605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

604. Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier und die rote Nase

Das kleine Rentier stand auf dem großen Weihnachtsplatz am Nordpol zwischen vielen anderen großen und kleinen Rentieren und Weihnachtswichteln. Gemeinsam warteten sie darauf, dass der berühmte Rudolf mit seiner Rentiergruppe den Schlitten anzog und dem Weihnachtsmann half, die vielen Geschenke an die artigen Kinder der Welt zu verteilen.
Und da kam er auch schon aus seinem Haus: Der Weihnachtsmann war bereit. Überall auf dem großen Platz wurde gejubelt und applaudiert.
Der Weihnachtsmann winkte noch einmal in die Runde. Dann stieg er ein, nahm die Zügel des Schlittens in die Hände und gab das Startsignal. Schon ging es los. Rudolf zog als erster. Dann taten es ihm die anderen Rentiere gleich.
Das kleine Rentier sah begeistert zu, wie der große Schlitten kleiner und kleiner wurde, bis er schließlich in der Dunkelheit der Weihnachtsnacht verschwand.
Während sich die meisten Wichtel und Rentiere auf den Weg nach Hause machten, blieb es selbst noch eine ganze Weile stehen und blickte in den Himmel hinauf.
»Wie gerne würde ich auch mal eines Tages den Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Lüfte ziehen. Am Liebsten würde ich dann ganz vor sein und wie Rudolf die Richtung bestimmen.«
Ein paar größere Rentiere blieben stehen und blickten das kleine Rentier an. Nach ein paar Sekunden begannen sie zu lachen und hielten sich die Bäuche.
»Du willst den Schlitten ziehen? Du willst den Platz von Rudolf einnehmen? Ein kleiner Zwerg, wie du einer bist, taugt dafür nicht. Träum lieber von Dingen, die dir mehr liegen. Du kannst Rudolf die Hufe putzen. Mehr aber auch nicht.«
Dann gingen sie weiter und lachten immer wieder so laut sie konnten.
Das kleine Rentier wurde traurig. Trotzdem wollte es seinen Traum nicht aufgeben. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als den Schlitten zu ziehen?

Am nächsten Tag waren der Weihnachtsmann, Rudolf und die anderen Rentiere wieder zurück am Nordpol. Der Schlitten wurde in einer Garage untergebracht, die Rentiere machten es sich in ihren Ställen gemütlich und der Weihnachtsmann begann bereits mit den Planungen für das nächste Jahr. Die Wichtel gingen in ihre Werkstatt und fertigten bereits die neuen Geschenke an. So würde es nun die nächsten zwölf Monate weiter gehen.
Das kleine Rentier träumte in dieser Zeit weiter davon, eines Tages den Schlitten zu ziehen. Also sammelte es ein paar seiner Freunde, um für das Weihnachtsfest zu trainieren. Sie holten den alten, viel zu kleinen Schlitten hervor, der seit Jahrhunderten nicht mehr vom Weihnachtsmann benutzt worden war und trainierten damit immer wieder.

