471. Neues Jahr – Neues Glück

Neues Jahr – Neues Glück

Lena war mit ihrer Familie im Wald unterwegs. Das ungewöhnlich warme Wetter zum Jahresanfang hatte zu einem schönen Spaziertgang eingeladen. Die Sonne schien und es waren nur wenige Wolken am Himmel zu sehen.
Mindestens alle zwei Minuten sah Lena auf ihr linkes Handgelenk. Dort glitzerte ihr ein rotes Plastikarmband entgegen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
»Das ist sooo schön. Ich fühle mich damit wie eine richtige Prinzessin.« freute sie sich noch immer und konnte sich an ihrem neuen Schmuck gar nicht satt sehen.
»Schön, dass es dir gefällt.« sagte Mama.
»Aber trödel bitte nicht so. Wir wollen noch vor Sonnenuntergang am Ziel sein.«
Lena nickte und lief hinter den anderen her.
»Ich bin ja schon da. Nicht, dass ihr mich noch unterwegs verliert. Ihr braucht mich doch bestimmt noch, oder?«
In diesem Moment sah sie wieder auf ihr Handgelenk.
»Nein!« rief sie entsetzt. »Wo ist es? Wo ist mein Armband?«
Verzweifelt sah sie sich um. Irgendwo auf den letzten Metern musste sie es verloren haben. Nur wo? Sofort lief sie zurück und suchte den ganzen Waldweg ab.
»Da vorne liegt es. So ein Glück.«
Doch das Glück währte nicht lange, denn ein großer Vogel sauste aus den Baumwipfeln herab, stürzte sich auf das glitzernde Armband und flog damit davon.
»Hey, was soll denn das? Das Armband gehört mir.« schimpfte Lena verzweifelt und brach in Tränen aus.
Bei ihrer Suche zwischen den vielen Ästen über ihrem Kopf, entdeckte sie den diebischen Vogel. Es war ein Elster gewesen. Da wusste sie, dass sie ihren Schmuck nicht zurück bekommen würde.
»Das war doch ein Weihnachtsgeschenk. So etwas Schönes bekomme ich bestimmt nie wieder.«
Mit hängende Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, schlich sie zurück zu ihrer Familie, als sie etwas unter dem Laub glitzern sah.
»Hey, was ist denn das?«
Neugierig schob sie die Blätter zur Seite und wollte gar nicht glauben, was sie dort fand.
»Schaut euch das mal an. Es ist ein silbernes Armband. Das ist ja noch viel schöner.«
Sie drehte sich zum Nest des Vogels um und rief so laut sie konnte.
»Das Rote kannst du behalten. Mein neues Armband ist viel schöner.« und streckte ihre Zunge weit raus.
»Neues Jahr, neues Glück.« grinste sie vor sich hin.
»Ich bin mal gespannt, was ich noch alles im Wald finden werde.«
Den restlichen Weg suchte Lena unter allen Büschen und Ästen nach weiteren wertvollen Schätzen.

(c) 2014, Marco Wittler

271. Die Mauslinge

Die Mauslinge

Lena war erstaunt und wurde gleich neugierig.
»Mauslinge? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«
Papa kratzte sich am Kopf und überlegte, wie er das alles nun erklären sollte. Doch dann fiel ihm eine Geschichte ein.

Vor langer Zeit lebte ein Völkchen kleiner Kobolde unter der Gartenhecke. Sie waren so klein, dass sie nicht größer als eine Maus waren. Deswegen nannte man sie Mauslinge.

Lena sah sich im Garten um und warf einen Blick zur Hecke.
»Dort drunter sollen sie leben? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.«
Doch da wurde sie von Papa unterbrochen.
»Nun warte doch erst einmal ab, bis ich fertig bin.«

Die Mauslinge waren fleißige kleine Kerlchen. Tag für Tag schufteten sie unter der Erde. Sie gruben tiefe Stollen und holten wertvolles Gold ans Tageslicht.

»Richtiges Gold?«, fragte Lena.
Papa nickte und setzte seine Geschichte fort, während seine Tochter wieder einen neugierigen Blick zu Hecke warf.

Doch nur selten hatte ein Mensch diese kleinen Wesen zu Gesicht bekommen. Das war auch gut so. Denn wenn ein Mausling gefangen wurde, musste er sofort all sein Gold her geben, um wieder seine Freiheit zu erlangen.

