520. Panik

Panik

Pastor Meier lief es kalt den Rücken hinunter. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet er, ein Mann der Kirche, vor der Dunkelheit der Nacht Angst bekommen würde. Doch nun war es doch so weit gekommen.
Mit jeden Schritt, den er tat, mit jedem Atemzug, der seine Lungen mit Luft füllte, kroch die Panik tiefer in ihn hinein.
Ständig hörte er Schritte. Ständig drangen seltsame Geräusche an sein Ohr, die nicht von dieser Welt zu kommen schienen. Doch sobald er sich umsah wurde es wieder mucksmäuschenstill und nichts und niemand war meilenweit zu sehen.
»Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« murmelte er mit zittriger Stimme zu sich selbst. Dann fasste er sich durch den Stoff seiner Jacke an das große Kreuz, dass um seinen Hals baumelte und schickte ein schnelles Stoßgebet zum Himmel. Nur wenige Augenblicke später ging er noch einen Schritt schneller die Straße entlang.
Und dann sah er etwas. Irgendwo neben ihm. Im Augenwinkel. Irgendwer – irgendwas. Und doch – da war wieder nichts.
»Ich muss nach Hause. So schnell es geht.« Pastor Meier begann zu rennen. Erste dicke Schweißtropfen liefen ihm zu beiden Seiten des Gesichts herab und verschwanden hinter seinem Hemdskragen.
»Ich bin Pastor.« rief er verstört in die Nacht. »Ich bin ein Mann der Kirche. Ich stehe unter dem Schutz des Kreuzes. Jesus Christus ist mein Herr und wird mich beschützen. Nichts und niemand kann mir ein Leid zufügen. Keine Monster, keine Dämonen oder andere schaurige Kreaturen der Unterwelt können mir schaden.«
Er wusste nicht, ob ihm das jemand glauben würde. Er wusste auch nicht, ob es wirklich stimmte. Aber es war die einzige Möglichkeit, sich irgendwie Mut zu machen.
Nur noch eine Kreuzung und dann ein paar hundert Meter. Die musste er einfach schaffen.
Schon spürte der Pastor einen starken Schmerz in der Brust und verfluchte sich dafür, nie Sport zu treiben. Nun würde sich diese Sünde an seinem Körper vielleicht bitter rächen.
»Durchhalten! Ich muss nur noch ein paar Minuten durchhalten.« keuchte er.
Pastor Meier holte das Letzte aus seinen schmerzenden Beinen heraus. Er rannte um sein Leben. Er klammerte sich an den letzten Strohhalm, den er noch für sich sah. Er zog den Haustürschlüssel aus seiner Jackentasche. Mit einem gewagten Sprung, der aus den wenigen verbliebenen Kraftreserven geboren wurde, nahm er die fünf Stufen seines Hauses, steckte den Schlüssel ins Schloss stürmte einen Augenblick später in den rettenden Flur und ließ sich erschöpft zu Boden fallen. Fast hätte er noch vergessen, die Tür hinter sich wieder zu schließen. Mit einem müden Fußtritt erledigte er auch dies.
Und dann waren sie da. Pastor Meier konnte sie hören. Die Monster der Nacht hatten ihn eingeholt und standen nun auf der Treppe. Er konnte sie atmen und leise murmeln hören. Sie würden ihn nicht entkommen lassen. Sie würden warten.
»Was hab ich euch getan? Ich bin nur ein kleiner Dorfpastor. Sucht euch doch ein anderes Opfer.«
Doch die Monster lachten nur, bevor sie die magischen Worte sprachen, die jede Tür in dieser Nacht öffnen konnten.
»Süßes oder Saures!« riefen sie gleichzeitig aus unzähligen Kehlen.
Der Pastor seufzte und stand auf. »Ist ja schon gut. Ich komme schon.«
Er griff nach der mit Süßigkeiten gefüllten Schale, die auf einem Tischchen stand und öffnete. Er grinste die Kinder an, die schon sehnsüchtig warteten.
»Tolle Kostüme habt ihr dieses Jahr an.« lobte er.
Die Kinder bedankten sich jedes mit einem breiten Grinsen.
»Und denkt dran:«, sprach der Pastor weiter.
»Wissen wir!« antworteten die Kinder. »Heute ist auch Reformationstag. Der Tag an dem Martin Luther die Kirche verändert hat.«
Meier nickte zufrieden.
»Dann wünsch ich euch noch viel Spaß und ganz viel Süßes.«
Er schloss die Tür hinter sich und lächelte.

(c) 2015, Marco Wittler

Special: Alle Halloween Geschichten im Überblick

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Mit diesem Beitrag beteilige ich mich an einer „Halloween“ Blogparade, bei der jeden Tag ein anderer Blogger einen Beitrag zum Thema schreibt. Vielleicht habt ihr ja auch Lust, mal bei den anderen reinzuschnuppern.

Am Montag hat Natascha schon begonnen und ganz viele Bastelideen für eure Halloween Party entworfen.

Mo – 26.10. – Natascha – http://nataschas-kreativwelt.blogspot.de/
Di – 27.10. – Marco- http://366geschichten.de/
Mi – 28.10. – Jenny – http://jennybeautyandmore.blogspot.de/
Do – 29.10. – Michelle – http://everylittlethinggonnabebeautiful.blogspot.de/
Fr – 30.10. – Geri Amazon – http://geri-diaries.blogspot.de/
Sa – 31.10. – Michelle – http://www.beautifulfairy.de/

384. Peter erobert die Welt oder „Papa, warum heißt der Regenwurm eentlich Regenwurm?“ (Papa erklärt die Welt 36)

Peter erobert die Welt
oder ›Papa, warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?‹