Die Monate vergingen. Es wurde Frühling, es wurde Sommer. Dann kam der Herbst und schließlich der nächste Winter. Für den Nordpol machte das allerdings keinen Unterschied, da dort das ganze Jahr über Schnee lag.
Schließlich wurde es Weihnachten. Der große Schlitten stand wieder auf dem Weihnachtsplatz bereit, die Rentiere, ganz vorne der berühmte Rudolf mit der roten Nase, hatten das Zaumzeug angelegt. Es fehlte nur noch der Weihnachtsmann. Auf ihn warteten, wie in jedem Jahr, die Rentiere und die Wichtel, um ihm bei seinem Abflug zuzujubeln.
Und dann war es auch schon so weit. Die Tür zum Haus des Weihnachtsmanns öffnete sich. Der Weihnachtsmann höchstpersönlich kam heraus und winkte in die Runde. Langsam ging er auf seinen Schlitten zu.
Er wollte gerade einsteigen, als er eine Stimme hörte, die ihn rief. Er sah sich um, denn es war noch nie geschehen, dass ein Einzelner in diesem Moment auf sich aufmerksam machte.
»Wer ruft nach mir?«, wollte der Weihnachtsmann wissen. Er legte seine Hand an die Stirn und sah über den gesamten Platz hinweg.
Ganz weit hinten, ganz am Rand entdeckte er seinen alten Schlitten. Davor stand eine Gruppe kleiner Rentiere, die Zaumzeug angelegt hatte und ebenfalls darauf wartete, dass der Weihnachtsmann zu ihnen kam.
»Guck mal einer an. Was ist denn das?«
Der Weihnachtsmann war amüsiert. »Da stehen meine lieben, kleinen Rentiere und wollen mir helfen. Das ist ja mal eine tolle Überraschung.«
Nun drehten sich auch die anderen Rentiere und Wichtel um. Sie waren allerdings weniger amüsiert. Die meisten von ihnen sahen ganz schön grimmig aus. Ein paar von ihnen sagten sogar ganz schlimme Dinge.
»Verzieht euch in euren Kindergarten. Ihr habt hier nichts zu suchen mit eurem mickrigen Schlitten. Damit könnt ihr niemals den Weihnachtsmann und seinen Schlitten um die Welt ziehen. Ihr seid unglaublich lächerlich. Und ein echter Rudolf fehlt euch auch. Keiner von euch hat eine rote Nase.«
Das kleine Rentier ließ sich davon nicht entmutigen. Stattdessen grinste es. Dann zog es eine rote Clownsnase hervor und steckte diese auf seine eigene.
Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und lachte vor Vergnügen.
»Schau dir das an, Rudolf. Du bekommst tatsächlich Konkurrenz.«
Auch Rudolf konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Idee der kleinen Rentiere war nicht nur lustig, sondern auch genial.
»Hey Boss.«, rief Rudolf. »Was hältst du davon wenn meine Jungs und ich in diesem Jahr einfach mal Urlaub machen? Wir hatten noch nie an Weihnachten frei. Ich bin mir sicher, dass unsere Kleinen den Job hervorragend erledigen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, der kleine Schlitten hat früher auch gereicht, um deinen Geschenkesack zu transportieren.«
Der Weihnachtsmann kratzte sich an seinem haarigen Kinn und dachte nach. Er schmunzelte und nickte schließlich.
»Du hast Recht. Lassen wir es einfach auf einen Versuch ankommen.«
Er ging auf den kleinen Schlitten zu und amüsierte sich über die erstaunten Gesichter der anderen Rentiere und Wichtel. Damit hatten sie alle nicht gerechnet.
»Ladet den Sack um und spannt meine Rentiere ab. Beeilt euch, Weihnachtswichtel. Ich habe einen engen Terminplan.«
Dann stieg er auf seinen alten Schlitten und zwinkerte dem kleinen Rentier grinsend zu.
»Dann zeig mir mal, kleiner Rudolf, was du und deine Freunde drauf haben.«
Das kleine Rentier war unglaublich stolz und freute sich sehr auf die kommende Weihnachtsnacht. Schon wenige Minuten später ging es los. Die kleinen Rentiere zogen den Schlitten in die Dunkelheit und waren nur Augenblicke später nicht mehr zu sehen.

