489. Matschball

Matschball

Finn sah durch das Fenster nach draußen. Immer noch kein Schnee. Nur dicke graue Wolken, aus denen seit mehreren Wochen unaufhörlich dicke Regentropfen fielen. Das Thermometer zeigte dreizehn Grad.
»Was soll denn das für ein Winter sein?« beschwerte sich Finn. »Wo bleibt der Schnee? Das da draußen ist nur ganz blödes Herbstwetter. Das braucht kein Mensch. Ich will endlich mit meinen Freunden Schneemänner bauen, mit meinem Schlitten den Berg runter brausen und stundenlang Schneeballschlachten machen.«
Er seufzte laut, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich enttäuscht in das Sofapolster rutschen.
Papa setzte sich zu seinem Sohn und drückte ihn. »So schlimm ist das doch gar nicht. Ihr seid Kinder. Ihr habt ganz viel Fantasie. Euch wird doch bestimmt etwas einfallen, wie ihr euch bei dem Wetter beschäftigen könnt.«
»Und was soll das sein?« beschwerte sich Finn. »Sollen wir etwa im Matsch spielen?«
In diesem Moment erhellte sich Finns Blick. Grinsend sprang er auf und lief in den Flur.
»Wo willst du hin?« fragte Papa überrascht.
»Ich muss meine Freunde anrufen.«

Eine halbe Stunde später klingelte es an der Tür. Papa öffnete und sah sich fünf Jungs gegenüber, die in ihren ältesten Klamotten steckten. Hier und da waren Löcher in den Hosen und die Jacken hatten auch schon bessere Tage erlebt.
»Was habt ihr denn vor? Wollt ihr eine Bank ausrauben? Ihr seht aus wie Verbrecher, die etwas Geld nötig hätten.«
»Nein, vor uns liegt eine große Schlacht, in der es um alles geht.« antwortete Finn ernst, der gerade die Treppe herunter kam. Er steckte ebenfalls in seinen schlimmsten Sachen.
»Und jetzt tritt zur Seite. Das ist nichts für schwache Nerven.«
Papa grinste, als er das hörte und ließ die Jungs zum Bolzplatz hinter dem Haus ziehen. Vom Wohnzimmerfenster aus sah er zu, was nun geschah.
Die Jungs teilten sich in zwei Gruppen auf. Nun standen sie sich drei gegen drei gegenüber. Grimmig sahen sie sich an. Keiner von ihnen wagte zu blinzeln. Sie wollten ihren Gegnern keine Schwäche zeigen.
»Auf Drei geht es los.« erklärte Finn. Er machte eine kurze Pause, atmete ein paar Mal durch. »Eins!«
In diesem Moment stürmten er und seine Freunde auseinander und suchten sich die besten Schutzplätze aus.
»Das ist unfair.« beschwerten sich die anderen.
»So ist das bei einer Schlacht.«
Und schon griffen sie mit den Händen tief in den Matsch, formten sich daraus Kugeln und warfen sie hin und her. Immer wieder klatschten diese auf Beine, Hintern, Arme. In der ganzen Nachbarschaft war ein lautes Gejohle und Gequietsche zu hören. Den ganzen Nachmittag über dauerte die Schlacht an, bis es schließlich Abend und dunkel wurde.
Als Finns Vater die Haustür öffnete, standen vor ihm sechs glücklich grinsende Matschmänner, die nur noch entfernt wie Jungs aussahen.
»Das ist wohl ein Fall für die Dusche rief er ihnen grinsend entgegen.« Dann versuchte er herauszufinden, welcher Dreckspatz sein Sohn war und nahm ihn mit hinein.

