193. Ich will nicht schlafen

Ich will nicht schlafen

Paul hüpfte wie ein wilder Gummiball durch das Wohnzimmer. Im Radio lief gerade sein Lieblingslied. Er sang laut und freute sich. Doch nach drei Minuten war es vorbei. Die Kindersendung war zu Ende. Es folgten die Nachrichten.
»Das ist gemein. Ich will noch mehr hören.«, beschwerte er sich und drehte am Regler und suchte nach einem neuen Sender. Doch überall lasen die Frauen und Männer Meldungen aus aller Welt vor.
»Ich glaube, es wird Zeit, dass du ins Bett gehst.«, sagte Mama vorsichtig.
Nun standen die bösen Worte mitten im Raum. Paul hatte sie gehört. Er ließ das Radio los und versteifte sich am ganzen Körper.
»Nein. Jetzt noch nicht.«, presste er leise aus seinem Mund heraus.
Mama seufzte. Es war jeden Abend das gleiche Problem.
»Aber draußen ist es schon dunkel. Es wirklich schon sehr spät.«
Sie zeigte auf die Uhr an der Wand.
»Du möchtest doch Morgen nicht verschlafen, sondern pünktlich im Kindergarten ankommen.«
Paul schüttelte kräftig seinen Kopf. Der Kindergarten interessierte ihn jetzt nicht.
»Will Musik hören. Das Radio soll endlich welche spielen.«
Wieder drehte der das Rad nach links und nach rechts. Aber überall waren nur Nachrichten zu hören.
»Ach Paul.«, sagte Mama.
»Was soll ich bloß mit dir anstellen? Ich wäre froh, wenn du auch nur einen einzigen Abend ohne Murren ins Bett gehen würdest.«
Sie überlegte. Fiel ihr vielleicht etwas ein?
»Wenn sich das nicht ändert, können wir demnächst keine Kindersendung mehr hören. Dann bleibt das Radio abgeschaltet.«
Paul zog seine Hand zurück. Diese Drohung klang ernst. Sollte er tatsächlich auf die schöne Musik verzichten, um länger wach bleiben zu können?
»Mir egal.«, rief er.
»Will nicht ins Bett.«
Mama setzte sich in den Sessel und stützte ihren Kopf auf ihre Hände. So schwierig hatte sie es sich nicht vorgestellt.
»Kindersendungen im Fernsehen darfst du dann aber auch nicht mehr anschauen.«
Nun war Paul wie erstarrt. Mit so einer harten Strafe hatte er nicht gerechnet. Konnte Mama wirklich so hart zu ihm sein? War es das tatsächlich wert? Doch dann kam ihm eine Idee.
»Ich brauche die alte Flimmerkiste nicht.«, sagte Paul mit fester Stimme.
Er ging zum Fernseher. Mit einem breiten Grinsen zog er den Stecker aus der Dose.
Inzwischen waren die Nachrichten vorbei, das Wetter und die Staumeldungen vorgelesen. Nun spielte das Radio wieder Musik.
»Was ist denn hier los?«, fragte plötzlich Papa, der gerade aus dem Keller kam.
»Paul, ich dachte, du wärst schon längst im Bett und würdest auf mich warten. Da habe ich mich wohl getäuscht. Wir hatten doch abgemacht, dass nach der Kindersendung das Radio abgeschaltet wird und du dich umziehst.«
Paul sah ihn mit großen Augen an.
»Aber ich will noch nicht ins Bett. Ich will Musik hören und hüpfen.«
Wieder sprang er im Kreis herum.
Da ging Papa ins Kinderzimmer und holte ein Buch, das auf dem Nachttisch lag.
»Dann kann ich das hier ja ins Regal stecken. Wer nicht ins Bett geht, mag auch keine Geschichten hören.«
Paul war auf einmal wie elektrisiert. Papa würde ihm keine Geschichte vorlesen? Das war das Allerschlimmste, was er sich vorstellen konnte. Sofort war er wieder am Radio, schaltete es ab und flitzte in sein Zimmer. Kaum lag er unter seiner Decke rief er laut durch die Wohnung.
»Ich bin im Bett, Papa. Du kannst mir doch noch was vorlesen.«
Nun musste Mama lachen.
»Hätte ich doch bloß gewusst, dass es so einfach ist.«
Papa gesellte sich zu seinem Sohn und setzte sich auf das Bett.
»Wo ist denn das Buch mit den Geschichten?«, fragte Paul unsicher.
Papa lehnte sich an die Wand und faltete die Hände auf seinem Bauch.
»Ich werde dir heute nichts vorlesen. Stattdessen erzähle ich dir eine uralte Geschichte von einem kleinen Jungen, der nicht ins Bett gehen wollte.«
Paul jubelte. Die Geschichten, die sich Papa selbst ausdachte, waren immer die Besten.
»Es war einmal …«, begann Papa zu erzählen.

