595. Wasserbomben

Wasserbomben

»Puh, ist das heiß heute.«, stöhnte Lena, die sich nur noch ungern bewegte.
»Warum muss das im Sommer bloß immer so heiß werden? Das ist doch nicht normal.«
Sie sah auf das Thermometer auf der Fensterbank.
»WAS? Draußen sind es fast vierzig Grad und hier drinnen schon zweiunddreißig? Wie soll ich das denn überleben?«
Mama zwang sich zu einem verschwitzten Lächeln.
Tut mir Leid. Aber unsere Dachgeschoßwohnung nimmt zu viel Wärme auf. Die anderen Wohnungen hier im Haus liegen alle unter uns und werden lange nicht so warm. Hätten wir einen Balkon, könnten wir es uns darauf gemütlich machen. Da weht wenigstens noch ein wenig frische Luft.«
Lena verzog das Gesicht. Ihr gefiel das heiße Wetter nicht. »Wenn wir wenigstens einen Garten hätten. Dann könnten wir da ein Planschbecken aufstellen und den ganzen Tag da drin liegen. Das wäre so toll.«
»Oder in ein Freibad gehen. Aber wir haben leider keines in der Nähe.«
Mama dachte nach. Dann stand sie seufzend auf und ging in die Küche. Eine Weile kramte sie den Schränken. Dann kam sie mit einem Stapel Schwammtüchern, Gummibändern und einer Schere zurück.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Lena neugierig wissen.
»Will du jetzt bei der Hitze das Wohnzimmer wischen?«
»Nee.«, antwortete Mama. »Ich werde uns jetzt was Erfrischendes basteln.«
Mama zerschnitt die Schwammtücher in mehrere gleich große Stücke, legte sie übereinander und band ein Gummi darum.
»Schon fertig.«
»Was ist das denn?«
»Wasserbomben. Die legen wir in einen Eimer und können uns gegenseitig damit bewerfen. Das macht Spaß und erfrischt.«
Mama grinste frech.
»Geh du doch schon mal nach draußen auf den Gehweg. Ich werf dir dann die Wasserbomben zu und lasse ein paar Eimer Wasser an einem Seil nach unten. Du kannst dann alles annehmen.«
Lena ließ sich nicht zweimal bitten. Sie zog sich ihre Sandalen an und lief sofort nach unten.
Kaum war sie angekommen, öffnete sich auch schon das Fenster und Mamas Kopf kam zum Vorschein.
»Achtung! Ich werfe jetzt!«
Schon flogen die Wasserbomben. Allerdings waren sie bereits mit Wasser getränkt. Nach wenigen Sekunden war Lena pitschnass.
»Du hast mich veräppelt!«, rief Lena. »Aber wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so heiß.«
Und dann kam Mama doch noch nach unten und lieferte sich mit ihrer Tochter eine große Wasserschlacht.

(c) 2017, Marco Wittler

591. Papa und der Regenmacher

Papa und der Regenmacher

Der Sommer war heiß. Zu heiß. Seit Wochen zeigte das Thermometer täglich mehr als dreißig Grad. Schon morgens begann man zu schwitzen, ohne sich zu bewegen.
Hannah hatte darauf keine Lust mehr. Sie wollte endlich Regen. Jetzt sofort. Wenigstens heute. Einmal nur. Danach durfte wieder die Sonne scheinen. Nur so heiß brauchte es nicht mehr werden.
Sie sah zum Himmel hinauf. Alles blau da oben. Keine einzige Wolke war zu sehen. Nicht einmal ganz weit hinten war eine zu entdecken. Es würde also wieder nicht regnen. Enttäuscht verzog sie den Mund und schmollte.
»Was ist denn los?«, fragte Papa neugierig.
»Mir ist so heiß. Ich will endlich Regen.«, antwortete Hannah.
»Hm.«, machte Papa und dachte nach. Er grübelte hin und her, bis er schließlich zu grinsen begann.
»Ich habe da eine Idee.«
Er ging in das kleine Gartenhaus, in dem sich seine Werkstatt befand. Dort suchte er sich ein langes Papprohr, eine große Schachtel mit Nägeln und ein paar alte Putzlappen.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Hannah wissen. »Damit bekomme ich auch keinen Regen.«
»Worum wollen wir wetten?«
Papa begann zu basteln. Nach und nach drückte er mit seinem Daumen die Nägel in die Röhre. Am Ende waren es bestimmt tausend Stück. Eines der offenen Enden verschloss er nun mit einem Lappen. Auf der anderen füllte er Reis, den Hannahs Bruder Tim inzwischen geholt hatte. Dann wurde auch diese Seite dicht gemacht.
»Was soll das sein?«, fragte Hannah.
»Das ist ein Regenmacher.«, antwortete Papa stolz. »Damit machen wir jetzt Regen.«
»Regen? Mit einem Papprohr? Das glaube ich dir nicht. Das kann nicht funktionieren.«
»Wollen wir wetten?«
Papa schob Hannah unter den großen Kirschbaum und setzte sie auf die Holzbank.
»Damit du nicht so nass wirst.«
Papa drehte den Regenmacher um. Der Reis prasselte nach unten. Es hörte sich tatsächlich wie Regen an. Nur Sekunden später begann es tatsächlich zu regnen. Hannah wurde pitschnass auf ihrer Bank.
»Hey!«, rief sie entsetzt und entdeckte Tim über sich auf einem Ast sitzend. Er hatte eine komplette Gießkanne über ihr ausgeleert.
» Toller Regenmacher. Wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so warm.«, lachte Hannah begeistert.

