605. Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten (Ninos Schneckengeschichten 12)

Die Weihnachtsschnecke rettet Weihnachten

Nino sah auf den Kalender und lächelte. „Schau mal, Wuschel. Morgen ist endlich Weihnachten.“
Er sah aus dem Fenster, sah eine Weile den tanzenden Schneeflockenin der Dunkelheit des Abends zu und kam schließlich zu einer Idee.
„Ich glaube, ich werde dieses Jahr beide Häuser schmücken.“
Beide Häuser, fragst du dich jetzt vielleicht. Ja, du hast richtig gelesen. Nino besaß zwei Häuser. Eines, in dem er lebte und eines, in das er sich bei Gefahr zurückziehen konnte.
Auch wenn das seltsam klingt, für Nino war das völlig normal. Denn Nino war eine Schnecke.
„Ich hänge eine lange Lichterkette ans Haus und mein Schneckenhaus bekommt ein paar Glöckchen und bunte Kugeln. Das sieht bestimmt richtig schön und weihnachtlich aus.“
Er sah zu Wuschel, der aufgeregt neben ihm stand und mit seinem Schwanz wedelte.
„Ist schon gut.“, sagte Nino. „Du warst dieses Jahr ein ganz besonders artiger Hund. Ich werde auch deine Hütte schmücken.“
Wuschel wuffte in freudiger Erwartung.
„Deine Weihnachtssocke hänge ich natürlich auch auf. Vielleicht steckt dir der Weihnachtsmann etwas hinein.“
Die beiden verbrachten den ganzen Abend damit, den Weihnachtsschmuck aus dem Keller zu holen und überall aufzuhängen. Kurz bevor sie fertig waren, hörten sie ein lautes Poltern auf dem Dach.
„Oh je!“, rief Nino entsetzt.
„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann. Wenn wir nicht artig in unseren Betten liegen, wird er uns unsere Geschenke nicht herein bringen. Dann gehen wir dieses Jahr leer aus.“
So schnell wie es einer Schnecke möglich war, packte Nino seinen Wuschel und verzog sich mit ihm in sein Schneckenhaus. Dort stellten sie sich schlafen und gaben keinen Mucks von sich.
Es polterte weiter auf dem Dach, aber niemand kam durch den Kamin ins Wohnzimmer geklettert.
„Da stimmt etwas nicht.“, wunderte sich Nino. Hoffentlich ist der Weihnachtsmann nicht im Kamin stedken geblieben. Wir sollten lieber mal nach dem Rechten sehen.“
Er kam aus seinem Schneckenhaus hervor, setzte Wuschel auf dem Teppich ab und warf vorsichtig einen Blick in den Kamin.
„Nein, da ist niemand. Vielleicht steht er nich auf dem Dach und findet in seinem riesigen Sack unsere Geschenke nicht.“
Nino überlegte, ob er nach draußen gehen und nachschauen sollte, als es vor der Tür laut krachte.
„Du meine Güte. Was war denn das?“
Sofort lieben Schnecke und Hund zur Haustür, öffneten sich und sahen nach Draußen. Im Garten lag ein großer, roter Schlitten – der Schlitten des Weihnachtsmanns. Zumindest lag dort, was von ihm übrig geblieben war.
„Verflixt und zugenäht. Wie konnte das nur passieren? Was soll ich denn jetzt machen?“, war eine Stimme auf dem Dach zu hören.
Nino blickte auf und entdeckte dort oben den Weihnachtsmann.
„Weihnachtsmann, was ist passiert? Brauchst du Hilfe?“
Der Weihnachtsmann seufzte verzweifelt.
„Da kann mir wohl niemand mehr helfen. Mein Schlitten ist kaputt und ich muss noch eine Menge Geschenke verteilen. Das restliche Weihnachten muss wohl ausfallen. Hätte ich doch bloß den letzten TÜV Termin nicht vergessen. Und meine Rentiere haben sich so sehr bei dem Krach erschrocken, dass sie auf und davon sind.“
Ninos Gedanken rasten. Ein Weihnachtsfest ohne Geschenke war kein Weihnachtsfest. Er musste etwas unternehmen.
„Ich werde dir helfen. In meinem Schneckenhaus ist genug Platz für alle Geschenke. Ich diene dir als Ersatzschlitten.“
Der Weihnachtsmann lächelte verlegen.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten, mein hilfreicher Freund, aber du bist nur eine Schnecke. Ich glaube nicht, dass du schnell genug bist, damit ich alle Geschenke rechtzeitig verteilen kann.“
Nino grinste.
„Los Wuschel. Hol es!“
Wuschel kläffte kurz. Dann lief er ins Haus zurück und kam nur wenige Sekunden später mit seiner Leine und einem Skateboard zurück.
„Wegen meines Schneckentempos bin ich vor ein paar Jahren am Weihnachtsabend im Schnee stecken geblieben. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt, der mit schnell wie der Wind durch die Straßen der Stadt ziehen kann.“
Der Weihnachtsmann kratzte sich durch seinen dichten Bart am Kinn und dachte dabei nach.
„In Ordnung. Lassen wir es auf einen Versuch ankommen.“
Er wuchtete den großen Sack aus den Überresten seines Schlittens und verstaute ihn in Ninos Schneckenhaus. Dann setzte er sich darauf und gab seinem neuen Helfer das Startkommando. Dieses leitete Ninos sofort an seinen felligen Freund weiter.
„Los Wuschel. Gib Gas! Wir haben eine große Menge Geschenke zu verteilen. Lauf wie der Wind!“
Wuschel setzte sich in Bewegung und zog das Skateboard mit der Schnecke hinter sich her. Freudig kläffend flitzte er so von Haus zu Haus.
Die ganze Nacht ging durch die Straßen. Der Geschenkesack wurde immer leerer. Erst mit dem Auftauchen der ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, waren sie fertig und standen wieder vor Ninos Haus. Allerdings befanden sich im Sack noch immer zwei Geschenke.
„Für wen sind denn diese beiden Pakete?“, wollte Nino wissen. „Wir haben alle Häuser hinter uns. Wir sind fertig.
Der Weihnachtsmann grinste.
„Diese beiden Geschenke sind für meine neuen Helfer Nino und Wuschel.“
Während sie ins Haus gingen, um noch gemütlich einen heißen Tee zu trinken, übergab der Weihnachtsmann seinen kleinen Freunden ihre Pakete.

