es einfach nicht mehr länger aus.
Ich hab also das bunte Geschenkpapier aufgerissen, den Karton geöffnet und riesige Bauklötze gestaunt. Vor stand ein kleiner Schlitten, der dem Schlitten des Weihnachtsmanns zum Verwechseln ähnlich sah. Davor saß ein Hund. Ein richtiger, echter Hund, der mich ganz zutraulich ansah. An seinem Halsband hing noch ein Brief, den ich auch ganz schnell gelesen habe.

Liebe Nina.
Das ist Rufus. Er freut sich schon darauf, von nun an bei dir zu leben. Er wird dich in Zukunft mit deinem neuen Schlitten durch den Schnee ziehen. Ich wünsche euch Beiden ganz viel Spaß dabei.

Dein Weihnachtsmann

Wuhuu! Mein eigener Weihnachtsschlitten. Und endlich ein eigenes Haustier. Irre. Das beste Weihnachten überhaupt. Der Weihnachtsmann ist schon ein cooler Typ mit richtig klasse Ideen.
Und dann bin ich doch noch ins Bett gegangen. Meinen Rufus habe ich aber mitgenommen. Der ist so richtig kuschlig und hat mich heute Nacht beim Schlafen ordentlich warm gehalten.

Das war es dann auch schon mit meinem Weihnachtsbericht. Das nächste Mal schreibe ich dir dann von unserer Silvesterfeier, die in ein paar Tagen steigt. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief und wünsche dir ein frohes, neues Jahr.

Liebe Grüße,
deine Nina.

P.S.: Hast du dir auch so etwas Cooles gewünscht? Wenn nicht, dann probier es doch einfach nächstes Jahr mal aus.

(c) 2017, Marco Wittler

623. Der unglückliche Weihnachtsstern

Der unglückliche Weihnachtsstern

Es war Zeit ins Bett zu gehen. Merle hatte schon ihren Schlafanzug an und sah noch einmal aus dem Fenster. Am wolkenlosen Himmel glitzerten die Sterne. Einer von ihnen war besonders hell: der Weihnachtsstern. Schon seit gestern war er zu sehen und ließ die Vorfreude auf Weihnachten größer werden.
»Nur noch einmal schlafen, dann ist Heiligabend.«, freute sich Merle.
Dann legte sie sich ins Bett, schloss die Augen und träumte davon, was sie alles am nächsten Tag erleben würde.

