596. Der Regenbogenfänger

Der Regenbogenfänger

Papa kam aus dem Keller. Die letzten Stunden hatte er dort unten in seiner Werkstatt verbracht. Laute Geräusche hatten seine Arbeit begleitet. Er hatte gesägt, gehämmert, geschliffen. Und nun hielt er ganz stolz sein Werk in Händen und präsentierte es dem Rest der Familie.
„Was ist denn das?“,wollte sein Sohn Paul wissen, der sich das Machwerk neugierig ansah.
„Das, mein Sohn, ist ein Regenbogenfänger. Na gut. Eigentlich nennt man so ein Ding Sonnenfänger, aber ich finde, dass Regenbogenfänger besser dazu passt.“
Paul lachte. „Was soll das sein? Ein Regenbogenfänger? Ich sehe nur die alten Treibholzstücke, die du im Urlaub gesammelt hast. Mit ein paar Bindfäden hast du Mamas alte Glassteine daran gebunden. Wie soll man denn damit einen Regenbogen einfangen können?“
Er sah aus dem Fenster. „Außerdem ist ein Regenbogen viel zu groß. Der geht doch von einem Ende des Horizonts zum Anderen. Wo soll man denn denn anschließend verstauen? Du erzählst mir doch schon wieder Märchen, die nicht stimmen. Du versuchst mich auf den Arm zu nehmen, aber dieses Mal falle ich nicht darauf rein.“
Papa grinste. „Dann warte mal ab, was ich dir gleich zeige. Lass uns mal ins Wohnzimmer gehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Papa holte einen Hammer und einen Nagel aus einer tiefen Tasche seines Hosenbeins. Den Nagel schlug er in die Wand über dem Fenster. Daran hängte er dann den Regenbogenfänger auf.
„Regenbögen sind schön. Sie sind eine der schönsten Dinge, die es auf unserer Welt gibt. Nur leider gibt es nicht so viele von ihnen. Man kann sie nur sehen, wenn es gerade regnet und dabei die Sonne scheint. Das kommt aber nicht so oft vor. Und für die restliche Zeit, gibt es den Regenbogenfänger.“
Genau in diesem Moment rissen draußen am Himmel die Wolken auf. Sonnenstrahlen kamen durch das Fenster herein und trafen auf die vielen Glassteine des Regenbogenfängers. Und dann geschah das Unglaubliche. Überall, auf allen Wänden des Wohnzimmers erstrahlten kleine Regenbögen. Es waren so viele, dass Paul sie gar nicht zählen konnte.
„Das ist ja der totale Wahnsinn.“, flüsterte er ergriffen.
„Siehst du. Ich habe dir nicht zu viel versprochen.“, war Papa stolz.
Paul grinste über das ganze Gesicht, lief von einem kleinen Regenbogen zum nächsten und untersuchte sie ganz genau.
„Und wo sind jetzt die Goldtöpfe, die am Ende jedes Regenbogens stehen sollen? Bei so vielen Regenbögen müssten wir steinreich werden.“

(c) 2017, Marco Wittler

585. Nik und Nele auf dem kleinen Mond (Nik und Nele 11)

Nik und Nele stehen in ihrer elften Geschichte Pate für eine ganz neue Serie. Unter dem Titel „Mein kleiner Mond und ich“ erscheinen regelmäßig neue Geschichten über ein kleines Mädchen, dass mit seinem kleinen Mond in den Weiten des Alls unterwegs ist und sich von den Wundern des Universums begeistern lässt. Diese neue Serie hat eine eigene Seite, die du am Ende der folgenden Geschichte findest.

Nik und Nele auf dem kleinen Mond

Die Zwillinge Nik und Nele hatten sich bereits ihre Klamotten für die Nacht angezogen. Nele saß in ihrem Nachthemd auf der unteren Matratze des Etagenbettes, ihr Bruder Nik in seinem bunten Weltraumschlafanzug darüber. Jeder von ihnen hatte noch ein Buch in der Hand, die beide viele Bilder von Sonnen, Planeten, Monden und weit entfernten Galaxien zeigten.
»Schon cool, was es alles im Weltall gibt.«, schwärmte Nik von oben. »Da draußen gibt es ja noch so unglaublich viel zu entdecken. Ob die Menschheit jemals jedes Geheimnis des Universums lösen wird?«
Nele lachte.
»Ganz bestimmt nicht. Dafür ist das Universum auch viel zu groß. Mit den Teleskopen, die heute benutzt werden, kann man eh nicht alles sehen. Dafür müsste man schon mit einem schnellen Raumschiff überall hinfliegen können. Aber davon gibt es auf der Erde nicht so viele.«
Da musste Nik ihr zustimmen. Ihm fiel nur ein einziges Raumschiff ein, dass in der Lage war, weit entfernte Planeten zu erreichen. Doch das gehörte nicht den Wissenschaftlern der Erde.
Nele blätterte in ihrem Buch weiter.
»Wow. Schau mal auf Seite 32. Da steht was über eine Supernova. Schaut irre aus.«
Sie dachte nach und grinste.
»Wäre das nicht eine coole Sache, wenn wir uns das mal anschauen, wie eine alte Sonne explodiert und stirbt? Das hat bestimmt noch kein Mensch aus der Nähe gesehen.«
In diesem Moment kam Mama ins Kinderzimmer und sammelte die Bücher ein.
»Das verschieben wir aber auf einen anderen Tag.«, sagte sie. »Es wird langsam Zeit zu schlafen.«
Die Kinder seufzten. »Dabei wurde es gerade richtig schön.« waren sie enttäuscht.
»Ihr dürft Morgen wieder eure Nasen in eure Bücher stecken.«
Mama deckte ihre Zwillinge zu, gab ihnen einen Gute Nacht Kuss und wünschte ihnen eine gute Nacht.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte Nele in die Dunkelheit hinein. »Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hältst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an und nickte grinsend.
»Wir werden uns eine Supernova anschauen. In meinem Buch habe ich von einer Sonne gelesen, die schon sehr alt ist und nicht mehr lange leben wird. Wenn wir Glück haben, explodiert sie heute Nacht. Dann werden wir die ersten Menschen sein, die so etwas gesehen haben.«
Sie legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Supernova.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die beiden mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