(c) 2009, Marco Wittler

192. Die Radioreportage

Die Radioreportage

»Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich bin der rasende Rudi und möchte sie herzlich zu unserer Radioreportage begrüßen.
Sie werden es mir nicht glauben, aber die Szenen, die ich ihnen in den folgenden Minuten beschreiben werde, spielen sich tatsächlich vor meinen Augen ab. Mir scheint es, als würde die Erde auf den Kopf gestellt worden sein. Regeln gelten nicht mehr. Heute ist plötzlich alles anders.
Noch vor ein paar Minuten sah ich einen Verbrecher in seinem gestreiften Hemd friedlich mit einem Polizisten die Straße entlang marschieren. Von Diebesgut und Handschellen war allerdings nichts zu sehen. Mir kam es beinahe vor, als wären die Zwei seit Jahren dicke Freunde.
Und nun – nein, das wird mir niemals jemand glauben – zieht eine unüberschaubare Gruppe von Hunden und Katzen durch die Stadt. Ja, sie hören richtig. Gemütlich laufen diese Tiere an mir vorbei. Da ist kein Knurren und kein Fauchen zu hören. Sie sind alle in bester Laune. Alles bleibt erstaunlich friedlich.
Was ist hier bloß geschehen? Ist es ein verrückter Zauber oder gar ein Fluch, der sich über diese Stadt gelegt hat? Oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm? Wird vielleicht doch noch in ein paar Minuten eine große Katastrophe geschehen? Wir wissen es nicht. Aber ich wäre nicht der rasende Rudi, wenn ich nicht vor Ort bleiben würde, um sofort über jedes Ereignis zu berichten.
Ich traue meinen Augen nicht. Die unmöglichsten Dinge geschehen hier überall. Nur eine Straße weiter entdecke ich Piraten, Seeleute und Matrosen, die zusammen in das gleiche Gasthaus einkehren. Sie teilen den Tisch und das Bier miteinander. Hat es jemals Ähnliches vorher gegeben? Ich glaube nicht.
Selbst der Zoo macht vor diesem Wahnsinn nicht halt. Soeben lief ein riesiger Eisbär an mir vorbei, auf seinen Schultern einen kleinen Pinguin sitzend. Dabei weiß doch jeder, dass dieses weiße Zotteltier sehr gefährlich werden kann.
Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich denken soll. Alles steht Kopf. Nichts hält sich an die Naturgesetze oder Regeln. Dieser Tag wird definitiv in die Geschichte eingehen.
Doch was ist das? Sehe ich wirklich richtig oder werde ich nun langsam auch noch verrückt?
Es nähert sich ein riesiges, prunkvolles Fahrzeug. Oben, auf einem Balkon, stehen ein Prinz und ein Bauer einträchtig nebeneinander. Und als ob das nicht schon ungewöhnlich genug wäre, gesellt sich eine bärtige Jungfrau hinzu. Um den Wagen regnet es Bonbons, Blumensträuße und Schokolade, als wäre das Schlaraffenland Wirklichkeit geworden.
Wer das alles nicht selbst miterlebt, wird sich nicht vorstellen können, dass es tatsächlich stattgefunden hat.
Mit diesen Eindrücken möchte ich mich nun verabschieden und gebe zurück ins Funkhaus.«

Im Sender drückte der Radiomoderator ein paar Knöpfe und beendete die Funkverbindung, bevor er in sein Mikrofon sprach.
»Das war unser rasender Reporter Rudi, der uns in seiner unnachahmlichen Art und Weise vom kölner Karneval berichtete.
Wenn sie also noch ein schickes Kostüm besitzen und nicht wissen, wo sie am heutigen Rosenmontag feiern sollen, dann kommen sie doch einfach nach Köln, denn hier ist richtig was los.«
Der Moderator legte etwas Karnevalsmusik auf und begann zu schunkeln.

