596. Der Regenbogenfänger

Der Regenbogenfänger

Papa kam aus dem Keller. Die letzten Stunden hatte er dort unten in seiner Werkstatt verbracht. Laute Geräusche hatten seine Arbeit begleitet. Er hatte gesägt, gehämmert, geschliffen. Und nun hielt er ganz stolz sein Werk in Händen und präsentierte es dem Rest der Familie.
„Was ist denn das?“,wollte sein Sohn Paul wissen, der sich das Machwerk neugierig ansah.
„Das, mein Sohn, ist ein Regenbogenfänger. Na gut. Eigentlich nennt man so ein Ding Sonnenfänger, aber ich finde, dass Regenbogenfänger besser dazu passt.“
Paul lachte. „Was soll das sein? Ein Regenbogenfänger? Ich sehe nur die alten Treibholzstücke, die du im Urlaub gesammelt hast. Mit ein paar Bindfäden hast du Mamas alte Glassteine daran gebunden. Wie soll man denn damit einen Regenbogen einfangen können?“
Er sah aus dem Fenster. „Außerdem ist ein Regenbogen viel zu groß. Der geht doch von einem Ende des Horizonts zum Anderen. Wo soll man denn denn anschließend verstauen? Du erzählst mir doch schon wieder Märchen, die nicht stimmen. Du versuchst mich auf den Arm zu nehmen, aber dieses Mal falle ich nicht darauf rein.“
Papa grinste. „Dann warte mal ab, was ich dir gleich zeige. Lass uns mal ins Wohnzimmer gehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Papa holte einen Hammer und einen Nagel aus einer tiefen Tasche seines Hosenbeins. Den Nagel schlug er in die Wand über dem Fenster. Daran hängte er dann den Regenbogenfänger auf.
„Regenbögen sind schön. Sie sind eine der schönsten Dinge, die es auf unserer Welt gibt. Nur leider gibt es nicht so viele von ihnen. Man kann sie nur sehen, wenn es gerade regnet und dabei die Sonne scheint. Das kommt aber nicht so oft vor. Und für die restliche Zeit, gibt es den Regenbogenfänger.“
Genau in diesem Moment rissen draußen am Himmel die Wolken auf. Sonnenstrahlen kamen durch das Fenster herein und trafen auf die vielen Glassteine des Regenbogenfängers. Und dann geschah das Unglaubliche. Überall, auf allen Wänden des Wohnzimmers erstrahlten kleine Regenbögen. Es waren so viele, dass Paul sie gar nicht zählen konnte.
„Das ist ja der totale Wahnsinn.“, flüsterte er ergriffen.
„Siehst du. Ich habe dir nicht zu viel versprochen.“, war Papa stolz.
Paul grinste über das ganze Gesicht, lief von einem kleinen Regenbogen zum nächsten und untersuchte sie ganz genau.
„Und wo sind jetzt die Goldtöpfe, die am Ende jedes Regenbogens stehen sollen? Bei so vielen Regenbögen müssten wir steinreich werden.“