Am nächsten Morgen schlief Merle ungewöhnlich lange. Sie wurde erst wach, als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont gekrochen kamen.
»Endlich ist Heiligabend.«, waren die ersten Worte, die ihr über die Lippen kamen. Schon in ein paar Stunden würde die ganze Familie gemeinsam in den Weihnachtsgottesdienst in die Kirche gehen, danach zusammen etwas Leckeres essen und einen schönen Abend verleben. Dann hieß es noch einmal schlafen, bis es die Geschenke gab.
»Jetzt muss die Zeit bis dahin nur noch schnell vergehen.«
Nach dem Frühstück setzte sich Merle mit einem Berg weicher Kissen auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster. Dort las sie dann das Buch, mit dem sie sich jedes Jahr die Zeit bis zum Fest vertrieb: eine Sammlung mit schönen Weihnachtsgeschichten, die sie eigentlich schon auswendig kannte.
Zwischendurch ging ihr Blick immer wieder nach draußen. Sie wartete auf den Sonnenuntergang und auf das erneute Erscheinen des Weihnachtssterns, denn dann würde es bald so weit sein.
Einige Stunden später wurde es langsam dunkler. Die Sonne färbte sie zuerst orange, dann rot und verschwand schließlich wieder hinter dem Horizont. Der Abend brach an. Kurze Zeit später erschienen die ersten Sterne.
Merle hing gespannt am Fenster und wartete. Dabei sah sie immer wieder ungeduldig auf die Uhr über der Tür.
»Wo ist er denn? Wo bleibt er nur?«
Der Weihnachtsstern ließ sich dieses Mal wirklich sehr viel Zeit. So spät war er am Heiligabend noch nie aufgegangen. Da stimmte etwas nicht.
Merle suchte den ganzen Himmel ab. Ihr Blick ging von links nach rechts, von oben nach unten. Sie ging sogar durch die anderen Zimmer des Hauses, um in die anderen Richtungen sehen zu können. Doch da war nichts.
»Wo bleibt der Weihnachtsstern? Ohne Weihnachtsstern ist es kein richtiges Weihnachten.«
Dann entdeckte sie ihn doch. Er stand schon eine ganze Weile am Himmelszelt, aber sein Licht leuchtete nur sehr schwach. So hatte Merle ihn bisher übersehen.
Sie öffnete das Fenster.
»Weihnachtsstern, was ist mit dir passiert? Warum bist du so blass?«
Sie rechnete nicht mit einer Antwort. Sterne konnten nicht sprechen. Und wenn sie sprechen konnten, dann nur in Geschichten und in Büchern. Trotzdem war sie neugierig, was geschehen war. Zur großen Überraschung begann der Stern zu sprechen.
»Ich hatte einen Unfall.«, erklärte der Weihnachtsstern traurig. »Ich bin heute Morgen zu spät vom Himmel verschwunden und bin dann mit der aufgehenden Sonne zusammen gestoßen. Weil sie viel größer und schwerer ist, bin ich dann auf die Erde gefallen und in einer wärmeren Gegend in eine große Pfütze gestürzt. Jetzt bin von oben bis unten mit Schlamm verdreckt.«
Merle staunte.
»Kannst du dich denn nicht waschen?«
»Nein. Ich bin nur ein Stern. Ich habe keine Arme. Wie soll das gehen? Wir werden immer nur dann sauber, wenn es regnet. Aber dafür fehlen die Wolken.«
Merle sah sich um. Nur zu gern würde sie dem Stern helfen. Aber wie? Dann fiel ihr etwas ein. Schnell zog sie sich ihre Wintersachen an und lief nach draußen.
»Ich kann dir helfen.«, rief sie in den Himmel hinauf.
Dann griff sie mit ihren dicken Handschuhen in den Schnee und war immer wieder etwas davon nach oben.
Schnell flog der Weihnachtsstern tiefer, flitzte hin und her und ließ sich vom Schnee sauber waschen, bis er wieder so hell strahlte, wie am Abend zuvor.
»Geht doch.«, freute sich Merle. »Dann können wir ja jetzt Weihnachten feiern.«
Der Weihnachtsstern reute sich ebenfalls und bedankte sich noch ein paar Mal bei Merle, bis sie schließlich wieder ins Haus gehen musste.

(c) 2017, Marco Wittler

622. Der antike Adventskalender

Der antike Adventskalender

Max saß in seinem Zimmer und hörte sich eine alte Schallplatte von Papa an. Moment. Eine Schallplatte? Du fragst dich, was das ist? Also: Eine Schallplatte ist so etwas Ähnliches wie eine CD, nur sehr viel älter und größer. Max fand alte Sachen schon immer besonders cool. Deswegen hatte er nicht nur Papas Schallplattenspieler in seinem Zimmer, sondern auch Oma altes Radio, einen Gameboy statt einer Playstation und ein Handy mit Tasten. Ein Smartphone wäre für ihn nie in Frage gekommen. Und deswegen saß Max nun in seinem Zimmer und hörte eine Schallplatte.
Irgendwann kam Papa herein. »Hörst du wieder meine alten Platten?«, fragte er neugierig.
»Ja klar.«, antwortete Max. »Es gibt keine coolere Musik. Willst du dich zu mir setzen?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Keine Zeit. Mama schickt mich. Sie möchte wissen, was für einen Adventskalender du dir dieses Jahr wünschst.«
Max sah erschrocken auf seinen Wandkalender.
»Ist schon wieder Dezember?«
»Noch nicht. Aber Morgen.«
Max dachte schnell nach und sah sich dabei in seinem Zimmer um. Dann begann er zu grinsen.
»Darf ich es euch denn mal so richtig schwer machen?«
Dachte ließ sich den Gedanken kurz durch den Kopf gehen und nickte schließlich.
»Du weißt doch, dass ich auf altes Zeug stehe.«, begann Max. »Deswegen wünsche ich mir einen alten, antiken Adventskalender. Ich weiß zwar nicht, wie die früher ausgesehen haben, möchte aber trotzdem einen haben.«
»Uff!«, machte Papa. »Und du willst wirklich keinen mit Schokolade?«
Max schüttelte den Kopf.
»Na gut. Dann mache ich mich mal auf die Suche.«

