610. Warten auf den Weihnachtsmann

Warten auf den Weihnachtsmann

Noch nie hatte ihn jemand zu Geischt bekommen. Naja, zumindest hatte ihn noch kein Kind gesehen, denn die Erwachsenen behaupteten immer wieder, dass sie mit ihm in engem Kontakt stehen würden. Der Weihnachtsmann war das letzte, große Geheimnis dieser Welt, das es noch aufzudecken gab. Einer, der sich daran beteiligte, war Paul.
Paul hatte sich mit seinem besten Freund Finn abgesprochen. Gemeinsam wollten sie in der Weihnachtsnacht wach bleiben, um den Weihnachtsmann auf frischer Tag zu ertappen. Sie wollten beide sehen, wie er mit dem Geschenkesack den Kamin herunter kam.
Nachdem Mama und Papa ins Bett gegangen waren, stand Paul wieder auf und schlich sich heimlich ins Wohnzimmer zurück. Dort machte er es sich mit einer Packung Keksen, einer Flasche Milch und einer dicken Wolldecke gemütlich. Um nicht doch noch einzuschlafen, hatte er sich sein Lieblingsbuch mitgenommen.
Stunde um Stunde verging, aber bisher war der Weihnachtsmann noch nicht aufgetaucht. Auch bei Finn, mit dem er sich per Handys Nachrichten schrieb, hatte sich bisher nichts getan.
Also steckte Paul seine Nase weiter in sein Buch und las weiter. Aber mit jeder Seite wurde er müder. Irgendwann begannen die einzelnen Buchstaben scheinbar vor seinen Augen zu tanzen. Sie hüpften von oben nach unten und von links nach rechts. Sie tauschten ihre Plätze und verwirrten ihren kleinen Leser, wie sie nur konnten.
Irgendwann verdrehte Paul die Augen und rieb sie sich kräftig. Dann gähnte er laut.
„Puh, ist das anstrengend. Ich hätte nicht gedacht, dass Warten so müde machen kann.“
Er aß ein paar Kekse, trank einen großen Schluck Milch und versuchte es weiter mit seinem Buch. Immer wieder sah er verstohlen zum Kamin. Aber dort war niemand zu sehen.
Ein paar Minuten später begannen Pauls Augenlider zu flattern. Er konnte sie kaum noch offen halten und gähnte nun immer öfter. Kurz darauf war er eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von der Sonne geweckt. Er sah sich schnell um. Unter dem Christbaum lagen Geschenke. Die Kekse, die noch vor ein paar Stunden neben ihm lagen, waren komplett aufgegessen, die Milchflasche war leer.
„Verdammt. Ich hab ihn verpasst.“
Er schrieb eine Nachricht an Finn. Auch sein Freund war irgendwann eingeschlafen und hatte niemanden im Wohnzimmer gesehen.
Verärgert stand Paul auf und wollte in sein Zimmer gehen. Da fiel sein Blick auf einen Brief, der am Abend noch nicht da gewesen war. Er öffnete den Umschlag, holte einen Zettel hervor und las, was darauf geschrieben stand.

Lieber Paul.
Vielen Dank, dass du versucht hast, auf mich zu warten. Es ist nicht schlimm, dass du dabei eingeschlafen bist. Ich bin nachts auch immer müde. Aber vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr.
Dein Weihnachtsmann

Paul staunte. Es gab den Weihnachtsmann tatsächlich. Dieser Brief war der Beweis. Oder vielleicht doch nicht? Er wusste es einfach nicht. Deswegen nahm er sich jetzt schon vor, im nächsten Jahr einen neuen Versuch zu starten.

Zur gleichen Zeit landete der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten am Nordpol. Bevor er ausstieg, bedankte er sich noch bei seinem guten Freund, dem Sandmännchen.
„Vielen Dank, mein Freund.“, sagte er schmunzeld. Wenn du nicht helfen würdest, hätte mich schon längst ein Kind entdeckt. Aber mit deinem Sand bekommst du sie alle zum Schlafen.“