(c) 2017, Marco Wittler

420. Der Weihnachtsregenbogen

Der Weihnachtsregenbogen

„Oh je, Oh je.“, seufzte der Weihnachtsmann, als er gerade einen Wunschzettel gelesen hatte.
„Manchmal frage ich mich, warum sich die Kinder heutzutage keine normalen Sachen mehr wünschen können.“
Er nahm eine Liste in die Hand, die schon ziemlich lang geworden war, drehte sich zu seinen Weihnachtselfen um und las ihnen vor, womit er in diesem Jahr Probleme hatte.
„Hört euch das mal an. Es ist einfach nicht zu fassen. Marie aus München wünscht sich ein Pferd, dass sie dann auf dem Balkon unterbringen will. Sie weiß allerdings nicht, ob ihre Mama damit einverstanden ist.
Jonas aus Dortmund wünscht sich einen Urlaub auf dem Mond. Aber wie soll ich in der kurzen Zeit ein Hotel dort oben bauen? Eine Rakete habe ich auch nicht. Ich bin doch kein Reiseunternehmen.
Und das hier ist der absolute Oberhammer: Nils aus Gelsenkirchen wünscht sich, dass Schalke deutscher Meister wird. Wie soll ich das denn schaffen? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, so wie die spielen. Ich bin kein Fußballtrainer.“
Er legte die Liste zur Seite und ließ sich in seinen Sessel plumpsen.
„Ich glaube, ich werde langsam zu alt für diesen Job.“
Der Weihnachtsmann nahm sich den nächsten Wunschzettel vor und las ihn mit dicken Sorgenfalten auf der Stirn.
„Ich wusste es. Es geht noch weiter. Sofie aus Hamburg wünscht sich einen Regenbogen zu Weihnachten. Wie soll denn das gehen? Ich kann doch nicht den Himmel mit Farbe anpinseln.“
Er legte seinen Kopf in seine großen Hände und schüttelte ihn verzweifelt hin und her.
„Was machen wir denn jetzt? Hat von euch jemand eine Idee?“
Wieder drehte er sich zu seinen Elfen um, sah aber nur zuckende Achseln und ideenlose Gesichter. Doch dann meldete sich das Rentier Rudolph zu Wort.
„Ach, komm schon Boss. Lass mal deine Fantasie spielen. Regenbögen gehen ganz einfach. Dazu brauchen wir nur eine Wassersprühflasche.“
Wassersprühflasche? Was konnte dieses Rentier nur damit meinen?
„Komm einfach mit, Boss.“
Der Weihnachtsmann wollte nicht so recht glauben, dass man einen Regenbogen selbst machen konnte, aber trotzdem schnappte er sich eine Sprühflasche und stieg auf den Rücken des Rentiers. Nur ein paar Sekunden später flogen sie hinauf in den Himmel, um einen Regenbogentest über dem Nordpol zu machen.
„Los, Boss. Jetzt musst du vor der Sonne das Wasser versprühen. Wenn ihr Licht dann durch die Wassertropfen scheint, entsteht ein Regenbogen.“
Und so war es dann auch. Rudolph hatte Recht behalten. Es entstand ein wunderschöner Regenbogen.
„Wirklich genial.“, lobte der Weihnachtsmann.
„Dann kann ich wenigstens einen schwierigen Wunsch erfüllen. Aber die Meisterschaft für Schalke werde ich trotzdem nicht probieren.“

(c) 2012, Marco Wittler

047b. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 2)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber
(Teil 2)

Teil befindet sich hier.

Nach einer langen Wanderung kamen sie in der Hauptstadt des Landes an. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, die Wolken lockerten auf und der Regenbogen war längst verschwunden. Dafür ragte nun vor ihnen ein großes Schloss in die Höhe, dessen Türme bis in die Wolken zu wachsen schienen. Dahinter ragte ein riesiges Gebirge auf, dessen Gipfel zu hoch waren, um sie zu sehen.
Und in dem Schloss lebte der Regenbogenkönig mit seiner Familie.
Marvin war trauriger als jemals zuvor in seinem Leben.
»Wir werden nie den Topf voll Gold finden. Selbst wenn der Regenbogen wieder auftauchen sollte. Niemand kann uns sagen, wie wir hin kommen. Er ist einfach viel zu schnell für uns.«
Während sie durch die Straßen zogen, bemerkten sie, dass viele Leute stehen blieben, leise tuschelten und flüsterten. Und immer wieder zeigte jemand vorsichtig mit dem Finger auf die beiden Biber.
»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Fridolin.
Aber sein Freund hatte darauf auch keine Antwort.
»Ich finde das auch sehr seltsam.«

