571. Der Besuch vom Mars

Der Besuch vom Mars

Die Sommerferien waren vorbei. Während nun die Tage langsam wieder kürzer und die Temperaturen kühler wurden, hatte Alex seine erste Woche in der Grundschule verbracht. Für ihn war alles noch ganz neu und aufregend gewesen. Endlich würde er Lesen, Schreiben, Rechnen und vieles mehr lernen. Dann würde er seiner großen Schwester, die schon in die fünfte Klasse ging, zeigen können, dass er kein dummes, kleines Kind war, wie sie immer sagte.
In den ersten zwei Schultagen hatten sie noch nichs gelernt. Die Klassenlehrerin hatte wichtige Informationszettel für die Eltern verteilt, schwere Bücher an jedes Kind gegeben, die Benimmregeln erklärt und allen Schülern die Schule gezeigt. Erst am dritten Tag hatte es richtigen Unterricht gegeben.
‚Sachunterricht‘ stand dick und fett im Stundenplan. Alex hatte sich schon vom ersten Tag an gefragt, was man dort wohl lernen würde. Es gab sehr, sehr viele Sachen auf der Erde.
Doch dann musste er feststellen, dass es gar nichts mit Sachen von der Erde zu tun hatte. Es ging nämlich um Sterne, Planeten und den Weltraum.
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. So hießen die acht Planeten aus der Nachbarschaft. Die einen groß, die anderen eher klein. Die Großen bestanden nur aus Gas, die kleinen waren so fest, wie die Erde. Leben gab es aber nur auf einem von ihnen: Auf der Erde. Woanders gab es dafür keine Chance. Der Merkur hatte keine Atmosphäre, also keine Luft. Die der Venus war zu giftig und auch auf dem Mars hätte niemand atmen können. Trotzdem, erklärte die Lehrerin, hatten Wissenschaftler immer die Vermutung, Spuren von Leben auf dem Mars finden zu können.
Da waren die Schreiber und Erfinder von Weltraumbücher, Marsgeschichten und Filmen mit Außerirdischen schon viel weiter. Darin wimmelte es nur so vor lauter Lebewesen.
»So ein Blödsinn.«, hatte sich Alex immer wieder gedacht. »Warum sollte es denn so weit von der Erde entfernt Marsmenschen geben? Wie sollten die denn da hin gekommen sein?«
Das hatte er auch immer wieder zu Hause erzählt. »Spannend war das auf jeden Fall. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es auf dem Mars jemanden gibt.«
Er holte sein Sachbuch hervor, blätterte hin und her, bis er schließlich ein Bild des roten Planeten fand.
»Da sieht man doch, dass es da kein Wasser gibt, keine Pflanzen und auch keine Städte. Da lebt nichts und niemand.«
»Na, wenn du dich da mal nicht täuschst.«, hatte Papa grinsend geantwortet. »Ich habe ganz viele Filme gesehen, in denen die Menschen das Gleiche dachten. Am Ende kamen dann doch die Marsianer auf die Erde und haben für Angst und Panik gesorgt.«
Nun grinste Alex auch.
»Ich habe bestimmt keine Angst vor Marsmenschen. Wenn mir einer begegnet und er mir Angst machen will, dann trete ich ihm in den Hintern, stopfe ihn zurück in seine Rakete und schieße ihn auf den Mond. Dann werden wir ja sehen, wer mehr Angst hat.«
Er lachte laut und musste sich dabei sogar den Bauch halten.

Am Abend saß die Familie noch lange draußen im Garten. Während ein paar Würstchen auf dem Grill brutzelten sahen sie dem Sonnenuntergang und den auftauchenden Sternen zu, als Alex plötzlich sah, wie einer von ihnen zur Erde stürzte.
»Papa, hast du das gesehen? Ein Stern ist grad vom Himmel gefallen. Der muss irgendwo in der Nähe eingeschlagen sein.«
Aufgeregt sprang er von seinem Gartenstuhl auf und versuchte über die Hecke zu sehen.
»Mach dir da mal keine Sorgen.«, beruhigte ihn Papa. »Sterne fallen nicht vom Himmel. Das war nur eine Sternschnuppe, ein kleiner Stein oder Staub, der in der Atmosphäre verbrennt. Es passiert nur ganz selten, dass davon etwas am Boden ankommt.«
Er machte eine kurze Denkpause und überlegte, bevor er grinsend weiter sprach.
»Es könnte aber auch das Raumschiff eines Außerirdischen gewesen sein, dass irgendwo dort hinten gelandet ist.«
»Das glaubt dir doch eh keiner.«, antwortete Alex. Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los, dass da vielleicht doch ein Besucher von einem anderen Planeten angekommen war.

