519. Teddys für alle oder „Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?“ (Papa erklärt die Welt 38)

Teddys für alle
oder »Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?«

Sofie und Papa gingen an einem schönen Sonntag Nachmittag gemeinsam am nahen Fluss spazieren. Am Ufer wuchsen schöne Blumen und dichte Büsche in denen sich viele kleine Insekten tummelten und Nektar schlürften. Hier und da schnupperte Sofie begeistert an den Blüten und erfreute sich an den herrlichen Düften.
»Schau mal, Papa. Die Blume ist aber besonders groß.«
Sofort lief sie den Weg entlang und wollte sich die große Pflanze zum riechen herunter ziehen, als Papa sie bremste.
»Bleib stehen! Fass sie bloß nicht an. Die ist gefährlich.«
Sofie blieb tatsächlich stehen und drehte sich um. »Das ist doch nur eine Blume. Die kann doch nicht gefährlich sein. Sie wird mich bestimmt nicht auffressen oder in den Fluss werfen.«
Papa grinste. »Das vielleicht nicht. Aber wenn man sie berührt, bekommt man ganz schlimme Verbrennungen.«
Sofie verdrehte die Augen. »Das glaube ich dir nicht. Ich sehe hier gar kein Feuer und heiß ist die Blume auch nicht. Das kann doch gar nicht funktionieren.«
Papa setzte sich auf eine Bank. Seine Tochter setzte sich dazu.
»Wenn man den Saft dieser Pflanze auf die Haut bekommt und dann die Sonne darauf scheint, dann ist das so, als wenn man brennen würde. Das ist sehr, sehr gefährlich.«
Sofie bekam große Augen, denn beinahe wäre ihr das passiert.
»Das ist aber eine richtig böse Pflanze. Warum tut die das?«
»Das macht der Riesenbärenklau, so heißt sie, um sich zu schützen.«
»Riesenbärenklau?« fragte Sofie überrascht. »Warum heißt die Blume Riesenbärenklau?«
Sie dachte ein paar Sekunden nach, bevor sie die nächste Frage stellte.
»Papa, warum klauen Riesen eigentlich Bären?«
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Farbe der Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine alte Frau, die den ganzen Tag in ihrer Puppenstube saß und kleine Puppen herstellte. Sie machte ihre Arbeit gut, denn ihre Puppen waren die schönsten in der ganzen Stadt. Ihr ganzes Leben hatte sie nichts anderes gemacht. Mit ihren Puppen hatte sie ohne Ausnahme alle Kinderaugen der Stadt glücklich gemacht. Irgendwann gab es in jedem Haus so viele Puppen, dass niemand mehr welche kaufen wollte. Also überlegte die alte Frau recht lange nach, womit sie in Zukunft den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte.
Wochenlang schloss sie sich in ihrer Puppenstube ein und probierte vieles aus. Sie erfand kleine Holzfiguren, baute Schiffchen, entwarf große Papierdrachen und mehr. Aber nichts von allem gefiel ihr.
An einem frühen Abend, kurz vor Sonnenuntergang machte sie einen Spaziergang im nahem Wald. Kurz bevor es zu dunkel wurde, hörte sie plötzlich ein Geräusch. Zwischen den dicken Bäumen entdeckte sie einen großen, braunen Bären, der auf der Suche nach Futter war. Die alte Frau hielt den Atem an und versteckte sich ängstlich, bis der Bär verschwunden war. Dann machte sie sich eilig auf den Weg nach Hause.
In der Nacht hatte sie plötzlich eine Idee.
»Ich werde kleine Bären zum Kuscheln nähen. Das wird den Kindern bestimmt gefallen.«
Sofort machte sie sich an die Arbeit, bis am nächsten Morgen ein fertiger Kuschelbär in ihrem Schaufenster stand.

Nicht nur die Kinder der Stadt, sondern auch ihre Eltern drückten sich wenig später ihre Nasen am Fenster platt. Der kleine Bär dahinter zog sie magisch an. Jeder wollte einen haben. Das Problem war, dass es nur einen gab.
Die alte Frau hatte tatsächlich etwas gefunden, was sie nun jeden Tag herstellen konnte.
Tag für Tag landeten neue Bären in ihrem Laden, die aber nur wenige Augenblicke dort blieben. Sie wurden sofort begeistert gekauft. Sie verkauften sich sogar besser als die Puppen zuvor.

Nach ein paar Tagen kamen ein paar weinende Kinder in die Puppenstube. Ihre Bären waren spurlos verschwunden.
Von nun an verschwanden jede Nacht mehr Kuschelbären. Irgendwer brach in die Häuser ein, schnappte sie und verschwand ungesehen in der Dunkelheit.
Das ärgerte die alte Frau so sehr, dass sie eines Abends mehrere Bären vor die Eingangstür der Puppenstube ablegte und sich dann in einer dunklen Ecke versteckte.
Irgendwann ging die Sonne unter, der Mond ging auf und die Sterne begannen am Himmel zu funkeln. Die Menschen der Stadt gingen schlafen und die Kinder hatten Angst um ihre Kuschelbären.
Irgendwann in der tiefen Nacht näherte sich ein großer, kaum sichtbarer Schatten der Puppenstube. Er war nicht nur groß, er war riesig. Die alte Frau hielt erschrocken den Atem an und beobachtete, wie die Kuschelbären ergriffen und entführt wurden. Dann verschwand der Schatten wieder in der Dunkelheit.
Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, folgte sie dem Bärendieb. Er bewegte sich sehr schnell mit großen Schritten durch den Wald, bis er bei Sonnenaufgang an einem Flussufer halt machte und die Bären hinter einer großen Pflanze versteckte und sich dann in eine Höhle zurückzog.
Die Frau sah vorsichtig hinter die Pflanze und entdeckte einen großen Haufen ihrer Bären.
»Das glaube ich einfach nicht. Hier sind sie alle.«
Sie wollte gerade den Fund aus dem Versteck holen, als eine große Hand sie festhielt.
»Bleib stehen! Fass sie bloß nicht an. Die ist gefährlich.«
Die alte Frau drehte sich erschrocken um und blickte in das Gesicht eines Riesen. Sofort geriet sie in Panik und begann zu schreien.
»Ich werde dir nichts tun. Aber du darfst die Pflanze nicht berühren. Sie würde dir die Haut verbrennen.«
Sofort entfernte sie sich ein paar Schritte von dieser Gefahr und versuchte sich zu beruhigen.
»Aber warum klaust du alle Bären der Stadt und versteckst sie hier?«
Der Riese seufzte und wischte sich eine dicke Träne aus seinem rechten Auge.
»Die Bären sind so schön und so kuschelig. Ich wollte für mich und die anderen Riesen auch welche davon haben. Aber wenn ich in die Stadt zum Einkaufen gehe, erschrecken sich alle Menschen zu Tode. Ich hätte nie einen bekommen. Hinter der Pflanze verstecke ich sie, damit sie mir niemand mehr abnimmt. Wer es trotzdem versucht, verbrennt sich nicht nur die Finger.«
»Ich werde euch helfen.« sagte die alte Frau schließlich. »Für jeden Bären, den ich für die Kinder in der Stadt nähe, werde ich einen anderen Bären für euch machen. Ich werde sie alle hinter der großen Pflanze verstecken, wo ihr sie euch dann abholen könnt. Und ich werde niemandem von euch erzählen.«

Papa lächelte, als er die Geschichte beendete.
»Die Frau gab dann der Pflanze noch einen Namen. Da der Riese ständig Bären geklaut hatte, nannte sie diese große Blume Riesenbärenklau. Danach erzählte sie allen Menschen in der Stadt, dass man sich ihr nicht nähern dürfe, weil man sich an ihr sehr schlimm verbrennen könne.«
Sofie drückte Papa an sich. »Das war eine tolle Geschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«
Dann stand sie von der Bank auf und ging den Weg am Fluss weiter. Um jeden Riesenbärenklau, den sie sah, machte sie von nun an einen großen Bogen.

(c) 2015, Marco Wittler

249. Papas Stimme

Papas Stimme

Lena saß auf dem Bett und wartete auf Papa.
»Wo bleibst du denn?« rief sie nach unten, während sie ungeduldig mit dem Fingern auf der Bettdecke trommelte.
Und schon waren Schritte auf der Treppe zu hören. Schnell näherten sie sich dem Kinderzimmer. Allerdings war es nicht Papa, der Sekunden später durch die Tür herein kam, sondern Mama.
»Es tut mir leid, mein Schatz, aber Papa ist noch nicht zu Hause.
Lena war enttäuscht.
»Aber er liest mir doch jeden Abend eine Geschichte vor. Er muss unbedingt nach Hause kommen.«
Beinahe hätte sie zu weinen begonnen, als plötzlich das Telefon klingelte.
Mama lief die Treppe hinunter und nahm das Gespräch an. Noch während sie sprach, kam sie wieder nach oben.
»Du wirst es nicht glauben, Lena, aber der Papa hat angerufen.«
Mit diesen Worten hielt sie ihrer Tochter den Hörer hin.
»Papa? Bist du das?«, fragte Lena vorsichtig.
Papa antwortete sofort und entschuldigte sich, nicht zu Hause sein zu können.
»Es hat hier stark geregnet. Dadurch ist so viel Wasser auf der Straße, dass es im Moment nicht weiter geht. Ich kann nur hier im Auto sitzen und warten.«
Nun war Lena nicht mehr so traurig, wie noch vor ein paar Minuten.
»Ach Papa, ist nicht schlimm. Dafür telefonieren wir ja jetzt und ich kann deine Stimme hören. Willst du mir nicht eine Geschichte vorlesen, wenn du nichts zu tun hast?«
Doch da war schon das nächste Problem, denn Papa hatte kein einziges Buch mit Kindergeschichten dabei.
Lena verdrehte die Augen und lachte. Sie hatte sich wohl schon etwas ausgedacht. Sie sprang auf, lief zum Schrank und holte ein Bilderbuch hervor.
Nach und nach blätterte sie durch die Seiten und erzählte Papa eine Geschichte zu den Bildern, die sie sah, bis sie zufrieden einschlief.