»Passiert das denn oft?«, fragte Lena.
»Nein.«, antwortete Papa.
»Die Mauslinge halten sich gut versteckt und gehen uns Menschen immer aus dem Weg. Sie teilen nämlich nur ungern ihr Gold.«
Das fand Lena ungerecht. Sie stand von ihrem Stuhl auf und sah sich im Garten um.
»Ich will auch was von dem Gold haben. Das können die Mauslinge doch nicht für sich behalten.«
Und schon lief sie hin und her, sah unter jede Hecke, jeden Busch und jeden Baum. Ganz hinten in einer Ecke blieb sie plötzlich stehen und bekam große Augen.
»Papa.«, rief sie laut.
»Komm ganz schnell her.«
Als Papa neben ihr stand, zog Lena eine große Holzkiste auf den Rasen.
»Die hat dort unter der Hecke gestanden.«, sagte sie mit großen Augen und öffnete vorsichtig den Deckel.
»Das sind ja ganz viele Goldtaler.«, rief sie begeistert und griff in ihren Schatz.
»Aber Papa. Das sind ja Schokoladenmünzen.«, stellte sie lachend fest und steckte sich die süßen Leckereien in den Mund.

(c) 2009, Marco Wittler

178. Der Fang seines Lebens

Der Fang seines Lebens

Es machte Pitsch, es machte Patsch. Unaufhörlich klatschten die Wellen gegen die Mauern des Hafens. In seinem Innern lagen ein paar kleine Fischerboote, die darauf warteten, an diesem frühen Morgen in See stechen zu können.
Die Fischer machten die Netze klar, prüften jeden Knoten und lösten schließlich die Haltetaue. Sie stachen in See.
Knut stand am Steuerrad des kleinen Schiffes Maria. Er hatte sich für diesen Tag etwas ganz Besonderes vorgenommen. Er wollte den größten Fang seines Lebens machen. Am Tag zuvor hatte er sich dafür ein extra großes Netz gekauft. Er wollte es einmal in seinem Leben den anderen Fischern zeigen. Jeden Abend lachten sie ihn aus, weil er viel weniger Fische mit nach Hause brachte. Heute sollte es aber anders sein.
»Wir werden sie alle eines Besseren belehren.«, rief Knut seinem Helfer Hannes zu.
»Heute werden wir unsere Laderäume bis zum Rand füllen.«
Hannes nickte nur und sah wieder auf die See hinaus. Er wollte es noch nicht recht glauben.
»Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.«, sagte er leise vor sich hin.
»Man soll den Fisch nicht verkaufen, bevor man ihn gefangen hat.«, hängte sogleich hinten dran.
Langsam kroch die Sonne über den Horizont. Es wurde heller. Während die anderen Schiffe bereits ihre Netze ins Wasser gelassen hatte, fuhr Knut weiter hinaus aufs Meer.
»Sollten wir nicht langsam etwas fangen? Wir sind schon spät dran, Kapitän.«, fragte Hannes.
Knut war aber noch nicht ganz zufrieden. Er sah sein Ziel weiter weg vom Land. Noch eine ganze Stunde tuckerte er mit seiner Maria durch die Wellen.
»Hier ist es. Hier werden wir den Fang unseres Lebens machen.«
Die beiden Fischer ließen die Netze ins Wasser und warteten auf den großen Fang.

Am Abend saßen die Fischer auf der Hafenmauer, tranken gemeinsam ein kühles Bier und warteten auf die Rückkehr der Maria.
»Ich habe gehört, dass Knut den Fang seines Lebens machen will. Er es uns allen zeigen.«
Sie lachten laut, denn sie wussten, dass Knut das kleinste Schiff besaß und niemals so viele Fische fangen konnte, wie die modernen Fischerboote.
»Da vorn kommt er.«
Und tatsächlich näherte sich die Maria dem Hafen. Sofort griffen die Fischer nach ihren Fernrohren und sahen ihr entgegen.
»Die Netze sehen leer aus.«, sagte einer von ihnen.
»Riesige Haufen Fisch kann ich auch nicht entdecken.«, entgegnete ein anderer.
Sie lachten wieder. Als Knut schließlich an der Hafenmauer anlegte, standen sie alle auf und gingen ihm entgegen.
»Na, Knut. Was macht der Fang deines Lebens? Hast du so viel gefangen, dass du dich zur Ruhe setzen kannst?«
Hannes hörte sie und sein Gesicht wurde rot vor Wut.
»Und ob wir den besten aller Fänge gemacht haben. Ihr werdet alle neidisch, wenn ihr seht, was wir nach Hause bringen.«
Knut winkte ab und brachte seinen Helfer zum Schweigen.
»Wir werden uns tatsächlich zur Ruhe setzen. Doch dazu brauchen wir nicht einen einzigen Fisch.«
Er betätigte einen Schalter. Ein kleiner Motor zog ein Seil aus dem Laderaum. Zum Vorschein kam eine alte Holztruhe, die nun langsam an Land getragen wurde.
Knut verließ die Maria, löste das Seil von der Kiste und öffnete den Deckel.
»Fische haben wir zwar nicht gefangen, aber dafür haben wir den Schatz von Kapitän Rotbart gefunden, dem reichsten Piraten, der jemals unser Meer befahren hat.«
Er holte zwei Hände Goldmünzen hervor und ließ sie durch seine Finger gleiten. Die anderen Fischer wollten ihren Augen nicht trauen. Knut hatte tatsächlich Recht behalten.

