570. Weihnachten im Leuchtturm

Weihnachten im Leuchtturm

Mitten im Meer stand ein uralter Leuchtturm. Seine Aufgabe war es, alle Schiffe in der Umgebung vor einem Felsen zu warnen, auf dem er einst zu diesem Zweck gebaut worden war.
Und nun, zur Weihnachtszeit, hatte man das Gefühl, dass sein weisendes Licht noch wärmer, noch festlicher leuchtete.
Trotzdem wollte im Innern des Leuchtturms keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das lag zum Einen daran, dass auf dem Meerwasser keine einzige Schneeflocke liegen bleiben wollte. Sie schmolzen sofort und verschwanden in den Fluten. Zum Anderen lag es aber auch daran, dass der Leuchtturmwärter ganz allein in seiner kleinen Wohnküche saß. Niemand leistete ihm Gesellschaft, niemand kam mal kurz auf einen Kaffee vorbei und hielt ein Schwätzchen mit ihm.
Der Leuchtturmwärter war nicht etwa unbeliebt. Im Gegenteil. Er besaß sehr viele Freunde und Verwandte. Aber eine Fahrt vom Festland bis zum Leuchtturm dauerte einen halben Tag. Viel zu lang für einen kurzen Besuch. Deswegen kam auch nie jemand vorbei. Erst in einem Monat, lange nach Weihnachten, würde das nächste Schiff einen anderen Leuchtturmwärter zur Ablösung vorbei bringen und den Jetzigen nach Hause fahren. Bis dahin würde aber noch sehr viel Langeweile im Leuchtturm herrschen.
Am Weihnachtsabend jedoch, war die Einsamkeit am Größten, denn dann saßen die Familien mit Großeltern, Eltern, Onkeln, Tanten und vielen Kindern um den Weihnachtsbaum herum und sangen besinnliche Lieder. Später würden sie alle im Bett liegen und gespannt darauf warten, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin klettern würde, um Geschenke unter den Baum zu legen. Das alles vermisste der einsame Leuchturmwärter und wünschte sich, am heutigen Abend irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer, bei irgendeiner freundlichen Familie sitzen und Weihnachten feiern zu können.
Stattdessen saß er allein an seinem Esstisch, hatte eine einzelne, brennende Kerze vor sich stehen und starrte hinaus in die dunkle Nacht, in der sich hohe Sturmwellen am Felsen brachen.
»Ist das trostlos.«, seufzte der Leuchtturmwärter. »Die ganze Welt feiert heute Abend Weihnachten. Nur ich sitze hier einsam und allein und muss darauf aufpassen, dass das Leuchtfeuer nicht erlischt. Wenn mir wenigstens jemand Gesellschaft leisten würde. Aber bei diesem Schietwetter wird sich niemand auf die lange Fahrt hierher machen. Wahrscheinlich denkt heute nicht einmal jemand an mich.«
Er seufzte noch einmal laut, nahm einen großen Schluck heißen Kakao aus seiner noch größeren Tasse und blickte wieder hinaus auf das Meer und die Wellen.
Sehr spät in der Nacht, die Kerze auf dem Tisch war mittlerweile abgebrannt, schreckte der Leuchtturmwärter aus einem unruhigen Schlaf hoch. Müde rieb er sich seine Augen und gähnte herzhaft. Ein Blick auf die Wanduhr verriet ihm, dass es bereits drei Uhr war.
«Oh je.«, stöhnte er auf. »Jetzt bin ich wieder einmal am Tisch eingeschlafen.«
Er rieb sich mit beiden Händen den Nacken und die Schultern, die ihm mittlerweile wegen des ungemütlichen Schlafplatzes schmerzten, als er ganz hinten am Horizont ein kleines Leuchten sah, das sich langsam auf seinen Leuchtturm zu bewegte.
»Nanu? Was ist denn das? Kommt mich doch noch jemand besuchen? Um diese Uhrzeit? Mitten in der Nacht? Das kann doch gar nicht sein.«
Ein weiteres Mal rieb er sich die Augen und blickte dann wieder nach draußen. Das Licht war nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es war ein ganzes Stück näher gekommen.
»Es kann kein Schiff sein.«, murmelte der Leuchtturmwärter. »So schnell kann kein einziges Schiff fahren. Schon gar nicht bei diesem Sturm.«
Gespannt beobachtete er weiter und stellte bald fest, dass das Leuchten nicht über das Wasser zu ihm kam. Es flog in der Luft.
»Nein. Das kann nicht sein. Es ist zu windig. Da kann kein Flugzeug fliegen. Für einen Hubschrauber ist es auch zu gefährlich. Was kann das nur sein?«
Kurz bevor das Licht sein Ziel erreicht hatte, flog es eine Kurve und verschwand auf der anderen Seite des Leuchtturms. Der Leuchtturmwärter sah in alle Richtungen. Das Leuchten tauchte aber nicht wieder auf.
Ein paar Sekunden später klopfte es an der Tür. Verwirrt und überrascht stand der Wärter von seinem Tisch auf, lief die Treppe hinunter und öffnete seinem unbekannten Gast.
»Ho, ho, ho!«, schallte ihm eine tiefe Stimme entgegen. »Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir. Darf ich vielleicht herein kommen und mich ein wenig bei dir aufwärmen? Da draußen ist es kalt und ungemütlich.«
Dem Leuchtturmwärter fielen fast die Augen aus dem Kopf.
»Du … du … bist der Weihnachtsmann.« Hinter seinem Besucher sah er in der Dunkelheit den von acht Rentieren gezogenen Schlitten, der dicht über dem Meer schwebte.
»Äh, ja. Komm bitte herein.«
Sie betraten gemeinsam den Leuchtturm, gingen zurück in die kleine Küche und setzten sich an den Tisch.
Der Weihnachtsmann sah auf das verbliebene Stück Wachs, das sich über die Tischplatte verteilt und dort hart geworden war.
»Deine Kerze sieht aber mitgenommen aus. Wie wäre es mit einem neuen Adventskranz?«
Mit einem Grinsen griff er in die Tasche seines roten Mantels, holte einen Adventskranz hervor und zündete die vier Kerzen mit einem Streichholz an.
Der Leuchtturmwärter sah begeistert auf die kleinen Flammen und dann auf seinen Gast. Freudentränen standen ihm in den Augenwinkeln.
»Was machst du denn hier? Warum besuchst du mich in dieser stürmischen Nacht? Musst du nicht Geschenke an die vielen Kinder auf der ganzen Welt verteilen?«
»Ich bin schon fertig.«, kam die Antwort. »Alle Geschenke sind verteilt. Ich habe kein einziges Kind vergessen. Und weil ich heute Nacht nichts anderes zu tun habe und Weihnachten auch nicht gern allein bin, dachte ich mir, dass ich einfach bei dir vorbei schaue. Feiern wir doch gemeinsam Weihnachten.«
Ein weiteres Mal öffnete er seinen Mantel, holte zuerst einen leckeren Weihnachtsbraten hervor und dann ein kleines, verpacktes Geschenk, dass er dem Leuchtturmwärter entgegen hielt.
Und schon kullerten beim Wärter die Tränen. »Ich habe aber kein Geschenk für dich. Ich wusste gar nicht, dass du kommen wirst.«
Der Weihnachtsmann winkte ab. »Macht nichts. Du hast mir bereits ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Du hast mich in deinen Turm und an deinen Tisch eingeladen. Das ist mir schon Geschenk genug.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und drückte den Leuchtturmwärter fest an sich.
Gemeinsam verbrachten sie den Rest der Nacht und feierten bis zum Morgengrauen. Für beide war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Von nun an besuchte der Weihnachtsmann den Leuchtturmwärter jedes Jahr, wenn er alle seine Geschenke ausgeliefert hatte.