(c) 2009, Marco Wittler

215. Das Licht des Mondes oder „Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?“ (Papa erklärt die Welt 29)

Das Licht des Mondes
oder ›Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?‹

Es war spät geworden. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden und der Mond zog einsam seine Bahn durch das unendliche Sternenmeer.
Sofie saß an ihrem Fenster und wartete bereits auf Papa, der ihr noch eine Geschichte erzählen wollte. Doch es dauerte noch ein paar Minuten, bis er das Zimmer betrat.
»Was schaust du dir denn da draußen an?«
Sofie drehte sich nicht um, winkte Papa aber herbei.
»Sieh dir das mal an. Da draußen fliegen ganz viele Motten immer wieder um die Laterne herum. Tanzen sie dort vielleicht? Und bei den anderen Laternen sieht es auch nicht anders aus.«
Papa sah aus dem Fenster und zuckte mit den Schultern. Doch mit solch einer Antwort wollte sich Sofie nicht zufrieden geben. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Papa, warum fliegen die Motten immer zum Licht?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von ein paar Motten. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Motte mit dem Namen Fritz.
Fritz Motte stand vor dem Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten. Er hatte sich richtig schick gemacht und war der Meinung, nun endlich perfekt auszusehen. Denn am heutigen Abend wollte er seiner großen Liebe einen Heiratsantrag machen.
Er hatte sich mit seiner Freundin Friederike am großen einzelnen Baum auf einer Lichtung im Park verabredet.
»Folge einfach dem schimmernden Licht des Mondes.«, hatte sie gesagt. »Dann wirst du mich finden, mein Liebster.«
Und so machte sich Fritz auf den Weg. Er verließ das Haus, spannte seine kleinen Flügel weit auseinander und flog los.
Zuerst musste er sich ein wenig orientieren. Er stieg weit hinauf zum Himmel, bis er den Mond leuchten sah.
»Da ist er ja.«
Nun wusste er, in welche Richtung er fliegen musste. Nach ein paar Minuten sollte er den Baum und damit seine Braut, erreicht haben. Doch schon nach kurzer Zeit, stieß er sich am Mond den Kopf.
»Autsch. Was ist denn das?«
Er flog ein weiteres Mal auf das Licht zu, schließlich hatte er gelernt, dass der Mond so weit entfernt war, dass keine Motte ihn jemals erreichen könnte. Doch auch diesmal stieß er sich ein weiteres Mal.
»Verdammt, das kann doch gar nicht wahr sein. Der Mond ist direkt vor mir. Wie kann er mir dann noch den Weg weisen? Ich bin doch noch gar nicht am Baum der Liebe angekommen.«
In seiner Verzweiflung flog er immer wieder auf das helle Licht zu. Irgendwann musste er einfach weiter voran kommen und den restlichen Weg finden.
Es wurde immer später. Die Minuten und Stunden rannen davon. Fritz bekam immer größere Angst, dass seine Freundin irgendwann die Geduld verlieren würde.
Nach einer ganzen Weile kam ein dicker Brummer vorbei geflogen.
»Hey, kleine Motte, was machst du denn da?«
»Ich fliege dem Mond entgegen, um meinen Weg zu finden, aber ich komme einfach nicht vorwärts. Ich bin schon völlig aus der Puste.«
Der Brummer musste laut lachen.
»Du bist mir ja ein komischer Geselle.«
Er nahm sich die Motte beiseite und setzte sich mit ihr auf einen Ast in der Nähe.
»Schau mal in diese Richtung dort. Das ist der Mond, dem du entgegen geflogen bist. Und wenn du jetzt mal in die andere Richtung siehst, entdeckst du dort den richtigen Mond. Du bist die ganze Zeit um eine Laterne geflogen. Die wurde von den Menschen aufgestellt, um die Straße zu beleuchten. Aber sie verwirren uns Insekten nur. Ich habe mehrere Tage zugebracht, bis ich hinter dieses Geheimnis gekommen bin.«
Fritz sah ein paar Mal nach Links und nach Rechts.  Zuerst wollte er nicht glauben, was er sah. Doch dann akzeptierte er seinen Fehler.
»Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich muss sofort los, damit ich meine Braut treffen kann.«
Fritz schlug mit seinen Flügel so kräftig, wie er konnte. Er sauste dem Mond entgegen und sah sich nach dem Baum um. Zum Glück erreichte er sein Ziel schon nach wenigen Minuten. Als er landete entdeckte er sofort Friederike. Noch bevor sie sich über seine Verspätung beschweren konnte, versuchte er ihr zu erklären, was geschehen war.
»Du glaubst ja nicht, was mir gerade passiert ist.«
Doch seine Freundin wollte davon nichts hören. Mit einer süßen Stimme stellte sie ihm eine Frage.
»Bist du denn nicht aus einem anderen Grund hierher gekommen?«
Da fiel es Fritz wieder ein.
»Willst du mich heiraten?«
Friederike fiel ihrem Fritz um den Hals, küsste ihn und antwortete mit einem Ja.

Sofie sah wieder aus dem Fenster und beobachtete die verwirrten Motten unter den Laternen.
»Und das ist der Grund, warum sie zu jedem Licht fliegen, dass sie sehen?«
Papa nickte.
»Und nun ab ins Bett mit dir.«
Er deckte seine kleine Tochter zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und wünschte ihr schöne Träume. Während er das Licht abschaltete und das Zimmer verließ, hörte er noch einmal Sofies kichernde Stimme.
»Ich glaube dir kein Wort davon.«

(c) 2009, Marco Wittler

170. Der Hirte oder „Papa, warum sehen die Wolken wie Schäfchen aus?“ (Papa erklärt die Welt 24)

Der Hirte
oder ›Papa, warum sehen Wolken wie Schäfchen aus?‹

Sofie saß verträumt vor ihrem Fenster und sah in den blauen Himmel hinauf, der langsam dunkler wurde. Hin und wieder zog eine kleine weiße Wolke über ihn hinweg. In diesem Moment kam Papa in ihr Zimmer.
»Du liegst ja noch gar nicht im Bett. Dabei ist es doch allerhöchste Zeit zum Schlafen.«
Sofie stand langsam auf und legte sich in ihr  Bett. Papa zog ihr die Decke bis knapp unter die Nase und wollte gerade ein Buch mit Gute Nacht Geschichten aus dem Regal holen, als seiner Tochter etwas einfiel.
»Papa, warum sehen die Wolken eigentlich wie Schäfchen aus?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Wolken. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal in einer Zeit, in der man noch nicht so gut über das Wetter Bescheid wusste. Die Bauern mussten einfach darauf hoffen, dass es genug Regen gab, damit ihre Felder nicht vertrockneten. Aber die Sonne musste ebenfalls reichlich scheinen, sonst verkümmerten die Pflanzen. Würde der nächste Winter mild ausfallen oder mussten die Menschen mehr Brennholz für die kalten Monate sammeln? Selbst die Kriegsheere wussten nie, ob sie bei einer Schlacht nasse Füße bekamen. Einen Wetterbericht gab es noch nicht.

Eines Tages saß König Theodor von Rotenfels in seinem Thronsaal und empfing seinen höchsten militärischen Berater.
»Es ist etwas Schreckliches geschehen, euer Majestät.«, begann dieser zu erklären.
»Mit hoch erhobenem Haupt zogen unsere Soldaten in die Schlacht gegen unser Nachbarland Schwarzenberg. Es sah danach aus, als würden wir den Krieg gewinnen. Doch dann zogen tiefgraue Wolken über den Himmel und es regnete wie aus großen Fässern. Das Schlachtfeld verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in Matsch und unsere Männer verloren darin ausnahmslos ihre Stiefel und Strümpfe. Es blieb uns nichts anderes übrig, als und zurück zu ziehen. So etwas ist uns noch nie zuvor geschehen. Die gegnerischen Truppen haben uns ausgelacht und verhöhnt.«
Als der König das hörte, wurde er wütend. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen. Er rief sofort nach seinen Beratern und dem Hofzauberer.
»Meine Herren, es muss unbedingt etwas gegen dieses verdammte Wetter unternommen werden. Es kann nicht sein, dass ich als König über alles und jeden bestimmen kann, nur die Wolken am Himmel widersetzen sich mir. Lasst euch also etwas einfallen.«
Die Berater zogen sich sogleich zurück, während der Zauberer sofort eine Idee im Kopf hatte.
»Wenn ihr erlaubt, euer Majestät, werde ich den Himmel verhexen. Er wird dann nur noch auf euer Wort hören.«
Er stellte sich an das Fenster, wirbelte wild mit seinem Zauberstab durch die Luft und murmelte Beschwörungen vor sich hin. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Sofort sah der König hinaus und rief dem Himmel entgegen.
»Lass die Wolken verschwinden und zeige mir die Sonne.«
Doch nichts geschah.
Wütend drehte er sich um, doch sein ängstlicher Zauberer war bereits aus dem Thronsaal verschwunden.