 Nach einem langen Tag suchten sie sich ein kleines Gasthaus in der Nähe der Stadtmauer aus. Noch immer hatte ihnen niemand den richtigen Weg weisen können. Nun dachte auch Marvin das erste Mal darüber nach, ob es nicht klüger wäre, sich auf den Rückweg nach Hause zu machen.
»Schon so lange sind wir jetzt unterwegs. Durch viele Länder sind wir gereist und noch mehr Städte haben wir gesehen. Und trotzdem hat uns nicht ein einziger helfen können. Nun sind wir in der Hauptstadt des Regenbogenlandes angekommen und selbst hier weiß niemand mehr als wir zwei.
Ich glaube, wenn man uns hier nicht helfen kann, dann kann es niemand auf der ganzen weiten Welt. Wir sollten nach Hause gehen.«
Er lies sich auf sein Bett fallen und vergrub seinen Kopf unter einem großen Federkissen.
Fridolin sah von seinem Bett aus hinüber und nickte traurig.
»Du hast Recht. Wir können den Regenbogen nicht erreichen, weil wir nicht wissen, wie das geht. Wir sollten aufgeben und gehen.«

 Am nächsten Morgen wurden die beiden von einem lauten Klopfen geweckt. Es stand jemand auf der anderen Seite der Tür und wollte offensichtlich mit den Bibern reden.
Marvin stand auf und öffnete. Da sah er einen Trupp der königlichen Soldaten vor sich. Sofort bekam er Angst, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen hatten und nun im Gefängnis landen würden.
Doch dann schob sich ein kleiner, aber fein gekleideter Mann nach vorn.
»Seit ihr die zwei komischen Biber, die auf den Regenbogen klettern wollen, um einen Topf voll Gold zu finden? Seit ihr diejenigen, über die man sich in der ganzen Stadt und dem ganzen Land bereits Geschichten erzählt?«
Marvin begann zu zittern und bekam kein Wort heraus. Dafür zitterte er nun am ganzen Körper.
»Endlich haben wir euch gefunden.«, rief der Mann.
»Wir suchen schon die ganze Nacht nach euch und waren bereits in allen anderen Gasthäusern der Stadt. Ich freue mich so sehr, euch endlich persönlich zu treffen.«
Fridolin war inzwischen zur Tür gekommen, hatte dem Fremden zugehört und verstand nichts von allem, was gesagt wurde. Marvin erging es da nicht anders.
Doch dann erklärte der Mann in den schicken Kleidern, warum er gekommen war.
»Der König unseres Landes hat mich zu euch gesandt. Er möchte euch in sein Schloss einladen, um mit euch zu sprechen.«
Nun waren die beiden Biber überrascht. Mit allem hatten sie gerechnet, nur nicht damit.
Sie packten sofort ihr weniges Hab und Gut zusammen und ließen sich von einer großen Kutsche in das Schloss fahren.

