591. Papa und der Regenmacher

Papa und der Regenmacher

Der Sommer war heiß. Zu heiß. Seit Wochen zeigte das Thermometer täglich mehr als dreißig Grad. Schon morgens begann man zu schwitzen, ohne sich zu bewegen.
Hannah hatte darauf keine Lust mehr. Sie wollte endlich Regen. Jetzt sofort. Wenigstens heute. Einmal nur. Danach durfte wieder die Sonne scheinen. Nur so heiß brauchte es nicht mehr werden.
Sie sah zum Himmel hinauf. Alles blau da oben. Keine einzige Wolke war zu sehen. Nicht einmal ganz weit hinten war eine zu entdecken. Es würde also wieder nicht regnen. Enttäuscht verzog sie den Mund und schmollte.
»Was ist denn los?«, fragte Papa neugierig.
»Mir ist so heiß. Ich will endlich Regen.«, antwortete Hannah.
»Hm.«, machte Papa und dachte nach. Er grübelte hin und her, bis er schließlich zu grinsen begann.
»Ich habe da eine Idee.«
Er ging in das kleine Gartenhaus, in dem sich seine Werkstatt befand. Dort suchte er sich ein langes Papprohr, eine große Schachtel mit Nägeln und ein paar alte Putzlappen.
»Was hast du denn damit vor?«, wollte Hannah wissen. »Damit bekomme ich auch keinen Regen.«
»Worum wollen wir wetten?«
Papa begann zu basteln. Nach und nach drückte er mit seinem Daumen die Nägel in die Röhre. Am Ende waren es bestimmt tausend Stück. Eines der offenen Enden verschloss er nun mit einem Lappen. Auf der anderen füllte er Reis, den Hannahs Bruder Tim inzwischen geholt hatte. Dann wurde auch diese Seite dicht gemacht.
»Was soll das sein?«, fragte Hannah.
»Das ist ein Regenmacher.«, antwortete Papa stolz. »Damit machen wir jetzt Regen.«
»Regen? Mit einem Papprohr? Das glaube ich dir nicht. Das kann nicht funktionieren.«
»Wollen wir wetten?«
Papa schob Hannah unter den großen Kirschbaum und setzte sie auf die Holzbank.
»Damit du nicht so nass wirst.«
Papa drehte den Regenmacher um. Der Reis prasselte nach unten. Es hörte sich tatsächlich wie Regen an. Nur Sekunden später begann es tatsächlich zu regnen. Hannah wurde pitschnass auf ihrer Bank.
»Hey!«, rief sie entsetzt und entdeckte Tim über sich auf einem Ast sitzend. Er hatte eine komplette Gießkanne über ihr ausgeleert.
» Toller Regenmacher. Wenigstens ist mir jetzt nicht mehr so warm.«, lachte Hannah begeistert.

(c) 2017, Marco Wittler

578. Nik und Nele auf dem Roboterplaneten (Nik und Nele 04)

Nik und Nele auf dem Roboterplaneten

»Warum muss es denn jetzt schon so spät sein?« Nik sah auf die große Uhr an der Wand und seufzte laut. »Ich mag noch gar nicht schlafen.«
»Irgendwann muss der Tag mal vorbei sein.« sagte Mama, die gerade den Kopf ein letztes Mal durch die Tür des Kinderzimmers steckte.
»Schlaft gut und träumt schön, ihr zwei. Wir sehen uns Morgen früh.«
Dann schaltete sie das Licht aus und schloss die Tür hinter sich.
»Wir sollten noch etwas unternehmen.« sagte nun auch Niks Zwillingsschwester Nele in die Dunkelheit hinein.
»Ich bin noch gar nicht müde. Schlafen kann ich später auch noch. Was hälst du von einem Ausflug?«
Sie starrte nach oben, in der Hoffnung, dass ihr Bruder zustimmen würde. Der ließ sich nicht lange bitten, kletterte vom oberen Etagenbett nach unten und setzte sich neben Nele.
»Du hast dir doch bestimmt schon ein Ziel ausgesucht, oder?«
Nele knipste ihre Taschenlampe an, holte ihr dickes Weltraumbuch unter der Decke hervor und blätterte ein paar Sekunden darin herum. Sie tippte mit geschlossenen Augen auf eine der Seiten.
»Kepler 186-f im Sternbild Schwan. Ist nur 490 Lichtjahre von hier entfernt. Praktisch um die Ecke.« Nele grinste. »Der Planet wurde erst vor zwei Jahren entdeckt und ist ungefähr so groß wie unsere Erde. Fliegen wir hin und sehen, was es da zu entdecken gibt.«
Sie klappte das Buch zu, legte ihr Kopfkissen zur Seite und drückte auf den großen, roten Knopf, der darunter zum Vorschein kam. An den Seiten des unteren Betts schoben sich dicke Glasscheiben nach oben. Die Türen des Balkons öffneten sich und das Bett schwebte langsam darauf zu.
»Nächster Halt: Kepler 186-f. Intergalaktischer Raumflughafen.« Nele grinste und machte es sich gemütlich, während die Kinder mit ihrem sehr ungewöhnlichen Raumschiff in Richtung Himmel flogen.

