575. Nik und Nele in den Wolken (Nik und Nele 02)

Nik und Nele in den Wolken

Ein langweiliger Tag neigte sich dem Ende zu. Schon am frühen Morgen versteckte sich die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke und kam bis zum Abend auch nicht dahinter hervor.
»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich den Herbst nicht leiden kann?« beschwerte sich Nele bei ihrem Zwillingsbruder Nik.
»Geht mir aber auch so. Nur der Sommer ist richtig cool. Da ist es schön warm, die Sonne scheint und man kann die ganze Zeit draußen spielen.«
Nik sah durch das Fenster nach draußen und seufzte. »Wenn wir bloß was Tolles unternehmen könnten.«
In diesem Moment steckte Mama ein letztes Mal ihren Kopf durch die Tür ins Zimmer.
»Seit ihr schon fertig für’s Bett? Es ist schon nach acht Uhr. Jetzt wird geschlafen.«
Nik seufzte ein zweites Mal und kletterte am Etagenbett nach oben.
»Schlaft gut, meine Süßen.«
Mama pustete ihren beiden Kindern einen Luftkuss entgegen, knipste das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
Nele grinste in der Dunkelheit vor sich hin. »Warum besuchen wir nicht einfach einen Ort, an dem das Wetter vielleicht etwas besser ist?«
Sie hüpfte leise aus dem unteren Bett und schaltete das Licht wieder an. Dann holte sie ein großes Weltraumlexikon aus dem Regal und blätterte durch die Seiten, bis sie schließlich ihren Zeigefinger auf ein Foto drückte.
»Titan.« sagte sie.
Nik legte seine Stirn in Falten.
»Weißt du denn gar nichts?« fragte Nele und verdrehte die Augen.
»Titan ist ein Mond, der seine Bahnen um den Planeten Saturn zieht. Ich habe vor ein paar Tagen gelesen, dass es dort Meere geben soll. Und an Meeren gibt es normalerweise auch Sonnenschein.«
Sie grinste wieder. »Stell dir das doch nur mal vor. Wir liegen dort am Strand, lassen die Füße ins Wasser baumeln und über uns glitzern die Ringe des Saturns im Sonnenlicht. Klingt das nicht romantisch?«
Nun war es an Nik, die Augen zu verdrehen. Immer diese Mädchen mit ihrem Romantikkram. Das brauchte doch nun wirklich kein Mensch.
»So ein Blödsinn. Das ist voll langweilig. Ich will Sandburgen bauen, plantschen und mich im Strand eingraben lassen, bis nur noch der Kopf raus guckt. Das macht viel mehr Spaß.«
»Also fliegen wir hin?« wollte Nele ungeduldig wissen.
»Jaaa.«
Sie setzten sich gemeinsam auf das untere Bett. Nele legte ihr Kopfkissen zur Seite. Zum Vorschein kam ein großer, roter Knopf, den sie kräftig drückte.
»Fliegen wir zum Titan.«
An den Seiten des Etagenbettes hoben sich durchsichtige Scheiben empor umd schlossen die beiden Kinder in sich ein. Die Türen des Balkons schwangen auf, während sich das Bett langsam vom Boden erhob und nach draußen schwebte. Nik und Nele flogen zum Himmel hinauf, durchbrachen die Wolkendecke und verschwanden zwischen den unzähligen Sternen.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit rasten die Zwillinge in ihrem fliegenden Bett durch das All. Es ging vorbei an großen Planeten und kleinen Asteroiden, bis schließlich der Saturn in Sichtweite kam und schnell größer zu werden schien.
»Schau mal.« rief Nik lachend. »Der Saturn hat einen Ring. Er ist verheiratet. Würde mich mal interessieren, wer seine Frau ist, die kann ich nämlich nirgendwo entdecken.«
In diesem Moment schob sich ein kleiner, runder Schatten vor den riesigen Planeten.
»Das ist Titan.« erklärte Nele. »Wir werden in ein paar Minuten landen.«
Tatsächlich kam das fliegende Etagenbett dem Schatten, der sich bald als ein Mond zu erkennen gab, immer näher, drang in dessen Atmosphäre ein und landete schließlich am Ufer eines Meeres. Die schützenden Glasscheiben verschwanden und die beiden Kinder stiegen aus.
»Ein Strand! Ein Strand!« rief Neele begeistert und sah zum Himmel hinauf.
»Und da sind die Saturnringe. Das ist sooo romantisch. Wenn doch jetzt nur der Jonas hier wäre.«
Sie seufzte, während sie an den hübschen Jungen aus ihrer Klasse dachte.
In diesem Moment wurde es dunkel und laut über dem Meer. Der Saturn verschwand hinter einem riesigen …
»Was ist das denn für ein Ding?« wollte Nik wissen.
»Sieht wie ein Raumschiff aus.« rief ihm Nele zu.
»Das ist aber riesig.«
Es setzte zur Landung an. Doch statt auf dem Land nieder zu gehen, tauchte es zur Hälfte ins Wasser ein. Ein lautes Zischen war zu hören und ein Teil des Wasser verdampfte innerhalb weniger Sekunden.
»Der heiße Antrieb des Raumschiffs verwandelt das Wasser in Dampf.« war Nele enttäuscht. Denn aus dem Dampf bildete sich eine riesige Wolke, die Daturn und Sonne komplett verdeckte.
»Schon wieder schlechtes Wetter.« war Nik enttäuscht. »Das ist ja wie zu Hause.«
Das Raumschiff öffnete sich. Unzählige Außerirdische stiegen eine lange Rampe hinab. Die Männer hatten Digitalkameras in den Händen, die Frauen waren mit Sonnenschirmchen geschmückt.
»Wir sollten hier verschwinden.« entschied Nele enttäuscht.
»Das ist ein großes Touristenraumschiff. In ein paar Minuten wird der Strand so voll sein, dass wir hier keinen Platz für uns finden werden.«
Also setzten sie sich wieder in ihr Bett und flogen zurück zur Erde.

Ein paar Tage später saßen die Zwillinge mit Papa vor dem Fernseher. Es wurde gerade darüber berichtet, dass die amerikanische Weltraumbehörde NASA aufregende Fotos vom Saturnmond Titan gemacht hatte.
»In den letzten Jahren hat die Raumsonde Cassini immer wieder Fotos von Titan geschossen.« erklärte der Nachrichtensprecher. »Wie sie deutlich sehen können, befindet sich derzeit ein großer weißer Fleck darüber. Ältere Fotos zeigen diesen mal gar nicht und mal in anderer Form und Größe. Um was es sich dabei genau handelt weiß im Moment noch niemand. Aber das ist es, so ein NASA-Sprecher, worauf es in der Raumfahrt und der Beobachtung des Weltalls ankommt: Die Entdeckung und Erforschung neuer Geheimnisse.«
Nik und Nele grinsten sich gegenseitig an. Sie wussten genau, was dieser Fleck war und warum er immer wieder auftauchte.