Ein paar Tage später, es war der 1. Dezember, kam Max mittags aus der Schule. Er war schon sehr auf seinen Adventskalender gespannt. Ob Papa es geschafft hatte, seinen ungewöhnlichen Wunsch zu erfüllen?
Im Haus zog er schnell seine Jacke und seine Schuhe aus. Dann flitzte er in sein Zimmer und sah sich um.
Ein Kalender war nirgendwo zu sehen. Der Einzige Gegenstand, der eigentlich nicht ins Zimmer gehörte, war ein kleines Holshäuschen und ein Strohhalm von einer Getreidepflanze.
»Was ist denn das?«
»Das ist dein antiker Adventskalender.«, erklärte Papa.
»Vor dir steht eine Krippe. Na gut. Es stellt den Stall von Bethlehem dar. Die Krippe ist die Futterstelle der Tiere, in der Jesus als Baby gelegt wurde. Es fehlt allerdings das Stroh, damit das Baby weich liegen kann.«
»Und dazu soll dieser eine Halm reichen?«, wunderte sich Max.
»Nee.«, lachte Papa.
»Es braucht genau 24 Strohhalme. Du bekommst jeden Tag einen dazu. Wenn alle Halme aufgebraucht sind, ist Heiligabend. So haben das die Kinder vor 400 Jahren gemacht.«
»Hm.«, machte Max.
»Cool ist das ja schon irgendwie. Antik auch. Aber die Schokolade wäre mir dann doch lieber gewesen.«
Papa grinste und holte etwas aus Max Kleiderschrank.
»Und deswegen habe ich dir zusätzlich einen normalen Adventskalender gekauft.«
Da Max fiel ein Stein vom Herzen.

(c) 2017, Marco Wittler

621. Ein Weihnachtsbaum im Kinderzimmer

Ein Weihnachtsbaum im Kinderzimmer

Emma sah Papa begeistert dabei zu, wie er den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufstellte. Zur gleichen Zeit brachte Mama mehrere Kisten herein, die mit bunten Kugeln, Sternen, Figürchen und Lametta gefüllt waren.
„Kannst du mir auch einen Weihnachtsbaum aufstellen?“, fragte Emma irgendwann.
„Der Baum ist doch für uns alle da.“, erklärte Papa.
„Aber ich möchte einen eigenen Weihnachtsbaum in meinem Kinderzimmer haben.“, bat Emma weiter.
Papa setzte sich mit seiner Totchter auf das Sofa. Dann versuchte er es erneut.
„Weißt du, mein kleine Prinzessin, so ein Weihnachtsbaum ist ziemlich groß. Dafür ist in deinem Zimmer nicht genug Platz. Außerdem hat nicht jeder seinen eigenen Baum. Deswegen steht er hier im Wohnzimmer. Dann können wir uns gemeinsam an ihm erfreuen. Stell mir mal vor, ich würde noch einen im Schlafzimmer aufstellen. Wenn die Mama dann in der Nacht zur Toilette muss und in die herab gefallenen Nadeln tritt, bekomme ich ganz viel Ärger.“
Emma lachte, als sie sich das in ihrem Kopf vorstellte.
„Trotzdem wäre ein Weihnachtsbaum nur für mich super toll.“
Dann sprang sie auf und flitzte in ihr Kinderzimmer, aus dem sie eine ganze Weile nicht mehr heraus kam.