Es regnete. Es regnete sogar schon seit Tagen und es wollte einfach nicht aufhören. Bei diesem Wetter wollte man nicht mal einen Hund vor die Tür scheuchen. Nur Papa und Sofie waren auf dem Gehweg unterwegs. Sie waren auf dem Heimweg.
Sofie lachte die ganze Zeit über und ließ es sich nicht nehmen, mit ihren dicken Gummistiefeln in jede Pfütze zu hüpfen.
»Papa, das macht riesig Spaß. Probier das doch auch mal aus.«
Doch dann blieb sie plötzlich stehen. Sie hockte sich hin und bestaunte etwas Kleines vor ihren Füßen.
»Ui, was ist denn das?«, fragte sie neugierig.
Papa kam näher und sah ebenfalls auf das kleine Etwas.
»Das ist nur ein Regenwurm.«, erklärte er.
»Warum heißt der Regenwurm eigentlich Regenwurm?«, fragte Sofie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Regenwurm. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Peter. Peter war ein Wurm, dem es nicht reichte, seine Gänge in der Erde zu graben. Er wollte die große weite Welt bereisen, sich ferne Länder anschauen und und etwas anderes sehen, als jeden Tag die Dunkelheit im Untergrund.
»Ich werde eine Reise machen.«, sagte sich Peter.
Aus dem Schrank holte er seinen Rucksack hervor, den er bis zum heutigen Tag noch nie benutzt hatte. Dort hinein packte er alles, was er vielleicht brauchen konnte. Eine große Taschenlampe, ein Taschenmesser, ein Taschentuch, eine Taschenuhr und ein Taschenbuch gegen Langeweile. Gut gerüstet machte sich der Wurm auf den Weg nach oben.
Neugierig bohrte er sich vorsichtig durch den Boden und erblickte das erste Mal in seinem Leben die warme Sonne, eine grüne Wiese und viele bunte Blumen in allen Farben, die man sich nur vorstellen konnte.
»Oh, wie schön es doch hier oben ist. Das Paradies könnte nicht schöner sein.«
Doch dann bebte der Boden um ihn herum und vier Beine liefen nur knapp an Peters Kopf vorbei.
»Hilfe! Zu Hilfe!«, rief er panisch und hatte Angst um sein Leben.
Ein großes, behaartes Tier war es gewesen. Laute, bellende Geräusche gab es von sich und trottete weiter, als habe es den Wurm gar nicht gesehen.
»Pass doch besser auf, wo du hin gehst. Hier sind noch andere Leute auf der Wiese.«
Aber das Tier hörte gar nicht zu.
Peter kletterte langsam aus seinem Loch heraus. Dieses Mal sah er sich aber genau um. Seine Augen sahen nach links, nach rechts, nach vorn und auch nach hinten. Neue Gefahren waren nicht in Sicht.
»Schön, dann kann ich ja endlich die Welt bereisen und mir alles anschauen.«
Doch hatte er sich zu früh gefreut. Wie aus heiterem Himmel ertönte ein schriller Ton von oben. Ein schreckliches Wesen, das am ganzen Körper Federn hängen hatte, stürzte sich auf den Wurm herab. Ein spitzer Schnabel war bereit, ihn zu fressen.
»Hilfe!«
Peter kroch schnell zurück in seine unterirdischen Gänge. Hinter sich schloss er sofort das Loch nach oben. Dann atmete er erst einmal durch.
»Was ist das nur für eine gefährliche Welt? Das habe ich mir aber anders vorgestellt.«
Eigentlich wollte er seine Reisepläne fallen lassen, aber die Neugier war größer. Der Wurm öffnete ein weiteres Mal einen Durchgang zur Wiese und sah sich nun ganz vorsichtig um. Nun entdeckte er überall Gefahren. Riesige Zweibeiner liefen hin und her, setzten sich einfach auf den Rasen und zerdrückten mit ihren Hintern alles, was nicht schnell genug flüchten konnte.
»Was mache ich nur? So werde ich niemals etwas erleben.«
Peter war enttäuscht und verkroch sich erneut. Doch dann geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Aus allen Richtungen hörte er plötzlich klopfende Geräusche.
»Nanu? Was ist denn das?«
Ein letztes Mal streckte er seinen Kopf nach draußen. Es fielen unzählige Wassertropfen vom Himmel. Und wer hätte es gedacht, die schrecklichen Wesen und Tiere verschwanden. Sie liefen fort und versteckten sich. Es schien, als hätten sie Angst vor den Tropfen.
»Ihr seid mir aber feine Monster.«, lachte Peter.
Dann setzte er sich einen Hut auf den Kopf und kroch auf die Wiese. Bei diesem Wetter konnte er sich ganz in Ruhe umschauen und die Welt bereisen. Nun lauerte ihm niemand mehr auf. Alle Gefahren waren auf und davon.
»So werde ich es nun immer machen.«, sagte sich Peter.
»Wenn Wassertropfen vom Himmel fallen, werde ich durch die schöne Welt reisen. Wenn der Regen dann aufhört, verstecke ich wieder unter der Erde.«
Und so lebte der Wurm glücklich weiter und entdeckte immer wieder neue schöne Dinge.

Sofie sah Papa mit großen Augen an.
»Und so ist der erste Regenwurm entstanden?«
Papa nickte ernst und nahm seine kleine Tochter an die Hand.
»Und nun gehen wir weiter. Bei dem Regen gefällt es mir zu Hause doch viel besser.«
Sofie folgte ihm. Als ich mit ihren großen Gummistiefeln in eine Pfütze hüpfte, musste sie laut lachen.
»Die Geschichte war prima, aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Papa seufzte. Hatte sie ihn schon wieder beim Schwindeln erwischt.

(c) 2012, Marco Wittler

349. Die Nacht der Nächte

Die Nacht der Nächte

Es war dunkel in dieser Nacht. Die fernen Lichter der Sterne und des Mondes waren nicht zu sehen. Die Wolkendecke unter dem Himmel war viel zu dicht. Wenn nicht hier oder da Licht hinter einigen Fenstern gewesen wäre, hätte man gar nichts mehr auf den Straßen sehen können. Eine erdrückende Stille lag über der Stadt. Alle Menschen, denen ihr Leben lieb war, verbargen sich in diesen Stunden in ihren Häusern und Wohnungen.
»Geh nicht zu dicht an das Fenster heran.«, ermahnte eine verängstigte Frau ihren Mann.
»Wenn sie dich sehen, bist du vielleicht für immer verloren.«
In einer anderen Familie hatte man sich bereits mit dem Nötigsten bewaffnet. Alles, was man zur Verteidigung seiner Seele brauchte, lag auf kleinen Tischen in der Nähe der Eingangstüren.
Überall wurde gezittert und gebibbert. Doch der Schrecken, der schon bald durch die verwinkelten Straßen und Gassen ziehen würde, wollte darauf keine Rücksicht nehmen. Doch noch war es still. Es war die Ruhe vor dem Sturm.
Und plötzlich waren sie da. Von überall kamen sie heran. Es war, als wären sie aus tiefen Gräbern und dunklen Grüften entstiegen. Unter ihnen waren Geister, Gespenster, haarige Monster, düstere Schurken, wandelnde Skelette und Vampire. Sogar der Tod wurde immer wieder mit seine großen Sense gesehen.
»Es ist so weit. Jetzt sind wir alle verloren.«, zitterte eine ältere Dame, die sich bereits hinter einem großen Sessel versteckte.
Und dann klingelte es schon an den Türen der Stadt. Mit Fäusten wurde lautstark angeklopft. Überall schlugen die finsteren Wesen zur gleichen Zeit zu. Die Bewohner hatten keine andere Wahl. Es war wie ein magischer Zauber, der sie nun zu den Türen zog. Sie legten ihre Hände auf die Klinken und öffneten den schrecklichen Gestalten.
»Süßes oder Saures.«, riefen die verkleideten Kinder begeistert und hielten bereits ihre Sammelbeutel auf, die sie in den nächsten Stunden mit allerlei Leckereien füllen lassen wollten.
Die grinsenden Erwachsenen, die von diesen kleinen Monstern überfallen wurden, griffen in vorbereitete Schalen und verteilten allerlei Zuckerwerk.
»Aber lasst mich bitte weiter leben.«, bettelte ein Mann zum Scherz.
»Sicher doch.«, riefen die Kinder als Antwort.
»Wir kommen dann nächstes Jahr wieder vorbei.«