(c) 2015, Marco Wittler

177. Der Bon-Bon Krieg

Der Bon-Bon Krieg

Kalle stand vor dem kleinen Laden und starrte durch das Schaufenster in das Innere. Sein Blick galt nicht den Menschen, die gerade ihre Einkäufe tätigten, sondern dem großen Regal hinter der Theke. Dort lagerten in großen Glasgefäßen unzählige Bon-Bons in vielen Geschmacksrichtungen.
»Wenn ich doch bloß noch etwas von meinem Taschengeld übrig hätte. Aber ich bin schon wieder pleite.«
In diesem Moment kamen seine Freunde Paul und Johannes um die Ecke gebogen.
»Was machst du denn da? Frierst du dir nicht die Zehen ab? Es sind zwanzig Grad unter Null. Da kannst du doch nicht so einfach stehen bleiben.«
Sie hatten Recht. Der Winter hatte das Land fest in seinem Griff. Überall lag Schnee, teilweise bis zu einem halben Meter hoch. Kalle sah an sich herab und bemerkte, dass seine Schuhe bereits komplett in der weißen Masse verschwunden waren.
»Oh nein. Da wird Mama aber sauer sein, wenn ich wieder mit nassen Socken und Schuhen nach Hause komme.«
Trotzdem sah er wieder durch das Schaufenster.
»Ich will Bon-Bons haben. Ich habe schon seit zwei Tagen keine mehr gegessen.«
Seine beiden Freunde lachten zuerst. Doch dann stellten sie fest, dass es ihnen nicht besser ging. Auch ihre Taschen waren leer. Das nächste Taschengeld würde noch eine Weile auf sich warten lassen.
»Was machen wir denn nun?«
Die Frage wurde allerdings nicht mehr gehört. Kalle hatte bereits den Laden betreten und stand nun vor der Theke. Er sprach eine Weile mit der Verkäuferin und kam dann grinsend wieder auf die Straße zurück.
»Was ist los?«, wollte Paul wissen.
»Wir bekommen die Bon-Bons umsonst, müssen dafür allerdings ein paar Werbezettel in der Stadt verteilen.«
Er holte einen Stapel Papier hinter seinem Rücken hervor.
»Das schaffen wir doch mit Links.«, rief Johannes überzeugt.
In diesem Moment kamen Pit, Stoffel und Max von der anderen Straßenseite herüber.
»Was wollt ihr mit Links schaffen? Erzählt doch mal.«, fragte Pit.
Sofort ließ Kalle die Zettel hinter seinem Rücken verschwinden. Diesen drei fiesen Jungen wollte er nichts erzählen. Sie stritten sich eh schon oft genug.
»Ich werd es auch ohne eure Hilfe heraus bekommen. Los, Leute, folgt mir.«
Die drei betraten den Laden und sprachen die Verkäuferin an. Nach ein paar Minuten kamen sie wieder heraus und lachten.
»Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ihr euch so einfach eine Tüte Bon-Bons verdienen könnt. Wir werden natürlich viel schneller sein. Die Frau sagte uns, wer schneller wieder hier ist, bekommt die Belohnung.«
Das konnte einfach nicht wahr sein. Kalle, Paul und Johannes sahen auf ihre Zettel. Was sollten sie nur tun? Doch dann begriffen sie, was nun geschehen musste. Sie rannten los und stopften ihre Zettel in alle Briefkästen, die sie finden konnten.
Die anderen drei Jungen lachten noch einmal, bevor sie selbst los zogen.

Eine Stunde später stand Kalle mit seinen beiden Freunden keuchend wieder an der Straßenecke. Sie hatten es geschafft. Nun mussten sie nur noch die letzten Meter bis zum Laden gehen.
Doch dann sahen sie am anderen Ende der Straße ihre Gegner. Pit kam mit seinen Freunden gerade von einer Seitenstraße. Die sechs Jungen sahen sich und begannen sofort zu rennen. Sie erreichten die Eingangstür zur gleichen Zeit.
»Das ist ja eine schöne Überraschung.«, sagte die Verkäuferin.
»Dann gibt es heute keinen Verlierer. Ihr dürft euch die Bon-Bons teilen.«
Sie holte eine kleine Tüte unter der Theke hervor und drückte sie Pit in die Hand. Schon während die Jungen den Laden wieder verließen, stritten sie darum, wer nun die Belohnung behalten durfte. Keiner von ihnen wollte teilen.
»In Ordnung. Dann regeln wir das wie richtige Männer.«
Alle nickten. Pit legte die Tüte auf eine kleine Mauer, während sich die anderen hinter hohen Schneehügeln zurück zogen.
»Wer getroffen wird scheidet aus. Der Gewinner bekommt den Preis.«, rief Johannes.
»Wir kämpfen nach den alten Regeln die seit Urzeiten bestehen.«
Und schon ging die Schneeballschlacht los. Die eisigen Kugel rasten hin und her. Nach und nach schieden die Kämpfer aus. Am Ende blieben nur Pit und Kalle übrig. Sie warfen ihre Schneebälle und trafen sich gegenseitig.
»Unentschieden!«, rief Johannes.
»Nicht mit mir.«, brüllte Pit zurück und lief zur Tüte.
»Das lasse ich nicht zu.«, entgegnete Kalle und stürzte sich in die gleiche Richtung.
Doch an der Mauer erlebten sie eine Überraschung. Die Bon-Bons waren verschwunden. Das Suchen und Wühlen im Schnee blieb erfolglos. Die Tüte war weg.
»Das ist nur eure Schuld.«, riefen sich alle sechs Jungen entgegen.
Als sie bemerkten, wie dumm sie gewesen waren und nun völlig gleich dachten, mussten sie zusammen lachen.
»Dann arbeiten wir halt demnächst gleich zusammen. Dann gibt es auch keinen Streit.«, schlug Pit vor.
Kalle willigte ein. Sie besiegelten die Abmachung mit einem Handschlag. Von nun an verteilten sie die Werbezettel zu sechst und teilten alles brüderlich untereinander.
Während die Jungen nach Hause gingen, saßen drei Mädchen hinter einem der Häuser und aßen eine Tüte Bon-Bons.
»Jungen sind viel zu dumm, um sich zu einigen. Haben die noch nie gehört, dass sich der der Dritte freut, wenn sich zwei streiten?«, fragte Anna ihre beiden Freundinnen.
Lena und Hermine nickten zufrieden und steckten sich wieder etwas von ihrer Beute in den Mund.

(c) 2009, Marco Wittler