(c) 2017, Marco Wittler

514. Die dicke Hummel

Die dicke Hummel

Hannah sah in den Spiegel und seufzte. Ihr Po gefiel ihr nicht. Der war in ihren Augen viel zu dick. Der Bauch und die Beine aber auch.
»Warum musste ich bloß als Hummel zur Welt kommen?«
Sie blickte durch das Fenster nach draußen und sah die anderen Insekten, die bereits auf dem Weg zum Badesee waren.
»Die werden mich bestimmt wieder nur ärgern. Am Liebsten würde ich zu Hause bleiben.«
Aber dann klingelte es schon an der Tür. Der kleine Frosch wartete schon auf seine Freundin. Gemeinsam wollten sie den schönen Sommertag im Wasser verbringen.
»Ich bin gleich so weit. Gib mir noch fünf Minuten.« rief Hannah und zog sich schnell ihren Badeanzug an.

Kurz darauf machten sich die Beiden auf den Weg.
»Was ist denn mit dir los?« fragte der kleine Frosch nach ein paar Metern. »Die Sonne scheint, es ist schön warm, das Wetter könnte nicht besser sein und du schaust aus, als wäre bereits der Herbst ausgebrochen.«
Hannah seufzte laut, während sie gemeinsam den Strand betraten.
»Ach, es ist doch immer das Gleiche, wenn wir zum Baden gehen.«
Sie zeigte mit dem Finger auf ein paar der anderen Insekten, die sich bereits überall mit ihren Handtüchern verteilt hatten.
»Ich fühle mich hier einfach nicht wohl. Die anderen Insekten sind alle rank und schlank und posieren in ihren kleinen Bikinis. Und wenn ich dann mit meinem dicken Po hier auftauche, lachen sie alle über mich.«
Der kleine Frosch schüttelte den Kopf. »Das stimmt doch gar nicht. Das musst du dir einbilden. Und so dick bist du auch wieder nicht. Du würdest wenigstens nicht sofort verhundern, wenn der Winter überraschend vorbei kommt.« versuchte er zu scherzen. »Außerdem muss man bei den Wespen Angst haben, dass man sich durchbricht, wenn man sie zu fest an sich drückt.«
In diesem Moment kam auch gerade eine Gruppe zierlicher Wespen vorbei, die ihre Hände an den schmalen Taillen abstützten.
»Schaut mal, Mädels. Da kommt wieder fette Hummel. Passt bloß auf, dass ihr nicht zu nah neben ihr sitzt. Die wirft so viel Schatten, dass ihr keine Sonne mehr zum Bräunen bekommt.«
Dann gingen sich lachend weiter zu ein paar kräftigen Grashüpferjungs und tranken mit ihnen ein paar Gläser süßen Nektar.
»Sieht du, was ich meine?« beschwerte sich Hannah und wusste nicht, ob sie wütend oder traurig sein sollte.
Nun musste der kleine Frosch auch seufzen. Dass es so schlimm war, hatte er sich nicht gedacht.
Sie legten sich etwas abseits der anderen Tiere unter einen Busch und unterhielten sich, als plötzlich lautes Geschrei über dem Badesee ertönte.
»Was ist denn jetzt los?« Hannah sprang auf und sah sofort den Grund für den Tumult. Auf einem selbst gebauten Floß näherte sich eine dicke, fette Katze den badenden Tieren.
Nur die Wenigsten konnten flüchten, denn die kleinen Flügel der Insekten waren nass oder in den Trägern der Bikinis gefangen.
»Wenn jetzt kein großes Wunder geschieht, werden sie alle zu Katzenfutter.« rief der kleine Frosch entsetzt und verkroch sich vor Angst immer tiefer im Busch.
»Wir brauchen kein großes Wunder, nur einen dicken Hummelhintern.« war Hannah entschlossen und schlug mit ihren kleinen Fügeln.
»Was soll das werden?« fragte der kleine Frosch verzweifelt. »Du kannst den anderen nicht helfen. Deine Flügel sind viel zu klein zum Fliegen. Du bist zu schwer. Das habe ich in der Schule gelernt.«
Hannah verdrehte die Augen. »Davon habe ich noch nichts gehört.« antwortete sie nur und flog zur Katze.
»Verschwinde hier oder es wird dir etwas Schreckliches geschehen.« rief die Hummel.
»Hau ab oder ich fress dich gleich mit.« antwortete die Katze nur und ruderte weiter Richtung Strand.
Hannah wurde nun richtig wütend. Sie hörte auf zu fliegen und ließ sich fallen. Mit ihrem Po voran raste sie auf den See zu.
»Arschbombeee!« war das Letzte, was sie von sich gab, bevor sie in das Wasser eintauchte und die Katze nass spritzte.
»Iiiih! Hilfe! Das ist sooo nass!«
Voller Panik verlor die Katze das Gleichgewicht, fiel vom Floß und verschwand für ein paar Sekunden unter der Wasseroberfläche. Als sie wieder auftauchte, schwamm sie verzweifelt schnell an Land und verschwand auf nimmer Wiedersehen im hohen Gras.
Hannah schwamm gemütlich an den Strand, wo sie von einer jubelnden Menge empfangen wurde. Selbst die dürren Wespen kamen mit roten Köpfen zu ihr.
»Tut uns Leid, dass wir dich beleidigt haben.« entschuldigten sie sich und bedankten sich dafür, dass ihnen von einer Hummel das Leben gerettet wurde.
Von diesem Tag an wurde Hannah nie mehr geärgert. Irgendwann traute sie sich sogar selbst in einem Bikini an den Strand.