(c) 2010, Marco Wittler

275. Da klappern doch die Zähne

Da klappern doch die Zähne

Jimmy lag unter dem Bett und zitterte. Er bibberte am ganzen Körper und seine Zähne klapperten ohne Pause. Mit seinen großen Händen hielt er sich die Augen zu.
»Warum ist die Welt nur so grausam? Warum besteht sie nur aus so vielen schrecklichen Wesen?«
In diesem Moment kam sein Stubenkamerad Bob herein.
»Oh nein.«, stöhnte er.
»Ist es schon wieder so weit?«
Jimmy sah nur kurz zu ihm hoch, schloss dann aber gleich wieder seine Augen.
»Ich komme nicht raus, egal was du sagst. Ich habe viel zu viel Angst, dass mich irgendetwas da draußen anfällt und frisst. Wahrscheinlich denken diese Ungeheuer jetzt schon darüber nach, wie sie hier eindringen können und mich anschließend lecker zubereiten können. Ich mache da einfach nicht mit.«
Bob verzweifelte. Tagein und tagaus das selbe Problem. Und bisher hatte er es noch nie geschafft, seinen Freund unter dem Bett hervor zu bekommen.
»Du musst endlich mal erwachsen werden und dich deiner Angst stellen.«, entschied Bob.
»Du hast noch kein einziges Mal in deinem Leben dieses Haus verlassen. Du weißt doch gar nicht, was dich da draußen erwartet.«
Jimmy rutschte noch etwas weiter unter sein Bett.
»Doch, das weiß ich ganz genau. Im Fernsehen haben sie davon berichtet. Sie sehen grässlich aus und fressen jedes normale Wesen wie mich.«
Was sollte man nur dagegen unternehmen? So eine Panik würde doch jeden davon abhalten, ins Freie zu gehen.
Bob dachte angestrengt nach. Irgendwie musste es ihm doch gelingen, seinen Freund auf die Straße zu befördern.
»Die frische Luft wird dir gut tun.«
Doch dieser Vorschlag reichte noch nicht aus.
»Ich habe bisher auch ganz gut ohne sowas gelebt.«, antwortete Jimmy.
Bob wollte verzweifeln. Er warf einen Blick aus dem Fenster und staunte. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah.
Sofort lief er durch die ganze Wohnung und durchsuchte Schubladen und Schränke, bis er fand, wonach er suchte.
»Unglaublich. Das wirst du nicht glauben.«, rief er laut.
Jimmy wurde neugierig und sah durch seine Finger hindurch.
»Was willst du denn mit dem Staubwedel anstellen?«
Bob schüttelte kräftig den Kopf.
»Du hast doch überhaupt keine Ahnung. Das ist kein Staubwedel, sondern der super mega geheime Zauberstab meines Großvaters. Damit konnte er böse, gemeine Ungeheuer in ganz normale Wesen verwandeln.«
Er lief zum Fenster, schwang den Staubwedel hin und her, während er unverständliche Zaubersprüche nuschelte.
»So. Schon erledigt. Jetzt können wir ganz gefahrlos nach draußen gehen. Es wird uns nichts und niemand anfallen. Dir wird nichts geschehen.«
Jimmy wollte es eigentlich nicht glauben, aber die Hoffnung war stärker. Also krabbelte er vorsichtig unter dem Bett hervor und warf einen nervösen Blick aus dem Fenster.
»He, du hast ja Recht. Das glaub ich einfach nicht. Da sind wirklich nur ganz normale Leute auf der Straße und es geht richtig friedlich vor sich.«
Er machte vor Freude einen Luftsprung und umarmte seinen Freund Bob.
»Los, lass uns nach draußen gehen. Es ist ein so herrlicher Tag.«
Gemeinsam öffneten sie nur Sekunden später die Tür und gingen an die frische Luft. Jimmy sah sich freudig um und begrüßte jeden, der ihm entgegen kam.
»Hallo, Herr Vampir und hallo, Frau Zombie.«, rief er.
»Seien sie gegrüßt, Fräulein Geist.«
Er konnte sich sogar nicht davon abhalten lassen, Herrn und Frau Mumie die in Stoffen eingewickelten Hände zu schütteln. Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Gab es denn nun überhaupt welche?
Die größte Freude überkam Jimmy, als er eine Horde Monster über einen Zebrastreifen flitzen sah.
»Schau mal. Die sehen so aus wie ich.«
Bob atmete erleichtert auf. Doch ein wenig war er noch verwundert. Warum hatten sich die Menschen als Monster verkleidet?
Plötzlich wehte der Wind durch die Straße und blies eine Zeitung vor sich her. Bob hob sie auf und sah auf die Titelseite. Dort stand:
›Menschen in Kostümen. Heute ist Halloween.‹