(c) 2009, Marco Wittler

063. Opas Schatzkarte

Opas Schatzkarte

Lukas stand auf dem Dachboden und hielt ein großes Bild in die Höhe. Seine zwei Freunde Christian und Tim sahen es sich nur kurz an.
»Das ist doch nichts Besonderes. Ich dachte, du wolltest uns etwas wirklich Tolles zeigen.«
Lukas stellte das Bild zur Seite und sah traurig auf die Abbildung. Es zeigte seinen Opa und seine Oma bei ihrer Hochzeit.
»Aber hier oben ist alles etwas Besonderes. Mein Opa hat viele Sachen gesammelt, die alle eine Bedeutung haben.«
Tim lachte.
»Ja klar, sie bedeuten, dass sie auf den Sperrmüll gehören. Und dieses langweilige Bild gehört als erstes dort hin.«
Verächtlich stieß er mit einem Fuß dagegen. Der Rahmen kippte, aber Lukas konnte ihn gerade noch halten, bevor er am Boden zerbrach.
»Seit doch etwas vorsichtiger. Wenn hier irgendwas kaputt geht, dann bekomme ich riesigen Ärger.«
Christian und Tim kletterten bereits die steile Treppe nach unten.
»Wenn du uns das nächste Mal hier hoch lockst, dann such dir etwas besseres aus. Du willst und doch nicht zu Tode langweilen.«
Ein lautes Gähnen kam aus Christians Mund. Lukas saß auf dem Boden des Dachbodens und war enttäuscht. Er hatte gehofft, dass seine Freunde genau so begeistert von den Schätzen des Opas sein würden wie er. Aber da hatte er sich getäuscht.
»Komm Tim. Wir gehen nach Hause. Hier ist es mir zu langweilig.«
Lukas rief ihnen nicht hinterher. Er sah auch nicht durch die Luke nach unten. Er lies die beiden Jungs einfach gehen.
»Ach, Opa. Wenn du doch noch bei mir wärst, dann hättest du es den beiden so richtig zeigen können.«
Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und seufzte einmal tief.
In diesem Moment klirrte etwas neben ihm. Lukas schreckte hoch, sah sich um und entdeckte das Maleur. Das Bild war umgefallen und das Glas zersprungen.
»Das kann doch nicht sein. Ich habe es doch gar nicht berührt. Das kann ich nicht gewesen sein. Opa sei mir bitte nicht böse.«
Ein paar Tränen rannen an seiner Wange herab.
Er ging zum Rahmen, hob ihn auf und schob vorsichtig die Scherben zusammen. Das Bild hatte vom Glas ein paar Schrammen abbekommen. Vorsichtig löste Lukas es aus dem Rahmen und holte die letzten Scherben aus dem Rahmen.
»Hoffentlich sind Mama und Papa nicht sauer und können eine neue Scheibe besorgen.«
Doch dann fiel ihm etwas auf. Auf der Rückseite des Bildes war etwas zu sehen. Zuerst konnte Lukas es nicht erkennen, da er alles verschwommen sah. Er wischte sich die Tränen weg und sah noch einmal genauer hin.
»Was ist denn das?«
Er drehte das Bild einmal im Kreis und besah es sich von allen Seiten.
»Das ist doch eine Schatzkarte. Was anderes kommt gar nicht in Frage.«
Er rollte das Papier vorsichtig ein und verließ den Dachboden und lief in sein Zimmer. Er schnappte sich seinen Kompass und steckte diesen in seine Tasche.
Kaum eine Minute später stand er in der Garage und suchte nach einem Spaten.
»Das wäre doch gelacht, wenn ich den Schatz nicht finden würde.«
Er lief in den Garten und sah sich um. Er verglich alles, was er sah, mit der Karte. Schließlich blieb sein Blick an der großen Eiche hängen.
»Dort drüben geht es los.«
Dreißig Schritte nach Norden sollten es sein. Lukas machte den ersten Schritt. Doch dann fiel ihm etwas ein.
Sein Opa war ein Stück größer als er und hatte damals bestimmt auch größere Schritte gemacht.
»Dann muss ich eben auch große Schritte machen.«
Er begann von vorn und holte weit mit seinen Beinen aus. Eins, zwei, drei, vier, …
»…, neunundzwanzig, dreißig. Wo geht es weiter?«
Er sah wieder auf die Karte. Manche Teile waren leicht verwischt und nur schwer zu lesen. Aber mit Mühe und Geduld war auch das zu schaffen.
Es dauerte eine ganze Stunde, bis Lukas am Ziel angekommen war. Auf der Karte war ein großes rotes Kreuz.
»Ich habe es geschafft.«
»Was treibst du denn da?«
Lukas erschrak und drehte sich um. Hinter dem Zaun standen Christian und Tim. Sie hatten wohl schon seit einer ganzen Zeit beobachtet.
»Ich mache gar nichts. Ich spaziere nur durch den Garten.«
Er lies Spaten und Kompass fallen. Die Karte rollte er ein und wollte sie unter seinen Pulli stecken, doch dafür war es schon zu spät.
Die beiden Jungs kletterten über den Zaun und kamen näher.
»Wenn du gar nichts machst, dann zeig doch mal her, was dein Nichts ist.«
Christian drohte mit geballter Faust und forderte die Karte heraus. Lukas zögerte zuerst, bekam dann aber doch Angst und gab sie heraus.
»Was soll denn das für ein Geschmiere sein? Das ist doch keine Schatzkarte. Die hast du doch selber gemalt, nur um uns zu ärgern. Gib es zu.«
Lukas schüttelte den Kopf.
»Die ist von meinem Opa. Er hat sie gezeichnet und er hat auch was versteckt.«
Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Doch da war es bereits zu spät.
Christian schien zu überlegen. Er sah sich um und blickte immer wieder auf die Karte. Aber scheinbar konnte er sie nicht entziffern.
Verächtlich warf er sie zu Lukas. Dann fang mal an zu suchen, du Schlaumeier. Ich will sehen, was der Alte versteckt hat. Vielleicht kann ich es ja gut gebrauchen.«
In Christians Kopf war das Bild einer großen Schatztruhe entstanden, bis zum Rand gefüllt mit Gold und Geschmeide. Tim hingegen stand nur daneben und wartete ab, was geschah.
Lukas wusste nicht, was er machen sollte. E wollte den beiden Jungs auf keinen Fall den Schatz geben. Aber er hatte auch viel zu viel Angst davor, von ihnen verhauen zu werden.
Also nahm er sich den Spaten und begann zu graben.