(c) 2017, Marco Wittler

603. Die Weihnachtsmaus

Die Weihnachtsmaus

Frederick, die kleine Maus, kam aus seinem Mauseloch gekrochen. Der tägliche Hunger führte ihn auf direktem Weg zum Kühlschrank, den er mittlerweile schon sehr gut ohne Hilfe öffnen konnte. Den Menschen, die im Haus lebten, bemerkten nicht einmal, dass noch jemand bei ihnen lebte und sich hier und da etwas stibitzte.
Auf seinem Weg in die Küche musste er das große Wohnzimmer durchqueren. Glücklicherweise lagen die Menschen und auch der große Hund mit den scharfen Zähnen in ihren Betten und schliefen tief und fest.
Schon direkt hinter der Tür blieb Frederick stehen und sah sich verwirrt um. Es hatte sich etwas verändert. Der ganze Raum war mit bunten Lichtern geschmückt. In einer Ecke des stand eine riesige Tanne, die mit farbigen Kugeln, silbernen Fäden und elektrischen Kerzen geschmückt war.
»Was ist denn hier los?«, fragte sich Frederick. »So etwas habe ich hier noch nie gesehen.«
Er sah sich vorsichtig um und entdeckte schließlich auf einem Paket die Aufschrift ‚Frohe Weihnachten‘.
»Weihnachten? Kenne ich nicht. Was mag das wohl sein?«
Die kleine Maus versuchte, so viel wie möglich über dieses Weihnachten heraus zu bekommen. Fündig wurde sie irgendwann in einem Kinderbuch, das auf dem Sofa lag.
In dem Buch war von einem dicken Mann in einem roten Mantel die Rede. Es war der Weihnachtsmann, der jedes Jahr die artigen Kinder mit Geschenken belohnte und die bösen Kinder bestrafte.
»Das ist ja toll. Ich frage mich nur, warum der Weihnachtsmann nicht auch die kleinen Mäuse beschenkt. Ich kenne nämlich keine einzige Maus, die nicht artig ist.«
Frederick setzte sich auf das Sofa, knabberte einen Keks und blätterte immer wieder die Seiten des Buches durch, bis ihm eine Idee in den Sinn kam.
»Vielleicht ist der Weihnachtsmann zu sehr mit den Menschenkindern beschäftigt, weil es so viele von ihnen gibt. Er braucht Hilfe von einer Weihnachtsmaus.«
Frederick grinste über das ganze Gesicht. Dann sprang er vom Sofa und lief zurück in sein Mauseloch. Sofort machte er sich an die Arbeit, Geschenke für alle Mäusekinder zu basteln, die er kannte. Jeden einzelnen Tag bis zum Weihnachtsfest arbeitete er daran, sie alle am Weihnachtsabend glücklich zu machen.

Irgendwann war es dann so weit. Auf dem Kalender im Flur der Menschen stand es in großen Buchstaben geschrieben: Weihnachten.
Heute Nacht würde der Weihnachtsmann in dieses Haus kommen – wenn alles aus dem Buch der Wahrheit entsprach.
Frederick packte die vielen Geschenke in einen großen Sack und kleidete sich in einen weiten, roten Mantel und zog sich eine passende Mütze auf den Kopf. Dann wartete er am Eingang seines Mauselochs – und wartete und wartete. Irgendwann wurde er müde, so müde, dass ihm die Augen schwer wurden und er einschlief.
Tief in der Nacht schreckte Frederick dann hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Es war aus dem Wohnzimmer gekommen. Schnell lief er hinüber und spähte in den Raum. Dort tat sich etwas. Irgendwer kam gerade in diesem Moment aus dem Kamin geklettert. Ein Mann richtete sich auf und sah sich um. Da er niemanden sehen konnte, zog er einen großen Sack aus dem Kamin.
»Das ist er.«, flüsterte Frederick begeistert zu sich selbst. »Es gibt ihn wirklich. Das ist der Weihnachtsmann.«
Sofort eilte er in das Wohnzimmer. Vor Freude klatschte er in seine kleinen Pfoten und tanzte wie wild um sich selbst.
»Juhuu! Ich habe dich gefunden, Weihnachtsmann. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue.«
Der Weihnachtsmann erschrak. Sofort sah er sich in alle Richtungen um, konnte aber niemanden entdecken.
»Hm? Spielt mir da jemand einen üblen Streich?«
Er sah sich ein zweites Mal um.
»Los, komm aus deinem Versteck, wo auch immer du bist.«
Frederick kicherte.
»Weihnachtsmann, ich bin hier unten, direkt vor deinen großen Stiefeln.«
Der Weihnachtsmann rückte seine Brille zurecht und blickte nach unten.
»Huch, was ist denn das? Eine kleine Maus in einem Weihnachtsmantel. Bist du eine Weihnachtsmaus?«
Frederick nickte stolz.
»Ich bin so begeistert von deiner Aufgabe, dass ich mir gedacht habe, die vielen artigen Mäusekinder müssten auch beschenkt werden. Und wenn das jemand übernehmen kann, dann die Weihnachtsmaus.«
Frederick machte eine kleine Pause und wurde rot im Gesicht.
»Ich schaffe das allerdings nicht allein. Ich brauche dazu deine Hilfe. Mit meinen kleinen Beinchen komme ich in einer Nacht nicht sehr weit.«
Der Weihnachtsmann grinste. »Kein Problem ist unlösbar. Ich werde dir gerne helfen. Auf meinem Schlitten finden wir bestimmt noch einen Platz für dich und deinen Geschenkesack.«
Dann griff er vorsichtig nach Frederick und seinem Sack und stopfte beide in eine seiner Manteltaschen. Gemeinsam kletterten sich dann den Kamin hinauf und machten sich auf den Weg, die artigen Menschenkinder und die artigen Mäusekinder zu beschenken.