Es war ein langer Flug gewesen. Die Zwillinge hatten unzählige Sterne, Planeten und Kometen gesehen, bevor sie im Sternbild Schwan angekommen waren.
»Ist ganz schön kalt hier.« beschwerte sich Nick, der gerade ausstieg.
»Der Planet ist etwas weiter von der Sonne entfernt als unsere Erde. Deswegen kommt auch weniger Wärme an. Hier leben bestimmt nur Eisbären und Pinguine.« vermutete Nele.
Dass sie damit falsch lag, wurde schnell klar, als ihnen eine kleine Gestalt entgegen kam.
»4-6-A-Beta erbittet eure Kennung.« verlangte eine Computerstimme.
»Ist das etwa ein Roboter?« bekam Nik große Augen. »Ein echter Roboter?«
»4-6-A-Beta erbittet eurer Kennung.« kam die Aufforderung ein zweites Mal.
»Wir sind Nik und Nele.« erklärte Nele. » Wir sind Geschwister und kommen vom Planeten Erde.«
»Warum seid ihr zu uns gekommen?« wollte 4-6-A-Beta wissen.
»Wir fliegen gern durch das All und besuchen andere Welten. Es macht uns einfach Spaß.«
Der 4-6-A-Beta legte verwirrt den Kopf schräg. Dies konnte man nun auch bei den anderen Robotern beobachten, die sich mittlerweile zu ihm gesellten.
»Was ist Spaß?« fragten sie gemeinsam.
»Wie? Ihr wisst nicht, was Spaß ist?« Nik konnte es nicht glauben.
»Spaß hat mit Freude zu tun. Es ist ein schönes Gefühl.«
»Was ist sind Gefühle?«
Die Roboter machten es den Kindern nicht einfach.
»Sie sind Maschinen.« begriff Nele langsam. »Sie haben kein Herz und deswegen auch keine Gefühle.«
Die Roboter schüttelten langsam ihre Köpfe. »Wir haben Herzen.« Sie öffneten alle gleichzeitig eine Klappe im Brustpanzer. Darin steckte ein kleiner, metallischer Klumpen, dem man nicht mehr ansehen konnte, was er mal gewesen war.
»Wir müssen dagegen etwas unternehmen.« war Nele entschlossen. Wir zeigen euch, was Gefühle sind.«
Nik war der gleichen Meinung. »Fangen wir mit mit Freude und Spaß an. Lacht mal.«
Die Roboter lachten leise und mechanisch. Es klang nicht so richtig echt.
»Das muss aus dem Bauch kommen. Wartet, ich erzähle euch einen Witz.«
Und dieser Witz erzielte endlich eine Wirkung. Das Lachen der kleinen Maschinen wurde herzlicher. Es klang endlich nach einem richtigen Gefühl. Das zeigte sich auch den verklumpten Herzen. Sie leuchteten leicht rot und wuchsen.
»Und jetzt machen wir mit Freundschaft und Liebe weiter.« fuhr Nele fort, während sie ihren Bruder umarmte und drückte. »Macht es einfach nach.«
Es sah sehr steif aus, wie sich die Roboter umarmten. Doch mit jedem Moment, der verging, wirkte es herzlicher.
»Das ist wirklich schön.« war 4-6-A-Beta begeistert, der noch gar nicht glauben konnte, dass sein Herz ein ganzes Stück gewachsen war.
»Kommen wir nun zur Trauer. Man denkt an etwas, das einem gar nicht gefällt.« erklärte Nele.
»Unser Opa ist im letzten Jahr gestorben. Wir werden ihn nie wieder sehen, nie wieder mit ihm lachen können. Er wird uns nie wieder eine Geschichte vorlesen können.«
Ihr liefen dicke Tränen über die Wangen, die im Schnee unter ihren Füßen verschwanden. Nik erging es nicht anders.
Die Roboter dachten nach. Sie sahen sich um. Schließlich landeten ihre Blicke auf ihren Herzen.
»Wir wollen unsere neu gewonnenen Gefühle nicht verlieren.«
Sie fielen sich gegenseitig in die Arme und schon rollten an ihren Gesichtern Tränen hinab.
»Sie haben es verstanden.« war Nele begeistert.
Doch dann geschah etwas, womit die Zwillinge nicht gerechnet hatten. Die Roboter verkrümmten sich und schrien vor Schmerzen.
»Hilfe!« rief 4-6-A-Beta. »Die Tränen tun mir weh. Ich fange an zu rosten.«
»Oh nein.« Nik wusste nicht, was sie unternehmen sollten. »Die Roboter dürfen nicht weinen. Der Rost wird ihre Panzer zerfressen. Sie werden sterben.«
Aber da hörten die Roboter schon wieder mit ihrem Geheul auf. Sie grinsten über das ganze Gesicht.
»Schadenfreude.« lachte er begeistert. »Witz und Schabernack. Wir haben euch auf den Arm genommen. Noch ein schönen Gefühl. Wir sind euch wirklich dankbar. Ihr habt uns mit den Gefühlen das größte Geschenk unseres Lebens gemacht. Wir sind euch so dankbar, wissen aber nicht, was wir euch dafür geben könnten.«
Nele schüttelte den Kopf, während sie schon wieder in das Bett stieg.
»Eure Freude ist uns schon Dank genug. Der Besuch bei euch hat uns sehr viel Spaß gemacht.«
Sie zog ihren Bruder zu sich auf die Matratze. Dann winkten die Geschwister zum Abschied und flogen wieder nach Hause.