Ein paar Tage später traten die Berater wieder vor den König. Sie mussten ihm mitteilen, dass sie keine Lösung für das Problem gefunden hatten. Der Himmel entzog sich einfach ihrer Macht.
»Aber es muss doch etwas geben, wie wir das Wetter für unsere Zwecke manipulieren können.«, sprach der König verzweifelt vor sich hin, während er aus dem Fenster sah.
»Wenn man die Wolken so einfach zusammen und fort treiben könnte, wie der Hirte dort unten seine Schafe, dann wäre das eine feine Sache.«
Er kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eigentlich keine so schlechte Idee. Schnappt euch den Hirten da unten und bringt ihn in den Himmel zu den Wolken. Er soll von nun an dort oben seine Arbeit verrichten.«

Und so geschah es auch schon am nächsten Tag. Mit einer riesigen Schleuder schickte man den Schäfer in den Himmel. Von diesem Moment an, hütete er die vielen Wolken. Regelmäßig schien nun die Sonne und es regnete nur, wenn es vom König erlaubt wurde.
Ein paar Wochen später standen sich wieder die Kriegsheere von Rotenfels und Schwarzenberg gegenüber. Schon bald sollten sie in die Schlacht ziehen. Doch in dem Moment, als die ersten Soldaten aufeinander zu stürmten, begann es wie aus Eimern zu regnen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Boden wieder in Matsch.
König Theodor beobachtete das alles  von seinem Fenster aus und wurde wütend, als der die dunklen Wolken erblickte. Nun würden seine Männer wieder Stiefel und Strümpfe verlieren. So konnte man einfach keinen Krieg gewinnen.
Sofort rief er zum Wolkenschäfer hinauf und befahl ihm, die Wolken fort zu treiben. Doch dieser hatte etwas ganz anderes im Sinn.
»Mein König, ich kann die Wolken nicht vertreiben, denn Krieg ist eine schlimme Sache. Die Soldaten kämpfen und werden sich gegenseitig töten. Das Land des Verlierers fällt in Armut und den Bewohnern wird es sehr schlecht gehen. Sie werden nicht genug zu Essen haben und werden daher viel öfter krank sein. Das kann ich einfach nicht zulassen. Gerne werde ich weiterhin das Wetter nach euren Wünschen gestalten. Aber einen Krieg wird es nicht mehr geben, solang ich die Wolken hüte.«
Irgendwie hatte der Hirte Recht, sagte sich der König. Jeder Krieg sorgte für große Probleme. Aber trotzdem mussten Schlachten ausgetragen werden. Sonst konnte man sich seine Gegner nicht vom Hals schaffen.
»Ich hätte da eine Idee.«, schlug der Wolkenschäfer vor.
»Einigt euch mit den Schwarzenbergern auf Frieden. Ich kann auch für zwei Länder die Wolken kontrollieren. Und wenn unsere beiden Länder miteinander Handel treiben, profitieren wir alle davon.«

Ein paar Minuten später sah man einen prunkvoll gekleideten Mann auf das Schlachtfeld gehen. Es war König Theodor. In seiner Hand hielt er einen Friedensvertrag, den er den gegnerischen Truppen übergab.
Schon kurz darauf dachte niemand mehr an einen schrecklichen Krieg.

»Und deswegen sehen die Wolken aus wie Schäfchen?«, fragte Sofie.
Papa nickte und zwinkerte mit dem rechten Auge.
»Der Hirte brauchte doch etwas, das er gewohnt war. Vorher sahen die Wolken noch ganz anders aus.«
Nun musste Sofie lachen.
»Deine Geschichten sind wirklich klasse. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.«
Sie wünschte Papa eine gute Nacht, drehte sich um und schlief fast sofort ein.

(c) 2009, Marco Wittler

147. Der vergessliche König oder „Papa, was ist denn das Echo?“ (Papa erklärt die Welt 23)

Der vergessliche König
oder ›Papa, was ist denn das Echo?‹

Sofie mühte sich einen Berg hinauf. An ihren Schultern hing ein gut gefüllter Rücksack und hinter hier schnaufte Papa den Weg entlang.
»Wie weit ist es denn noch bis zum Gipfel?«, fragte sie erschöpft.
»Es ist nicht mehr weit.«, antwortete Papa.
»Wir sollten in ein paar Minuten angekommen sein.«
Und er behielt Recht. Schon ein wenig später ging es nicht mehr weiter. Sie hatten die Bergspitze erreicht. Über ihnen gab es nur noch den Himmel.
»Hui, von hier aus hat man aber eine tolle Aussicht.«, schwärmte Sofie.
Sofort holte sie ihre kleine Kamera aus dem Rucksack und schoss ein paar Fotos in alle Himmelsrichtungen. Doch dann fiel ihr etwas auf.
»Warum steht hier oben eigentlich ein so großes Kreuz? Hier finden doch bestimmt keine Gottesdienste statt.«
Papa musste lachen.
»Das nicht. Aber das Kreuz markiert genau den höchsten Punkt des Berges. Und in dem Kreuz ist ein kleines Buch versteckt, in dem sich jeder eintragen darf, der es bis hierher geschafft hat.«
Sofie umrundete das Kreuz mehrfach, bis sie tatsächlich hinter einer unscheinbaren Klappe ein kleines Heft und einen Stift fand.
»Schreiben wir da jetzt auch unsere Namen rein?«
Papa nickte. Er hielt seiner kleinen Tochter das Buch hin und half ihr bei den einzelnen Buchstaben, da sie noch ein Kindergartenkind war. Dann setzte er seinen Namen dazu und tat ebenso unbeholfen.
Sofie strahlte über das ganze Gesicht. Dies war der erste Berg, den sie komplett bestiegen hatte.
»Juhu!«, rief sie, so laut sie nur konnte.
»Juhu!«, rief kurz darauf jemand zurück.
Irritiert sah sie sich um. Es war aber weit und breit niemand zu sehen.
»Was war denn das? Will mich da jemand veralbern? Ich kann niemanden außer uns entdecken.«
Sofort verfinsterte sich ihre Miene.
»Du hast doch wohl nicht mich im Verdacht?«
Papa nahm sich seine kleine Tochter auf den Schoß.
»Was du gehört hast, ist das Echo. Es wiederholt alles, was man laut gerufen hat.«
Sofie sah ihn ungläubig an.
»Papa, was ist denn das Echo?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Entstehung des Echos. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein alter König. Er herrschte über ein großes Reich mitten in den Bergen. Und auf der höchsten Spitze stand sein stattliches Schloss. Jeden Morgen ging er auf seinen Balkon, sah über sein Land hinweg und war mit sich zufrieden.
»Ach, ist das ein schöner Tag heute. Dieses Wetter ist eines Königs wert.«
Danach betrat er seinen Thronsaal und hörte sich die Probleme seiner Bürger an.
Nach und nach kamen die Bauern seiner Ländereien herein und erzählten von den schlechten Ernten. Daraufhin ließ der König seine Getreidespeicher öffnen, damit das Volk genug zu Essen bekam.
Auch die normalen Bürger kamen zu einer Audienz. Sie berichteten von Dieben, Verbrechern und gemeinen Überfällen. Auch dafür hatte der weise König eine Lösung. Er schickte seine Ritter in die Städte, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Doch mit der Zeit wurde der König immer älter. Sein Bart wurde länger, seine Haare weißer und sein Gedächtnis etwas schlechter.

Eines schönen Morgens stand er wieder auf seinem Balkon und erfreute sich ein weiteres Mal an seinem Reich.
»Ach, ist das herrlich heute. Nur zu gern würde ich mein Pferd satteln und durch die Wälder reiten.«
Während er sich ankleidete dachte er über etwas nach. Dann ging er erneut auf seinen Balkon und erfreute sich ein weiteres Mal an der Aussicht.
»Ach, ist das herrlich heute.«
Der König verzog das Gesicht. Irgendwas stimmte da nicht.
»War ich heute nicht schon hier? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Das ist ja seltsam.«
Nachdenklich ging er in seinen Thronsaal und hörte sich die Sorgen seines Volkes an und versuchte, ihre Probleme zu lösen.
Am Abend legte er sich mit einem unguten Gefühl ins Bett.

Ein weiterer Tag brach an. Der König stellte sich auf seinen Balkon und begrüßte die aufgehende Sonne.
»Ach, wie herrlich du dein Licht über mein Land strahlst. Meine Weinbauern werden es dir danken.«
Er zog sich seine Sachen an, putzte sich die Zähne und betrat seinen Balkon.
»Ach, wie herrlich die Sonne heute scheint.«
Erneut verfiel er ins Grübeln.
»Nein, nein, nein. Das darf doch nicht war sein. Mein Gedächtnis wird immer schlechter. Ich muss etwas unternehmen, sonst werde ich eines Tages mein Reich nicht mehr richtig regieren können.«
Etwas nachdenklich begab er sich wieder in seinen Thronsaal, um sich die Probleme seines Volkes anzuhören. Noch immer gab er sich viel Mühe für alles eine Lösung zu finden, doch heute war er nicht so richtig bei der Sache. In seinem Kopf dachte er ständig über sein schlechtes Gedächtnis nach, sofern er selbst das nicht gerade wieder vergessen hatte.
Kurz vor der Mittagszeit kam ein junger Mann vor den König. Mit einer ungewöhnlich lauten Stimme brachte er sein Leid vor.
»Eure Majestät. Ich leide darunter, dass ich keine Arbeit finde und bettelarm bin. Aber niemand will einen Mann einstellen, der so laut redet wie ich. Aber ich kann nicht anders. Das ist mir angeboren.«
Der König überlegte. So etwas Außergewöhnliches hatte er noch nie gehört. Daher bat er alle anderen Besucher, am nächsten Tag zurück zum Schloss zu kommen. Für dieses Anliegen brauchte er viel mehr Bedenkzeit. Außerdem wollte er sich mit dem jungen Burschen beraten.

