590. Finns erstes Kommando

Finns erstes Kommando

Finn stand im Flur vor dem großen Kalender, den Mama an die Wand gehängt hatte. Lesen konnte er noch nicht, aber trotzdem wusste er ganz genau, was für den morgigen Tag eingetragen war: ‚Finns sechster Geburtstag‘.
»Mein sechster Geburtstag. Endlich.«
Der sechste Geburtstag. Das war etwas ganz Besonderes. Nicht so gewöhnlich, wie der Vierte oder Fünfte. Es war der Sechste. Schon bald würde er in die erste Klasse der Grundschule gehen dürfen. Dann würde er kein kleines Kindergartenkind mehr sein.
»Dann gehöre ich endlich zu den Großen.«
Er dachte nach.
»Dann werde ich auch keine Kinderspiele mehr machen. Ich bin ab Morgen ein großer Junge. Dann spiele ich auch nur noch Sachen, die die Großen gern machen.«
Was das sein sollte, wusste er selbst nicht. Aber er nahm sich vor, nie wieder im Sandkasten zu spielen.
Finn lief in sein Zimmer und sah sich um. »Aber was spielen große Jungs?«
Er sah nichts. Nur zu gern hätte er seine alten Spielzeuge aus den Regalen geräumt und Neue besorgt. Aber was bloß?
»Vielleicht fällt mir Morgen früh etwas ein. Denn jetzt bin ich ja noch klein.«
Er machte sich zum Schlafen fertig, ließ sich von Mama noch eine Gute Nacht Geschichte vorlesen und freute sich beim Einschlafen auf Morgen.

Am nächsten Morgen war Finn schon sehr früh wach. Als dann endlich der Wecker klingelte, sprang er sofort von seinem Bett in seine Klamotten und Schuhe.
»Ich bin wach! Ich bin wach!. Jetzt bin ich sechs. Ich bin ein großer Junge!«
Finn stellte sich vor den großen Spiegel im Flur, in dem sich Mama jeden Tag ihre schicken Kleider ansah.
»Ist ja seltsam.«, murmelte Finn enttäuscht. »Ich sehe gar nicht größer aus. Ist irgendwie alles wie gestern.«
Er zuckte mit dem Schultern. »Ich gehöre jetzt trotzdem zu den Großen.«
Als er später im Kindergarten war, überlegte er ziemlich lange, womit er sich die Zeit vertreiben sollte. Sein Freund Lukas lud ihn ein, gemeinsam eine Sandburg zu bauen.
»Sandburgen? Nicht mit mir.«, lehnte Finn ab. »Das ist was für Kleine. Als großer Junge macht man sowas nicht mehr.«
Lisa, ein Mädchen, mit dem er schon öfter gespielt hatte, kam mit einer anderen Idee auf ihn zu.
»Magst du mit mir Vater, Mutter, Kind spielen? Ich bin die Mama, du der Papa und meine Püppi ist unser Baby. Ist doch cool, oder?«
Finn verdrehte aber nur die Augen.
»Ich mache keine Kindergartenspiele mehr. Ich bin sechs Jahre als. Das ist nichts mehr für mich.«
So ging es den ganzen Tag weiter. Finn wollte nichts mit den anderen Kindern spielen. Er wusste auch nicht, was er als großer Junge spielen sollte. Niemand war da, um ihm einen Tipp zu geben. Leider gab es im Kindergarten keine anderen großen Jungs, denn Finn war der Älteste hier.
Unzufrieden verzog er sich in den Gruppenraum und setzte sich an einen der Tische. Er holte sich ein Blatt Papier, einen Buntstift und begann, etwas zu kritzeln.
»Was wird denn das?«, fragte Kindergartentante Fritzi.
»Ich schreibe.«, antwortete Finn genervt.
»Ich versuche jedenfalls zu schreiben. Ist gar nicht so einfach, wenn man die Buchstaben nicht kennt. Aber große Jungs müssen das können.«
Fritzi setzte sich lächelnd mit an den Tisch.
»Aber warum willst du unbedingt schreiben können? Das lernst du doch bald in der Schule.«
»Weil ich jetzt sechs Jahre alt bin. Ich bin ein großer Junge. Und große Jungs machen keine Kindergartenspiele mehr.«
»Hm.«, machte Fritzi.
»Ich glaube, ich habe da eine Idee. Als ich sechs wurde, wollte ich auch keine Kindergartenspiele mehr machen. Und meine Kindergartentante hat mir dann einen ganz tollen Tipp gegeben. Sie schlug mir ein ganz neues Spiel vor. Es heißt ‚Kindergarten.«
»Kindergarten?«, fragte Finn.
»Was soll das denn für ein komisches Spiel sein? Das hört sich aber gar nicht cool an.«
»Das ist es ja gerade. Es ist so cool, dass es die anderen gar nicht bemerken. Man tut so, als wäre man ein kleines Kindergartenkind. Aber weil man schon groß ist, kennt man bei allen Spielen die Regeln und ist meist besser als die anderen.«
Das leuchtete ein. Finn grinste und lief nach draußen.
»Danke, Fritzi. Ich gehe jetzt Kindergarten spielen.«

Am Abend kam Papa von der Arbeit. Finn zeigte ihm stolz seine vielen Geburtstagsgeschenke, die er am Nachmittag bekommen hatte. Danach erzählte er ihm von seinem großen Problem. Er hoffte darauf, dass Papa ihm zeigen konnte, was große Jungs gern spielen. Immerhin war Papa auch mal ein Junge.
»Hm.«, machte Papa. »Lass uns mal in dein Zimmer gehen. Wir schauen uns einfach um und finden was für dich.«
Während Papa sich alle Schränke und Regale ansah, blickte Finn gelangweilt aus dem Fenster und sah zum dunklen Himmel hinauf. Plötzlich hatte er einen Einfall.
»Jetzt weiß ich es.«, rief er. »Ich will Astronaut spielen und in den Weltraum fliegen. Das machen wirklich nur große Jungs.«
Wieder machte Papa »Hm. Ich kann aber nichts finden. Keine Spielzeugraumschiffe, keine Astronautenfiguren. Du hast auch keine Bücher über den Weltraum. Da wirst du noch etwas warten müssen.«
Finn schüttelte den Kopf.
»Keine Spielzeuge. Ich will richtig Astronaut spielen. Oder noch besser: Ich will ein Raumschiffkommandant sein. Dann kann ich auf meinem bequemen Kommandantensessel sitzen und meiner Mannschaft Befehle geben.«
Er dachte an eine Serie, die vor ein paar Tagen im Fernsehen lief. Darin war es auch so gewesen.
»Wir haben kein Raumschiff.«, entschuldigte sich Papa.
»Brauchen wir auch nicht.«
Finn verdrehte die Augen.
»Wir spielen doch nur. Können wir nicht aus unserem Auto ein Raumschiff machen? Mein Kindersitz ist der Kommandantensessel und du bist der Pilot. Gemeinsam fliegen wir dann von einem Planeten zum nächsten.
Papa schwieg und dachte wohl noch über diesen Vorschlag nach.
»Bitte, bitte, bitte.«, bettelte Finn.
»Na gut. Zieh dir deine Jacke an. Wir fliegen in ein paar Minuten ab.«

Kurze Zeit später saßen sie zu zweit im Auto.
»Maschinen starten.«, befahl Finn.
Papa drehte den Zündschlüssel um.
»Steuermann, bringen sie uns raus.«
Papa gab langsam Gas und fuhr den Wagen von der Garage auf die Straße.
»Wo soll es hingehen, Sir? Welche Richtung?«, fragte er nach hinten.
Finn dachte nach. Sollte es zum Mond gehen? Zur Sonne? Oder irgendwohin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war?
Schließlich erinnerte er sich an eines seiner Lieblingsbücher, das ihm Mama so oft vorgelesen hatte.
»Flieg einfach vorbei am zweiten Stern von rechtsund dann immer geradeaus bis zur Morgendämmerung.«
»Aye, Sir.«, antwortete Papa und fuhr los.
Finn setzte sich seinen Fahrradhelm auf, den er nun als Astronautenhelm benutze. Dabei grinste er von einem Ohr zum anderen.
»War gut, dass mir Mama immer wieder Peter Pan vorgelesen hat. Aber ab jetzt will ich nur noch Weltraumgeschichten vor dem Schlafen hören.«

