603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

129. Die Leseratte oder „Papa, woher kommen die Geschichten?“ (Papa erklärt die Welt 21)

Die Leseratte
oder ›Papa, woher kommen die Geschichten?«

»So lebten der Prinz und seine hübsche Prinzessin glücklich bis an ihr Lebensende. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.«
»Das war aber ein schönes Märchen, Papa. Du kennst ganz schöne viele davon. Du hast mir noch kein einziges zwei Mal erzählt.«
Papa lächelte, als er vom Bett aufstand. Er zog seiner Tochter Sofie die Decke bis knapp unter das Kinn, wünschte ihr eine gute Nacht und wollte gerade das Zimmer verlassen, als ihr noch eine Frage einfiel.
»Papa, woher eigentlich die vielen Geschichten und Märchen? Die muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine wirklich gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom allerersten Märchenonkel der Welt. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Mäusefamilie. Sie lebten vor langer Zeit in der Scheune eines großen Bauernhofes. Tag für Tag streunten die Mäuse durch das Stroh und sammelten Getreidekörner, von denen sie sich ernähren konnten. Sehr oft träumten sie von großen Schlemmereien. Hin und wieder saßen sie auf der Fensterbank des Wohnhauses und sahen durch das die Glasscheibe in die Küche hinein. Jedes Mal, wenn die Bäuerin den Schrank öffnete wehte ein Duft von herzhaftem Käse nach draußen.
»Wenn wir doch nur ein einziges Mal in das Haus hinein gehen dürften. Aber ständig passen diese fiesen Katzen auf.«, träumte Mika vor sich hin.
»Ich habe vor ein paar Tagen eine dieser Mietzen gesehen. Die schauen sehr gefährlich aus mit ihren spitzen Zähnen.«, erwiderte Mischa.
Also beließen sie es bei ihren Träumen und sammelten weiterhin fleißig ihre Körner.
Eines Tages geschah ein großes Unglück. Während die kleinen Mäuse Nahrung sammelten, öffnete der Bauer die Scheunentore, um nach seinen Kühen zu sehen. Genau in diesem Moment schlichen sich zwei Katzen herein. Die Mäuse ahnten noch nichts von der drohenden Gefahr. Erst als der Bauer die Scheune wieder verließ, hörten sie ein lautes Fauchen.
»Du meine Güte.«, schrie Mischa. »Eine Katze ist hier drinnen. Wir müssen uns ganz schnell verstecken.«
Die kleinen Mäuse nahmen ihre Beine unter die Arme und rannten so schnell, wie sie nur konnten. Doch wo sollten sie sich verstecken? Im Stroh würden sie irgendwann von ihrem Jäger aufgespürt werden. Bis zu ihrer Wohnhöhle war es aber viel zu weit.
Sie sahen sich um und entdeckten ein Loch in einer nahen Wand.
»Dort sind wir sicher.«
Sie rannten los und kamen gerade noch rechtzeitig in Sicherheit.
»Das sind sogar zwei Katzen.«, keuchte Mika, als er vorsichtig nach draußen sah. »Hoffentlich verschwinden sie irgendwann.«
In diesem Moment hörten die Mäuse ein leises Lachen hinter sich. Sie drehten sich um und erblickten ein vertrautes Gesicht.
»Onkel Richard.«, riefen sie.
Sie stürmten auf eine ältere Ratte zu und freuten sich sehr, nicht allein sein zu müssen.
»Die beiden Katzen da draußen werden nicht so schnell aufgeben. Ich mich schon so oft vor ihnen verstecken müssen. Manchmal liegen sie sogar mehrere Tage auf der Lauer. Da kann einem der Magen schon mal richtig in den Kniekehlen hängen, wenn man Hunger bekommt.«
Mika bekam Angst.
»Was machen wir denn dann? Wir können doch nicht die ganze Zeit einfach nur hier herum sitzen.«
Plötzlich ertönte eine weitere, aber unbekannte Stimme.
»Ihr könnt auch einfach heraus kommen. Dann kommen wir hier alle pünktlich weg.«
Es war ein dicker Kater, der sich schon auf eine Mahlzeit freute.
»Wir könnten natürlich auch etwas ganz anderes machen.«, antwortete Onkel Richard völlig gelassen.
»Ich werde euch eine Geschichte erzählen. Ich kenne zwar keine, aber ich denke mir etwas aus. Dann bekommen wir keine Langeweile und denken wenigstens eine Zeit lang an etwas anderes. Wenn ihr wollt, könnt ihr mir dabei helfen.«
Eine Geschichte erfinden? Das war etwas ganz Neues. Davon hatten die kleinen Mäuse noch nie etwas gehört. Umso spannender fanden sie diese Idee.
Onkel Richard überlegte kurz und begann schließlich zu erzählen. Seine Geschichte handelte von einer kleinen Maus, die sich auf den Weg machte, um eines Tages als Matrose zur See zu fahren. Mika brachte ebenfalls seine Einfälle mit ein.
»Die Maus begegnet auf ihrer Reise bestimmt gefährlichen Seemonstern.«
»Aber die besiegt er und rettet eine Meerjungfrau.«, schlug Mischa vor.
Mit ihrer Geschichte verbrachten sie sehr viel Zeit. Sie bemerkten gar nicht, wie schnell die Stunden dahin zogen. Schon bald ging die Sonne unter und es wurde dunkel in der scheune. Schließlich kam die Seemaus zurück ans Land und heiratete die Meerjungfrau, welche sich in eine Maus verwandelt hatte.
»Das war eine spannende Geschichte.«, sagte Mika schließlich.
»Das müssen wir unbedingt öfters machen.«, bestätigte die Ratte.
In diesem Moment hörten sie wieder die Stimme des Katers.
»Nein, bitte nicht aufhören. Die Geschichte war so unglaublich schön. Ich will noch eine hören. Bitte, bitte.«
Nun mussten die Mäuse lachen. Sie hatten es tatsächlich geschafft, die beiden Katzen friedlich zu stimmen.
In den nächsten Wochen und Monaten saß Onkel Richard nun jeden Tag in seinem Wohnloch und schrieb eine neue Geschichte nach der anderen. In den Abendstunden, wenn es langsam dunkel wurde, las er sie den Mäusen und den Katzen vor.