(c) 2017, Marco Wittler

587. Schnee im Sauerland

Schnee im Sauerland

»… wird es auch in den nächsten Tagen zu kräftigen Schneefällen bei uns im Sauerland kommen.«, ertönte es aus dem Radio.
»Juhuu!«, jubelte Max. Dann kann ich endlich mit meinem neuen Schlitten fahren, das erste Mal in meinem Leben.«
Sofort flitzte er in den Keller und mühte sich ein paar Minuten später mit dem schweren Schlitten die Treppenstufen hinauf. Dann zog er sich seine dicken Stiefel, die warme Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe an und zog den Schlitten hinter sich her nach draußen in den Garten.
Max setzte sich auf den Schlitten und gab Gas. Schon wollte er laut jubeln, aber er kam nur wenige Zentimeter weit.
»Nanu? Warum funktioniert das denn nicht? Im Fernsehen sieht das immer so einfach aus.«
Er schlug frustriert mit der Faust auf den Schlitten. Dann versuchte er es ein zweites Mal. Noch immer kam er nicht vom Fleck.
»Endlich ist mal genug Schnee gefallen und dann ist der Schlitten kaputt. Menno!«
Inzwischen war auch Papa nach draußen gekommen. Er grinste, als er sah, was dort vor sich ging.
»So wird das nicht gehen. Für deinen Schlitten brauchst du noch einen Hügel, den du hinunter fahren kannst.«
Max klopfte sich leicht mit der Hand vor die Stirn.
»Oh man, ich bin ja blöd. Daran hätte ich auch sofort denken können.«
Er sah sich um und musste feststellen, dass hier in der Stadt kein einziger Hügel zu sehen war. Die Berge waren alle ein paar Kilometer weit entfernt.
»Papa?«, fragte er mit einem bettelndem Blick. »Kannst du mir vielleicht helfen?«
Ein paar Minuten später fuhr Max dann doch mit dem Schlitten über den Schnee. Papa war so nett und zog ihn kreuz und quer durch den Garten.

(c) 2017, Marco Wittler

576. Ich will ein Schneemann sein

Ich will ein Schneemann sein

Timo stapfte mit seinem Schlitten durch den tiefen Schnee und mühte sich den Berg hinauf. Er wusste schon gar nicht mehr, wie oft er heute schon gerodelt war. Den ganzen Nachmittag hatte er hier verbracht. Doch nun ging langsam die Sonne unter. Es wurde dunkel, kalt und Mama sah immer häufiger auf ihre Armbanduhr.
»Es wird langsam Zeit, dass wir nach Hause fahren. Ich muss das Abendessen kochen.«, sagte sie schließlich.
Timo blieb vor ihr stehen, sah zu Mama hinauf und ließ die Mundwinkel sinken.
»Wirklich? Jetzt schon? Es ist doch noch gar nicht so spät. Ich will hier bleiben und weiter Schlitten fahren.«
Mama schüttelte den Kopf. »Die anderen Familien fahren auch schon nach Hause.«
»Stimmt gar nicht.«, beschwerte sich Timo. »Wir sind bestimmt die ersten, die jetzt gehen.«
Er sah sich um. Der Schlittenhang war leer. Es waren weder Kinder noch Eltern zu sehen.
»Na gut. Wir sind die Letzten. Aber trotzdem möchte ich noch rodeln.«
»An einem anderen Tag. Jetzt wird es Zeit für’s Abendessen.«
Timo ließ die Schultern hängen und folgte Mama schleichend zum Auto. Kurz vor dem Parkplatz fiel sein Blick auf einen Schneemann, der unter einer großen Tanne gebaut worden war.
»Wenn ich ein Schneemann wäre, könnte ich rund um die Uhr hier bleiben. Dann müsste ich nicht nach Hause. Das wäre echt cool.«