(c) 2016, Marco Wittler

589. Nik und Nele und das Weltraummonster (Nik und Nele 12)

Nik und Nele und das Weltraummonster

Die Zwillinge Nik und Nele lagen in ihrem Etagenbett und sollten eigentlich schlafen. Zumindest hatte Mama darauf bestanden. Schlafen konnten die beiden aber trotzdem nicht. Zu groß war die Abenteuerlust. Sie wollten noch etwas unternehmen.
»Wohin fliegen wir heute Nacht?«, fragte Nik von der oberen Matratze.
»Ich schaue mal in mein Weltraumbuch.«, antwortete Nele von unten und begann sofort zu blättern.
Normalerweise wartete Nik geduldig darauf, dass seine Schwester etwas fand. Doch dieses Mal, hatte er selbst Lust, ein Flugziel zu suchen. Er kletterte aus dem Bett und ging zur Balkontür. Dort stand das Teleskop, mit dem die Kinder abends immer die Sterne am Himmel beobachteten.
Er richtete das Teleskop auf den Mond aus und warf einen Blick hindurch.
Verdutzt zog er sofort seinen Kopf zurück und sah verwirrt zu Nele. Dann schaute er noch einmal zum Mond hinauf.
»Ich glaube, da stimmt etwas nicht. Wenn ich das richtig gesehen habe, wird der Mond von einem riesigen Weltraummonster angegriffen. Wir müssen sofort etwas unternehmen.«
Nele legte sofort ihr Buch zur Seite und sprang aus dem Bett.
»Kann doch gar nicht sein. Was soll das denn für ein Monster sein, das dem Mond gefährlich werden kann? Lass mich mal sehen.«
»Aber wenn ich es dir doch sage. Das Monster sieht unglaublich gefährlich aus uns ist sogar ein Stück größer als der Mond. Es wird ihn bestimmt fressen und dann die Erde angreifen.«
Nele schob Nik zur Seite und sah nun selbst durch das Teleskop in den Nachthimmel.
Sie begann zuerst zu grinsen, dann kicherte sie leise. Schließlich lachte sie fast so laut, dass Mama es hätte hören können.
»Du bist mir ja ein großer Angsthase. Du kannst eine Spinne nicht von einem Weltraummonster unterscheiden.«
Sie ging um das Teleskop herum und nahm eine kleine Spinne vom Objektiv auf. Das Tier war nur wenige Millimeter klein und krabbelte ängstlich auf Neles Hand hin und her.
»Die bringe ich mal lieber nach draußen, bevor sich dich noch auffrisst.«, neckte sie ihren Bruder.
»Ich glaube, wir bleiben heute Nacht zu Hause. Das Weltall ist eindeutig zu gefährlich für dich, Bruderherz.«
Sie öffnete die Balkontür, entließ die Spinne in die Freiheit und legte sich dann wieder ins Bett.

(c) 2017, Marco Wittler

585. Nik und Nele auf dem kleinen Mond (Nik und Nele 11)

Nik und Nele stehen in ihrer elften Geschichte Pate für eine ganz neue Serie. Unter dem Titel „Mein kleiner Mond und ich“ erscheinen regelmäßig neue Geschichten über ein kleines Mädchen, dass mit seinem kleinen Mond in den Weiten des Alls unterwegs ist und sich von den Wundern des Universums begeistern lässt. Diese neue Serie hat eine eigene Seite, die du am Ende der folgenden Geschichte findest.

Nik und Nele auf dem kleinen Mond

Die Zwillinge Nik und Nele hatten sich bereits ihre Klamotten für die Nacht angezogen. Nele saß in ihrem Nachthemd auf der unteren Matratze des Etagenbettes, ihr Bruder Nik in seinem bunten Weltraumschlafanzug darüber. Jeder von ihnen hatte noch ein Buch in der Hand, die beide viele Bilder von Sonnen, Planeten, Monden und weit entfernten Galaxien zeigten.
»Schon cool, was es alles im Weltall gibt.«, schwärmte Nik von oben. »Da draußen gibt es ja noch so unglaublich viel zu entdecken. Ob die Menschheit jemals jedes Geheimnis des Universums lösen wird?«
Nele lachte.
»Ganz bestimmt nicht. Dafür ist das Universum auch viel zu groß. Mit den Teleskopen, die heute benutzt werden, kann man eh nicht alles sehen. Dafür müsste man schon mit einem schnellen Raumschiff überall hinfliegen können. Aber davon gibt es auf der Erde nicht so viele.«
Da musste Nik ihr zustimmen. Ihm fiel nur ein einziges Raumschiff ein, dass in der Lage war, weit entfernte Planeten zu erreichen. Doch das gehörte nicht den Wissenschaftlern der Erde.
Nele blätterte in ihrem Buch weiter.
»Wow. Schau mal auf Seite 32. Da steht was über eine Supernova. Schaut irre aus.«
Sie dachte nach und grinste.
»Wäre das nicht eine coole Sache, wenn wir uns das mal anschauen, wie eine alte Sonne explodiert und stirbt? Das hat bestimmt noch kein Mensch aus der Nähe gesehen.«
In diesem Moment kam Mama ins Kinderzimmer und sammelte die Bücher ein.
»Das verschieben wir aber auf einen anderen Tag.«, sagte sie. »Es wird langsam Zeit zu schlafen.«
Die Kinder seufzten. »Dabei wurde es gerade richtig schön.« waren sie enttäuscht.
»Ihr dürft Morgen wieder eure Nasen in eure Bücher stecken.«
Mama deckte ihre Zwillinge zu, gab ihnen einen Gute Nacht Kuss und wünschte ihnen eine gute Nacht.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte Nele in die Dunkelheit hinein. »Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hältst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an und nickte grinsend.
»Wir werden uns eine Supernova anschauen. In meinem Buch habe ich von einer Sonne gelesen, die schon sehr alt ist und nicht mehr lange leben wird. Wenn wir Glück haben, explodiert sie heute Nacht. Dann werden wir die ersten Menschen sein, die so etwas gesehen haben.«
Sie legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Supernova.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die beiden mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