Das Etagenbett raste nach wenigen Sekunden an der internationalen Raumstation ISS vorbei, passierte den Mond und verließ unser Sonnensystem. Das Ziel war eine weit entfernte Sonne, die zu Beginn der Reise nur als kleiner, weißer Punkt im All zu erkennen war. Doch mit jeder Minute wurde dieser Punkt größer.
»Wir sind bald da.«, erklärte Nele. »Opa hat am Wochenende ein paar Stunden an unserer Technik geschraubt und den Antrieb verbessert. Unser Bett jetzt fast doppelt so schnell wie vorher.«
Nik war begeistert. Er konnte sich an den vorbei flitzenden Sternen einfach nicht satt sehen.
»Eigentlich schade. Mir macht der Flug so viel Spaß, wir könnten uns die Supernova auch an einem anderen Tag anschauen.«
Nele knuffte ihn in die Seite.
»Zu spät, wir sind schon fast angekommen. Außerdem wird die Supernova nicht auf uns warten.«
Das fliegende Bett bremste und wurde langsamer. Vor sich sahen die Kinder eine rote Sonne um die sich ein paar Planeten drehten.
»Sie wird schwächer.«, erklärte Nele. »Ihr Licht war mal heller und auf den Planeten muss es deutlich wärmer gewesen sein.«
Das bestätigte sich bei einem Blick auf die Planeten. Ihre Oberflächen waren mit Eis und Schnee bedeckt.
»Wenn es hier mal Leben gegeben hat, ist es schon vor langer Zeit erfroren.«
Langsam näherten sie sich der Sonne, um sie aus der Bähe betrachten zu können. dann fiel ihnen etwas auf. Die Zwillinge entdeckten einen kleinen, dunklen Punkt.
»Was fliegt denn da so nah an der Sonne vorbei?«, wunderte sich Nik. »Für einen Planeten ist es zu klein. Das sollten wir uns genauer anschauen.«
Nele steuerte das Bett auf das unbekannte Objekt zu. als sie nah genug waren, stellte sie fest, dass sich ein kleiner Mond hierher verirrt hatte. Und dieser Mond war nicht allein. Auf ihm saß ein kleines Mädchen.
»Das glaub ich nicht. Das ist ja völlig verrückt.«, entfuhr es Nik.
»Etwa so verrückt, wie ein fliegendes Bett im Weltraum?«, fragte Nele und grinste schelmig.
»Hallo, kleines Mädchen!«, rief zu zum Mond hinüber. »Was machst du hier so ganz allein?«
Das Mädchen drehte sich um. Sie schien ihre Besucher erst in diesem Moment zu entdecken.
»Allein? Ich vin doch nicht allein. Ich habe meinen kleinen Mond und gemeinsam leisten wir Oma Sonne Gesellschaft.«
»Oma Sonne?«
Nele wollte gar nicht glauben, was sie da hörte. Wie konnte denn eine Sonne eine Oma sein?
Doch dann drehte sich die Sonne plötzlich um sich selbst. Auf ihr kam ein freundlich lächelndes Gesicht zum Vorschein.
»Hallo, ihr zwei. Ich bin Oma Sonne. Was führt euch zu uns?«
Unsicher lächelten Nik und Nele zurück. Mit so einer Überraschung hatten sie nicht gerechnet.
»Wir wollten uns eigentlich eine Supernova aus der Nähe anschauen.«, begann Nele.
»Oma? Was ist eine Supernova?«
Die alte Sonne sah verzweifelt von dem kleinen Mädchen zu den Zwillingen hinüber.
»Wenn eine sehr große Sonne alt geworden ist, dann bläht sie sich auf. Sie wird so groß, dass sie dabei einige ihrer Planeten verschluckt und anschließend explodiert. Aus ihr wird eine riesige Gas- und Staubwolke. Aus dieser entsteht dann irgendwann eine neue, junge Sonne mit neuen Planeten. Alles beginnt dann wieder von vorn.«
Das Mädchen bekam große, entsetzte Augen.
»Du wirst explodieren, Oma Sonne?«
Oma Sonne lächelte. Hätte sie einen Kopf besessen, würde sie diesen schütteln.
»Nein. Darum musst du dich nicht sorgen. Ich bin dafür nicht groß genug. Ich werde einfach nur alt. Ich werde schrumpfen, mein Licht wird schwächer und kälter. Bis ich dann vergehe, wird noch viel Zeit vergehen.«
Die Sonne schloss die Augen und seufzte.
»Mein Licht wird aber schon bald nicht mehr ausreichen, um dich und deinen kleinen Mond zu wärmen. Du wirst schon bald nicht mehr bei mir leben können.«
Der Blick des kleinen Mädchens wurde traurig.
»Ist mir deswegen in letzter Zeit immer so kalt?«
»Ja.«
Oma Sonne schluckte schwer.
»Du wirst dir schon bald einen neuen Platz zum Leben suchen müssen.«
»Aber wohin soll ich gehen? Ich kenne nichts anderes, als dich und deine Planeten.«
Nele räusperte sich leise aber hörbar.
»Wir können dir dabei helfen.«
Sie holte unter ihrem Kopfkissen das große Weltraumbuch hervor.
»Das Universum ist voller Sonnen und Welten. Jede von ihnen ist einzigartig und etwas ganz Besonderes. Wenn du es annehmen magst, würde ich dir mein Buch schenken. Darin wirst du erfahren, wo sich welche Welt befindet und wie du dort hin kommst.«
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.
»Ich kann aber hier nicht weg. Ich kann meinen kleinen Mond nicht allein lassen. Er ist mein bester Freund und hat schon viel mit mir zusammen erlebt.«
Auch der kleine Mond sah nun ganz traurig aus.
Nik grinste und zog das Bettlaken von Neles Matratze.
»Alles kein Problem. wir binden das Laken an deinem Mond fest. Dann könnt ihr es als Segel benutzen. Ihr fahrt dann mit den Sonnenwinden durch das weite Sternenmeer. Und wenn einmal eine Flaute herrscht, pustet dein Mond mit vollen Backen in das Segel. Du wirst schon sehen, dass das eine gute Idee ist.«
Das Mädchen schluckte. Noch einmal sah sie Oma Sonne an. Die Sonne lächelte herzlich warm.
»Du schaffst das schon, mein kleines, geliebtes Mädchen. Dein kleiner Mond wird schon auf dich aufpassen. Und ich werde in Gedanken und in deinem Herzen immer bei dir sein.«
Das kleine Mädchen nickte und lächelte zurück.
»Dann werde ich mich auf die Reise machen. Und ich werde dich dabei nie vergessen.«
Nik und Nele begannen nun, den kleinen Mond vorzubereiten. Sie knoteten das Bettlaken an ihm fest, erklärten ihm, wie ein Segel funktionierte und legten noch das Weltraumbuch bereit. Zum Schluss kletterte Nik auf sein Bett hoch, kramte unter der Decke herum und holte ein paar leere Trinkflaschen hervor.
»Die wirst du bestimmt gebrauchen können.«
Das kleine Mädchen sah die Flaschen verständnislos an.
»Das verstehe ich nicht. Was kann ich mit den Dingern anfangen?«
Nik lachte.
»Das ist mein Rezept gegen Heimweh. Du schreibst Oma Sonne einen Brief über deine Abenteuer und Erlebnisse. Den steckst du in eine der Flaschen und wirfst sie dann in das Sternenmeer. Die Strömung sie dann hierher. Oma Sonne wird deine Briefe lesen können und fühlt sich dann ganz nah bei dir.«
Die Augen des kleinen Mädchens begannen zu strahlen. Es hüpfte von ihrem Mond auf das Etagenbett und drückte die beiden Zwillinge an sich.
»Vielen Dank, Nik und Nele. Ihr habt mir sehr geholfen. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages wieder sehen werden.«
Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Die beiden Geschwister flogen langsam mit ihrem Etagenbett nach Hause. Immer wieder blickten sie dabei zurück und sahen dem Abschied des kleinen Mädchens von Oma Sonne zu.
»Wir haben zwar keine Supernova gesehen, aber dafür war dieses unerwartete Treffen viel schöner.«, sagte Nele.
»Ich hoffe, dass das kleine Mädchen einen neuen Platz im Sternenmeer finden wird.«
Dem konnte Nik nur beipflichten.