© 2014, Marco Wittler

Info:
Der Planet Saturn ist 1.43 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Das ist fast zehn Mal so weit, wie die Erde. Er besitzt nicht nur einen, sondern ganze 62 Monde. Einer von ihnen ist Titan, auf dessen Oberfläche Meere und Seen entdeckt wurden. Baden kann man darin nicht, denn dafür ist es dort zu kalt und atmen kann man auf dem Mond auch nicht. Seine Luft ist für uns giftig.
Vor ein paar Jahren hat die Raumsonde Cassini begonnen, Fotos vom Saturn und seinen Monden zu machen. Darauf ist tatsächlich ein weißer Fleck zu sehen. In den letzten sieben Jahren wurden drei Bilder gemacht. Mal ist der Fleck da, mal nicht. Wenn er zu sehen ist, hat er verschiedene Formen.
Was dieser Fleck ist und wie er entsteht, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. Es könnte eine Wolke sein, aber auch einfaches Leben, zum Beispiel kleine Bakterien, die in großer Zahl an dieser Stelle leben. Es könnte aber auch etwas ganz anderes sein.

571. Der Besuch vom Mars

Der Besuch vom Mars

Die Sommerferien waren vorbei. Während nun die Tage langsam wieder kürzer und die Temperaturen kühler wurden, hatte Alex seine erste Woche in der Grundschule verbracht. Für ihn war alles noch ganz neu und aufregend gewesen. Endlich würde er Lesen, Schreiben, Rechnen und vieles mehr lernen. Dann würde er seiner großen Schwester, die schon in die fünfte Klasse ging, zeigen können, dass er kein dummes, kleines Kind war, wie sie immer sagte.
In den ersten zwei Schultagen hatten sie noch nichs gelernt. Die Klassenlehrerin hatte wichtige Informationszettel für die Eltern verteilt, schwere Bücher an jedes Kind gegeben, die Benimmregeln erklärt und allen Schülern die Schule gezeigt. Erst am dritten Tag hatte es richtigen Unterricht gegeben.
‚Sachunterricht‘ stand dick und fett im Stundenplan. Alex hatte sich schon vom ersten Tag an gefragt, was man dort wohl lernen würde. Es gab sehr, sehr viele Sachen auf der Erde.
Doch dann musste er feststellen, dass es gar nichts mit Sachen von der Erde zu tun hatte. Es ging nämlich um Sterne, Planeten und den Weltraum.
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. So hießen die acht Planeten aus der Nachbarschaft. Die einen groß, die anderen eher klein. Die Großen bestanden nur aus Gas, die kleinen waren so fest, wie die Erde. Leben gab es aber nur auf einem von ihnen: Auf der Erde. Woanders gab es dafür keine Chance. Der Merkur hatte keine Atmosphäre, also keine Luft. Die der Venus war zu giftig und auch auf dem Mars hätte niemand atmen können. Trotzdem, erklärte die Lehrerin, hatten Wissenschaftler immer die Vermutung, Spuren von Leben auf dem Mars finden zu können.
Da waren die Schreiber und Erfinder von Weltraumbücher, Marsgeschichten und Filmen mit Außerirdischen schon viel weiter. Darin wimmelte es nur so vor lauter Lebewesen.
»So ein Blödsinn.«, hatte sich Alex immer wieder gedacht. »Warum sollte es denn so weit von der Erde entfernt Marsmenschen geben? Wie sollten die denn da hin gekommen sein?«
Das hatte er auch immer wieder zu Hause erzählt. »Spannend war das auf jeden Fall. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es auf dem Mars jemanden gibt.«
Er holte sein Sachbuch hervor, blätterte hin und her, bis er schließlich ein Bild des roten Planeten fand.
»Da sieht man doch, dass es da kein Wasser gibt, keine Pflanzen und auch keine Städte. Da lebt nichts und niemand.«
»Na, wenn du dich da mal nicht täuschst.«, hatte Papa grinsend geantwortet. »Ich habe ganz viele Filme gesehen, in denen die Menschen das Gleiche dachten. Am Ende kamen dann doch die Marsianer auf die Erde und haben für Angst und Panik gesorgt.«
Nun grinste Alex auch.
»Ich habe bestimmt keine Angst vor Marsmenschen. Wenn mir einer begegnet und er mir Angst machen will, dann trete ich ihm in den Hintern, stopfe ihn zurück in seine Rakete und schieße ihn auf den Mond. Dann werden wir ja sehen, wer mehr Angst hat.«
Er lachte laut und musste sich dabei sogar den Bauch halten.

Am Abend saß die Familie noch lange draußen im Garten. Während ein paar Würstchen auf dem Grill brutzelten sahen sie dem Sonnenuntergang und den auftauchenden Sternen zu, als Alex plötzlich sah, wie einer von ihnen zur Erde stürzte.
»Papa, hast du das gesehen? Ein Stern ist grad vom Himmel gefallen. Der muss irgendwo in der Nähe eingeschlagen sein.«
Aufgeregt sprang er von seinem Gartenstuhl auf und versuchte über die Hecke zu sehen.
»Mach dir da mal keine Sorgen.«, beruhigte ihn Papa. »Sterne fallen nicht vom Himmel. Das war nur eine Sternschnuppe, ein kleiner Stein oder Staub, der in der Atmosphäre verbrennt. Es passiert nur ganz selten, dass davon etwas am Boden ankommt.«
Er machte eine kurze Denkpause und überlegte, bevor er grinsend weiter sprach.
»Es könnte aber auch das Raumschiff eines Außerirdischen gewesen sein, dass irgendwo dort hinten gelandet ist.«
»Das glaubt dir doch eh keiner.«, antwortete Alex. Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los, dass da vielleicht doch ein Besucher von einem anderen Planeten angekommen war.

Wenig später lag Alex im Bett. Das Schlafen fiel ihm allerdings schwer. Ständig dachte er daran, dass ein Alien auf der Erde gelandet war und nun unentdeckt sein Unwesen hier trieb.
Sobald er die Augen schloss, sah er in seinen Gedanken Raumschiffe, die durch die Luft flogen und mit ihren Laserstrahlern Häuser zerstörten.
»Warum muss Papa auch so einen Blödsinn erzählen. Der ist Schuld, wenn ich nicht schlafen kann.«
Kurz dachte er darüber nach, ob er hinunter ins Wohnzimmer gehen und sich beschweren wollte, traute es sich aber nicht, weil er kein Angsthase sein wollte.
In diesem Moment klopfte es leise an der Tür. Alex hielt vor Aufregung den Atem an. Die Tür öffnete sich und eine unbekannte Person trat ein. Zuerst konnte Alex nicht viel erkennen. Aber dann sah er einen silberfarbenen Raumanzug, grüne Haut um Gesicht und lange Fühler auf dem Kopf. Auf der Nase saß eine große, verspiegelte Brille. Es war der Außerirdische und er stand mitten in Alex Zimmer.
Am Liebsten hätte Alex geschrien. Aber er bekam keinen Laut aus seinem Mund. Der Alien hingegen lächelte freundlich, legte einen seiner sechs Finger auf seine Lippen und gab dem Jungen zu verstehen, dass er leise sein sollte.
Alex nickte vorsichtig und sagte nichts.
Der Außerirdische griff langsam in seine Anzugtasche und holte ein kleines Holzkästchen heraus. Dieses legte er auf Alex Schreibtisch. Dann winkte er noch einmal zum Bett hinüber und verließ das Zimmer.
»Boah. War das aufregend.«, flüsterte Alex.
Er schlich zur Tür und sah hinaus. Der Alien war verschwunden. Also schlich Alex zum Schreibtisch und sah in das Kästchen. Darin lag ein kleiner, roter Stein und ein Zettel. Mit zitternden Händen las Alex die wenigen Worte, die darauf geschrieben waren.
‚Ein kleiner Stein von meiner Heimatwelt, dem Mars. Dieses Geschenk soll dich immer daran erinnern, dass wir uns in dieser Nacht getroffen haben. Erzähle aber bitte niemandem davon.‘
Dieses Versprechen hätte Alex nur zu gern gemacht, wurde dann aber abgelenkt, als sich seine Schranktür öffnete.
Der Junge fuhr herum und erschrak. Zwischen den vielen Jacken und Hemden, die gerade zur Seite geschoben wurden, kam ein kleiner, grauer Kerl hervor. Er war kleiner als Alex, viel dünner als irgendein Mensch nur hätte sein können. Dafür war der Kopf umso größer. Das Wesen hatte riesige Augen und einen schmalen Mund. Eine Nase fehlte dafür völlig. Es hatte eine Haut so grau wie das Fell einer Maus. Kleidung trug es keine.
»Puh, war das knapp.«, sagte es.
»Ich wollte schon vor ein paar Minuten aus meinem Versteck kommen. Aber dann hätte mich dein Vater in seiner komischen Verkleidung erwischt. Was für ein Glück.«
Er kam auf Alex zu, nahm dessen Hand in seine und schüttelte diese kräftig.
»Ich bin Mapul, ein Astronaut vom Planeten Mars. Eigentlich hatte ich vor, dass mich niemand sieht, aber da mein Raumschiff abgestürzt ist und ich ein Ersatzteil brauche, habe ich mich in euer Haus geschlichen.«
Er hielt eine kleine Schraube in die Höhe, die er wohl aus dem Schrank geholt haben musste.
»Dein Schrank wird auch ohne halten. Und vielen Dank dafür. Damit werde ich bald wieder nach Hause fliegen können.«
Er klopfte Alex auf die Schulter, winkte kurz und wurde langsam durchsichtiger. Bevor er ganz verschwunden war, hatte er noch eine Bitte.
»Verrate bitte niemandem, dass ich hier gewesen bin.«
Alex nickte nur. Sagen konnte er vor lauter Überraschung gar nichts mehr.