Den ganzen Tag saßen die beiden nun im königlichen Arbeitszimmer. Der König murmelte meist vor sich hin, während man den Bürger noch außerhalb der Schlossmauern hören konnte.
Doch plötzlich hatte der König eine Idee.
»Ich hab es. So können wir gleich zwei Probleme auf einmal lösen.«
Der junge Mann sah auf einmal sehr glücklich aus. Er hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass ihm jemand helfen würde.
»Erzählt mir bitte von eurem Einfall. Ich werde alles für euch machen.«
»Nun gut. Ich leide selber seit einiger Zeit unter einem großen Problem. Ich werde von Tag zu Tag vergesslicher. Zumindest geht es mir in den Morgenstunden so. Wenn ich auf meinem Balkon stehe und die Sonne begrüße, vergesse ich fast sofort, dass ich es auch getan habe.«
Der Bursche verstand noch nicht, was sein König sich ausgedacht hatte.
»Ich werde dir ein Haus auf einem der umliegenden Berggipfeln bauen lassen. Dort kannst du den Rest deines Lebens verbringen. Und jeden Morgen, wenn ich den Tag begrüße, wirst du mir zuhören und anschließen laut wiederholen, was ich gesagt habe. Dadurch wird es mir dann auch im Gedächtnis verbleiben.«

Und so geschah es dann auch ein paar Wochen später. Auf einem nahen Berg wurde ein stattliches Haus gebaut, in dem der Bursche von nun an lebte.
Jeden Morgen stand er beim ersten Hahnenschrei auf und wiederholte des Königs Worte. Diese Aufgabe machte ihm sogar so viel Spaß, dass er auch alles andere nachplapperte, was Besucher in den Bergen sprachen.

»Und so soll das Echo entstanden sein?«
Sofie schaute ungläubig. Papa nickte.
»Das ist die reine Wahrheit. Ich habe das Haus des Echo selbst einmal gesehen.«
Sofie sah sich um, konnte aber nichts entdecken. Papa sah sich schnell um und verwies mit seinem Zeigefinger auf einen kleineren Berg, der in einer Wolke versteckt war.
»Dort ist es. Nur leider kann man es wegen des Wetters gerade nicht sehen.«
Nun musste Sofie lachen. Sie nahm Papa an die Hand und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück ins Tal.
»Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Aber trotzdem glaube ich dir davon kein einziges Wort.

(c) 2008, Marco Wittler

111. Meine Farben sind verschwunden oder „Papa, warum hat der Kohlweißling weiße Flügel?“ (Papa erklärt die Welt 15)

Meine Farben sind verschwunden
oder ›Papa, warum hat der Kohlweißling weiße Flügel?‹

Sofie saß mitten auf einer großen Blumenwiese. Neben ihr saß Papa. Gemeinsam machten sie gerade ein Picknick mitten in der Natur und aßen leckeren Kartoffelsalat.
»Huch, was willst du denn auf meinem Teller? Dich will ich aber nicht essen. Husch, husch. Flieg schnell wieder weg.«
Ein kleiner Schmetterling mit weißen Flügeln hatte sich auf ihrem Teller niedergelassen. Als Sofie mit der Hand vorsichtig neben ihm hin und her wedelte flog er sofort davon.
»Was war das denn für ein komischer Schmetterling? Ich dachte immer die haben bunte Flügel.«
Papa musste grinsen. »Das ist ein Kohlweißling. Der hat halt weiße Flügel.«
Sofie grübelte ein wenig, bis sie schließlich eine Frage im Kopf hatte.
»Papa, warum hat der Kohlweißling eigentlich weiße Flügel?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Schmetterling mit weißen Flügeln. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein Schmetterling mit schönen bunten Flügeln. Sein Name war Balduin.
Balduin saß auf einer Blume und sah sich um. Über der ganzen Wiese flogen und tanzten unendlich viele Schmetterlinge miteinander. So viele bunte Farben konnte man sehen.
»Aber ich bin der Schönste von allen.«, sagte Balduin.
In diesem Moment kam seine Freundin Lisa vorbei geflogen. Lächelnd landete sie und fragte nach, ob sie gemeinsam tanzen könnten.
»Auf keinen Fall. Ich muss doch auf meine schönen Flügel acht geben. Sie könnten verwischen oder ich verliere sie unterwegs. Dann wäre ich doch nicht mehr der schönste Schmetterling, den es auf der großen weiten Welt gibt.«
Er drehte sich einmal im Kreis und besah sich seine Flügel in einem kleinen Spiegel.
»Schönheit pflegt man, auch wenn man dafür das eine oder andere Opfer bringen muss.«
Lisa nickte nur, flog davon und suchte sich einen anderen Tanzpartner, während Balduin weiter seine Farben ansah.
»Tanzen? So ein Quatsch. Die anderen denken gar nicht an ihr Aussehen.«

Am nächsten Morgen stand Balduin schon sehr früh auf. Kaum hatte der Hahn gekräht hüpfte er schon aus seinem Bett und begrüßte die Sonne, die gerade über den Horizont gekrochen kam und zum Himmel hinauf kletterte.
»Was für ein herrlicher Tag. Und die beiden schönsten Dinge dieser Welt sind schon wach, um alle anderen Bewohner unserer Blumenwiese mit ihrer Schönheit zu erfreuen. Nur die Sonne kann es mit meinen Flügeln aufnehmen.«
Er tapste in sein Badezimmer, wusch sich zuerst das Gesicht, dann die Zähne und zum Schluss sprang er noch einmal unter die Dusche, nur im sicher zu gehen, dass seine Farben auch wirklich strahlend schön aussehen würden.
Als Balduin allerdings das erste Mal vor den Spiegel trat, um sich seine Haare zu bürsten, bekam er einen riesigen Schrecken.
»Ach du meine Güte. Was ist denn mit mir passiert? Wo sind denn meine Farben geblieben?«
Das Bild im Spiegel zeigte wie an jedem Tag einen Schmetterling. Allerdings waren seine Flügel heute nicht mehr so bunt wieder der Regenbogen, sondern weiß wie der Schnee im Winter.
»Mein Farben sind weg. Irgendwer hat meine Farben gestohlen. Was mache ich denn jetzt?«
Balduin war völlig verzweifelt. Ohne seine schönen Farben konnte er sich doch nirgendwo auf der Blumenwiese sehen lassen. Die anderen Schmetterlinge würden ihn sofort auslachen. Also lies er den Kopf hängen und verkroch sich wieder unter seiner Bettdecke.
»Ich werde nie wieder hier heraus kommen. Ich bleibe für den Rest meines Lebens in meinem Bett und will niemanden mehr sehen.«

Zur gleichen Zeit flog Lisa über die schöne Blumenwiese und hielt Ausschau. Sie hoffte Balduin zu treffen.
»Vielleicht tanzt er ja heute einmal mit mir. Er weiß gar nicht, was er verpasst, wenn er immer nur auf seine schönen Flügel starrt.«
Allerdings konnte sie ihn nirgendwo finden.
»Das ist ja wirklich sehr seltsam.«, sagte sie sich. »Sonst ist er doch immer draußen und lässt seine Schönheit bestaunen, wenn die Sonne scheint. Das stimmt doch etwas nicht.«
Lisa entschloss sich sofort, nach Balduin zu suchen. Sie wollte unbedingt heraus finden, was geschehen war.
Als sie schließlich an seine Tür klopfte, hörte sie nur leises Gemurmel.
»He, Balduin, was ist denn mit dir los? Stimmt etwas nicht?«
»Geh weg.«, ertönte es von innen.
»Ich will dich nicht sehen. Ich will niemanden sehen. Und mich will erst recht niemand mehr sehen.«
Lisa wusste nicht, was er damit meinte und klopfte erneut an die Tür.
»Lass mich doch bitte rein. Ich bin doch deine Freundin und werde dich nicht auslachen, egal was passiert ist.«
Sie warte und wartete. Ganz geduldig setzte sie sich vor die Tür und hoffte, dass ihr geöffnet werden würde.
Balduin lag noch immer in seinem Bett und war sauer, dass er seine Ruhe nicht bekam. Er wollte mit niemandem reden und sehen sollte auch niemand, was ihm widerfahren war. Aber dieses dumme Mädchen vor der Tür, so dachte er sich, würde nie verschwinden, wenn er nichts unternehmen würde.
Zuerst dachte er darüber nach, ob er aus einem seiner Fenster einen Eimer mit kaltem Wasser kippen sollte, aber das erschien ihm dann doch viel zu fies. Da ihm aber nichts besseres einfiel, öffnete er schließlich die Tür und lies Lisa herein.
»Aber bitte sie mich nicht an. Ich bin über Nacht zum hässlichsten Wesen der Welt geworden.«
Aber Lisa dachte gar nicht daran, weg zu schauen. Sie kam mit geschlossenen Augen herein, öffnete sie aber sofort, nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war.
»Deine Flügel sind ja weiß wie Schnee.«
Balduin begann zu weinen. Die Tränen kullerten nacheinander an seinen Wangen herab.
»Ich bin so hässlich. Mit mir wird niemand mehr reden wollen und alle werden über mich lachen.«
Lisa nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich.
»Ach du dummer, kleiner Schmetterling. Was sind denn schon ein paar Farben? Du bist und bleibst einer von uns. Und wenn ich ehrlich sein soll, gefällst du mir noch viel mehr als gestern. Denn da warst du einer von vielen bunten Schmetterlingen, aber heute bist du der einzige, der weiße Flügel besitzt. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.«
»Meinst du das auch wirklich so?«, fragte Balduin ängstlich.
Lisa nickte und nahm ihn an der Hand.
»Los, lass und nach draußen gehen. Wir fliegen um die Wette und tanzen so wild wie niemand anders. Und ich verspreche dir, dass dich alle um deine weißen Flügel beneiden werden.«
Balduin war sich noch immer nicht sicher, lies sich aber dennoch überreden. Gemeinsam, Hand in Hand, traten sie vor die Tür und flogen im hohen Bogen über die Wiese.
Als die anderen Schmetterlinge sie sahen, waren sie völlig verwundert. Ein weißer Schmetterling? So etwas unglaublich Schönes hatte es auf der ganzen Blumenwiese noch nie gegeben. Sie alle bewunderten und beneideten ihn um seine Flügel.
Balduin aber hatte etwas gelernt. Es kam seiner Freundin Lisa nicht auf die Schönheit der Flügel an. Sie war einfach nur seine Freundin und mochte ihn, weil er ein wirklich netter Kerl war.
Nun flogen und tanzten sie jeden Tag miteinander, vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang.

