135. Die Jahreszeiten

Die Jahreszeiten

Das ganze Jahr ist von Veränderungen geprägt. Wenn es beginnt, liegt überall Schnee, es ist eisig kalt und die Äste der Bäume sind kahl und leer. Die Tiere halten Winterschlaf oder sind in den warmen Süden gezogen.
Es dauert ein paar Monate, bis die Tage langsam länger werden, die Temperaturen steigen und der Schnee dem frischen Grün Platz macht. Die ersten Pflanzen wachsen, die Schneeglöckchen und die Krokusse blühen und die Bäume lassen neue Blätter wachsen. Mit dem Frühling kehrt das Leben in die Wälder zurück. Die Vögel verlassen den Süden, bauen ihre Nester und alle andere Tiere erwachen aus ihrem langen Schlaf.
Doch dabei bleibt es nicht, denn der Sommer wartet nur darauf, die Welt in seine Hand zu bekommen. Er heizt die Erde richtig auf. Es wird wärmer und wärmer. Doch bleibt auch ihm nur eine begrenzte Zeit, denn der Herbst wird ihn ein paar Monate später ablösen.
Wenn es so weit ist, färben sich die Blätter bunt und fallen zu Boden. Die Bäume werden wieder kahl. Die Vögel machen sich auf den Weg in den Süden und alle anderen Tiere bereiten sich auf den bevor stehenden Winter vor. Sie sammeln Nahrung und suchen sich warme Höhlen und Verstecke für die lange Schlafenszeit. Und so beginnt wieder alles von vorn.
Eigentlich sollte es in jedem Jahr so sein, doch eines Tages geschah etwas, womit die Jahreszeiten nicht gerechnet hätten.

Es war September. Der Sommer war schon fast vorüber. Tagsüber schien noch immer die Sonne und wärmte alles auf. Doch die Nächte waren klirrend kalt. Es wurde Zeit für den Herbst.
Noch bevor sich der Herbst auf den Weg machte, schickte er seine kleinen Helfer voraus, um seine Ankunft vorzubereiten.
»Und dass ihr mir bloß kein einziges Blatt vergesst.«, mahnte er sie an.
»Und klettert nicht herum. Im letzten Jahr musste ich Mutter Natur erklären, warum ihr Schneehase plötzlich rot war. Das darf nicht noch einmal vorkommen.«
Die fleißigen Helfer nickten eifrig und machten sich an ihre Vorbereitungen.
Sie hatten einen großen Transportwagen hinter einem Gespann aus acht Pferden gehängt. Im Wagen befand sich allerlei Material. Da waren Farbeimer mit unzähligen roten und braunen Farben. Keiner glich dem anderen. Daneben lag ein Berg mit neuen Pinseln, die nur darauf warteten, benutzt zu werden.
»Haben wir auch alles dabei?«, fragte Herbstwichtel Nummer Eins.
»Jawohl!«, antwortete Herbstwichtel Anton.
»Wir haben alles ordnungsgemäß und nach Vorschrift in den Wagen gepackt und fest verschnürt. Es sollte schon etwas völlig Unmögliches passieren, bevor uns auch nur ein einziger Tropfen Farbe verloren geht.«
Nummer Eins war zufrieden. Er begutachtete noch einmal alles und gab dann den Befehl zu Abfahrt.
Ein unüberschaubare Zahl Herbstwichtel stürmte auf den Wagen zu. Gemeinsam mit den Pferden liefen sie los und machten sich auf den Weg zu den Wäldern der Welt.

Nach ein paar Tagen kamen die Wichtel an ihrem ersten Ziel an. Vor ihnen wuchsen riesige Bäume in den Himmel.
»Holt die Leitern hervor und beginnt mit der Arbeit.«, befahl Nummer Eins.
Die Wichtel holten die Leitern hervor und stellten sie an die Bäume. Anton verteilte Farbeimer und Pinsel.
»Legt die Pinsel an!«, rief Nummer Eins.
»Auf mein Kommando. Achtung! Fertig! Malt!«
Die Wichtel kletterten die Leitern hinauf und begannen, die Blätter der Bäume zu bemalen. Nach und nach wurde das Laub des Waldes bunt, während das Grün verschwand.
»Sieht doch schon ganz herbstlich aus. Ihr leistet wirklich gute Arbeit.«
Nummer Eins lief ständig zwischen den Bäumen herum, begutachtete die einzelnen Blätter und wies seinen Wichteln immer wieder neue Bäume zu. Antons Aufgabe war es, die leeren Farbeimer gegen volle einzutauschen, damit die Arbeit zügig weiter gehen konnte.
»Du meine Güte, wenn ihr weiter in diesem Tempo arbeitet, werden wir dieses Jahr ein paar Tage früher fertig ist als sonst. Ich komme ja kaum noch hinterher, euch neue Farben zu bringen.«