Etwa eine Stunde später, die Lichterkette hing mittlerweile im Weihnachtsbaum und Mama hatte gerade mit dem Verteilen des restlichen Baumschmucks begonnen, stand Emma wieder grinsend im Wohnzimmer.
„Wie? Ihr seid mit eurem Baum immer noch nicht fertig? Ich mit meinem schon.“
Mama und Papa sahen das Mädchen verwirrt an.
„Fertig? Mit deinem Baum? Aber woher…?“
Sie ließen sich von Emma ins Kinderzimmer führen, wo sie ganz stolz ihren ersten, eigenen Weihnachtsbaum präsentierte.
„Ich hab meine alten Fingerfarben aus dem Schrank geholt und so lange grün angemalte Hände auf das Fenster gepatscht, bis mein Baum fertig war.“
„Das hast du prima gemacht.“, lobte Mama. „So nimmt er auch keinen Platz weg.“
„Und wenn das Christkind kommt, kann es meine Geschenke direkt darunter auf meinen Schreibtisch legen. Dann kann ich sie noch in der Nacht auspacken.“, freute sich Emma wie ein Honigkuchenpferd.

(c) 2017, Marco Wittler

620. Volles Haus

Volles Haus

Tief in der Nacht öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer. Tommi lag unter seiner Decke und schlief tief und fest. Das jemand herein kam, bekam er gar nicht mit. So verpasste er den dicken Mann mit weißem Bart und rotem Mantel.
Es war der Weihnachtsmann, der sich auf leisen Sohlen herein schlich. Er sah sich um und hielt Ausschau nach einem guten Platz, um das Weihnachtsgeschenk abzulegen. Da sich im Wohnzimmer in diesem Jahr kein Christbaum befand, musste er auf der Kinderzimmer ausweichen.
Der Weihnachtsmann wollte gerade wieder gehen, als sich hinter ihm die Tür öffnete. Sofort bekam er Schweißperlen auf der Stirn. Würde man ihn entdecken oder konnte er noch rechtzeitig ein Versteck finden?
Nein, nicht mit seinem dicken Bauch. Also wartete er einfach auf das, was passieren würde. Statt eines anderen Kindes oder Timmis Eltern kam ein alter Mann mit weißem Bart und dickem Bauch herein.
„Du hier? Ein wenig spät, meinst du nicht auch?“
Der zweite Mann wurde rot im Gesicht und sah verschämt zu Boden.
„Tut mir leid. Ich hab es nicht eher geschafft. An Nikolaus lag ich mit Grippe im Bett.“
Der Nikolaus wollte gerade ein Geschenk aus seinem Sack holen, da begann es vor seinen Augen zu glitzern. Dann erschien vor seinen Augen eine Frau mit wunderschönen Flügeln am Rücken.
„Oh je.“, sagte sie entschuldigend. „Ich wusste nicht, dass ihr in diesem Zimmer bei der Arbeit seid.“
Der Weihnachtsmann seufzte.
„Ich wäre auch schon längst weg, wenn mich der Nikolaus nicht aufgehalten hätte. Und wenn wir schon dabei sind, was machst du eigentlich hier?“
Die Frau lächelte und holte einen Taler aus einem Beutel.
„Ihr wisst doch, dass ich die Zahnfee bin. Tommi hat heute einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt. Es ist mein Job, ihn einzutauschen.“
„Ja. Das stimmt. Das kann ich nur bestätigen. Die Zahnfee macht nur ihre Arbeit.“, hörten sie plötzlich aus dem Flur.
Die drei Anwesenden drehten sich erschreckt um und blickten in das Gesicht des Christkinds.
„Und ich mache auch grad nur meine Arbeit.“, sagte es entschuldigend und quetschte sich mit in das kleine Kinderzimmer.
„Ihr wisst schon. Geschenke und so.“
„Und nicht nur Geschenke.“, brummte plötzlich eine düstere Stimme durch den Raum.
Mitten unter ihnen wurde plötzlich jemand sichtbar. Zuerst konnte man noch nur seinen Körper hindurch sehen wie durch einen Geist. Doch dann gewann er immer mehr an Gestalt.
„Gestatten, Knecht Ruprecht oder auch der Krampus. Wie es euch auch immer belieben mag.“
Der grimmig ausehende Mann blickte von einem Gesicht zum nächsten.
„Hat hier jemand nach mir gerufen? Gibt es hier ein Kind, das unartig war und die Rute verdient hat?“
„Nein!“, stöhnte der Nikolaus. „Du bist hier ganz falsch. Hast dich wohl im Haus geirrt.“
„Sagt mal, könnt ihr nicht mal etwas leiser reden oder einfach verschwinden? Tommi und ich versuchen hier in Ruhe zu schlafen.“
Zehn Augen richteten sich ängstlich auf das Bett. Waren sie nun doch erwischt worden?
Im Arm des Jungen lag ein kuschliger Hase, der ziemlich sauer aussah. Es war der Osterhase.
„Was machst du denn hier?“, fragten fünf Münder gleichzeitig.
„Ist mein Nebenjob.“, erklärte der Hase grinsend. „Ich habe nur einen Tag im Jahr Arbeit. Deswegen bin ich die restliche Zeit Tommis Kuscheltier. Und jetzt macht euch auf die Socken und verschwindet. Wir wollen schlafen und ihr habt eure Aufgaben zu erledigen.“
Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkind legten ihre Geschenke auf den Schreibtisch und gingen durch die Tür nach draußen. Die Zahnfee tauschte den verlorenen Zahn gegen einen Taler und verschwand gleichzeitig mit Knecht Ruprecht in einer Glitzerwolke.
„Na endlich.“, seufzte der Osterhase. „Ich dachte schon, ich komme gar nicht mehr in den Schlaf.“