Das Etagenbett raste nach wenigen Sekunden an der internationalen Raumstation ISS vorbei, passierte den Mond und verließ unser Sonnensystem. Das Ziel war eine weit entfernte Sonne, die zu Beginn der Reise nur als kleiner, weißer Punkt im All zu erkennen war. Doch mit jeder Minute wurde dieser Punkt größer.
»Wir sind bald da.«, erklärte Nele. »Opa hat am Wochenende ein paar Stunden an unserer Technik geschraubt und den Antrieb verbessert. Unser Bett jetzt fast doppelt so schnell wie vorher.«
Nik war begeistert. Er konnte sich an den vorbei flitzenden Sternen einfach nicht satt sehen.
»Eigentlich schade. Mir macht der Flug so viel Spaß, wir könnten uns die Supernova auch an einem anderen Tag anschauen.«
Nele knuffte ihn in die Seite.
»Zu spät, wir sind schon fast angekommen. Außerdem wird die Supernova nicht auf uns warten.«
Das fliegende Bett bremste und wurde langsamer. Vor sich sahen die Kinder eine rote Sonne um die sich ein paar Planeten drehten.
»Sie wird schwächer.«, erklärte Nele. »Ihr Licht war mal heller und auf den Planeten muss es deutlich wärmer gewesen sein.«
Das bestätigte sich bei einem Blick auf die Planeten. Ihre Oberflächen waren mit Eis und Schnee bedeckt.
»Wenn es hier mal Leben gegeben hat, ist es schon vor langer Zeit erfroren.«
Langsam näherten sie sich der Sonne, um sie aus der Bähe betrachten zu können. dann fiel ihnen etwas auf. Die Zwillinge entdeckten einen kleinen, dunklen Punkt.
»Was fliegt denn da so nah an der Sonne vorbei?«, wunderte sich Nik. »Für einen Planeten ist es zu klein. Das sollten wir uns genauer anschauen.«
Nele steuerte das Bett auf das unbekannte Objekt zu. als sie nah genug waren, stellte sie fest, dass sich ein kleiner Mond hierher verirrt hatte. Und dieser Mond war nicht allein. Auf ihm saß ein kleines Mädchen.
»Das glaub ich nicht. Das ist ja völlig verrückt.«, entfuhr es Nik.
»Etwa so verrückt, wie ein fliegendes Bett im Weltraum?«, fragte Nele und grinste schelmig.
»Hallo, kleines Mädchen!«, rief zu zum Mond hinüber. »Was machst du hier so ganz allein?«
Das Mädchen drehte sich um. Sie schien ihre Besucher erst in diesem Moment zu entdecken.
»Allein? Ich vin doch nicht allein. Ich habe meinen kleinen Mond und gemeinsam leisten wir Oma Sonne Gesellschaft.«
»Oma Sonne?«
Nele wollte gar nicht glauben, was sie da hörte. Wie konnte denn eine Sonne eine Oma sein?
Doch dann drehte sich die Sonne plötzlich um sich selbst. Auf ihr kam ein freundlich lächelndes Gesicht zum Vorschein.
»Hallo, ihr zwei. Ich bin Oma Sonne. Was führt euch zu uns?«
Unsicher lächelten Nik und Nele zurück. Mit so einer Überraschung hatten sie nicht gerechnet.
»Wir wollten uns eigentlich eine Supernova aus der Nähe anschauen.«, begann Nele.
»Oma? Was ist eine Supernova?«
Die alte Sonne sah verzweifelt von dem kleinen Mädchen zu den Zwillingen hinüber.
»Wenn eine sehr große Sonne alt geworden ist, dann bläht sie sich auf. Sie wird so groß, dass sie dabei einige ihrer Planeten verschluckt und anschließend explodiert. Aus ihr wird eine riesige Gas- und Staubwolke. Aus dieser entsteht dann irgendwann eine neue, junge Sonne mit neuen Planeten. Alles beginnt dann wieder von vorn.«
Das Mädchen bekam große, entsetzte Augen.
»Du wirst explodieren, Oma Sonne?«
Oma Sonne lächelte. Hätte sie einen Kopf besessen, würde sie diesen schütteln.
»Nein. Darum musst du dich nicht sorgen. Ich bin dafür nicht groß genug. Ich werde einfach nur alt. Ich werde schrumpfen, mein Licht wird schwächer und kälter. Bis ich dann vergehe, wird noch viel Zeit vergehen.«
Die Sonne schloss die Augen und seufzte.
»Mein Licht wird aber schon bald nicht mehr ausreichen, um dich und deinen kleinen Mond zu wärmen. Du wirst schon bald nicht mehr bei mir leben können.«
Der Blick des kleinen Mädchens wurde traurig.
»Ist mir deswegen in letzter Zeit immer so kalt?«
»Ja.«
Oma Sonne schluckte schwer.
»Du wirst dir schon bald einen neuen Platz zum Leben suchen müssen.«
»Aber wohin soll ich gehen? Ich kenne nichts anderes, als dich und deine Planeten.«
Nele räusperte sich leise aber hörbar.
»Wir können dir dabei helfen.«
Sie holte unter ihrem Kopfkissen das große Weltraumbuch hervor.
»Das Universum ist voller Sonnen und Welten. Jede von ihnen ist einzigartig und etwas ganz Besonderes. Wenn du es annehmen magst, würde ich dir mein Buch schenken. Darin wirst du erfahren, wo sich welche Welt befindet und wie du dort hin kommst.«
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.
»Ich kann aber hier nicht weg. Ich kann meinen kleinen Mond nicht allein lassen. Er ist mein bester Freund und hat schon viel mit mir zusammen erlebt.«
Auch der kleine Mond sah nun ganz traurig aus.
Nik grinste und zog das Bettlaken von Neles Matratze.
»Alles kein Problem. wir binden das Laken an deinem Mond fest. Dann könnt ihr es als Segel benutzen. Ihr fahrt dann mit den Sonnenwinden durch das weite Sternenmeer. Und wenn einmal eine Flaute herrscht, pustet dein Mond mit vollen Backen in das Segel. Du wirst schon sehen, dass das eine gute Idee ist.«
Das Mädchen schluckte. Noch einmal sah sie Oma Sonne an. Die Sonne lächelte herzlich warm.
»Du schaffst das schon, mein kleines, geliebtes Mädchen. Dein kleiner Mond wird schon auf dich aufpassen. Und ich werde in Gedanken und in deinem Herzen immer bei dir sein.«
Das kleine Mädchen nickte und lächelte zurück.
»Dann werde ich mich auf die Reise machen. Und ich werde dich dabei nie vergessen.«
Nik und Nele begannen nun, den kleinen Mond vorzubereiten. Sie knoteten das Bettlaken an ihm fest, erklärten ihm, wie ein Segel funktionierte und legten noch das Weltraumbuch bereit. Zum Schluss kletterte Nik auf sein Bett hoch, kramte unter der Decke herum und holte ein paar leere Trinkflaschen hervor.
»Die wirst du bestimmt gebrauchen können.«
Das kleine Mädchen sah die Flaschen verständnislos an.
»Das verstehe ich nicht. Was kann ich mit den Dingern anfangen?«
Nik lachte.
»Das ist mein Rezept gegen Heimweh. Du schreibst Oma Sonne einen Brief über deine Abenteuer und Erlebnisse. Den steckst du in eine der Flaschen und wirfst sie dann in das Sternenmeer. Die Strömung sie dann hierher. Oma Sonne wird deine Briefe lesen können und fühlt sich dann ganz nah bei dir.«
Die Augen des kleinen Mädchens begannen zu strahlen. Es hüpfte von ihrem Mond auf das Etagenbett und drückte die beiden Zwillinge an sich.
»Vielen Dank, Nik und Nele. Ihr habt mir sehr geholfen. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wieder sehen werden.«
Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Die beiden Geschwister flogen langsam mit ihrem Etagenbett nach Hause. Immer wieder blickten sie dabei zurück und sahen dem Abschied des kleinen Mädchens von Oma Sonne zu.
»Wir haben zwar keine Supernova gesehen, aber dafür war dieses unerwartete Treffen viel schöner.«, sagte Nele.
»Ich hoffe, dass das kleine Mädchen einen neuen Platz im Sternenmeer finden wird.«
Dem konnte Nik nur beipflichten.

(c) 2017, Marco Wittler

Mehr Geschichten  vom kleinen Mädchen und ihrem kleinen Mond findest du in meinem neuen Projekt:
„Mein kleiner Mond und ich“

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584. Nik und Nele reiten auf der Sternschnuppe (Nik und Nele 09)

Nik und Nele reiten auf der Sternschnuppe

Die Zwillinge Nik und Nele saßen im Garten und beobachteten den Himmel, der langsam dunkel wurde. Der Mond hing als dünne Sichel über ihnen und verbreitete nur wenig Licht. Dafür erschienen nun die ersten Sterne.
»Gleich ist es so weit.« war Nele aufgeregt und ließ ihre Augen ständig hin und her wandern. »Hoffentlich sehe ich eine.«
Nik nickte. Er konnte es auch kaum noch erwarten, zum ersten Mal in seinem Leben eine Sternschnuppe zu sehen.
»Ich hoffe, dass es nicht nur eine wird. Ich will viele Sternschnuppen, damit ich mir ganz viel wünschen kann.«
Nele verdrehte die Augen. »Sternschnuppen erfüllen aber keine Wünsche. Sie sind nur Staub und kleine Gesteinsbrocken, die beim Eintritt in unsere Atmosphäre verbrennen.«
»Ist mir egal.« antwortete ihr Bruder. »Ich finde es trotzdem cool und werde mir jedes Mal was wünschen.«
In diesem Moment erschien ein heller Lichtpunkt über ihnen, der mit hoher Geschwindigkeit einen langen Strich über den Himmel und zog und nach einer knappen Sekunde wieder verschwand.
»Wow.« staunte Nele. »Das war unglaublich schön. Vielleicht wünsche ich mir auch etwas.«
»Ich weiß auch schon was.« schlug Nik vor. »Ich würde gerne mal auf einer Sternschnuppe durch den Himmel reiten. Das wäre eine richtig coole Sache.«
»Das verschieben wir aber auf einen anderen Tag.« hörten sie plötzlich Mamas Stimme, die sich vom Haus näherte. »Es wird langsam Zeit ins Bett zu gehen.«
Die Kinder seufzten. »Dabei wurde es gerade richtig schön.« waren sie enttäuscht.
»Ihr dürft Morgen Abend noch einmal schauen.« sagte Mama, während sie die Zwillinge ins Bett schickte.
Ein paar Minuten später lagen sie unter ihren Decken.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete Mama das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte Nele in die Dunkelheit hinein. »Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hältst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an und nickte grinsend.
»Du willst doch mal auf einer Sternschnuppe reiten. Also suchen wir uns eine und fragen, ob sie sich einen Sattel umschnallen lässt.
Sie legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Perseidenschwarm.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die beiden mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