(c) 2017, Marco Wittler

Mehr Geschichten  vom kleinen Mädchen und ihrem kleinen Mond findest du in meinem neuen Projekt:
„Mein kleiner Mond und ich“

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528. Der einsame Mond oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?‘ (Papa erklärt die Welt 39)

Der einsame Mond
oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?

Ein paar Tage vor Weihnachten stellte Papa den großen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer auf. Gemeinsam mit seiner Tochter Sofie schmückte er ihn von oben bis unten mit bunten Kugeln, glitzerndem Lametta, süßen Holzfiguren, vielen Lämpchen und kleinen Sternen.
»Wow.«, bewunderte Sofie den Baum. »Er sieht wundervoll aus. So schön hat unser Weihnachtsbaum noch nie ausgesehen.«
»War doch eine gute Idee von mir, dieses Jahr noch ein paar Sterne zu kaufen.«, war Papa mit sich selbst zufrieden.
»Da hast du Recht.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck.
»Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von kleinen Weihnachtssternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal zum Weihnachtsfeste, dass der Mond im dunklen, schwarzen Himmel aufging und die Menschen auf der Erde beobachtete, wie sie sich um einen großen, bunt geschmückten Baum versammelten, sich gegenseitig Geschenke machten und den Abend mit ihren Liebsten verbrachten.
»Ach, ist das schön.«, war der Mond begeistert. »Wie gerne würde ich auch einmal Weihnachten feiern. Stattdessen hänge ich hier oben am Himmel und bin ganz allein und einsam.«
Er schniefte leise vor sich hin und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
»Zum Glück kann ich wenigstens den Menschen zuschauen und mir vorstellen, selbst dabei zu sein.«
Während der nächsten Stunden zog er über die Erde hinweg und sah in unzählige Häuser. Überall wurde gefeiert und niemand war allein. Kurz bevor der Mond am frühen Morgen unterging seufzte er noch ein letztes Mal und verschwand anschließend in seinem Bett.
In diesem Moment ging die Sonne hinter dem Horizont auf. Sie hatte gehört, dass der Mond traurig war und dass er sich einsam fühlte.
»Der arme Mond. Er tut mir so leid. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm eine Freude machen könnte. Aber mir fällt nichts ein.«
Auch die Sonne zog nun über den Himmel hinweg. Ihr ging es dabei viel besser, denn die Erde war in ihr warmes Sonnenlicht getaucht. Ihre Sonnenstrahlen spiegelten sich im Schnee des Winters und ließen die ganze Welt glitzern.
»Wie schön es da unten ist. Die Menschen sind wirklich zu beneiden.«
Und da fiel der Sonne plötzlich etwas ein.
»So etwas Wundervolles würde dem Mond bestimmt auch gefallen. Wenn der Himmel um ihm herum so glitzern würde wie der Schnee, dann würde er sich bestimmt nicht mehr so einsam fühlen.«
Dann nahm sie ein paar ihrer Sonnenstrahlen und zerbrach sie vorsichtig in unzählige kleine Stücke, die sie über den ganzen Himmel verteilte.
»Und das ihr mir schön artig zum Mond seid.«, sagte sie zu den kleinen Lichtstücken. »Er ist ein sehr netter Kerl und verdient nur das Beste.«
Am Abend verschwand die Sonne wieder hinter dem Horizont. Aber sie legte sich nicht ins Bett, sondern beobachtete heimlich den Himmel.
Ein paar Minuten später ging der Mond auf und kletterte langsam am Himmel hinauf.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert?«
Er sah sich begeistert um. Egal in welche Richtung er sah, überall waren kleine, helle Lichter, die wie winzige Diamanten glitzerten.
»Wer seid ihr denn? Wo kommt ihr her?«
Eines der kleinen Lichter kam näher und lächelte freundlich.
»Wir sind Sterne. Die Sonne hat uns gemacht, um dir zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Wir werden dir von nun an Gesellschaft leisten, damit du dich nie wieder einsam fühlen musst.«
Der Mond wurde rot im Gesicht, so dankbar war er. Nun wusste er, wie schön es war, wenn jemand an Weihnachten an jemand anderes dachte.
»Vielen Dank, liebe Sonne. Du bist wirklich eine sehr, sehr liebe und gute Freundin.«
Und dann zog der Mond die Nacht über durch den Himmel und begrüßte jeden Stern einzeln und gab jedem einen Namen.