167. Die Monsterfamilie

Die Monsterfamilie

Jonas betrat zum ersten Mal den Schlafsaal der Jungen. Unter einer Klassenfahrt hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Im letzten Jahr waren sie nur zu dritt und zu viert in einem Zimmer. Doch nun schliefen vierzehn andere Jungen mit ihm in einem Raum.
»Das kann ja was werden. Hoffentlich schnarchen nicht zu viele, sonst kann ich nicht einschlafen.«
Er zog sich um und schlüpfte unter die Decke. Links und rechts von ihm flüsterten sich seine Klassenkameraden noch etwas zu. Doch dann kam der Lehrer herein, wünschte eine gute Nacht und schaltete das Licht ab.
Ein paar Minuten blieb es still. Doch dann war das erste Schnarchen zu hören und wieder einige flüsternde Stimmen. Doch da war noch etwas ganz anderes. Irgendwo war ein leises Wimmern zu hören. Es war so leise, dass Jonas es fast nicht bemerkt hätte.
»Wer weint denn da?«, fragte er.
Sofort meldeten sich alle, die noch wach waren. Sie stritten ab, dass sie Heimweh oder Angst hatten.
»Aber ich höre das doch ganz genau. Das kann doch gar nicht sein.«
Jonas fand das sehr seltsam. Er schlug die Decke beiseite, kramte seine Taschenlampe hervor und stand auf. Er machte sich sofort auf die Suche. Es musste schließlich jemand getröstet werden.
Im letzten Bett auf der anderen Seite des Raumes lag Niklas. Er war groß, stark und hatte vor nichts Angst. Und nun weinte er? Doch dann leuchtete ihm Jonas ins Gesicht und erkannte, dass Niklas tief und fest schlief.
»Irgendwo hier muss es doch sein.«
Er ließ sich auf den Boden nieder und warf einen Blick unter das Bett. Dort lag tatsächlich jemand und weinte leise.
»Was ist denn mit dir los? Warum liegst du denn unter einem fremden Bett?«
Der Traurige drehte sich um und rieb sich die verweinten Augen. Jonas erschreckte sich und hätte sich nur zu gerne unter seinem eigenen Bett versteckt, denn nun sah er sich einem richtigen Monster gegenüber, auch wenn es nicht so groß war.
»Ich bin letzte Nacht ganz allein umher gezogen und nun kann das richtige Bett nicht mehr finden. Ich bin schon hin und her geschlichen, aber nirgendwo war meine Familie. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Jonas war verblüfft. Er hatte schon oft von Monstern gehört, die unter Kinderbetten lebten und nachts heraus kamen. Aber er hatte nie gedacht, dass es auch kleine Monster gab, die Heimweh hatten.
Er sah sich um. Noch hatten die anderen Kinder nichts bemerkt, dass er etwas entdeckt hatte.
»Bleib hier, ich komme gleich wieder und werde dir helfen.«
Er stand auf, legte sich wieder in sein Bett und schaltete die Taschenlampe ab. Dann wartete er ein paar Minuten und schlich sich nun durch die Dunkelheit zum Monster und kroch ebenfalls unter das Bett.
»Da bin ich wieder. Ich warte jetzt mit dir zusammen, bis alle anderen eingeschlafen sind und dann helfe ich dir nach Hause zu kommen.«
Flüsternd erzählten sie sich über ihre Familien. Nach und nach trockneten auch die Tränen des kleinen Monsters. Nach einer Stunde wagten sie es dann, unter dem Bett hervor zu kommen.
»Jetzt gehen wir jedes Bett einzeln ab und schauen, was sich darunter verbirgt.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie überall nachgeschaut hatten, aber nur unter einem lag ein großes schnarchendes Monster, welches nicht gestört werden wollte.
»Vielleicht bist du ja aus einem der anderen Schlafsäle gekommen. Wir sollten mal durch die einzelnen Räume gehen.«
Drei der fünf Säle waren leer und ließen sich leicht kontrollieren. Doch Monster gab es keine. Schließlich blieb nur noch der Schlafsaal der Mädchen übrig.
»Da darf ich eigentlich gar nicht rein. Aber wenn wir ganz leise sind, werden wir bestimmt nicht bemerkt.«
Sie öffneten die Tür und traten ein. Es war ganz still. Alle Mädchen schliefen tief und fest. Sofort machte sich Jonas mit dem kleinen Monster auf die Suche. Aber alle Schlafplätze unter den Betten waren leer. Sie wollten ihre Suche schon verzweifelt aufgeben. Doch dann blieb ein allerletztes Bett über.
»Hier wird bestimmt auch niemand sein. Wenn kein Kind im Bett liegt, liegt auch nie ein Monster darunter.«
Jonas legte sich trotzdem auf den Boden und sah unter das Bett. Und das war auch sein Glück, denn dort funkelten ihn sechs Augen entgegen.
»Hallo, ihr drei Monster. Ich bin auf der Suche nach einer Familie, die ein kleines Monster vermisst. Könnt ihr mir vielleicht weiter helfen?«
Sofort wurden die Augenpaare größer und die Monster krochen leise hervor.
»Du hast unseren kleinen Jungen gefunden?«, fragte die Monstermama und sah sich um. Als sie ihren kleinen Sohn entdeckte schloss sie ihn sofort freudig in die Arme.
»Dein großer Monsterbruder hat dich schon beim Spielen vermisst.«
Das kleine Monster war so froh, dass es wieder zu Hause angekommen war und versprach, nie wieder allein auf Entdeckungsreise zu gehen.
Jonas hatte sich mittlerweile wieder nach draußen geschlichen und kehrte nun zufrieden in sein Bett zurück. Schon nach wenigen Augenblicken schlief er dort glücklich und zufrieden ein.