»Die Perseiden sind eine Staubspur, die ein Komet hinterlassen hat.« erklärte Nele, nachdem sie in ihr Weltraumbuch geschaut hatte.
»Jedes Jahr durchkreuzt die Erde zur gleichen Zeit diese Bahn. Dabei dringen die Staubteilchen in unsere Atmosphäre ein, verbrennen und es beginnt im Himmel zu leuchten.«
»Echt spannend.« fand Nik. »Hoffentlich können wir die Sternschnuppen aus der Nähe sehen.«
Der Flug war schon nach wenigen Minuten beendet und das Ziel erreicht. Das fliegende Etagenbett war an Rand der Atmosphäre angekommen.
Hier oben war die Aussicht grandios. Die Erde lag in der Dunkelheit der Nacht und es waren nur noch die Lichter der Städte zu sehen.
»Da sind sie! Da kommen sie!« Nele zeigte mit dem Finger nach oben.
Tatsächlich kamen gerade die Sternschnuppen auf sie zu. Zuerst sahen sie wir dunkle Steine aus. Dann aber stürzten sich Eine nach der anderen auf die Erde und begannen hell zu glühen. Überall waren grelle Lichter, die die Augen blendeten.
»Ein unglaublicher Anblick.« war Nik begeistert. »Außer uns werden das nur wenige Astronauten zu Gesicht bekommen.
In diesem Moment entdeckten die Zwillinge eine sehr kleine Sternschnuppe, die immer und immer wieder versuchte, in die Atmosphäre einzudringen und ein strahlenden Lichtstreif ins den Himmel zu zaubern. Aber sie blieb dunkel.
»Sie ist zu klein.« sagte Nele. »Allein wird sie es nicht schaffen. Sie braucht unsere Hilfe.«
Nik kratzte sich am Hinterkopf und dachte angestrengt nach. »Ich glaube, ich habe da eine Idee. Dafür müssen wir aber noch einmal nach Hause.«
Das ließ sich seine Schwester kein zweites Mal sagen. Sie steuerte das Bett zur Erde und hielt es vor dem Balkon des Kinderzimmers an.
Nik kletterte ins Haus, schlich sich in den Keller und besorgte eine Kiste. Damit kam er nach ein paar Minuten zurück und sprang wieder auf die Matratze. Nele gab sofort Gas und flog in den Himmel hinauf.
Sie brauchten nicht lange, um die kleine Sternschnuppe zu finden. Noch versuchte sie verzweifelt, ein Lichtstreif in der Dunkelheit zu werden. Noch immer klappte es nicht.
»Warte!« rief Nele. »Wir werden die helfen.«
Die Sternschnuppe blieb tatsächlich stehen und wartete ungeduldig ab. Nik öffnete seine Kiste und holte eine Feuerwerksrakete daraus hervor, die er der Sternschnuppe auf den Rücken schnallte.
»Damit wirst du ganz bestimmt leuchten.« erklärte er und zündete die Rakete an.
Die kleine Sternschnuppe nahm Anlauf und raste in die Atmosphäre der Erde. Im gleichen Augenblick begann die Rakete zu brennen und erzeugte einen so helles Licht, dass man es kaum ansehen konnte. Von der Erde aus musste es überwältigend aussehen.
»Das wird die größte Sternschnuppe aller Zeiten gewesen sein.« war Nele zufrieden.
Dann flog sie das Etagenbett zurück nach Hause und landete es im Kinderzimmer.
Noch eine Weile sahen die Zwillinge von ihren Matratzen aus in den Himmel hinauf, entdeckten immer wieder Sternschnuppen und wünschten sich, so viel sie nur konnten, bis sie langsam einschliefen.

(c) 2015, Marco Wittler

583. Nik und Nele machen eine Sonnenfinsternis (nik und Nele 08)

Nik und Nele machen eine Sonnenfinsternis

Es war Abend geworden. Die Zwillinge Nik und Nele saßen mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an.
»Morgen Vormittag erwartet uns am Himmel ein ganz besonderes Ereignis.« erklärte der Sprecher. »In der Zeit zwischen halb zehn und zwölf Uhr wird der Mond zu einem großen Teil die Sonne verdecken. Es gibt eine Sonnenfinsternis.«
Die Kinder sahen sich begeistert an.
»Eine Sonnenfinsternis.« jubelte Nik. »Das wird richtig cool. Das müssen wir uns unbedingt ansehen. Das kommt hier in Deutschland nur ganz selten vor.«
»Aber leider wird die Sonne nicht komplett verdeckt. Das kann man nur im hohen Norden Europas sehen.« erklärte Papa.
»Woher weiß man eigentlich, wann und wo eine Sonnenfinsternis stattfindet?« wollte Nele wissen.
»Dafür gibt es Computerprogramme.« wusste Papa. »Schlaue Wissenschaftler haben es geschrieben und mit ganz vielen Daten gefüttert.«
»Das muss ich mir unbedingt mal genauer ansehen.« Nik wollte sich bereits seinen Tabletcomputer schnappen.
»Nichts da. Das kannst du Morgen noch machen. Jetzt ist es Zeit, ins Bett zu gehen.«
Mit deutlichem Murren zogen sich die Kinder in das gemeinsame Kinderzimmer zurück.
Ein paar Minuten später sah Mama noch einmal durch die Tür herein, wünschte den Beiden eine Gute Nacht und schaltete das Licht ab. Nur eine Sekunde später holte Nik den Tablet unter dem Kopfkissen hervor. Er tippte ein paar Mal auf den Bildschirm und suchte sich alle Informationen über die Sonnenfinsternis, die er finden konnte. Dann legte er die Stirn in Falten.
»Ist ja komisch.« murmelte er vor sich hin.
»Was ist denn?« wurde Nele neugierig und kletterte zu ihm auf die obere Hälfte ihres Etagenbetts.
»Was bedeuten die vielen Zahlen? Ich verstehe das nicht.«
»Mit diesen Formeln berechnet man die Bahnen von Erde und Mond. Am Ende sieht man dann, wann eine Sonnenfinsternis stattfindet.« erklärte Nik.
»Und was ist daran so komisch?«
»Ich hab die Formel von meinem Tablet aus Spaß nachrechnen lassen und komme immer wieder auf das selbe Ergebnis. Morgen findet keine Sonnenfinsternis statt. Irgendwer hat sich da verrechnet.«
Nele bekam große Augen. »Glaub ich nicht. Zeig mal her.«
Aber das Ergebnis blieb. Die Sonnenfinsternis würde nicht stattfinden.
»Das darf nicht passieren. Da bekommt sonst noch jemand Ärger. Außerdem werden sich alle Menschen sauer sein, die nur darauf warten. Wir müssen etwas unternehmen.« entschied sie.
Nik nickte. Sie kletterten vom oberen Bett herunter und setzten sich auf das Untere. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

In wenigen Minuten war das Etagenbett am Mond vorbei geflogen.
»Wo geht’s eigentlich hin?« wollte Nik wissen.
»Wir fliegen auf direktem Weg zum Mars. Dort kann man immer Raumschiffe antreffen. Sie machen dort Rast, wenn sie vom Asteroidengürtel kommen, wo sie wertvolle Metalle abbauen. Mit denen müssen wir uns treffen.«
In der Ferne war bereits ein roter Fleck zu erkennen, der rasch größer wurde. Der Mars zeigte sich in seiner ganzen Pracht. Auf der Rückseite, die man von der Erde aus nicht sehen konnte, befand sich ein großer Raumhafen, auf dem hunderte Raumschiffe gleichzeitig parken konnten. Allerdings war heute nicht sehr viel los.
»Die meisten sind wohl gerade unterwegs.« überlegte Nele. »Das ist gar nicht gut für unseren Plan.«
Sie landeten, verließen das Bett und betraten ein Schnellrestaurant mit dem wohl klingenden Namen ‚McGalaxy‘.
»Einen SpaceBurger bitte!« rief Nik aus Spaß.
»Kommt sofort!« kam die prompte Antwort von der Theke.
»Wir haben jetzt keine Zeit zum Essen.« ermahnte ihn Nele. »Wir müssen ein paar Raumfahrer finden, die für uns die Sonne verdunkeln. Sonst wird das nichts mehr mit der Finsternis.«
Mühsam kletterte sie auf einen Barhocker am Tresen und rief den essenden Leuten zu: »Wir sind auf der Suche nach ein paar Raumschiffen, die für uns eine Sonnenfinsternis nachstellen. Die Menschen auf der Erde haben schon lange keine mehr gesehen und würden sich darüber sehr freuen.«
Lächelnd sah sie von Tisch zu Tisch, aber dann wich das Lächeln einem enttäuschten Gesichtsausdruck. Niemand meldete sich.
»Irgendwie klappt das nicht. Wir brauchen einen neuen Plan.«
Der Meinung war Nik auch. »Das hat eh keinen Sinn. Es sind viel zu wenig Raumschiffe da draußen. Die könnten niemals die Sonne so stark verdunkeln, dass es echt aussieht.«
Sie setzten sich an einen Tisch, aßen SpaceBurger, tranken Venus Limonade und grübelten. Dabei schweifte Niks Blick immer wieder durch die Fenster nach draußen.
»Einige Raumschiffe fliegen ganz schön schnell hier durch. Das sieht ziemlich gefährlich aus.«
»Ich weiß.« antwortete Nele. »Das ist ganz schön leichtsinnig. Ich hab sogar mal gehört, dass immer wieder Schiffe gegeneinander antreten.«
»Moment mal!« rief Nik. »Das ist die Idee.«
Er nahm sich gar nicht erst die Zeit, zu erklären, was ihm eingefallen war. Er verließ das Restaurant, lief zum Bett und holte sich ein paar Buntstifte und Papier, die er immer unter seinem Kopfkissen versteckt hielt, falls ihm nachts mal langweilig werden würde.
Als er wieder am Tisch saß, schrieb und malte er, was das Zeug hielt. Nach ein paar Minuten war sein Plakat fertig. In bunten Buchstaben stand darauf:

MORGEN GROSSES RAUMSCHIFFRENNEN!!!

Als Startpunkt hatte er einen Platz zwischen Erde und Sonne gewählt. Ab halb zehn in der früh durften sich die teilnehmenden Schiffe an Ort und Stelle versammeln.

»Das klappt nie.« schüttelte Nele den Kopf. »Du glaubst doch nicht, dass die Raumfahrer darauf reinfallen.«
Aber Nik war anderer Meinung. Er heftete eines der Plakate an die Eingangstür und wartete ab. Schon ein paar Minuten später standen mehrere Männer davor und lasen mit Begeisterung, was darauf stand.
»Davon müssen wir sofort den anderen erzählen. Das wird großartig.« war immer wieder zu hören.
»Jetzt müssen wir nur noch nach Hause fliegen und abwarten.«
Dann nahm Nik seine Schwester an die Hand und führte sie zum Etagenbett zurück.

Am nächsten Morgen konnten es die Kinder kaum erwarten, die Sonnenfinsternis zu sehen. Mit besonders guten Fernrohren, deren Gläser mit Ruß geschwärzt waren, saßen sie am Fenster und sahen zur Sonne hinauf.
»Es geht los!« rief Nik. »Die ersten Raumschiffe kommen.«
Tatsächlich tauchten immer mehr von ihnen auf. Zuerst waren es nur wenige, aber von Minute zu Minute wurden es mehr. Es waren Hunderte, dann Tausende. Die Sonne verdunkelte immer mehr, bis schließlich kaum noch etwas von ihr zu sehen war.
Nele holte ein kleines Gerät aus dem Schreibtisch und schaltete es ein. »Mal hören, was im Funkverkehr los ist.«
Man hörte viele Stimmen aus den Raumschiffen. Die Kapitäne konnten es kaum erwarten, dass sie starten durften.
»Hallo, hallo!« sprach Nele in ein Mikrofon.
»Hier spricht die Rennleitung. Wegen eines unerwarteten Problems muss das Rennen abgesagt werden. Leider kann es heute nicht stattfinden. Bitte verlassen sie das Startfeld langsam und in geordneten Bahnen. Wir danken für ihre Aufmerksamkeit.«
Lautes Murren und Knurren war zu hören. Die Raumfahrer waren sauer. Aber sie taten, was die Kinder von ihnen verlangten. Nach und nach flogen die Raumschiffe davon. Die Sonne wurde wieder sichtbar. Die Sonnenfinsternis war vorbei.
»Prima.« war Nik stolz. »Alles perfekt im Zeitplan. Wir können stolz auf uns sein.«

Auf der anderen Seite der Erde saß ein junger Wissenschaftler über ein paar Papieren, zog die Stirn in Falten und wunderte sich sehr.
»Wie kann das sein? Das ist doch nicht möglich. Ich hab mich doch verrechnet. Ich sehe den Fehler genau vor mir. Die Sonnenfinsternis hätte gar nicht stattfinden dürfen. Aber warum war sie dann da?«
Er sollte nie eine Antwort auf seine Fragen finden. Aber weil es ihm zu peinlich war, seinen Fehler zuzugeben, knüllte er nach ein paar Stunden seine Papiere zusammen und warf sie in den Müll.

(c) 2015, Marco Wittler

582. Nik und Nele jagen die Raumsonde (Nik und Nele 07)

Nik und Nele jagen die Raumsonde

Die Zwillinge Nik und Nele saßen nach dem Abendessen gemeinsam mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an. Immer wieder wurde von Politikern berichtet, die mehr Macht haben wollten, von Ländern, in denen das Geld knapp wurde, von Kriegen und Streitigkeiten.
»Gibt es denn gar keine guten Nachrichten?« beschwerte sich schließlich Nele. »Müssen die jeden Tag über schlimme Sachen berichten?«
In diesem Moment erschien ein unscheinbarer, grauer Felsbrocken neben dem Nachrichtensprecher. Zuerst schenkten ihm die Kinder keine Aufmerksamkeit. Doch dann wurden sie hellhörig.
»… nähert sich nach über sieben Jahren Flug die Raumsonde Dawn dem Zwergplaneten Ceres, der sich im Asteroidengürtel hinter der Umlaufbahn des Mars befindet. Unter anderem soll sie die Oberfläche des Himmelskörpers fotografieren und kartografieren. Die Wissenschaftler erhoffen sich unter anderem, mehr über die Zusammensetzung von Ceres herauszufinden. Dabei sollen auch hochauflösende Bilder von einem besonders hellen Fleck gemacht werden, für dessen Existenz es bis heute keine Erklärungen gibt.«
Nik und Nele sahen sich an und bekamen große Augen. »Wir gehen jetzt ins Bett.« sagten sie gemeinsam wie aus einem Munde und flitzten hinauf ins Kinderzimmer.
»Nanu, was ist denn mit den Beiden los?« wunderte sich Papa. »Die gehen doch sonst nicht freiwillig schlafen.«
Er zuckte nur mit den Schultern und machte es sich in den Polstern des Sofas gemütlich.
Im Kinderzimmer waren die Zwillinge ganz aufgeregt und sprangen gemeinsam auf die untere Matratze des Etagenbettes.
»Was macht denn die NASA da oben? Die haben auf Ceres nichts zu suchen. Die machen noch alles kaputt.« regte sich Nele auf.
»Wir müssen ganz schnell etwas unternehmen.« entschied Nik und suchte im Bett nach einem Gegenstand. »Wo ist er denn?«
»Langsam solltest du wissen, wo er sich befindet.«
Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

