598. Die Nacht der Mumie

Die Nacht der Mumie

Es war Halloween, die Nacht der Untoten, Monster, Geister, Gespenster und allem anderen, was den Menschen im Normalfall Angst bereitet. In jedem Jahr war es auch die Nacht, in der die Mumie im Stadtmuseum für wenige Stunden wieder zum Leben erwachte.
Die Uhr schlug zwölf. Die Mumie öffnete von innen ihren Sarkophag und stand auf. Müde streckte sie ihre Glieder von sich und ließ die alten Knochen knacken. Dann begab sie sich auf einen Rundgang durch das Museum.
»So ein Spaziergang durch die einzelnen Säle tut gut. Da werden meine Muskeln endlich wieder mal warm. Wenn ich doch bloß mal wieder Joggen gehen könnte. Aber ich konnte seit viertausend Jahren nicht mehr richtig trainieren. Das schaffe ich nicht mehr.«
Die Mumie schlurfte langsam vorwärts, stöhnte hin und wieder wegen der schmerzenden Beine, die sie seit einem ganzen Jahr nicht mehr bewegt hatte und dachte schon jetzt darüber nach, was sie in den nächsten 52 Wochen in ihrem Sarkophag treiben konnte, um nicht zu viel Langeweile zu bekommen.
Irgendwann hörte sie vor sich ein Geräusch. Das hatte es in all den Jahren im Museum noch nie in der Halloween Nacht gegeben.
»Was ist denn das? Ist da etwa noch jemand im Museum?«, flüsterte sie sich selbst zu, bevor sie weiter ging.
Ein paar Räume und Gänge später sah sie tatsächlich einen Menschen. Eine Frau putzte mit einem Wischmop den Boden. Die Putzfrau war noch da.
»Warum sind sie so spät in der Nacht noch hier?«, wollte die Mumie wissen und fragte ganz ungeniert.
Die Putzfrau sah hoch und erschrak.
»Um Himmels Willen. Die Mumie lebt.«, schrie sie laut. Dann nahm sie ihre Beine und den Wischmop in die Hände und rannte auf schnellstem Wege aus dem Museum.
Die Mumie seufzte. Sie hatte nicht vorgehabt, die Putzfrau zu erschrecken. Sie ging noch ein paar Räume weiter. Ein weitere Putzfrau fand sie aber nicht. Stattdessen sah sie die Uhr in der Eingangshalle. Es war gerade einmal acht Uhr am Abend.
»Du meine Güte. Kein Wunder, dass noch jemand hier war. Es ist viel zu früh für mich. Jemand muss die Uhr in meiner Kammer verstellt haben. Aber wer putzt jetzt das Museum fertig und vor allem womit? Der Wischmop ist weg.«
Die Mumie grübelte kurz. Dann wickelte sie sich die alten Stoffbahnen vom Körper und wischte mit ihnen den Boden fertig. Es brauchte ganze zwei Stunden, bis sie fertig war. Am Ende waren die alten Stoffe schmutzig und nass.
»Die kann ich unmöglich noch einmal anziehen. Was sollen denn Morgen die Leute denken, wenn ich völlig schmutzig in meinem Sarkophag liege. Außerdem bekomme ich in in dem nassen Zeug eine Lungenentzündung. Damit ist nicht zu spaßen. Ich könnte mir den Tod holen.«
Was sollte sie nur machen? Doch dann hatte die alte Mumie die rettende Idee. Sie schlurfte zur nächsten Toilette und wickelte sich mit Klopapier von oben bis unten ein. Dann legte sie sich für die nächsten zwölf Monate zurück an ihren Platz und freute sich schon jetzt auf das nächste Halloweenfest in ihrem Museum.

(c) 2017, Marco Wittler

166. Der Fluch der Pharaonen

Der Fluch der Pharaonen

»Das Museum schließt in zehn Minuten. Bitte achten sie darauf, dass sie rechtzeitig die Ausstellungen und das Museum verlassen. Wir bedanken uns für ihren Besuch.«
Noch zwei weitere Male schepperte die monotone Tonbandstimme durch die Lautsprecher.
Lena und Erik standen zwischen großen ägyptischen Steintafeln, auf denen lustige Bildchen gemalt waren.
»Wo bleibt denn Papa?«, fragte Lena.
»Die Stimme hat doch gesagt, dass wir gehen müssen.«
Erik hielt seine Schwester zurück.
»Bleib hier. Papa ist doch nur zur Toilette gegangen. Er kommt doch sofort wieder. Schau dir doch bis dahin noch ein paar Sachen hier an.«
Die beiden Kinder gingen nach und nach von einem Schaukasten zum anderen. Darin lagen goldene Käfer, Papyrusrollen und Modelle der großen Pyramiden.
»Ich habe mal gehört, dass die Mumien in der Nacht wieder lebendig werden und dann im Museum hin und her laufen.«
Lena fuhr es eiskalt den Rücken runter, als sie zum Fenster sah. Die Sonne war bereits unter gegangen und es war stockfinster draußen.
»Ich will ganz schnell hier raus. Die sperren uns bestimmt sonst ein und die Mumie wird uns auffressen.«
Erik lachte leise. Er hatte nicht gedacht, dass seine kleine Schwester so schnell zu verängstigen war.
»Aber Papa ist noch nicht wieder da. Wir dürfen uns nicht vom Fleck bewegen.«
Doch Lena hatte nun viel zu viel Angst und lief Richtung Ausgang.
»Ich warte an der Tür auf euch.«, rief sie ihrem Bruder noch zu.
Nun stand Erik allein in der ägyptischen Ausstellung. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass Lena so schnell verschwinden würde. Sollte er nun auf Papa warten und sie vor seinen eigenen Geschichten fürchten?
Nein, auf keinen Fall. Mumien waren bereits tot und würden ganz bestimmt nicht in der Nacht aufstehen.
In diesem Augenblick kam eine Person in den Raum. Sie hatte am ganzen Körper weiße Tuchbahnen hängen und heulte fürchterlich.
»Hilfe, die Mumie lebt.«, schrie Erik und lief schnell seiner Schwester nach.
Er sah sich nicht mehr um, bis er ebenfalls die Ausgangstür erreicht hatte. Nur eine Minute später kam Papa zu den beiden.
»Mensch Erik. Du bist aber schreckhaft. Ich bin doch keine Mumie. Ich bin nur im Toilettenraum hingefallen.«
Das fiel nun auch den Kindern auf, denn Papa hatte noch überall Toilettenpapier an seinen Sachen hängen. Gemeinsam lachten die drei und gingen nach Hause.

(c) 2008, Marco Wittler