(c) 2015, Marco Wittler

468. Es geht wieder nach Hause

Es geht wieder nach Hause

Jonas war sauer. Heute sollte es nach Hause gehen. Aber er wollte nicht. Stattdessen wollte er lieber noch weiter am Meer Urlaub machen.
»Ich bleibe hier, egal, was ihr macht.«
Jonas stemmte die Hände in die Hüften und begann zu schmollen.
»Fahrt ruhig allein nach Hause. Solange es dort kein Meer, keinen Sand, keine Fische und Seesterne gibt, bleibe ich hier.«
Jonas setzte sich auf den Boden und wollte sich keinen Zentimeter mehr bewegen.
»Aber wir müssen doch jetzt nach Hause fahren, Schatz.«, sagte Mama.
»Der Papa muss doch Morgen wieder arbeiten und das Hotelzimmer ist dann schon für jemand anderen reserviert.«
»Das ist mir aber egal. Wenn ich kein Meer bekomme, dann bleibe ich hier.«
Jonas wusste ganz genau, was er wollte und das war auf keinen Fall eine Fahrt nach Hause.
»Ich habe da eine Idee.«, sagte Mama plötzlich und verließ das Zimmer.
»Ich komme gleich zurück. Wartet bitte auf mich.«
Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis sie wieder ins Zimmer kam. Jonas war mittlerweile so neugierig geworden, dass er es auf dem Fußboden nicht mehr aushielt. Ohne Pause lief er ständig im Kreis, blickte immer wieder auf seine Armbanduhr und fragte sich, was Mama wohl planen würde. Nun war sie endlich wieder da.
»Was hast du dir ausgedacht?«, überfiel Jonas sie.
»Das wirst du gleich sehen. Wir fahren jetzt nach Hause und du wirst bestimmt auch zufrieden sein.«
Sie winkte die Familie hinter sich her und nahm Jonas an die Hand. Gemeinsam verließen sie das Hotel und fuhren mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Dort wären Jonas beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen, als er die Tür zu seinem Sitzplatz geöffnet hatte.
»Was ist denn das?«, fragte er überrascht und bekam riesige Augen.
Unter Wagendecke hing ein Fischernetz in dem ganz viele Muscheln, Fische und Seesterne hingen. Es sah aus, wie in dem kleinen Restaurant, in dem sie vor ein paar Tagen gegessen hatten. Aus den Lautsprechern des Radios rauschte das Meer. Sogar Möwen waren zu hören.
»Das ist ja super.«, jubelte Jonas begeistert. Sofort setzte er sich in seinen Kindersitz und schnallte sich an.
»Wann fahren wir denn endlich los?«, drängelte er.
»Warum seit ihr denn noch nicht eingestiegen? Ich will doch nach Hause.«