Am Abend verließen sie den Wald. Nummer Eins ging voraus und wollte sich das Werk seiner Wichtel anschauen. Doch dann traf ihn ein Schrecken.
»Was ist denn das? Das kann doch gar nicht wahr sein.«
Der Wald sah fast so aus wie vorher. Alle Bäume waren grün. Nur die letzten, deren Blätter gerade erst bemalt worden waren, erstrahlten in bunten Farben.
»Sind unsere Farben nicht in Ordnung oder was ist da passiert? Kann mir das mal jemand erklären?«
Eine Antwort hatte niemand. Dafür war die Verwunderung umso größer.
»Wir werden eine Nacht darüber schlafen und uns Morgen früh beraten.«, entschied Nummer Eins.

Der nächste Morgen brachte die nächste Überraschung. Auch die letzten Bäume waren wieder grün geworden. Im ganzen Wald war nicht ein einziger Tropfen Farbe zu finden.
»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das ist doch völlig unmöglich.«
Nummer Eins regte sich auf und bekam einen hochroten Kopf.
»So etwas hat es noch nie gegeben, seit ich ein Herbstwichtel bin. Wir müssen sofort von vorn anfangen.«
Die Wichtel gingen zum Wagen und holten ihre Arbeitssachen hervor. Doch etwas fehlte.
»Was ist denn das?« wunderte sich Anton.
»Die Leitern liegen hier und die Farbtöpfe stehen auch bereit. Aber wo sind die Pinsel geblieben?«
Tatsächlich war nicht ein einziger Pinsel zu finden. Sie waren verschwunden.
»War jemand heute Nacht hier und hat uns bestohlen? Hat jemand was gesehen oder gehört?«, fragte Nummer Eins.
Aber leider hatte jeder Wichtel in der Nacht tief und fest geschlafen.
Nummer Eins kam das alles nicht geheuer vor. Er begann einen Plan zu schmieden.
»Mir ist es egal, ob wir Pinsel haben oder nicht. Wir werden das Laub bunt anmalen. Immerhin haben wir noch Hände und Finger. Also legt los, Männer.«
Die Wichtel kletterten ein weiteres Mal die Leitern empor und tauchten nun ihre Finger in die Farbeimer. Es dauerte natürlich auch einiges länger, aber trotzdem hörte Nummer Eins nicht ein Murren oder Maulen. Ein schlauer Wichtel kam sogar auf die Idee seinen langen Bart als Pinsel zu benutzen.
Als dann einige Stunden später der Abend kam, war wieder ein Teil der bemalten Blätter auf wundersame Weise ergrünt.
»Das glaub ich einfach nicht. Da muss Hexerei am Werk sein.«, beschwerte sich Nummer Eins.
»Aber das lasse ich nicht mit uns machen. Ich werde die ganze Nacht Wache halten und die restlichen Bäume beobachten. Ich finde schon heraus, wer die Farbe entfernt.«