»Wir müssen unbedingt vor der Raumsonde da sein. Wer weiß, was geschieht, wenn sie ihn dort oben entdecken. Das darf auf keinen Fall passieren.«
Das fliegende raste mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die weite Leere des Alls. Es dauerte nicht lange, bis sie am Mars vorbei flogen und in dann hinter sich ließen. Kurz darauf kam der Asteroidengürtel in Sicht.
»Wir müssen jetzt gut aufpassen.« erklärte Nele, die wieder einmal ihre Nase in das dicke Weltraumbuch gesteckt hatte.
»Hier fliegen über kleinere und größere Felsbrocken herum. Wir dürfen uns keinen Zusammenstoß erlauben.«
Der Flug wurde unruhiger. Das Bett raste mal zur einen, mal zur anderen Seite, nach oben, nach unten, vor und zurück. Ein paar Mal war es sehr knapp geworden, aber schließlich kam ein  Zwergplanet in Sicht, der schnell größer wurde.
»Da vorne ist Ceres. Wir sind gleich da und werden landen. Wir müssen nur auf die Raumsonde achten. Es sollte uns niemand sehen. Das gibt nur Probleme.«
Die Sonde hatten sie schnell gefunden. Sie hielt direkten Kurs auf den Zwergplaneten.
»Soll ich ausweichen? Aber irgendwo müssen wir auch landen. Ich weiß es einfach nicht.« Nele wusste sich keinen Rat.
»Flieg ganz knapp dran vorbei. Ich hab da eine Idee. Du musst nur die Luft anhalten.«
Sie kamen der Sonde näher. Es fehlten nur noch wenige Meter.
»Jetzt!« rief Nik und drückte auf den roten Knopf. Eines der Schutzfenster am Bett öffnete sich und die Luft verschwand ins All.
Unterdessen schnappte sich Nik die Decke und warf sie über die Sonde. Dann schloss er das Fenster wieder.
»Jetzt kann sie nichts mehr sehen.« jubelte er. »Jetzt können wir landen.«
Das Etagenbett landete nur kurz darauf nur wenige Meter neben dem hellen Punkt, der in Wirklichkeit gar nicht so hell war. Viel mehr spiegelte er das Sonnenlicht wieder.
»Da vorn ist es.«
Die Kinder liefen auf ein großes, aus Schnee und Eis gebautes Haus zu. Es hätte eigentlich ein Iglu sein können, aber dafür hatte es die falsche Form und war dafür auch viel zu groß.
Sie klopften und warteten darauf, dass ihnen die Tür geöffnet wurde.
»Nanu? Wer stört mich denn da im Urlaub?« war eine tiefe Männerstimme zu hören. Dann öffnete sich die Tür und ein weißbärtiges Gesicht zeigte sich.
»Das ist ja ein Ding.« freute sich der Mann. »Das sind ja Nik und Nele. Was macht ihr denn hier? Ihr habt mich ja schon lange nicht mehr besucht.«
»Wir kommen leider nicht ohne Grund, Weihnachtsmann. Es gibt da ein Problem.«
Die Kinder erklärten alles, was sie in den Nachrichten gehört und auf dem Weg hierher gesehen hatten.
»Wenn diese Sonde dich hier findet und von dir Fotos macht, dann werden die Wissenschaftler ganz schön überrascht sein. Sie werden dich dann bestimmt noch genauer unter die Lupe nehmen, bis sie wissen, wer hier lebt.«
Der Weihnachtsmann war entsetzt. »Das darf auf keinen Fall passieren. Das hier ist doch mein neuer, geheimer Urlaubsort. Wohin soll ich mich denn sonst zurück ziehen? Der Klimawandel hat mir schon das Wohnen am Nordpol schwer gemacht. Das Eis wird dort immer dünner. In ein paar Jahren taut dort im Sommer alles weg und mein Haus wird im Meer versinken. Ich brauche dieses Versteck hier. Was soll ich denn jetzt machen? Ich war so froh, dass ihr mir diesen Ort letztes Jahr gezeigt habt.«
Doch darauf wussten die drei keine Antwort. Deswegen zogen sie sich in das Wohnzimmer zurück und hielten Kriegsrat bei einer heißen Tasse Kakao.

Ein paar Stunden später standen sie wieder vor dem Schneehaus und hatten breite Grinsegesichter. Die Sonde war inzwischen noch ein ganzes Stück näher gekommen. Die Decke hing nur noch an einer Ecke vor der Kamera. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie herunter fallen würde.
»Gleich ist es so weit.« sagte Nik. »Seit ihr alle bereit?«
Die anderen nickten.
Da fiel die Decke auch schon ab und segelte langsam zu Boden.
»Jetzt alle freundlich lächeln und winken.«
Dann rollte Nik ein selbst gemaltes Plakat auseinander. Darauf stand in großen Buchstaben: ‚Der Weihnachtsmann wünscht frohe Weihnachten und ein frohes neues Jahr. Und immer schön brav sein, denn sonst gibt es keine Geschenke. Das gilt auf für die NASA.‘
»Ich hoffe, dass das funktionieren wird.« sagte der Weihnachtsmann und verabschiedete sich von den Zwilligen, die nun wieder in ihr Bett stiegen und nach Hause flogen.

Einen Abend später saßen Nik und Nele wieder mit Papa vor dem Fernseher und sahen sich die Nachrichten an.
»… erklärte nun die NASA die Mission der Sonde Dawn für gescheiert. Über das, was genau geschehen ist, sind sich die Wissenschaftler und Techniker noch uneinig. Aber offensichtlich hat sich jemand in das Steuerungssystem der Sonde gehackt. Statt echte Fotos der Planetenoberfläche zur Erde zu senden, empfing die amerikanische Raumfahrtbehörde Fotomontagen, die zwei Kinder und den Weihnachtsmann mit Grüßen an die NASA zeigen. Da nun auch dem zukünftigen Datenmaterial nicht mehr uneingeschränkt geglaubt werden kann, hat man sich nun dazu entschlossen, die Sonde abzuschalten. Sie wird in den nächsten Tagen auf den Zwergplaneten Ceres abstürzen.«
Nik und Nele grinsten sich an. Sie wussten ganz genau, was da oben im Weltall passiert war. Aber sie würden es niemals jemandem verraten.

(c) 2015, Marco Wittler

581. Diät im Weltraum

Diät im Weltraum

Nach Karneval kam, wie in jedem Jahr, der Aschermittwoch. An diesem Tag endete die närrische und begann die Fastenzeit. Ganz viele Menschen verzichteten in dieser Zeit auf Dinge, von denen sie im restlichen Jahr zu viel hatten. Bei den meisten waren das Süßigkeiten. Sie versuchten innerhalb der sieben Wochen bis Ostern ein wenig abzunehmen und schlanker zu werden.
Der Planet Erde war so stolz auf seine Bewohner, dass er immer wieder im Sonnensystem mit ihnen angab.
»Seht her, liebe Freunde.«, prahlte sie bei jedem Treffen. »Meine Menschen sind so Figur bewusst, dass sie mehrere Wochen lang abspecken. Dadurch werden nicht nur sie, sondern auch ich um einiges leichter. Ist das nicht eine tolle Sache?«
Die anderen Planeten fühlten sich dadurch immer unwohler. Jedes Mal, wenn sie an einem Spiegel vorbei kamen fühlten sie sich dick. Besonders die großen Gasplaneten Saturn, Jupiter, Uranus und Neptun bekamen ein schlechtes Gewissen. Aber auch Venus und Mars wollten schlanker sein. Der einzige, der mit sich zufrieden war, hieß Merkur. Er war der kleinste und schlankeste unter den acht Planeten.
Irgendwann war es dann zu viel. Es wurde der Plan gefasst, abzuspecken.
Die Planeten drehten sich nicht nur schneller um sich selbst, sondern auch um die Sonne. Venus und Mars machten unzählige Liegestütze und Kniebeugen. Saturn nahm seine Ringe und hielt sich mit Hula-Hoop fit, während Uranus und Neptun den kleinen Pluto als Fußball benutzten und das ganze Sonnensystem als Stadion benutzen. Pluto kam dabei ordentlich ins Schwitzen, denn als Tor wurde die große Sonne auserkoren. Pluto wollte auf keinen Fall in ihr verbrennen und schlug deswegen Haken wie ein flüchtender Hase.
Alle gaben sich besonders viel Mühe, um ihr Gewicht zu reduzieren.
Der große, schwere Jupiter kam ganz besonders ins Schwitzen. Er wollte ebenfalls abnehmen, denn keiner war dicker als er. Das machte ihm ein richtig schlechtes Gewissen. Doch was sollte er nur tun? Wie konnte er möglichst viel Gewicht verlieren?
Da fiel sein Blick auf seine Monde und ihm kam eine grandiose Idee.
Er schnappte sich den langen Schweif eines Kometen und spießte vorn und hinten seine Monde auf. Schon hatte er eine Hantel. Jetzt konnte er sich als Gewichtheber betätigen.
Es war unglaublich. Das ganze Sonnensystem hielt sie fit und machte Sport. Und wer hätte es gedacht? Bis zum Osterfest waren alle Planeten schlank geworden. Sie waren so aus dem Häuschen, dass sie ein großes Fest mit köstlichen Speisen veranstalteten.
Am Abend des Ostermontag rollten sie dann gemütlich, satt, dick und rund in ihre Betten. Die Diät war nach drei Tagen wieder vergessen und zunichte gemacht.