Am nächsten Morgen saßen Alex und Papa am Frühstückstisch und grinsten sich gegenseitig an.
»Und wie war deine Nacht. Etwas Besonderes erlebt oder geträumt?«
Alex nickte. »Ich hatte Besuch von einem Außerirdischen.«
Papa nickte grinsend. »Das war bestimmt richtig aufregend. Du glaubst jetzt also, dass es Aliens gibt?«
»Ja, klar. Er hat mir nämlich auch bewiesen dass er echt war.«
Papa lachte laut. Sein Plan hatte also funktioniert. Dass Alex in der letzten Nacht Besuch von einem zweiten Außerirdischen hatte, der tatsächlich vom Mars gekommen war, wusste er nicht.

(c) 2016, Marco Wittler

560. Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern (Nik und Nele 10)

Nik und Nele fliegen zum Weihnachtsstern

Weihnachten stand vor der Tür. Nein, nicht so, wie du grad vielleicht denken magst. Es stand natürlich nicht vor der Tür, klopfte, klingelte und wartete darauf, dass es jemand herein ließ. Es war nur langsam an der Zeit, den Christbaum ins Wohnzimmer zu holen, ihn mit bunten Kugeln, Strohsternen und Lametta zu schmücken. Nur noch einmal schlafen bis zum Heiligen Abend.
Überall auf der Welt waren viele Millionen Kinder aufgeregt. Die einen wollten jetzt schon wissen, welche Geschenke sie bekommen würden, andere konnten die ganze Nacht nicht schlafen und einige von ihnen dachten darüber nach, ob der Weihnachtsmann nicht zu viele Dummheiten von ihnen in sein dickes, goldenes Buch eingetragen hatte.
Zwei dieser vielen Kinder waren die Zwillinge Nik und Nele. Sie standen an diesem Abend am Fenster und sahen in die sternenklare Nacht hinaus. Sie suchten nicht etwa nach dem von Rentieren gezogenen Schlitten des Weihnachtsmanns. sie taten das, was sie jeden Abend taten. Sie beobachteten die Sterne und fragten sich, wie das Leben auf anderen Planeten sein würde. Gab es dort in den fernsten Fernen Menschen wie sie oder Außerirdische, die ganz anders aussahen, als es sich überhaupt irgendwer auf der Erde vorstellen konnte?
Ganz viele spannende Fragen spukten in den Köpfen der beiden Kinder herum. Aber Antworten konnte ihnen niemand darauf geben – jedenfalls konnte das kein einziger Mensch von der Erde.
In diesem Moment zog für mehrere Augenblicke eine große, helle Sternschnuppe über den Himmel und beleuchtete das Firmament, bis sie schließlich erlosch und wieder verschwand.
»Oh, war das schön.«, schwärmte Nele und seufzte einmal laut. »Ob der Weihnachtsstern auch so hell über dem Stall in Bethlehem geleuchtet hat?«
Nik wiegte den Kopf nach links und nach rechts.
»Der war bestimmt viel größer und heller und prächtiger. Aber so genau wird das wohl niemand mehr wissen. Es ist ja schon über zweitausend Jahre her. Wir müssten schon selbst nachschauen.«
In seinen Augen war plötzlich ein abenteuerliches Glitzern zu sehen.
»Denkst du etwa an einen nächtlichen Ausflug?«, fragte Nele neugierig. Auch in ihren Augen war dieses Glitzern zu sehen.
»Wäre möglich.«, antwortete Nik mit einem Grinsen im Gesicht. »Die Entscheidung liegt, wie immer, ganz bei dir.«
Nele ließ sich nicht lange bitten. Sie nahm ihren Bruder an der Hnad und zog ihn hinter sich her zum unteren Teil des gemeinsamen Etagenbettes. Dann hob sie ihr Kopfkissen zur Seite unter dem ein großer, roter Knopf zum Vorschein kam.
Nele hielt ihre Hand darüber und wartete mehrere Sekunden lang.
»Nun mach es nicht so spannend.«, flüsterte Nik drängelnd in die Stille hinein. »Opa hat uns das Bett nicht nur zum Schlafen gebaut.«
Ja, der Opa der Zwillinge war schon ein besonderer Mann gewesen. Er war Erfinder, Tüftler und Bastler ein einem. Über viele Monate hatte er an diesem Etagenbett gebaut, bis es etwas Einzigartiges dabei entstanden war. Er hatte es wirklich nicht nur zum Schlafen gebaut. Es hatte nkch ein paar zusätzliche Spielereien bekommen, die die beiden Kinder regelmäßig nutzten, wovon ihre Eltern aber nichts wussten. Und in dieser Nacht vor dem Heiligen Abend würden die Zwillinge wieder davon Gebrauch machen.
Nele drückte endlich auf den roten Knopf. Unter der Matratzebegann es zu Surren und zu Brummen. Man konnte leises Klickenmund Klacken hören, vermischt mit leisem Zischen und Pfeifen.
Dann schoben sie rundherum vier große, durchsichtige Scheiben von unten nach oben und schlossen das Bett luftdicht ab. Gleichzeitig öffneten sich die beiden Türen zum Balkon. Das Bett erhob sich ein paar Zentimeter vom Boden, schwebte nach draußen und flog dem Himmel entgegen.
»Wo geht es hin?«, fragte Nele.
Nik holte ein dickes Buch unter der Bettdecke hervor – seinen Sternenatlas – und blätterte durch die Seiten, bis er das Gesuchte fand und den Zeigefinger drauf legte.
»Zum Weihnachtsstern. Wir schauen nach, wie hell er leuchtet.«
Nele juchzte erfreut. Dann drückte sie ein weiteres Mal auf den roten Knopf. Das Bett beschleunigte, wurde schnell und raste den unendlichen Weiten des Weltraums entgegen.