Am nächsten Morgen war irgendwas anders. Als Timo wach wurde, wehte ihm ein leichtes Lüftchen um die Nase. Auf der einen Seite war es kühl, auf der anderen Seite machte es ihm aber auch nichts aus. Ihm war nicht kalt.
Er wollte sich recken, strecken und laut gähnen, aber das fiel ihm alles andere als leicht. Timo öffnete die Augen und sah sich um. Sofort bekam er große Augen.
»Wahnsinn!«, staunte er. »Das ist ja unglaublich!«
Er stand ganz oben auf dem Rodelhang. Von hier aus brauchte er nur auf seinen Schlitten steigen und den Berg hinab fahren.
»Und ich bin hier der Einzige. Niemand stört mich. Niemand steht mir im Weg. Ich kann fahren wo ich will!«
Timo grinste über das ganze Gesicht. Er wollte aufstehen, den neben sich stehenden Schlitten schnappen und den ganzen Tag Spaß haben. Es gab nur ein Problem. Er konnte nicht aufstehen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Nicht nur das Aufstehen funktionierte nicht. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen.
Timo sah an sich herab. Er hatte sich in einen Schneemann verwandelt. Und wie das bei Schneemännern nun mal so ist, sie können sich nicht bewegen.
»Oh, nein. Wenn ich nur daran gedacht hätte. Dann hätte ich mir bestimmt nicht gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Die Zeit verging nur langsam. Timo langweilte sich fast zu Tode. Er konnte nicht spazieren gehen, er konnte keine Bücher lesen oder sich vor den Fernseher setzen. Er konnte sich nicht einmal an seiner Mohrrübennase kratzen, wenn es juckte.
Am Nachmittag kamen die Kinder der ganzen Nachbarschaft zum Rodelhang. Für die nächsten Stunden vergnügten sie sich auf ihren Schlitten und hatten ganz viel Spaß. Jeder Junge und jedes Mädchen – bis auf Timo. Als Schneemann stand er auf der Stelle und musste den anderen zusehen.
»Oh man, ist das langweilig. Ich wünschte, ich hätte mir nie gewünscht, ein Schneemann zu sein.«
Traurig wartete er darauf, dass der Tag vorüber ging. Irgendwann gingen die anderen Kinder nach Hause. Timo musste draußen in der Dunkelheit bleiben. Irgendwann schlief er ein und träumte davon, wieder ein ganz normaler Junge zu sein.

Am nächsten Morgen wachte Timo auf. Er reckte und streckte sich. Als er die Augen aufschlug, sah er sich schnell um. Er hatte zwei normale Arme, zwei normale Beine und eine kleine Nase im Gesicht. Er lag in seinem Bett unter der Decke und konnte sich wieder bewegen.
»Juhuu! Endlich bin ich wieder ein normaler Junge.«
Glücklich sprang Timo aus dem Bett und tanzte wie wild in seinem Zimmer herum.
»Ich werde mir nie wieder wünschen, ein Schneemann zu sein. Das ist mir viel zu langweilig.«