(c) 2013, Marco Wittler

467. Nach dem Urlaub

Nach dem Urlaub

Es waren nur noch ein paar Tage bis zum Ende der Ferien. Lukas war schon aus dem Urlaub zurück und saß nun in seinem Zimmer und sah sich noch einmal die Andenken an, die er sich mitgebracht hatte. In einem kleinen Pappkarton lagen nun ein kleiner Leuchtturm, ein paar Muscheln, zwei schöne Postkarten, eine Rolle Seemannsgarn und ein Seestern. Lukas war nämlich mit seiner Familie am Meer gewesen.
»Ach, war das ein toller Urlaub. Ich wäre so gern dort geblieben. Das war sooo schön.«
Lukas erinnerte sich, wie er am Strand mit Papa eine große Sandburg gebaut hatte. Er war, so schnell er konnte, in das Wasser gerannt und hatte sich von den Wellen umwerfen lassen. Die Sonne hatte seine Haut schön braun werden lassen und das Essen im Restaurant war richtig lecker gewesen. Das Hotel hatte sogar fünf Fahrstühle gehabt, mit denen Lukas immer wieder gefahren war. Das hatte eine Menge anderer Urlauber geärgert.
»Da will ich unbedingt wieder hin.«
Und dann erinnerte er sich alles andere. Lukas hatte in der ganzen Zeit nicht einmal Oma besuchen können. Dafür war der Weg zu weit. Die Matratze im Hotelbett war zu hart und die Decke zu dünn. Er hatte nicht mit seinen vielen Kuscheltieren schmusen können. Es war nur für seinen kleinen Teddybären Platz im Koffer gewesen. Und die große Kiste mit den Spielzeugautos hatte auch zu Hause bleiben müssen.
»Urlaub ist schon toll. Aber zu Hause ist es doch am schönsten.«
Dann hüpfte Lukas in sein Bett und legte sich zwischen seine Kuscheltiere.

(c) 2013, Marco Wittler

465. Eine Mütze gegen die Sonne

Eine Mütze gegen die Sonne

Niko lief die steile Treppe hinauf, bis er endlich ganz oben auf dem hohen Deich stand. Von dort aus hatte er einen weiten Ausblick über das Meer auf der einen Seite und über das flache Land auf der anderen, wo sich der Campingplatz befand, auf dem Niko mit seinen Eltern für ein paar Tage lebte.
»Wow, ist das toll hier.«, freute er sich über den Urlaub an der Nordsee.
»Das ist der schönste Urlaub meines Lebens.«
Ein paar Sekunden später hatten ihn seine Eltern eingeholt.
»Niko, die Sonne scheint. Vergiss bitte nicht deine Mütze.«, wurde er von Mama ermahnt, die ihm anschließend seine Kappe auf den Kopf setzte.
»Kappe tragen ist doof.«, beschwerte sich Niko.
»Warum muss ich die denn überhaupt aufsetzen, wenn ich sie nicht mag?«
Papa erklärte ihm, dass man ohne Mütze einen Sonnenstich bekommen könnte.
»Dann wird dir schlecht, schwindelig und du musst vielleicht sogar ins Krankenhaus. Und das möchtest du doch nicht, oder?«
niko schüttelte den Kopf.
Eine halbe Stunde später kam die kleine Familie an einem Leuchtturm vorbei, den Papa begeistert von allen Seiten fotografierte.
»Warum hat eigentlich der Leuchtturm keine Mütze auf?«, fragte niko grinsend.
»Der Leuchtturm braucht doch keine Mütze.«, erklärte Mama.
»Wieso denn nicht? Er steht den ganzen Tag in der Sonne. Da bekommt er bestimmt viel schneller einen Sonnenstich.«
Grinsend stemmte Niko seine Hände in die Seiten.
»Wenn der Leuchtturm keine Mütze braucht, dann brauche ich bestimmt auch keine.«
Da wusste auch Mama nichts mehr zu sagen.