»Und so sind die Sterne entstanden?«, fragte Sofie.
Papa nickte grinsend, deckte seine kleine Tochter zu.
»Und deswegen hängen wir sie jedes Jahr an unseren Weihnachtsbaum?«
»Ganz genau. Weil die ersten Sterne zum Weihnachtsfest am Himmel erschienen sind. Und nun schlaf gut, meine kleine Prinzessin.«
Sofie grinste, als Papa das Licht ausschaltete.
»Das war eine tolle Weihnachtsgeschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«

(c) 2015, Marco Wittler

512. Schlittenfahrt im Sonnenschein (Hallo Oma Fanny 24)

Schlittenfahrt im Sonnenschein

Hallo Oma Fanny.

Ich bin es, der Noah. Ich schreibe dir heute von einem ganz besonderen Erlebnis.
Gestern Abend saß ich mit Papa vor dem Fernseher. Da liefen die Nachrichten und berichteten aus ganz vielen Ländern. Am Ende kam dann das Wetter. Also eigentlich nicht, denn das geht ja nur draußen. Aber ein Mann stand vor einer Deutschlandkarte und hat uns gezeigt, wie das Wetter werden sollte.
Er kündigte an, dass es von Norden bis Süden, also im ganzen Land, kräftig schneien sollte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich vor Freude gejubelt habe. Ich wollte sofort meinen Schlitten aus dem Keller holen, aber ich durfte nicht. Mama schickte mich ins Bett.
Heute Vormittag, bin ich nach dem Aufstehen sofort an mein Fenster gelaufen. Es war aber keine einzige Schneeflocke zu sehen. Nicht einmal Wolken hatten sich zu uns verirrt. Der Himmel war überall blau und die Sonne schien. Da war ich richtig enttäuscht. Ich wollte doch unbedingt Schlitten fahren.
Ich war zwar traurig, bin dann aber trotzdem in den Keller gegangen, um meinen Schlitten zu holen. Ich habe mich dann in den Garten gesetzt und mit dem blauen Himmel gemeckert, dass er endlich verschwinden und den Schneewolken Platz machen sollte.
Stattdessen stach mir dann die Sonne mit einem Strahl direkt ins Auge.
Da hatte ich plötzlich eine großartige Idee. Ich hab mir meinen Schlitten genommen und bin auf dem Sonnenstrahl nach oben geklettert. Ganz weit oben habe ich mich dann umgedreht und bin mit dem Schlitten zurück in den Garten gefahren. Das war so lustig, dass ich den ganzen Tag nichts anderes mehr gemacht habe.

Liebe Oma Fanny, ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief. Bis bald.
Dein Noah.

(c) 2015, Marco Wittler

465. Eine Mütze gegen die Sonne

Eine Mütze gegen die Sonne

Niko lief die steile Treppe hinauf, bis er endlich ganz oben auf dem hohen Deich stand. Von dort aus hatte er einen weiten Ausblick über das Meer auf der einen Seite und über das flache Land auf der anderen, wo sich der Campingplatz befand, auf dem Niko mit seinen Eltern für ein paar Tage lebte.
»Wow, ist das toll hier.«, freute er sich über den Urlaub an der Nordsee.
»Das ist der schönste Urlaub meines Lebens.«
Ein paar Sekunden später hatten ihn seine Eltern eingeholt.
»Niko, die Sonne scheint. Vergiss bitte nicht deine Mütze.«, wurde er von Mama ermahnt, die ihm anschließend seine Kappe auf den Kopf setzte.
»Kappe tragen ist doof.«, beschwerte sich Niko.
»Warum muss ich die denn überhaupt aufsetzen, wenn ich sie nicht mag?«
Papa erklärte ihm, dass man ohne Mütze einen Sonnenstich bekommen könnte.
»Dann wird dir schlecht, schwindelig und du musst vielleicht sogar ins Krankenhaus. Und das möchtest du doch nicht, oder?«
niko schüttelte den Kopf.
Eine halbe Stunde später kam die kleine Familie an einem Leuchtturm vorbei, den Papa begeistert von allen Seiten fotografierte.
»Warum hat eigentlich der Leuchtturm keine Mütze auf?«, fragte niko grinsend.
»Der Leuchtturm braucht doch keine Mütze.«, erklärte Mama.
»Wieso denn nicht? Er steht den ganzen Tag in der Sonne. Da bekommt er bestimmt viel schneller einen Sonnenstich.«
Grinsend stemmte Niko seine Hände in die Seiten.
»Wenn der Leuchtturm keine Mütze braucht, dann brauche ich bestimmt auch keine.«
Da wusste auch Mama nichts mehr zu sagen.

Am Abend saß Mama mit einer Tüte voller Wollknäuel vor dem Zelt. Sie wollte sich noch eine schicke Mütze häkeln, als ihr eine Idee in den Kopf kam.
Also legte sie ihre Häkelsachen zur Seite, lief von Zelt zu Zelt und traf sich etwas später mit einer großen Gruppe Frauen. Gemeinsam saßen sie nun vor einem großen Berg Wollknäuel und häkelten wie wild um die Wette.
»Was macht ihr denn da?«, wollte Niko wissen.
»Das wird eine Überraschung. Aber jetzt wird noch nichts verraten.«, sagten die Frauen gemeinsam.