Der König wartete schon im Hof seinen Schlosses auf den bevor stehenden Besuch. Schließlich traf die Kutsche ein und er führte seine Gäste in den riesigen Thronsaal.
»Nehmt Platz, meine Freunde und erzählt mir von eurer langen und beschwerlichen Reise in mein Königreich.«
Die Biber machten es sich gemütlich und Fridolin begann zu berichten, warum sie sich auf die lange Wanderung gemacht hatten. Als er vom Topf voll Gold erzählte, fing der König an zu lachen.
»Immer wieder höre ich Berichte von jungen Burschen, die den Topf voll Gold am Ende des Regenbogens suchen. Aber noch kein einziger hat ihn je gefunden, weil es ihn einfach nicht gibt. Er ist nur ein Märchen.«
Marvin war enttäuscht. Er hatte es bereits befürchtet. Aber nun musste er vom König die volle Wahrheit erfahren.
»Ihr zwei Biber sei aber die ehrgeizigsten Sucher, von denen ich je gehört habe. Ich hätte nie gedacht, dass es jemanden geben würde, der einfach nicht aufgibt. Ihr seid schon zwei komische Kerle. Aber ich mag euch.«
Fridolin zog seinen Rucksack zu sich und holte sein Buch daraus hervor.
»Das einzige, was wir auf unserer Wanderung finden konnten, waren viele Geschichten über den Regenbogen. Es waren sogar so viele, dass ich sie mir unmöglich hätte im Kopf behalten können. Deswegen habe ich sie in dieses dicke Buch geschrieben. Mehr haben wir leider nicht.«
Der König nahm das Buch in seine Hände und blätterte vorsichtig durch die Seiten.
»Das ist genau der Grund, warum ich euch hierher eingeladen habe.«
Er zog eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und zündete eine Kerze an. Dann nahm er ein glatt poliertes Stück Glas in Tropfenform zur Hand und hielt es davor.
»Wenn es regnet, dann fallen viele Tropfen Wasser vom Himmel. Scheint dazu dann auch noch die Sonne, dann strahlt sie ihr Licht durch die Tropfen hindurch. Dabei zerfällt das Licht in seine farbigen Bestandteile.«
Er nahm das Buch hoch und hielt es neben den Glastropfen.
»Und wenn dann die farbigen Teile auf ein Hindernis stoßen, erscheint ein Regenbogen. Ihr seit also die ganze Zeit nur einem Bild am bewölkten Himmel gefolgt.«
Fasziniert sahen die Biber auf das Buch. Auf ihm war nun der Regenbogen mit all seinen Farben zu sehen: da waren rot, orange, gelb, grün, blau, indigo und violett.
»Auch wenn ihr vergeblich nach dem Topf voll Gold gesucht habt, findet ihr nun am Ende dieses kleinen Regenbogens einen Schatz, der euch unvorstellbar reich machen wird.«
Marvin und Fridolin verstanden nicht, wovon der König sprach. Sie sahen keinen Schatz, sondern nur ein Buch mit einem Regenbogen darauf.
»Ihr seht richtig, meine Freunde. Dieses Buch ist euer Schatz. Die Geschichten darin werden bald viele Zuhörer finden. Reist damit nach Hause und erzählt den Leuten vom Regenbogen. Das wird euch reicher machen, als alles Gold dieser Welt. Und ich möchte der erste Sein, der euren Erzählungen lauscht. Das ist mein einziger Wunsch an euch zwei.
Also setzt euch mit an meine Tafel, esst und speist mit mir und erzählt mir Geschichten aus eurem Buch.«

Marvin und Fridolin blieben noch ein paar Monate am Hof des Königs. Jeden Tag lasen sie ihm ihre Geschichten vor.
Doch eines Tages war die Zeit gekommen, dass sie Abschied nehmen mussten. Es zog sie wieder zurück in ihre Heimat.
Vor dem Schloss gab ihnen der König ein Geschenk.
»Dies ist der Regenbogentropfen, den ich euch damals gezeigt hatte. Tragt ihn immer als Erinnerung bei euch.«
Auch Fridolin hatte ein Geschenk für den König.
»Ich hatte viel Zeit in eurem Schloss und habe als Dank für eure Gastfreundschaft alle Geschichten noch einmal in einem neuen Buch aufgeschrieben, damit ihr euch auch in Zukunft daran erfreuen könnt.«
Ein letztes Mal gaben sie sich die Hand. Dann machten sich die Biber auf den langen Weg nach Hause.

Einige Monate später kamen Marvin und Fridolin zurück an ihren See. Schon vor Wochen hörten ihre Freunde und Nachbarn von der Rückkehr der beiden Biber. Denn es war ihnen die Kunde voraus geeilt von den beiden Regenbogenbibern, die im ganzen Land Geschichten über den Regenbogen erzählten und damit Jung und Alt unterhielten.
Doch nun war die lange Wanderung zu Ende. Marvin und Fridolin saßen auf der Terrasse, gekleidet in bunt schillernden Hosen und Jacken. Jeder von ihnen hatte ein dickes Buch im Schoß liegen, aus denen sie ihren gespannten Zuhörern Geschichten vorlasen.