Der Flug war, wie in fast jeder Nacht, sehr ereignisreich. Die Zwillinge winkten dem Mann im Mond zu. Sie verwirrten die Astronauten in der Raumstation, die nicht glauben wollten, dass Etagenbetten fliegen konnten. Außerdem machten sie mit mehreren Raumschiffen ein lustiges Wettrennen vom Mars bis zum Saturn, bevor sie am eigentlichen Ziel ankamen – dem Weihnachtsstern.
Jedenfalls dachten die Geschwister, dass sie den Weihnachtsstern erreicht hätten. Irgendwas stimmte aber nicht.
»Sind wir hier wirklich richtig?«, fragte Nik unsicher. »Es ist so dunkel. Man sieht nicht mal seine Hand vor Augen. Hier kann sich unmöglich der helle Weihnachtsstern befinden. Wir müssen am Pluto falsch abgebogen sein.«
Selbst Nele, die sich immer um den Flugkurs kümmerte, hatte das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.
»Es ist aber auch gar nichts zu sehen. So extrem leer ist der Weltraum nur selten. Hol doch mal deine Taschenlampe raus und mach Licht.«
Nik schlug die Bettdecke zur Seite, tastete sich im Dunkeln über die Matratze, bis er sie gefunden hatte. Dann schaltete er die Taschenlampe an und leuchtete einmal im Kreis.
»Moment mal. Da war was.«
Nele hatte etwas im Licht gesehen. Ihr Bruder schwenkte zurück. Einen Moment später entdeckten sie vor sich einen dunklen Felsklumpen, der sich in einer finsteren Ecke des Weltalls versteckte.
»Ist das etwa …?«, grübelte Nik.
»Nein.«, war sich Nele sicher. »Das kann doch gar nicht sein. »Oder vielleicht doch?«
»Es ist tatsächlich der Weihnachtsstern.«, flüsterten sie sich gleichzeitig zu.
Der dunkle Klumpen musste die Kinder gehört, denn er drehte sich nun langsam um und sah die beiden aus trüben Augen traurig an.
»Ja, der bin ich. Ich bin der Weihnachtsstern, der vor über zweitausend Jahren den drei heiligen Königen den Weg zum Stall von Bethlehem gezeigt hat.«
Er seufzte laut. Eine dicke Träne kullerte vom seinem Auge nach unten.
»Aber das ist alles so lange her. Die Könige sind schon tot. An diese Geschichte bestimmt keiner mehr. Man hat mich vergessen. Wer weiß  denn heute noch, was Weihnachten überhaupt ist? Lasst mich einfach hier in der Einsamkeit des Weltalls allein. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, nicht mehr gebraucht zu werden.«
Die Geschwister schüttelten den Kopf.
« Das können wir unmöglich zulassen. Du wirst noch gebraucht.«, sagte Nele bestimmt.
»Gebraucht? Bist du dir da wirklich sicher? Wofür? Ich tauge nicht als Schreibtischlampe. Dafür bin ich zu groß. Nein, nein. Ich bin hier in der Dunkelheit viel besser aufgehoben. Hier störe ich niemanden und falle auch nicht zur Last.«
»So schlimm ist es eigentlich gar nicht.«, versuchte Nik zu trösten. »Auf der Erde kennt man den Weihnachtsstern – kennt man dich. Man erinnert sich an dich. Viele Menschen mögen vielleicht vergessen haben was Weihnachten wirklich ist und was dundazunbeigetragen hast. Aber man kennt dich. Komm doch einfach mit uns mit. Du könntest in den Köpfen der Menschen etwas verändern?«
»Meint ihr wirklich? Ich weiß nicht. Eigentlich bin ich auch nur ein einfacher Stern unter vielen anderen. Ich würde mit den anderen am Himmel stehen, leuchten und niemand würde mich beachten. Ich sollte hier bleiben.«
Nele verdrehte die Augen. Dieser Weihnachtsstern war noch viel schwieriger zu überzeugen als ein störrischee Esel.
»Wenn du nicht mit uns kommst, wirst du nie erfahren, ob man dich wirklich vergessen hat oder das es so ist, wie wir dir erzählt haben.«
Der Stern seufzte. »Ich kann es ja mal versuchen. Wenn mich dann wirklich niemand mehr kennt, kehre ich einfach in meine dunkle Ecke zurück.«
Und so geschah es dann auch. Der Weihnachtsstern hielt sich am Etagenbett fest. Nele drückte auf den großen, roten Knopf und setzte es damit in Bewegung. Zu dritt machten sie sich auf den Rückflug zur Erde.

Etwas später hatten sie ihren Heimatplaneten erreicht. Da schon viel Zeit vergangen war, würde schon bald die Sonne aufgehen. Der Morgen wartete bereits auf seinen Auftritt und die ersten Menschen gingen bereits die Straßen entlang.
»Seht ihr.«, sagte der Stern traurig. »Niemand beachtet mich. Man hat mich also doch vergessen. Ich hab es von Anfang an gewusst.«
Nik schüttelte den Kopf und tippte dem Stern auf die Schulter.
»Dass dich niemand beachtet liegt bestimmt daran, dass du vergessen hast zu leuchten.«
Nun fiel es dem Stern auch auf. Er knipste sein Licht an, schickte es schwach und zaghaft zur Erde hinab, auf der es kaum zu erkennen war. Er gab sich viel Mühe, es stärker leuchten zu lassen, aber das war gar nicht so einfach.
In diesem Moment sahen ein paar Menschen zum Himmel hinauf. Sie entdeckten zwischen all den Sternen am Firmament einen, den sie noch nie zuvor gesehen hatten.
»Ist das etwa …?«, fragten sie sich.
»Kann das wirklich sein? Ist der Weihnachtsstern zu uns zurück gekehrt?«
Immer mehr Menschen kamen zusammen, sahen in den Himmel, redeten miteinander und waren sich sehr schnell einig, dass es sich bei dem schwachen Licht tatsächlich nur um den Weihnachtsstern handeln konnte. Sie waren sich aber auch einig, dass er traurig und glanzlos aussah.
»Da muss man doch was tun. Wir müssen ihm helfen.«
Die Menschen liefen zur nächsten Kirche und klopften an die Eingangstüren, bis ihnen geöffnet wurde. Sie ließen sich Gesangsbücher geben, mit denen sie wieder hinaus auf die Straße traten. Dort stimmten sie gemeinsam ein Lied an.
»Hört ihr das?«, war plötzlich der Weihnachtsstern hoch erfreut. »Sie singen ein Lied über mich. Das bedeutet, dass sie mich wirklich nicht vergessen haben. Man kennt mich noch.«
Sofort strahlte sein Sternenlicht heller. Es wurde sogar so hell, dass es das Licht der anderen Sterne überstrahlte. Es wurde so hell wie damals, als es den drei heiligen Königen den Weg zu Bethlehems Stall wies.
»Vielen Dank ihr Beiden. Ohne euch wäre mir dieses große Glück zur Weihnachtszeit niemals geschehen.«
Und von da an kam der Stern jedes Jahr in der Weihnachtszeit zur Erde, um die Menschen mit seinem Licht zu erfreuen.