(c) 2017, Marco Wittler

563. Weihnachtsgewitter

Weihnachtsgewitter

Draußen schneite es dicke, fette Flocken. Die Erde verschwand unter einer weißen Schneedecke. Überall waren die Häuser festlich geschmückt. Die Christbäume erstrahlten in bunten Farben. Lametta, Glaskugeln, Strohsterne und Lichterketten waren an allen Ästen angebracht. Das einzige, was noch fehlte, waren die Geschenke. Und dafür war in dieser heiligen Nacht, wie in jedem anderen Jahr auch, der Weihnachtsmann mit seinem Rentierschlitten unterwegs.
»Ist das nicht toll?«, rief er begeistert seinen Zugtieren zu. »Hast du schon mal ein schöneres Weihnachtswetter gesehen als dieses, Rudolf? Ich liebe Schnee.«
Rudolf verdrehte die Augen. »Du musst bei dem Wetter ja auch nicht den Schlitten ziehen. Ich habe Angst, dass ich in diesem dichten Schneetreiben irgendwann gegen einen Baum oder Straßenschild stoße. Das ist nicht wirklich schön.«
»Ho ho ho.«, lachte der Weihnachtsmann und hielt sich den Baum. »Reg dich nicht auf. So schlimm es nun auch wieder nicht.«
Das empfand Rudolf allerdings anders. Deswegen trieb er die anderen Rentiere umso mehr an. Sie flogen so schnell durch die Lüfte, wie niemals zuvor. Sie wollten, so schnell es ging, die Arbeit erledigt haben, um nach Hause in den warmen Stall zu kommen.
»Da kommt die nächste Stadt!«, rief der Weihnachtsmann. »Geht mit dem Schlitten tiefer!«
Die Rentiere gehorchten. Sie flogen mit dem Schlitten tiefer und folgten einer breiten Autobahn, um den Weg besser zu finden.
Plötzlich blitzte es hell auf. Rudolf sah sich verwirrt um, musste sich sogar kurz die Augen reiben, weil er nicht mehr genug sehen konnte.
Dann blitzte es noch mal und noch mal.
»Verdammt!«, rief das Rentier. »Jetzt zieht auch noch ein Gewitter auf. Schlimmer könnte das Wetter wirklich nicht sein. Jetzt müssen wir auch noch aufpassen, nicht vom Blitz getroffen zu werden.«
Die ganze Nacht über blitzte es immer wieder. Egal, welcher Stadt sie sich näherten, das Wetter wollte einfach nicht besser werden. Aber sie hatten Glück. Weder die Rentiere, noch der Schlitten wurden vom Blitz getroffen.
Irgendwann hatte der Weihnachtsmann seine Aufgabe erledigt. Die Rentiere hatten ihn zum Nordpol zurück gebracht, wo schon die Weihnachtselfen warteten. Einer von ihnen trat gleich vor. Er hielt einen Stapel Papiere in der Hand, die er seinem Chef übergab.
»Dieses Jahr seid ihr aber besonders schnell gewesen. Ihr seid insgesamt zweihundertsechsundfünfzig Mal geblitzt worden. Das ist euch vorher noch nie passiert. Das wird ganz schön teuer.«
Der Weihnachtsmann sah sich die Knöllchen an. Die Fotos darauf waren eindeutig.
»Rudolf!«, rief er zum Stall. »Wir müssen dringend mal reden! Wenn ich jetzt wegen dir meinen Führerschein verliere, gibt es Ärger!«

(c) 2016, Marco Wittler

512. Schlittenfahrt im Sonnenschein (Hallo Oma Fanny 24)

Schlittenfahrt im Sonnenschein

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich schreibe dir heute von einem ganz besonderen Erlebnis.
Gestern Abend saß ich mit Papa vor dem Fernseher. Da liefen die Nachrichten und berichteten aus ganz vielen Ländern. Am Ende kam dann das Wetter. Also eigentlich nicht, denn das geht ja nur draußen. Aber ein Mann stand vor einer Deutschlandkarte und hat uns gezeigt, wie das Wetter werden sollte.
Er kündigte an, dass es von Norden bis Süden, also im ganzen Land, kräftig schneien sollte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich vor Freude gejubelt habe. Ich wollte sofort meinen Schlitten aus dem Keller holen, aber ich durfte nicht. Mama schickte mich ins Bett.
Heute Vormittag, bin ich nach dem Aufstehen sofort an mein Fenster gelaufen. Es war aber keine einzige Schneeflocke zu sehen. Nicht einmal Wolken hatten sich zu uns verirrt. Der Himmel war überall blau und die Sonne schien. Da war ich richtig enttäuscht. Ich wollte doch unbedingt Schlitten fahren.
Ich war zwar traurig, bin dann aber trotzdem in den Keller gegangen, um meinen Schlitten zu holen. Ich habe mich dann in den Garten gesetzt und mit dem blauen Himmel gemeckert, dass er endlich verschwinden und den Schneewolken Platz machen sollte.
Stattdessen stach mir dann die Sonne mit einem Strahl direkt ins Auge.
Da hatte ich plötzlich eine großartige Idee. Ich hab mir meinen Schlitten genommen und bin auf dem Sonnenstrahl nach oben geklettert. Ganz weit oben habe ich mich dann umgedreht und bin mit dem Schlitten zurück in den Garten gefahren. Das war so lustig, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mehr gemacht habe.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2015, Marco Wittler