Am nächsten Tag waren die Wollknäuel die die Frauen verschwunden.
»Was habt ihr denn jetzt gemacht?«, wollte Niko voller Neugierde wissen.
»Das wirst du schon sehen. Wir gehen jetzt erstmal spazieren. Und vergiss deine Mütze nicht.«
Niko grinste.
»Ich brauche aber keine Mütze. Du weißt doch, der Leuchtturm hat auch keine.«
Also stopfte er sich die Kappe in die Hosentasche und lief den Deich hinauf. Eine Weile ging er mit seinen Eltern am Strand entlang, bis Niko plötzlich erstaunt stehenblieb.
»Hey, was ist denn das?«
Er kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, denn vor dem Leuchtturm standen die Frauen vom letzten Abend.
»Hat der Leuchtturm wirklich eine Mütze auf?«, fragte Niko erstaunt.
»Oh ja.«, sagte Mama grinsend.
»Gegen die Sonne braucht halt jeder eine Mütze, damit man keinen Sonnenstich bekommt. Da darf auch kein Leuchtturm eine Ausnahme machen. Und jetzt bist du dran.«
Niko gab sich geschlagen. Er zog seine Kappe aus der Tasche und setzte sie sich auf den Kopf.

(c) 2013, Marco Wittler

453. Tina und der Sonnenstrahl

Tina und der Sonnenstrahl

Tina saß an ihrem Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Lust hatte sie eigentlich keine, denn das Wetter war viel zu schön. Da sollte man doch lieber draußen spielen.
»Nur noch eine Viertelstunde.«, seufzte sie und schrieb an ihrem Aufsatz weiter.
Doch dann hörte sie plötzlich ein paar Stimmen im Garten. Neugierig sah sie aus dem Fenster und entdeckte ihren kleinen Bruder mit seinen Freunden.
»Oh, nein.«, seufzte Tina.
»Nicht schon wieder die drei Nervensägen. Dann wird das wohl nichts mit meinem Sonnenbad. Wenn die drei im Garten so laut sind, kann ich mich nicht richtig entspannen.«
Sie wollte ihren Stift zur Seite legen. Die Lust an den Hausaufgaben war ihr nun endgültig vergangen. Doch aus Angst vor einer schlechten Note, schrieb sie noch schnell die letzten Sätze in ihr Heft, bevor sie es in ihre Schultasche räumte.
Genau in diesem Moment wurde es im Garten noch eine Spur lauter. Tina sah wieder nach draußen und sah, wie die Jungs immer wieder Steine in die Luft warfen.
»Ich treffe bestimmt den Apfel.«, rief ihr Bruder Paul, warf den Stein und traf.
»Ich treffe sogar den Ast ganz oben.«, übertönte sein Freund Max.
Er brauchte drei Anläufe, bis er es tatsächlich schaffte. Nun war Leon an der Reihe. Doch was sollte er nun bewerfen? Das Haus? Ein Fenster? Nein.
»Ich bin der beste Werfer der Welt. Ich kann nämlich die Sonne treffen.«
Er sammelte sich ein paar Steine und warf sie hoch in die Luft. Aber es war gar nicht so einfach, sein Ziel zu erreichen. Irgendwann versuchten sich auch die anderen beiden Jungs.
»Was soll denn das?«, ärgerte sich Tina.
»Die werden sich noch gegenseitig oder jemand anderen verletzen.«
Sie zog sich schnell ihre Schuhe an und lief hinaus in den Garten. Gerade, als sie aus dem Haus kam, ertönte lauter Jubel.
»Ich hab es geschafft.«, brüllte Max.
»Ich hab es tatsächlich geschafft. Ich habe die Sonne getroffen.«
»Spinnt ihr?«, rief Tina, so laut sie konnte und schreckte die Jungs auf.
»Schnell weg hier.«
Max, Paul und Leon nahmen ihre Beine in die Hände, stürmten durch das Gartentor und verschwanden hinter der nächsten Straßenecke.
Tina sah sich um und seufzte. Überall lagen Steine im Garten verteilt. Sie lagen auf der Wiese, zwischen den Blumen und den Sträuchern. Doch was war das? Etwas glitzerte zwischen den Ästen des Apfelbaums.
»Nanu? Das war vorhin noch nicht da.«
Tina ging näher, kletterte vorsichtig am Baumstamm hinauf und holte ihre Entdeckung zwischen den Blättern hervor.
»Oh nein.«, flüsterte sie zu sich selbst.
»Die Jungs haben es tatsächlich geschafft. Sie haben mit den Steinen die Sonne getroffen und dabei einen ihrer Strahlen abgebrochen.«
Ihr wurde sofort flau im Magen. Sie kletterte zurück zum Boden und sah zum Himmel hinauf. Hatte die Sonne nun Schmerzen? Würde das Licht weniger werden? Sie wusste es nicht.
Verzweifelt warf sie den Sonnenstrahl zum Himmel hinauf. Immer wieder versuchte sie es. Aber leider fiel er jedes Mal zurück zur Erde.
»Ich schaffe es einfach nicht. Die Sonne braucht aber den Strahl.«
Schon wollte ihr ein erstes Tränchen die Wange herunter kullern, als Tina über sich ein freundliches Lachen hörte.
»Ist doch gar nicht so schlimm.«, sagte die Sonne mit beruhigender Stimme.
»Ich habe noch ganz viele Strahlen. Da fällt der eine gar nicht auf.«
Und nun besah sich Tina zum ersten Mal die Schönheit des Sonnenstrahls in ihrer Hand.
»Den darf ich wirklich behalten?«
»Ja.«, antwortete die Sonne.
»Wenn du mal schlechte Laune hast oder es den ganzen Tag regnet, dann hol ihn hervor und du kannst dich jederzeit am Sonnenschein erfreuen.«