(c) 2016, Marco Wittler

551. Der weise Wal erklärt Weihnachten

Der weise Wal erklärt Weihnachten

An einem kalten Dezembertag liefen die Menschen schnellen Schrittes durch die verschneiten Straßen. so geschäftig und gestresst sah man sie nicht oft im Jahr. Das fiel sogar den kleinen Fischen auf, die regelmäßig in das nahe Hafenbecken schwammen, um die Menschen zu beobachten. Und jedes Mal, wenn sie etwas nicht verstanden, kehrten sie zurück ins Meer um den weisen Wal zu fragen, der schon die ganze Welt bereist und schon alles einmal gesehen hatte.
»Weiser Wal, wir haben die Menschen in der Stadt beobachtet.«, begannen die Fische ihre Frage. »Wir haben uns sehr gewundert, weil sie plötzlich so beschäftigt sind, auf den Straßen der Stadt hin und her laufen und ihre Bäume vom Wald in die Häuser holen. Sind die Menschen verrückt geworden? Sind sie vielleicht krank oder stimmt etwas nicht mit ihnen?«
Der weise Wal lächelte. »Bevor ich euch auf eure Frage eine Antwort geben kann, muss ich eine Weile darüber nachdenken.«
Dann schloss er seine Augen und ließ sich ein paar Stunden mit der Strömung des Meeres treiben.
Irgendwann öffnete er seine Augen wieder und sah die kleinen Fische, die geduldig gewartet hatten, der Reihe nach an.
»Wir haben eine ganz besondere Zeit. Das Weihnachtsfest steht bei den Menschen an. Sie stellen sich Bäume in ihre Häuser, schmücken sie rundherum, singen Lieder und machen sich gegenseitig Geschenke. Die Vorbereitungen kosten viel Zeit. Deswegen sind sie so gestresst.«
»Was ist denn dieses Weihnachten? Warum feiern die Menschen dieses Fest?«, kam sofort die Frage.
»Auch darüber muss ich wieder eine Weile nachdenken.«
Wieder warteten die kleinen Fische geduldig. Sie wussten, dass der weise Wal erst nach dem richtigen Wissen in seinem Kopf suchen musste. Also trieben sie gemeinsamen mit der Strömung.
»Weihnachten ist für die Menschen ein ganz besonderes Fest. Sie feiern ein Ereignis, dass schon sehr lange zurück liegt, für sie aber noch immer sehr wichtig ist.«
»Kannst du uns davon erzählen?«
Der weise Wal lächelte und begann zu erzählen.

Es begab sich aber zu der Zeit, als Kaiserfisch Augustus Herrscher aller bekannten Meere war. Da erließ er ein Gesetz, dass jeder Bewohner der Meere in seine Heimat zurückkehren sollte, um sich zählen zulassen. so wollte der große Kaiserfisch feststellen, wie viele Bewohner zu seinem Reich gehörten.
Zur gleichen Zeit bekam der Herrscher des östlichen Mittelmeeres, Königsfisch Herodes unerwarteten Besuch von drei weisen Walen, die ihn nach dem rechten Weg fragen wollten.
»Wohin führt euch euer Weg, wenn nicht in den prunkvollen Königspalast?«, wollte Herodes wissen.
»Wir sind auf der Suche.«, erklärte einer der drei Weisen. »Wir beobachteten einen ungewöhnlichen, leuchtenden Seestern. er kündigte uns einen neuen König an, der in diesen Tagen geboren wurde. Er wird eines Tages über dieses Reich herrschen. Nach ihm suchen wir.«
Der Königsfisch war erstaunt und erbost zugleich. Ein neuer König? Ein König, der über sein Reich herrschen sollte? Nein! Das konnte Herodes nicht zulassen.
Trotz seiner Wut behandelte er die weisen Wale freundlich. Er nahm sie mit sich vor seinen Palast und zeigte ihnen den Weg. Dieser war aber falsch, denn er sollte die Weisen direkt in eine tote Einöde führen, aus der es kein Zurück gab.
Kurz darauf rief Herodes seine Soldatenfische zu sich. er gab ihnen den Auftrag, nach dem neuen König zu suchen und zu töten.
Die weisen Wale hingegen hatten den freundlichen Worten des Königsfischs sofort misstraut. Sie hatten sich nicht in die Einöde schicken lassen. Stattdessen folgten sie weiter dem leuchtenden Seestern. Nicht lange danach trafen sie in einer kleinen Stadt ein, die völlig überfüllt war.
Zu dieser Zeit waren viele Meeresbewohner gekommen, um sich zählen zu lassen. Zwei kleine, einfache Fische gehörten ebenfalls dazu, eine Frau und ein Mann. Für die beiden war der weite Weg hierher besonders mühsam gewesen, denn sie hatten auf ihren Nachwuchs gewartet, der nun endlich geboren worden war. Nur zu gern hätten sie eine gemütliche Unterkunft gefunden, um in ihr die Nächte zu verbringen. Aber jedes einzelne Koralle war bereits vergeben. Aus diesem Grund waren sie in einem einfachen, alten Schneckenhaus untergebracht, das hier und da schon erste Risse und Löcher hatte Zwischen Kuh- und Ziegenfischen lagerten sie.
Eng war es hier. Die Tiere standen dicht an dicht. Für das winzige, neu geborene Fischlein blieb nur ein kleiner Platz: ein einfacher Futtertrog.
Und genau zu diesem Ort geleitete der leuchtende Seestern die drei weisen Wale. Andächtig und ergriffen schwammen sie um das Schneckenhaus herum. Durch die einzelnen Löcher warfen sie immer wieder einen Blick ins Innere.
»Wir sind gekommen, um den neu geborenen König zu huldigen. Wir sind gekommen, um den neuen König des östlichen Mittelmeeres und aller Ozeane der Welt und Ehre zu erbieten.«, sagten sie mit sanfter Stimme.
Die beiden Fische kamen hervor und sahen die Wale an.
»Ihr müsst euch getäuscht haben, ihr weisesten Bewohner der Meere. Hier in diesem alten Schneckenhaus gibt es nur ein paar Tiere und uns einfache Fische. Einen König werdet ihr hier vergebens suchen.«
Da begannen die Wale zu erzählen. Sie berichteten vom leuchtenden Seestern, der ihnen den Weg gewiesen hatte. Sie berichteten von ihren Seesterndeutungen, die ihnen die Geburt eines neuen und großen Königs angekündigt hatten. Einem König, der über alles, was im Meer lebte, herrschen würde und das er von ganz gewöhnlicher Herkunft wäre.
Die beiden Fische waren überrascht. Aber sie glaubten den Walen. Sie brachten das Neugeborene vor die Tür. Die Wale verbeugten sich vor dem kleinen Fischlein und überreichten ihm wertvolle Geschenke: goldene Muschelschalen, edlen Seetang und teure Seegrasblätter.
In diesem Moment kamen immer mehr Meeresbewohner der nahen Korallen heran. Sie alle hatten davon gehört, dass ein König unter ihnen weilte. Sie alle wollten ihn sehen und sich vor ihm verbeugen.
Die Mutter des kleinen Fisches behielt alles, was sie an diesem Abend sah und hörte, in ihrem Herzen und würde es nie vergessen.