Nach einer Stunde stieß er auf etwas Hartes. Es schien eine hölzerne Kiste zu sein. Christian stieß Lukas beiseite, hüpfte in das Loch und grub mit den Händen weiter, bis er schließlich ein kleines Kästchen hervor holte.
»Der Schatz. Ich habe ihn gefunden. Und er gehört mir ganz allein.«
Lukas begann zu weinen. Christians Augen glühten, während Tim nicht wusste, was er machen sollte.
Christian öffnete langsam das Kästchen und sah hinein. Und da fielen seine Mundwinkel beide herab. Er war völlig enttäuscht.
»Was soll denn das sein? Das ist doch kein Schatz. Das ist nur wertloser Müll.«
Er warf alles zurück in das Loch, zog Tim am Arm und ging zum Zaun.
»Lass uns bloß verschwinden. Der Kerl hat uns reingelegt.«
Sie verschwanden und ließen Lukas allein zurück.
Nun war auch Lukas neugierig geworden. Er glitt in das Loch und nahm das Kästchen hoch. Er öffnete es und sah hinein. Und er fand, was er sich erwartet und erhofft hatte. Er hielt die wertvollsten Schätze in Händen, die sein Opa einmal besessen hatte. Es lagen darin ein kleines Schneckenhaus, ein paar Samenkörner, Steine, Federn und ein kleiner Zettel.
Lukas faltete ihn auseinander und las, was darauf stand.

»Hallo du. Mein Name ist August. Ich bin ein kleiner Junge und acht Jahre alt. In diesem Kästchen sind meine liebsten Schätze, die ich sonst immer bei mir getragen habe. Aber nun werde ich sie in der Erde verstecken und hoffe, dass sie eines Tages gefunden werden und jemand anderem Freude bereiten.

Liebe Grüße,
Dein August«

Lukas begann vor Freude zu weinen. Er hatte eine Botschaft von seinem Opa gefunden. Und sie war wunderschön.
Er schaufelte die Erde zurück in das Loch und steckte eines der Samenkörner dazu.
»Vielleicht wird eines Tages daraus ein großer Baum, der mich immer an Opa erinnern wird.«
Er ging zurück ins Haus und zeigte seinen Eltern was er gefunden hatte.

(c) 2007, Marco Wittler