(c) 2017, Marco Wittler

567. Eine schlaflose Nacht

Eine schlaflose Nacht

Timo lag im Bett und konnte vor Aufregung nicht schlafen. Beim letzten Blick auf die Uhr war es 22 Uhr gewesen. Der Schlaf wollte sich einfach nicht einstellen. Das Land der Träume war so weit entfernt, wie nie zuvor. Und die Zeit bis zum Aufstehen wollte ebenfalls nicht vergehen. Jedes Mal, wenn Timo auf die Uhr sah, war es nur ein paar wenige Minuten später geworden.
»Kann nicht endlich mal die Sonne aufgehen? Ich will, dass es endlich Weihnachten wird. Ich will endlich meine Geschenke auspacken. Wenn ich bloß schon wüsste, was ich alles bekomme.«
Timo tippelte ununterbrochen mit seinen Finger auf die Matratze. Das half aber auch nicht gegen die riesige Aufregung. An Schlaf war wirklich nicht zu denken.
Irgendwann wurde es dann draußen hell. Die Nacht war fast vorbei. Timo hatte das Gefühl, dass die dunklen Stunden mehrere Tage gedauert hatten.
»Endlich! Jetzt muss ich nur noch warten, bis mich Mama wecken will.«
Mama kam auch ein paar Minuten später und war überrascht, dass Timo schon wach war. Laut gähnend stand Timo auf, machte sich im Bad fertig und zog sich seine Klamotten an. Dann lief er die Treppe hinunter.
»Juhuu, es ist Weihnachten. Endlich ist es so weit. Endlich bekomme ich meine Geschenke.«
»Erstmal wird gefrühstückt.«, wurde er von Mama gebremst. »So lange wirst du noch warten müssen.«
Timo verzog den Mund, setzte sich dann aber ohne zu maulen an den Küchentisch. Noch während er sich Butter auf sein Brot schmierte, musste er laut gähnen. Einen Moment später fielen ihm die Augen zu und sein Kopf  sackte nach unten.
Timo war nach der langen Nacht so müde, dass er eingeschlafen war. Mama grinste, hob ihnvorsichtig vom Stuhl hoch und brachte ihn zurück in sein Kinderzimmer.
»Jedes Jahr das Gleiche. Bekommt er halt seine Geschenke heute Nachmittag.«
Sie legte Timo ins Bett, deckte ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Frohe Weihnachten, mein kleiner Schatz.«

(c) 2016, Marco Wittler

539. Fabio kann nicht schlafen

Fabio kann nicht schlafen

Es war dunkel draußen. Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden und die Nacht hatte schon längst begonnen.
Fabio lag in seinem Bett und wälzte sich unruhig hin und her.
»Ich kann nicht schlafen.«, beschwerte er sich immer wieder. Doch auch das half ihm nicht ins Land der Träume.
Immer wieder sah er zum Nachtlicht, dass in der Steckdose neben der Tür leuchtete.
»Das reicht nicht. Es ist mir viel zu dunkel.«
Die kleinen Sterne am Himmel brachten auch nicht genug Licht, damit sich Fabio in seinem Bett sicher fühlen konnte.
»Wo ist denn bloß der Mond? Der leuchtet doch so schön.«
Wieder wälzte er sich hin und her. Aber der Schlaf wollte einfach nicht kommen.
»Ich muss jetzt was dagegen unternehmen.«, entschied er irgendwann und stand auf.
Auf leisen Sohlen schlich Fabio ins Wohnzimmer. Dort öffnete er einen Schrank und holte eine Taschenlampe hervor. Mit der verkroch er sich wieder ins Bett und leuchtete von einer Wand zur anderen.
»Das ist auch doof. Wenn ich die Taschenlampe halten muss, kann ich wieder nicht schlafen. So funktioniert das nicht.«
Er legte die Lampe also auf seinen Nachttisch, dann auf den Schreibtisch, irgendwann auf die Fensterbank. Aber das gefiel Fabio alles nicht.
»Ich will den Mond sehen können. Dann kann ich bestimmt schlafen.«
Der Mond wollte allerdings nicht kommen.
Fabio seufzte und stand ein zweites Mal auf. Er schlich sich hinunter in den Keller und suchte in Papas Schränken, bis er ein langes Seil fand. Das nahm er mit in sein Zimmer.
Das eine Ende des Seils band er zu einem Lasso, an das andere band er die Taschenlampe.
Dann öffnete er das Fenster. Mit beiden Armen holte Fabio weit aus und warf das Lasso zum Himmel hinauf, bis es an einem Stern hängen blieb.
»Los, zieh das Seil rauf.«, rief er dem Stern entgegen.
Der Stern lächelte und zog am Seil die Taschenlampe zum Himmel hinauf.
»So gefällt mir das schon viel besser.«, war Fabio zufrieden.
»Jetzt leuchtet da oben mein eigener Mond.«
Glücklich und ganz ohne Angst schlief er ein paar Minuten später ein und träumte einen tollen Traum.