»So ist das damals gewesen.«, beendete der weise Wal seine Erzählung. »So oder so ähnlich. Die Menschen erzählen sich diese Geschichte vielleicht ein wenig anders.«
»Und deswegen feiern die Menschen dieses großartige Fest?«, fragten die kleinen Fische.
»Ja.«, antwortete der Wal. »Jedes Jahr um diese Zeit feiern sie den neu geborenen König. Den König, der über uns alle wacht und uns beschützt. Egal wer wir sind. Ob Mensch, ob Fisch, ob Seestern oder kleine Muschel. Ob wir schwarz sind oder weiß, rot oder blau, grün gestreift oder blau gepunktet. Ob wir aus dem Meer stammen oder dem fernen Ozean, ob wir aus einem großen Strom kommen, einem Bach oder einem kleinen Tümpel. Dieser König liebt uns alle, egal wer wir sind, woher wir stammen oder wie wir aussehen.«
Die kleinen Fische sahen sich an und grinsten.
»Dann werden wir ab jetzt auch ein großes Weihnachtsfest feiern und uns über die Geburt des großen Königs aller Lebewesen freuen.«
Sie schwammen auseinander und sammelten alle Seesterne die sie finden konnten. Damit schmückten sie einen großen Seetangbusch und begannen Weihnachtslieder zu singen, die sie bei den Menschen gehört hatten.

(c) 2016, Marco Wittler

403. Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Papa saß zusammen mit seiner kleinen Tochter Lena am Strand. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Sonne am Abend immer tiefer sank.
»Weißt du eigentlich, woraus die Sonne gemacht ist?«, fragte Papa.
Lena nickte.
»Die Sonne ist ein riesiges Feuer. Das haben wir in der Schule gelernt.«
»Und wohin verschwindet die Sonne, wenn sie am Abend unter gegangen ist?«
Lena wollte bereits antworten, überlegte es sich dann aber doch noch einmal anders. Schließlich zuckte sie mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Geht sie vielleicht zum Schlafen ins Bett?«, lachte sie.
Papa schüttelte den Kopf.
»Die Sonne versinkt im Meer. Das passiert hier direkt vor unserer Nase.«
Lena bekam große Augen.
»Sie versinkt im Meer? Das glaub ich nicht. Das viele Wasser löscht ja dann das Feuer.«
»Aber genau so ist es. Wenn die Sonne das Meer berührt, das Feuer langsam gelöscht wird und dabei etwas Wasser verdampft, kann man es ganz leise zischen hören.«
So einen Blödsinn wollte Lena dann aber doch nicht glauben.
»Das hast du dir doch bestimmt nur ausgedacht.«
Sie stemmte die Hände in ihre Seiten und sah Papa ganz misstrauisch an.
»Oder?«
Papa drehte ihren Kopf zurück zum Meer.
»Dann pass mal ganz genau auf.«
Die Sonne hatte das Wasser fast erreicht. Es konnte sich nur noch um ein paar Sekunden handeln.
»Und nun hör genau hin.«
Lena strengte sich an. Am Liebsten hätte sie die Augen geschlossen, aber sie wollte auf keinen Fall etwas verpassen. Und plötzlich hörte sie es tatsächlich. Ein ganz leises Zischen hatte den Weg in ihr Ohr gefunden.
»Mensch, Papa, du hattest wirklich Recht. Das Wasser löscht die Sonne.«
In diesem Moment gesellte sich Lenas Bruder Paul zu den Beiden und war gleich etwas verwirrt.
»Mensch, Papa, warum zischst du denn die ganze Zeit in Lenas Ohr? Was wird das denn?«
Lena sah sofort zur Seite und erwischte Papa, wie er gerade mit seinem Kopf zurück wich.
»Hab ich dich doch erwischt.«, grinste sie von einem Ohr zum anderen.
»Du hast mir also doch nur Blödsinn erzählt.«
»Aber nur, weil der Wind heute so laut ist und man das Zischen deswegen nicht hören kann.«, entschuldigte er sich lachend.