 Aber irgendwann geht jede Geschichte einmal zu Ende.
Die beiden Biber wünschten allen eine gute Nacht und zogen sich müde in ihre Betten zurück. Noch einmal redeten sie über ihre Erlebnisse.
»Die ganze Zeit sind wir einem großen Trugbild hinterher gelaufen, in der Hoffnung reich zu werden. Wir haben geträumt von einem großen Baumhaus, einer Weltreise, Reichtum und einem riesigen Festessen.«
»Oh ja.«, sagte Fridolin dazu.
»Und wir haben das auch alles bekommen. Denn das Haus hatten wir schon immer, die Weltreise haben wir gerade erst beendet und das Festessen gab es jeden Tag am Hof des Regenbogenkönigs.«

Aber über den Reichtum freuten sich die beiden ganz besonders. Sie hatten zwar kein Gold gefunden, dafür aber überall auf ihrer Reise viele neue Freunde und Zuhörer gewonnen. Mit ihren Geschichten hatten sie viele Tiere glücklich gemacht. Und das ist, wie es der König damals sagte, viel wertvoller, als alles Gold dieser Welt.

(c) 2007, Marco Wittler

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047a. Am Ende des Regenbogens oder: Die Regenbogenbiber (Teil 1)

Am Ende des Regenbogens
oder: die Regenbogenbiber

 Marvin lehnte sich gemütlich zurück. Sein bester Freund Fridolin tat es ihm gleich. Die beiden hatten den ganzen Tag draußen im See miteinander gespielt. Nun waren sie müde und ruhten sich aus.
»Meine Biberoma hat früher immer Geschichten erzählt, wenn ich von Spielen nach Hause kam. Sie kannte so viele Geschichten, dass sie eine vor dem Abendessen erzählen konnte und auch eine danach. Und sie hat in all den Jahren keine einzige davon zweimal erzählt.«
Fridolin war erstaunt. So eine tolle Oma hatte er nicht gehabt.
»Meine Oma wohnte an einem anderen See, ganz weit weg in einem fernen Land.«
Marvin sah seinen Freund mitfühlend an.
»Wenn meine Oma noch hier wäre, würde sie dir bestimmt auch eine Geschichte erzählen.«
»Was war die aufregendste Geschichte, die du je gehört hast?«, fragte Fridolin.
»Da muss ich gar nicht lange überlegen.«, antwortete Marvin.
»Es ist die Geschichte vom Regenbogen.«
Die Biberoma hatte erzählt, wenn es regnet und dabei auch die Sonne scheint, dann kann man am Himmel einen bunten Regenbogen sehen. Wer dann über ihn hinweg klettert, auf der anderen Seite herunter rutscht und schließlich am Ende ankommt, findet einen großen Topf voll Gold.
Als Fridolin das hörte, bekam er große Augen.
»Ein Topf voll Gold? Ich wüsste gar nicht, was ich als erstes kaufen sollte, so viele Wünsche fallen mir da ein. Meinst du, dass der Weg dort hin weit ist? Wir könnten uns ja auf die Suche machen und als reiche Biber wieder nach Hause kommen.«
Marvin lachte.
»Das ist ja eine feine Idee. Dass ich da selber nicht drauf gekommen bin.«
Noch bevor sie in ihre Betten krochen, packte jeder seinen Rucksack für eine lange Reise.
Als sie unter ihre Schlafdecken krochen, murmelten sie beide einen Satz vor sich hin:
»Hoffentlich beginnt es bald zu regnen.«

 Am nächsten Morgen war allerdings nicht eine Wolke am Himmel zu sehen.
»Dabei habe ich mir den Regen so sehr gewünscht.«, sagte Marvin.
»Ich auch, mein Freund, ich auch.«