»Ist das wirklich wahr?«, fragte Sofie.
»So wahr, wie ich hier vor dir stehe.«, sagte Papa.
»Eigentlich wollte ich dir ja nur eine Geschichte heute Abend vorlesen. Aber dann sind es doch zwei geworden.«
Sofie grinste über das ganze Gesicht.
»Aber Papa. Du hast mir doch nur einmal etwas vorgelesen. Die Geschichte von der Leseratte hast du mir doch aus dem Kopf erzählt.«
Gegen solche Argumente war Papa machtlos. Seine kleine Tochter hatte absolut Recht. Schließlich bildete sie sich aber trotzdem noch ein Urteil darüber, was sie gerade erst gehört hatte.
»Schön war die Geschichte ja, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort. Du hast dir das bestimmt nur ausgedacht.«

(c) 2008, Marco Wittler

122. Alles Käse oder „Papa, warum verschwindet der Mond?“ (Papa erklärt die Welt 18)

Alles Käse
oder »Papa, warum verschwindet der Mond?«

Sofie saß in ihrem Zimmer auf dem Bett und blätterte in einem Buch mit Kindergeschichten. Mit den vielen Buchstaben konnte sie zwar noch nichts anfangen, weil sie erst im nächsten Jahr zur Schule gehen würde, aber dafür waren die bunten Bilder umso schöner anzusehen.
In diesem Moment kam Papa herein.
»Was machst du denn da? Ich dachte, du hättest dich schon längst in deine Decke eingerollt. Nun aber los.«
Er grinste und nahm sich das Buch.
»Soll ich dir noch eine Geschichte vorlesen?«, fragte er.
Sofie schüttelte den Kopf, stand auf und setzte sich auf ihr kleines Sofa unter dem Fenster.
»Da steht nicht drin, was ich mich gerade frage.«
Papa runzelte die Stirn,setzte sich ebenfalls auf das Sofa und zog seine Tochter auf den Schoß.
»Was beschäftigt dich denn? Verrätst du es mir?«
Sofie zog die Gardine zur Seite und zeigte mit dem Finger nach draußen.
»Schau doch mal. Da hängt der Mond am Himmel. Aber irgendwie sieht er kleiner aus als gestern und die die Tage davor. Papa, warum verschwindet eigentlich der Mond? Macht er Diät?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom Mond und einer großen Menge Tiere. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter Bauer. Schon am frühen Morgen stand er auf und brachte seine Kühe auf die Weide, damit sie frisches Gras fressen konnten. War das Wetter einmal nicht so gut, blieben seine Tiere im Stall und wurden gefüttert. Doch damit war die Arbeit noch lange nicht getan. Denn ab der Mittagszeit mussten die Kühe gemolken werden.
Der Bauer bekam von seiner Herde viel mehr Milch als er trinken konnte. Daher nahm er einen großen Teil davon und machte ihn zu einem Käse, der so lecker war, dass sich die Menschen der ganzen Stadt danach die Finger leckten.
Eines Tages holte der Bauer seinen Sohn zu sich, um mit ihm zu reden.
»Mein Sohn, es ist an der Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Ich werde mit jedem Tag älter und gebrechlicher. Die Arbeit fällt mir immer schwerer. Von nun an sollst du diesen Hof bewirtschaften. Du bist alt genug und hast viel von mir gelernt. Ich glaube, dass es dir wohl gelingen wird.«
