606. Weihnachtsschrecken

Weihnachtsschrecken

Im Weihnachtsdorf am Nordpol ging es hektisch zu. Jedes Rentier und jeder Weihnachtself war damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Ein paar Geschenke mussten noch gebaut, die anderen eingepackt und mit bunten Schleifen verziert werden. Der Schlitten wurde geputzt und letzten Sicherheitschecks unterzogen, damit unterwegs nichts passieren konnte. Die Hufe der Rentiere wurden blitzblank gereinigt, die Felle gebürstet und die Geweihe hübsch geschmückt.
Hin und wieder sah auch der Weihnachtsmann durch das Fenster seines Büros nach draußen und überzeugte sich, dass alles nach Plan verlief. Danach richtete er seinen Blick wieder auf die vielen Wunschzettel auf seinem Schreibtisch und bearbeitete die Seiten in seinem goldenen Buch.
Nur wenige Tage vor der Weihnachtsmann kam plötzlich Unruhe in das Dorf. Rentiere und Wichtel rannten in großer Panik auseinander und suchten Schutz, wo sie nur konnten. Die einen liefen in die Ställe, andere schafften es bis hinter eine schützende Tür. Und wieder andere konnten sich nur hinter kleinen Kisten verstecken. Von überall waren ängstliche Schreie zu hören.
Der Weihnachtsmann bemerkte dies recht schnell und verließ augenblicklich sein Haus. Was er dann sah, hatte er noch nie zuvor erlebt. Bisher war der Nordpol immer ein friedlicher und freundlicher Ort gewesen.
Von allen Seiten näherten sich grässliche Gestalten. Sie waren Monster, Vampire, Geister, Zombies und mehr gruseliges Gesindel. Sie scheuchten die Bewohner des Weihnachtsdorfs zusammen und erschreckten sie, wo sie nur konnten.
„Was zum Geier ist hier los?“, dröhnte plötzlich die laute Stimme des Weihnachtsmanns über den großen Dorfplatz.
„Was hat das alles zu bedeuten und wer seid ihr, dass ihr so viel Angst über meine Freunde bringt?“
Ein besonders großes Monster, welches der Anführer sein musste, blieb stehen und sah dem Weihnachtsmann ernst ins Gesicht.
„Wir sind die Halloween Armee.“, erklärte es. „Es ist unsere Aufgabe, in der gruseligsten Nacht des Jahres Angst und Schrecken über die Welt zu bringen. Und du wirst uns auch nicht davon abhalten.“
Der Weihnachtsmann seufzte und kramte in seiner Manteltasche. Er holte sein Handy hervor und öffnete den Kalender.
„Meinst du nicht, dass ihr etwas spät dran seid? In drei Tagen ist Weihnachten. Halloween liegt schon fast zwei Monate hinter uns.“
Das Monster riss entsetzt seine Augen auf.
„Wie? Was? Wir sind zu spät?“
In diesem Moment blieben auch die anderen Halloweengeschöpfe stehen und stellten ihre Jagd ein.
„Aber … ääh … wie kann das denn sein? Das ist uns noch nie passiert.“
Ein verlegenes Lächeln schlich sich in das Gesicht des Monsters.
„Tut uns leid. Das war nicht unsere Absicht.“
Es griff sich an den Kopf und zog ihn hoch. Darunter kam ein anderer Kopf zum Vorschein. Das Monster war nur ein Kostüm gewesen. Darin steckte kein Geringerer als der Osterhase.
„Okay Leute. Halloween ist vorbei. Ihr könnt eure Kostüme ablegen.“
Nach und nach fielen die Masken und ganz andere Wesen kamen zum Vorschein. Mutter Natur, Väterchen Frost und viele andere.
„Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, mehrere Jobs gleichzeitig zu haben.“, erklärte der Osterhase. „Da kommt man ganz schön durcheinander.“
„Ist schon gut.“, nahm der Weihnachtsmann die Entschuldigung an. „Ist ja nichts Schlimmeres passiert.“
Dann lud er die unerwarteten Gäste auf einen entspannenden Kaffee in sein Haus ein.