(c) 2014, Marco Wittler

546. Gewitterdisco

Gewitterdisco

Nele sah zum Himmel hinauf und verzog das Gesicht.
»Das sieht aber gar nicht gut aus. Mama sagt bestimmt gleich, dass wir rein gehen müssen, damit uns nichts passiert.«
Und so kam es dann auch ein paar Minuten später.
»Nele, Mila, packt eure Sachen in den Keller. Es zieht ein Gewitter auf. Danach gehen wir rein. Draußen ist es zu gefährlich. Wenn euch der Blitz trifft, könnt ihr schwer verletzt werden oder sogar sterben.«
Nele verdrehte die Augen.
»Es ist doch nur ein Gewitter. Das macht doch nur Blitz und Donner. Was soll daran gefährlich sein? Ich will mal bei Gewitter im warmen Regen tanzen und toben. Das ist bestimmt wie eine Discodusche.«
Also erklärte Mama noch einmal, dass Blitze viel gefährliche seien, als sie aussehen.
»Ein Blitz besteht aus ganz viel Strom. Wenn man davon getroffen wird, bekommt man starke Verbrennungen auf der Haut und es kann einem das Herz stehen bleiben. Damit ist wirklich nicht zu spaßen.«
Nele und Mila schnieften traurig. Dann begannen sie, ihre Gartenspielsachen in den Keller zu räumen.
Eine halbe Stunde später regnete es so heftig wie nur selten. Man konnte draußen kaum noch etwas sehen. Nur die vielen Blitze erhellten immer wieder den Garten.
Nele verstand nun auch, dass es draußen sehr gefährlich und ungemütlich war. Immer wieder blies der kräftige Wind Laub und ganze Äste durch die Gegend. Immer wieder fielen dicke Hagelkörner vom Himmel.
»Dann spielen wir eben Gewitterdisco.«, entschied sie und zog ihre Schwester Mila hinter sich her.
Nach ein paar Minuten hörte Mama ein Rauschen und laute Musik aus dem Badezimmer. Neugierig sah Mama nach und entdeckte ihre Nele voll bekleidet unter der laufenden Dusche. Wild tanzte sie hin und her und jubelte laut. Auf der Toilette stand ein Radio das laut dudelte. Mila hatte die Hand auf dem Lichtschalter und ließ es blitzen.
»Ihr seid ja echt verrückt.«, lachte Mama. »Eines habt ihr aber vergessen. Wo ist denn der Donner?«
Sie schloss die Tür und klatschte nach dem Lichtblitz mit der Hand auf die Tür.

(c) 2016, Marco Wittler

376. Die Wasserschlacht

Die Wasserschlacht

Erwartungsvoll standen die Kinder im Garten und warteten unter dem Wohnzimmerfenster darauf, dass Papas Gesicht wieder erscheinen würde.
›Fangt die Luftballons auf, die ich euch zuwerfe.‹, hatte er gesagt. Das klang nach einem lustigen Spiel. Zumindest dachten das Emma und Finn. Aber sie hatten nicht mit Papas fiesen Ideen gerechnet.
»Hier kommt der erste Luftballon. Bleibt ruhig stehen und schnappt ihn euch.«, rief Papa nach unten und warf.
Der Luftballon stürzte schneller als gedacht in die Tiefe und klatschte platzend auf dem Rasen auf. Aus seinem Inneren spritzte kaltes Wasser in alle Richtungen davon.
»Ihhh.«, rief Emma erschrocken.
»Das war ja eine Wasserbombe.«
Mehr Zeit zum Beschweren blieb den Kindern aber nicht, denn schon kamen die nächsten Ballons aus dem Fenster geflogen. Emma und Finn hatte viel damit zu tun, dem Spritzwasser auszuweichen. Lustig war es aber trotzdem.
»Bin gleich wieder da. Muss eben neue Luftballons mit Wasser füllen.«
Papa verschwand im Bad und bereitete sich wieder vor. Dieses Mal spukte ihm ein besonders fieser Einfall im Kopf herum, den er auch drei Minuten später in die Tat umsetzte.
Leise schlich er sich nach unten in den Keller. Von dort aus stürmte er mit lautem Gebrüll in den Garten und wollte die Kinder aus nächster Nähe mit seinen Wasserbomben bewerfen. Aber die Emma und Finn liefen nicht davon. Sie standen einfach grinsend auf dem Rasen und blickten zum Wohnzimmerfenster hinauf.
Papa war verwirrt, also blieb er stehen und sah nun auch nach oben. Und was entdeckte er direkt über sich? Mama.
Sie beugte sich gerade aus dem Fenster und drehte einen großen Eimer herum. Daraus stürzten sich mehrere Liter kalten Wassers auf Papa herab.
»Jetzt bist du selbst mal nass geworden.«, lachte sie und zog sich vergnügt zurück.
Die Kinder mussten nun auch ganz laut lachen, kugelten sich über den Boden und mussten sich sogar die Bäuche festhalten.

