363. Das Adoptivkind

Das Adoptivkind

Mehrere Wochen am Stück hatte es geschneit und die Temperaturen waren weit im Keller gelegen. Doch nach dieser langen Zeit der Kälte hatte Tauwetter eingesetzt. Die Sonne kümmerte sich um die Schneemassen und legte nach und nach die Welt wieder frei. Aber was dort zum Vorschein kam, war nicht immer schön gewesen.
Rumms!!!
»Verdammt noch mal.«, brüllte ein Mann hinter dem Steuer eines Lastwagens.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Warum entstehen bloß immer so viele Schlaglöcher, wenn es lange friert. Und jetzt muss ich ständig da durch.«
Er hörte gar nicht mehr auf zu fluchen, denn dieses Mal knallte er mit seinem Reifen in eine besonders tiefes Loch. Es ging ein richtiger Ruck durch das ganze Fahrzeug.
Ein paar Meter weiter hinten hielt die Tür des LKW diesen Belastungen nicht mehr stand. Mit einem lauten Knirschen schwang sie auf. Wenige Sekunden später rutschte eine kleine Holzkiste heraus und fiel auf die Straße. Doch davon bemerkte der Fahrer nichts. Er setzte seinen Weg weiter fort und verschwand hinter der nächsten Kurve, wo er durch weitere Schlaglöcher steuerte.
Da stand die kleine Kiste nun am Straßenrand. Breite Risse hatten sich im Holz gebildet. Lange würde sie nicht mehr in einem Stück bestehen bleiben. Aus diesem Grund kam das Innere in Bewegung. Es rüttelte, es schüttelte. Es versuchte, sich aus seinem engen Gefängnis zu befreien.
»Da schau mal.«, sagte Max zu seiner kleinen Schwester Anna, die gerade von der Schule nach Hause gingen.
»Hat sich die Kiste bewegt?«
Vorsichig gingen sie näher, als es auch schon geschah. Die Kiste zerbrach in mehrere Teile und zum Vorschein kam ein kleines Etwas mit schwarzen und weißen Farben. Vor lauter Angst zitterte es am ganzen Leib.
»Ist das ein Tier?«, fragte Anna neugierig.
Sie legte ihren Schulranzen ab, sah nach links und rechts, um sich davon zu überzeugen, dass kein Auto kam und trat auf die Straße. Behutsam hob sie das Tier hoch und besah es sich von allen Seiten.
»Das ist ein Pinguin.«, rief sie erstaunt.
»Wie kommt der denn hierher? Der gehört doch zum Südpol.«
Max sah sich die Reste der Holzkiste an.
»Den hat bestimmt jemand verschickt und die Post hat ihn dann verloren. Leider ist die Adresse verschwommen. Der Aufkleber hat in der Pfütze hier gelegen. Ich kann nicht mehr lesen, wo der Pinguin eigentlich ankommen sollte. Was machen wir denn jetzt?«
Anna begann zu strahlen.
»Ist doch klar. Wir behalten ihn. Ich hab auch schon einen Namen für den kleinen Kerl. Ich werde ihn Paul nennen.«
Max verdrehte die Augen.
»Wir können ihn doch nicht einfach so mitnehmen.«
Aber Anna war anderer Meinung. Sie schnallte sich ihren Ranzen um, setzte den Pinguin vorsichtig in ihre große Jackentasche und ging grinsend nach Hause.

Mama stand gerade in der Küche und kümmerte sich um das Mittagsessen, als die beiden Kinder nach Hause kamen. So konnte sich Anna unbemerkt in ihr Zimmer schleichen und den kleinen Pinguin verstecken. Erst dann setzte sie sich an den großen Esstisch zum Rest der Familie.
»Wir haben heute was Ungewöhnliches gesehen.«, begann plötzlich Max zu erzählen.
»Pscht.«, machte Anna und sah ihren Bruder böse an, der sofort verstummte.
»Was habt ihr denn gesehen?«, fragte Papa neugierig.
»Ach, nichts weiter. Ein Lastwagen hat auf der Straße eine alte Holzkiste verloren. Mehr war da nicht.«, berichtete Anna und ließ einfach den Rest ihres Erlebnisses weg.
Nach dem Essen ging sie wieder in ihr Zimmer und staunte nicht schlecht. Der Pinguin hatte sich inzwischen ein wenig ausgetobt und dabei zwei Blumenvasen umgeworfen. Nun saß er in der Pfützte und patschte darin mit seinen kleinen Flügeln herum.
»Ach, du brauchst ja Wasser.«, fiel es Anna ein.
Sie schnappte sich den Pinguin und brachte ihn ins Badezimmer. Sie ließ etwas Wasser in die Wanne und setzte ihr neues Haustier auf den Rand.
»Also das wird dir bestimmt gefallen.«
Und so war es auch. Der kleine Paul ließ sich das nicht zweimal sagen und glitt in das Wasser.
»Und ich gehe so lange wieder runter und mache meine Hausaufgaben.«
Als Anna den Flur betrat, hörte sie schon die Stimme ihres Bruders, der ganz verschwörerisch klang.
»… und dann hat sie ihn einfach in ihre Tasche gesteckt und mit sich genommen.«
Anna wurde rot im Gesicht. Wie konnte ihr Max bloß so in den Rücken fallen. Sofort stürmte sie die Treppe hinunter.
»Ich kann das gar nicht glauben.«, begann Mama, als sie ihre Tochter sah.
»Hast du wirklich …?«
»… einen Pinguin mit nach Hause genommen.«, beendete Anna den Satz kleinlaut und nickte.
Mama stockte der Atem. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie wieder etwas sagen konnte.
»Das Tier muss sofort weg. Ich weiß ja nicht mal, wie man einen Pinguin hält.«
Sie lief aus dem Wohnzimmer heraus und blieb im Flur stehen.
»Wo ist er?«
Anna kam ihr hinterher und zeigte den Weg.
Mama öffnete vorsichtig die Badezimmertür und warf einen Blick hinein. Paul kletterte gerade aus dem Wasser und setzte sich auf den Rand der Wanne, wo er sich kräftig schüttelte.
»Ist der süüüß.« rief Mama.
Sie betrat das Bad und nahm den Pinguin in die Arme. Sie musste grinsen.
»Wisst ihr was? Den hätte ich auch mit nach Hause genommen. Jetzt müssen wir ihm nur noch eine eigene Badewanne besorgen.«
Anna lachte und freute sich darüber ihr neues Haustier doch noch behalten zu dürfen.

(c) 2011, Marco Wittler