(c) 2017, Marco Wittler

604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

553. Das kleine Geschenk

Das kleines Geschenk

Am Nordpol liefen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. In der Wichtelwerkstatt des Weihnachtsmanns liefen sekündlich große und kleine Geschenke vom Band, die seine Wichtel in liebevoller Arbeit hergestellt und wunderschön verpackt hatten. Nach und nach wurden sie alle in den großen Sack, der sich bereits auf dem Weihnachtsschlitten befand, geladen.
Seit Anfang Dezember gab es kaum noch Pausen. Ständig kamen mit der Post neue Wunschzettel von Kindern auf der ganzen Welt. Jedes von ihnen hatte einen ganz besonderen Wunsch, der erfüllt werden wollte.
Rund um die Uhr lasen die Wichtel Briefe der Kinder und gaben neue Geschenke in Auftrag.
Der Weihnachtsmann saß derweil in einem großen Ohrensessel in seinem Büro und blätterte in seinem goldenen Buch. Dort drin standen die Namen aller Kinder. Jedes von ihnen würde er besuchen. Jedem würde ein Geschenk mitbringen. Die artigen Kinder bekamen große Geschenke, die nicht ganz so artigen Kinder bekamen kleine Geschenke. Bestraft, wie es manche Eltern gern vor Weihnachten erzählten, wurde natürlich kein einziges Kind. Weihnachten sollte auch in Zukunft das Fest der Liebe, der Familie und der Freude sein und kein Fest der Angst.
Ungeduldig warf der Weihnachtsmann einen Blick auf die kleine Uhr, die auf dem Schreibtisch vor ihm stand. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Schon in wenigen Stunden musste er sich auf den Weg machen. Also stand er auf, steckte das goldene Buch in seine große Manteltasche und begab sich auf einen Rundweg durch die Wichtelwerkstatt. Alles lief ordnungsgemäß nach Plan. Fast alle Geschenke waren bereits fertig. Das ließ er sich auch noch einmal von seinem Oberwichtel bestätigen.
»Wir liegen voll und ganz im Zeitplan, Chef. Weihnachten kann kommen. In einer Stunde wird der Sack gefüllt sein. Dann spannen wir die Rentiere an und du kannst starten. Es gibt dieses Jahr allerdings ein kleines Problem.«
Er holte hinter sich ein kleines Geschenk hervor.
»Dieses kleine Geschenk ist vom Fließband gefallen und hat wohl seinen Namenszettel verloren. Wir haben bereits alle Listen und Wünsche kontrolliert, finden aber nicht heraus, für welches Kind es bestimmt ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als dass du es mit nimmst und schaust, welches Kind am Ende übrig bleibt.«
Der Weihnachtsmann nickte. Leichte Aufgabe. Das sollte er mit Links schaffen. Es hatte noch kein einziges Weihnachtsfest gegeben, an dem er nicht alle Kinder glücklich gemacht hatte. Also machte er sich auf seinen langen und anstrengenden Weg.
Sein Flug ging um die ganze Welt. Von einem Land zum nächsten, von Stadt zu Stadt und von Haus zu Haus. Überall kletterte er durch die Kamine und legte Geschenke für die Kinder unter die Weihnachtsbäume.
Der Geschenkesack wurde von Stunde zu Stunde leerer, bis er zum Ende der Nacht komplett ausgeräumt war. Zufrieden warf der Weihnachtsmann noch einen Blick in sein goldenes Buch. Er hatte jedes einzelne Kind beschenkt. Er war fertig und konnte nach Hause zurück.
Doch dann fiel ihm etwas ein. Da war noch das kleine Geschenk, das keinen Namenszettel trug. Der Weihnachtsmann strich sich nachdenklich über den Bart.
»Du scheinst niemandem zu gehören. Ich habe kein Kind vergessen. Sehr seltsam ist das. Ich nehme dich erstmal mit. Vielleicht haben meine Wichtel mittlerweile etwas über dich heraus gefunden.«

Als der Weihnachtsmann endlich zu Hause war, fand er keinen seiner Wichtel in seiner Werkstatt vor. Sie hatten so lange und viel gearbeitet, dass sie wohl schon alle in ihren Betten lagen. Sie hatten es sich mehr als verdient.
Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des Weihnachtsmanns. Er sah wieder auf das kleine Geschenk.
»Weißt du was? Ich nehm dich einfach mit zu mir. Du wirst mein persönliches Weihnachtsgeschenk – das erste, dass ich mir in der langen Zeit als Weihnachtsmann gönne.«
Voll Vorfreude ging er in sein Haus, setzte sich in seinen gemütlichen Sessel und stellte das kleine Geschenk vor sich auf den Tisch. Stundenlang besah er sich die glänzende Verpackung und genoss diesen Anblick. Er bekam nicht genug von den vielen Gedanken, was sich im Innern befinden könnte.
Irgendwann hielt er die Spannung nicht mehr aus. Er öffnete die Verpackung, sah hinein und freute sich über sein Geschenk wie kein Mensch zuvor.
Zur gleichen Zeit wurde er durch ein Fenster beobachtet. Draußen im Schnee stand sein Oberwichtel, der vor sich hin grinste. Sein Plan war aufgegangen. Schon oft hatte er versucht, den Weihnachtsmann zu beschenken. Jedes Jahr hatte dieser aufs Neue sein Geschenk abgelehnt.
»Die Geschenke sind für die Kinder gedacht.«, war immer wieder seine Ausrede gewesen.
Aber nun hatte der Oberwichtel endlich einmal Glück gehabt. Davon musste er gleich den anderen Wichteln erzählen.

(c) 2016, Marco Wittler

124. Das Leben unter dem Eis oder „Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?“ (Papa erklärt die Welt 19)

Das Leben unter dem Eis
oder ›Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?‹

Draußen war es bitter kalt. Der Winter hatte das Land fest in seinem Griff und wollte noch lange nicht wieder locker lassen. Mit jedem Tag sanken die Temperaturen weiter und unzählige Schneeflocken ließen den die weiße Pracht vor den Türen der Häuser dicker werden. Die Erwachsenen Fluchten täglich vor sich hin, wenn sie die Gehwege frei schieben und ihre Autos ausbuddeln mussten.
Die Kinder der Stadt freuten sich dafür umso mehr. Jeden Tag wurden größere Schneemänner gebaut. Es war fast schon zu einer Meisterschaft geworden. Wer noch etwas Zeit übrig hatte, holte den Schlitten aus dem Keller, raste die verschneiten Wiesen herab oder beteiligte sich an einer der vielen Schneeballschlachten, die überall stattfanden.
Der Winter hatte sich mit all seiner Pracht über die Welt gelegt und machte es sich nun richtig gemütlich.
Es war spät geworden. Nach und nach verschwanden die Kinder in ihren Häusern und wärmten sich anschließend im heißen Badewasser wieder auf.
Sofie war nur eines der vielen Kinder, die davon unheimlich begeistert waren. Nach dem Mittagessen verschwand sie mit ihren Freundinnen im Schnee und kam erst zurück, wenn es langsam dunkel wurde. So war es auch an diesem Tag.
Sie hatte sich nach dem Bad ihr Nachthemd angezogen und war kurz davor, sich ins Bett zu legen, als Papa noch mit einer heißen Schokolade mit Schlagsahne herein kam.
»Hier, die kannst du trinken, während ich dir noch eine Geschichte vorlese.«
Er trat an ein Regal und zog ein Buch hervor. Damit setzte er sich auf das Bett und begann zu blättern.
»Was darf es denn heute sein?«
Sofie dachte angestrengt nach, aber eigentlich hatte sie heute ausnahmsweise gar keine Lust, aus dem Buch etwas vorgelesen zu bekommen.
»Kannst du mir nicht lieber eine Frage beantworten?«, fragte sie.
Papa legte das Buch fort.
»Was brennt dir denn auf der Seele?«
»Im Kindergarten hat mir heute einer der Jungs eine Frage gestellt. Weil ich keine Antwort wusste, lachte er mich aus und lies mich einfach stehen. Und nun grübel ich schon den ganzen Tag darüber nach.«, berichtete Sofie.
Papa nahm sie in den Arm und drückte sie.
»Du hast ja fiese Jungs in deinem Kindergarten. Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden.«
»Papa, warum fressen Eisbären keine Pinguine?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem dicken Eisbären und einer Horde Pinguine. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer und dicker Eisbär. Wie alle anderen Eisbären lebte auch er am Nordpol. Das ganze Jahr über herrschte eisige Kälte, überall lag Schnee und für ein halbe Jahr lang wollte die Sonne nicht scheinen. Es blieb also eine ganz schön lange Zeit dunkel.
»Oh, man, ich habe ich einen großen Hunger. Ich könnte ein ganzes Pferd verputzen, wenn es hier welche gäbe. Aber, egal wohin ich ich auch schaue, es gibt nur Eis und Schnee. Davon kann ein Eisbär doch nicht richtig satt werden.«
Der Name des Bären war Bruno. Er konnte ein ziemlich brummiger Geselle sein, wenn sein Magen zu knurren begann. Und das tat er praktisch immer, denn Bruno war viel zu faul, sich etwas zum Fressen zu fangen. Er wartete lieber ab, bis ein anderer Bär sich die Arbeit machte. Danach war es ziemlich leicht diesen zu vertreiben. Schließlich war Bruno der größte Bär in der ganzen Umgebung. Doch heute hatte er einfach kein Glück. Er war allein.
»Da werde ich wohl doch noch auf die Jagd gehen müssen. Hoffentlich sieht mich niemand. Das könnte glatt meinen guten Ruf zerstören.«
Mit größter Mühe und unter unglaublicher Anstrengung grub er mit seinen Pranken ein Loch in das Eis, bis das Wasser unter ihm frei war. Vorsichtig sah er hinein in hielt nach Fischen Ausschau. Es waren aber keine zu sehen.
»Das kann doch nicht wahr sein. Wo ist dein mein Mittagessen geblieben?«
Bruno ging einige hundert Meter weiter, buddelte ein neues Loch und spähte erneut hinein. Aber zum zweiten Mal war nichts zu sehen.
»Da war doch glatt jemand schneller als ich. Wenn ich denjenigen erwische, gibt es ordentlich einen auf die Mütze. Das hier ist doch mein Revier.«
Der Eisbär war sauer und obendrein wurde er immer hungriger.
»Ich brauche was zum Futtern!«, brüllte er über das Eis.
In diesem Moment wurde er auf einen kleinen schwarzen Fleck am Horizont aufmerksam. Bruno war nicht nur neugierig, was sich dort in seinem Revier befand, sondern vermutete sofort, dass es sich um den Fischdieb handelte. Mit einer großen Wut im Bauch lief er direkt auf diesen Punkt zu.
Es kam dem Bären wie eine Ewigkeit vor, als er an seinem Ziel ankam. Vor ihm saß ein kleines Tier im Schnee und buddelte ein Loch durch das Eis.
»Was bist du denn für ein komischer Vogel?«, fragte Bruno.
Es war tatsächlich ein kleiner Vogel, den er vor sich sah. Er trug einen schicken schwarzen Frack und darunter ein sauberes, weißes Hemd.
»Ich bin ein Pinguin. Und nun verschwinde, du störst mich bei der Arbeit. Ich muss noch Fische für meine Sippe fangen.«
Ein Pinguin? Von so einem Vogel hatte Bruno bis heute noch nie etwas gehört.
»Was auch immer du bist, du stiehlst mir mein Mittagessen. Es gibt keinen Fisch mehr, also werde ich dich auffressen. So einfach ist das. Und nun halt still.«
Der Vogel erschrak. Er wollte schnellstens davon fliegen, hatte aber vergessen, dass Pinguine gar nicht fliegen können. So landete er alles andere als elegant auf seinem Bauch und direkt vor den Füße des Eisbären.
In diesem Moment kam ihm eine Idee. Er nahm allen Mut zusammen und pickte mit seiner Schnabelspitze in die Pranken des Bären.
»Au, verdammt. Lass das sein. Au, bitte nicht. Ich brauche meine Füße noch. Au.«
Bruno wich ein paar Schritte zurück, um die Lage wieder unter seine Kontrolle zu bekommen. So schwierig hatte er sich seine Mahlzeit gar nicht vorgestellt. Er wartete einen Moment und sprang dann ganz plötzlich mit weit aufgerissenem Maul vorwärts.
Und schon wieder spürte er die spitzen Stiche. Allerdings in allen vier Pfoten gleichzeitig. Wie konnte das nur sein? Als er sich umsah, entdeckte er eine ganze Horde Pinguine, die ihn attackierte.
»Hey, Leute, so geht das nicht. Ich bin hier der Bär und ihr seid das Futter. Also macht es mir nicht so schwer.«
Die Pinguine wollten aber nicht hören und vertrieben schließlich den Bären. Dann verschwanden sie wieder in ihren Verstecken im Schnee.
Bruno hatte nun die Nase voll und suchte das Weite. Irgendwo anders würde er auch etwas zu futtern bekommen. Enttäuscht trottete er über den Schnee und war schon bald nicht mehr zu sehen.

»Da siehst du mal, was Pinguine doch für schlaue Tiere sind. Hättest du gedacht, dass sie mit einem ausgewachsenen Eisbären zurecht kommen?«
Sofie schüttelte mit dem Kopf. Das hätte sie tatsächlich nicht. Doch dann fiel ihr plötzlich etwas ein.
»Mensch, Papa, die Geschichte war zwar lustig, aber ich glaube dir trotzdem kein einziges Wort davon. Dafür weiß ich jetzt aber die richtige Antwort auf die Frage.«
Papa machte ein erstaunt abwartendes Gesicht.
»Dann erzähl doch mal.«
»Vor ein paar Monaten waren wir doch im Zoo und haben dort ganz viele verschiedene Tiere gesehen. Da waren auch Eisbären und Pinguine dabei. Der Zooführer hat uns doch erzählt, dass Eisbären nur am Nordpol und Pinguine nur am Südpol leben. Also können sie sich niemals über den Weg laufen. Wenn ein Eisbär einen Pinguin frisst, dann geschieht das nur im Zoo.«
Sie setzte eine triumphierende Miene auf, während sie Papa aus dem Zimmer schob, das Licht abschaltete und sich zum Schlafen ins Bett legte.
»Ich bin halt ein schlaues Mädchen und lasse mir nicht einfach einen Bären aufbinden.«

(c) 2008, Marco Wittler