(c) 2016, Marco Wittler

540. Mäuse auf dem Mond

Mäuse auf dem Mond

Ein kleines Raumschiff flog durch die Unendlichkeit des Alls. Nur wenn man wirklich richtig hinsah, hätte man es entdecken können. Für alle anderen war es praktisch unsichtbar, denn es war sehr, sehr klein. In ihm flogen Mäuse durch den Weltraum. Und so konnte es sich völlig unbemerkt der Erde nähern.
»Wir sind bald zu Hause, Captain.«, erklärte der Steuermann. »In zwei Stunden landen wir wieder auf der Erde.«
Der Captain nickte und seufzte laut.
»So lange dauert’s noch?«
Eigentlich wusste er ganz genau, wie lange es bis zur Landung dauern würde. Aber das half ihm auch nicht weiter, denn sein Magen knurrte schon so laut, dass man ihn im ganzen Raumschiff hören konnte.
»Gibt es unterwegs noch einen Schnellimbiss?«, fragte der Captain seine Leute.
»Hier im Weltraum? Hier gibt es nichts. Absolut nichts.«, antwortete der Steuermann.
Auch das wusste der Captain leider nur zu gut.
»Ich habe aber trotzdem Hunger. Ich werde garantiert verhungert sein, bis wir zu Hause sind. Schaut mich doch mal an. Ich bin nur noch Haut und Knochen.«
Er zog an seinem Fell, um zu zeigen, wie ernst es ihm war. Sein dicker Bauch half dabei allerdings nicht mit.
»Ist denn wirklich nichts mehr in unserer Küche?«
Der Mäusekoch schüttelte den Kopf. »Wir haben auf unserer langen Reise alles aufgebraucht. Das ist doch auch der Grund, warum wir jetzt nach Hause fliegen. Ich kann dir nur noch eine Banane anbieten. Aber gegen die bist du leider allergisch.«
Der Captain nickte und seufzte noch einmal so laut er nur konnte. Dann fiel sein Blick auf den großen Bildschirm vor sich, auf dem die Erde langsam größer wurde.
»Moment mal.«
Der Captain sprang aus seinem Sessel auf.
»Ich hab da eine Idee.«
Schnell lief er auf den Bildschirm zu und zeigte mit dem Finger darauf.
»Was ist das hier?«
»Das ist der Mond.« erklärte der Steuermann. »Ist aber gerade nur als Sichel zu sehen.
»Das ist die Idee. Wir landen auf dem Mond.«
Der Captain streichelte sich über seinen Bauch und schleckte sich über seine Lippen. Er hatte schon immer wissen wollen, ob der Mond aus Käse bestand, wie immer behauptet wurde.

Ein paar Minuten später landete das Raumschiff der Mäuse auf dem Mond.
»Hier sind wir richtig.«, war der Captain begeistert.
»Los! Schlagt euch die Bäuche voll und futtert den Mond auf. Es ist genug für alle da.«
Die Mäuse verließen ihr Raumschiff und mampften los. Der Mond schmeckte so herrlich nach Gouda, Gorgonzola, Edamer und Emmentaler. An jeder Ecke gab es einen anderen Geschmack.
Die hungrigen Mäuse futterten, bis der Mond komplett aufgegessen war. Dann betraten sie wieder ihr Raumschiff und machten sich auf den Weg zur Erde.
»Was machen wir denn jetzt mit dem Mond?« fragte der Steuermann.
»Wir haben ihn aufgegessen. Die Menschen werden sich bestimmt wundern, wenn sie ihn in der Nacht nicht sehen können.«
»Keine Sorge.«
Der Captain grinste und warf die Banane aus dem Fenster.
»Die Banane hat die gleiche Form wie der Mond. Das wird bestimmt funktionieren.«

Es funktionierte tatsächlich. Die Menschen sahen, wie in jeder Nacht, hinauf zum Himmel und erfreuten sich am Mond. Dieses Mal wunderten sie sich aber und fragten sich, warum er nicht mehr weiß, sondern gelb leuchtete.

(c) 2015, Marco Wittler

382. Kampf im All

Kampf im All

Captain Tommi zog sich langsam seinen Raumanzug an. Es sollte nur noch wenige Minuten dauern, bis er die Sicherheit seines Raumschiffs verlassen sollte. Dann würde er in der Unendlichkeit des Weltalls, weit weg von Planeten und Sternen durch die Schwerelosigkeit schweben.
Noch ein letztes Mal überprüfte er seine Ausrüstung, bevor er den Helm aufsetzte.
»Alles an seinem Platz.«, murmelte er zufrieden und schnallte sich seinen Rucksack um.
Mit schweren Schritten stapfte er die Gänge entlang und betrat schließlich die Luftschleuse. Die erste Tür schloss sich hinter ihm. Mit einem leisen Zischen wurde die Luft aus dem kleinen Raum heraus gesaugt. Dann öffnete sich die zweite Tür und gab den Blick auf das wunderschöne Sternenmeer frei. Es sah aus, als hätte jemand mit kleinen Nadeln Löcher in ein Zelt gestochen.
Captain Tommi stieß sich ab und schwebte hinaus. Zur gleichen Zeit kamen ihm weitere Astronauten aus anderen Raumschiffen entgegen. Er und zehn weitere trugen weiße Raumanzüge. Sie versammelten sich und sahen sich nun elf Gegnern gegenüber, die rot gekleidet waren.
»Also Leute.«, sprach Tommi über sein Funkgerät.
»Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Wir werden sie fertig machen. Wir lassen keine Gnade walten. Selbst wenn sie darum betteln, dass wir sie verschonen sollen, machen wir weiter bis zum Schluss.«
Sie waren sich einig und setzten grimmige Gesichter auf, während der Captain seinen Rucksack öffnete und eine Kugel daraus hervor holte.
»Wir greifen an.«, rief er. Dann gab er seinem Fußball einen Tritt und schwebte ihm sofort nach.
Die rote Mannschaft setzte sich nun auch in Bewegung. Sie schalteten ihre Raketenrucksäcke ein und stürzten sich auf den Ball. In den unzähligen Raumschiffen, die am Rande des Spielfeldes schwebten, sahen viele Zuschauer zu und feuerten ihre Teams begeistert an.
Hin und her ging der Ball, mal nach links und mal nach rechts. Wenn ein Spieler nicht richtig aufpasste, konnte er sogar nach oben und unten weg.
Zuerst sah es sehr gut für die Roten aus. Sie kamen dem Tor immer näher. Sie schossen eine Attacke nach der anderen, aber der Torwart konnte sie immer im letzten Augenblick abwehren. Doch dann schnappte sich Captain Tommi den Ball. Er stürmte unerwartet schnell auf seine Gegner zu, umspielte sie mit Leichtigkeit und schoss das entscheidende Tor in allerletzter Sekunde, bevor der Schiedsrichter das Spiel abpfiff.
»Wir haben gewonnen.«, freuten sich die weißen Astronauten.
Zufrieden schwebten sie zurück in ihre Raumschiffe und flogen mit ihnen nach Hause in die große Spielzeugkiste.
Der kleine Tommi grinste zufrieden. So viel Spaß hatte er mit seinen neuen Legofiguren noch nie gehabt. Das wollte er unbedingt beim nächsten Mal mit seinem besten Freund wiederholen.