(c) 2011, Marco Wittler

373. Gewitter

Gewitter

Es stürmte. Es regnete. Unzählige Blitze hellten immer wieder die Nacht auf. Laute Donnerschläge übertönten immer wieder das Prasseln an der Fensterscheibe. Es sollte nicht lange dauern, bis Mia wach wurde und zu weinen begann.
»Was ist denn los?«, fragte ihre große Schwester Leonie, die im anderen Bett lag und gerade ihre Augen öffnete.
»Blitz und Donner!«, schluchzte Mia verzweifelt und zeigte mit dem Finger zum Fenster.
»Hast du Angst davor?«, wollte Leonie wissen.
Mia nickte sofort mit dem Kopf und zog sich die Decke über den Kopf. Sie wollte das helle Licht nicht mehr sehen müssen. Aber gegen den Donner war nichts zu machen. Da half es nicht einmal, die Finger in die Ohren zu stopfen.
»Das soll endlich aufhören. Ich will das nicht mehr. Gewitter sind fies und gemein. Wo kommt das bloß her?«
Leonie stand auf und ging zum Bett ihrer kleinen Schwester. Dort legte sie sich mit unter die Decke und zog Mia an sich.
»Du brauchst keine Angst haben. Gewitter sind gar nicht so schlimm. Ich werde dir mal erklären, warum das ständig blitzt und donnert. Weißt du, was ein Autoscooter ist?«
Mia nickte zaghaft während Leonie zu erzählen begann.
»Manchmal bekommen die Engel im Himmel Langeweile. Wenn es so weit ist, dann sammeln sie alle Wolken zusammen und bauen sich daraus einen riesigen Autoscooter. Sie fahren darauf mit ihren Wolkenflitzern hin und her.«
Mia bekam große Augen. Sie kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Von diesen Flitzeengeln hatte sie noch nie etwas gehört.
»Eigentlich dürfen sie das nicht, aber sie machen es trotzdem. Sie fahren immer viel zu schnell. Wenn sie dann in eine Geschwindigkeitskontrolle geraten, werden sie geblitzt. Die Himmelspolizei fotografiert sie und brummt ihnen dann dicke Strafzettel auf.«
»Und warum donnert es?«
Leonie seufzte.
»Das ist doch wie im Autoscooter. Es macht den Engeln einen riesen Spaß, sich gegenseitig anzurempeln. Sie fahren aufeinander zu, stoßen zusammen und machen damit einen Höllenlärm.«
Mia atmete erleichtert auf.
»Warum hat mir das denn niemand vorher erzählt. Dann hätte ich ja gar nicht so viel Angst gehabt.«
Sie stand auf, ging zum Fenster und öffnete es.
»Ruhe da oben. Es ist schon spät und hier unten wollen ein paar Kinder schlafen. Ihr könnt auch tagsüber Autoscooter fahren.«, rief sie zu den Wolken hinauf.
Dann legte sie sich grinsend ins Bett und schlief ein.