(c) 2017, Marco Wittler

619. Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Die Männer des Dorfes gingen, mit scharfen Äxten bewaffnet, in den nahen Wald und fällten einige Tannen, um sie mit sich nach Hause zu nehmen. Die Bäume, die stehen bleiben durften, wunderten sich sehr. Es war noch nie vorgekommen, dass die Menschen komplette Tannen fort schafften. Vorher hatten sie immer alle Äste abgeschnitten und im Wald gelassen.
»Da stimmt doch etwas nicht. Was geht da bloß vor sich?«, wunderte sich eine Tanne.
Sie wurde so neugierig, dass sie unter größten Mühen ihre Wurzeln aus dem Erdreich zog und sich auf den Weg ins Dorf machte. Leise schlich sie sich durch die Straßen und engen Gassen und warf da und dort einen Blick in die Häuser.
Überall entdeckte sie die gefällten Tannen, wie sie in den Wohnzimmern standen und von den Menschen rundherum mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt wurden.
»Das ist ja noch seltsamer, als ich es mir vorgestellt habe. Was hat das nur zu bedeuten? Normalerweise werden wir doch in Stücke zerhackt und verbrannt.«
Sie wanderte weiter, hielt immer wieder ein Ohr an die Fenster und lauschte den Gesprächen und Erzählungen. Die Menschen redeten die ganze Zeit von Christbäumen, von Weihnachten und von einer besinnlichen Zeit.
»Ob dieses Weihnachten wirklich so schön ist? Und wenn ja, warum feiern wir das in unserem Wald nicht auch?«
Die Tanne ging wieder zurück und dachte noch lange über all das nach, was sie gesehen und gehört hatte. Es ließ sie einfach nicht mehr los. Schließlich fasste sie einen Entschluss.
»Wir werden in diesem Jahr auch Weihnachten feiern.«
Als sie an einem Feld vorbei kam, entdeckte sie eine alte Vogelscheuche, die einem Menschen nicht ganz unähnlich war. Kurzerhand griff sie zu und nahm ihren Fund mit.
Als sie wieder bei den anderen Tannen im Wald stand und ihre Wurzeln in die Erde grub, erzählte sie vom Weihnachtsfest und den Christbäumen.
»Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön sie alle aussahen.«
»Aber wer von uns soll sich denn so schick machen, dass sie die anderen daran erfreuen können?«
Die erste Tanne grinste.
»Niemand. Wenn die Menschen Bäume schmücken, machen wir es genau umgekehrt. Wir schmücken einen Menschen. Na gut, keinen Echten. Wir nehmen einfach diese Puppe.«
Dann stellten sie die Vogelscheuche zwischen sich auf und schmückten sie mit Eicheln, Zapfen, Moosen und Schneeflocken.
Wären die Menschen zu dieser Zeit nicht damit beschäftigt gewesen, ihr eigenes Weihnachtsfest zu feiern, hätten sie sich bestimmt gewundert, warum im Wald ein Weihnachtslied gesungen wurde, obwohl außer den vielen Bäumen niemand sonst zu sehen war.