(c) 2012, Marco Wittler

305. Brieffreunde

Brieffreunde

Anna saß am Ufer des Meeres und spielte mit ihrer Sandburg. Mit einer kleinen Schaufel baute sie einen Schutzwall, der die nahende Flut aufhalten sollte. Doch schon jetzt schwappten immer wieder einzelne Wellen in ihr Bauwerk hinein.
»Dann bau halt nicht so nah am Wasser.«, schlug Mama vor.
Doch Anna wollte sich nicht belehren lassen.
Das ist mir egal. Gerade das Kämpfen mit dem Meer macht doch richtig Spaß.«
Und schon wieder rollte das Wasser heran. Dieses Mal war die Welle etwas kräftiger und ergoss sich über die ganze Sandburg.
»Oh je.«, seufzte Anna und besah sich die Katastrophe.
»Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen.«, jubelte sie.
Während sie das Wasser aus ihrer Burg schaufelte, sah sie ein seltsames Glitzern.
»Nanu, was ist denn das?«
Das Meer schien etwas an den Strand gespült zu haben.
Anna griff zu und zog eine Glasflasche aus dem Matsch.
»Wer wirft denn einfach seinen Müll ins Meer? Das macht man doch nicht.«
Sie wollte schon aufstehen und die Flasche zum Mülleimer bringen, als sie ein gerolltes Blatt Papier im Innern entdeckte. Es schien noch unversehrt zu sein.
»Schau mal Mama. Was ist denn das?«
Mama kam heran und besah sich das Fundstück.
»Das ist eine Flaschenpost, Spätzchen. Da drin steckt ein Brief. Willst du ihn lesen?«
Anna wurde sofort neugierig. Also nickte sie begeistert mit dem Kopf.
Mama zog den Korken aus der Flasche, schüttelte den Brief heraus und gab ihn ihrer Tochter.
Anna las sofort laut vor, was darauf stand:

Hallo unbekannter Leser.

Mein Name ist Luisa, ich bin acht Jahre alt und lebe in einem kleinen Dorf in Süddeutschland.
Heute ist mein erster Urlaubstag am Meer. Ich habe noch nie so viel Wasser auf einem Haufen gesehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt so viel davon auf der Welt gibt. Das ist einfach unglaublich.
Damit ich immer eine Erinnerung an meinen Urlaub habe, hat mir meine Mama vorgeschlagen, meine Erlebnisse in Briefen aufzuschreiben und diese dann mit einer Flaschenpost ins Meer zu werfen.
Ich hoffe natürlich, dass sie irgendwann gefunden wird und mir dann jemand antwortet. Also schreib mir einfach deine Erlebnisse und dann ab die Post.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

Dann stand da noch eine Postanschrift.
»Darf ich der Luisa antworten?«, fragte Anna?
Mama nickte.
»Prima. Dann lass uns sofort ins Hotel gehen. Ich will Briefe schreiben.«
Mama seufzte. Sie hatte sich so sehr auf eine schöne braune Haut gefreut.

Zurück im Hotel holte Anna sofort etwas zu Schreiben aus ihrem Köfferchen und setzte ihren Füller an.
In einem langen  Brief berichtete sie Luisa von ihren Ferien, von der langen Fahrt zum Urlaubsort, von ihren verzweifelten Kämpfen gegen die Wellen und natürlich auch vom Fund der Flaschenpost.
Zum Schluss schrieb sie noch ihren Namen und ihre Adresse darunter und packte den Brief in einen Umschlag.
»Fertig.«
Mama nahm den Brief und brachte ihn gleich zur Hotelrezeption. Dort gab sie ihn ab.
Als sie wieder im Zimmer war, hielt ihr Anna noch etwas unter die Nase.
»Schau. Das ist jetzt meine Flaschenpost. Ich habe sogar einen Brief rein gesteckt. Vielleicht finden den ja bald ein anderes Kind.

Zwei Wochen später waren Mama und Anna wieder zu Hause angekommen. Sie machten sich sofort über den Briefkasten her. Darin steckten unzählige Postkarten von Mamas Freunden. Und ganz hinten lag noch ein Brief von Luisa.

Hallo liebe Anna.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich über deine Antwort gefreut habe. Ich habe schon lange nicht mehr an meine Flaschenpost gedacht. Da nie ein Brief zu mir kam, hatte ich schon befürchtet, dass die Flasche im Meer untergegangen sei.
Du darfst dich auch nicht wundern, dass ich mittlerweile schon achtzig Jahre alt bin.
Aber gerade deswegen freut es mich umso mehr, an meinem Lebensabend noch einmal an meinen ersten Urlaub am Meer erinnert worden zu sein.

Liebe Grüße,
deine Luisa.

In den nächsten Jahren schrieben sich die beiden noch viele unzählige Briefe, berichteten sich von Urlaubsfahrten und mehr.
Eines Tages, Anna war schon erwachsen geworden, klingelte es an ihrer Haustür. Nach unzähligen Jahren brachte ihr der Postbote einen Brief.
»Was ist denn das?«, fragte sich Anna, denn der Absender war ihr nicht bekannt.
Also öffnete sie den Brief und las die gekritzelten Worte eines kleines Mädchens. Sofort musste Anna freudig lächeln.

Hallo Anna.