Die Nacht zog sich lange hin. Die Dunkelheit wurde kaum erleuchtet, da dichte Wolken das Licht des Mondes und der Sterne nicht durch ließen.
Nummer eins hatte sich auf das Dach des Transportwagens gesetzt und beobachtete alles ganz genau. Ständig wechselte sein Blick die Himmelsrichtungen. Aber bisher war der Übertäter nicht aufgetaucht.
»Vielleicht beobachtet er mich und wartet nur darauf, dass ich einschlafe.«, murmelte er in sich hinein.
»Ich werde mich also in meinen Schlafsack verkriechen und mich schlafend stellen.«
Nur eine halbe Stunde später hörte man knackende Zweige. Irgendwer ging durch den Wald. Nummer Eins war noch immer wach und wartete nur darauf, den Pinseldieb zu sehen.
Plötzlich wurde eine Leiter an einen Baum gestellt und jemand kletterte daran hinauf. Er holte einen Lappen aus der Tasche und wischte alle Blätter sauber. Doch schon nach ein paar Minuten legte sich eine Hand auf seine Schulter.
»Habe ich dich doch noch erwischt.«, sagte Nummer Eins.
In diesem Moment standen alle anderen Wichtel auf und entzündeten ihre Lampen. Nun wollten sie den Übeltäter auch sehen.
»Aber du bist doch der Sommer, oder irre ich mich da?«
Nummer Eins war verdutzt. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
»Warum zerstörst du unsere Arbeit? Wir müssen doch alles für die Ankunft des Herbstes vorbereiten.«
Der Sommer ließ die Schultern hängen, während er langsam die Leiter herab stieg.
»Das ist es ja gerade. Ich will doch noch gar nicht gehen. Ist es denn nicht die schönste Jahreszeit, wenn die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern und es immer warm ist?«
Nummer Eins musste sich eingestehen, dass es ihm so wirklich sehr gefiel.
»Trotzdem werden bald der Herbst und der Winter kommen. Die Welt, die Tiere und die Menschen sind daran gewöhnt. Wenn du nun plötzlich das ganze Jahr bleiben würdest, wären sie alle völlig verwirrt. Außerdem würden dann Frühling Herbst und Winter arbeitslos.«
Der Sommer war traurig. Trotzdem sah er ein, dass er einen Fehler begangen hatte.
»Dann werde ich wohl doch bis zum nächsten Jahr verschwinden müssen.«
Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Doch dann hielt ihn Anton zurück.
»Warte bitte. Ich glaube, ich habe da eine Idee.«
Der Sommer drehte sich mit leuchtenden Augen um.
»Wir könnten die Welt in zwei Hälften aufteilen. Die Grenze ziehen wir am Äquator. Die eine Jahreshälfte lebst du hier im Norden und die andere dann im Süden. Ich bin mir sicher, dass die anderen Jahreszeiten damit einverstanden wären. Und die Welt selber wird kaum etwas davon merken.«
Der Sommer wischte sich ein paar Freudestränen aus dem Gesicht und drückte Anton fest an sich.
»Du bist ein wahrlich kluger Wichtel, mein Freund. Ich nehme deinen Vorschlag an.«
Und so begannen die vier Jahreszeiten über die Welt hin und her zu reisen.

(c) 2008, Marco Wittler

021. Ein viel zu heißer Sommer

Ein viel zu heißer Sommer

 Es war Sommer. Seit mehreren Wochen schon hatte sich keine einzige Wolke mehr am Himmel blicken lassen. Von Tag zu Tag wurde es heißer und heißer. Die Menschen bewegten sich nur, wenn es sich nicht mehr anders vermeiden lies. Die einzigen Orte, an denen man sie antreffen konnte, waren dunkle Keller und erfrischende Freibäder. Allerdings brachten diese auch keine richtige Abkühlung mehr, denn das Wasser hatte mittlerweile die Temperatur einer Badewanne.
Aber nicht nur den Menschen erging es so. Auch den Tieren im Zoo war es viel zu heiß. Allen voran der Klaus. Dieser war ein großer dicker Eisbär und stammte eigentlich vom Nordpol. Dort war es immer kalt und das ganze Jahr über lag Schnee. Daran war jeder Eisbär von Geburt an gewöhnt. Doch nun lebte Klaus schon seit einiger Zeit im Zoo und ihm war viel zu heiß. Anders wie bei den Menschen, die in Badehose oder Bikini herumlaufen konnten,  musste er sein dickes Fell anbehalten. Auch sein Badeteich kühlte nun nicht mehr. Trotzdem lag der den ganzen Tag am Wasser. Das war immer noch besser als in der Sonne zu schwitzen.
Er war allerdings nicht der einzige. Den Pinguinen war es auch zu heiß und allen anderen Tieren ebenfalls. So konnte es doch nicht weiter gehen. Irgendetwas musste dringend und schnell unternommen werden – nur was?
Der Abend kam und damit ein fast nicht spürbares, leicht kühlendes Lüftchen. Manch einer im Zoo atmete etwas auf. Aber nicht Klaus. Und genau deswegen hatte er schon beim Frühstück alle Tiere im Zoo informiert. Sie sollten sich nach Einbruch der Dunkelheit im Elefantenhaus treffen. Dort war genügend Platz für eine große Versammlung.
Und nun war es auch soweit. Alle machten sich auf den Weg. Um diese Zeit konnten sie das auch machen, denn der Zoo war mittlerweile geschlossen, und kein Mensch sah sie frei auf den Wegen umherlaufen. Und wirklich alle waren unterwegs. Die Schlangen schlängelten durch die Büsche, die Vögel flatterten hinterher und selbst die großen Krokodile machten sich mit ihren kurzen Beinen auf den Weg. Die Elefanten waren hingegen nicht zu sehen, denn sie waren ja heute Abend die Gastgeber und konnten zu Hause bleiben.
Die erste offizielle Zootier Versammlung der Geschichte konnte beginnen. Jeder, der etwas zu sagen hatte, durfte nach vorn kommen und sich an einem Rednerpult alles von der Seele reden. Und das sollte bis zum Morgengrauen dauern, denn jeder wollte erzählen, wie sehr ihm die Hitze zu schaffen machte.
Zum Schluss, kurz bevor die Sonne aufging redete Klaus als letzter. Er hatte beschlossen eine Gruppe aus unerschrockenen Tieren zu bilden, die sich dieses Problems an- und etwas dagegen unternehmen wollten. An seiner Seite hatte er schließlich die Elefantendame Elisa, den Kaiman Kalli und die Nasenbärin Nadine. Zu viert versprachen sie, schnellstens etwas gegen die Hitze machen zu wollen und viele Regenwolken hierher zu locken.
Um das Vertrauen der anderen auf ihrer Seite zu haben schüttelten sie allen beim Verlassen des Elefantenhauses die Hand, Kralle, Tatze, Pfote und was auch immer sie am Ende ihrer Arme und Beine besaßen.
Dabei fiel Klaus auf, dass eine Tiergruppe nicht zur Sitzung erschienen war. Die Löwen war nicht gekommen. Das war doch ziemlich komisch. Auf dem Weg zu seinem Gehege dachte er darüber nach und als er sich in seinen Teich gleiten lies fiel es ihm auf.
Die Löwen hatten keine Lust gehabt zu kommen. Sie sonnten sich sogar noch auf ihrem Felsen und fühlten sich regelrecht wohl. Eigentlich war das sogar klar, denn Löwen kamen ja ursprünglich aus der Steppe Afrikas. Dort war es immer heiß und nur selten kam Regen vom Himmel. Das war ihr Verhalten doch ziemlich eindeutig. Und nun hatte Klaus eine Idee, aber dafür musste er noch einen Tag schwitzen und bis zur nächsten Nacht warten.