(c) 2017, Marco Wittler

493. Die Fußballschnecke (Ninos Schneckengeschichten 11)

Die Fußballschnecke

Nino saß auf der Bank und langweilte sich. Jeden Sonntag begab er sich zum Fußballplatz, um seine Mannschaft zu unterstützen, aber bis heute war er noch nicht ein einziges Mal eingewechselt worden. Er war der ewige Ersatzspieler.
»Du bist einfach nicht schnell genug.« hatte der Trainer ihm immer wieder erklärt. Trotzdem wollte Nino nicht aufgeben.
Und so saß er nun auf der Bank und putzte sein Haus, während die anderen Spieler dem Ball nachliefen.
Moment! Er putzt sein Haus? Ja, das tat Nino wirklich. Den Nino war eine Schnecke und hatte sein kleines Haus immer mit dabei.
Das Spiel wurde nun immer spannender. Auf beiden Seiten wurden Tore geschossen. Immer wieder ging eine Mannschaft in Führung und die andere glich wieder aus. Wer würde wohl am Ende gewinnen?
In diesem Moment stieß der gegnerische Stürmer mit dem Torwart aus Ninos Mannschaft zusammen. Beide blieben am Boden liegen und hielten sich die Knie vor Schmerzen.
»Auswechseln!« rief der Trainer laut und sah sich verwirrt um. Es war kein Ersatztorwart da.
»Also gut.« seufzte er. »Schlimmer kann es eh nicht mehr werden. Nino ab ins Tor.«
Die kleine Schnecke glaubte ihren Ohren nicht, machte sich aber sofort auf den Weg zum Spielfeld.
Nino stellte sich ins Tor und freute sich bis über beide Fühler, dass er nun zum ersten Mal in seinem Leben Fußball spielen durfte.
Doch dann musste er sich konzentrieren, denn die gegnerische Mannschaft stürmte nun mit dem Ball auf ihn zu. Nur wenige Meter vor ihm schossen sie und … bekamen den Ball nicht ins Tor.
»Wuhuu!« jubelte der Trainer. »Wuhuu« jubelte auch Nino.
Der Ball war vom Schneckenhaus abgeprallt, mit dem Nino das Tor wunderbar verdeckte.
Am Ende gewann die Mannschaft das Spiel und Nino durfte von diesem Tag an jedes Mal der Torwart sein.