(c) 2013, Marco Wittler

403. Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Papa saß zusammen mit seiner kleinen Tochter Lena am Strand. Gemeinsam beobachteten sie, wie die Sonne am Abend immer tiefer sank.
»Weißt du eigentlich, woraus die Sonne gemacht ist?«, fragte Papa.
Lena nickte.
»Die Sonne ist ein riesiges Feuer. Das haben wir in der Schule gelernt.«
»Und wohin verschwindet die Sonne, wenn sie am Abend unter gegangen ist?«
Lena wollte bereits antworten, überlegte es sich dann aber doch noch einmal anders. Schließlich zuckte sie mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Geht sie vielleicht zum Schlafen ins Bett?«, lachte sie.
Papa schüttelte den Kopf.
»Die Sonne versinkt im Meer. Das passiert hier direkt vor unserer Nase.«
Lena bekam große Augen.
»Sie versinkt im Meer? Das glaub ich nicht. Das viele Wasser löscht ja dann das Feuer.«
»Aber genau so ist es. Wenn die Sonne das Meer berührt, das Feuer langsam gelöscht wird und dabei etwas Wasser verdampft, kann man es ganz leise zischen hören.«
So einen Blödsinn wollte Lena dann aber doch nicht glauben.
»Das hast du dir doch bestimmt nur ausgedacht.«
Sie stemmte die Hände in ihre Seiten und sah Papa ganz misstrauisch an.
»Oder?«
Papa drehte ihren Kopf zurück zum Meer.
»Dann pass mal ganz genau auf.«
Die Sonne hatte das Wasser fast erreicht. Es konnte sich nur noch um ein paar Sekunden handeln.
»Und nun hör genau hin.«
Lena strengte sich an. Am Liebsten hätte sie die Augen geschlossen, aber sie wollte auf keinen Fall etwas verpassen. Und plötzlich hörte sie es tatsächlich. Ein ganz leises Zischen hatte den Weg in ihr Ohr gefunden.
»Mensch, Papa, du hattest wirklich Recht. Das Wasser löscht die Sonne.«
In diesem Moment gesellte sich Lenas Bruder Paul zu den Beiden und war gleich etwas verwirrt.
»Mensch, Papa, warum zischst du denn die ganze Zeit in Lenas Ohr? Was wird das denn?«
Lena sah sofort zur Seite und erwischte Papa, wie er gerade mit seinem Kopf zurück wich.
»Hab ich dich doch erwischt.«, grinste sie von einem Ohr zum anderen.
»Du hast mir also doch nur Blödsinn erzählt.«
»Aber nur, weil der Wind heute so laut ist und man das Zischen deswegen nicht hören kann.«, entschuldigte er sich lachend.

(c) 2012, Marco Wittler

303. Juhuu, wir sind da

Juhuu, wir sind da

Ganz klein war es. Es steckte tief im Dunklen und war in einen monatelangen Schlaf versunken. Viele schöne Träume geisterten durch seinen Kopf. Aber es wusste ganz genau, dass es da noch mehr geben musste. Eines Tages würde etwas ganz Besonderes geschehen. Dann würde es nicht mehr nur ein kleines Körnchen sein.
Eines Tages wurde es wärmer und das Körnchen erwachte. Es gähnte laut und lang.
»Huuuch. Was ist denn das? Ich bin erwacht. Dabei hätte ich doch so gern noch weiter geschlafen. Es war doch gerade so richtig gemütlich geworden.«
Es sah sich um. Doch in jeder Richtung war es dunkel. Man konnte nicht einmal eine Hand vor Augen sehen.
»He, warum ist es denn so dunkel? Kann denn nicht mal jemand das Licht einschalten?«
Aber es kümmerte sich niemand. Es blieb dunkel. Stattdessen war plötzlich ein vielstimmiges Gähnen zu hören. Da wurden noch mehr kleine Körnchen wach. Und schon war es mit der angenehmen Ruhe vorbei.
Nun fragten sie sich alle, wo sie sich befanden und was nun zu tun sei. Eine Antwort bekamen sie aber nicht.
»Wir sollten uns bewegen.«, schlug das kleine Körnchen vor.
»Wenn wir einfach so liegen bleiben, kommen wir doch nie im Form. Da wird uns etwas Sport gut tun.«
Und schon zappelte es hin und her, kam aber nicht recht vom Fleck. Außerdem gefiel es ihm nicht, dass es von oben immer wärmer wurde, unten aber kalt blieb.
»Ich will hier raus. Dort oben wird es mir ganz bestimmt besser gefallen. Ich wachse hier raus.«
Das Körnchen begann sich zu recken und zu strecken. Es wurde lang und länger. Es wuchs regelrecht durch die Dunkelheit nach oben, bis es schließlich aus seinem Schlafplatz ausbrach und zum ersten Mal in seinem Leben das Licht der Sonne erblickte.
»Ui, ist das schön hier. Und alles ist so herrlich warm. Leute, das müsst ihr euch unbedingt anschauen.«
Es dauerte gar nicht lange, bis auch die anderen hinterher kamen. Manche mussten sich erst die Augen reiben. Aber dann war der Jubel groß.
»Juhuu, wir sind da.«, riefen sie einem Menschen entgegen, der gerade an ihnen vorbei ging.
»Huch. Wer ruft denn da?«, fragte sich dieser, sah aber nichts anderes als die ersten frisch gewachsenen Blumenstengel des Frühlings, die lustig im Wind hin und her wehten.