(c) 2008, Marco Wittler

165. In der Geisterbahn

In der Geisterbahn

Paul und Tim standen in einer großen Menschengruppe. Sie befanden sich auf einer großen Kirmes, die sich seit gestern in der Stadt befand. Vor ihnen ragte ein großes Fahrgeschäft auf. An den Seiten hingen große schaurige Wesen und über dem Eingang saß ein Monster mit langen Zähnen. Es war eine Geisterbahn.
»Willst du da wirklich rein gehen?«, fragte Tim.
»Aber natürlich. Das wird richtig cool. Oder hast du etwa Angst?«
Sofort schüttelte Tim den Kopf.
»Ich und Angst? Auf keinen Fall. Ich wollte nur sicher gehen, dass du es dir nicht im letzten Moment anders überlegst.«
Gemeinsam gingen sie zur Kasse und kauften sich die Eintrittkarten.
Nun dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Schlange vor ihnen kürzer wurden und sie an der Reihe waren. Doch nach zehn Minuten durften sie sich in ihren Wagen setzen. Ein paar Sekunden später setzte sich ihr Gefährt in Bewegung.
Mit einem Ruck knallten sie gegen eiserne Tore, die durch die Wucht auf schwangen. Die beiden Jungs wurden augenblicklich von der Dunkelheit verschluckt.
Hin und her ging die Fahrt, hinauf und herunter. Zu sehen war allerdings nichts. Doch plötzlich blitzte es von allen Seiten hell auf. Die Jungs mussten sich die Augen zuhalten. Als es vorbei war, fuhren sie durch die nächste Tür und fanden sich zwischen Furcht erregenden Figuren wieder, die hin und wieder nach dem Wagen griffen.
Von der Decke fielen Spinnen herab und kleine Monster schwangen sich über die Strecke hinweg.
Tim erschrak sich immer wieder, traute sich aber nicht, zu laut zu quietschen. Er hatte Angst, dass sich Paul über ihn lustig machen würde.
Hätte er einen Blick zur Seite gemacht, wäre ihm aufgefallen, dass Paul sich vor Angst nur noch die Augen zu hielt. Ihm war es viel zu gruselig.
Plötzlich hab es lautes Geräusch, als wäre etwas auf den Wagen gefallen. Die beiden Jungs drehten sich schnell um und sahen zwischen den Kopfstützen ihrer Sitze hindurch nach hinten. Dort hatte es sich ein Monster bequem gemacht und bereitete sich gerade darauf vor, die beiden zu erschrecken.
»Du meine Güte.«, flüsterte Paul.
»Das Monster wird uns fressen, wenn wir nichts unternehmen.«
Tim sah sich um und entdeckte zwei Geisterpuppen. Er griff nach ihnen und entriss ihnen die Bettlaken.
Das Monster stemmte sich gerade hoch und wollte die Insassen des Wagens an den Schultern packen. Doch als es über die Kopfstützen sah, blickten ihm zwei Geister in die Augen.
»Buh!«, machten sie und griffen nach dem Monster. Doch dieses war so erschrocken, dass es sofort fort sprang und um Hilfe schreiend in der Dunkelheit verschwand.
Tim und Paul waren froh, dass sie diese Fahrt überlebt hatten und fuhren nur Sekunden später wieder aus der Geisterbahn heraus.
Nun mussten sie sich allerdings wundern, denn draußen lief ein Mann in einem felligen Kostüm herum, der verzweifelt versuchte, die Menschen am Besuch der Geisterbahn zu hindern.
»Gehen sie nicht hinein. Dort drin sind Geister. Sie haben mich angefallen und hätten mich fast um den Verstand gebracht. Bleiben sie draußen und retten sie sich.«
Paul und Tim sahen sich, erinnerten sich noch einmal an ihr Erlebnis und mussten laut lachen.

(c) 2008, Marco Wittler

151. Kopflos

Kopflos

»… und so verjagten die Geister ein letztes Mal die störenden Menschen aus ihrem Schloss und lebten von nun an in Ruhe und Frieden.«
Lina und Sebastian saßen ganz gebannt auf ihren Betten und hatten der Geschichte gelauscht, die ihnen ihre Mutter erzählt hatte. Es war der Halloweenabend. Noch vor zwei Stunden hatten die beiden Kinder an die Türen der Nachbarschaft geklopft, Leute erschreckt und dafür Süßigkeiten bekommen.
»Meinst du denn, dass es Geister wirklich gibt?«, fragte Lina.
Mama musste lachen.
»Wer weiß.«, antwortete sie.
»Ich habe zwar noch nie welche gesehen, aber das bedeutet ja nicht, dass es keine gibt. Vielleicht verstecken sie sich ja vor uns Menschen.«
»Außer an Halloween.«, warf Sebastian plötzlich ein.
»Heute laufen so viele Menschen verkleidet herum, dass ein richtiges Gespenst oder ein Monster gar nicht auffällt. Es kann einfach über die Straße gehen ohne bemerkt zu werden.«
Mama ging zum Fenster und sah heraus.
»Was meint ihr wohl, wer von den Leuten dort unten echt oder verkleidet ist?«
Die Kinder kamen hinzu und sahen ebenfalls nach draußen. Sie dachten sich zu jeder Verkleidung die verwegensten Ideen und Geschichten aus, bis es schließlich Zeit wurde, die Augen zu schließen und auf den Sandmann zu warten.
»Aber Mama, wir müssen heute wach bleiben.«, beschwerte sich Sebastian.
»Der Sandmann wurde heute zu einer Halloweenfeier eingeladen. Er hat gar keine Zeit uns Sand in die Augen zu streuen.«
»Das glaubt ihr doch selber nicht.«, lachte Mama.
»Ihr werdet jetzt schön schlafen.«
Sie schaltete das Licht ab und verschwand aus dem Kinderzimmer.
»Ob es wirklich Geister und Monster da unten auf der Straße gibt?«, fragte Lina ängstlich.
»Ganz bestimmt. Auf jeden Fall.«, bestätigte Sebastian.
»Außerdem sind da noch Vampire, Mumien, Zombies, Kopflose und vieles mehr. Sie sind jetzt auf der Suche nach Menschen, die sie aussaugen, anknabbern oder überfallen können. Aber hier drin sind wir sicher. Die kommen nicht bis zu uns. Es sind doch alle Türen verschlossen.«
Sebastian hätte zu gerne gelacht. Seine kleine Schwester hatte vor allem Möglichen Angst.
»Na gut. Dann kann ich auch ruhig schlafen.«
Lina drehte sich um und war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen. Damit hatte Sebastian gar nicht gerechnet. Eigentlich wollte er ihr Angst machen. Aber nun war er selber kurz davor, Panik zu bekommen.
Von draußen waren immer wieder unheimliche Geräusche zu hören. Jemand kreischte, ein anderer schrie, als würde er gleich sterben. Es knackte in den Dachbalken und der Wind pfiff um das ganze Haus herum.
»Oh nein. Hoffentlich gibt es doch keine Monster. Ich will von denen nicht gefressen werden.«
Sebastian zog sich die Decke über den Kopf und zitterte am ganzen Körper, bis er eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen wurden die Kinder mit den ersten Sonnenstrahlen wach. Sie standen auf, gähnten ganz laut und sahen vorsichtig aus dem Fenster. Die Geister, Monster und alle anderen gefährlichen Kreaturen waren verschwunden. Nun sah man nur noch ganz normale Menschen und den üblichen Straßenverkehr. Sebastian atmete tief durch und war froh, die Nacht überlebt zu haben.
»Dann hatte ich ja doch Recht. Es gibt keine Wesen, die mich fressen wollten. Habe ich ein Glück gehabt.«
Er öffnete die Tür des Kinderzimmers. Gerade als er den ersten Fuß in den Flur setzen wollte, öffnete sich die Tür des Bades und ein Mann wankte daraus hervor. Alles an ihm war so normal, wie bei jedem Menschen. Er hatte einen Körper, zwei Arme, Beine, Füße und Hände. Doch über dem Kragen seines Hemdes war nichts zu sehen. Der Kopf fehlte.
»Hilfe, hilfe!«, rief er und prallte an einer Wand ab.
»Hilfe, Mama, hilfe!«, brüllte Sebastian um einiges lauter.
»Da ist ein kopfloser Mann im Badezimmer. Hilfe!«
Er rannte die Treppe hinunter und verkroch sich unter dem Küchentisch.
Mama konnte das alles nicht so recht glauben und ging vorsichtig die Treppe hoch. Dort sah sie, wie Papa sich gerade sein Hemd zurecht zog.
»Was ist denn hier passiert?«
»Papa hat sich das Hemd angezogen, ohne den obersten Knopf zu öffnen.«, berichtete Lina.
»Ich habe das ja sofort gesehen. Aber Sebastian ist ein viel zu großer Angsthase. Der fürchtet sich ja vor allem Möglichen.«

(c) 2008, Marco Wittler

041. Das Monster am See (Ninas Briefe 7)

Das Monster am See

 Hallo Steffi.