352. Auf der Rodelbahn

Auf der Rodelbahn

Max und Lena waren aufgeregt und voller Vorfreude, denn heute durften sie das erste Mal mit Mama und Papa auf die Rodelbahn. Mit dem Auto fuhren sie zu viert zur Gondelbahn, die sie auf den Berg hinauf bringen sollte. Doch dann erlebten sie eine Überraschung.
Papa wollte gerade die Fahrkarten kaufen, da wurde ihnen mitgeteilt, dass am heutigen Tag keine einzige Gondel den Berg hinauf gezogen würde.
»Der Schleppmotor ist kaputt. Der muss jetzt repariert werden.«, erklärte Papa.
»Das dauert mindestens bis Morgen früh.«
Die Kinder verzogen enttäuscht die Gesichter. Sie hatten sich doch schon so sehr gefreut.
»Aber was machen wir denn jetzt?«, fragte Max.
»Können wir denn nicht auf den Berg hinauf laufen?«, schlug Lena vor.
»Das ist eine prima Idee.«, lobte Papa.
Und schon machten sie sich zu Fuß auf den Weg.

Es war schönstes Winterwetter. Die Sonne schien. Es waren keine Wolken am Himmel zu sehen. Die verschneiten Bergspitzen waren in allen Richtungen gut zu sehen. Es war eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Im Bach neben der Rodelbahn hatten sich dicke, glitzernde Eiszapfen gebildet.
»Wie weit ist es denn noch?«, wollte Max wissen.
»Mir dampfen schon die Füße, so warm sind sie geworden. Wenn wir jetzt noch lange laufen müssen, schmelzen sie bestimmt durch den Schnee hindurch.«
Aber ein wenig mussten sie noch durchhalten. Irgendwann durften sich dann die Kinder auf den Schlitten setzen und ließen sich von Papa den Berg hinauf ziehen.
Nach einer Stunde hatten sie es endlich geschafft. Sie hatten den Berggipfel erreicht.
»Ist das nocht schön hier oben?«
Mama kam sofort ins Schwärmen. Man konnte bis in das nächste Tal schauen.
»Ich glaube, es wird Zeit, dass wir ein kleines Picknick machen.«
Sie holte ein paar verpackte Brote aus der Jackentasche und verteilte sie an Papa und die Kinder.
»Und wenn wir gegessen haben rodeln wir wieder nach unten?«
Papa nickte und nahm schon auf seinem Schlitten Platz.
»Ich will mit Papa fahren.«, entschied Lena.
»Dann fahre ich aber mit Mama.«, sagte Max und setzte sich ebenfalls.
Nach ein paar Minuten ging es los. Es sollte ein Wettrennen werden.
»Wer zuerst unten angekommen ist.«, rief Max und sah sich schon als Gewinner.
Aber nach den ersten Metern wurden er und Mama bereits von Papa und Lena überholt.
»Wir sind ja auch schwerer.«, rief Papa.
»Ich habe schließlich ganz viel zum Mittag gegessen.«
Max wollte sich aber nicht geschlagen geben.
»Los, Mama. Schneller.«
Nach der ersten Kurve jubelte Lena, denn der Schlitten ihres Bruders war nicht mehr zu sehen. Papa fuhr mit ihr schneller und schneller. Der Wind wehte ihnen die fallenden Schneeflocken ins Gesicht, als sie durchs Ziel fuhren.
»Das war grandios. Das müssen wir unbedingt noch einmal machen.«
Lena war begeistert. Aber als sie sich umsah, konnte sie Max und Mama nicht entdecken. Die beiden waren wie vom Erdboden verschluckt. Erst nach weiteren zehn Minuten tauchten die beiden wieder auf. Sie waren von oben bis unten mit Schnee bedeckt.
»Was ist denn mit euch passiert?«, wunderte sich Papa.
»Wir sind im Graben gelandet.«, entschuldigte sich Mama mit einem rotem Kopf.
»Und das war so cool.«, freute sich Max.
»Ich hab uns danach noch zwei Mal hinein gelenkt.«