Sofie gluckste vor Vergnügen.
»Das war aber eine schöne Geschichte. Ich hätte nicht gedacht, dass der kleine Schmetterling sich an seine neuen Flügel gewöhnt.«
Aber nickte zufrieden und nahm sich einen weiteren Teller Kartoffelsalat.
»Aber trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sofie lachte und fiel Papa um den Hals.

(c) 2008, Marco Wittler

097. Der Traummacher oder „Papa, woher kommen die Träume?“ (Papa erklärt die Welt 10)

Der Traummacher
oder »Papa, woher kommen die Träume?«

»… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.«
Papa klappte das Märchenbuch zu
Liest du mir noch eine zweite Geschichte vor?«, fragte Sofie.
»Nein, für heute ist Schluss. Es ist schon spät genug. Es ist Zeit, dass du schläfst.«, kam die Antwort.
Papa deckte seine kleine Tochter zu. Er gab ihr noch einen Kuss auf die Wange und wünschte ihr eine gute Nacht.
»Schlaf gut, mein Engel und träum schön.«
Sofie zog die Stirn kraus.
»Papa, woher kommen eigentlich die Träume?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von einem Traummacher. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein junger Bursche mit Namen Martin.
Martin war ein Geschichtenerzähler. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt damit, dass er von Stadt zu Stadt zog, den Leuten die neuesten Neuigkeiten und den Kindern Geschichten und Märchen erzählte. Reich konnte man damit freilich nicht werden, aber dennoch machte es unglaublich viel Spaß.
Martin kannte alle Märchen und Geschichten des ganzen Landes. Es war ihm noch nie passiert, dass er in eine Stadt kam, den Kindern etwas erzählte und ihm anschließend jemand sagen musste, dass man diese Worte an diesem Ort bereits gehört hatte.
Der Geschichtenerzähler war überall sehr beliebt. Schon Tage, bevor er des Weges kam, verbreitete sich die Nachricht seiner Ankunft wie ein Lauffeuer.
Die Bürgermeister ließen Bühnen aufbauen und Feste vorbereiten. Die Schulen wurden informiert, dass die Kinder nicht zum Unterricht gehen mussten.
Eines Tages kam Martin in die Stadt des Königs. Er war noch nie hier gewesen, es würde sein erster Besuch sein. Doch auch hier hatte man von seinen schönen Geschichten bereits gehört. Der Bürgermeister bereitete alles vor und informierte jeden Bürger.
Als der Geschichtenerzähler auf seinem Esel durch das Stadttor geritten kam, stand bereits eine Bühne auf dem Marktplatz und eine große Horde Kinder wartete sitzend drum herum.
Martin stieg eine kleine Treppe empor, setzte sich in einen gemütlichen Sessel und holte aus einer seiner Taschen ein dickes Buch hervor.
»Ich freue mich, dass ihr alle hierher gekommen seid, um mir zuzuhören. Ich kann euch versprechen, dass ich viele Geschichten aus allen Ecken unseres schönen Landes mitgebracht habe und sie euch gefallen werden.«
Die Leute wurden still. Alle hingen nun gebannt an Martins Lippen. Sie wollten nicht einen seiner gesprochenen Sätze versäumen.

Ein wenig Abseits dieses Festes saß der König im Thronsaal seines Schlosses. Er beriet sich gerade mit seinen Ministern über neue Gesetze, als er alle Anwesenden mit der erhobener Hand um Ruhe bat.
»Was stimmt nicht in unserem Königreich? Da geht doch etwas vor sich, wovon ich nichts weiß. Wer von euch kann mir mehr berichten?«, fragte er.
Die Minister wussten nicht, was er meinte und zuckten nur mit den Schultern.
»Was ist in der Stadt los? Es ist plötzlich so still, wie sonst nie um die Mittagsstunde. Plant das Volk einen Aufstand oder ist eine böse Krankheit ausgebrochen? Findet sofort heraus, was dort vor sich geht.«
Die Minister sprangen sofort auf und verließen den Thronsaal. Sie stürmten in alle Richtungen um ihre Berater zu befragen.
Der Diener des Königs, der still am Fenster gestanden hatte, ging indes zu seinem Herrn und berichtete ihm, dass ein berühmter Geschichtenerzähler in die Stadt gekommen sei und er für die merkwürdige Stille verantwortlich gemacht werden könne.
»Die Leute hängen so sehr an seinen Lippen, dass ihnen kein einziges Wort mehr aus dem Munde kommt.«
Der König dachte nach und grübelte. Schließlich gab er einen Befehl.
»Solch einen Mann kann ich gut bei Hofe gebrauchen. Holt ihn in mein Schloss und stellt ihn in meinen Dienst. Er soll der erste königliche Geschichtenerzähler des Landes werden und künftig mich, meine Familie und den Hofstaat mit seinen Märchen unterhalten.«
Und so geschah es auch.

Martin hatte gerade einmal eine Geschichte erzählen können, bis die Ritter des Königs ihn abgeholten. Sie führten ihn in den Thronsaal, wo er neu eingekleidet und dem König vorgestellt wurde.
»Von nun an«, sagte der König feierlich, »sollst du an meinem Hofe leben und mir Geschichten erzählen, damit ich niemals an Langeweile leiden muss.«
Martin freute sich natürlich sehr über dieses Angebot. Nun hatte er regelmäßig etwas zu Essen, ein Dach über dem Kopf und schon sehr bald würde er sehr wohlhabend sein. Aber alles sollte anders kommen, als es gedacht war.
Der König und sein Gefolge erfreuten sich tagtäglich am Geschichtenerzähler. Jeden Abend ließen sie sich ein oder zwei Märchen vorlesen.
Doch schon bald war ihnen das nicht mehr genug. Sie wollten mehr und immer mehr hören. Schon nach dem Aufstehen stand Martin am Bett des Königs bereit und erzählte, was er im ganzen Land gehört hatte. Während des Frühstücks ging es weiter. Bis zum Abend taten die Menschen im Schloss nichts anderes mehr, als ihrem Geschichtenerzähler zuzuhören. Erst als sie müde in ihren Betten lagen, kam Martin zur Ruhe.
Das viele Zuhören hatte natürlich seine Folgen. Denn schon bald trafen der König und seine Minister keine Entscheidungen mehr. Sie erließen keine Gesetze und verurteilten keine Verbrecher mehr. Das ganze Land war unwichtig geworden. Sie wollten nur noch Märchen hören.
Schon sehr bald verarmte das Land und die Menschen mussten hungern. Es gab nur einen Menschen, der davon etwas hörte.
Sofort erzählte Martin dem König von den vielen Problemen im Land. Als dann die Minister davon erfuhren, reagierten sie schockiert. Es musste sofort etwas unternommen werden, damit das Volk nicht krank wurde oder sterben musste.
Wenn da doch bloß nicht diese vielen schönen Märchen und Geschichten wären, die sie unbedingt hören wollten. Aber sie hatten doch nur für eine Sache Zeit. Es musste eine Lösung her.
Der König erteilte Martin den Auftrag, er solle sich etwas einfallen lassen.

Tagelang brütete Martin über diesem Problem. Er erzählte niemandem mehr eine Geschichte. Stattdessen versuchte er die rettende Lösung zu finden, denn das Erzählen von Geschichten und Märchen war sein einziger Lebensinhalt. Er musste einfach erzählen.
Eines Nacht lag er noch lange wach im Bett und erzählte sich selber eine kleine Geschichte. Dabei schlief er ein und erlebte den Rest seines Märchens im Schlaf.

Am nächsten Morgen war Martin ganz aufgeregt. Er konnte noch gar nicht glauben, was er in der letzten Nacht erlebt hatte. Er hatte eine Geschichte während des Schlafs genießen können. Das war die Lösung, die er gesucht hatte. Wenn der König und sein Gefolge von nun an seine Märchen im Schlaf erleben konnten, hatten sie tagsüber genug Zeit, das Land zu regieren.
Als der König davon erfuhr, war er zunächst etwas unsicher. Er wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Geschichten im Schlaf? War das wirklich etwas Gutes oder war man dann zur Strafe am nächsten Tag viel zu müde, um arbeiten zu können? Aber zumindest war es ein Versuch wert.
Martin setzte sich am Abend in das Schlafgemach des Königs und wartete darauf, dass dieser einschlief. Ein paar Minuten später begann er, eine Geschichte zu erzählen. Doch nach ein paar Sätzen hörte er auf und lies den König den Rest selber erleben.

Am Morgen wachte der König erfrischt auf und war begeistert von dieser neuen Methode.
»Martin, du bist ein wirklich guter Erfinder. Wenn wir dich nicht hätten. So gut und erholt habe ich mein ganzes Leben noch nicht geschlafen. Von nun an, will ich jede Nacht eine Geschichte im Schlaf erleben und mein Volk soll auch daran teilhaben.«
Martin wurde rot im Gesicht. So viel Lob hatte er gar nicht erwartet. Doch dann wurde ihm bewusst, dass er noch eine große Aufgabe vor sich hatte. Wie sollte er denn das ganze Volk mit Träumen, so nannte er seine Nachtgeschichten, versorgen?
Wieder grübelte er viele Tage lang, bis er eine kleine Maschine erfand, mit der er jedem Menschen im ganzen Land den Beginn eines Traumes zuflüstern konnte, ohne sein Zimmer verlassen zu müssen.
Von nun an, schliefen die Menschen wesentlich besser. Sie träumten in jeder Nacht und waren glücklich und zufrieden.