 Ich muss dir unbedingt etwas berichten, dass mir letztes Wochenende passiert ist. Du wirst mir das zwar bestimmt nicht glauben, aber es ist wirklich passiert. Ehrlich, das schwöre ich.
Am Freitag Nachmittag sind wir alle, also Mama, Papa, Tommy und ich, zu Tante Erika gefahren.
Also eigentlich ist es ja gar nicht meine Tante, sondern die von Mama. Aber das macht nichts, denn ich darf trotzdem Tante Erika zu ihr sagen, und ich habe sie auch richtig lieb.
Ich war gerade erst aus der Schule gekommen, da saß mein kleiner Bruder schon in seinem Kindersitz im Auto und streckte mir die Zunge raus. Der Kleine ist richtig unverschämt in letzter Zeit. Aber das werd ich ihm auch noch austreiben, verlass dich drauf. Ich habe da schon einige Ideen auf Lager.
Die Fahrt zu Tante Erika war langweilig. Tommy saß neben mir im Kindersitz und quälte mich entweder mit dem Piepen seines Gameboys oder durch sein Schnarchen, wenn er schlief.
Drei ganze Stunden waren wir unterwegs. Doch dann war ich ganz erstaunt, was es hier alles zu sehen gab. Ich war ja noch nie bei Tante Erika. Bisher war sie immer zu Weihnachten zu uns gekommen.
Und nun durfte ich mir endlich mal ihren See anschauen.
Nachdem ich Tante Erika gedrückt hatte, lief ich sofort zum Ufer und sah mich um. Es war atemberaubend. Ganz ruhig lag das Wasser da, es regte sich kein Lüftchen und alles war still.
Ein leichter Nebel schwebte über der Oberfläche und eine kleine Insel mit ein paar Bäumen lag in der Mitte des Sees. Und von irgendwo konnte ich das leise Singen eines Vogels hören. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie traumhaft schön es am See war. Am liebsten wäre ich sofort für immer dort geblieben. Aber ich muss ja leider in die Schule gehen, also blieb uns nur dieses Wochenende.
Tommy hatte sich bereits im Gästezimmer breit gemacht. Da stand ein großes Doppelbett, in dem wir zusammen schlafen sollten. Aber auf der einen Hälfte lag er mit seinem Gameboy und auf der anderen hatte er unsere Reisetasche ausgekippt.
Ich hatte das natürlich sofort Mama erzählt, aber die sagte nur, dass ich mich darüber nicht so aufregen sollte, immerhin hätten wir ja Urlaub, da müsse man alles einfach etwas lockerer sehen.
Die hat gut Reden. Sie muss ja auch nicht mit diesem Tommy zusammen zwei Nächte verbringen.
Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir mein Kinderzimmer zurück wünschte und mein eigenes Bett. Ich hatte Angst, dass mein kleiner Bruder die ganze Nacht durch nur pupsen und schnarchen würde. Aber dann wäre ich ausgezogen und hätte mich zwischen Mama und Papa im zweiten Gästezimmer breit gemacht.
Nach dem Abendbrot durfte ich noch ein wenig nach draussen. Also nahm ich mir eine Decke mit und setzte mich an das Ufer des Sees und las ein wenig in einem Buch. So eine Stille wie hier, habe ich vorher noch nie erlebt. Das war wirklich unglaublich. Es war nichts, aber auch gar nichts zu hören. Und nichts war da, um mich zu stören. Ich fühlte mich einfach pudelwohl und blieb, bis es zu dunkel wurde und Papa mich zurück ins Haus holte, obwohl ich gern noch dort geblieben wäre. Vielleicht hätte ich sogar dort geschlafen, aber Papa sagte, dass es viel zu gefährlich wäre.
Am Samstag erzählte und Tante Erika beim Frühstück, dass sie, als sie so alt war wie ich, von ihrem Großvater immer eine Geschichte erzählt bekam. Sie handelt von den Menschen, die früher am See lebten. Sie bestellten ihre Felder und hüteten die Schafe der Bauern. Eigentlich muss es ein wirklich schönes, aber hartes Leben gewesen sein.
Doch alle Menschen lebten in ständiger Angst vor einem Monster, welches seit Jahrhunderten am Grunde des Sees leben sollte. In besonders dunklen Nächten, wenn sich der Nebel über die Felder erhebt, soll es an die Oberfläche gekommen und und verwüstete alles Land um sich herum und nahm einen der Menschen mit sich.
Das ist ganz schön gruselig, oder?
Ich habe Tante Erika natürlich kein Wort geglaubt. Das Ganze war ja nur eine Geschichte, ein Märchen, um kleine Kinder wie Tommy zu erschrecken. Doch der lachte nur und nannte Tante Erika eine Lügnerin. Ich war da lieber vorsichtiger. Ich nickte nur und hoffte, dass mein kleiner Bruder Recht hatte. Jedenfalls nahm ich mir vor, abends nicht mehr so sorglos am Ufer zu sitzen, wenn sich langsam der Nebel über dem See bildete.
Der Nachmittag ging dann sehr schnell vorbei. Wir fuhren in ein Museum in der Stadt und sahen uns einige alte Werkzeuge und andere Dinge an, mit denen die Menschen in dieser Gegend früher gearbeitet und gelebt hatten. Das war nicht so spannend, wie es sich anhört, aber zu langweilig war es auch wieder nicht.
Papa und Tommy waren nicht mit uns gefahren. Ein Museum ist nichts für richtige Jungs, hatten sie gesagt. Also war es ein richtiger Mädchentag, nur Tante Erika, Mama und ich. Das war richtig schön. Zum Schluss bekam ich von Mama noch ein riesiges Eis, welches ich ausnahmsweise mal im Auto schlecken durfte.
Beim Abendessen freute ich mich jedenfalls bereits wieder auf mein Buch, meine Decke und das Ufer des Sees. Ich konnte es kaum erwarten, wieder meine Ruhe zu haben. Auch wenn Tommy den Nachmittag über weit weg von mir war, war ich schon wieder von ihm genervt.
Eine Viertelstunde später waren wir fertig und ich ging raus. Es war noch richtig warm und die Sonne verschwand gerade hinter den Baumkronen. Also hatte ich noch etwas Zeit, ein paar Seiten in meinem Buch zu lesen. Ich war schließlich sehr gespannt, ob Prinz Edelmut seine geliebte Prinzessin Rosenherz aus den Fängen des bösen Drachen Feuerkugel würde befreien können. Also das Buch werde ich dir sofort schicken, wenn ich es zu Ende gelesen habe. Du wirst es bestimmt mögen, da bin ich mir sicher.
Als es langsam dunkel und kühl wurde, stieg wieder der Nebel auf. Kurz darauf konnte ich die kleine Insel in der Mitte des Sees nicht mehr erkennen und ich bekam etwas Angst.
Die Geschichte vom Frühstück kam mir wieder in den Kopf. Ich hoffte, dass jeden Moment Papa aus dem Haus kommen würde, um mich abzuholen. Allein traute ich mich schon nicht mehr. Ich wollte mich keinen Zentimeter bewegen.
Also starrte ich hinaus auf den See und achtete auf jede kleine Bewegung.
Und dann war da plötzlich etwas. Ganz kurz sah ich einen Schatten, der durch das stille Wasser glitt. Und dann wieder. Schließlich kam etwas Großes immer weiter auf mich zu und ich hörte Geräusche, die nur ein riesiges Monster machen konnte.
Sofort sprang ich auf und lief schreiend ins Haus. Dort kam mir Mama entgegen und nahm mich in die Arme.
Ich erzählte ihr, was ich gerade gesehen und gehört hatte. Also ging sie langsam und leise mit mir zurück zum See, um nach dem Rechten zu schauen, denn an Monster glaubte sie nicht.
Und da hörten wir plötzlich wieder ein Geräusch. Doch diesmal war es kein Monsterheulen, sondern lautes Gelächter.
Und am Ufer sahen wir Papa und Tommy, die ein kleines Segelboot an Land zogen. Das war wohl der Schatten gewesen, den ich gesehen hatte. Und die Geräusche waren aus einem kleinen CD-Spieler gekommen, den Tommy in einer Hand hielt.
Ich war richtig sauer, dass die beiden mich so herein gelegt hatten. Aber auch Mama fand das alles nicht lustig und schimpfte mit den Beiden. Das war auch nur gerecht.
Nach der verdienten Standpauke gingen wir zurück ins Haus. Ich sah mich noch einmal um, denn am nächsten Abend würde ich bereits wieder zu Hause in unserem eigenen Haus ein. Und da war wieder etwas. Ich sah erneut einen Schatten, und er war so riesig, dass er höher war als alle Bäume am See. Als er ein tiefes, brummiges Geräusch von sich gab, bemerkten es auch die anderen. Sie sahen sich kurz um, erschraken, und dann liefen wir ganz schnell zu Tante Erika, als es ganz plötzlich anfing, wie aus Eimern zu regnen.
Wir sahen nicht noch einmal nach draussen. Wir wollten auch gar nicht wissen, was da draussen vor sich ging. Doch als ich am nächsten Morgen wieder vor die Haustür ging, waren die Felder um uns herum platt und eine Äste der Bäume abgebrochen.
Ich weiss, dass sich das alles anhört, als hätte ich es mir ausgedacht, aber ich schwöre dir, dass jedes einzelne Wort wahr ist und wir es so erlebt haben.

 Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Und wenn du mich wieder besuchen kommst, dann kannst du mir helfen, Tommy herein zu legen. Das wird dann die Rache für seinen Streich am See.

 Deine Nina.

 P.S.: Wenn du mal über ein Wochenende Urlaub an einem See machst und der liegt zufällig bei Tante Erika hinterm Haus, dann pass gut auf dich auf und berichte mir, was du in der Dunkelheit im Nebel gesehen und gehört hast.

(c) 2007, Marco Wittler

039. Das Monster über meinem Bett

Das Monster über meinem Bett

Ich wusste es. Und ich hatte es schon immer gewusst. Meine Mutter wollte es mir immer ausreden, aber sie hat mich nie überzeugen können.
Mein Name ist Momo. Ich bin ein kleines Monster und lebe nun schon seit einem Jahr unter meinem eigenen Bett. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eng es früher war. Da wohnte ich noch bei meinen Eltern und meinen vier Geschwistern. Das konnte ganz schön eng werden. Aber nun habe ich so viel Platz, dass ich gar nicht weiss, an welchen Bettpfosten ich mich zuerst kuscheln soll. Beim Schlafen kann ich mich richtig lang machen und auch hin und her drehen, ohne jemanden zu treten und zu stören. Das ist ein richtig schönes Leben.
Wenn da nicht diese Angst wäre.
Schon früher, als ich noch bei Mama und Papa wohnte, hatte ich das Gefühl, dass ausserhalb unserer kleinen Welt noch mehr ist. Immer wieder bewegte sich des Nachts unser Bett. Manchmal ruckelte es und die Matratze gab komische Geräusche von sich. Jedes Mal bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich glaubte, dass es da ein Lebewesen gab, dass über unserem Bett lebte. Aberzu Gesicht hatte ich es nie bekommen.
Mama versuchte mich dann immer zu beruhigen. Sie sagte, es gäbe keine anderen Lebewesen, schon gar nicht über dem Bett. Das wäre ein Märchen. Nichts weiter. Und meine Geschwister lachten mich immer aus. Sie würden nicht an diesen Quatsch glauben.
Aber warum dann diese Geräusche und Bewegungen?
»Das sind Erdbeben«, sagte Papa dann immer.
Aber trotz dieser vielen Erklärungen hatte ich weiterhin Angst.
Nun bin ich mittlerweile nicht mehr so klein und lebe unter meinem eigenen Bett. Ein richtig schönes habe ich mir da ausgesucht. Es war noch ganz allein und es war kein anderes Monster weit und breit zu sehen. Also zog ich unter der Matratze ein.
Aber schon in der ersten Nacht hörte ich wieder Geräusche und ein Erdbeben lies das Holz bedrohlich knacken. Und dann in der nächsten Nacht schon wieder und immer so weiter. Konnte es wirklich sein, dass diese Dinge immer nur Nachts geschahen?
Am Tage, wenn es hell wurde, sah ich ein paar Mal unter dem Bett hervor. Aber zu entdecken war nichts. Ich war tatsächlich allein. Aber trotzdem hatte ich noch immer Angst, dass es vielleicht doch ein Lebewesen über dem Bett gab.
Nachdem ich nun in der letzten Nacht die ganze Zeit vor Angst gezittert habe, bin ich davon überzeugt, dass ich hier nicht alleine bin. Und deswegen will ich mir nun auch ein Herz nehmen und mich davon überzeugen, dass ich Recht habe oder die Geschichte von den Erdbeben wirklich wahr ist. Heute Nacht werde ich es heraus bekommen.
Ich habe mir extra ein wenig Tageslicht eingefangen, es in einen kleinen durchsichtigen Kasten eingesperrt. So kann nun in der Dunkelheit etwas sehen.
Ich krieche unter meinem Bett hervor. Ganz langsam, damit mich nichts entdeckt. Ich sehe mich vorsichtig um, finde aber nichts, dass mir gefährlich werden könnte.
Ich stehe auf und schaue mich um. Und da trifft es mich plötzlich wie ein Schlag.
Mit einem Mal beleuchtet mich ein grelles Licht. Ich kann die Augen kaum aufhalten, so sehr schmerzt es.
Ich wusste es ja immer. Hier haust doch ein grausames Ungetüm. Es ist ein Wesen aus Licht und es wird mich verschlingen.
Verzweifelt halte ich mir die Hände vor die Augen und weine. Ich erwarte das Schlimmste. Ob es wohl weh tun wird, wenn es mich frisst?
Doch dann geht das Licht wieder aus. Langsam nehme ich die Hände runter. Ich Dämmerschein meines Lichts sehe ich es dann vor mir. Über dem Bett lebt tatsächlich ein Wesen. Es ist etwa so groß wie ich, aber sein Körper ist nackt. Nur oben auf dem Kopf wächst etwas Fell. Es ist komisch aus, fasst lustig. Aber dennoch habe ich Angst.