(c) 2009, Marco Wittler

145. Weg mit der Sonne

Weg mit der Sonne

Florian saß in der Schule und hatte großen Mühen, sich vor der Sonne zu verstecken.
»Heute ist es ja mal wieder viel zu heiß.«, flüsterte er seiner Sitznachbarin Nina zu.
»Das stimmt gar nicht.«, flüsterte sie zurück.
»Bei dem Wetter kann ich wenigstens ins Freibad gehen und schön braun werden.«
Florian verdrehte die Augen. Er verstand die Mädchen überhaupt nicht.
Mittlerweile hatte er schon mehrere Blätter aus seinem Heft an das Fenster geklebt, aber die Sonne wanderte immer höher und ihre Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg in das Klassenzimmer. Schon seit Sonnenaufgang hatte Florian seine Sonnenbrille aufgesetzt. Noch vor einem Jahr beschwerten sich die Lehrer darüber, aber inzwischen hatten sie sich daran gewöhnt. Solange er noch von der Tafel abschreiben konnte und seine Noten nicht schlechter wurden, durfte er sich die Brille auf die Nase setzen.
Es klingelte. Der Unterricht war vorbei und die vielen Kinder strömten aus der Schule. Einer der Letzten war Florian. Er hatte sich eine große Mütze aufgesetzt und versteckte sich unter einem Sonnenschirm. Ein paar der Kinder tuschelten und kicherten, aber die meisten hatten sich an diesen komischen Anblick bereits gewöhnt.
»Wenn es doch bloß nicht immer so hell wäre.«, sagte Florian seinem Freund Nils.
»Man schwitzt die ganze Zeit, bekommt Sonnenbrände und muss Angst vor Hautkrebs haben, wenn man sich nicht richtig mit Sonnencreme einschmiert. Ich habe sogar gelesen, dass über Australien ein ganz großes Ozonloch ist und die gefährlichen Sonnenstrahlen bis zur Erde runter kommen. Da darf man erst recht nicht mehr in die Sonne.«
Nils kratze sich am Kopf.
»Was ist denn ein Ozonloch?«
Florian zuckte mit den Schultern.
»Ich hab keine Ahnung. Aber es klingt gefährlich. Wer weiß, vielleicht haben wir so etwas auch bei uns, haben es nur noch nicht entdeckt.«

Den Rest des Tages hatte Florian in seinem Zimmer verbracht. Die Sonnenbrille und seine große Mütze legte er erst ab, als er die Vorhänge zu zog und sich für das Bett fertig machte. Während er sich die Decke über den Kopf zog fuhr ihm noch ein letzter Gedanke durch den Kopf bevor er einschlief.
»Wie schön wär es doch, wenn es die Sonne gar nicht gäbe. Dann müsste ich mich nicht mehr vor ihr verstecken.«

Am nächsten Morgen kam Florians Mutter in das Kinderzimmer.
»Flo, wo bleibst du denn? Du musst doch zur Schule. Du verschläfst doch sonst nicht. Was ist denn plötzlich los mit dir?«
Florian rieb sich verschlafen die Augen und gähnte laut. Er konnte es gar nicht glauben. Er hatte tatsächlich verschlafen. Schon vor zwanzig Minuten hatte er aufstehen wollen.
Er sah zum Fenster. Es war stockdunkel draußen. Durch den Vorhang kam kein Licht herein.
»Mama, bist du sicher, dass ich verschlafen habe? Es ist doch noch dunkel draußen.«
Seine Mutter sah ihn verwirrt an.
»Noch dunkel? Ich weiß nicht, wovon du redest. Steh jetzt endlich auf, du Witzbold.«
Florian stand auf, zog sich an und machte sich im Bad zurecht. Zum Frühstücken blieb keine Zeit mehr, sonst würde er den Bus verpassen. Er packte sich also seine Brote ein und wollte gerade das Haus verlassen, als ihn seine Mutter zurück hielt.
»Willst du wirklich so auf die Straße gehen?«
Er sah an sich herunter, konnte aber nichts sehen, was nicht in Ordnung war. Daraufhin warf ihm seine Mutter eine Winterjacke und die passenden dicken Schuhe zu. Verwirrt zog Florian die Sachen an und öffnete die Tür.
Ein eiskalter Wind wehte ihm entgegen. Überall lag meterhoch Schnee.
»Was ist denn hier passiert? Schnee fällt doch gar nicht im Sommer.«
»Sommer?«, fragte seine Mutter. »Was ist das?«
Florian verstand die Welt nicht mehr und bahnte sich einen Weg durch den fallenden Schnee. Ein paar Meter weiter stand bereits der Bus. An seiner Vorderseite hatte er einen großen Schneepflug angebracht. Anders käme er bei diesem Wetter auch gar nicht durch die Straßen.
In der Schule fühlte sich Florian wohl. Sie waren zwar wegen des Wetters alle eine Stunde zu spät angekommen, dafür musste er aber keine Sonnenbrille tragen. Es blieb den ganzen Vormittag über dunkel. Selbst, als er zur Mittagszeit nach Hause zurück kehrte, ging die Sonne nicht auf.
»Sollte sich mein Wunsch vielleicht erfüllt haben?«
Er betrat das Haus und zog sich die Winterkleidung aus. Eigentlich gefiel ihm die neue Dunkelheit sehr gut. Das einzige Problem waren seine kalten Füße. Doch die würden bald wieder warm werden.
»Komm gleich in die Küche. Das Essen wird sonst kalt.«, rief seine Mutter.
Florian kam der Bitte nach und setzte sich an seinen Platz. Sein Teller war schon gefüllt. Darauf lagen ein Steak, ein Schnitzel und eine große Frikadelle.
»So viel Fleisch? Wo ist denn das Gemüse? Du weißt doch wie gern ich das esse.«, beschwerte er sich.
»Gemüse? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«, antwortete seine Mutter.
Da viel Florian ein, was er noch vor ein paar Tagen in der Schule gelernt hatte. Ohne Sonne konnten keine Pflanzen wachsen. Also gab es jetzt wohl keine mehr. Unter dem dicken Schnee hatten sie eh keinen Platz zu wachsen.
»Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Wenigstens muss ich keine Angst mehr vor einem Sonnenbrand haben.«

Nachdem die Hausaufgaben erledigt waren, schnappte sich Florian das Telefon und rief seinen Freund Nils an.
»Hast du Lust zu mir zu kommen? Wir können ein wenig zusammen spielen.«
»Bist du verrückt geworden?«, war die Antwort.
»Meine Eltern sind nicht da. Es kann mich keiner zu  dir bringen. Und bei der langen Strecke bis zu dir frieren mir bestimmt ein paar Zehen ab. Du weißt doch, dass mir das schon zwei Mal passiert ist.«
Konnte es wirklich so kalt werden, wenn es keine Sonne gab? Nils wohnte doch nur einen Kilometer entfernt.
Enttäuscht legte Florian auf und rief bei Michi an. Doch der konnte auch nicht vorbei kommen.
»Auf unserem Auto und der Auffahrt liegt schon wieder einen Meter hoch Schnee. Wenn mein Papa das alles weg geschaufelt hat, ist es schon Abend. Tut mir leid.«
Florian war enttäuscht und langweilte sich den Rest des Tages.
Als er sich sehr früh ins Bett legte dachte er noch einmal über den ganzen Tag nach.
»Eigentlich ist die Sonne doch eine gute Sache. So, wie es jetzt ist, gefällt es mir ganz und gar nicht. Es ist zu kalt, man muss überall Licht machen und meine Freunde sehe ich auch nur noch in der Schule. Hätte ich mir bloß nie gewünscht, dass die Sonne verschwindet.«