(c) 2017, Marco Wittler

618. Der erste Christbaum oder „Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?“ (Paapa erklärt die Welt 42)

Der erste Christbaum
Oder »Papa, schmücken wir eigentlich Christbäume?«

Papa hatte in der letzten Stunde in einer Ecke des Wohnzimmers den Christbaum aufgestellt und mit einer langen Lichterkette ausgestattet. Der Baum war viel größer, als die anderen in den Jahren zuvor. Er reichte mit seiner Spitze bis zur Decke.
»Den Christbaum habe ich gut ausgesucht. Er ist wunderschön.«, war seine kleine Tochter Sofie stolz auf ihre Wahl.
»Jetzt müssen wir ihn nur noch mit bunten Kugeln schmücken.«
Sie schob einen großen Pappkarton quer durch den Raum und holte die erste Kugel heraus. Vorsichtig reichte sie sie Papa nach oben, der bereits auf einer Trittleiter stand. Doch bevor sie die zerbrechliche Glaskugel abgab, zog Sofie ihre Stirn kraus.
»Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?«
»Wie meinst du das? Natürlich weil das schön aussieht. Warum auch sonst?«
Sofie verdrehte die Augen und legte die Kugel zurück in den Pappkarton. Dann stand sie auf, stellte sich vor Papa und stemmte die Hände in die Seiten.
»Du weißt ganz genau, was ich meine. Nimm mich bitte nicht auf den Arm. Du weißt doch sonst immer alles.«
Sie seufzte.
»Warum schmücken wir unseren Christbaum? Das muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Christbäumen und dem Weihnachtsfest. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Stadt, die mitten in einem großen Wald lag. Die äußersten Häuser waren nur wenige Meter von den nächsten Bäumen entfernt.
Kurz vor dem Weihnachtsfest schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Schon nach wenigen Stunden war die Erde weiß geworden und die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.
Während sich die Menschen der Stadt, wie in jedem Jahr überlegten, wie sie zum Fest ihre Häuser schmücken könnten, sah ein kleines Mädchen aus dem Fenster und war begeistert über den Schnee.
»Papa, schau mal da draußen.«
»Ja, ich weiß.«, antwortete ihr Vater. »Es schneit. Das ist nichts besonderes.«
»Aber schau doch mal, wie wunderhübsch alles aussieht.«
Der Vater seufzte leise und legte dann seine Arbeit zur Seite. Dann ging er hinüber zum Fenster und warf ebenfalls einen Blick nach draußen.
Dort war nichts, was er nicht schon oft genug in seinem Leben gesehen hatte. Die unzähligen Bäume des Waldes und der Schnee, der sie mittlerweile bedeckte.
»Ist das nicht schön?«, schwärmte das kleine Mädchen.
Der Vater setzte sich auf einen kleinen Schemel, legte seine Arme auf das Fensterbrett und dachte an die Zeit zurück, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte unglaublich viele Stunden am Fenster gesessen und dem wilden Treiben der Schneeflocken zugesehen. Irgendwann war das vorbei gewesen. Irgendwann war seine Kindheit beendet. Als Erwachsener hatte ihm immer die Zeit für so etwas Schönes gefehlt.
»Ja, das ist wirklich unglaublich schön.«, schwärmte er leise.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er sprang auf und lief durch das kleine Haus, während er sprach.
»Weißt du was? Mir fällt da gerade etwas wirklich Unglaubliches ein. Jetzt weiß ich endlich, wie wir an Weihnachten unser Haus schmücken können. Wir brauchen etwas mehr Glanz unter unserem Dach. Und den habe ich gerade gesehen.«
Er lief in eine Kammer, kam mit einem Mantel bekleidet und mit einer Axt bewaffnet zurück. Damit ging er nach draußen zum Waldrand.
Kurz darauf kam er mit einer kleinen Tanne zurück und stellte sie in einer Ecke des Raums auf.
»Ist das nicht herrlich? Wie schön das Licht der Kerzen im Schnee glitzert.«
Der Vater und seine Tochter waren begeistert. Doch die Begeisterung verschwand bereits nach wenigen Minuten. Für den Schnee war das Haus zu warm. Er taute auf, verwandelte sich in Wasser und fiel in dicken Tropfen zu Boden. Dort sammelte er sich in mehreren Pfützen.
»So funktioniert das nicht.«, war der Vater enttäuscht. »Ich dachte, ich hätte mir etwas wirklich Großartiges einfallen lassen.«
»Ist nicht schlimm.«, sagte deine Tochter.
Dann lief sie zu ihrem Bett und holte unter dem Kopfkissen ein kleines Säckchen hervor.
»Kannst du vielleicht meine Murmeln an den Baum hängen?«, fragte sie. »Die können auch glitzern, weißt du?«
Dankbar nahm der Vater die Murmeln an. Um jede einzelne band er einen dünnen Faden und hängte sie dann an den Ästen des Baumes auf.
Nun glitzerte das Licht der Kerzen wieder im ganzen Raum.
»Der Baum ist wunder-, wunderschön.«, flüsterte das kleine Mädchen.
»Von deiner Idee sollten wir allen anderen Menschen in der Stadt erzählen. Sie sollten auch so etwas Schönes im Haus haben.«