Mein Name ist Emily und ich habe gerade deine Flaschenpost im Meer gefunden …

(c) 2010, Marco Wittler

300. Rüpelsterne oder „Papa, wie kommen Sterne in die See?“ (Papa erklärt die Welt 32)

Rüpelsterne
oder ›Papa, wie kommen Sterne in die See?‹

Sofie saß auf ihrem Platz und starrte in das unendliche Sternenmeer. In dieser Nacht war der Himmel klar und unzählige kleine, weiße Punkte waren in allen Richtungen zu sehen.
»Ich bin ja schon so aufgeregt.«, sagte Sofie und wippte die ganze Zeit unruhig hin und her.
Papa hatte diesen Satz jetzt schon mindestens zehn Mal in der letzten halben Stunde gehört. Aber er grinste nur stumm vor sich hin.
Doch seine kleine Tochter hielt es kaum noch aus.
»Dauert das immer so lange, bis die Sonne aufgeht?«
Papa nickte.
»Die Sonne ist sehr groß und schwer. Deswegen kann sie nicht an den Himmel hüpfen.«, erklärte er.
In diesem Moment fuhr ein seltsames Glitzern vom Horizont aus über das Wasser.
»Ui, was ist denn das?«, staunte Sofie.
»Warum leuchtet denn das Meer plötzlich überall?«
Papa kniff die Augen zusammen und sah angestrengt auf das Wasser.
»Das müssen die Seesterne sein.«
Sofie hielt inne. Sie war verwirrt. Hatte sie doch bisher immer gedacht, dass Sterne nur am Himmel hängen würden. Papa fiel sofort auf, was er nun angerichtet hatte. Also bereitete er sich schnell vor.
»Papa, wie kommen denn die Sterne in die See?«
Sofies Neugierde war geweckt.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Seesternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Gruppe wilder Sterne, die wie ein Haufen Rüpel durch den Himmel zogen und mit jedem Artgenossen und sogar hin und wieder mit dem Mond Streit anfingen.
»Dein Licht leuchtet aber nicht so hell wie meins.«, war noch einer der harmlosesten Sprüche.
»Du könntest dir auch mal wieder das Gesicht waschen.«, musste sich der Mond anhören.
»Ich hab doch gar keine Flecken im Gesicht. Das sind Krater.«
Über viele Jahrhunderte ging das jede Nacht so. Niemand unternahm etwas dagegen.
Irgendwann hatte aber dann doch jemand die Nase voll.
Ein großer, dicker Wal versuchte im tiefen Ozean zu schlafen. Er wälzte sich auf dem sandigen Boden hin und her. Aber er bekam kein Auge zu. Der Lärm im Himmel war einfach viel zu laut.
»Ruhe da oben. Haltet endlich mal den Mund.«, brüllte er den Sternen entgegen.
»Ich will endlich schlafen.«
Aber der Lärm blieb und an Schlaf war einfach nicht zu denken.
»Wartet ab. Euch werde ich schon helfen.«, knurrte der Wal den Rüpeln entgegen.
Er hob seine riesige Schwanzflosse so hoch er konnte und ließ sie kraftvoll auf das Wasser klatschen. Im hohen Bogen spritzte das Wasser zum Himmel hinauf und fegte die fiesen Sterne vom Himmel.
Sie waren so überrascht, dass sie sich nicht mehr rechtzeitig irgendwo festhalten konnten. Und so fielen sie in den großen Ozean.
Der Wal sah sich um und war zufrieden.
»Jetzt müsst ihr bei mir hier unten bleiben. Und wagt es euch nicht, mich zu ärgern.«
Seit dieser Zeit strahlen ein paar Sterne aus dem Wasser heraus und heißen Seesterne.

Sofie bekam große Augen.
»Das sind ja fiese Sterne. Die hätte ich auch vom Himmel gefegt.«
Papa grinste zufrieden. Hatte er sich nun endlich mal eine Geschichte ausgedacht, die ihm seine Tochter abnahm?
In diesem Moment begann Sofie zu lachen.
»Die Geschichte war schön. Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Nur einen Augenblick später ging die Sonne auf und ließ ihre Strahlen über das Meer .
»Ui, ist das schön.«

(c) 2010, Marco Wittler

223. Das Meer im Sauerland (Onkel Pauls verrückte Briefe aus Deilinghofen 3)

Das Meer im Sauerland

Lieber Niklas.