(c) 2014, Marco Wittler

492. Schneckenfrühling (Ninos Schneckengeschichten 10)

Schneckenfrühling

›Mai.‹
So stand es seit ein paar Tagen auf dem Kalenderblatt an Ninos Wand. Das freute ihn sehr, denn der Frühling war seine liebste Jahreszeit.
»Dann putze ich mal schnell mein Häuschen, damit es gut aussieht, wenn ich damit ausgehe.«
Ein Häuschen mit dem man ausgehen kann? Stellst du dir auch gerade diese Frage?
Tja, mit Ninos Haus konnte man tatsächlich ausgehen, denn Nino war eine kleine Schnecke mit einem kleinen Schneckenhaus auf dem Rücken. Und genau dieses putzte er nun von oben bis unten, von vorne nach hinten und von links nach rechts, bis es überall blitzte und blinkte.
Dann packte er seine sieben Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zur großen Blumenwiese.
Es ging über Stock und Stein, durch Feld, Wald und Wiesen.
»Puh.« schaufte Nino. »Der Weg ist ganz schön weit.«
Das lag vor allem aber daran, dass Schnecken nicht so schnell laufen können. Er brauchte Tag um Tag. Trotzdem gab er nicht auf.
Als er schließlich an seinem Ziel angekommen war, staunte er nicht schlecht. Es war keine einzige Blume zu entdecken. Weit und breit blühte nichts. Stattdessen lag überall braunes Laub und die Bäume waren kahl.
»Oh je. Das gleiche Problem wie jedes Jahr. Es dauert bis zum Herbst, bis ich die Blumenwiese erreicht habe.«
Er seufzte einmal laut, drehte um und machte sich auf den langen Heimweg.

(c) 2014, Marco Wittler

480. Eine Schnecke auf dem Mond (Ninos Schneckengeschichten 9)

Eine Schnecke auf dem Mond

Nino stand in seinem großen Haus vor dem Spiegel und putzte mit einem Staubtuch über sein kleines Haus, dass er auf dem Rücken hatte.
Moment mal. Ein Haus auf dem Rücken? Ein echtes Haus zum Tragen? Wer macht denn so etwas, wenn er in einem großen Haus lebt?
Nun ja. Nino machte das so. Und das war für ihn auch nichts Besonderes. Denn Nino war eine Schnecke. Und Schnecken haben nun mal ihr Haus immer mit dabei.
Nino stand also vor dem Spiegel und putzte Staub auf seinem kleinen Haus.
»Da kannst du mal sehen, wie lange wir schon nicht mehr vor der Tür waren, um etwas zu erleben.« sagte er zu seinem Hund Wuschel.
Wuschel, der ihn treu auf einem Skateboard durch die Stadt überall hin zog, bellte zustimmend und hüpfte im Kreis herum, weil auch ihm langweilig war.
»Ist dir etwa auch langweilig? Dann sollten wir etwas dagegen unternehmen. Wenn ich nur wüsste, was das sein soll.«
Ideenlos ließ sich Nino in seinen Sessel fallen und schaltete den Fernseher an.
»Also bleiben wir wohl doch hier und machen, was wir jeden Abend machen.«
Doch an diesem Abend kam kein spannender Krimi im Fernsehen oder eine lustige Spielshow. Dieses Mal wurde darüber berichtet, dass schon bald eine Rakete zum Mond fliegen würde.
»Schau mal Wuschel. Die Astronauten werden Morgen zu einem Flug ins Weltall aufbrechen. Das habe ich mir schon immer gewünscht. Einmal die Erde von Oben sehen, mit meinen eigenen Augen. Nicht auf einem langweiligen Foto. Und dann will ich meinen Fuß in den Staub setzen und dort die allererste Schleimspur der Geschichte hinterlassen. Was hältst du davon?«
Wuschel war begeistert. Er sprang, er hüpfte, er drehte sich im Kreis und bellte immer wieder.
»Dann ist es also abgemacht. Wir fliegen mit zum Mond.«
Noch am selben Abend bereiteten sie alles Vor. Nino packte seinen Rucksack mit Proviant und verstaute ihn in seinem kleinen Schneckenhaus.
Dann spannte er Wuschel vor das Skateboard und ließ sich durch die Straßen der Stadt ziehen.
»Lauf zum Raumflughafen, Wuschel. Wir haben es eilig. Wir dürfen unseren Flug nicht verpassen. Es ist nicht mehr viel Zeit.«
Wuschel gab ordentlich Gas. Er lief schneller als jemals zuvor, bis er nach einer halben Stunde völlig außer Atem neben einer großen Mondrakete anhielt.
»Wir haben es geschafft.« sagte Nino begeistert.
»Jetzt müssen wir nur noch einen sicheren Platz für uns finden.«
Er stopfte das Skateboard in sein Schneckenhaus und fand dort auch noch einen gemütlichen Platz für Wuschel. Dann setzte er seinen Schneckenfuß vorsichtig auf das kühle Metall der Rakete und schleimte sich an ihr hinauf.
»Verdammt. Nirgendwo gibt es ein Loch oder eine Lücke, in die ich kriechen könnte.«
Also kroch er bis nach ganz oben auf die Spitze und schleimte sich dort richtig fest.
»Es gibt keinen besseren Kleber als Schneckenschleim.« rief er triumphierend.
Kurz darauf begann die Rakete zu wackeln. Es vibrierte in ihr. Dann wurde es laut. Mit einem Ohren betäubenden Krachen, startete sie vom Boden und flog in den dunklen Nachthimmel.
»Wuhuu.«, rief Nino.
»Das ist das aufregenste Abenteuer, das ich je erlebt habe.«