Am Abend saß Mama mit einer Tüte voller Wollknäuel vor dem Zelt. Sie wollte sich noch eine schicke Mütze häkeln, als ihr eine Idee in den Kopf kam.
Also legte sie ihre Häkelsachen zur Seite, lief von Zelt zu Zelt und traf sich etwas später mit einer großen Gruppe Frauen. Gemeinsam saßen sie nun vor einem großen Berg Wollknäuel und häkelten wie wild um die Wette.
»Was macht ihr denn da?«, wollte Niko wissen.
»Das wird eine Überraschung. Aber jetzt wird noch nichts verraten.«, sagten die Frauen gemeinsam.

Am nächsten Tag waren die Wollknäuel die die Frauen verschwunden.
»Was habt ihr denn jetzt gemacht?«, wollte Niko voller Neugierde wissen.
»Das wirst du schon sehen. Wir gehen jetzt erstmal spazieren. Und vergiss deine Mütze nicht.«
Niko grinste.
»Ich brauche aber keine Mütze. Du weißt doch, der Leuchtturm hat auch keine.«
Also stopfte er sich die Kappe in die Hosentasche und lief den Deich hinauf. Eine Weile ging er mit seinen Eltern am Strand entlang, bis Niko plötzlich erstaunt stehenblieb.
»Hey, was ist denn das?«
Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, denn vor dem Leuchtturm standen die Frauen vom letzten Abend.
»Hat der Leuchtturm wirklich eine Mütze auf?«, fragte Niko erstaunt.
»Oh ja.«, sagte Mama grinsend.
»Gegen die Sonne braucht halt jeder eine Mütze, damit man keinen Sonnenstich bekommt. Da darf auch kein Leuchtturm eine Ausnahme machen. Und jetzt bist du dran.«
Niko gab sich geschlagen. Er zog seine Kappe aus der Tasche und setzte sie sich auf den Kopf.

(c) 2013, Marco Wittler

453. Tina und der Sonnenstrahl

Tina und der Sonnenstrahl

Tina saß an ihrem Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Lust hatte sie eigentlich keine, denn das Wetter war viel zu schön. Da sollte man doch lieber draußen spielen.
»Nur noch eine Viertelstunde.«, seufzte sie und schrieb an ihrem Aufsatz weiter.
Doch dann hörte sie plötzlich ein paar Stimmen im Garten. Neugierig sah sie aus dem Fenster und entdeckte ihren kleinen Bruder mit seinen Freunden.
»Oh, nein.«, seufzte Tina.
»Nicht schon wieder die drei Nervensägen. Dann wird das wohl nichts mit meinem Sonnenbad. Wenn die drei im Garten so laut sind, kann ich mich nicht richtig entspannen.«
Sie wollte ihren Stift zur Seite legen. Die Lust an den Hausaufgaben war ihr nun endgültig vergangen. Doch aus Angst vor einer schlechten Note, schrieb sie noch schnell die letzten Sätze in ihr Heft, bevor sie es in ihre Schultasche räumte.
Genau in diesem Moment wurde es im Garten noch eine Spur lauter. Tina sah wieder nach draußen und sah, wie die Jungs immer wieder Steine in die Luft warfen.
»Ich treffe bestimmt den Apfel.«, rief ihr Bruder Paul, warf den Stein und traf.
»Ich treffe sogar den Ast ganz oben.«, übertönte sein Freund Max.
Er brauchte drei Anläufe, bis er es tatsächlich schaffte. Nun war Leon an der Reihe. Doch was sollte er nun bewerfen? Das Haus? Ein Fenster? Nein.
»Ich bin der beste Werfer der Welt. Ich kann nämlich die Sonne treffen.«
Er sammelte sich ein paar Steine und warf sie hoch in die Luft. Aber es war gar nicht so einfach, sein Ziel zu erreichen. Irgendwann versuchten sich auch die anderen beiden Jungs.
»Was soll denn das?«, ärgerte sich Tina.
»Die werden sich noch gegenseitig oder jemand anderen verletzen.«
Sie zog sich schnell ihre Schuhe an und lief hinaus in den Garten. Gerade, als sie aus dem Haus kam, ertönte lauter Jubel.
»Ich hab es geschafft.«, brüllte Max.
»Ich hab es tatsächlich geschafft. Ich habe die Sonne getroffen.«
»Spinnt ihr?«, rief Tina, so laut sie konnte und schreckte die Jungs auf.
»Schnell weg hier.«
Max, Paul und Leon nahmen ihre Beine in die Hände, stürmten durch das Gartentor und verschwanden hinter der nächsten Straßenecke.
Tina sah sich um und seufzte. Überall lagen Steine im Garten verteilt. Sie lagen auf der Wiese, zwischen den Blumen und den Sträuchern. Doch was war das? Etwas glitzerte zwischen den Ästen des Apfelbaums.
»Nanu? Das war vorhin noch nicht da.«
Tina ging näher, kletterte vorsichtig am Baumstamm hinauf und holte ihre Entdeckung zwischen den Blättern hervor.
»Oh nein.«, flüsterte sie zu sich selbst.
»Die Jungs haben es tatsächlich geschafft. Sie haben mit den Steinen die Sonne getroffen und dabei einen ihrer Strahlen abgebrochen.«
Ihr wurde sofort flau im Magen. Sie kletterte zurück zum Boden und sah zum Himmel hinauf. Hatte die Sonne nun Schmerzen? Würde das Licht weniger werden? Sie wusste es nicht.
Verzweifelt warf sie den Sonnenstrahl zum Himmel hinauf. Immer wieder versuchte sie es. Aber leider fiel er jedes Mal zurück zur Erde.
»Ich schaffe es einfach nicht. Die Sonne braucht aber den Strahl.«
Schon wollte ihr ein erstes Tränchen die Wange herunter kullern, als Tina über sich ein freundliches Lachen hörte.
»Ist doch gar nicht so schlimm.«, sagte die Sonne mit beruhigender Stimme.
»Ich habe noch ganz viele Strahlen. Da fällt der eine gar nicht auf.«
Und nun besah sich Tina zum ersten Mal die Schönheit des Sonnenstrahls in ihrer Hand.
»Den darf ich wirklich behalten?«
»Ja.«, antwortete die Sonne.
»Wenn du mal schlechte Laune hast oder es den ganzen Tag regnet, dann hol ihn hervor und du kannst dich jederzeit am Sonnenschein erfreuen.«