(c) 2012, Marco Wittler

380. Das kleine Mädchen vom anderen Stern

Das kleine Mädchen vom anderen Stern

Das kleine Mädchen saß auf seiner grünen Welt und sah zum dunklen Sternenhimmel hinauf. Über ihr glitzerten unzählige kleine helle Punkte.
»So viele Sterne.«, staunte es dann immer wieder.
Doch an diesem Abend entdeckte es etwas Neues. Ein neuer Stern war dort oben erschienen.
»Nanu? Wer bist du denn?«, wollte das kleine Mädchen wissen.
In ihrer Neugier holte es ein Fernrohr aus seiner Tasche und besah sich den Neuling genau.
»Oh, ist das eine schöne Welt.«, begann es sofort zu schwärmen.
Es hatte einen kleinen Planeten entdeckt, der von grünen Erdteilen und noch mehr blau glitzerndem Wasser bedeckt war.
»Wie gerne würde ich dort hin reisen und mich einmal umschauen. Es muss ein richtiges Paradies sein.«
Es überlegte, wie es die weite Reise schaffen könnte. Es dauerte eine ganze Nacht und einen weiteren Tag, bis ihm eine Idee in den Kopf kam.
Das Mädchen lief in sein kleines Haus und holte einen bunten Sonnenschirm hervor.
»Los, Wind, blase. Puste mich hinauf in den Himmel zu dieser paradiesischen Welt.«
Es spannte den Schirm auf, hielt ihn hoch und wurde sogleich von einem Windstoß ergriffen und hinweg geweht.
Die Reise war anstrengend und lang. Das Mädchen musste ständig aufpassen, den Stock seines Schirm nicht loszulassen. Doch dann hatte sie die Welt mit den grünen Erdteilen und blauen Ozeanen erreicht.
Die kleinen Füße des Mädchens landeten auf frischen, grünen Grashalmen, die unter der Sohle kitzelten.
»Es ist wirklich schön hier. Aber dieses Paradies ist viel größer als meine Welt und scheint viele schöne Geheimnisse für mich bereit zu halten.«
Es sah sich um und entdeckte schon mit dem ersten Blick unzählige Pflanzen, Büsche, Bäume und Kräuter, die es noch gar nicht kannte. Fröhlich begann es über die Wiese zu tanzen. Doch nach ein paar Metern blieb es überrascht stehen, als es unter seinen Füßen etwas anderes spürte.
»Oh, nein, was ist denn das?«
Eine braune, stinkende Masse klebte unter beiden Füßen. Das Mädchen war in einen großen Hundehaufen getreten.
»Das ist ja eklig.«
Es sah sich um und entdeckte weitere Häufchen in verschiedenen Größen.
»Macht denn hier niemand sauber?«
Angewidert öffnete es seinen Schirm und ließ sich ans Meer tragen. Doch als es sich dort umsah, war es schockiert.
»Was ist denn das für ein Dreck?«
Schwarze Teerklumpen schwappten auf dem Wasser und wurden mit jeder Sekunde ans Ufer gespült.
»Wo kommt das denn alles her?«
Mitten auf dem Meer entdeckte das Mädchen eine große Fabrik.
»Das ist eine Ölbohrplattform.«, erklärte ein alter Mann, der gerade über eine Düne ans Wasser gekommen war.
»Sie holen das Öl aus der Erde und machen daraus Benzin, Plastik, Farben und viele andere nützliche Dinge. Das haben sie uns immer erzählt. Aber seit dieses Ungetüm dort steht, hat es alle Strände in der Umgebung mit seinem Dreck verseucht.«
Der alte Mann sah müde und enttäuscht aus.
»Aber wie könnt ihr das nur mit eurer Welt machen? Liebt ihr sie denn nicht?«, wollte das Mädchen erbost wissen.
Der Alte zuckte mit den Schultern und bat das Mädchen, ihm zu folgen. Hinter den Dünen zeigte er ihr eine große Deponie.
»Wir Menschen haben wohl aufgehört, an unsere Welt zu denken, denn wir denken nur noch an uns selbst. Alles, was wir nicht mehr brauchen, und das ist sehr viel, werfen wir weg. Die Dinge werden an Orten, wie diesem gesammelt. Irgendwann schütten sie Erde darüber und vergessen, was sie hier angestellt haben. Alles andere wird verbrannt und verpestet unsere Luft.«
Das hatte das Mädchen auch schon festgestellt. Seit sie auf diesem falschen Paradies angekommen war, kratzte es seltsam in ihrem Hals und es musste ständig husten.
»Die Abgase von den Autos und den Fabriken steigen in die Luft auf. Dadurch wird es immer wärmer. Eines Tages, so sagen unsere Wissenschaftler, wird das Eis unserer Pole schmelzen und die Küstenländer überschwemmen und weg spülen. Aber daran sind wir alle selbst schuld, weil uns die Welt egal geworden ist.«
Der alte Mann seufzte traurig und wollte dem Mädchen noch andere Dinge zeigen. Aber es hatte genug gesehen. Auf so einer schmutzigen Welt wollte es keine weitere Minute ihres Lebens verbringen. Es verabschiedete sich, klappte den Sonnenschirm auf und flog wieder zurück nach Hause.
Auf dem Heimweg dachte es voller Zorn an die Menschen dieser einstmals schönen Welt, wie verschwenderisch und gedankenlos sie damit umgingen.
»Wie schön, dass das Wasser steigen und dann alles fort spülen wird. Vielleicht bekommt diese Welt dann noch einmal die Chance neu anzufangen.«
Doch dann verflog dieser Zorn und das Mädchen wurde sehr traurig. Es dachte an die Menschen, die ihre Heimat verlieren würden. Es sah noch einmal zurück und entdeckte ein paar Kinder, die traurig aus den Fenstern sahen. Sie hatten bestimmt keine Schuld daran, wie verkommen ihre Welt geworden war.
»Ich werde bald zu euch zurück kommen. Und dann werde ich euch helfen, euren schönen blauen Planeten in ein Paradies zurück zu verwandeln.«
Als das Mädchen wieder auf seiner kleinen grünen Welt landete, hatte es bereits eine neue Idee im Kopf. Es holte einen Beutel aus seinem Haus und stopfte ihn mit Pflanzensamen voll.
»Ich werde mit den Kindern dieser Welt neu anfangen. Wir werden gemeinsam neue Blumen, Büsche, Bäume und Kräuter pflanzen.«
Fröhlich singend tanzte es dann über seine Wiese und freute sich bereits auf seinen nächsten Besuch auf der grünen und blauen Welt.

(c) 2011, Marco Wittler

347. Chiara fliegt ins All

Chiara fliegt ins All

Der Weltraum war endlich zu sehen. Nachdem die Sonne unter gegangen war, leuchteten nun die Sterne auf die Erde herab. Es waren so viele, dass man sie nicht hätte zählen können.
»Dort hinauf soll es gehen.«, sagte Chiara jeden Abend, bevor sie zu Bett ging.
»Ich will andere Planeten besuchen und Freundschaft mit den Außerirdirschen schließen.«
Diesen Traum hatte sie, so lange sie denken konnte. Jeden Abend sprach sie ihn laut aus. Dann zog sie das alte, verwaschene T-Shirt mit den Raumschiffen an und schlüpfte damit unter ihre Decke.
»So eine Reise in den Weltraum stelle ich mir spannend und aufregend vor.«, schwärmte sie ihrem kleinen Bruder vor, während sie durch das Fenster zum unendlichen Sternenmeer hinauf blickte.
Ihr Bruder lachte dann immer. Seiner Meinung nach würde sie niemals die Erde verlassen. Chiara war da aber ganz anderer Meinung.
»Eines Tages werde ich dort hin reisen, selbst wenn ich dafür mein eigenes Raumschiff bauen muss.«
Bei diesen Gedanken schlief sie dann langsam ein.