(c) 2011, Marco Wittler

263. Der Badewannenkapitän

Der Badewannenkapitän

»Tuut, tuut.«, machte es über dem weiten Ozean.
»Tuut, tuut.«, kam es aus der Gegenrichtung zurück.
Zwei Schiffe, ein großer Dampfer und ein Transportschiff, fuhren aufeinander zu.
»Tuut, tuut, tuut.«
Die Hörner wurden immer öfters betätigt. Aber das alles nütze nichts. Nur wenige Augenblicke stießen die Schiffe zusammen. Es dauerte nur Sekunden, bis sie komplett im Wasser versunken waren. Nun lagen sie auf dem Grund der Badewanne und warteten auf ihre Rettung.
»Ich hab es euch doch gleich gesagt.«, sagte Nils.
»Hättet ihr auf mich gehört, wäre das alles nicht passiert.«
Er schnappte sich die beiden Boote, holte sie aus dem Wasser und setzte sie vorsichtig auf die wogenden Wellen.
»Hoffentlich seid ihr dieses Mal gescheiter und weicht aus.«
Und schon begann das Spiel von vorn. Die Schiffchen fuhren tutend aufeinander zu. Sie wichen einander aus, wählten aber leider die selbe Richtung. Ein weiterer Zusammenstoß war unvermeidlich. Es geschah und sie sanken erneut.
»Oh nein. Wie kann man nur so dumm sein.«
Nils schlug sich vor die Stirn.
»Ihr müsst doch in verschiedene Richtungen fahren. Habt ihr das denn nicht gelernt? Muss ich euch denn alles beibringen?«
Nils holte seine Schiffchen wieder nach oben und ließ sie ein drittes Mal aufeinander zu fahren.
»Tuut, tuut.«
Knisternd lag die Spannung in der Luft. Würden sie es dieses Mal schaffen?
Der Badewannenkapitän konnte es kaum erwarten.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Peter kam herein.
»Papa, was machst du denn da mit meinen Booten?«
Papa Nils versenkte sofort die Schiffchen und wurde rot im Gesicht.
»Boote? Welche Boote?
Peter grinste von einem Ohr zum anderen.
»Spiel ruhig noch ein wenig. Wenn Mama mich fragt, dann habe ich nichts gesehen.«
Er verschwand und schloss die Tür hinter sich.
Papa atmete auf und holte die Schiffchen wieder an die Wasseroberfläche zurück.
»Tuut, tuut.«
Sie fuhren aufeinander zu. Die Spannung war auf dem Höhepunkt. Sie standen kurz vor dem Zusammenstoß und … wichen einander aus.
»Warum denn nicht gleich so.«
Papa war zufrieden.

(c) 2009, Marco Wittler

200. Der Zirkus

Der Zirkus

Die Kinder standen auf dem großen Platz und sahen sich neugierig um. Es war das erste Mal, dass sie hier her gekommen waren. Sie hielten sich an den Händen, um sich in der Menschenmenge nicht zu verlieren.
»Herein spaziert, herein spaziert.«, rief ein großer Mann mit dickem Bauch.
Er war in einer rot goldenen Uniform gekleidet und winkte jeden herbei. Auf seinem Kopf thronte ein schwarz glänzender Zylinder, den der Wind ständig fort blasen wollte.
Nun war es fast so weit. Am Kassenhäuschen wurden die Eintrittskarten gekauft.
Sie schritten die Treppenstufen hinauf und betraten das große Zelt. Unter ihren Füßen knarrte das Holz und sofort stieg ihnen allen ein unvergleichlicher Geruch in die Nasen. Es begann mit Zuckerwatte und Popcorn, die mehrere Frauen in bunten Uniformen in ihren Bauchläden verkauften. Immer riefen sie den Menschen zu, was sie alles im Angebot hatten.
Doch da war noch mehr. Es war ein Geruch, den man nicht in Worte fassen konnte. Es war der Duft nach Geschichten und Abenteuern. Und er schien jeden in seinen Bann zu ziehen.
Die Kinder setzten sich. Ihre Plätze waren in der ersten Reihe. Von dort aus würden sie alles wunderbar sehen können.
Vor ihnen war die große Bühne. Der kreisrunde Boden war mit Sägemehl und Stroh bedeckt. Am anderen Ende war ein großes Eingangstor, welches mit einem Tuch bedeckt war. Dort würden wohl die Künstler hervor kommen. Darüber saßen viele Musiker auf einem Balkon. In ihren Händen hielten sie Hörner, Pauken und Trompeten.
Langsam erlosch das Licht. Das Publikum wurde still und das Orchester begann Musik zu spielen. Ein einzelner Scheinwerfer leuchtete nun auf den Bühneneingang. Die Kinder hielten den Atem an.
Der Mann, den sie zuvor am Eingang gesehen hatten, trat nun in den Kreis und winkte allen freundlich zu. Er nahm seinen Zylinder vom Kopf und begrüßte die Menschen in seinem Zirkus.
Nach ein paar Minuten gab er die Manege frei und die ersten Künstler traten auf. Es waren zwei Clowns. Ihre Schuhe waren riesig, die Hosen drei Nummern zu groß und ihre Hemden hingen wie alte Säcke an ihnen herab. Die Gesichter waren bunt geschminkt und jeder von ihnen trug eine große Blume am Herzen. Auf ihren Köpfen saßen Hüte, die viel zu klein waren.
Es ging hin und her. Die Clowns stolperten über jedes einzelne Staubkorn am Boden, bewarfen sich gegenseitig mit Sahnetorten und bespritzten das Publikum mit Wasser aus ihren großen Blumen. Das gab ein großes Gelächter.
Nach ihnen musste man den Kopf weit in den Nacken legen. Auf einem Seil, das in luftiger Höhe gespannt war, fuhr ein Mann mit einem Fahrrad hin und er. Doch das war noch lange nicht alles, denn er wurde von einer Frau verfolgt, die mit bloßen Füßen hinter ihm her lief.
Jeder im Zelt hörte auf zu atmen. Jeder hatte Angst, dass die beiden herab stürzen würden. Doch zum Glück geschah nicht dergleichen.
Während die Show auf dem Seil stattfand, bauten ein paar kräftige Männer einen großen Käfig in der Manege auf, denn ein paar Minuten später war der Zirkusdirektor wieder zu sehen. Er bedankte sich für den lauten Applaus für seine Artisten und kündigte nun die gefährlichste Nummer des Abends an, die Bändigung von drei gefährlichen Löwen und einem weißen Tiger.
Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, kamen die vier Raubkatzen herein gestürmt. Sie drehten eine Runde in der Manege, brüllten laut und setzten sich anschließend in der Mitte des Zeltes auf den Boden.
Der Zirkusdirektor nahm eine Peitsche zur Hand und knallte damit laut herum. Dies galt den Tieren als Kommando. Sofort standen sie auf und liefen erneut hin und her.
Ein großer Ring wurde entzündet. Seine Flammen loderten empor. Jedes normale Tier wäre sofort vor Angst geflohen. Doch den drei Löwen schien das nichts auszumachen. Nacheinander sprangen sie hindurch, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen.
Nun sollte auch der weiße Tiger einen Sprung wagen. Er weigerte sich allerdings. Wild schüttelte er den Kopf, während er langsam knurrend auf den Zirkusdirektor zuging. Er sah unglaublich gefährlich aus. Doch dann legte er sich hin, ließ seinen Bändiger aufsitzen und trug ihn dann langsam auf seinem Rücken aus der Manege.
Der Applaus, der nun folgte, war richtig laut. Das Publikum war begeistert. Alle Menschen standen auf. Gerne hätten sie noch mehr gesehen, doch nun verließen die Tiere langsam das Zelt.
Zum Abschluss kamen drei Männer in die Manege. In ihren Händen hielten sie brennende Fackeln. Die Scheinwerfer erloschen, und nur wenige Augenblicke später schien es, als würden riesige Flammen aus den Mündern der Männer hervor kommen. Waren sie vielleicht mit Drachen verwandt? Aber nein, sie waren lediglich Feuerspucker.
Immer wieder erhellten sie das Zirkuszelt, bis sie schließlich ihre Fackeln in den Mund steckten und das Feuer auf diese Weise löschten.
Während die Zuschauer applaudierten, öffnete sich noch einmal der Bühneneingang. Der Direktor kam auf einem großen Elefanten herein gerieten und bedankte sich für den Applaus. Er wünschte sich allen noch einen schönen Abend und zwinkerte den Kindern freundlich zu.