 Auch am zweiten Tag schien die Sonne, am dritten Tag wieder. Der Sommer schien in diesem Jahr gar kein Ende nehmen zu wollen.
Die beiden Biber erinnerten sich noch gut daran, wie sehr es im letzten Sommer geregnet und wie sehr sie auf Sonnenschein gehofft hatten. Nun war alles umgekehrt.
Während alle Tiere der Gegend Spaß hatten, im See schwammen und viele Spiele spielten, saßen Marvin und Fridolin gelangweilt und mit Rucksäcken, Regenjacken und Gummistiefeln auf der Terrasse vor dem Haus und warteten auf Wolken.
»Wollen wir nicht auch ein wenig zum Schwimmen in den See gehen? Mir ist langweilig und auch viel zu warm hier.«
Aber Marvin lehnte ab.
»Und was machen wir, wenn sich plötzlich das Wetter ändert und der Regenbogen erscheint? Dann ist er bereits wieder verschwunden, bevor wir zurück sind und unsere Rucksäcke aufgesetzt haben. Wir bleiben hier.«

 Die Zeit verging wie im Flug und die Wochen zogen in das Land. Während sich langsam der Sommer verabschiedete, die Temperaturen kälter wurden, saßen die Biber noch immer vor dem Haus.
»Meinst du nicht, wir sollten bald Vorräte für den Winter sammeln, bevor der Winter kommt?«, fragte Fridolin.
»Aber gerade jetzt im Herbst regnet es oft und viel.«, antwortete Marvin.
»Wir dürfen den Regenbogen nicht verpassen, sonst werden wir nie zu reichen Bibern.«
Ein paar weitere Wochen später schien es tatsächlich bald so weit zu sein, denn am Horizont zogen die ersten Wolken auf.
Doch sehr schnell hatten sie den ganzen Himmel bedeckt und es begann zu regnen.
»Wo ist denn nun der Regenbogen?«, fragte Fridolin.
»Er ist nicht da, weil keine Sonne scheint.«, bekam er als Antwort.

Drei Tage regnete es ohne Pause. Die Biber saßen mittlerweile wieder im Haus und wärmten sich am Kaminfeuer, als plötzlich ein heller Lichtstrahl durch das Fenster schien.
Während noch dicke Tropfen vom Himmel fielen, riss die Wolkendecke auf und die Sonne kam zum Vorschein.
Marvin sprang auf und lief sofort zur Tür.
»Los, komm wieder zurück.«, sagte Fridolin.
»Du wirst ja doch keinen Regenbogen sehen. Ich glaube, deine Oma hat sich diese Geschichte einfach nur ausgedacht.«
Marvin hörte gar nicht zu. Er öffnete die Tür und lief nach draußen. Er bemerkte gar nicht, dass er seinen Regenmantel vergessen hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sein Fell ganz nass war.
Doch dafür fand er hinter dem Haus, was er suchte.
»Da ist er. Da ist der Regenbogen. Ich habe den Regenbogen gefunden.«
Er rannte zurück ins Haus, um sich neue Sachen anzuziehen.
»Los, mach dich fertig. Der Regenbogen ist da, genau so, wie ich es dir gesagt hatte. Meine Oma hat also doch keine Märchen erzählt. Jetzt werden wir überall berühmt und reiche Leute.«
Es vergingen keine drei Minuten, bis die beiden zusammen wieder aus dem Haus kamen und dem Regenbogen entgegen gingen.
»Ich hoffe nur, dass es jetzt nicht so schnell vorbei ist mit dem Regen und der Sonne.«, sagte Fridolin.

 Fünf Tage waren nun schon vergangen. Die beiden Biber liefen noch immer dem Regenbogen hinterher. Am Tage sahen sie ihn vor sich, in der Nacht mussten sie Pausen einlegen, da dann die Sonne nicht mehr schien.
Noch immer prasselten dicke Tropfen vom Himmel. Die Wolken hatten den gleichen Weg, wie die Biber eingeschlagen.
»Irgendwie habe ich da komische Gefühl, dass wir dem Regenbogen nicht näher gekommen sind.«, sagte Fridolin.
Aber Marvin antwortete nur: »So ein Quatsch. Wir sind fünf Tage gelaufen. Natürlich sind wir jetzt näher an im dran. Sonst wären wir doch die ganze Zeit an der selben Stelle geblieben.«
Fridolin bekam langsam Zweifel. Irgendwas stimmte da nicht. Der Regenbogen war wohl sehr weit weg, aber hätte doch nach so einer langen Wanderung wenigstens etwas größer werden müssen.