(c) 2009, Marco Wittler

169. Lärm

Lärm

»Macht nicht so viel Lärm und verschwindet aus dem Innenhof. Das ist kein Spielplatz hier.«
Der alte Herr Neumann lehnte sich weit aus seinem Fenster heraus und schimpfte so laut er konnte.
Jeden Tag war es das Gleiche. Wenn er Mittags aus der Stadt kam, spielten die Kinder der umliegenden Häuser direkt vor seiner Küche.
»Das geht so nicht mehr. Wenn ich euch noch ein einziges Mal erwische, rufe ich die Polizei.«
Traurig zogen die Kinder durch das große Tor zur Straße hinaus. Dort mussten sie auf dem Gehsteig zwischen Hauswand und parkenden Autos spielen. Auf der Straße selber wäre es wegen dem Verkehr zu gefährlich gewesen. Und trotzdem rollte hin und wieder ein Ball auf die Fahrbahn und brachte die Bremsen der Autos zum quietschen.
»Das ist so unglaublich gemein. Nirgendwo können wir in Ruhe spielen.«, beschwerten sich die Kinder immer wieder bei ihren Eltern.
Der Innenhof war verboten, die Straßen zu gefährlich und einen Spielplatz gab es auch nicht. Es war einfach zum Verzweifeln. Also warteten sie weiterhin jeden Tag darauf, von  den Nachbarn vertrieben zu werden.
Eines Tages kam Herr Neumann wieder aus der Stadt. Er stieg aus dem Bus und öffnete die Eingangstür zum Treppenhaus, als er plötzlich laute Musik hörte.
»Diese verdammten Kinder. Jetzt reicht es mir aber. Ich habe sie oft genug gewarnt. Aber das geht entschieden zu weit.«
Sofort lief er zur Straßenecke, und rief von der Telefonzelle die Polizei an.
»Ruhestörung ist das. In der Mittagszeit darf niemand laute Musik einschalten. Das ist strafbar. Kommen sie sofort her und unternehmen sie was.«, brüllte er in den Hörer.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis ein Streifenwagen vor dem Haus hielt. Die beiden Wachtmeister stiegen aus und wurden sofort von Herrn Neumann bestürmt.
»Die Kinder sind im Innenhof. Dort spielen sie jeden Tag und machen Lärm.«
Gemeinsam gingen sie durch das Tor und sahen sich um. Die Musik schallte durch den Innenhof. Kinder waren allerdings keine zu sehen.
»Das ist seltsam.«, murmelte einer der Polizisten, als er sich umsah.
»Hier sind gar keine Kinder. Die Musik scheint aus einem der Fenster zu schallen.«
Langsam ging er im Kreis, bis er fand, wonach er suchte.
»Dort in der Küche steht ein Radio.«
Plötzlich wurde Herr Neumann rot im Gesicht.
»Was? Das kann doch nicht sein.«
Er sah in seine eigene Küche hinein und entdeckte sein Radio. Er hatte vergessen, es nach dem Frühstück abzuschalten. Nun war er es, der die ganze Nachbarschaft störte.
In diesem Moment kamen ein paar Kinder durch das Tor.
»Wo kommt ihr denn her?«, fragten die Polizisten.
»Wir haben draußen auf den Gehwegen gespielt. Hier war es uns viel zu laut.«
Nun mussten alle lachen. Sogar Herr Neumann konnte ein leichtes Grinsen nicht mehr verstecken.

(c) 2009, Marco Wittler