Es dauerte drei Tage, bis die Rakete den Weg zum Mond geschafft hatte. Soeben legte sie die letzten Meter zur Oberfläche zurück und landete sanft.
»Wuschel, wir haben es geschafft. Wir sind auf dem Mond gelandet.«
Nino konnte seine Freude kaum aushalten. Er löste seinen Schneckenfuß von der Rakete und sprang in die Tiefe. Wie in Zeitlupe fiel er nach unten.
»Ein kleiner Schritt für einen Nino, aber ein großer Sprung für alle Schnecken der Erde.« und landete im grauen Mondstaub.
»Ist das nicht unglaublich? Ich bin die erste Schnecke auf dem Mond. Das muss gefeiert werden.«
Bis auf Wuschel war aber niemand da, der ihm zu dieser Leistung gratulieren konnte. Eigentlich war überhaupt niemand in der Nähe. Nur die Astronauten, die noch in der Rakete saßen und ihren blinden Passagier nicht entdecken durften. Ansonsten war der Mond leer. Er war so richtig öd und leer. Es gab nur Staub, Geröll und ein paar einsame Bergspitzen am Horizont. Nicht einmal die Erde konnte man von hier aus sehen. Die Aussicht wurde von einem Gebirge verdeckt.
»Und ich dachte immer, der Mond wäre aus Käse gemacht und wir könnten uns hier mal so richtig den Bauch voll schlagen.«
Nino war enttäuscht.
»Nicht mal den Mann im Mond gibt. Ach Wuschel, kannst du dir einen langweiligeren Ort als diesen vorstellen?«
Nein, auch Wuschel konnte das nicht.
»Ich will wieder nach Hause. Diese Reise hat sich überhaupt nicht gelohnt.«
Also legte Nino seinen Fuß auf das kühle Metall der Mondrakete, kroch an ihr nach ganz oben auf die Spitze und schleimte sich dort fest. Nun musste er nur noch warten, bis es wieder nach Hause ging.
Etwas später öffneten die Astronauten ihre Ausstiegsluke. Sie schwebten der Oberfläche entgegen und genossen erst einmal die Aussicht. Einer von ihnen sah an der Rakete entlang und glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Saß dort tatsächlich eine Schnecke auf der Spitze?
Verwirrt tippte er seinen Kollegen auf die Schultern . Aber als die drei gemeinsam nach der Schnecke sahen, war diese verschwunden.
»Du leidest wohl an der Weltraumkrankheit und bildest dir Sachen ein, die es gar nicht gibt.« lachten sie ihn aus.
»Du gehst wohl besser wieder rein und schläfst eine Runde, während wir Gesteinsproben einsammeln.«
Nino grinste zur gleichen Zeit über das ganze Gesicht. Er hatte sich gerade noch rechtzeitig an der Rückseite der Rakete verstecken können.