»Und seitdem schmücken alle Menschen ihre Christbäume?«, fragte Sofie.
Papa nickte. »Ja, das stimmt. Mit ein paar einfachen Glasmurmeln hat das alles angefangen.«
»Eine wirklich tolle Idee, die dem Vater da eingefallen ist. Das war eine prima Geschichte, Papa.«
Dann hielt sich Sofie ihre Hand vor den Mund und kicherte leise.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie reichte Papa die erste Glaskugel, die er nun an den Christbaum hängte.

(c) 2017, Marco Wittler

617. Das Lebkuchenhaus

Das Lebkuchenhaus

Lisa sah an sich herab. Ihre Kochschürze war von oben bis unten mit Zuckerguss und bunten Zuckerperlen verziert. Ein klarer Fall für die Waschmaschine. Aber das war ihr egal. Sie war trotzdem auf ihr eigentliches Kunstwerk stolz: Ihr erstes Lebkuchenhaus, dass sie mit Mamas Hife gebaut und verziert hatte.
Jetzt musste es nur noch über Nacht trocknen und konnte dann ab Morgen, wenn endlich das Weihnachtsfest begonnen hatte, geplündert werden. Darauf freute sie sich schon ganz besonders.
Sie stellte das Lebkuchenhaus auf den Schrank und betrachtete es später noch einmal, bevor sie schlafen ging.

Am nächsten Morgen hüpfte Lisa putzmunter und voller Erwartungen aus ihrem Bett. Schnell zog sie sich an und machte sich im Bad fertig. Ob das Christkind schon die Geschenke gebracht hatte?
Lisa wollte gleich ins Wohnzimmer stürmen und nachschauen, aber Mama hielt sie davon ab.
„Erstmal wird gefrühstückt, junge Dame.“
Also setzte sich Lisa leicht schmollend an den Küchentisch und aß sich ein Brot mit ihrer Lieblingserdbeermarmelade.
In der Zwischenzeit bereitete Mama alles andere vor, was sie bis jetzt noch nicht geschafft hatte. Irgendwann kam auch sie in Küche und sah ziemlich grimmig aus.
„Sag mal, hast du heute Nacht das ganze Lebkuchenhaus aufgegessen? Es sind nur noch ein paar Krümel übrig.“
Lisa war überrascht. Warum sollte sie so etwas machen?
„Wie kannst du sowas nur machen? Willst du Bauchschmerzen bekommen? Zu viel Zucker ist ungesund.“
„Aber … ich war das doch gar nicht. Ich habe heute Nacht ganz artig in meinem Bett geschlafen. Ich war nicht mal zur Toilette.“
Dass überzeugte Mama aber nicht.
„Wer soll es denn sonst gegessen haben? Hier wohnt sonst niemand.“
Lisa war den Tränen nahe. Sie sprang auf und lief in ihr Zimmer. Mama folgte ihr. Gemeinsam sahen sie sich um, bis sie schließlich die wahren Übeltäter fanden.
Lisas Meerschweinfamilie hatte in der Nacht die Tür zum Käfig geöffnet. Danach hatten sich die Tiere auf das Lebkuchenhaus gestürzt und dieses komplett aufgefuttert. Die mehr als dicken Bäuche und die Zuckerperlen an ihren Mäulern waren Beweis genug.
„Tut mir leid, dass ich dich in Verdacht hatte.“, entschuldigte sich Mama bei Lisa. Dann wandte sie sich den Meerschweinchen zu.
„Und ihr kommt die nächsten Tage auf Diät. Nächste Woche kaufen wir dann einen ausbruchsicheren Käfig.“