(c) 2009, Marco Wittler

192. Die Radioreportage

Die Radioreportage

»Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich bin der rasende Rudi und möchte sie herzlich zu unserer Radioreportage begrüßen.
Sie werden es mir nicht glauben, aber die Szenen, die ich ihnen in den folgenden Minuten beschreiben werde, spielen sich tatsächlich vor meinen Augen ab. Mir scheint es, als würde die Erde auf den Kopf gestellt worden sein. Regeln gelten nicht mehr. Heute ist plötzlich alles anders.
Noch vor ein paar Minuten sah ich einen Verbrecher in seinem gestreiften Hemd friedlich mit einem Polizisten die Straße entlang marschieren. Von Diebesgut und Handschellen war allerdings nichts zu sehen. Mir kam es beinahe vor, als wären die Zwei seit Jahren dicke Freunde.
Und nun – nein, das wird mir niemals jemand glauben – zieht eine unüberschaubare Gruppe von Hunden und Katzen durch die Stadt. Ja, sie hören richtig. Gemütlich laufen diese Tiere an mir vorbei. Da ist kein Knurren und kein Fauchen zu hören. Sie sind alle in bester Laune. Alles bleibt erstaunlich friedlich.
Was ist hier bloß geschehen? Ist es ein verrückter Zauber oder gar ein Fluch, der sich über diese Stadt gelegt hat? Oder ist es nur die Ruhe vor dem Sturm? Wird vielleicht doch noch in ein paar Minuten eine große Katastrophe geschehen? Wir wissen es nicht. Aber ich wäre nicht der rasende Rudi, wenn ich nicht vor Ort bleiben würde, um sofort über jedes Ereignis zu berichten.
Ich traue meinen Augen nicht. Die unmöglichsten Dinge geschehen hier überall. Nur eine Straße weiter entdecke ich Piraten, Seeleute und Matrosen, die zusammen in das gleiche Gasthaus einkehren. Sie teilen den Tisch und das Bier miteinander. Hat es jemals Ähnliches vorher gegeben? Ich glaube nicht.
Selbst der Zoo macht vor diesem Wahnsinn nicht halt. Soeben lief ein riesiger Eisbär an mir vorbei, auf seinen Schultern einen kleinen Pinguin sitzend. Dabei weiß doch jeder, dass dieses weiße Zotteltier sehr gefährlich werden kann.
Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich denken soll. Alles steht Kopf. Nichts hält sich an die Naturgesetze oder Regeln. Dieser Tag wird definitiv in die Geschichte eingehen.
Doch was ist das? Sehe ich wirklich richtig oder werde ich nun langsam auch noch verrückt?
Es nähert sich ein riesiges, prunkvolles Fahrzeug. Oben, auf einem Balkon, stehen ein Prinz und ein Bauer einträchtig nebeneinander. Und als ob das nicht schon ungewöhnlich genug wäre, gesellt sich eine bärtige Jungfrau hinzu. Um den Wagen regnet es Bonbons, Blumensträuße und Schokolade, als wäre das Schlaraffenland Wirklichkeit geworden.
Wer das alles nicht selbst miterlebt, wird sich nicht vorstellen können, dass es tatsächlich stattgefunden hat.
Mit diesen Eindrücken möchte ich mich nun verabschieden und gebe zurück ins Funkhaus.«