(c) 2014, Marco Wittler

112. Die Töpferschnecke (Ninos Schneckengeschichten 8)

Die Töpferschnecke

Nino stand in seinem Flur vor dem Spiegel und rückte sich sein Haus auf dem Rücken zurecht. Moment mal, magst du jetzt bestimmt sagen wollen. Wie kann denn jemand ein ganzes Haus mit sich herum tragen? Und da hast du auch Recht. Das kann niemand, außer Nino, denn Nino war eine Schnecke.
Als er fertig war nahm er eine Leine vom Haken, band sie an das Halsband seines Hundes Wuschel und stieg auf sein Skateboard.
»Los geht’s Wuschel. Wir fahren in die Stadt.«
Der kleine Hund zog das Skateboard hinter sich her. Es ging durch die Haustür nach draußen und immer die Straße entlang, bis sie nach wenigen Minuten in der Stadt angelangt waren.
Vor wenigen Wochen hatte dort ein Einkaufsladen geschlossen, weil durch ihn sehr viel Müll hierher gekommen war. Nun stand der Laden leer. Niemand hatte sich bisher dafür interessiert.
Aber heute war das etwas anderes. Nino glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn vor der Eingangstür stand jemand. Es war eine Schneckenfrau.
»Hallo, wer bist denn du?«, fragte er neugierig.
»Ich bin Frau Schnecke.«, antwortete sie.
»Weißt du vielleicht, wem dieser Laden hier gehört? Ich würde hier gerne hier in der Stadt ein kleines Geschäft eröffnen, bin mir aber nicht sicher, ob ich das so einfach machen darf.«
Nino sah seinen kleinen Hund an und lächelte.
»Na, was meinst du Wuschel? Ob der Laden wohl noch vermietet wird?«
Frau Schnecke sah die beiden erwartungsvoll mit großen Augen an. Als Nino schließlich nickte wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen. Aber das traute sie sich dann doch nicht.
»Eine Bedingung gibt es aber. Ihr Geschäft darf nicht so viel Müll produzieren. Das Problem sind wir gerade erst los geworden.«
»Versprochen!«, sagte sie und betrat das erste ihren neuen Laden, während Nino und Wuschel weiter ihres Weges zogen.

Ein paar Tage später kam Nino mit Wuschel am neuen Geschäft vorbei. In großen Buchstaben stand über der Tür zu lesen: Der Schneckenladen.
»Was meinst du, ob wir mal einen Blick durch das Schaufenster riskieren? Ich würde ja zu gern wissen, was dort drin verkauft wird.«
Nino rollte zum Laden und sah vorsichtig hinein.
»Huch, was ist denn das? Da ist ja gar nichts drin. Da stehen nur leere Regale. Das ist ja seltsam. Ob da wohl jemand eingebrochen ist und alles mitgenommen hat? Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.«
Nino wollte sich schon zum Haus des Wachtmeisters ziehen lassen, als Wuschel ganz aufgeregt bellte.
»Was ist denn mit dir los? Hast du etwas entdeckt?«
Wuschel zog Nino hinter sich her, um den Laden herum, bis sie auf jemanden trafen. Frau Schnecke saß dort in einem kleinen Garten auf der Wiese und sah ganz traurig aus.
»Aber Frau Schnecke, was ist denn mit ihnen los? So traurig habe ich sie aber gar nicht in Erinnerung.«
Frau Schnecke holte schnell ein Taschentuch hervor und wischte sich die Tränen weg.
»Ach Nino, es ist alles so schrecklich. Ich träume schon mein ganzes Leben lang davon, ein eigenes Geschäft zu führen. Ich möchte jeden Tag hinter der Ladentheke stehen, eine Registriertkasse bedienen und den Leuten schöne Sachen verkaufen.«
Nino war etwas verwundert und kratzte sich an seinen Fühlern.
»Aber warum machen sie das denn dann nicht? Sie haben doch jetzt ein eigenes Geschäft.«
Schon wieder kullerten Frau Schnecke ein paar Tränen die Wangen herab.
»Aber das ist doch gerade das Problem. Ich weiß einfach nicht, was ich den Bewohnern der Stadt verkaufen soll? Für was interessieren die sich denn überhaupt?«
Da war auch Nino völlig überfragt. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht.
»Das tut mir leid. Das weiß ich auch nicht. Aber vielleicht könnten wir ja gemeinsam heraus finden, was ihnen Spaß macht.«
Der Blick von Frau Schnecke erhellte sich sofort, denn bis zu diesem Augenblick hatte ihr noch niemand Hilfe angeboten. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen und verabschiedeten sich voneinander.

