308. Der Zopf

Der Zopf

Es war mitten in der Nacht. Trotzdem lag Anni nicht in ihrem Bett. Sie konnte einfach nicht einschlafen.
»Ich bin ja so unglaublich aufgeregt.«, murmelte sie immer wieder vor sich hin.
»Was ich wohl zum Geburtstag geschenkt bekomme?«
In Gedanken malte sie die unglaublichsten Dinge aus.
»Ich bekomme bestimmt ein Pferd. Vielleicht hat Papa auch nicht vergessen, dass ich mir riesiges Puppenhaus gewünscht habe.«
Sie hakte noch einmal ihre Liste ab, bevor sie ein weiteres Mal auf den Wecker sah.
»Es ist ja immer noch ein Uhr. Will es denn gar nicht Morgen werden? Das ist so unfair. Vielleicht sollte die andern Wecken und jetzt schon feiern.«
Doch das traute sich Anni dann doch nicht.
Irgendwann schlief sich dann doch erschöpft am Schreibtisch ein.

Am nächsten Morgen klopfte es laut an die Tür.
»Spätzchen, bist du wach? Es wird Zeit zum Aufstehen. Die Sonne ist schon aufgegangen und die Vögel zwitschern so laut sie können.«
Anni schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um, bis ihr wieder einfiel, wo sie eingeschlafen war.
Sie reckte und streckte sich, gähnte laut und öffnete die Tür.
»Guten Morgen, Mama.«, sagte sie verschlafen.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, wünschte Mama und nahm ihre Tochter gleich an die Hand.
»Wir gehen jetzt zusammen nach unten. Die anderen warten schon auf dich.«
In der Küche saßen schon Papa und Annis Brüder Michi und Patrick.
»Herzlichen Glückwunsch.«, riefen sie und begannen, ein Ständchen zu singen.
»Bist du denn schon neugierig, was du von uns geschenkt bekommst?«, fragte Patrick neugierig.
Anni nickte kräftig mit dem Kopf und grinste von einem Ohr zum anderen.
Mama ging zum Backofen, öffnete dessen Tür und holte ein Blech heraus. Darauf lag etwas.
»Das ist von uns allen.«, erklärte Mama.
Anni bekam zuerst große Augen. Dann ließ sie enttäuscht ihre Schultern hängen.
»Ein gebackener Hefezopf?«
Anni wurde traurig und sauer.
»Was soll ich denn damit machen? Der reicht doch nur zum Frühstücken.«
Mama grinste.
»Du trägst doch so gerne Zöpfe. Da dachten wir uns, dass wir dir auch einen backen sollten.«
Anni presste ein leises Danke durch ihre Lippen und biss enttäuscht in den Hefezopf.
»Huch, was ist denn das?«
Sie hatte plötzlich ein Band zwischen den Zähnen, das zu einem großen Teil noch im Gebäck steckte.
Neugierig betrachtete sie den Zopf von allen Seiten, bevor sie das Band vorsichtig weiter heraus zog. Am Ende hing ein Schlüssel.
»Wofür ist denn der?«
Anni Neugierde war nun geweckt.
»Schau doch mal nach, ob der Schlüssel in die Schuppentür passt.«, schlug Papa vor.
Anni stürmte sofort in den Garten. Der Schlüssel passte und ließ sich leicht drehen. Sie öffnete die Tür und sah hinein. Vor ihr stand ein Pony, das nun zur Begrüßung laut wieherte.
»Alles Gute zum Geburtstag.«, rief der Rest der Familie.
Anni standen Tränen in den Augen. Es war zwar kein Pferd, wie sie es sich gewünscht hatte, aber ein Pony war noch viel süßer.
Das war der schönste Geburtstag ihres Lebens.

(c) 2010, Marco Wittler

233. Sie rennen um die Wette

Sie rennen um die Wette

Das kleine Pony stand auf der Weide und kaute auf einem Grasbüschel. Es war ein richtig schöner Tag. Nur ein paar kleine Schäfchenwolken waren am Himmel zu sehen.
Genau in diesem Moment kam ein großes Pferd den Weg entlang galoppiert. Als es das Pony entdeckte hielt es an.
»Du bist aber ganz schön klein geraten.«, sagte das Pferd.
»Ich bin ja auch ein Pony. Ich werde gar nicht größer.«, antwortete das Pony.
Das Pferd schnaubte und lachte.
»Mit deinen kurzen Beinen kannst du nicht einmal ein Rennen gewinnen. Auf dir möchte bestimmt kein einziger Mensch reiten.«
Schon wollte das Pferd davon galoppieren, da wurde es vom Pony aufgehalten.
»Dann lass und doch ein Wettrennen machen. Ich werde dir beweisen, dass ich viel schneller bin als du.«
Da lachte das Pferd ganz laut.
»Was? Du kleiner Zwerg willst gegen mich gewinnen? Das glaubst du doch selbst nicht.«
Pony und Pferd einigten sich, quer über die Weide, durch den dichten Wald und zurück zu laufen.

Achtung! Fertig! Los!

Die beiden liefen so schnell sie konnten. Das Pferd war sehr schnell und das Pony kam nur langsam hinterher. Doch am Waldrand sollte sich das ändern.
»Was soll denn das? Ich komme hier nicht durch.«, beschwerte sich das Pferd, denn die Äste der Bäume waren viel zu dicht für so ein großes Tier.
Nun jubelte das Pony. Es war klein genug, um unter allen Bäumen her zu laufen. Es durchquerte den Wald, drehte um und kam schließlich als erstes zum Ziel.
Das große Pferd hatte das Wettrennen verloren. Es musste einsehen, dass lange Beine nicht ausreichten, um immer gewinnen zu können. Man brauchte auch schlaue Ideen.

(c) 2009, Marco Wittler