153. Der große Kürbis

Der große Kürbis

»Halloween ist doof. Das ist doch etwas für kleine Kinder.«, beschwerte sich Max.
»Ich weiß gar nicht, was daran so lustig sein soll, wenn man sich so albern verkleidet. Es gibt keine Geister, Gespenster und den ganzen anderen Kram. Ich will damit nichts zu tun haben.«
Seine Mutter verzweifelte mittlerweile. Schon seit einer Stunde versuchte sie, das Kostüm für ihren Sohn zu schneidern. Max weigerte sich allerdings sehr erfolgreich.
»Aber an Karneval bist du doch im Piratenkostüm herum gelaufen und hattest sehr viel Spaß.«
Max wurde rot im Gesicht.
»Das war ja auch etwas ganz anderes. Das lässt sich doch gar nicht vergleichen. An Karneval vertreibt man mit seiner Verkleidung den Winter. Das ist eine ganz wichtige Sache.«, rechtfertigte er sich.
Seine Mutter gab auf. Es schien keinen Zweck zu haben.
»Na gut, wenn du meinst. Dann lassen wir das. Falls du es dir doch noch anders überlegst, kannst du ja immer noch das Piratenkostüm aus dem Schrank holen.«
In diesem Moment kam Thilo ins Wohnzimmer. Er war der Ältere der beiden Kinder in dieser Familie.
»Na du Zwerg, bist du schon wieder bockig?«
»Ich bin nicht bockig. Lass mich bloß in Ruhe.«
Thilo lachte. Er ließ sich die Halloweenlaune nicht mehr verderben. Zu sehr freute er sich bereits auf die anstehende Party, die er mit seinen Freunden geplant hatte. In diesem Jahr war er selber als Gastgeber dran.
»Aber glaub bloß nicht, dass du unverkleidet mit in den Partykeller kommen darfst. Da darf nur rein, wer Spaß an Halloween hat.«
Max rümpfte die Nase und drehte sich weg.
»Das ist mir doch völlig egal. Ich habe da keine Lust drauf. Mach doch deine Party alleine.«

Nach dem Abendessen stand Thilo im Partykeller und brachte die letzten Verzierungen an. Auf den Tischen standen kleine Kürbisse in die er Gesichter geschnitten hatte. Unter der Decke hingen unzählige Girlanden mit Geistern, Monstern und allem, was zu Halloween einfach dazu gehört.
»Was ist das überhaupt alles für ein albernes Zeug?«, fragte Max von der Tür aus.
»Du bist doch dumm.«, entgegnete Thilo.
»An Halloween verkleidet man sich schaurig und gruselig. Je unheimlicher, desto besser. Dazu gehören Monster, Geister, Gespenster, Vampire, Zombies und auch der große Kürbis.«
»Der große Kürbis?«
Nun wurde Max neugierig und kam weiter in den Raum hinein. Indessen nahm Thilo einen Kürbis vom Tisch.
»Ja, der große Kürbis. Er kommt in der Halloweennacht in die Stadt und sucht nach neuen Opfern. Man sagt, dass es sich bei ihm um einen alten Kürbisbauern namens Jack handelt, der zu Lebzeiten schon Menschen getötet hat. Und nun kehrt er mit seinem Kürbiskopf jedes Jahr zurück um wieder zu töten.«
Thilo macht schaurige Geräusche und freute sich darüber, seinem kleinen Bruder Angst eingejagt zu haben.
»Das glaubst du doch selber nicht.«, beschwerte sich Max.
»Diesen Jack gibt es gar nicht, dass hast du dir nur ausgedacht.«
Ohne ein weiteres Wort verließ er den Keller.