(c) 2010, Marco Wittler

186. Die erste Schlittenfahrt

Die erste Schlittenfahrt

Christian saß in seinem Kindersitz und vergrub sein Gesicht tief hinter einem dicken Schal. Seine Eltern hatten ihm einen lustigen Tag im Schnee versprochen. Also hatte er sich die letzten Tage auf Schneeballschlachten und Schneemannbauen gefreut. Doch nun waren sie mit dem Auto unterwegs zu einem hohen Berg.
»Dort liegt viel mehr Schnee als bei uns.«, hatte Papa erzählt.
Doch dann packte er den Schlitten in den Kofferraum. Christian konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als mit einem Schlitten einen Berg hinab zu fahren. Am letzten Wochenende war sein bester Freund Michl bei einer Fahrt so schlimm gestürzt, dass er einen großen blauen Fleck bekommen hatte.
»Müssen wir das wirklich machen? Können wir nicht einfach nur einen Schneemann bauen und wieder nach Hause fahren?«, fragte Christian.
Aber Papa schüttelte den Kopf.
»Aber dann verpassen wir doch den ganzen Spaß. Du weißt ja gar nicht wie viel Spaß es macht, wenn einem der Wind um die Nase fegt. Außerdem kribbelt es bei schnellen Schlittenfahrten immer im Bauch. Das ist fast wie in der Achterbahn.«
Achterbahn? Christian wurde es flau im Magen. Er hatte einmal eine im Fernsehen angeschaut. Die Wagen der Bahn rasten auf einer Schiene entlang, und drehten sich sogar so weit, dass die Fahrgäste auf dem Kopf standen. Das konnte doch keinen Spaß machen.
In diesem Moment parkte Papa das Auto. Er stieg aus, holte den Schlitten hervor und half seinem Sohn beim Aussteigen.
»Fahr doch schon mal ohne mich. Ich muss mir noch die letzten Seiten in meinem Bilderbuch anschauen. Das kann ich jetzt unmöglich verschieben.«
Aber es half nichts. Papa ließ nicht mit sich diskutieren.
Sie stiegen mit mehreren anderen Menschen in eine Gondel, die an einem langen Seil auf den Berg gezogen wurde.
»Was sind denn das für komische Bretter, die der Mann da in der Hand hält?«
Papa sah sich um.
»Das sind Skier. Die schnallt man sich unter die Füße und fährt damit die Berge hinab.«
Christian bekam große Augen. Es gab tatsächlich noch etwas Gefährlicheres als den Schlitten.

Als sie auf der Bergspitze ankamen, stellte Papa sofort den Schlitten auf den Schnee. Er forderte seinen Sohn auf, sich darauf zu setzen, doch dieser weigerte sich. Also musste er es selbst vormachen.
»Siehst du, da passen wir auch zu zweit drauf. Und passieren kann da gar nichts. Das Verspreche ich dir.«
Christian wollte nicht. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah trotzig in eine andere Richtung.
Papa stand wieder auf.
»Ich werd uns mal etwas zu Trinken besorgen. Passt du so lange auf den Schlitten auf?«
Er stiefelte fort. Christian sah sich den Schlitten an, der sich nun langsam allein in Bewegung setzte. Er lief schnell hinterher und stellte ihn quer zum Berg.
»Und damit du das nicht noch einmal versuchst, setzte ich mich auf dich drauf.«
In diesem Moment kam Papa zurück.
»Was ist denn das? Du sitzt ja auf dem Schlitten. Willst du jetzt doch fahren?«
Und schon saß er hinter seinem Sohn und gab mit den Füßen Schwung.
»Hilfe!«, schrie Christian.
Doch das half nun auch nichts mehr. Die wilde Fahrt hatte begonnen. Es ging von einem Hügel zum anderen. Sie rasten durch die Kurven und überholten einen Skifahrer nach dem anderen. Dabei kamen sie den Tannen am Rand der Piste gefährlich nahe. Nicht einmal vor kleinen Sprüngen machte der Schlitten Halt. Erst auf dem Parkplatz kamen sie wieder zum Stehen.
»Du meine Güte.«, sagte Christian.
Er war noch völlig aus der Puste und schnappte laut nach Luft, bevor er aufstand.
»Das war richtig toll. Los, Papa, lass uns gleich noch mal fahren.«
Doch packte winkte ab. Sein Gesicht hatte eine grünliche Farbe angenommen. Ihm war schlecht geworden.
»Auf keinen Fall mache ich das noch einmal. Lieber fahre ich einen ganzen Tag lang mit der Achterbahn. Auf diesen Berg bekommt mich keiner mehr hinauf.«
Während Papa aufstand musste Christian ganz laut lachen, denn er hatte die Angst vor Schlittenfahrten verloren.

(c) 2009, Marco Wittler