Eines Tages spielten die beiden Geschwister im Garten. Chiara saß im Sandkasten, während ihr Bruder auf der Schaukel saß.
Plötzlich stieß Chiara mit der Schaufel auf etwas Hartes.
»Huch. Was ist denn das?«, wunderte sie sich.
Vorsichtig buddelte sie weiter. Sie entdeckte ein kleines Kästchen aus Metall. Es blitzte und blinkte im hellen Sonnenschein. Schnell ließ sie es in ihrer Tasche verschwinden, um es vor ihrem Bruder zu verstecken. Doch dieser war viel zu sehr beschäftigt und hatte nichts gesehen.
»Ich gehe hinein in mein Zimmer.«, sagte sie Mama und verschwand im Haus.
Ein paar Minuten später saß sie auf ihrem Bett und besah sich das Kästchen von allen Seiten. Nirgendwo war ein Schloss oder ein Knopf zum Öffnen zu finden.
»Irgendwo muss das doch gehen.«
Sie versuchte es mit allen Tricks. Aber nicht einmal ein Schraubendreher konnte helfen.
»Dabei bin ich doch so neugierig, was darin steckt.«
Genau in diesem Moment öffnete sich das Kästchen und eine sanfte Frauenstimme erklang.
»Die Neugierde des Menschen ist es, die ihn immer wieder zu neuen Abenteuern und Expeditionen aufbrechen lässt. Sie beflügelt seinen Geist und treibt ihn an, Neues zu entdecken. Und weil du ebenfalls ein neugieriger Mensch bist, hast du es geschafft, das Kästchen zu öffnen.«
Chiara bekam große Augen. Sie hatte das Rätsel gelöst, stand dafür aber vor einem Neuen.
»Und was fange ich jetzt mit dir an?«
Das Kästchen wusste natürlich sofort eine Antwort auf diese Frage.
»Mit mir zusammen wirst du alle Grenzen der Menschheit hinter dir lassen und auf eine kleine abenteuerliche Reise gehen. Sieh in mich hinein.«
Chiara sah natürlich sofort hinein und entdeckte im Innern ein winzig kleines Raumschiff, welches zwischen noch kleineren Sternen schwebte.
»Bring das Raumschiff nach draußen und es wird dich dafür zu den Sternen fliegen.«
Die Freude war riesig. Chiara lief zurück in den Garten. Ihr Bruder und Mama waren ins Haus gegangen. Sie war also ganz ungestört. Vorsichtig holte sie das Raumschiff aus dem Kästchen und stellte es auf den Boden. Von diesem Augenblick an vergrößerte es sich. Es wuchs, bis es etwa zwei Meter lang war.
Chiara öffnete die Tür und stieg ein. Um sie herum blinken viele kleine Lichter.
»Oh je, so viele Knöpfe. Was passiert, wenn ich den falschen drücke?«
Aber dann fand sie einen ganz großen, auf dem das Wort ›START‹ in großen Buchstaben geschrieben war.
Ohne zu zögern drückte sie ihn und das Raumschiff hob langsam vom Boden ab. Es schwebte höher und höher. Schon bald war es am Hausdach vorbei. Als es schließlich die Wolken erreichte, blieb es in der Luft stehen.
»Warum geht es denn nicht weiter?«, fragte Chiara enttäuscht.
»Suche ein Ziel aus.«, sagte die sanfte Stimme.
Chiara dachte nach und wählte den Mond.
»Ich möchte einmal um ihn herum fliegen.«
Und so geschah es auch. Das Raumschiff gab nun Gas. Schneller als jedes Auto, jeder Eisenbahnzug oder jede Rakete düste es auf das Ziel zu. In Windeseile, es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, erreichte es den Mond.
»Der Mond.«, sagte wieder diese Stimme.
»Er umkreist in nahezu achtundzwanzig Tagen einmal die Erde. Seine Oberfläche ist von vielen kleinen und großen Kratern übersät, die alle durch Meteoriteneinschläge entstanden sind. Er hat keine Atmosphäre wie die Erde. Daher können Menschen auf ihm nicht atmen. Ein Leben auf ihm ist daher nicht möglich.«
Die Stimme erklärte noch viele andere Dinge. Chiara hörte nur zu gern zu, während sie sich alles ganz genau ansah. Sie flog ganz dicht über der Oberfläche hinweg, sah eine alte, amerikanische Flagge, die Astronauten vor vielen Jahren in den Staub gesteckt hatten und auch ein Auto, mit dem sie dort umher gefahren waren.
Sie sah auf ihre Uhr und erschrak.
»Gleich gibt es Abendbrot. Die Mama wird bestimmt sauer, wenn ich nicht pünktlich zu Hause bin.«
Und schon drehte das kleine Raumschiff um und flog zurück zur Erde. Keine fünf Minuten später landete es dort, wo es vorher gestartet war – hinter dem Haus im Garten.
Als Chiara ausgestiegen war, schrumpfte das Raumschiff. Nach wenigen Sekunden passte es wieder in das glänzende Kästchen.
»Ich werde bestimmt öfter in den Weltraum fliegen.«, sagte Chiara zu sich selbst, während sie das Haus betrat.
»Ich bin schon gespannt, was ich noch alles entdecken werde.«

(c) 2010, Marco Wittler

261. Was ist Spaß?

Was ist Spaß?