Im Sender drückte der Radiomoderator ein paar Knöpfe und beendete die Funkverbindung, bevor er in sein Mikrofon sprach.
»Das war unser rasender Reporter Rudi, der uns in seiner unnachahmlichen Art und Weise vom kölner Karneval berichtete.
Wenn sie also noch ein schickes Kostüm besitzen und nicht wissen, wo sie am heutigen Rosenmontag feiern sollen, dann kommen sie doch einfach nach Köln, denn hier ist richtig was los.«
Der Moderator legte etwas Karnevalsmusik auf und begann zu schunkeln.

(c) 2009, Marco Wittler

104. Eine Nacht im Wald (Tommis Tagebuch 5)

Eine Nacht im Wald

Hallo, liebes Tagebuch. Ich bin es, der Tommi.
Fühlst du dich eigentlich wohl? Du liegst ja heute in einem fremden Bett und einem fremden Kopfkissen. Und fragst dich bestimmt, wie das denn passieren konnte.
Dann erzähl ich dir mal wie das gekommen ist.
Mama und Papa haben mich jetzt bei einer Kindergruppe angemeldet. Meine Schwester Nina macht das ja schon länger, aber ich war bisher immer zu klein dafür. Aber jetzt bin ich ein großer Junge und darf das auch.
Seit einer Woche gehöre ich jetzt dazu und schon stand etwas ganz Besonderes auf dem Plan. Dieses Wochenende übernachten wir in einer kleinen Hütte, die mitten im Wald steht. Eine Nacht haben wir schon hinter uns, die zweite fängt heute Abend an. Und deshalb liegst du jetzt in einem fremden Bett. Aber du musst keine Angst haben, denn ich bin ja auch hier.
Wir kamen gestern am späten Nachmittag hier an. Wir teilten uns sofort auf die beiden Zimmer auf und suchten uns die besten Betten aus. Hier sind drei Betten übereinander gebaut. Und ich darf ganz oben schlafen. Das ist richtig aufregend. Beim Beziehen des Bettzeugs mussten mir die anderen aber noch helfen. Das habe ich ja auch noch nie selber gemacht. Dafür gibt es doch zu Hause die Mama.
Kurz darauf gab es Abendessen. Riesige Berge Brot lagen auf dem großen Tisch. Dazu gab es alle möglichen Sorten Aufschnitt. Das war richtig lecker. Mit so vielen anderen Kindern macht alles einfach doppelt so viel Spaß.
Nach dem Spülen spielten wir noch ein wenig, um uns gegenseitig besser kennen zu lernen. Danach ging es ab ins Bett. Aber irgendwie passte da etwas nicht. Es gab fünfzehn Betten und wir waren fünfzehn Jungs. Die drei Gruppenleiter mussten dann in Schlafsäcken im Essraum schlafen.
Der erste Tag mitten im Wald war so aufregend gewesen, dass wir alle ziemlich schnell einschliefen.