»Und noch heute erzählt mir der Martin einen Traum in meinen Kopf, wenn ich schlafe?«
Papa schüttelte den Kopf.
»Nein, denn mittlerweile träumen nicht nur das Volk dieses Königreichs, sondern alle Menschen auf der ganzen Welt. Das wäre selbst für den Traummacher Martin zu viel. Er hat eine große Menge Helfer, die ihm dabei zur Seite stehen.«
Sofie gähnte und zog sich die Decke über den Kopf.
»Dann soll mir mal einer dieser Traummacher ganz schnell eine Geschichte in meinen Kopf schicken. Ich bin nämlich hundemüde und werde bestimmt ganz schnell einschlafen.«
Papa nickte nur, gähnte ebenfalls und verließ leise das Zimmer.
Noch einmal sah Sofie unter der Decke hervor und flüsterte leise vor sich hin.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie kicherte, schlief ein und träumte einen wunderschönen Traum.

(c) 2008, Marco Wittler

095. Die hübsche Bauerntochter oder „Papa, warum ist der Mond so rot?“ (Papa erklärt die Welt 9)

Die hübsche Bauerntochter
oder »Papa, warum ist der Mond so rot?«

Es war spät geworden. Sofie lag im Garten in einem gemütlichen Liegestuhl und hielt sich den Bauch.
»Puh, jetzt bin ich aber richtig satt. Das Grillen war eine richtig klasse Idee.«
Papa grinste.
»Glaub aber nicht, dass wir das jetzt jeden Tag machen werden. Immerhin hab ich ja heute Geburtstag.«
Die letzten Gäste waren mittlerweile nach Hause gefahren und im Grill glühten nur noch vereinzelte Kohlen. Der Tag ging auf sein Ende zu und die kommende Nacht würde bald beginnen.
»Wir sollten langsam aufräumen. In einer halben Stunde wird es so dunkel sein, dass man seine Hand nicht mehr vor Augen sehen kann.«
»Mensch, Papa.«, mahnte Sofie. »So dunkel kann es doch gar nicht werden. Schließlich haben wir noch den Mond. Auf ihm brennt doch ein helles Feuer. Jedenfalls hast du mir das mal erzählt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern.«
Papa kratzte sich am Kopf und dachte angestrengt nach.
»Nun, wenn du das sagst, dann muss es wohl stimmen.«
Gemeinsam brachten sie das Geschirr vom Garten direkt zur Spülmaschine und verstauten die Reste des Essens im Kühlschrank.
»Gehen wir noch einmal nach draußen? Ich will den Mond aufgehen sehen. Bitte, bitte.«
Papa seufzte und gab nach.
»Aber danach gehst du gleich ins Bett. Versprochen?«
»Versprochen!«, antwortete Sofie und flitzte jubelnd zurück in den Garten. Sie setzten sich zusammen auf eine Bank und warteten auf den Mond, der auch schon bald hinter dem Horizont zum Vorschein kam.
»Huch, was ist denn das? Da stimmt doch etwas nicht.«
Sofie staunte nicht schlecht, denn der Mond hatte sich verändert. Er sah viel größer aus als sonst, und seine Farbe war nicht mehr weiß sondern rot.
»Was ist denn da geschehen? Papa, warum ist denn der Mond so rot?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig vom rot gefärbten Mond. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine junge hübsche Frau. Ihre Schönheit war im ganzen Land und sogar über alle Grenzen hinaus bekannt. Alle Männer dieser Welt hatten nur einen Wunsch. Sie wollten diese Frau heiraten. Ihr Name war Marie.
Marie lebte auf einem Bauernhof und half ihren Eltern dort bei der Arbeit. Jeden Tag fütterte sie die Schweine, schaufelte den Mist aus dem Kuhstall und sammelte die frisch gelegten Hühnereier ein. Sie schuftete von früh bis spät, war aber trotzdem mit ihrem Leben zufrieden. Nur eines fehlte ihr, eine eigene Familie, ein Mann und Kinder.
An jedem Abend bekam Marie Besuch. Es waren Heiratswütige, junge Burschen und gestandene Männer, einfache Bauern, Ritter und waschechte Prinzen. Die Schönheit der Bauerntochter lockte sie alle an.
Reiche Geschäftsleute versprachen ihr Wohlstand und zeigten ihr Beutel voller Gold. Die Prinzen wetteiferten untereinander mit der Größe ihrer Ländereien und die stolzesten und mutigsten Ritter traten im Kampf gegeneinander an. Aber nicht einer von ihnen konnte Maries Herz erreichen.
Der alte Bauer wusste sich keinen Rat mehr. Er hatte bereits alle Hoffnungen aufgegeben. In seinen Augen würde seine Tochter ohne Mann und Kinder zu Grabe getragen werden.
»Ach, wie herrlich es doch wäre, am Hofe eines Königs zu leben oder am Tisch einer reichen Familie zu speisen.«, beklagte er sich beinahe täglich. Doch das half auch nicht. Marie blieb allein und wartete auf den Mann, den sie nur aus ihren Träumen kannte.
»Ich will gar keine Königin werden oder die Frau eines reichen Mannes. Denn dann bin ich trotzdem allein. Mein Gatte hätte viel zu viel mit seinen Verpflichtungen und Geschäften zu tun.«, sagte sich Marie jeden Tag sehr selbstbewusst.
»Er darf ruhig ein ganz einfacher Mann sein. Er muss kein Geld besitzen. Dafür soll er reinen Herzens sein und reich an Gefühl, Witz und Charme sein. Denn dann will ich die seine sein.«
Der Bauer hörte dies nicht gern.
»Solche Männer gibt es nicht. Ein jeder ist ein Halunke und Ganove. Sie stehlen dir dein Herz. Das ist ihre Natur. Finde dich damit ab und heirate endlich. Einen besseren wirst du nicht finden.«
So ging die Zeit ins Land. Unzählige Männer umwarben die schönste Frau der Welt. Sie machten ihr Geschenke und waren großzügig mit Komplimenten. Aber nicht einer von ihnen vermochte es, das Herz der Bauerntochter zu gewinnen.

Eines Tages kam ein Jüngling in die Stadt. Sein Name war Andreas. Er stammte aus einem fernen Land und war auf Wanderschaft, um die Welt kennenzulernen. Am Abend nahm er sich für die Nacht ein Zimmer in einem Gasthof.
»Schon wieder so ein heiratswütiger Kerl. Aber auch dich wird die Bauerntochter nach Hause zurück schicken.«, grummelte der Wirt vor sich hin.
»Welche Bauerntochter meint ihr? So redet doch, guter Mann. Ich komme von weit her, habe eine lange Reise hinter mir und habe noch nicht viel von eurer Stadt gehört.«
Und so begann der Wirt die Geschichte von Marie zu erzählen. Andreas hörte gebannt zu und fasste schließlich einen Entschluss.
»Ich werde um die Gunst der Bauerntochter werben und ihr Herz im Sturm erobern. Sie wird gar nicht anders können, als sich in mich zu verlieben, denn ich bin der einzig Richtige für sie.«
Der Wirt rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.
»Das haben alle anderen vor dir auch schon behauptet. Es wäre einfacher, wenn du sofort umdrehst und dir den Weg zum Bauernhof ersparst.«

Schon am nächsten Tag machte sich Andreas auf den Weg zum Bauernhof. Bis zum Mittag war er angekommen und hatte Marie sehr schnell gefunden. Sie stand im Stall und kümmerte sich um den Mist.
»Hallo, schöne Frau.«, grüßte er sie. »Ich will euch nur ungern von eurer Arbeit abhalten, aber vielleicht habt ihr ja einen kleinen Moment Zeit, um mich anzuhören.«
Andreas holte eine Blume hinter seinem Rücken hervor und hielt sie Marie hin.
Die Bauerntochter reagierte nicht auf das Geschenk.
»Wer seid ihr, dass ihr hier einfach vorbei kommt und mich von meinen Aufgaben abhalten wollt? Wenn ich jedem Verehrer auch nur wenige Minuten schenken würde, wäre ich meinen Eltern keine große Hilfe.«
Andreas war erstaunt. Er hatte es sich schwer vorgestellt. Aber dies hier schien nahezu aussichtslos zu sein.
»Oh, hat es euch die Sprache verschlagen? Für jemanden, der mich heiraten möchte, solltet ihr besser mit Worten umgehen können.«
Die Bauerntochter dachte kurz nach und sprach dann weiter.
»Oder seit ihr etwa ein Mann der Tat? Wollt ihr um mich kämpfen oder vielleicht einen Drachen für mich töten?«
Sie winkte ab.
»Ach nein, vergesst das ganz schnell. Es gibt schon viel zu viele große Helden, die mich nicht beeindrucken können. Oder schreibt ihr lieber Gedichte? Doch auch damit könnte ich bereits eine ganze Bibliothek füllen.«
Marie setzte sich auf einen Strohballen.
»Ich möchte doch einfach nur einen Mann, der mein Herz mit etwas ganz Besonderem berührt.«
Andreas setzte sich zu ihr, hielt aber gebührlichen Abstand. Er dachte eine Weile nach, bis er schließlich eine Idee hatte.
»Diesen Wunsch werde ich euch erfüllen. Erwartet mich am Abend wieder hier. Trefft euch mit mir, kurz nachdem der Mond aufgegangen ist.«

Andreas hatte sich viel vorgenommen. Von dem wenigen Geld, dass sich noch in seinem Beutel befand kaufte er sich einen großen Eimer roter Farbe, einen Pinsel, ein Seil und eine Leiter. Dann begab er sich zum nahen Horizont.
Auf dem Gipfel eines Berges stellte er seine Leiter auf und wartete auf den Mond. Als dieser schließlich zu Beginn der nahenden Nacht aufging, legte Andreas ihm das Seil um, zog ihn etwas näher zum Boden und band ihn an einem Baum fest.
Mit dem Pinsel und Farbe malte er ein großes rotes Herz auf den Mond. Erst als er fertig war, band er seinen unfreiwilligen Helfer los. Der Mond konnte weiter in den Himmel aufsteigen.
Nun musste sich Andreas beeilen, denn seine Überraschung würde schon bald vom Bauernhof aus zu sehen sein. Er nahm seine Beine unter die Arme und lief so schnell er konnte zur schönen Bauerntochter.