Am nächsten Abend war es soweit. Es war Halloween. Thilo hatte sich ein falsches Gebiss mit langen Eckzähnen in den Mund gesteckt, und an den Mundwinkel falsches Blut gemalt. Jedes Mal, wenn es an der Tür klingelte, versuchte er seine Gäste in der Verkleidung des Vampirs zu erschrecken. Doch irgendwie wollte das nicht so richtig gelingen.
Im Keller spielte laute Musik und die Kinder machten sich nach und nach über die unzähligen Süßigkeiten her. Sie hatten alle unglaublich viel Spaß.
Zu etwas späterer Stunde wurde es dann leiser. Thilo hatte das Licht abgeschaltet und saß nun mit seinen Freunden um eine Kerze herum. Es war Zeit, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen.
Stefan berichtete von einer Mumie, die am Vormittag angeblich in der Schule gesehen worden war. Michi war einem Geist im Wald über den Weg gelaufen und Erik war immer noch verängstigt, weil ein Zombie drei Stunden vor der Haustür gestanden hatte.
Nun war Thilo an der Reihe. Am Abend zuvor hatte er genug Gelegenheit, seine Geschichte über den großen Kürbis zu üben. Max hatte jedenfalls Angst dabei bekommen.
»Heute ist die Nacht des großen Kürbis.«, berichtete er mit einer ganz tiefen Stimme.
»Heute kommt er in die Stadt und sucht nach Opfern, die er mit seinem langen Messer aufschlitzen kann.«
Zwei Mädchen kuschelten sich eng aneinander. Die Jungs lachten.
»Auf seinen Schultern hat er keinen Kopf, sondern einen riesigen Kürbis.«
Die Jungs lachten weiter.
»Ach komm, das ist doch keine Gruselgeschichte. Da ist erzählt meine Oma sogar etwas Besseres.«, beschwerte sich Nils.
In diesem Moment krachte die Tür des Partyraums auf. Nebelschwaden drangen herein und ein düsteres Licht schuf eine schaurige Atmosphäre.
»Kann einer von euch die Tür schließen?«, bat Thilo unsicher.
»Wir wollen doch ungestört Gruselgeschichten erzählen.«
Keines der Kinder stand auf. Sie starrten alle gebannt auf den Nebel. Es war ihnen nicht mehr geheuer. Als dann auch noch ein völlig verrücktes Lachen zu hören war, begannen einige von ihnen zu kreischen und verkrochen sich unter dem Tisch.
Der Nebel im Kellerflur wurde immer dichter. Doch nun wurde langsam eine Person sichtbar, die langsam, Schritt für Schritt, herein kam.
Sie trug dicke Stiefel und einen langen Umhang. Auf den Schultern war kein Kopf, dafür aber ein riesiger Kürbis zu sehen, aus dem ein Gesicht geschnitzt worden war. Aus den Augen loderten kleine Flammen.
»Hilfe, es ist der große Kürbis.«
Thilo bekam Panik und wusste nicht mehr, was er machen sollte.
»Rettet mich doch. Einer von euch muss mit ihm kämpfen.«
Doch in diesem Moment öffnete der große seinen Umhang und holte eine Sense darunter hervor. Langsam kam er näher. Und schon wieder lachte er hämisch.
Er hob den Arm und zeigte nach und nach mit dem Finger auf die einzelnen Kinder, bis er bei Thilo stehen blieb.
»Du!«, flüsterte er gefährlich leise.
»Komm her und stirb.«
Nun begannen alle Kinder zu schreien. Bei diesem Lärm bemerkten sie gar nicht das Lachen, das unter dem Kürbis hervor kam.
Die Furcht einflößende Kreatur ließ seine Sense fallen,griff an ihren Kürbiskopf und hob diesen hoch. Alle Kinder im Raum hielten den Atem an.
Als sie dann aber sahen, wer sich unter dieser Verkleidung verbarg, atmeten sie alle auf.
»Na, wer ist nun der wahre Halloweenkönig?«
Thilo kam unter dem Tisch hervor und gesellte sich zu seinem kleinen Bruder.
»Da hast du mich aber ganz herein gelegt, du Zwerg. Mit dir hätte ich ja gar nicht gerechnet.«
Max war unheimlich stolz, dass er in diesem Jahr das gruseligste Kostüm bekommen hatte. Es war schließlich gar nicht so einfach gewesen, den anderen mit Mama zusammen etwas vorzuspielen.

(c) 2008, Marco Wittler