(c) 2013, Marco Wittler

376. Die Wasserschlacht

Die Wasserschlacht

Erwartungsvoll standen die Kinder im Garten und warteten unter dem Wohnzimmerfenster darauf, dass Papas Gesicht wieder erscheinen würde.
›Fangt die Luftballons auf, die ich euch zuwerfe.‹, hatte er gesagt. Das klang nach einem lustigen Spiel. Zumindest dachten das Emma und Finn. Aber sie hatten nicht mit Papas fiesen Ideen gerechnet.
»Hier kommt der erste Luftballon. Bleibt ruhig stehen und schnappt ihn euch.«, rief Papa nach unten und warf.
Der Luftballon stürzte schneller als gedacht in die Tiefe und klatschte platzend auf dem Rasen auf. Aus seinem Inneren spritzte kaltes Wasser in alle Richtungen davon.
»Ihhh.«, rief Emma erschrocken.
»Das war ja eine Wasserbombe.«
Mehr Zeit zum Beschweren blieb den Kindern aber nicht, denn schon kamen die nächsten Ballons aus dem Fenster geflogen. Emma und Finn hatte viel damit zu tun, dem Spritzwasser auszuweichen. Lustig war es aber trotzdem.
»Bin gleich wieder da. Muss eben neue Luftballons mit Wasser füllen.«
Papa verschwand im Bad und bereitete sich wieder vor. Dieses Mal spukte ihm ein besonders fieser Einfall im Kopf herum, den er auch drei Minuten später in die Tat umsetzte.
Leise schlich er sich nach unten in den Keller. Von dort aus stürmte er mit lautem Gebrüll in den Garten und wollte die Kinder aus nächster Nähe mit seinen Wasserbomben bewerfen. Aber die Emma und Finn liefen nicht davon. Sie standen einfach grinsend auf dem Rasen und blickten zum Wohnzimmerfenster hinauf.
Papa war verwirrt, also blieb er stehen und sah nun auch nach oben. Und was entdeckte er direkt über sich? Mama.
Sie beugte sich gerade aus dem Fenster und drehte einen großen Eimer herum. Daraus stürzten sich mehrere Liter kalten Wassers auf Papa herab.
»Jetzt bist du selbst mal nass geworden.«, lachte sie und zog sich vergnügt zurück.
Die Kinder mussten nun auch ganz laut lachen, kugelten sich über den Boden und mussten sich sogar die Bäuche festhalten.