Marie wartete schon. Sie hatte sich auf einer Wiese vor dem Haus einen Strohballen zurecht gelegt und wartete gespannt. Schließlich kam Andreas die Straße entlang. Er war völlig außer Atem. Langsam lies er sich neben seiner Angebeteten nieder und versprach ihr, sein Herz zu schenken, wenn sie es annehmen wolle. Es wäre das größte Herz, dass sie jemals zu Gesicht bekommen würde.
Marie schmunzelte nur.
»Ihr versprecht sehr viel. Ich hoffe, ihr könnt es halten, denn sonst seit ihr nicht viel besser als alle anderen.«
In diesem Moment kroch der Mond langsam über die Bergkuppe und gab das rote Herz frei. Es leuchtete über das ganze Land hinweg und war für jeden Menschen zu sehen.
»Liebste Marie, ich schenke euch mein großes Herz. In ihm ist nur Platz für euch und ich werde euch immer jeden Wunsch von den Augen ablesen. Wollt ihr meine Frau werden?«
Marie wurde ganz rot im Gesicht. Sie blickte kurz verlegen zu Boden, bevor sie Andreas in die Augen sah.
»Ja, ich will deine Frau werden.«
Sie gaben sich einen langen Kuss.

»Und das soll wirklich die Wahrheit sein?«, fragte Sofie.
Papa nickte schnell.
»Aber warum ist der Mond denn mal rot und mal weiß?«
Papa dachte nach. Schließlich hatte er eine passende Antwort gefunden.
»Noch heute gibt es immer wieder junge Männer, die den Mond für ihre Angebetete bemalen. Und wenn es dann regnet, wird er wieder weiß.
»Ach, Papa. Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber das macht nichts. Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen.«
Sie kuschelte sich an Papa und sah dem Mond zu, wie er höher in den Himmel stieg.

(c) 2008, Marco Wittler

091. Die kleinen gelben Wichtel oder „Papa, woher hat die Butterblume ihren Namen?“ (Papa erklärt die Welt 8)

Die kleinen gelben Wichtel oder
»Papa, woher hat die Butterblume ihren Namen?«

Sofie wurde langsam ungeduldig. Sie hielt es in ihrem Kindersitz fast nicht mehr aus.
»Wann darf ich denn endlich aussteigen?«
Papa parkte das Auto, schaltete den Motor ab und drehte zu ihr um.
»Jetzt darfst du aussteigen.«
Sofort war die Freude groß. Sofie schnallte sich ab, öffnete die Tür und flitzte auf die Wiese, die nun vor ihnen lag. Papa war viel gelassener. Er schloss das Auto ab, holte einen großen Korb aus dem Kofferraum und schlenderte langsam hinter seiner Tochter her.
»Nun beeil dich doch. Ich habe einen riesigen Hunger. Du musst endlich das Picknick aufbauen.«
Sofie sah sich um und entdeckte einen großen Baum, der ihr gefiel.
»Dort hinten ist genug Schatten. Dort möchte ich sitzen.«
Gemeinsam setzten sie sich unter den Baum, breiteten eine Decke aus und verteilten Teller, Becher und Essen darauf.
»Mh, das sieht ja richtig lecker aus.«
Papa nickte nur, während gleichzeitig ein kleines Würstchen in seinem Mund verschwand.
»Aber Papa, du kannst doch nicht schon ohne mich anfangen. Ich möchte mich doch noch ein wenig umsehen.«
Überall auf der Wiese blühten Gänseblümchen, Butterblumen und Löwenzahn. Sofie drehte sich einmal im Kreis, um alles sehen zu können und aß dann auch etwas.
»Du Papa, woher hat die Butterblume eigentlich ihren Namen?«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den Butterblumen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine alte Bäuerin. Den ganzen Tag stand sie in der Küche stampfte mit einem langen Stock in einem schmalen Holzfass herum
»Was machst du denn da?«, fragte eines Tages ihr Enkelsohn.
Daraufhin erklärte sie ihm, dass sie in dem Fass aus Sahne Butter stampfen würde.
»Ist das denn nicht sehr schwer und mühsam?«, fragte der Jungs weiter.
Da musste die Bäuerin lachen.
»Das ist auch so. Aber du möchtest doch kein trockenes Brot am Abend essen.«
Lukas, der Enkel der Bäuerin nickte und verschwand anschließend zum Spielen in den Garten.

Der Garten war Lukas Lieblingsplatz. Er hielt sich in jeder freien Minute dort auf, streifte durch die Wälder und Büsche, die an den Hof grenzten und suchte immer wieder nach neuen Entdeckungen.
Auf etwas richtig Spektakuläres war er noch nie gestoßen. Doch das sollte sich noch an diesem Tag ändern.
Während er auf dem Ast eines hohen Baumes saß und auf einem Grashalm herum kaute, hörte er plötzlich ein paar leise Stimmen. Er sah sich schnell um, aber es war niemand zu sehen. Bildete er sich etwa ein, etwas gehört zu haben?
Doch da waren die Stimmen schon wieder. Lukas blieb nun ganz ruhig und versuchte heraus zu bekommen, was da vor sich ging, aber noch immer war kein Mensch zu sehen. Enttäuscht gab er auf und lehnte sich an den Baumstamm.
In diesem Moment wurde es Lukas schlagartig bewusst. Die Stimmen kamen aus dem Baumstamm. Irgendwer musste sich darin verborgen halten.
Sofort brach er einen Stock vom Baum ab und schlug damit immer wieder gegen den Stamm, bis schließlich ein Stück der Rinde heraus brach und ein Loch sichtbar wurde.
»He, wer ist denn da drin?«
Es kam keine Antwort. Die Stimmen waren mittlerweile alle verstummt.
»Ich weiß ganz genau, dass dort jemand ist. Ich habe euch gehört.«
Lukas riss weitere Teile der Baumrinde ab, bis er eine kleine Treppe sah.
»Hab ich es doch gewusst. In diesem Baum lebt jemand.«
Er öffnete den Baum immer weiter, fand kleine Räume mit Tischchen und Stühlchen. Aber es dauerte noch eine ganze Weile, bis er auf die eigentlichen Bewohner des Baumes stieß.
Nach etwa einer halben Stunde hörte er leises Wimmern. Vorsichtig arbeitete er sich weiter vor, bis er schließlich eine Gruppe von kleinen Wichteln fand. Sie hatten lange Bärte und trugen gelbe Latzhosen. Und sie schienen sehr große Angst zu haben.
»Wer seid denn ihr da? Und was macht ihr in meinem Baum?«
Aber noch immer erhielt er keine Antwort. Die kleinen Wesen waren zu verschreckt.
»Habt doch bitte keine Angst. Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich erst gar nicht auf die Idee gekommen, nach euch zu suchen. Ich will euch doch gar nichts tun.«
Da erhob sich ganz langsam, wie in einer Zeitlupe, der Älteste der Wichtel.
»Wir sind nur ganz einfache Leute und leben schon seit ewigen Zeiten in den Bäumen dieser Umgebung. Wir gehen unserem Tagwerk nach und richten keine Schäden an. Bitte friss uns nicht.«
Lukas musste grinsen. Fressen? Nein, so etwas hatte er ganz bestimmt nicht vor.
»Es tut mir leid. Ich war einfach nur neugierig, weil ich eure Stimmen gehört hatte. Ich wollte euer Heim nicht zerstören.«
Er dachte kurz nach und sagte schließlich: »Wisst ihr was? Ich werde euren Baum wieder reparieren. Es soll kein Raubtier auf die Idee kommen, euch aufzufressen.«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, kletterte er den Baum hinab und flitzte in die Scheune.
Nach ein paar Minuten kam Lukas mit einer Tasche zurück. Er sammelte am Boden die Rindenstücke auf, die er bei seiner Suche hatte fallen lassen. Dann kletterte er wieder nach oben und begann sofort mit seiner Arbeit.
Aus der Tasche holte er ein Brett hervor und nagelte es vorsichtig auf den Baum. Mit einer kleinen Säge öffnete er aber dann doch ein Loch und bastelte noch etwas daran herum.
»Jetzt habt ihr sogar eine eigene Eingangstür. Und damit euch nicht noch einmal jemand entdeckt, werde ich noch die einzelnen Rindenstücke auf das Brett kleben. Dann sieht euer Baum so unbeschadet aus wie vorher.«
Den ganzen Nachmittag verbrachte Lukas nun mit seiner Arbeit und redete dabei viel mit den kleinen Wichteln. Er hörte viele Geschichten und erzählte mindestens genau so viele für seine neuen Freunde. Und immer wieder erzählte er von seiner Oma, die er sehr lieb hatte.
Schließlich neigte sich der Tag seinem Ende zu. Die Sonne sank herab und verschwand hinter dem Horizont. Es wurde dunkel.
»Ich muss jetzt nach Hause gehen. Meine Familie wartet bestimmt schon mit dem Abendessen auf mich.«
Er verabschiedete sich von den Wichteln und verschwand.