Der nächste Morgen war wieder ganz anders. Noch bevor der Wecker klingelte wurde Florian von den ersten Sonnenstrahlen geweckt.
»Oh, wie herrlich. Die Sonne scheint.«
Er machte sich fertig und verließ schon bald das Haus. Noch bevor er den Schulbus betrat blieb er an den Mülltonnen stehen, dachte kurz nach und warf schließlich seine Sonnenbrille und die große Mütze weg.
»Die brauche ich nicht mehr. Es gibt doch nichts Schöneres als die Sonne.«

(c) 2008, Marco Wittler

115. Wilde Sterne oder „Papa, was macht die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?“ (Papa erklärt die Welt 16)

Wilde Sterne
oder »Papa, was macht die Sonne wenn sie nachts nicht scheint?

»Es wird Zeit ins Bett zu gehen, mein Schatz. Schau mal nach draußen, die Sonne ist auch schon untergegangen.«
Papa war ins Zimmer gekommen und war bereits dabei, die Rollade herunter zu lassen. Sofie hatte sich bereits ihren Schlafanzug angezogen, saß aber noch auf dem Boden und spielte mit einem kleinen Püppchen.
»Ach Papa. Es macht doch gerade so viel Spaß. Kann ich nicht noch ein paar Minuten wach bleiben?«
Aber Papa schüttelte den Kopf.
»Du weißt doch, was wir abgemacht haben. Wenn du immer pünktlich ins Bett gehst, bekommen wir zwei keinen Streit.«
Er hob seine Tochter hoch, legte sie ins Bett und deckte sie zu.
»Und du hast es doch auch vorhin noch sehen können. Sogar die Sonne ist schon unter gegangen. Die hält sich immer an ihre Zeiten.«
Sofie grübelte. Einen Moment später erhellte sich ihr Blick.
»Papa, was macht eigentlich die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Sonne. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Zeit, in der es am Himmel drunter und drüber ging. Die Sterne waren jung und wild. Sie flitzten durch die Gegend, leuchteten mal hier und mal da und fügten sich zum Spaß zu den lustigsten Sternzeichen zusammen, nur um sie kurz darauf wieder auseinander zu nehmen.
Die Menschen auf der Erde waren gerade dabei ihre ersten Seefahrten zu unternehmen und ärgerten sich in jeder Nacht, dass sie nicht wussten, wo sie hin segelten, da sie sich nicht nach den Sternen richten konnten. Es war ein totales Chaos.
Einen kleinen Bären, einen großen Wagen oder Waage, Steinbock, Jungfrau und all die anderen Sternbilder gab es noch nicht, nur ein paar wilde Lichtpunkte, die sich in der Nacht austobten.
Eines Tages, als die Sonne hoch am Himmel stand, blickte sie auf die Erde herab und sah den Schiffen bei ihren Fahrten zu. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend waren sie unterwegs. Doch als es langsam dunkel wurde und sie hinter dem Horizont verschwinden wollte, fuhren die Schiffe allesamt zurück in die Häfen.
»Das ist aber seltsam. Warum fahren sie denn alle wieder nach Hause?«, wunderte sich die Sonne.
»Wenn sie jeden Abend in den Häfen verbringen, dann können sie aber keine weiten Reisen unternehmen und fremde Länder besuchen. Außerdem weiß doch jedes Kind, dass manche Fischarten in der Nacht viel besser zu fangen sind.«
Sie grübelte und dachte nach, aber eine Erklärung fand sie nicht.
»Irgendwas stimmt da nicht. Und das will ich heraus finden.«
Wie an jedem Abend ging sie unter und nahm das Tageslicht mit sich.
Ohne, dass es jemand bemerkte, sah sich die Sonne in ihrem Kleiderschrank um und entdeckte ein altes Karnevalskostüm. Sie verkleidete sich ganz flink als Mond und stieg kurz darauf in dieser Gestalt zum Himmel hoch.
Als sie dann sah, was dort vor sich ging, stockte ihr der Atem. Die unzähligen Sterne trieben wieder ihr böses Spiel, flitzten hin und her und verwirrten die Menschen auf der Erde.
»Jetzt ist aber damit Schluss.«, entschied sich die Sonne.
»Eurem bunten Treiben werde ich ein Ende setzen.«
Sie verschwand wieder hinter dem Horizont und holte eine große Kiste mit Seilen hervor.
Bei ihrer nächsten Wanderung als Mond schnappte sie sich jeden Stern einzeln und band ihn am Himmel fest.
Als sie fertig war, war es schon fast früher Morgen Sie besah sich ihre Arbeit und war sehr zufrieden damit.
»So, und jetzt ist endgültig Schluss mit der Spielerei. Ihr werdet die Menschen nun nicht mehr ärgern können.«
Die verschwand wieder hinter dem Horizont, zog das Kostüm aus und ging ein paar Minuten später als strahlende Sonne auf.
Von nun an tauschte sie fast jeden Tag ihre Rolle. Mal als Sonne, mal als Mond, durchstreift sie nun den Himmel. Am Tage wärmt und beleuchtet sie die Erde und in der Nacht achtet sie darauf, dass sich kein Stern von seinem Seil löst und durch die Nacht flitzt.

Sofie war nun doch müde geworden und gähnte laut, während sie sich die Decke bis unter die Nase zog. Papa küsste noch einmal auf die Stirn, schaltete das Licht aus und verließ das Zimmer. Gerade, als der die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte er noch einmal die Stimme seiner kleinen Tochter.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«
Papa konnte sich vorstellen, wie Sofie jetzt über das ganze Gesicht grinste. Zufrieden ging er nun auch zu Bett.

(c) 2008, Marco Wittler