(c) 2011, Marco Wittler

326. Was für ein Sommer

Was für ein Sommer

»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.
»Es ist doch kein Wunder, dass es jeden Tag regnet, wenn so viele Wolken am Himmel hängen.«
Und so war es auch. Seit drei Wochen konnte man nun schon nicht mehr vor die Tür gehen. Die Regentropfen prasselten ohne Pause zu Boden. Mittlerweile waren sogar die Bäche und Flüsse in der Nähe bedrohlich angestiegen. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis große Überschwemmungen die umliegenden Wiesen bedrohen würden.
»Ich will endlich nach draußen gehen.«, beschwerte sich Daniel.
»Es ist doch viel zu langweilig, den ganzen Tag nur im Haus zu sitzen.«
Da musste ihm Opa zustimmen.
»Und genau deswegen machen wir uns jetzt wetterfest und gehen an die frische Luft.«
Daniel und Opa holten alles was sie brauchten aus dem großen Schrank im Flur. Regenmäntel, Gummistiefel, Schirme, große Mützen. Daniel holte sogar seine Taucherbrille.
»Wofür brauchst du die denn?«, lachte Opa.
Daniel stemmte die Fäuste in die Seiten und legte ein breites Grinsen auf.
»Wenn der Regen mir zu stark ins Gesicht prasselt und ich nichts mehr sehen kann, setze ich die Brille auf.«
Die Beiden machten sich gemeinsam auf den Weg. Schon die ersten Meter waren eine große Herausforderung. Pitsch patsch, ging es durch knöchelhohe Pfützen. In jeder noch so kleinen Vertiefung hatte sich das Wasser gesammelt. Daniel hatte sogar das Gefühl, hier und da ein paar Frösche durch den Augenwinkel zu sehen.
Opa entschied sich für einen Ausflug auf einen nahe gelegenen Hügel. Er zeigte mit dem Finger zur Spitze hinauf, die irgendwo in den Wolken verschwand.
»Schau dir das mal an. Wenn die Spitze so hoch liegt, dann haben wir vielleicht das Glück, dass wir es zu Fuß über die Wolken schaffen. Dann können wir heute vielleicht doch noch den blauen Himmel und die strahlende Sonne sehen. Dann setzen wir uns in das Bergrestaurant und essen uns etwas Leckeres.«
Das hörte sich nach einer sehr guten Idee an. Daniel lief bereits das Wasser im Munde zusammen, hatten sie doch das letzte Mal dort oben einen unglaublich leckeren Zwiebelkuchen gegessen.
Schritt für Schritt kamen sie ihrem Ziel näher. Der Fußpfad führte an einem reißenden Bach entlang, der normalerweise nur vor sich hin plätscherte oder sogar manchmal austrocknete. Und dann verschwanden die beiden Ausflügler in den Wolken.
Nun war fast nichts mehr zu sehen. Dicke Nebelschwaden umgaben die Beiden. Doch nach ein paar Minuten durchbrachen sie die Wolkendecke und der Himmel wurde sichtbar.
»Du hattest Recht, Opa.«, rief Daniel begeistert.
Er zog sich den Regenmantel aus und nahm seine Mütze ab. Doch dann blieb er verwirrt stehen.
»Das ist ja seltsam. Die Wolken kommen aus dem Restaurant.«
Tatsächlich war das Küchenfenster weit geöffnet. Aus dem Raum dahinter kamen kleine Wölkchen geflogen, die sich sehr schnell zu großen zusammen zogen und davon schwebten.
»Das müssen wir uns genauer anschauen.«, entschied Opa.
Und da sahen sie es auch schon. Neben dem großen Herd stand ein Küchenjunge, der unentwegt Zwiebeln schneiden musste. Als er die beiden Beobachter entdeckte, schniefte er laut und zuckte mit den Schultern.
»Seit drei Wochen stehe ich hier jeden Tag und muss die Zwiebeln für den leckeren Zwiebelkuchen schneiden. Aber der Zwiebelsaft lässt mich die ganze Zeit weinen.«
Die Tränen des Küchenjungen tropften herab und landeten auf dem heißen Herd. Dort verdampften sie, bildeten kleine Wölkchen und flogen durch das offene Fenster davon.
»Jetzt weiß ich auch, warum es die ganze Zeit regnet.«
Opa schmunzelte.
»Was machen wir denn jetzt?«
Eine Idee wollte ihm nicht einfallen, also sah er seinen Enkel an.
Daniel bekam plötzlich große Augen.
»Ja, genau. Das ist es.«
Er kramte in seiner Jackentasche und holte die Taucherbrille heraus.
»Wenn du die aufsetzt, wirst du nicht mehr weinen müssen.«
Die tat der Küchenjunge sofort. Von einem Augenblick zum anderen waren die Tränen gestoppt.
»Der Einfall ist genial. Jetzt kann ich ganz in Ruhe arbeiten.«
Zum Dank ließ er seine beiden Helfer köstlich bewirten mit leckerem Zwiebelkuchen und frischem Fruchtsaft.