(c) 2015, Marco Wittler

435. Schäfchen zählen (Hallo Oma Fanny 8)

Schäfchen zählen

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich möchte dir mal berichten, wie schwer es ist, richtig einzuschlafen.
Ich lag nämlich gestern Abend hundemüde in meinem Bett. Ich konnte kaum ein Auge aufhalten. Trotzdem fiel mir das Einschlafen unglaublich schwer. Ständig hörte ich Geräusche und sah irgendwelche Schatten im Mondlicht. Irgendwie machte mir das ganz schön viel Angst.
Also bin ich aufgestanden und zu Mama gelaufen. Sie hat mich getröstet und mir einen guten Tipp gegeben, wie man besser einschlafen kann. Ich sollte mich in mein Bett legen und Schäfchen zählen, die hintereinander über einen Zaun hüpfen.
Ich hab mich in mein Bett gelegt, die Augen geschlossen und mit den Zählen angefangen.
Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe. Irgendwann waren es zehn, dann zwanzig, fünfzig. Als ich irgendwann bei einhundert angekommen war, wurde es ganz schön voll auf der Weide hinter dem Zaun. Die Schafe hatten so langsam nicht mehr genug Platz, um dort zu stehen. Aber trotzdem sprangen sie weiter über den Zaun. Du kannst dir nicht vorstellen, was die für einen Krach gemacht haben. Von überall waren ihre Rufe zu hören. Mäh hier und Mäh da. Wer soll denn bei dem Lärm einschlafen können? Die Idee von Mama war gar nicht gut.
Also habe ich mir einen bösen Wolf vorgestellt, der alle Schafe wieder vertreibt. Irgendwann war die Weide dann wieder leer und ruhig.
In meinen Gedanken habe ich mich dann auf das Gras gesetzt und daran gedacht, eine große Tüte Gummibärchen zu futtern. Dabei bin ich dann auch endlich eingeschlafen.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.

Dein Noah.

(c) 2012, Marco Wittler

381. Silvester

Silvester

Lukas saß am Fenster und sah angestrengt nach draußen. Er schien etwas zu suchen oder auf etwas anderes zu warten.
»Wo bleibt denn das Silvester?«, fragte er immer wieder.
»Wo ist denn das Feuerwerk, dass du mir versprochen hast?«
Mama grinste und setzte sich zu ihrem Sohn.
»Es ist doch noch gar nicht so weit.«
Sie zeigte auf die große Uhr an der Wand.
»Jetzt ist es gerade ein Uhr mittags. Wenn beide Zeiger gleichzeitig auf der zwölf stehen, ist es so weit. Dann ist es  ganz finster und das Feuerwerk beginnt.«
Lukas jubelte.
»Juhuu. Dann kann ich ganz lange wach bleiben. Das ist richtig cool.«
Begeistert sprang er auf rannte wie wild im Kreis, bis er von Mama gestoppt wurde.
»Willst du dich denn nicht lieber noch zu einem Mittagsschlaf in dein Bett legen, damit du es auch bis heute Nacht schaffst?«
Aber Lukas schüttelte wild den Kopf.
»Auf gar keinen Fall. Ich schaff das auch ohne Mittagsschlaf. Du wirst das schon sehen.«
Also durfte Lukas wach bleiben und den Tag mit Spielen verbringen.
»Und du willst wirklich nicht doch noch etwas schlafen?«, fragte Mama immer wieder.
Doch egal, ob es Nachmittag oder Abend war, Lukas blieb dabei. Er war wach genug und wollte nicht ins Bett.
Gegen acht Uhr am Abend kam Besuch ins Haus. Die Nachbarn brachten ihren kleinen Sohn mit, der auch nicht geschlafen hatte. Nun hatte Lukas also einen Verbündeten bekommen. Gemeinsam bestanden die Jungs darauf, nicht schlafen gehen zu wollen.
»Wir wollen so lange wach bleiben wie ihr. Wir sind ja auch schon groß.«
Und schon verzogen sie sich ins Kinderzimmer, um die restliche Zeit bis zum Feuerwerk mit Spielen zu verbringen.

Fünf Minuten vor Zwölf sah Mama nach den beiden Jungs. Sie öffnete die Tür zum Kinderzimmer, in dem es verdächtig ruhig war. Lukas und sein Freund lagen schlafend auf dem Bett. Sie hatten doch nicht durchgehalten.
Sie rüttelte vorsichtig an den beiden. Die ließen sich aber nicht wecken.
Mama grinste, schaltete das Licht ab und ging zu den anderen, um das neue Jahr mit einem großen Feuerwerk zu begrüßen.