Tim saß gelangweilt vor dem Fenster. Es regnete ohne Pause. Die Tropfen prasselten sekündlich gegen das Glas.
»Das ist so unfair.«, murmelte er vor sich hin.
»Ich wollte doch heute mit meinem neuen Fahrrad über den Spielplatz fahren.«
Er seufzte.
In diesem Moment durchbrach ein helles Licht die grauen Wolken. Zuerst hoffte Tim, dass die Sonne durchkommen würde. Doch stattdessen erschien ein silbrig glänzendes Raumschiff das direkt auf der anderen Straßenseite landete und das Gras platt drückte.
Ein paar Sekunden später öffnete sich eine Tür und ein kleiner Raumfahrer stieg aus.
Tim drückte sich die Nase am Fenster platt. So etwas hatte er noch nie gesagt.
»Ich dachte, es gibt keine Ufos.«
Kaum hatte er seinen Satz beendet, sah der Raumfahrer zum Kinderzimmer herauf und winkte.
Tim war erstaunt. Zuerst wollte er sich verstecken, doch dann war seine Neugier geweckt. Er winkte zurück und ging nach draußen.
»Hallo, Junge von der Erde.«, sagte der Besucher.
»Mein Name ist Bomm und ich habe einen Auftrag zu erfüllen.«
Tim stellte sich ebenfalls vor und schüttelte dem Raumfahrer die Hand.
»Ich helfe dir gern, wenn ich es kann.«
Sie setzten sich auf die Eingangstreppe des Ufos und redeten.
»Mein Volk beobachtet euch schon sehr lange. Aber es gibt etwas, das wir nicht verstehen. Was ist Spaß? Warum lacht ihr? Das kennen wir auf unserem Planeten einfach nicht.«
Tim war verwirrt. Ein Planet, auf dem nicht gelacht wird? Das konnte er sich gar nicht vorstellen.
Der Junge überlegte kurz und begann einen Witz zu erzählen, doch irgendwie schien der Außerirdische diesen nicht zu verstehen. Er verzog nicht eine Miene und blieb so ernst wie zuvor.
»Vielleicht sollten wir zusammen einen Comic lesen.« Also liefen sie zum nächsten Buchladen und schauten sich viele bunte Bildergeschichten an. Leider war auch dieser Versuch vergeblich.
»Wir haben auf der Erde lustige Filme, über die man viel lachen kann.«
Tim nahm seinen Besucher mit ins nahe Kino. Sie setzten sich mitten ins Publikum. Rundherum lachten die Menschen mindestens einmal pro Minute. Doch der Raumfahrer blieb still.
»Das wird ja schwieriger als ich dachte.«, sagte Tim verzweifelt.
Sie verließen den Vorführraum und gingen zurück auf die Straße. Tim grübelte weiter, was er noch alles anstellen könnte, um auch nur ein müdes Lächeln im Gesicht seines Lachschülers zu erzeugen. Dabei war er so konzentriert, dass er nicht darauf achtete, wohin er seine Füße setzte. Der nächste Schritt endete auf einer Bananenschale.
Tim rutschte aus und stürzte der Länge nach hin. In seiner Verzweiflung wollte er sich an etwas festhalten und riss dabei einen Prospektständer um. Das viele Papier flog im hohen Bogen durch die Luft und Tim landete platschend in einer großen Pfütze. Das Wasser spritzte in alle Richtungen und machte drei Frauen nass, die gerade das Kino betreten wollten.
In diesem Moment ertönte ein lautes Lachen. Es war der Außerirdische, der sich den Bauch halten musste.
»Das findest du also witzig?«, fragte Tim sauer.
Doch dann sah er, was gerade geschehen war. Sein Besucher hatte das Lachen gelernt.
»Weißt du was? Das war wirklich lustig.«
Während sie nach Hause gingen, lachten sie ohne Pause, dafür aber um die Wette.

(c) 2009, Marco Wittler

257. Ein Außerirdischer im Tierheim (Tierheimgeschichten 7)

Ein Außerirdischer im Tierheim

Es war ein Tag wie jeder andere auch. Die Sonne war am Morgen aufgegangen, einzelne Wolken zogen über den Himmel hinweg und im Hof standen ein paar Schneemänner zusammen und wärmten sich gegenseitig.
Trotzdem musste es ein besonderer Tag sein, denn im Kalender war etwas eingetragen worden: »Rosenmontag« las Hund Rufus laut vor, während sich die anderen Tiere um ihn scharrten.
»Was ist denn ein Rosenmontag?« wollten die Katzen wissen.
Rufus richtete sich auf versuchte, klug auszusehen,
»Ist doch ganz klar.« begann er zu erklären. »Am Rosenmontag gehen die Menschen in die Gärten und pflücken Rosenblüten, um sich gegensetig damit zu beschenken.«
Eines der kleinen Katzenkinder, die auf der Fensterbank saßen, blickte nach draußen und schüttelte den Kopf.
»Es ist Winter. Die Rosen haben jetzt gar keine Blüten. Der Rosenbusch am Eingang ist jedenfalls kahl.«
Hätte Rufus kein dichtes Fell gehabt, wäre er jetzt ganz rot im Gesicht geworden.
»Ich hab mir nur versprochen.« redete er sich raus. »Am Rosenmontag werden natürlich neue Rosen gepflanzt. Jeder Mensch bringt einen neuen Busch mit und setzt ihn in die Erde. Das ist schon lange Tradition. Ihr werdet es heute selbst sehen.«
In diesem Moment kamen die Tierheimleiterin und ihre helfenden Hände. Es wurde Zeit, die Tiere zu füttern.
»Was ist denn jetzt los?« wunderten sich die Katzen und drückten sich ihre kleinen Nasen an den Fenstern platt.
Die Menschen sahen anders aus als sonst. Da waren Piraten, Cowboys, Prinzessinnen, Astronauten und mehr.
»Bist du sicher, dass man am Rosenmontag neue Rosen pflanzt?« wurde Rufus gefragt, der sich nun auch nicht mehr sicher war und einen neuen Blick auf den Kalender warf.
»Jetzt fällt es mir ein. Es ist Karneval. Die Menschen verkleiden sich dann jeden Tag und feiern von früh bis spät. Mein Opa hat mir mal erzählt, dass sie damit böse Geister und den Winter vertreiben wollen.«
Er lachte laut.
»So in Bödsinn. Die Menschen glaube echt an viele verrückte Sachen. Dabei weiß doch jedes Tierkind, dass man böse Geister nur mit lustigen Liedern vertreiben kann.«
Die Tür zu den Tierunterkünften öffnete sich. Es war Zeit für das Frühstück. Verkleidete Menschen kamen herein und brachten die Futternäpfe.
»Hilfe! Wir werden überfallen.« fürchteten sich die Katzenkinder, als sie Einbrecher und Piraten vor sich sahen.
Rufus musste grinsen. Er wusste genau, dass niemand Angst haben musste. Seine gute Spürnase hatte ihm schon längst gesagt, dass es sich um die selben Menschen handelte, die jeden Tag zu ihnen kamen. Nur ein einziger schien nicht hierher zu passen. Ein kleiner grauer Außerirdischer mit riesigem Kopf und großen, runden Augen stand dabei und sah sich alles ganz interessiert an. Immer wieder griff er zu einem kleinen Gerät und machte Bilder von den verschiedenen Tierarten.
Als schließlich der letzte Futternapf abgestellt worden war und die Menschen wieder nach draußen gegangen waren, stand nur noch der Außerirdische zwischen den Tieren.
»Unglaublich!« rief er begeistert. »Ich hätte niemals gedacht, dass es auf der Erde so viele verschiedene Lebewesen gibt. Nirgendwo im Universum habe ich das so erlebt. Euch geht es auf eurer Welt wirklich richtig gut. Das ist ein richtiges Paradies.«
Er hüpfte vor Freude auf und ab. Immer wieder machte er Bilder von den Tieren und streichelte sie.
Die Tiere sachen sich verwirrt an. Ein Außerirdischer? Im Tierheim? Ein echter Außerirdischer?
Sie fingen an laut zu lachen. So einen Blödsinn konnte man doch gar nicht glauben.
»Ein richtig tolles Kostüm.« lobte Rufus. »Aber die Geschichte dazu glauben wir dir trotzdem nicht.«
Der Außerirdische zuckte mit den Schultern. »Ich habe schon befürchtet, dass mir niemand glauben wird. Aber das ist schon in Ordnung. Ich habe auf eurer Erde ganz viel erlebt und davon werde nun meinem eigenen Volk berichten.«
Er winkte noch einmal zum Abschied und ging nach draußen.
»Ein Außerirdischer.« Rufus schüttelte lachend den Kopf. »Das war das beste Karnevalskostüm, dass ich je gesehen habe.«
In diesem Moment hörten die Tiere ein lautes Geräusch. Neugierig sahen sie durch die Fenster auf die Straße und entdeckten eine silberne Untertasse, die gerade startete. Innerhalb weniger Sekunden flog sie zum Himmel hinauf und verschwand zwischen den Wolken. Hätte Rufus kein Fell gehabt, wäre er nun ganz weiß im Gesicht geworden.
»Der … der …. der war echt.« stotterte er. »Das glaub ich einfach nicht.«

(c) 2014, Marco Wittler