Letztes Wochende hat mich ein alter Freund, sein Name ist Erik, das erste Mal im schönen Deilinghofen besucht. Er war nur leider nicht so von unserem Dorf begeistert.
»Wie kann man hier nur leben?«, fragte er mich immer wieder.
Während einer Fahrradtour kam er nur langsam schnaufend hinter mir her. Jeder Tritt in die Pedalen schien ihm eine große Qual zu sein.
»So viele Berge und Hügel auf einem Haufen gibt es doch gar nicht.«, fluchte er ständig.
»Bei uns daheim an der Nordsee gibt es nur ein paar Deiche. Der Rest des Landes ist schön flach. Dort fährt es sich viel gemütlicher. Aber von so etwas habt ihr hier nicht die geringste Ahnung.«
Das war nicht das Einzige, was Erik am Sauerland störte. Er meckerte von morgens bis abends.
Vor unserem Spaziergang zum Felsenmeer war er richtig aufgeregt. Nur zu gern hätte er ein Schlauchboot eingepackt. Allerdings riet ich ihm sofort davon ab.
»Ach ja, bei den vielen Felsen und Riffen im Wasser ist das Paddeln bestimmt zu gefährtlich.«, lautete seine Vermutung.
Ich schmunzelte und überraschte ihn schließlich vor Ort.
»Was? Willst du mich auf den Arm nehmen? Das soll ein Meer sein? Wo ist denn das Wasser? Hier gibt es ja nur Steine und Bäume.«
Ich antwortete ihm, dass es ein Meer aus Felsen sei und hier noch nie ein Schiff vor Anker gegangen war.
Erik setzte sich enttäuscht zurück ins Auto und zog seine Badelatschen aus.
Doch der schlimmste Moment während seines Besuchs war dann während des Abendessens. Wir saßen auf der Terasse und grillten etwas Leckeres. Erik schien sich allerdings nicht zu amüsieren. Ständig wischte er sich mit einem Taschentuch über die Stirn.
»Wäre ich doch bloß schon wieder zu Hause. An der Nordsee ist es nicht so heiß. An der Küste weht ständig ein frischer Wind. Aber das kennt ihr Sauerländer ja nicht.«
In diesem Moment wäre mir beinahe der Kragen geplatzt. Ich konnte mir diese ständige Meckerei einfach nicht mehr mit anhören. Ich wünschte mir sogar heimlich, dass Erik nie zu Besuch gekommen wäre.
Doch dann legte mir meine Frau eine Hand auf meinen Arm und gab mir zu verstehen, dass ich mich beruhigen sollte.
An diesem Abend gingen wir alle sehr früh zu Bett. Schlaf fand ich allerdings keinen. Zu sehr brodelte die Wut in mir, bis ich plötzlich eine Idee hatte und sich ein breites Grinsen in mein Gesicht schlich.
Am nächsten Morgen holte ich Erik schon früh aus dem Bett.
»Los, beeil dich. Wir wollen doch nicht den schönen Tag versäumen.«, frohlockte ich.
»Was soll denn an einem Tag im Sauerland schön sein?«, grummelte er zurück.
Doch dieses Mal ließ ich mich auf keine Diskussion ein. Ich freute mich auf die kommenden Stunden und wollte mir meine Laune nicht verderben lassen.
»Ich werde dir heute etwas beweisen.«, schlug ich vor.
»Alles, was du von deiner geliebten Nordsee vermisst, gibt es auch bei uns im Sauerland.«
Erik lachte laut und hielt sich seinen Bauch.
»Das glaubst du doch selbst nicht. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. Vielleicht wird das heute ein richtig amüsanter Tag, wenn du dir eingestehen musst, dass du mich an der Nase herum führen wolltest.«
Er lachte wieder. Trotzdem war ich mir sehr sicher, dass ich bald auch würde lachen können.
Am Nachmittag setzte ich Erik in mein Auto. Wir fuhren eine Weile durch die Gegend und hielten schließlich vor einem großen Getreidefeld auf einem Hügel.
»Willkommen im Sauerländer Meer.«
Ich strahlte über das ganze Gesicht. Erik wunderte sich nur und runzelte die Stirn.
»Sauerländer Meer? Das ist doch Weizen und kein Wasser.«
Ich zwinkerte nur mit dem Auge und zog ihn hinter mir her.
Wir liefen durch das Feld, vorbei an unzähligen Halmen, bis wir in der Mitte angekommen waren. Dort stand ein kleines Holzboot.
»Steig ein, unsere Fahrt geht gleich los.«
Erik wunderte sich immer mehr, tat aber, worum ich ihn gebeten hatte. Er setzte sich auf eine kleine Bank, während ich den Masten aufstellte und das Segel spannte.
»Ich bin gespannt, wie wir vom Fleck kommen wollen.«, hörte ich von hinten.
»Warte es nur ab. Es ist gleich so weit.«
Erik schnaubte verächtlich. Doch dann regte sich ein leiser Wind. Mit jeder Minute wurde er immer stärker.
»Los, schau dich um.«, rief ich.
»Siehst du, wie die Wellen um uns herum wogen?«
Erik drehte sich im Kreis und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Weizenhalme bewegten sich im Wind. Es sah tatsächlich aus, wie auf dem Meer.
»Ich glaub es nicht. Ein Meer aus grünen Wellen. Das ist ja verrückt. Und eine herrliche Brise weht mir um die Nase. Aber es ist viel zu trocken.«
Als hätten die Wolken über uns nur darauf gewartet. In diesem Moment begann es zu tropfen. Der Wind peitschte uns den Regen ums Gesicht.
»Das ist wie beim Segeln. Ich fasse es einfach nicht. Jetzt fühle ich mich wirklich wie zu Hause. Du hast tatsächlich nicht gelogen. Im Sauerland ist wirklich wie am Meer.«
Erik stand auf und atmete tief durch. Er schloss die Augen und genoss diesen einzigartigen Moment. Bis ihm etwas einfiel.
»Du hast dir wirklich viel Mühe gegeben, mich vom wunderschönen Sauerland zu überzeugen. Aber eines fehlt mir hier immer noch. Einen Fisch werde ich in diesem Feld bestimmt nicht angeln können.«
Doch nur eine Sekunde später bekam Erik riesige Augen. Zwischen den Halmen sprang ein großer Fisch empor und flog ihm direkt in die Arme. Da musste ich selbst staunen, denn das war kein Teil meines Plans gewesen.
»Wie hast du das denn gemacht?«, fragte Erik.
Ich konnte nur mit den Schultern zucken. Ich sprang aus dem Boot und ging vorsichtig in die Richtung, aus der der Fisch gekommen war. Fast wäre ich dabei über meine Frau gestolpert, die kichernd auf dem Boden lag.
»Das hätte ich mir ja denken können. Ich habe ja schon verrückte Ideen, aber du legst immer noch einen oben drauf.«
Ich nahm sie mit zurück ins Boot. Dort saßen wir noch eine ganze Weile. Kurz bevor wir dann nach Hause fuhren flüsterte mir Erik etwas zu.
»Eigentlich gefällt es mir richtig gut in eurem Sauerland.«

Bis zum nächsten Brief.

Dein Onkel Paul

(c) 2009, Marco Wittler

059. Ein Tag am Meer

Ein Tag am Meer

Nico und Marie waren völlig aus dem Häuschen. Sie hatten gerade erfahren, dass sie das ganze Wochenende über bei Oma verbringen durften.
»Das ist super toll, Mama.«, sagte Marie.
»Dann kann ich endlich wieder ihre leckeren Kekse essen.«
Auch Nico freute sich auf etwas ganz Besonderes.
»Dann kann ich ja wieder stundenlang am Strand spielen.«

Oma wohnte am Meer, an der Nordsee, um genau zu sein. Sie lebte in einem kleinen Häuschen direkt hinter dem Deich, der das Land bei Sturm vor dem Wasser schützte.
Sie wartete schon vor der Tür, als Mama mit den beiden Kindern ankam.
»Hallo Kinder. Ich habe euch schon erwartet. Dann kommt mal schnell rein. Es gibt leckeren Kuchen, einen Kaffee für Mama und Oma und Kakao für euch zwei.«
Nico und Marie jubelten und flitzten sofort in das Esszimmer.
Auf den Tisch stand eine große Sahnetorte.
»Die sieht ja lecker aus.«
Nico sah sich schnell um, bemerkte, dass niemand ihn beobachtete. Er strich vorsichtig mit dem Finger am unteren Rand der Torte entlang und stopfte sich die Sahne in den Mund.
Einen Moment später kam Oma herein.
»Du hast nicht zufällig an der Torte genascht?«
Nico schüttelte den Kopf.
»Aber nein, Oma. Das würde ich doch niemals tun.«
Oma kramte ein Tuch aus ihrer Tasche hervor.
»Dann ist es ja gut. Aber wisch dir die restliche Sahne vom Mund, sonst wird deine Mama noch denken, dass du doch genascht hast.«
Sie zwinkerte kurz und verließ wieder den Raum, um Kaffee und Kakao zu holen.

Nach dem Kaffee fuhr Mama wieder nach Hause.
»Ich hole euch zwei dann Morgen Abend wieder ab. Benehmt euch, streitet euch nicht und ärgert Oma nicht.«
Zum Abschied winkte sie noch einmal und fuhr dann los.