(c) 2017, Marco Wittler

580. Nik und Nele auf Empfang (Nik und Nele 06)

Nick und Nele auf Empfang

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Ich bin noch gar nicht müde.« flüsterte Nik aus der oberen Hälfte des Etagenbetts. »Was ist mit dir?«
Seine Zwillingsschwester Nele schüttelte den Kopf und grinste. Natürlich konnte ihr Bruder das nicht sehen, aber es machte ihr so viel Spaß, ihn hin und wieder zu ärgern.
»Nele? Schläfst du schon?«
»Nein. Und ich bin auch nicht müde.«
»Sollen wir noch etwas Radio hören?« Nik wartete keine Antwort ab, sondern drückte einen Knopf. Leise Musik war nun zu hören. Leise genug, damit Mama sie nicht hören konnte, laut genug, um die Kinder zu unterhalten.
Doch dann wurde das Lied von einem kurzen Geräusch unterbrochen.
Die Kinder dachten nicht weiter darüber nach, denn Geräusche gab es immer wieder im Radio. Vor allem bei schlechtem Wetter konnte es manchmal ziemlich laut rauschen.
Ein paar Sekunden später kam das Geräusch wieder. Dann ein drittes und ein viertes Mal.
»Was ist das?« fragte Nik in die Dunkelheit, als sie es ein fünftes Mal hörten.
»Ich weiß es auch nicht.« antwortete Nele. »Aber ich will es wissen.«
Sie kramte in einer kleinen Kiste, die unter dem Bett stand und holte zwei Gegenstände hervor. Der erste war eine Stoppuhr. Der andere eine Taschenlampe, mit der sie die Anzeige der Stoppuhr sehen konnte.
Das Geräusch meldete sich erneut. Nele drückte auf den Startknopf. Als es noch einmal zu hören war, drückte sie auf Stopp. Ein paar Mal maß sie die Zeit zwischen zwei Geräuschen, bis sie etwas feststellte.
»Immer genau sechs Sekunden. Es ist jedes Mal die gleiche Zeit.«
»Aber was bedeutet das?«
Nele zuckte mit den Schultern. »Weiß ich auch nicht. Aber ich schaue mal, was mein schlaues Buch dazu sagt.«
Sie holte ihr Weltraumbuch aus dem Regal und blätterte durch die Seiten, bis sie etwas fand.
»Das muss ein Pulsar sein.«
»Ein was?«
»Ein Pulsar. Das ist ein Neutronenstern, eine alte Sonne am Ende ihrer Lebenszeit. Sie ist nur noch ungefähr zwanzig Kilometer groß. Mehr ist nicht von ihr übrig geblieben. Ein Pulsar dreht sich extrem schnell um seine eigene Achse und sendet dabei Signale aus. Mir jeder Drehung gibt es ein Geräusch.«
Nik verdrehte ungläubig die Augen. »Der Stern dreht sich in nur sechs Sekunden um sich selbst? Das ist ja nicht zu fassen. Wie soll denn das gehen?«
»Weiß ich auch nicht. Wie wäre es, wenn wir uns das mal aus er Nähe ansehen? Hast du Lust?«
Nik nickte. Er kletterte von seinem Bett herunter und setzte sich zu seiner Schwester. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

Die Zwillinge hatten den Pulsar schnell erreicht. Nun sahen sie ihn direkt vor sich. Immer noch sandte er sein Signal alle sechs Sekunden in die Weiten des Alls hinaus.
»Jetzt kann man sogar sehen, was da vor sich geht.« staunte Nik.
Tatsächlich war es nicht nur ein Geräusch, das zu hören war. Im gleichen Takt sah man auch ein Licht aufblitzen.
»Wir sollten landen und nachschauen, was da vor sich geht.« entschied Nele und setzte mit dem fliegenden Etagenbett zur Landung an.
Als sie ausstiegen, sahen sie in ein paar Metern Entfernung eine schmale Schienenstrecke, die sich in wilden Kurven, Steigungen und Gefällen um den Pulsar zog.
»Eine Eisenbahn? Aber wo kommt sie her und wo führt sie hin. Wir haben doch von oben keine Städte sehen können.«
Nik wunderte sich und konnte sich keinen Reim darauf machen, bis er von Ferne ein lautes, rumpelndes Geräusch hörte, das sich schnell näherte.
Ein helles Lichte raste auf sie zu, düste mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei und verschwand auf der anderen Seite hinter dem Horizont.
»Das war eine Achterbahn.« staunte Nele. »So eine schnelle habe ich ja noch nie gesehen.«
Sechs Sekunden später kam sie erneut auf sie zu.
»Hilfeeeeee!« hörten sie Stimme schreien. Weitere sechs Sekunden wiederholte sich das Ganze. »Hilfeeeee!«
»Das ist der Grund für die Signale und Leuchtzeichen des Pulsars.« stellte Nele fest. »Die Achterbahn braucht nur sechs Sekunden, um einmal herum zu fahren.«
»Und irgendwer sitzt darin und hat panische Angst.« fuhr Nik fort. »Wir müssen ihn da raus holen.«
Ohne weiter darüber nachzudenken, liefen sie zurück zum Etagenbett und flogen damit der Achterbahn nach.
»Hilfeeeee!« rief ein kleiner, grüner Außerirdischer, der verzweifelt an eine Haltestange klammerte.
»Hilfeeeee! Ich will hier raus.«
Sie passten ihre Geschwindigkeit an, gingen tiefer. Als sie direkt über der Achterbahn waren, hängte sich Nik raus.
»Greif meine Hand!« rief er.
Das ließ sich der Außerirdische nicht zweimal sagen. Er nahm die Hand und ließ sich hoch ziehen.
»Vielen Dank.« keuchte er erschöpft. »Ihr habt mich gerettet.«
Er atmete ein paar Mal durch, bevor er erklärte, was passiert war.
»Ich habe Achterbahnen immer geliebt und habe jede im bekannten Universum ausprobiert. Aber irgendwann wurden sie mir zu langweilig, zu langsam. Ich wollte die schnellste Achterbahn von allen bauen. Und als ich sie dann fertig war und ich einstieg, wollte sie nicht mehr anhalten. Die Bremse war kaputt. Ich habe jetzt fünf Jahre darin verbracht.«
Es war also wirklich höchste Zeit, den Außerirdischen da raus zu holen.
Mit dem fliegenden Bett verließen sie den Pulsar und machten sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs setzten die Zwillinge den Geretteten zu Hause ab. Er versprach ihnen noch, nie wieder in eine Achterbahn zu steigen.

(c) 2014, Marco Wittler

579. Nik und Nele auf Ufo-Jagd

Nik und Nele auf Ufo-Jagd

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich. Genau in diesem Augenblick blitzte ein Lichtschein am dunklen Herbsthimmel auf und verschwand gleich wieder. Sekunden später leuchtete wieder etwas auf und wieder und wieder.
»Was ist das?« Nik kletterte neugierig aus seiner oberen Hälfte des Etagenbetts.
Seine Zwillingsschwester Nele folgte ihm zum Fenster. Gemeinsam sahen sie nach draußen. »Siehst du das? Die Lichter kommen von unten und fliegen ins Weltall hinaus. Das Es können also keine Sternschnuppen sein.«
Nik grübelte. »Aber sehen wir denn dann?«
»Das müssen Ufos sein.«
»Eine Invasion? Greifen uns Außerirdische an, wie ich es gestern in einem Film gesehen habe? Aber dann würden sie doch landen und nicht heimlich in der Dunkelheit verschwinden.«
Nele dachte nach. »Das ist keine Invasion. Wir werden nicht angegriffen. Sie flüchten. Sie haben vor irgendetwas Angst. Große Angst.«
So schien es wirklich zu sein, denn immer mehr Lichtpunkte starteten zu den Sternen hinauf.
»Wir sollten ihnen folgen und heraus finden, was da los ist.«
Sie liefen zurück zum Bett und setzten sich darauf. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu. Das ungewöhnliche Raumschiff flog in Richtung Himmel davon.