Der Sohn war überrascht. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es ohne seinen Vater sein würde. Von nun an war er kein einfacher Knecht mehr.
Der alte Bauer und seine Frau packten ihre Sachen und zogen in eine kleine Wohnung in der Stadt. Dort mussten sie nicht mehr so lange Wege gehen und das Leben war etwas gemütlicher.
Der Sohn gab sich von nun an besonders große Mühe. Er stellte einen neuen Knecht ein und machte sich als neuer Bauer an die Arbeit. Am frühen Morgen trieb er die Kühe auf die Weide, am Mittag melkte er sich und am Nachmittag machte er aus der Milch Käse für die Menschen in der Stadt. Schon als kleiner Junge hatte er dabei immer zugesehen und nun machte er alles auf die gleiche Weise nach.
Am Abend saß er schließlich gemütlich in einem großen Sessel vor dem Kamin und las in der Zeitung.
»Ein guter und angesehener Bauer werde ich eines Tages sein, wie mein Herr Vater. Er war mir ein guter Lehrer und ich ihm hoffentlich ein noch besserer Schüler.«
Nach ein paar wenigen Wochen passierte allerdings etwas. Der neue Bauer ging in den Keller hinab, um den fertigen Käse für den Verkauf hervor zu holen. Doch da traf ihn der Schrecken. Nicht einen einzigen Käse würden ihm die Menschen aus der Stadt abkaufen, denn sie waren alle angebissen. Kleine Mäusezähne hatten sich in die gelben Laiber gegraben.
»Na wartet, ihr kleinen bösen Nager. Wenn ich euch erwische, geht es euch an den Kragen.«
Wütend fuhr er in die Stadt und kaufte so viele Mausefallen, wie er nur bekommen konnte. Diese stellte er im Keller auf, so dicht aneinander, wie es eben ging.
»Ihr kommt mir nicht mehr an meinen Käse.«
Der Bauer ging zu Bett und schlief bis zum nächsten Morgen.

Als der Hahn krähte war die Sonne gerade dabei über den Horizont zu klettern. Sie gähnte leise und schickte dann ihre Sonnenstrahlen über das Land.
Der Bauer kam aus dem Bett, zog sich seine Sachen über und ging erwartungsvoll in den Keller. Doch was der dort sah, war nicht das, was er sich erhofft hatte. Alle Mausefallen waren zu gefallen. Aber nicht eine einzige Maus saß darin fest. Dafür waren die neuen Käselaiber angefressen.
»Das kann doch gar nicht wahr sein? Wie ist denn das möglich?«
Der Bauer war verwirrt. So etwas hatte er noch nie erlebt. Waren die Mäuse etwa so schlau, dass sie die Fallen umgingen? Ein Antwort hatte er freilich nicht zur Hand. Daher versuchte er es in der nächsten Nacht mit einem großen Kater, den er sich beim Nachbarn ausgeborgt hatte.

Am nächsten Tag wollte er seinen Augen nicht trauen. Lautes Gejaule war aus dem Keller zu hören. Als der Bauer die Treppe herab gestiegen war sah er einen verängstigten Kater, der in einer der Mausefallen saß und mit seinen Barthaaren am Gitter festgebunden war. Sofort befreite er das Tier und brachte es zum Nachbarn zurück.
»Dieser verdammten Brut werde ich es zeigen. Heute Nacht lege ich mich selber auf die Lauer.«, sprach er.
Glück hatte er allerdings immer noch keins. Denn noch bevor die erste Maus aus ihrem Versteck kam, war der Bauer bereits eingeschlafen.