»So, Kinder. Was wollen wir jetzt machen?«
Oma sah ihre beiden Enkel an. Noch bevor die beiden etwas sagen konnten, wusste sie bereits, was nun kommen würde.
»Wir wollen zum Strand.«
»Das hab ich mir doch gleich gedacht. Dann zieht mal eure Jacken an. Am Wasser weht ein kräftiger Wind. Ihr sollt euch ja nicht erkälten.«
Gerade einmal fünf Minuten später waren sie auch schon auf der anderen Deichseite.
»Aber Oma, wo ist denn das ganze Wasser geblieben? Ist das Meer jetzt woanders?«
Nico wunderte sich. Er konnte sich noch ganz genau daran erinnern, dass er beim letzten Besuch im Wasser gespielt hatte. Nun sah er aber nichts anderes als grauen Schlamm.
Marie musste lachen.
»Du bist vielleicht dumm. Das Meer verschwindet doch nicht einfach. Oma hat uns das doch schon beim letzten Mal erzählt. Das nennt man Ebbe und Flut. Bei Flut steigt das Wasser und es kommt bis zum Strand. Bei Ebbe sinkt es und verschwindet für einige Zeit hinter dem Horizont, weil es dann an einer anderen Küste steigt. Das ist doch ganz einfach.«
Nico kratzte sich am Kopf.
»Ach so. Das hab ich doch auch gewusst. Ich wollte nur mal schauen, ob du es nicht vergessen hast.«
Schnell sah er sich um und suchte etwas, womit er das Thema wechseln konnte.
»Seht mal, da vorne an der Mauer ist ein Mann. Was macht der da?«
Oma holte ihre Brille heraus und sah in die Richtung, die Nicos Finger anzeigte.
»Sieh mal einer an. Die Mauer ist eine Schiffsanlegestelle. Wenn die Flut kommt, ist sie fast komplett unter Wasser. Und der Mann ist mein Nachbar Hein. Er sucht am Wochenende immer nach Krabben, um sie zu kochen.«
»Was sind denn Krabben, Oma?«
Marie war nun neugierig geworden und wollte mehr wissen.
»Dürfen wir ihm mal zuschauen?«
Oma nahm die Kinder an der Hand und ging mit ihnen zu Hein.
»Hallo Hein. Schau mal, das sind meine beiden Enkelkinder Nico und Marie. Sie wollten dir beim Sammeln zuschauen und etwas über Krabben erfahren.«
Der Mann kam an den Strand. In seiner Hand hielt er einen Eimer, den er den Kindern vor die Füße stellte.
»Dann schaut mal da rein. Da sind ganz viele Krabben drin. Und auch ein paar Muscheln. Die koche ich mir heute zum Abendessen. Die sind richtig lecker.«
Die Kinder sahen in den Eimer. Darin tummelten sich einige Krebse.
»Die haben aber komische Beine. Die gehen ja immer auf und zu.«
Hein musste lachen.
»Das sind keine Beine. Das sind Scheren. Damit können sie ganz schön feste kneifen. Da muss man aufpassen, dass man sie so anfasst, dass sie die Finger nicht erwischen. Wollt ihr mal einen in die Hand nehmen?«
Die Kinder schüttelten mit den Köpfen. Sie wollten keine Krebse an den Fingern hängen haben.
»Lasst euch mal nicht so einen Blödsinn vom alten Hein erzählen, Kinder. So gefährlich sind die Krabben gar nicht. Eure Oma zeigt euch das mal.«
Sie nahm ein Tier aus dem Eimer und legte es sich auf die Hand.
Nico und Marie kamen näher und besahen sich den Krebs ganz genau von allen Seiten und tippten vorsichtig auf seine Schale.
»Der fühlt sich komisch an. Der hat gar keine weiche Haut, wie wir.«
Oma legte das Tier zurück in den Eimer.
»Im Meer ist es gefährlich. Daher müssen die Krebse gut geschützt sein.«
Marie sah Hein an.
»Und du willst sie wirklich essen? Hast du denn dann kein schlechtes Gewissen? Die isst ja auch niemand auf, oder?«
Oma musste sich ein Grinsen verkneifen.
»Schau mal einer an. Da hat Marie ja nicht ganz unrecht. Bis auf den Hund, der dich letzte Woche durch das Dorf gejagt hat, wollte dich wirklich noch niemand verspeisen.«
Hein überlegte. Aber es fiel ihm nichts ein, was er nun zu seiner Verteidigung vorbringen konnte.
»Was soll ich dazu noch sagen? Da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Tierchen wieder auszusetzen. Dann muss ich heute Abend wohl einen Salat essen.«
Er ging zurück zum Schiffsanleger und winkte die Kinder zu sich.
»Dann müsst ihr mir aber auch helfen, sie wieder auszusetzen.«
Nico und Marie stürmten ihm hinterher und griffen sofort in den Eimer. Jeder Krebs wurde einzeln vor die große Mauer gesetzt, damit sie sich wieder neue Verstecke suchen konnten.

Am Abend rief Mama an und fragte, ob alles in Ordnung sei. Marie antwortete ihr.
»Aber klar doch. Wir haben heute ganz vielen Tieren das Leben gerettet. Und Omas Nachbar Hein isst jetzt nur noch Gemüse. Toll, oder?«