 Nach insgesamt zehn Tagen waren sie bereits durch vier Städte gekommen. Überall fragten sie nach dem Weg oder einer Abkürzung zum Regenbogen. Aber niemand konnte helfen. Stattdessen erzählten ihnen die Leute viele Geschichten über den Regenbogen. Jeder kannte eine andere. Es schien von ihnen unendlich viele zu geben. Aber danach suchten die Biber nicht. Den beiden ging es doch um den Topf voll Gold.

Immer weiter folgten sie dem Regenbogen. Sie wanderten den Wolken und dem Loch, durch das die Sonne schien, hinterher. Immer weiter entfernten sie sich von ihrer Heimat und kamen schließlich in ein fremdes Land.
Marvin stand vor einem großen Schild. Er las Fridolin vor, was darauf stand.
»Willkommen im Regenbogenland. Hier wird der Regenbogen geboren und hier findet er sein Grab.«
Sie bekamen beide große Augen.
»Dann sind wir endlich am Ziel angekommen. Weiter kann der Regenbogen nicht mehr gehen. Hier werden wir endlich das Gold finden und reiche Biber werden.«
Schon dachten beide darüber nach, was sie mit ihrem Reichtum alles kaufen würden. Sie träumten von großen Baumhäusern, einem eigenen Badesee und einer Weltreise durch alle Länder der Erde. Außerdem wollten sie das größte Festessen aller Zeiten erleben.
Aber vorher mussten sie zum Regenbogen gelangen, was aber gar nicht so einfach war, denn noch immer schienen sie ihm nicht einen Meter näher gekommen zu sein.

 Eines Tages kamen sie in eine Stadt. Den Einwohnern war genau anzusehen, dass sie im Regenbogenland lebten, denn ihre Kleidung war so bunt und leuchtend wie der Regenbogen selbst.
»Schau dir das an, Fridolin. Es sieht aus, als trüge jeder von ihnen einen Teil des Regenbogens am Körper. Diese Leute müssen einfach wissen, wie wir an unser Ziel gelangen.«
Die Biber begannen jeden, den sie auf der Straße trafen, zu fragen, wie sie den Weg zum Regenbogen finden könnten. Sie gingen durch Einkaufsläden, über Wochenmärkte, durch Gasthäuser, Kneipen und Spelunken. Ein Antwort erhielten sie allerdings nicht. Stattdessen wurden sie oft ausgelacht oder bekamen neue Geschichten über den Regenbogen erzählt.

Weiter ging es durch das Regenbogenland. Die Biber zogen von Stadt zu Stadt. Aber es schien niemand zu wissen, wie man zum Regenbogen gelangen konnte.
»Ich glaube mittlerweile, dass es niemand wirklich weiß.«, sagte Marvin niedergeschlagen.
»Vielleicht ist der Topf voll Gold am Ende des Regenbogens auch nur eines von vielen Märchen. Und Märchen haben wir ja nun schon so viele gehört. Ich glaube sogar, dass ich nun mehr kenne, als meine alte Biberoma.«
Fridolin stimmte ihm zu. Er hatte schon vor einigen Wochen begonnen, alle Geschichten, die sie gehört hatten, in ein dickes Buch zu schreiben, um keine einzige von ihnen zu vergessen.
»Wenn das so weiter geht, brauche ich bald ein neues Buch.«, sagte er.
»Vielleicht fällt mir aber auch vom vielen Schreiben einfach die Hand ab. Was meinst du?«
Marvin verdrehte die Augen.
»Erzähl nicht so einen Blödsinn. Du weißt doch ganz genau, dass so etwas nicht passieren kann. Mit diesen Schauergeschichten könntest du glatt viele Kinder erschrecken.«

(c) 2007, Marco Wittler

Fortsetzung folgt in Teil 2.

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