Täusche ich mich? Was sehe ich denn da?
Das Wesen vor mir zittert. Hat es Angst? Aber wovor denn? Gibt es hier denn noch schlimmere Wesen? Ist das vielleicht meine Chance mit heiler Haut hier raus zu kommen? Jedenfalls ist es einen Versuch wert. Ich stelle mein Licht zur Seite und gehe langsam einen Schritt auf das Wesen zu.
»Hallo.«, sage ich mit zittriger Stimme.
»Ich bin Momo, das Monster unter dem Bett.«
Das Wesen weicht zurück, zieht die Decke über den Kopf und zittert immer mehr. Hat es etwa Angst vor mir? Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit.
Vorsichtig klettere ich auf das Bett. Ich bin mir sicher, dass noch ein Monster vor mir dies gewagt hat. Ich krieche langsam zu diesem Wesen und ziehe ihm die Decke vom Kopf.
»Keine Angst, ich tu dir nichts. Versprochen.«
Es blickt mich an. Das Zittern wird weniger.
»Wirklich ehrlich? Und du frisst mich auch nicht auf?«
Es ist das erste Mal, dass ich dieses Wesen reden höre. Und wir haben sogar beide die gleiche Sprache.
»Nein, ich fresse dich nicht auf. So einen großen Bauch habe ich gar nicht. Da würdest du auch gar nicht rein passen. Vor mir brauchst du keine Angst zu haben.«
Ich grinse das Wesen ganz freundlich an.
»Eigentlich hatte ich sogar Angst vor dir.«
Jetzt wird es langsam zutraulicher und rutscht etwas zu mir rüber.
»Ich bin Paul. Und ich schlafe abends immer in diesem Bett. Und ich habe immer Angst gehabt, was wohl unter meinem Bett sein könnte. Ich habe immer Geräusche gehört, aber mich nie getraut, nachzusehen. Meine Mama hat mir immer erzählt, dass da drunter nichts ist und es keine Monster gibt. Aber ich hab ihr nicht geglaubt. Und jetzt habe ich doch Recht gehabt. Du bist ja schließlich hier, oder?«
Er kommt langsam mit der Hand näher und stupst mich mit seinem Finger kurz an.
»Ja, du bist echt.«
Er grinst.
Und jetzt bin ich dran. Auch ich berühre ihn mit meinem Finger. Auch dieses Wesen ist echt.
»Aber was bist du? Ich kenne nur Monster unter Betten. Aber Wesen wie dich kenne ich nicht.«
Paul hat nun gar keine Angst. Er setzt sich nun neben mich und beginnt zu erzählen.
»Ich bin ein Mensch. Aber nur ein kleiner Junge. Es gibt uns in groß und klein. Zu den kleineren gehöre ich, aber mein Papa, der ist fast doppelt so groß, wie ich.«
»Bist du deswegen so unbehaart, weil du noch klein bist? Wächst dein Fell noch?«
Er schüttelt mit dem Kopf.
»Wir Menschen haben kein Fell. Aber mein Papa hat noch ein paar Haare auf seinem Bauch und im Gesicht. Das ist auch schon alles.«
Wir reden noch viele Stunden miteinander. Ich erzähle ihm von der Welt unter dem Bett, von den Monstern, die gar nicht gefährlich sind und was wir den ganzen Tag so machen. Ich erfahre dafür, was ein Menschenjunge so treibt. Er erzählt mir von der Welt außerhalb seiner Welt, das Draußen. Das macht mich sehr neugierig. Ich klettere vom Weg und laufe zu diesem Ding, das er Fenster nennt. Es ist aus Glas und man soll durchsehen können. Aber dahinter ist nichts zu sehen.
»Du Dummerchen.«, sagt Paul. »Es ist ja auch Nacht. Da scheint kein Licht. Man kann nur am Tag nach draußen schauen.«
Ich bin etwas enttäuscht. Aber sehe ein, dass es nicht geht.
Wir setzen uns wieder auf das Bett und reden weiter, bis Paul immer leiser wird. Seine Augen fallen langsam zu und dann schläft er ein. Er sieht so friedlich und harmlos aus. Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich vor ihm Angst hatte.
Ich rutsche langsam vom Bett und krieche wieder unter das Bett. Hier ist meine kleine Welt. Aber mittlerweile hat sie sich verändert. Sie ist größer geworden. Sie endet nun nicht mehr an den Bettpfosten, sondern sie ist um ein Kinderzimmer erweitert worden. Ich bin auch nicht mehr alleine. Ich habe einen Freund gefunden.
Ich bin schon ganz aufgeregt, was ich noch alles mit Paul erleben werde. Vielleicht wird er mir auch die Welt da draußen zeigen. Darauf bin ich ganz besonders neugierig.
Aber nun bin ich müde. Ich rolle mich zusammen, ziehe meine kleine Decke über meinen Bauch und schlafe ein.

(c) 2007, Marco Wittler

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