(c) 2007, Marco Wittler

015. Kleine Maus auf großer Reise

Kleine Maus auf großer Reise

Es knarrte und knackte. Das Wasser plätscherte gemächlich vor sich hin. Die Sonne stand senkrecht am Himmel und wärmte die Erde mit ihren Strahlen. Es war ein schöner Herbsttag und Frederick, die kleine Maus hatte sich von der Scheune des Bauernhofes aufgemacht, um sich ein wenig am Hafen umzusehen. Dort gab es eine schöne Aussicht. Viele Schiffe, große und kleine, waren am Kai vertäut und schaukelten sanft auf den seichten Wellen dahin. Die Seeleute standen überall auf den Decks, sangen ihre Lieder und legten die Segel ordentlich zusammen.
„Auf so einem Schiff möchte ich auch gern mitfahren. Das muss bestimmt richtig schön sein auf dem großen Meer.“
Der Mäuserich biss genüsslich von einem Stück Käse ab, lehnte sich zurück und träumte von der Ferne.
Nach einer Weile hörte er Schritte hinter sich. Er öffnete schnell die Augen, um sehen zu können, wer sich da heran schlich und entdeckte eine große braune Ratte.
„Na, Kleiner!“, sagte die Ratte. „Du träumst wohl davon eine Seemaus zu werden, was? Aber wenn du nur hier am Hafen herum sitzt wird da nie was draus. Ich sag dir, geh mal an Bord eines Schiffes und fahr mit.“ Dann verschwand sie wieder zwischen ein paar Holzkisten, die überall herum standen.
Das wäre schon eine wirklich gute Idee, dachte sich Frederick. Einfach an Bord schleichen und mitfahren. So wird man zu einer echten Seemaus. Das wäre einmal etwas ganz anderes als jeden Tag in der Scheune nach Futtern zu suchen und vor der Katze fort zu laufen.
Am nächsten Tag stand die kleine Maus wieder am Kai und überlegte, welches Schiff wohl das Beste für die erste Fahrt wäre. Über der kleinen Schulter lag ein Stock an dessen Ende ein kleiner Beutel gebunden war. Darin war ein wenig Verpflegung für die Reise.
Am anderen Ende des Hafens war ein kleines Holzschiffchen angebunden. Hier und da hatte es ein paar Macken, und neue Farbe hätte es auch gebrauchen können. Es war bestimmt nicht das schönste hier, das genaue Gegenteil war eher der Fall. Aber es sah richtig nach Seefahrt und Abenteuer aus. Genau das Richtige für eine kleine tapfere Seemaus.
Frederick überlegte nicht lange und schlich sich über eines der Taue an Deck. Oben angekommen stellte er sich an die Reling, legte sein Hab und Gut beiseite und schaute aufs weite Meer hinaus bis zum Horizont, wo das Meer den Himmel berührte. Er atmete die neue Luft ganz tief ein, denn jetzt war er eine waschechte Seemaus.
Doch wie sollte es jetzt weiter gehen?
Er schulterte wieder sein kleines Bündel und begann sein neues Zuhause zu erkunden, denn irgendwo musste er doch einen Unterschlupf für die Nacht finden. Ein kleines Loch in einer Wand würde ihm schon reichen. Und tatsächlich wurde er in der Nähe des Steuerrades fündig. Dort gab es eine kleine Öffnung, die vor längerer Zeit eine andere Maus geschaffen hatte. Dahinter gab es ein gemütliches Plätzchen zu Schlafen und zum Glück unbewohnt.
Der Mäuserich öffnete seinen kleinen Beutel und legte den Inhalt sorgfältig in die Ecke. Wie man nun sehen konnte, war dieser nicht nur ein Beutel, sondern sogar eine Schlafdecke. Die restlichen Dinge waren ein kleines Buch in das Frederick seine erlebten Abenteuer eintragen konnte, ein Stift und ein Rest von seinem Käse.
An diesem Tag ging er früh schlafen, denn am nächsten Morgen sollte es auf die Reise gehen.

 Der nächste Morgen kam schneller als erwartet. Es war noch nicht einmal hell, da drang schon ein Gewirr aus lauten Stimmen in das kleine Mauseloch und Frederick wurde wach.
Verschlafen kroch er unter seiner Decke hervor und schaute nach draußen. Überall wurde schon eifrig gearbeitet. Die Matrosen entfernten die Hüllen in denen die Segel über Nacht verstaut waren und bereiteten das Schiff für die Fahrt vor. Die kleine Maus gähnte ganz laut und krabbelte wieder unter die Decke zurück. So stellte sich doch niemand eine richtige Schiffsreise vor.
Aber der Lärm war zu laut. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Also raus aus den Federn. Auch Seemäuse müssen früh aufstehen.
Inzwischen war das Schiff fertig. Der Kapitän stand neben dem Steuermann und gab unverständliche Kommandos von sich. Aber jeder schien zu wissen was getan werden musste.
Die Leinen wurden gelöst und ein Seemann, kräftig wie ein Bär, stieß das Schiff mit einer langen Stange vom Ufer weg. Jetzt war es soweit. Sie waren nun endlich auf See.
Das kleine Schiff verließ schnell den Hafen. Ein kühner Wind blies kräftig in die Segel und lies das Ufer schnell kleiner werden, bis es ganz und gar verschwunden war.
Nun war auch Frederick voller Tatendrang. Er nahm sich ein großes Taschentuch und band es sich um den Kopf. Nun sah er fast aus wie ein Pirat. Er zog sich einen kleinen Matrosenanzug an und ging an Deck. Doch was sollte er nun machen zwischen den vielen Seebären? Jedes der Taue war dicker als er selbst und nirgendwo konnte er etwas helfen. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Dafür setzte er sich nach ganz vorne auf die Reling und schaute auf das unendliche Meer.
Da hörte er plötzlich ein leises Kratzen hinter sich auf dem Holz. Fast unbemerkt hatte sich ein dicker großer Kater heran geschlichen und leckte sich nun über die Lippen. Eine Maus zum Frühstück kam ihr gerade recht.
Frederick erschrak. Er hatte es zwar schon einmal mit einer Katze aufgenommen, aber diesmal konnte er sich nirgendwo verstecken oder sich noch etwas ausdenken.

 Der Mäuserich schreckte hoch und sah sich um. Er war nicht mehr an Bord des Schiffes. Er saß am Hafen auf einer großen Holzkiste. Anstatt einem Kater als Vorspeise zu dienen hatte er das alles nur geträumt. Erleichtert atmete er auf.
„Hast du es dir doch anders überlegt? Ich dachte, du wolltest eine richtige Seemaus werden, Kleiner.“
Die dicke Ratte war wieder da.
„Nein, ganz gewiss nicht. Das ist mir viel zu gefährlich. Auf Schiffen sind mir viel zu gefährliche Tiere. Und früh aufstehen muss man auch. Das ist nichts für mich.“, antwortete Frederick.
Die Ratte zuckte nur kurz mit den Schultern und kletterte an einem Tau auf das nächste Schiff hinauf.
Der kleine Mäuserich aber lehnte sich gemütlich zurück, genoss den Sonnenuntergang und lies seinen Blick über das weite Meer schweifen. Alles war ruhig und das war auch gut so.
Aber irgendwann, das wusste Frederick genau, würde er doch einmal mit einem Schiff das Meer bereisen. Denn nun träumte er von einem ruhigen Leben in einem Leuchtturm am Meer. Dort war es sicher, es gab nicht so viel Arbeit, und man konnte bis zum Mittag ausschlafen.

(c) 2001, Marco Wittler

15 Kleine Maus auf großer Reise