Noch bevor die Sonne aufging war Nino bereits auf dem Bein. Er war ziemlich aufgeregt und konnte es kaum erwarten, sich wieder mit Frau Schnecke zu treffen. Er hatte am Abend zuvor seine vielen Schränke, den Dachboden und den Keller durchsucht, um alles vorzubereiten, was ein neues Hobby werden könnte.
Es standen nun fünf große Tische auf Ninos Gartenterrasse bereit. Sie waren bis zum Rand mit unterschiedlichen Dingen voll gestellt.
Als die Uhr im Flur dann zehn Uhr schlug, klingelte es an der Tür. Nino öffnete sie und empfing Frau Schnecke.
»Guten Morgen. Ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran. Als Schnecke hat man es in so langen Straßen nicht einfach.«
Nino konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
»Das Problem hatte ich auch, als ich hierher zog. Im Winter bin ich sogar einmal vom Wetter überrascht und eingeschneit worden. Deswegen haben mir meine Freunde ein Skateboard und einen Hund geschenkt. Seitdem bin ich die schnellste Schnecke in der ganzen Stadt.«
Er reichte seinem Gast eine Hand.
»Aber nun genug von mir. Wir haben ja noch einiges vor.«
Er leitete Frau Schnecke in seinen Garten und präsentierte ihr seine vielen Vorschläge.
Den ganzen Tag bastelten, schnitten, klebten, schraubten malten sie gemeinsam. Aber irgendwie war nicht das richtige dabei. Alles machte auf die eine oder andere Weise Spaß, aber es war nicht genug, um damit ein Geschäft zu führen.
Ach, das ist so ungerecht. Ich weiß noch immer nicht, was ich mit meinem Laden anfangen soll.«, sagte Frau Schnecke, als die Sonne langsam unter ging.
Sie kroch durch den Garten und wusste nicht mehr, was sie noch ausprobieren sollte. Aus Wut nahm sie einen Klumpen Lehm aus dem Blumenbeet und klatschte ihn mit einem festen Wurf an die Hauswand.
Als sie sah, was sie angerichtet hatte, erschrak sie und entschuldigte sich sofort bei Nino. Der aber lachte, gesellte sich zu ihr und warf ebenfalls Lehm im hohen Bogen durch die Luft. Und so ging es eine ganze Weile weiter, bis der Ärger aus ihnen beiden heraus war und sie wieder gemeinsam lachen konnten.
»Das macht ja richtig Spaß. Ich hab schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass ich überhaupt noch an irgendwas Spaß haben könnte.«, sagte Frau Schnecke.
Nino nahm noch einmal einen Klumpen in die Hand und dachte darüber nach, was er gerade gehört hatte.
»Wenn ihnen das so viel Spaß macht, warum machen sie denn nicht daraus ein Geschäft?«
Frau Schnecke sah ihn verwirrt an.
»Ich soll den Leuten Lehm verkaufen? Den hat doch schon jeder im Garten. Wer gibt denn dafür überhaupt Geld aus?«
Aber in Ninos Kopf war diese Idee nun drin und er überlegte eifrig, wie er damit einen ganzen Laden füllen konnte.
Die ganze Nacht saßen die Schnecken gemeinsam im Garten unter einer Lampe und bastelten und kneteten im und mit Lehm. Sie entdeckten, dass man ihn wunderbar formen konnte.
»Und wenn man ihn für eine Weile in den Ofen stellt, wird er richtig hart und fest. Dann kann man den Leuten der Stadt daraus Töpfe und Geschirr verkaufen. Vielleicht macht es ja auch Spaß ein paar kleine Schnecken und andere Tiere daraus zu basteln.«
Nun sprudelten die Ideen richtig heraus. Frau Schnecke hatte endlich gefunden, wonach sie so lange und verzweifelt gesucht hatte.
Als schließlich die Sonne aufging verabschiedete sie sich dankbar von Nino und bat ihn in drei Tagen zum Schneckenladen zu kommen.
Drei Tage später war es so weit. Wuschel zog Nino zum Laden. Dort staunten sie nicht schlecht. Über der Tür standen nun neue Buchstaben. ›Die Töpferschnecke‹ stand dort nun zu lesen.
»Na, wenn das keine gute Idee von Frau Schnecke war..«, sagte er zufrieden zu sich, während er mit einer großen Menge anderer Stadtbewohner das Geschäft betrat.

(c) 2008, Marco Wittler

19 - Die Töpferschnecke