617. Das Lebkuchenhaus

Das Lebkuchenhaus

Lisa sah an sich herab. Ihre Kochschürze war von oben bis unten mit Zuckerguss und bunten Zuckerperlen verziert. Ein klarer Fall für die Waschmaschine. Aber das war ihr egal. Sie war trotzdem auf ihr eigentliches Kunstwerk stolz: Ihr erstes Lebkuchenhaus, dass sie mit Mamas Hife gebaut und verziert hatte.
Jetzt musste es nur noch über Nacht trocknen und konnte dann ab Morgen, wenn endlich das Weihnachtsfest begonnen hatte, geplündert werden. Darauf freute sie sich schon ganz besonders.
Sie stellte das Lebkuchenhaus auf den Schrank und betrachtete es später noch einmal, bevor sie schlafen ging.

Am nächsten Morgen hüpfte Lisa putzmunter und voller Erwartungen aus ihrem Bett. Schnell zog sie sich an und machte sich im Bad fertig. Ob das Christkind schon die Geschenke gebracht hatte?
Lisa wollte gleich ins Wohnzimmer stürmen und nachschauen, aber Mama hielt sie davon ab.
„Erstmal wird gefrühstückt, junge Dame.“
Also setzte sich Lisa leicht schmollend an den Küchentisch und aß sich ein Brot mit ihrer Lieblingserdbeermarmelade.
In der Zwischenzeit bereitete Mama alles andere vor, was sie bis jetzt noch nicht geschafft hatte. Irgendwann kam auch sie in Küche und sah ziemlich grimmig aus.
„Sag mal, hast du heute Nacht das ganze Lebkuchenhaus aufgegessen? Es sind nur noch ein paar Krümel übrig.“
Lisa war überrascht. Warum sollte sie so etwas machen?
„Wie kannst du sowas nur machen? Willst du Bauchschmerzen bekommen? Zu viel Zucker ist ungesund.“
„Aber … ich war das doch gar nicht. Ich habe heute Nacht ganz artig in meinem Bett geschlafen. Ich war nicht mal zur Toilette.“
Dass überzeugte Mama aber nicht.
„Wer soll es denn sonst gegessen haben? Hier wohnt sonst niemand.“
Lisa war den Tränen nahe. Sie sprang auf und lief in ihr Zimmer. Mama folgte ihr. Gemeinsam sahen sie sich um, bis sie schließlich die wahren Übeltäter fanden.
Lisas Meerschweinfamilie hatte in der Nacht die Tür zum Käfig geöffnet. Danach hatten sich die Tiere auf das Lebkuchenhaus gestürzt und dieses komplett aufgefuttert. Die mehr als dicken Bäuche und die Zuckerperlen an ihren Mäulern waren Beweis genug.
„Tut mir leid, dass ich dich in Verdacht hatte.“, entschuldigte sich Mama bei Lisa. Dann wandte sie sich den Meerschweinchen zu.
„Und ihr kommt die nächsten Tage auf Diät. Nächste Woche kaufen wir dann einen ausbruchsicheren Käfig.“

(c) 2017, Marco Wittler