(c) 2011, Marco Wittler

343. Mitten in der Nacht

Mitten in der Nacht

Mitten in der Nacht war es, als Nina erwachte. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und sah sich um. Sie saß noch immer im Zug und war mit Mama und ihrem Bruder Nick.
»Schläft der Kleine noch?«, fragte sie.
Mama nickte und gähnte.
»Und du solltest auch wieder schlafen. Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns. Vor Sonnenaufgang kommen wir eh nicht am Ziel an.«
Aber das war Nina egal. Jetzt war sie wach,
»Ich will nicht mehr schlafen. Ich will jetzt spielen.«
Aber dafür war Mama viel zu müde. Enttäuscht ließ Nina die Schultern sinken.
»Aber was soll ich denn dann jetzt machen? Mir ist ja sooo langweilig.«
Da lehnte sich eine Frau von ihrem Sitz in den Gang herein.
»Mir ist auch langweilig. Vielleicht können wir ja was zusammen machen.«
Sie sah Mama fragend an, die lächelnd und dankbar nickte.
»Prima!«, rief Nina und lief gleich den Gang hinunter und setzte sich neben die Frau.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte sie.
Die Frau machte ein nachdenkliches Gesicht.
»Ich weiß nicht. Was würdest du denn gern machen?«
Nina musste nicht lange überlegen und grinste.
»Ich will was richtiges Tolles machen.«
Die Frau musste lachen, dachte ein weiteres Mal nach und grinste.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee.«
Sie machte geheimnisvolle Bewegungen mit den Händen, griff damit Nina an ihre Ohren und holte dort ein paar Taler hervor.
»Ui, das ist ja der Wahnsinn.«
So etwas hatte Nina noch nie gesehen.
»Wie machst du denn das?«
Sie sah sich die Hände der Frau ganz genau an, konnte aber nichts Auffälliges finden.
»Das will ich noch einmal sehen.«
Und so zauberten und lachten sie die ganze Nacht hindurch. Hin und wieder sahen noch ein paar andere Fahrgäste zu, während Mama schlafen konnte.
Erst als die Sonne wieder aufging, war die Fahrt vorbei.
»Das war die beste Nacht meines Lebens.«, schwärmte Nina noch Stunden danach.
»Das will ich unbedingt noch einmal erleben.«

(c) 2010, Marco Wittler

224. Wer streut dem Sandmännchen Sand in die Augen?

Wer streut dem Sandmännchen Sand in die Augen?

»Jetzt wird es aber langsam Zeit, dass du ins Bett verschwindest.«, rief Mama in der Küche.
Lina überhörte diese Aufforderung natürlich. Das tat sie jeden Abend. Denn es gab nichts langweiligeres, als abends ins Bett zu gehen.
Nach ein paar Minuten kam Mama ins Kinderzimmer.
»Was ist denn hier los? Ich dachte, du liegst schon lange in deinem Bett und wartest darauf, dass ich dir noch eine Geschichte erzähle.«
Lina zuckte verlegen mit den Schultern, bevor sie sich dann doch umzog und unter die Decke schlüpfte.
Mama zog inzwischen ein Buch aus dem Regal. Daraus las sie eine kurze Geschichte vor und wünschte ihrer Tochter anschließend eine gute Nacht.
»Morgen kannst du ja dann wieder weiter hier herum tollen. Aber gleich kommt das Sandmännchen und dann bist du ganz schnell eingeschlafen.«
Sie wollte gerade das Licht abschalten und das Zimmer verlassen, als Lina noch eine Frage stellte.
»Du Mama, jeden Abend kommt das Sandmännchen zu mir und streut mir seinen Sand in die Augen, damit ich einschlafe. Aber wer besucht nachts das Sandmännchen? Oder schläft es vielleicht nie?«
Mama schüttelte den Kopf und lachte.
»Du kannst vielleicht Fragen stellen. Aber darauf weiß ich leider keine Antwort. Aber es könnte sein, dass dir das Sandmännchen etwas darüber berichten wird, wenn es kommt. Natürlich nur, wenn du dann nicht schon längst schläfst.«
Mama zwinkerte mit einem Auge und verließ das Zimmer.
Linas Neugierde war geweckt. Würde sie tatsächlich in dieser Nacht das Sandmännchen sehen und ihm Fragen stellen dürfen?
Sie setzte sich im Bett hin und wartete. Die Zeit verging, aber es geschah einfach nichts.
»Wahrscheinlich kann es mich sehen und wird warten, bis ich wieder liege. Doch dann werde ich bestimmt einschlafen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.«
Lina stand auf und holte ein paar Pullover aus ihrem Schrank. Diese stopfte sie dann unter die Decke, bis es so aussah, als würde jemand im Bett schlafen.
»Das klappt bestimmt. Jetzt muss ich mich nur noch verstecken.«
Schnell kroch sie unter ihren Schreibtisch und wartete.
Es mochten vielleicht zehn Minuten vergangen sein, als sich das Fenster ganz allein öffnete. Nur wenige Augenblicke später schwebte eine kleine Kutsche herein, auf deren Bock jemand saß.
»Das muss das Sandmännchen sein.«, flüsterte Lina aufgeregt.
Und tatsächlich war es so, wie sie vermutete. Das Sandmännchen landete und holte etwas Sand aus einem Beutel hervor.
»Schlaf gut, kleines Menschenkind.«, sagte es und warf den feinen, glitzernden Sand über das Bett.
»Morgen früh beginnt wieder ein goßartiger Tag. Das verspreche ich dir.«
Der nächtliche Besucher drehte sich um und wollte gerade wieder auf seine Kutsche steigen, als ein kleines Mädchen unter dem Schreibtisch hervor kam.
»Warte bitte kurz.«, sagte Lina.
Das Sandmännchen erschrak. Es blickte verwirrt zwischen dem Bett und dem wachen Mädchen hin und her.
»Solltest du nicht eigentlich dort unter der Decke liegen und selig schlafen?«
Lina nickte und grinste über das ganze Gesicht.
»Ich hab dich hereingelegt. Ich wollte dich unbedingt etwas fragen.«
Das Sandmännchen nahm sich einen Stuhl und bot Lina einen zweiten an. Sie setzten sich.
»Was könnte denn ein kleines Mädchen dem Sandmann für eine Frage stellen wollen?«
Lina konnte ihre Neugierde nicht mehr bremsen.
»Kommst du wirklich jede Nacht zu allen Kindern und streust ihnen Sand in die Augen, damit sie schlafen?«
Das Sandmännchen nickte.
»Ja, das ist meine Aufgabe, seit es Kinder gibt.«
»Aber wer kümmert sich um dich, wenn du ins Bett gehst? Du kannst dir noch nicht selbst etwas in die Augen streuen.«
Das Sandmännchen nahm seinen Sandbeutel vom Gürtel und hielt ihn dem kleinen Mädchen hin.
»Schau hinein. Das ist mein Schlafsand. Jeden Abend, wenn ich fertig bin, lasse auch ich mir etwas in die Augen streuen. Das letzte Kind, das ich besuche, bekommt diese ehrenvolle Aufgabe. Zufällig bist du das heute Abend. Ich hatte schon befürchtet, dass du bereits eingeschlafen bist. Deswegen wollte ich dich nicht wecken. Aber da du mir nun gegenüber sitzt, kommt mir das sehr gelegen.«
Das Sandmännchen forderte Lina auf, sich ins Bett zu legen. Es gab ihr ein wenig Sand in die Hand und setzte sich dann auf die schwebende Kutsche.
»Ich zähle gleich bis drei. Dann werfen wir gemeinsam den Schlafsand auf den anderen. Du wirst dann in deinem Bett einschlafen und ich auf meinem Bock. Die Kutsche bringt mich dann automatisch nach Hause und legt mich in meinem eigenen Bettchen ab. So geschieht das jeden Abend.
Nun war die spannende Frage beantwortet. Das Sandmännchen zählte bis drei. Ein Glitzern erfüllte den Raum und legte sich dann auf vier müde Augen.
Einen Moment, bevor Lina einschlief, fiel noch etwas anderes ein.
»Werde ich das Morgen auch wieder machen dürfen?«
Das Sandmännchen gähnte laut.
»Nein, denn Morgen ist ein anderes Kind dran.«
Es kuschelte sich zusammen, bevor es seinen gewohnten Nachtgruß sprach.
»Schlaf gut, kleines Menschenkind. Morgen früh beginnt wieder ein goßartiger Tag. Das verspreche ich dir.«
Aber Lina war bereits eingeschlafen.
Ohne ein weiteres Geräusch zu machen, schwebte die Kutsche davon.

(c) 2009, Marco Wittler

167. Die Monsterfamilie

Die Monsterfamilie

Jonas betrat zum ersten Mal den Schlafsaal der Jungen. Unter einer Klassenfahrt hatte er sich etwas anderes vorgestellt. Im letzten Jahr waren sie nur zu dritt und zu viert in einem Zimmer. Doch nun schliefen vierzehn andere Jungen mit ihm in einem Raum.
»Das kann ja was werden. Hoffentlich schnarchen nicht zu viele, sonst kann ich nicht einschlafen.«
Er zog sich um und schlüpfte unter die Decke. Links und rechts von ihm flüsterten sich seine Klassenkameraden noch etwas zu. Doch dann kam der Lehrer herein, wünschte eine gute Nacht und schaltete das Licht ab.
Ein paar Minuten blieb es still. Doch dann war das erste Schnarchen zu hören und wieder einige flüsternde Stimmen. Doch da war noch etwas ganz anderes. Irgendwo war ein leises Wimmern zu hören. Es war so leise, dass Jonas es fast nicht bemerkt hätte.
»Wer weint denn da?«, fragte er.
Sofort meldeten sich alle, die noch wach waren. Sie stritten ab, dass sie Heimweh oder Angst hatten.
»Aber ich höre das doch ganz genau. Das kann doch gar nicht sein.«
Jonas fand das sehr seltsam. Er schlug die Decke beiseite, kramte seine Taschenlampe hervor und stand auf. Er machte sich sofort auf die Suche. Es musste schließlich jemand getröstet werden.
Im letzten Bett auf der anderen Seite des Raumes lag Niklas. Er war groß, stark und hatte vor nichts Angst. Und nun weinte er? Doch dann leuchtete ihm Jonas ins Gesicht und erkannte, dass Niklas tief und fest schlief.
»Irgendwo hier muss es doch sein.«
Er ließ sich auf den Boden nieder und warf einen Blick unter das Bett. Dort lag tatsächlich jemand und weinte leise.
»Was ist denn mit dir los? Warum liegst du denn unter einem fremden Bett?«
Der Traurige drehte sich um und rieb sich die verweinten Augen. Jonas erschreckte sich und hätte sich nur zu gerne unter seinem eigenen Bett versteckt, denn nun sah er sich einem richtigen Monster gegenüber, auch wenn es nicht so groß war.
»Ich bin letzte Nacht ganz allein umher gezogen und nun kann das richtige Bett nicht mehr finden. Ich bin schon hin und her geschlichen, aber nirgendwo war meine Familie. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll.«
Jonas war verblüfft. Er hatte schon oft von Monstern gehört, die unter Kinderbetten lebten und nachts heraus kamen. Aber er hatte nie gedacht, dass es auch kleine Monster gab, die Heimweh hatten.
Er sah sich um. Noch hatten die anderen Kinder nichts bemerkt, dass er etwas entdeckt hatte.
»Bleib hier, ich komme gleich wieder und werde dir helfen.«
Er stand auf, legte sich wieder in sein Bett und schaltete die Taschenlampe ab. Dann wartete er ein paar Minuten und schlich sich nun durch die Dunkelheit zum Monster und kroch ebenfalls unter das Bett.
»Da bin ich wieder. Ich warte jetzt mit dir zusammen, bis alle anderen eingeschlafen sind und dann helfe ich dir nach Hause zu kommen.«
Flüsternd erzählten sie sich über ihre Familien. Nach und nach trockneten auch die Tränen des kleinen Monsters. Nach einer Stunde wagten sie es dann, unter dem Bett hervor zu kommen.
»Jetzt gehen wir jedes Bett einzeln ab und schauen, was sich darunter verbirgt.«
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie überall nachgeschaut hatten, aber nur unter einem lag ein großes schnarchendes Monster, welches nicht gestört werden wollte.
»Vielleicht bist du ja aus einem der anderen Schlafsäle gekommen. Wir sollten mal durch die einzelnen Räume gehen.«
Drei der fünf Säle waren leer und ließen sich leicht kontrollieren. Doch Monster gab es keine. Schließlich blieb nur noch der Schlafsaal der Mädchen übrig.
»Da darf ich eigentlich gar nicht rein. Aber wenn wir ganz leise sind, werden wir bestimmt nicht bemerkt.«
Sie öffneten die Tür und traten ein. Es war ganz still. Alle Mädchen schliefen tief und fest. Sofort machte sich Jonas mit dem kleinen Monster auf die Suche. Aber alle Schlafplätze unter den Betten waren leer. Sie wollten ihre Suche schon verzweifelt aufgeben. Doch dann blieb ein allerletztes Bett über.
»Hier wird bestimmt auch niemand sein. Wenn kein Kind im Bett liegt, liegt auch nie ein Monster darunter.«
Jonas legte sich trotzdem auf den Boden und sah unter das Bett. Und das war auch sein Glück, denn dort funkelten ihn sechs Augen entgegen.
»Hallo, ihr drei Monster. Ich bin auf der Suche nach einer Familie, die ein kleines Monster vermisst. Könnt ihr mir vielleicht weiter helfen?«
Sofort wurden die Augenpaare größer und die Monster krochen leise hervor.
»Du hast unseren kleinen Jungen gefunden?«, fragte die Monstermama und sah sich um. Als sie ihren kleinen Sohn entdeckte schloss sie ihn sofort freudig in die Arme.
»Dein großer Monsterbruder hat dich schon beim Spielen vermisst.«
Das kleine Monster war so froh, dass es wieder zu Hause angekommen war und versprach, nie wieder allein auf Entdeckungsreise zu gehen.
Jonas hatte sich mittlerweile wieder nach draußen geschlichen und kehrte nun zufrieden in sein Bett zurück. Schon nach wenigen Augenblicken schlief er dort glücklich und zufrieden ein.

(c) 2008, Marco Wittler

039. Das Monster über meinem Bett

Das Monster über meinem Bett

Ich wusste es. Und ich hatte es schon immer gewusst. Meine Mutter wollte es mir immer ausreden, aber sie hat mich nie überzeugen können.
Mein Name ist Momo. Ich bin ein kleines Monster und lebe nun schon seit einem Jahr unter meinem eigenen Bett. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eng es früher war. Da wohnte ich noch bei meinen Eltern und meinen vier Geschwistern. Das konnte ganz schön eng werden. Aber nun habe ich so viel Platz, dass ich gar nicht weiss, an welchen Bettpfosten ich mich zuerst kuscheln soll. Beim Schlafen kann ich mich richtig lang machen und auch hin und her drehen, ohne jemanden zu treten und zu stören. Das ist ein richtig schönes Leben.
Wenn da nicht diese Angst wäre.
Schon früher, als ich noch bei Mama und Papa wohnte, hatte ich das Gefühl, dass ausserhalb unserer kleinen Welt noch mehr ist. Immer wieder bewegte sich des Nachts unser Bett. Manchmal ruckelte es und die Matratze gab komische Geräusche von sich. Jedes Mal bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich glaubte, dass es da ein Lebewesen gab, dass über unserem Bett lebte. Aberzu Gesicht hatte ich es nie bekommen.
Mama versuchte mich dann immer zu beruhigen. Sie sagte, es gäbe keine anderen Lebewesen, schon gar nicht über dem Bett. Das wäre ein Märchen. Nichts weiter. Und meine Geschwister lachten mich immer aus. Sie würden nicht an diesen Quatsch glauben.
Aber warum dann diese Geräusche und Bewegungen?
»Das sind Erdbeben«, sagte Papa dann immer.
Aber trotz dieser vielen Erklärungen hatte ich weiterhin Angst.
Nun bin ich mittlerweile nicht mehr so klein und lebe unter meinem eigenen Bett. Ein richtig schönes habe ich mir da ausgesucht. Es war noch ganz allein und es war kein anderes Monster weit und breit zu sehen. Also zog ich unter der Matratze ein.
Aber schon in der ersten Nacht hörte ich wieder Geräusche und ein Erdbeben lies das Holz bedrohlich knacken. Und dann in der nächsten Nacht schon wieder und immer so weiter. Konnte es wirklich sein, dass diese Dinge immer nur Nachts geschahen?
Am Tage, wenn es hell wurde, sah ich ein paar Mal unter dem Bett hervor. Aber zu entdecken war nichts. Ich war tatsächlich allein. Aber trotzdem hatte ich noch immer Angst, dass es vielleicht doch ein Lebewesen über dem Bett gab.
Nachdem ich nun in der letzten Nacht die ganze Zeit vor Angst gezittert habe, bin ich davon überzeugt, dass ich hier nicht alleine bin. Und deswegen will ich mir nun auch ein Herz nehmen und mich davon überzeugen, dass ich Recht habe oder die Geschichte von den Erdbeben wirklich wahr ist. Heute Nacht werde ich es heraus bekommen.
Ich habe mir extra ein wenig Tageslicht eingefangen, es in einen kleinen durchsichtigen Kasten eingesperrt. So kann nun in der Dunkelheit etwas sehen.
Ich krieche unter meinem Bett hervor. Ganz langsam, damit mich nichts entdeckt. Ich sehe mich vorsichtig um, finde aber nichts, dass mir gefährlich werden könnte.
Ich stehe auf und schaue mich um. Und da trifft es mich plötzlich wie ein Schlag.
Mit einem Mal beleuchtet mich ein grelles Licht. Ich kann die Augen kaum aufhalten, so sehr schmerzt es.
Ich wusste es ja immer. Hier haust doch ein grausames Ungetüm. Es ist ein Wesen aus Licht und es wird mich verschlingen.
Verzweifelt halte ich mir die Hände vor die Augen und weine. Ich erwarte das Schlimmste. Ob es wohl weh tun wird, wenn es mich frisst?
Doch dann geht das Licht wieder aus. Langsam nehme ich die Hände runter. Ich Dämmerschein meines Lichts sehe ich es dann vor mir. Über dem Bett lebt tatsächlich ein Wesen. Es ist etwa so groß wie ich, aber sein Körper ist nackt. Nur oben auf dem Kopf wächst etwas Fell. Es ist komisch aus, fasst lustig. Aber dennoch habe ich Angst.
Täusche ich mich? Was sehe ich denn da?
Das Wesen vor mir zittert. Hat es Angst? Aber wovor denn? Gibt es hier denn noch schlimmere Wesen? Ist das vielleicht meine Chance mit heiler Haut hier raus zu kommen? Jedenfalls ist es einen Versuch wert. Ich stelle mein Licht zur Seite und gehe langsam einen Schritt auf das Wesen zu.
»Hallo.«, sage ich mit zittriger Stimme.
»Ich bin Momo, das Monster unter dem Bett.«
Das Wesen weicht zurück, zieht die Decke über den Kopf und zittert immer mehr. Hat es etwa Angst vor mir? Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit.
Vorsichtig klettere ich auf das Bett. Ich bin mir sicher, dass noch ein Monster vor mir dies gewagt hat. Ich krieche langsam zu diesem Wesen und ziehe ihm die Decke vom Kopf.
»Keine Angst, ich tu dir nichts. Versprochen.«
Es blickt mich an. Das Zittern wird weniger.
»Wirklich ehrlich? Und du frisst mich auch nicht auf?«
Es ist das erste Mal, dass ich dieses Wesen reden höre. Und wir haben sogar beide die gleiche Sprache.
»Nein, ich fresse dich nicht auf. So einen großen Bauch habe ich gar nicht. Da würdest du auch gar nicht rein passen. Vor mir brauchst du keine Angst zu haben.«
Ich grinse das Wesen ganz freundlich an.
»Eigentlich hatte ich sogar Angst vor dir.«
Jetzt wird es langsam zutraulicher und rutscht etwas zu mir rüber.
»Ich bin Paul. Und ich schlafe abends immer in diesem Bett. Und ich habe immer Angst gehabt, was wohl unter meinem Bett sein könnte. Ich habe immer Geräusche gehört, aber mich nie getraut, nachzusehen. Meine Mama hat mir immer erzählt, dass da drunter nichts ist und es keine Monster gibt. Aber ich hab ihr nicht geglaubt. Und jetzt habe ich doch Recht gehabt. Du bist ja schließlich hier, oder?«
Er kommt langsam mit der Hand näher und stupst mich mit seinem Finger kurz an.
»Ja, du bist echt.«
Er grinst.
Und jetzt bin ich dran. Auch ich berühre ihn mit meinem Finger. Auch dieses Wesen ist echt.
»Aber was bist du? Ich kenne nur Monster unter Betten. Aber Wesen wie dich kenne ich nicht.«
Paul hat nun gar keine Angst. Er setzt sich nun neben mich und beginnt zu erzählen.
»Ich bin ein Mensch. Aber nur ein kleiner Junge. Es gibt uns in groß und klein. Zu den kleineren gehöre ich, aber mein Papa, der ist fast doppelt so groß, wie ich.«
»Bist du deswegen so unbehaart, weil du noch klein bist? Wächst dein Fell noch?«
Er schüttelt mit dem Kopf.
»Wir Menschen haben kein Fell. Aber mein Papa hat noch ein paar Haare auf seinem Bauch und im Gesicht. Das ist auch schon alles.«
Wir reden noch viele Stunden miteinander. Ich erzähle ihm von der Welt unter dem Bett, von den Monstern, die gar nicht gefährlich sind und was wir den ganzen Tag so machen. Ich erfahre dafür, was ein Menschenjunge so treibt. Er erzählt mir von der Welt außerhalb seiner Welt, das Draußen. Das macht mich sehr neugierig. Ich klettere vom Weg und laufe zu diesem Ding, das er Fenster nennt. Es ist aus Glas und man soll durchsehen können. Aber dahinter ist nichts zu sehen.
»Du Dummerchen.«, sagt Paul. »Es ist ja auch Nacht. Da scheint kein Licht. Man kann nur am Tag nach draußen schauen.«
Ich bin etwas enttäuscht. Aber sehe ein, dass es nicht geht.
Wir setzen uns wieder auf das Bett und reden weiter, bis Paul immer leiser wird. Seine Augen fallen langsam zu und dann schläft er ein. Er sieht so friedlich und harmlos aus. Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich vor ihm Angst hatte.
Ich rutsche langsam vom Bett und krieche wieder unter das Bett. Hier ist meine kleine Welt. Aber mittlerweile hat sie sich verändert. Sie ist größer geworden. Sie endet nun nicht mehr an den Bettpfosten, sondern sie ist um ein Kinderzimmer erweitert worden. Ich bin auch nicht mehr alleine. Ich habe einen Freund gefunden.
Ich bin schon ganz aufgeregt, was ich noch alles mit Paul erleben werde. Vielleicht wird er mir auch die Welt da draußen zeigen. Darauf bin ich ganz besonders neugierig.
Aber nun bin ich müde. Ich rolle mich zusammen, ziehe meine kleine Decke über meinen Bauch und schlafe ein.

(c) 2007, Marco Wittler

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