 Als es wieder dunkel wurde traf er sich mit Elisa, Kalli und Nadine. Zusätzlich hatte er alle Vögel zu Hilfe gerufen. Sie sollten sich in einem Busch, nahe dem Löwengehege, verstecken und auf sein Zeichen warten.
Als der Eisbär mit seiner Gruppe bei den Löwen ankam schliefen diese bereits tief und fest in einer kleinen Höhle.
Der Zeitpunkt war günstig. Elisa packte den Eisbär, den Kaiman und die Nasenbärin und hob sie mit dem Rüssel in das Gehege. Dort fingen sie an, sich zu dritt umzuschauen.
Klaus Riecher hatte genau richtig gelegen. Denn hinter den Löwen, im Innern der Höhle waren jede Menge Regenwolken gefangen. Deswegen konnte es auch nicht regnen. Die Löwen waren an allem schuld.
Jetzt musste alles schnell gehen. Elisa trötete laut mit ihrem Rüssel, dass es im ganzen Zoo zu hören war. Die Löwen wurden von dem Lärm sofort wach und liefen aufgeregt zur Elefantendame an den Zaun um zu erfahren, warum sie so laut war. Diese Chance nutzten Klaus und seine beiden Freunde aus. Sie holten alle Wolken aus der Höhle und legten sie vorsichtig auf den Boden davor.
Nun war es Zeit für die Vögel. sie kamen aus dem Busch geflogen und schnappten sich mit ihren Krallen die Wolken und brachten sich mit kräftigen Flügelschlägen zum Himmel, wo sie hingehörten.
Plötzlich fing es an zu regnen. Es regnete wie aus Blechkübeln und es wollte gar nicht mehr aufhören. Die Löwen waren sehr erschreckt, denn Löwen waren eigentlich nur zu groß geratene Katzen. Und wie jeder weiß, sind Katzen sehr wasserscheu. Also rannten sie jaulend in ihre Höhle zurück um schnell wieder trocken zu werden.
Da sie nun nicht mehr am Zaun standen konnte Elisa die drei Wolkenretter wieder über den Zaun heben. Nun hatten sie es endlich geschafft. Die Wolken waren wieder da und die Hitze war verschwunden.
Alle Tiere im Zoo freuten sich und feierten bis zum Morgengrauen. Nur eine Gruppe war sauer. Die Löwen wurden nämlich nicht trocken, denn die Höhle hatte Löcher in der Decke und es regnete durch. Aber das war die gerechte Strafe für den viel zu langen und zu heißen Sommer. Sie hatten ihre Lektion gelernt und würden so eine Gemeinheit bestimmt nicht wieder machen.

 (c) 2004, Marco Wittler