Am nächsten Morgen ging Lukas zur Oma in die Küche. Am heutigen Tag stampfte sie keine Butter. Sie saß nur sehr verwundert am Tisch und zog die Stirn kraus.
»Oma, was ist denn passiert? Du schaust so komisch aus der Wäsche?«
»Ach, Lukas.«, sagte Oma. »Das wirst du mir eh nicht glauben.«
Aber der Junge bettelte so lange, bis Oma alles erzählte.
In der Nacht war sich wach geworden und zur Toilette gegangen. Im Flur hatte sie das Gefühl gehabt, dass kleine gelbe Wesen über den Boden wuselten. Aber sie hielt es für einen Traum und achtete nicht weiter darauf.
»Und wie ich heute morgen in die Küche komme, hat doch tatsächlich schon jemand die ganze Butter für mich fertig gestampft. Kannst du dir das vorstellen?«
Lukas musste grinsen. Er wusste sofort, wer da geholfen hatte. Doch wie sollte er es seiner Oma erklären? Er wollte doch niemandem verraten, wer draußen in den Bäumen hauste.
»Oma, schau mal aus dem Fenster heraus. Siehst du die vielen kleinen gelben Blümchen auf der Wiese? In jeder von ihnen lebt eine kleine gelbe Elfe. Sie lieben es Butter zu stampfen. Und jedes Mal, wenn sie ein Butterfass entdecken, fangen sie an zu arbeiten. Aber das können sie nur in den Zeiten, wenn ihre Blumen blühen.«
Oma schaute verwirrt aus dem Fenster.
»Aha, Elfen sagst du. Wie heißen denn diese komischen Blümchen?«
Lukas überlegte schnell. Und dann schoss es aus ihm heraus: »Butterblumen natürlich.«
Jetzt lachten sie beiden und drückten sich.
»Na, du bist mir ja einer.«, sagte Oma.

»Und so entstand der Name der Butterblume.«
Sofie sah Papa mit großen Augen an und blickte dann auf die vielen gelben Blümchen auf der Wiese.
»Und die Oma hat ihm die Geschichte tatsächlich abgekauft?«
Papa zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall musste sie nun nie wieder Butter stampften, wenn draußen gelbe Blüten auf der Wiese zu sehen waren.«
Sofie musste lachen.
»Papa, ich glaube dir kein einziges Wort. Das hast du dir ganz bestimmt nur ausgedacht.«

(c) 2008, Marco Wittler

090. Riesen Angst im Dunkeln oder „Papa, warum leuchtet eine Glühbirne?“ (Papa erklärt die Welt 7)

Riesen Angst im Dunkeln
oder ›Papa, warum leuchtet eine Glühbirne?‹

Sofie ging mit Papa zusammen in den Keller. Normalerweise traute sie sich nicht dort hin, aber zu zweit war das etwas anderes.
Papa schaltete die Lampe an und ging voraus. Sofie besah sich das und dachte nach.
»Du, Papa, warum leuchtet eigentlich eine Glühbirne?«
Papa blieb stehen, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Sie handelt von einem Riesen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein großer Riese mit Namen Argan. Er lebte von früh bis spät in den Tag hinein und war faul. Alle anstrengenden Arbeiten lies er von den kleinen Menschen erledigen, die er sich vor langer Zeit gefangen hatte.
Argan war ein böser Riese und er beschimpfte und bestrafte seine Gefangenen so oft wie möglich. Und so taten die Menschen immer das, was er von ihnen verlangte.
Groß, fett und faul war er in der langen Zeit geworden. So sah er noch schrecklicher aus, als es Riesen eh schon sind.
Doch abends, wenn die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand und das Licht der Dunkelheit wich, veränderte sich Argan. Denn er hatte riesige Angst im Dunkeln. Sobald er nichts mehr sehen konnte, lief ihm kalter Schweiß den Rücken herab und er sah in jeder Ecke ein böses Monster, das ihn fressen wollte.
Damit er nicht ohne Licht schlafen musste, nahm er seine versklavten Menschen und drückte jedem von ihnen eine Lampe in die Hand. Danach holte er eine große Kiste mit Glühbirnen aus dem Schrank, schraubte sie auf und steckte die Menschen hinein. So waren in der ganzen Nacht alle Räume seine Hauses hell erleuchtet. Nur so konnte Argan ruhig schlafen.
Den Menschen gefiel das natürlich gar nicht. Tagsüber ackerten sie in den Gärten des Riesen und in der Nacht mussten sie in einer engen Glühbirne bei hellem Licht schlafen. Daher waren sie nie ausgeschlafen. Sie konnten ihre Aufgaben nicht richtig erledigen und es passierten immer wieder Unfälle, weil sie einfach während der Arbeit einschliefen.
Aber sie konnten sich nicht wehren. Kleine Menschen hatten gegen einen Riesen keine Chance. So nahmen sie es hin und beleuchteten jede Nacht das Haus.
»Wenn auch nur eine eurer Lampen in der Nacht erlischt, werde ich euch alle zusammen so hart bestrafen, wie ihr es euch nicht einmal in euren Alpträumen vorstellen könnt.«, sagte Argan jeden Abend, bevor er unter seine große Decke kroch. Dann schlief er ein und schnarchte die ganze Nacht so laut wie zehn Sägewerke zusammen.
Erst am nächsten Morgen befreite er die Menschen aus den Lampen und zwang sie zur Arbeit im Garten.

Eines schönen Tages kam ein kleines Wurmmädchen durch den Garten gekrochen. Ihr Name war Marla. Sie war angelockt worden vom Duft der süßen Früchte, an denen sie nun hungrig knabberte.
Doch als die Sonne langsam unter ging, suchte sie sich ein kleines Loch in der Hauswand, um dort schlafen zu können.
Doch von Ruhe und Schlaf konnte nicht die Rede sein. Denn noch bevor es richtig dunkel war, leuchtete bereits helles Licht im Innern des Hauses und überall beklagten sich kleine Menschen.
»Was mag denn da drin vor sich gehen?«, fragte sich Marla und kroch vorsichtig tiefer in das Loch, bis sie etwas sehen konnte.
Und da erblickte sie auch schon das graumsame Spiel. Ein gewaltiger Riese stopfte die Menschen mit ihren Lampen in Glühbirnen und hängte sie an der Decke auf.
»Wenn auch nur eine eurer Lampen in der Nacht erlischt, werde ich euch alle zusammen so hart bestrafen, wie ihr es euch nicht einmal in euren Alpträumen vorstellen könnt.«, sagte er wie jeden Abend.
»Hui, hat da vielleicht jemand Angst im Dunkeln?«, fragte sich das Wurmmädchen.
»Aber deswegen darf er doch die armen Menschen nicht einfach einsperren. Dagegen muss etwas unternommen werden.«
Marla kletterte wieder zurück nach draußen und pfiff einmal ganz laut auf ihren Fingern.
Kurz darauf bewegte sich etwas im Garten. Die Blätter des Salates wackelten und die Früchte der Bäume wippten hin und her, obwohl es völlig windstill war. Und dann konnte man sie sehen. Von überall kamen weitere Würmer hervor gekrochen und folgten Marla schließlich in das Haus des Riesen.

Die Menschen saßen still und traurig in ihren Glühbirnen. Sie achteten darauf, dass ihre Lampen nicht erloschen und waren so still wie es nur ging, damit der Riese nicht aufwachen konnte.
Doch dann war da ein Geräusch. ›Poch-poch, poch-poch‹. Irgend etwas klopfte von außen gegen das milchige Glas. Was konnte denn das nur sein? Dann war es wieder zu hören. ›Poch-poch, poch-poch‹.
Die Menschen wussten nicht, was sie davon halten sollten. Aber sie trauten sich auch nicht, darauf zu reagieren. Viel zu schnell hätte Argan wach werden können. Und ein wütender Riese war so ziemlich das schlimmste, was man sich vorstellen konnte.
Mit einem Mal entstand in allen Glühbirnen ein kleines Loch das schnell größer wurde. Die kleinen Würmer fraßen sich durch das Glas.
Eine leise Stimme sprach zu den Menschen und machte ihnen Mut.
»Kommt schnell heraus. Der Riese schläft. Wir sind hier, um euch zu befreien.«, flüsterte Marla.
Zuerst trauten sich die Menschen nicht.
»Er wird erwachen, sobald es dunkel wird. Und dann wird er uns bestrafen. Wir können hier nicht weg.«, antworteten sie.
Doch selbst dafür hatte Marla gesorgt, denn in diesem Moment war leises Summen zu hören und durch das Loch in der Wand kamen unzählige Glühwürmchen in das Haus geflogen.
»Sie werden eure Plätze einnehmen und für den Riesen leuchten. Denn für ein Glühwürmchen gibt es nichts schöneres als Licht zu machen.«
Nun fassten die Menschen Mut, kletterten aus ihren kleinen Gefängnissen und überließen ihre Plätze den Glühwürmchen. Noch in der selben Nacht verschwanden die Menschen für immer und suchten ein eigenes Land, in dem sie ohne Angst vor Riesen leben konnten.
Das Wurmmädchen Marla und ihre Freunde freuten sich sehr, jemand anderem etwas Gutes getan zu haben. Gemeinsam krochen sie in den Garten und fraßen sich am Obst und Gemüse des Riesen satt, bis nichts mehr davon übrig war. Danach verschwanden sie und wurden nie wieder dort gesehen.

Sofie bekam große Augen und ging näher an eine der Lampen im Keller heran.
»Und da drin sitzt also ein Glühwürmchen und macht Licht?
Papa machte ein ernstes Gesicht und nickte stumm.
Sofie musste grinsen.
»Weißt du was? Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber lustig war die Geschichte trotzdem.«

(c) 2008, Marco Wittler