Es half alles nichts. Kein Einfall und keine Idee war gut genug, um die kleinen Plagegeister loszuwerden.
Doch plötzlich erinnerte sich der Bauer an seinen Vater. Er war nie so schlimm von den Mäusen geärgert worden. Aber woran lag das bloß?
Der Bauer machte sich auf den Weg in die Stadt und suchte die Wohnung seiner Eltern auf. Dort kam er auch sofort auf sein Problem zu sprechen.
»Vater, ich leide an einer großen Mäuseplage. Kaum hattet ihr den Hof verlassen, kamen diese Biester aus ihren Verstecken und übernahmen den Käsekeller. Jeden Morgen, wenn ich hinein schaue, sind die Laiber angefressen. Die kauft mir doch niemand mehr ab. Was soll ich denn nur machen?«
Der Vater lachte, nahm dann aber seinen Sohn bei der Hand.
»Ich werde mit dir zurück zum Hof kommen. Dort zeige ich dir, wie ich über die vielen Jahre mit den Mäusen fertig geworden bin.«

Einige Stunden später standen sie zu zweit im Käsekeller. Der Vater sah mit einem Blick, wie schlimm der Schaden mittlerweile geworden war.
»Es ist allerhöchste Zeit, dass ich gekommen bin. Wenn wir jetzt nicht bald handeln, werden hier so viele Mäuse leben, dass auch ich nicht mehr helfen kann.«
Aus einem Schrank holte er eine besonders große Käseform hervor und befüllte sie.
»Dieser ganz besondere Käse ist die Leibspeise deiner ungebetenen Gäste. Es ist der Mäusekäse. Es dauert nur wenige Tage bis er reif ist.«
So geschah es dann auch. Nur drei Tage später war der Laib fest geworden. Der alte Bauer holte ihn hervor und beschriftete ihn mit großen Buchstaben:

Der beste Mäusekäse der Welt.

Am Abend band er ihn an ein Seil und wartete auf die Dunkelheit. Als die ersten Sterne zum Himmel hinauf zogen, band er das Seil zu einem Lasso, schwang es hoch in die Lüfte und band es so an einen der Sterne. Mit einem kräftigen Ruck wurde nun der Käse in den Himmel gezogen. Dort oben leuchtete er nun über das Land und sein verführerischer Duft war über weite Strecken zu riechen.
Kurz darauf hörte man das leise Getrappel vieler kleiner Pfötchen. Die Mäuse aus dem Keller kamen die Treppe herauf gelaufen. Sie wurden vom Mäusekäse angelockt und liefen ihm hinterher.
Der junge Bauer konnte noch immer nicht glauben, was er dort sah.
»Was geschieht dort?«
»Es ist ganz einfach mein Sohn. Die Mäuse lassen sie nicht ganz vertreiben. Aber wenn man ihnen einen kleinen teil abgibt, verschwinden sie für einen Monat. Sie laufen dem Käse nach, bis er schließlich an den Bergen hängen bleibt. Dort fressen sie sich an ihm satt, bis er verschwunden ist. Danach kommen sie wieder. So hat es schon mein Vater gemacht, dessen Vater und alle unsere Vorfahren vor ihnen auch.«
Zufrieden setzten sich die beiden Männer auf eine Bank vor dem Haus und sahen zu, wie die Mäuse verschwanden.

Sofie sah noch immer nach draußen und beobachtete den Mond, wie er am Himmel entlang zog.
»Und er ist jetzt auf dem Weg zu den Bergen und die Mäuse laufen ihm alle nach?«
Papa nickte und packte das Buch mit den Kindergeschichten in ein Regal.
Sofie schien nachzudenken, während sie aufstand und langsam in ihr Bett ging. Als Papa sie schließlich zudeckte begann sie zu lachen.
»Der alte Bauer war ja ein richtig schlauer Kerl.«
Sie zog die Decke bis kurz unter die Nase. Kurz bevor Papa die Tür hinter sich schloss, war sie sich aber endlich sicher, was sie von dieser Geschichte zu halten hatte.
»Das hast du wirklich schön erzählt, Papa. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort.«
Sie kicherte noch ein Weilchen, während Papa grinsend das Zimmer verlies.

(c) 2008, Marco Wittler