Einen Tag später hörte der Regen auf, die Wolken verschwanden und der Himmel war wieder zu sehen. Opa lehnte sich in seinem gemütlichen Gartenstuhl zurück und genoss die Wärme der Sonne.
»Was für ein Sommer.«, murmelte Opa vor sich hin.

(c) 2010, Marco Wittler

242. Badespaß im Tierheim (Tierheimgeschichten 6)

Badespaß im Tierheim

Die Sonne stand hoch am blauen Himmel. Es war heiß. Es war unglaublich heiß. Es waren zwar Sommerferien, aber bei diesem Wetter musste man gar nicht woanders hin, denn im Süden war es lange nicht so warm.
Im Tierheim quälten sich bei der Hitze nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere.
»Bei Kälte kann man wenigstens etwas unternehmen.« beschwerte sich ein großer Hund mit besonders dickem Fell.
»Im Winter schalten die Menschen für uns die Heizung an. Wir bekommen warme Decken und können uns aneinander kuscheln. Aber gegen Hitze ist noch kein Kraut gewachsen. Da kann man nur schwitzen und hoffen, dass es bald vorbei ist. Eine Klimaanlage ist leider zu teuer für das Tierheim. In den Kühlschrank passe ich auch nicht rein.«
Er seufzte laut und begann zu hecheln, während er den Menschen zusah, die gerade Feierabend machten.
»Die gehen jetzt bestimmt alle ins Freibad, um sich abzukühlen. Ich konnte hören, wie sie sich vorhin darüber unterhalten haben.«
Die Tiere wurden neidisch und wünschten sich, die Menschen würden in den Gehegen, Ställen und Käfigen sitzen, während sie selbst ins Freibad gehen konnten.
»Aber sie wollen leider nicht mit uns tauschen.«
Ein Rudel Katzen gesellte sich zum Hund. Sie hockten sich in seinen Schatten. Aber viel brachte das auch nicht.
»Es wäre richtig prima, wenn wir ein eigenes Schwimmbecken im Tierheim hätten.« schwärmten sie immer wieder und träumten bereits von einer richtigen Abkühlung.
»Dabei ist das Wasser gar nicht so weit entfernt.« Sie sahen zum Dach einer Hütte, auf der ein großer Wassertank stand.
»Wenn wir ihn nur auskippen könnten.«
Schon wurden die wildesten Ideen entwickelt. In der Nähe der Hütte war ein großer Sandkasten, in dem die Tiere spielen, Gegenstände und Leckerlis suchen durften. Wäre der Sand weg, konnte man die Grube als Schwimmbecken benutzen.
»Nichts einfacher als das.« riefen zwei kleine Mäuse, die sich das alles interessiert angehört hatten.
»Wie wollt ihr denn ein Freibad für uns bauen?« motzte der Hund. »Ihr seid doch nur Mäuse. Ihr seid klein, schwach und habt keine Ahnung.«
Die Mäuse ließen sich davon aber nicht einschüchtern. Stattdessen legten sie gleich los und verteilten Aufgaben.
»Alle Hunde laufen rüber zum Sandkasten und buddeln den Sand weg. Die Katzen packen ihn in Säcke, die von den Pferden weggeschleppt werden. Wir kümmern uns um das Wasser.«
Die Tiere wollten nicht glauben, was sie da hörten, kümmerten sich aber trotzdem um ihre Aufgaben.
Die Mäuse ließen sich von einem Papagei zum Wassertank hinauf tragen. Dort kletterten sie zu einem dicken Wasserschlauch, den sie mit ihren kräftigen Zähnen zerbissen.
Schon nach ein paar Sekunden wurden erste Wassertropfen sichtbar. Dann wurden sie zu einem dünnen, später zu einem dicken Strahl. Das Wasser spritzte genau in die Sandgrube und füllte so das erste Freibad in einem Tierheim.
»Endlich kann ich schwimmen gehen.« freute sich der große Hund, als das Wasser hoch genug war, um hinein zu springen.
Die Freude der Tiere war riesig. Und sie badeten bis spät in die Nacht hinein.

(c) 2014, Marco Wittler