(c) 2017, Marco Wittler

616. Die Mütze des Weihnachtsmanns

Die Mütze des Weihnachtsmanns

Felix wachte auf. Er war sich nicht sicher, meinte aber ein Geräusch im Wohnzimmer gehört zu haben.
„Ist er es? Kann das wirklich sein?“
Immerhin war es die Nacht vor Weihnachten. Also sollte irgendwann zwischen dem Abend und dem nächsten Morgen der Weihnachtsmann durch den Kamin herein kommen und die Geschenke unter den Baum legen.
Schnell rieb sich Felix den Schlaf aus den Augen und stand auf. Diese einmalige Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Welches Kind auf der Welt kam schon dazu, den Weihnachtsmann mit eigenen Augen zu sehen?
Er zog sich die Pantoffeln an die Füße, warf sich den kuschelig warmen Bademantel über und schlich hinunter zum Wohnzimmer. Als er vor der verschlossenen Tür stand atmete er noch einmal tief ein. Dann drückte er vorsichtig die Klinke und öffnete die Tür.
Felix schlich sich hinein und sah sich überall um. Doch da war niemand zu sehen. War er zu früh und der Weihnachtsmann war gerade auf dem Weg nach unten? Nein, das konnte nicht sein, denn unter dem Christbaum lagen bereits die Geschenke.
„Verdammt!“, fluchte Felix leise. „Ich hab ihn verpasst.“
Verärgert ließ er sich in Papas großen Ohrensessel fallen. Da fiel sein Blick auf einen Gegenstand im Kamin.
„Das ist doch …“
Felix musste tief Luft holen. Dann kniff er sich zu kurz in den Arm, weil er zu träumen glaubte.
„Au!“
Nein er träumte nicht. Vor ihm lag die Mütze des Weihnachtsmanns.
„Ob sie wirklich echt ist?“
Er nahm sie hoch, betrachtete sie von allen Seiten, von innen und außen. Dann setzte er sie sich auf den Kopf, stand auf und stolzierte grinsend zum Flur, in dem ein großer Spiegel stand. Als er sein Spiegelbild betrachtete, durchfuhr ihn ein riesiger Schock. In seinem Gesicht wuchs in Windeseile ein dichter, weißer Bart. Außerdem wurde sein Bauch immer dicker.
„Oh nein. Was soll das? Wie kann das sein?“
Felix wurde von Panik ergriffen. Er konnte nicht mehr klar denken, wusste nicht, was er jetzt machen sollte. Da tippte ihm jemand mit dem Finger auf die Schulter und räusperte sich streng.
„Ich glaube, die Mütze gehört mir.“, sagte eine tiefe Stimme.
Felix drehte sich um. Vor ihm stand der Weihnachtsmann. Nachdem sich die Panik und sein Erstaunen gelegt hatten, setzte er die Mütze ab und gab sie seinem Gegenüber.
„Tut mir leid.“, entschuldigte er sich.
„Kommt nicht wieder vor.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Ist schon gut. Schau mal in den Spiegel.“
Felix schloss die Augen, kniff sie fest zu. Dann drehte er sich zum Spiegel und machte sie nur ganz langsam wieder auf. Der Bart verschwand bereits wieder und der Bauch wurde auch immer kleiner.
„Puh, ist ja noch mal gut gegangen.“
Er wollte sich gerade beim Weihnachtsmann bedanken, da musste er feststellen, dass dieser bereits wieder verschwunden war.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler