275. Da klappern doch die Zähne

Da klappern doch die Zähne

Jimmy lag unter dem Bett und zitterte. Er bibberte am ganzen Körper und seine Zähne klapperten ohne Pause. Mit seinen großen Händen hielt er sich die Augen zu.
»Warum ist die Welt nur so grausam? Warum besteht sie nur aus so vielen schrecklichen Wesen?«
In diesem Moment kam sein Stubenkamerad Bob herein.
»Oh nein.«, stöhnte er.
»Ist es schon wieder so weit?«
Jimmy sah nur kurz zu ihm hoch, schloss dann aber gleich wieder seine Augen.
»Ich komme nicht raus, egal was du sagst. Ich habe viel zu viel Angst, dass mich irgendetwas da draußen anfällt und frisst. Wahrscheinlich denken diese Ungeheuer jetzt schon darüber nach, wie sie hier eindringen können und mich anschließend lecker zubereiten können. Ich mache da einfach nicht mit.«
Bob verzweifelte. Tagein und tagaus das selbe Problem. Und bisher hatte er es noch nie geschafft, seinen Freund unter dem Bett hervor zu bekommen.
»Du musst endlich mal erwachsen werden und dich deiner Angst stellen.«, entschied Bob.
»Du hast noch kein einziges Mal in deinem Leben dieses Haus verlassen. Du weißt doch gar nicht, was dich da draußen erwartet.«
Jimmy rutschte noch etwas weiter unter sein Bett.
»Doch, das weiß ich ganz genau. Im Fernsehen haben sie davon berichtet. Sie sehen grässlich aus und fressen jedes normale Wesen wie mich.«
Was sollte man nur dagegen unternehmen? So eine Panik würde doch jeden davon abhalten, ins Freie zu gehen.
Bob dachte angestrengt nach. Irgendwie musste es ihm doch gelingen, seinen Freund auf die Straße zu befördern.
»Die frische Luft wird dir gut tun.«
Doch dieser Vorschlag reichte noch nicht aus.
»Ich habe bisher auch ganz gut ohne sowas gelebt.«, antwortete Jimmy.
Bob wollte verzweifeln. Er warf einen Blick aus dem Fenster und staunte. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah.
Sofort lief er durch die ganze Wohnung und durchsuchte Schubladen und Schränke, bis er fand, wonach er suchte.
»Unglaublich. Das wirst du nicht glauben.«, rief er laut.
Jimmy wurde neugierig und sah durch seine Finger hindurch.
»Was willst du denn mit dem Staubwedel anstellen?«
Bob schüttelte kräftig den Kopf.
»Du hast doch überhaupt keine Ahnung. Das ist kein Staubwedel, sondern der super mega geheime Zauberstab meines Großvaters. Damit konnte er böse, gemeine Ungeheuer in ganz normale Wesen verwandeln.«
Er lief zum Fenster, schwang den Staubwedel hin und her, während er unverständliche Zaubersprüche nuschelte.
»So. Schon erledigt. Jetzt können wir ganz gefahrlos nach draußen gehen. Es wird uns nichts und niemand anfallen. Dir wird nichts geschehen.«
Jimmy wollte es eigentlich nicht glauben, aber die Hoffnung war stärker. Also krabbelte er vorsichtig unter dem Bett hervor und warf einen nervösen Blick aus dem Fenster.
»He, du hast ja Recht. Das glaub ich einfach nicht. Da sind wirklich nur ganz normale Leute auf der Straße und es geht richtig friedlich vor sich.«
Er machte vor Freude einen Luftsprung und umarmte seinen Freund Bob.
»Los, lass uns nach draußen gehen. Es ist ein so herrlicher Tag.«
Gemeinsam öffneten sie nur Sekunden später die Tür und gingen an die frische Luft. Jimmy sah sich freudig um und begrüßte jeden, der ihm entgegen kam.
»Hallo, Herr Vampir und hallo, Frau Zombie.«, rief er.
»Seien sie gegrüßt, Fräulein Geist.«
Er konnte sich sogar nicht davon abhalten lassen, Herrn und Frau Mumie die in Stoffen eingewickelten Hände zu schütteln. Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Gab es denn nun überhaupt welche?
Die größte Freude überkam Jimmy, als er eine Horde Monster über einen Zebrastreifen flitzen sah.
»Schau mal. Die sehen so aus wie ich.«
Bob atmete erleichtert auf. Doch ein wenig war er noch verwundert. Warum hatten sich die Menschen als Monster verkleidet?
Plötzlich wehte der Wind durch die Straße und blies eine Zeitung vor sich her. Bob hob sie auf und sah auf die Titelseite. Dort stand:
›Menschen in Kostümen. Heute ist Halloween.‹

226. Angst vor Gewittern

Angst vor Gewittern

Nils und Lili standen im Garten und sahen in den Himmel hinauf.
»Das sind aber viele Wolken.«, sagte Nils.
»Ob es gleich regnen wird?, fragte Lili.
Ihr Bruder zuckte nur mit den Schultern. Ihm war es egal. Im Moment war es noch trocken. Also warum sollte er sich sorgen machen?
Mit einem geübten Sprung landete er punktgenau im Sandkasten. Schon seit Tagen arbeitete er an seinem großen Projekt. Er wollte, die größte und schönste Sandburg besitzen, die je ein Kind gebaut hatte.
Lili saß jeden Tag bei ihm und sah begeistert zu, wenn sie nicht gerade nützliche Tipps gab, wie man die einzelnen Türme noch verschönern könnte.
Während die zwei Kinder dafür sorgten, dass die Burg entstand, zogen weitere Wolken über den Himmel. Mittlerweile waren die dick, schwer und dunkel geworden. Es schien sich ein starker Regenschauer anzukündigen. Es wurde trotzdem weiter im Sand gebaut.
Irgendwann sah Mama aus dem Fenster.
»Kinder, wollt ihr nicht lieber rein kommen? Es wird bestimmt gleich kräftig regnen. Ihr wollt doch nicht nass werden.«
Aber Nils schüttelte den Kopf. Die Burg war noch nicht fertig. Lili verneinte ebenfalls.
»Wenn Nils nicht rein geht, dann bleibe ich auch draußen.«
Doch ein paar Minuten später war es dann so weit. Von allen Seiten her grummelte es. Immer wieder jagten Blitze durch den Himmel. Die ersten Regentropfen fielen zu Boden.
»Wollen wir nicht doch rein gehen?«, fragte Lili besorgt.
»Ich hab doch Angst vor Gewittern.«
Nils sah sich verzweifelt um.
»Aber die Burg ist doch noch nicht fertig. Und wenn es jetzt anfängt zu regnen und wir aufhören, ist sie bis Morgen nur noch ein Haufen Matsch.«
Also blieben sie.
Der Regen wurde immer stärker. Schon bildeten sich kleine Pfützen im Sandkasten. Die Blitze kamen immer schneller und der Donner wurde ständig lauter.
»Jetzt will ich nicht mehr.«, rief Lili.
Das Mädchen sprang auf und lief zitternd ins Haus. Nils hatte ebenfalls die Angst gepackt. Gewitter waren ihm nicht geheuer.
Nun standen die beiden am Fenster und sahen traurig auf die Sandburg.
»Ich habe so lange daran gearbeitet.«, sagte Nils enttäuscht.
»Morgen ist nichts mehr davon übrig.«
Mama legte ihm ihre Hände auf seine Schultern und versuchte ihn aufzumuntern. Doch das klappte einfach nicht.
Plötzlich lief Nils los. Hatte er sich so sehr beim letzten Donnerschlag erschrocken? Nein, denn er stürmte in den Keller und kam kurz darauf mit zwei Windschutzmuscheln wieder hoch.
»Los Lili, komm mit nach draußen. Die Muscheln stellen wir als Zelt über die Burg. Dann bleibt sie ganz.«
Er öffnete die Tür zum Garten und lief los. Seine Schwester bleib allerdings im Haus und sah verzweifelt aus. Nur zu gern hätte sie geholfen. Aber sie traute sich einfach nicht.
Nils mühte sich ab. Es wollte einfach nicht so klappen, wie er es sich vorgestellt hatte. Immer wieder blies der Wind die Schutzmuscheln fort. Allein konnte er das unmöglich schaffen.
Lili fasste sich ein Herz. Sie holte sich ihre große Lieblingsmütze, zog sie tief ins Gesicht und lief nach draußen.
Es blitzte und donnerte kurz darauf. Doch davo ließ sie sich nun nicht mehr abhalten. Die große Sandburg war in Gefahr und musste unbedingt gerettet werden.
»Sag mal, schaffst du es mal wieder nicht ohne mich?«, fragte sie Nils und stellte sich stolz in den Regen.
»Wurde auch Zeit, dass du kommst. Warum hat es so lange gedauert?«
Lili lachte.
»Ich musste erst meine Mütze suchen. Dachtest du, ich hätte Angst? Im Leben nicht.«
Nun stellten sie gemeinsam die Muscheln auf. Aber der Wind war einfach zu stark.
»Ich habe eine Idee.«, sagte Lili.
»Wir bleiben hier draußen und halten sie fest, bis der Regen aufgehört hat. Das ist doch nur ein Gewitter.«
Nils sah sich zuerst ängstlich um. Bei diesem Wetter wollte er eigentlich nur so lange wie nötig draußen bleiben. Aber da selbst seine Schwester so mutig war, konnte er nun nicht mehr kneifen.
Die Kinder blieben tatsächlich die ganze Zeit draußen und beschützten ihre Burg, bis eine halbe Stunde später auch die letzten Regentropfen verschwunden waren und die Sonne zum Vorschein kam.
Die Burg war gerettet. Sie hatte nur hier und da ein paar kleine Beschädigungen, die von Nils aber schnell repariert werden konnten.
Schon am nächsten Tag konnten sie die größte und schönste Burg aller Zeit präsentieren.

(c) 2009, Marco Wittler

183. Im Zeltlager

Im Zeltlager

Dunkelheit hatte sich über das Land gelegt. Dichte Wolken zogen über den Himmel und ließen kein Licht zum Boden gelangen. Alle Bäumen des Waldes schienen den Atem anzuhalten. Kein Windhauch raschelte an ihren Blättern entlang. Die Grillen waren verstummt. Es war totenstill.
Inmitten dieser Einsamkeit standen ein paar kleine Zelte auf einer Lichtung. Zwischen ihnen loderte ein Lagerfeuer. Sein Knistern war das einzige Geräusch weit und breit.
»Findet ihr nicht, dass es plötzlich auffällig still geworden ist?«, fragte Erik seine beiden Freunde.
Daniel und Tim sahen sich ängstlich um.
»Meinst du etwa, es gibt Geister hier im Wald? Hoffentlich bleiben die, wo sie sind.«
Schon bereuten sie ihren Entschluss, mit zum Zeltlager gefahren zu sein. Wenn doch nur der Gruppenleiter wieder auftauchen würde. Er wollte doch nur ganz kurz ins Zelt gehen, um sich etwas Orangensaft zu besorgen. Die drei Jungen hatten das Gefühl, dass das schon vor einigen Stunden gewesen war.
»Wenn er jetzt nicht bald kommt, siehst du nach, was passiert ist.«, sagte Erik zu Tim.
»Warum muss ich denn nachsehen. Ich lasse mir doch nichts von dir befehlen.«, entgegnete dieser.
Daniel sah tief in den Wald hinein und tat so, als hätte er die beiden nicht gehört. Angst hatten sie alle drei. Aufstehen wollte keiner von ihnen.
»Dann gehen wir halt alle drei, wenn es sein muss. Ihr sollt euch ja nicht in die Hosen machen, wenn ich in den Zelten nachschaue.«, konterte nun Erik wieder.
Plötzlich knackte es im Wald. Irgendetwas war ganz in der Nähe.
»Was ist das?« Daniel wäre nur zu gern aufgesprungen und hätte sich unter einem Haufen Blätter versteckt. Doch selbst das war ihm jetzt zu gefährlich geworden.
»Hier am Feuer sind wir doch sicher.«, sprach er mit zittriger Stimme.
»Geister, Gespenster und wilde Tiere fürchten sich doch davor. Oder etwa nicht?«
Seine Freunde sagten nichts mehr. Sie hielten sich an den Händen und erwarteten das Schlimmste. War es ein Vampir oder sogar noch eine schlimmere Kreatur, die auf sie wartete?
Wieder knackte es, dieses Mal ein paar Meter weiter rechts. Die drei Jungen zuckten sofort zusammen. Sie sprangen auf, schrien und liefen auf eines der Zelte zu. Sie sahen sich nicht um, obwohl sie schwere Schritte hinter sich hörten.
Kurz bevor sie ihr rettendes Ziel erreicht hatten, wurden sie an den Armen gepackt und gehalten.
»Bitte friss uns nicht auf. Wir sind doch nur unschuldige Kinder.«, riefen sie in ihrer Verzweiflung.
»Warum sollte ich euch den fressen wollen?«
Es war der Gruppenleiter, der hinter ihnen stand. Er wunderte sich sehr, was in die drei Jungen gefahren war.
»Ach, ich verstehe. Ich habt gehört, wie ich durch den Wald gelaufen bin. Das hat euch bestimmt erschreckt.«
Er kratzte sich am Kopf.
»Ich hab euch doch gesagt, dass ich im Dorf noch eine Flasche Saft kaufen gehe.«
Nun war auch geklärt, warum das alles so lange gedauert hatte.
Erik und seine Freunde waren erleichtert und konnten schon wieder etwas lächeln. Doch dann knackte es erneut im Wald.

(c) 2009, Marco Wittler