»Wo sind sie?« fragte sich Nele.
Nik fand die Raumschiffe. Sie waren überall. Egal, in welche Richtung er sah, entdeckte er die Flüchtlinge.
»Hoffentlich können wir sie auch verfolgen. Die scheinen es ganz schön eilig zu haben. Ich bin gespannt, wo es hin geht.«
Die kleinen, rasenden Lichtpunkte hatten alle das gleiche Ziel: Die dunkle Seite des Mondes.
»Ob sie sich dort verstecken wollen, weil ihre Invasion nicht geklappt hat?« wagte Nele eine Vermutung. »Dort kann man sie jedenfalls von der Erde aus nicht entdecken.«
Die Zwillinge folgten den Raumschiffen und landeten schließlich in der Mondnacht.
»Wahnsinn.« war Nik begeistert. »Das sind so viele Raumschiffe, dass ich sie gar nicht zählen kann.«
Die Kinder stiegen aus, näherten sich langsam einem der Raumschiffe und warteten. Als sich nichts tat, öffneten sie die Eingangstür.
Im Innern fanden sie fünf Astronauten, die ihre Raumanzüge angelegt hatten. Die fünf erschreckten sich, als sie die Kinder entdeckten.
»Hilfe! Menschenkinder!« riefen sie entsetzt. »Tut uns bitte nichts.«
Nele lächelte freundlich. »Wir sind nicht gekommen, um euch etwas anzutun. Wir sind nur neugierig, warum ihr in so großer Zahl die Erde verlassen habt. Was ist los?«
Die Astronauten setzten ihre Helme ab. Zur Überraschung der Zwillinge kamen darunter keine normalen Köpfe zum Vorschein. Es waren orange Kürbisköpfe.
»Ihr seid Kürbisse?«
Die Kürbisse nickten.
»Warum seid ihr zum Mond geflogen? Hier oben gibt es nichts als Steine und Felsen.«
»Hier oben sind wir aber in Sicherheit.«
Nik grinste, als er verstand, worum es ging. Er knuffte seine Schwester in die Seite.
»Nächste Woche ist Halloween. Sie wollen nicht gegessen und auch nicht mit Messern zu gruseligen Fratzen verschnitzt werden.«
Wieder nickten die Kürbisse. »Wir wollen diese grausame Fest einfach nur überleben. Außerdem erschrecken wir uns immer vor den vielen Gespenstern, Monstern und Geistern, die in der Nacht unterwegs sind und um Süßigkeiten betteln.«
Dafür hatten die Kinder Verständnis. Sie wünschten den Flüchtlingen alles Gute und verabschiedeten sich wieder. »Wir werden niemandem euer Versteck verraten.«
Dann setzten sie sich wieder in ihr fliegendes Bett und machten sich auf den Heimweg.
»Ich glaube, ich muss Morgen früh mit Papa reden.« dachte Nele nach. »Er wollte mir einen Kürbis zum Schnitzen kaufen. Den möchte ich jetzt doch nicht mehr haben.«

(c) 2014, Marco Wittler

578. Nik und Nele auf dem Roboterplaneten (Nik und Nele 04)

Nik und Nele auf dem Roboterplaneten

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte nun auch Niks Zwillingsschwester Nele in die Dunkelheit hinein.
»Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hälst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an, holte ihr dickes Weltraumbuch unter der Decke hervor und blätterte ein paar Sekunden darin herum. Sie tippte mit geschlossenen Augen auf eine der Seiten.
»Kepler 186-f im Sternbild Schwan. Ist nur 490 Lichtjahre von hier entfernt. Praktisch um die Ecke.« Nele grinste. »Der Planet wurde erst vor zwei Jahren entdeckt und ist ungefähr so groß wie unsere Erde. Fliegen wir hin und sehen, was es da zu entdecken gibt.«
Sie klappte das Buch zu, legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Kepler 186-f. Intergalaktischer Raumflughafen.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die Kinder mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

Es war ein langer Flug gewesen. Die Zwillinge hatten unzählige Sterne, Planeten und Kometen gesehen, bevor sie im Sternbild Schwan angekommen waren.
»Ist ganz schön kalt hier.« beschwerte sich Nick, der gerade ausstieg.
»Der Planet ist etwas weiter von der Sonne entfernt als unsere Erde. Deswegen kommt auch weniger Wärme an. Hier leben bestimmt nur Eisbären und Pinguine.« vermutete Nele.
Dass sie damit falsch lag, wurde schnell klar, als ihnen eine kleine Gestalt entgegen kam.
»4-6-A-Beta erbittet eure Kennung.« verlangte eine Computerstimme.
»Ist das etwa ein Roboter?« bekam Nik große Augen. »Ein echter Roboter?«
»4-6-A-Beta erbittet eurer Kennung.« kam die Aufforderung ein zweites Mal.
»Wir sind Nik und Nele.« erklärte Nele. » Wir sind Geschwister und kommen vom Planeten Erde.«
»Warum seid ihr zu uns gekommen?« wollte 4-6-A-Beta wissen.
»Wir fliegen gern durch das All und besuchen andere Welten. Es macht uns einfach Spaß.«
Der 4-6-A-Beta legte verwirrt den Kopf schräg. Dies konnte man nun auch bei den anderen Robotern beobachten, die sich mittlerweile zu ihm gesellten.
»Was ist Spaß?« fragten sie gemeinsam.
»Wie? Ihr wisst nicht, was Spaß ist?« Nik konnte es nicht glauben.
»Spaß hat mit Freude zu tun. Es ist ein schönes Gefühl.«
»Was ist sind Gefühle?«
Die Roboter machten es den Kindern nicht einfach.
»Sie sind Maschinen.« begriff Nele langsam. »Sie haben kein Herz und deswegen auch keine Gefühle.«
Die Roboter schüttelten langsam ihre Köpfe. »Wir haben Herzen.« Sie öffneten alle gleichzeitig eine Klappe im Brustpanzer. Darin steckte ein kleiner, metallischer Klumpen, dem man nicht mehr ansehen konnte, was er mal gewesen war.
»Wir müssen dagegen etwas unternehmen.« war Nele entschlossen. Wir zeigen euch, was Gefühle sind.«
Nik war der gleichen Meinung. »Fangen wir mit mit Freude und Spaß an. Lacht mal.«
Die Roboter lachten leise und mechanisch. Es klang nicht so richtig echt.
»Das muss aus dem Bauch kommen. Wartet, ich erzähle euch einen Witz.«
Und dieser Witz erzielte endlich eine Wirkung. Das Lachen der kleinen Maschinen wurde herzlicher. Es klang endlich nach einem richtigen Gefühl. Das zeigte sich auch den verklumpten Herzen. Sie leuchteten leicht rot und wuchsen.
»Und jetzt machen wir mit Freundschaft und Liebe weiter.« fuhr Nele fort, während sie ihren Bruder umarmte und drückte. »Macht es einfach nach.«
Es sah sehr steif aus, wie sich die Roboter umarmten. Doch mit jedem Moment, der verging, wirkte es herzlicher.
»Das ist wirklich schön.« war 4-6-A-Beta begeistert, der noch gar nicht glauben konnte, dass sein Herz ein ganzes Stück gewachsen war.
»Kommen wir nun zur Trauer. Man denkt an etwas, das einem gar nicht gefällt.« erklärte Nele.
»Unser Opa ist im letzten Jahr gestorben. Wir werden ihn nie wieder sehen, nie wieder mit ihm lachen können. Er wird uns nie wieder eine Geschichte vorlesen können.«
Ihr liefen dicke Tränen über die Wangen, die im Schnee unter ihren Füßen verschwanden. Nik erging es nicht anders.
Die Roboter dachten nach. Sie sahen sich um. Schließlich landeten ihre Blicke auf ihren Herzen.
»Wir wollen unsere neu gewonnenen Gefühle nicht verlieren.«
Sie fielen sich gegenseitig in die Arme und schon rollten an ihren Gesichtern Tränen hinab.
»Sie haben es verstanden.« war Nele begeistert.
Doch dann geschah etwas, womit die Zwillinge nicht gerechnet hatten. Die Roboter verkrümmten sich und schrien vor Schmerzen.
»Hilfe!« rief 4-6-A-Beta. »Die Tränen tun mir weh. Ich fange an zu rosten.«
»Oh nein.« Nik wusste nicht, was sie unternehmen sollten. »Die Roboter dürfen nicht weinen. Der Rost wird ihre Panzer zerfressen. Sie werden sterben.«
Aber da hörten die Roboter schon wieder mit ihrem Geheul auf. Sie grinsten über das ganze Gesicht.
»Schadenfreude.« lachte er begeistert. »Witz und Schabernack. Wir haben euch auf den Arm genommen. Noch ein schönen Gefühl. Wir sind euch wirklich dankbar. Ihr habt uns mit den Gefühlen das größte Geschenk unseres Lebens gemacht. Wir sind euch so dankbar, wissen aber nicht, was wir euch dafür geben könnten.«
Nele schüttelte den Kopf, während sie schon wieder in das Bett stieg.
»Eure Freude ist uns schon Dank genug. Der Besuch bei euch hat uns sehr viel Spaß gemacht.«
Sie zog ihren Bruder zu sich auf die Matratze. Dann winkten die Geschwister zum Abschied und flogen wieder nach Hause.

(c) 2014, Marco Wittler