Wenig später lag Alex im Bett. Das Schlafen fiel ihm allerdings schwer. Ständig dachte er daran, dass ein Alien auf der Erde gelandet war und nun unentdeckt sein Unwesen hier trieb.
Sobald er die Augen schloss, sah er in seinen Gedanken Raumschiffe, die durch die Luft flogen und mit ihren Laserstrahlern Häuser zerstörten.
»Warum muss Papa auch so einen Blödsinn erzählen. Der ist Schuld, wenn ich nicht schlafen kann.«
Kurz dachte er darüber nach, ob er hinunter ins Wohnzimmer gehen und sich beschweren wollte, traute es sich aber nicht, weil er kein Angsthase sein wollte.
In diesem Moment klopfte es leise an der Tür. Alex hielt vor Aufregung den Atem an. Die Tür öffnete sich und eine unbekannte Person trat ein. Zuerst konnte Alex nicht viel erkennen. Aber dann sah er einen silberfarbenen Raumanzug, grüne Haut um Gesicht und lange Fühler auf dem Kopf. Auf der Nase saß eine große, verspiegelte Brille. Es war der Außerirdische und er stand mitten in Alex Zimmer.
Am Liebsten hätte Alex geschrien. Aber er bekam keinen Laut aus seinem Mund. Der Alien hingegen lächelte freundlich, legte einen seiner sechs Finger auf seine Lippen und gab dem Jungen zu verstehen, dass er leise sein sollte.
Alex nickte vorsichtig und sagte nichts.
Der Außerirdische griff langsam in seine Anzugtasche und holte ein kleines Holzkästchen heraus. Dieses legte er auf Alex Schreibtisch. Dann winkte er noch einmal zum Bett hinüber und verließ das Zimmer.
»Boah. War das aufregend.«, flüsterte Alex.
Er schlich zur Tür und sah hinaus. Der Alien war verschwunden. Also schlich Alex zum Schreibtisch und sah in das Kästchen. Darin lag ein kleiner, roter Stein und ein Zettel. Mit zitternden Händen las Alex die wenigen Worte, die darauf geschrieben waren.
‚Ein kleiner Stein von meiner Heimatwelt, dem Mars. Dieses Geschenk soll dich immer daran erinnern, dass wir uns in dieser Nacht getroffen haben. Erzähle aber bitte niemandem davon.‘
Dieses Versprechen hätte Alex nur zu gern gemacht, wurde dann aber abgelenkt, als sich seine Schranktür öffnete.
Der Junge fuhr herum und erschrak. Zwischen den vielen Jacken und Hemden, die gerade zur Seite geschoben wurden, kam ein kleiner, grauer Kerl hervor. Er war kleiner als Alex, viel dünner als irgendein Mensch nur hätte sein können. Dafür war der Kopf umso größer. Das Wesen hatte riesige Augen und einen schmalen Mund. Eine Nase fehlte dafür völlig. Es hatte eine Haut so grau wie das Fell einer Maus. Kleidung trug es keine.
»Puh, war das knapp.«, sagte es.
»Ich wollte schon vor ein paar Minuten aus meinem Versteck kommen. Aber dann hätte mich dein Vater in seiner komischen Verkleidung erwischt. Was für ein Glück.«
Er kam auf Alex zu, nahm dessen Hand in seine und schüttelte diese kräftig.
»Ich bin Mapul, ein Astronaut vom Planeten Mars. Eigentlich hatte ich vor, dass mich niemand sieht, aber da mein Raumschiff abgestürzt ist und ich ein Ersatzteil brauche, habe ich mich in euer Haus geschlichen.«
Er hielt eine kleine Schraube in die Höhe, die er wohl aus dem Schrank geholt haben musste.
»Dein Schrank wird auch ohne halten. Und vielen Dank dafür. Damit werde ich bald wieder nach Hause fliegen können.«
Er klopfte Alex auf die Schulter, winkte kurz und wurde langsam durchsichtiger. Bevor er ganz verschwunden war, hatte er noch eine Bitte.
»Verrate bitte niemandem, dass ich hier gewesen bin.«
Alex nickte nur. Sagen konnte er vor lauter Überraschung gar nichts mehr.

Am nächsten Morgen saßen Alex und Papa am Frühstückstisch und grinsten sich gegenseitig an.
»Und wie war deine Nacht. Etwas Besonderes erlebt oder geträumt?«
Alex nickte. »Ich hatte Besuch von einem Außerirdischen.«
Papa nickte grinsend. »Das war bestimmt richtig aufregend. Du glaubst jetzt also, dass es Aliens gibt?«
»Ja, klar. Er hat mir nämlich auch bewiesen dass er echt war.«
Papa lachte laut. Sein Plan hatte also funktioniert. Dass Alex in der letzten Nacht Besuch von einem zweiten Außerirdischen hatte, der tatsächlich vom Mars gekommen war, wusste er nicht.

(c) 2016, Marco Wittler