Irgendwann tief in der Nacht wurde ich plötzlich wieder wach. Ich dachte erst, es gäbe bald Frühstück, aber auf meiner Uhr war es zwei Uhr.
Es war lauter Krach, der mich geweckt hatte. Draußen vor der Hütte wurde so viel Lärm gemacht, dass wir alle Angst bekamen.
»Da draußen sind bestimmt ganz fiese Verbrecher.«, flüsterte Nico.
»Ach Quatsch. Das sind wilde Tiere, die uns fressen wollen.«, behauptete Andi.
Die größte Angst hatte allerdings Lukas. »Das können nur Geister sein. Die machen immer solche Geräusche.«
Aus irgendeiner Ecke war sogar ein ›Ich will sofort nach Hause zu meiner Mami.‹ zu hören.
Sehen konnten wir gar nichts, denn die Fenster waren mit Holzläden verschlossen.
In diesem Moment kamen unsere Gruppenleiter herein. Sie wollten uns beruhigen. Wir bräuchten keine Angst haben. Sie würden gleich die Polizei rufen.
Da stellte ich mir die Frage, ob Polizisten wirklich Geister oder hungrige Raubtiere vertreiben könnten.
Michael, der älteste Leiter hatte gerade sein Handy ans Ohr gehoben, als er plötzlich etwas hörte und dann anfing zu lachen.
»Das sind weder Verbrecher, noch böse Tiere oder Geister. Da draußen sind ein paar Freunde von uns aus einer anderen Gruppe. Die machen nur einen Spaßüberfall.«, sagte er erleichtert.
Oh, man. Da waren wir alle beruhigt. Jetzt wurde es richtig aufregend, denn die da draußen hatten etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Sie wollten unsere Gruppenfahne klauen. Doch so einfach durften wir es ihnen nicht machen. Unsere Waldhütte musste mit allen Mitteln verteidigt werden.
Wir zogen uns alle an und bewaffneten uns mit Wasserpistolen. Schon nach ein paar Minuten waren wir bereit, einen Gegenangriff zu starten. Der Michael gab uns ein Zeichen, dass wir die Fensterläden öffnen sollten. Wir durften mit dem Wasser auf alles schießen, was sich da draußen bewegte. Es mussten mindestens zehn Angreifer sein. An uns kamen sie aber nicht heran. Sie wollten sich nämlich nicht nass spritzen lassen.
Es dauerte eine Viertelstunde, bis der erste Angriff vorbei war. Wir wurden nur mit ungefährlichen Wasserbomben beworfen, die aber alle an der Hüttenwand zerplatzten. Nicht einer von uns wurde getroffen.
Draußen wurde es schließlich still und unsere Gegner verzogen sich.
»Wir haben es geschafft und gegen sie gewonnen.«, jubelte ich laut.
Doch in diesem Moment landete ein Papierflieger in unserem Zimmer. Ich faltete ihn auseinander und las eine Botschaft vor.
Wir haben einen von euch geschnappt und mit in den Wald genommen. Er darf nur zu euch zurück kehren, wenn ihr uns eure Fahre gebt. Einer von euch soll damit allein auf den Waldweg kommen.‹
Alle lachten erst, weil wir niemanden vermissten. Doch irgendwer musste doch entführt worden sein. Wir liefen schnell zu Michael, um ihn zu fragen, was wir jetzt machen sollten. Aber wir fanden ihn nirgendwo. Er musste sich versteckt haben oder bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Aber er war in keinem der wenigen Räume zu finden.
»Oh, man, was sind wir doch dumm.«, rief plötzlich Andi.
»Sie haben Martin mitgenommen. Deswegen finden wir ihn nicht. Alle anderen sind schließlich noch hier.«
Wir schlugen uns alle mit der Hand vor die Stirn. Aber was sollten wir jetzt machen? Wir setzten uns alle zusammen mit den beiden anderen Leitern, Stefan und Alexander, in den Gruppenraum, um uns zu beraten. Uns fiel allerdings nichts ein, wie wir gegen zehn große Jungs gewinnen sollten.
Wir einigten uns also darauf, aufzugeben und die Fahne auszuhändigen.
Als Kurier wurde ich ausgewählt. Stefan faltete die Fahne ordentlich zusammen, steckte sie in eine Tasche und schickte mich vor die Tür. Durch ein Fenster leuchtete er mir dann den Weg, damit ich nicht über irgendwas stolpern konnte.
Als ich gerade auf dem Weg stand, kamen schon drei große Jungs aus den Büschen gestürmt. Sie umstellten mich und warfen einen Blick in den Beutel.
»In Ordnung.«, sagte einer von ihnen.
»Die Fahne ist drin.«
Sie nahmen sie mir ab und gaben ein Zeichen in die Dunkelheit. Daraufhin kam ein vierte Junge aus den Büschen und brachte Martin mit. Dieser war an den Händen gefesselt, wurde aber nun frei gelassen.
»Die Fahne könnt ihr euch dann am Sonntag Abend im Vereinsheim abholen, wenn ihr wieder nach Hause kommt.«
Sie lachten und verschwanden wieder im Wald.
Etwas enttäuscht saßen wir später alle im Gruppenraum und redeten noch einmal über alles, bevor wir wieder ins Bett gingen. Dort sahen wir dann etwas, worüber wir alle lachen mussten.
Tim, der kleinste in unserer Gruppe lag im Bett und schlief. Er hatte doch tatsächlich das ganze Überfallabenteuer verschlafen und nichts davon mitbekommen. Als wir ihn dann heute morgen wach machten, war er ganz enttäuscht, nicht dabei gewesen zu sein.

So, das war es dann auch. Ich muss nämlich jetzt Schluss machen, weil es gleich Mittagessen gibt.

Dein Tommi.

(c) 2008, Marco Wittler

051. Die Schaukel ist kaputt

Die Schaukel ist kaputt

Peter saß auf seiner Schaukel. Es ging hin und her und er schaukelte immer höher und höher. Für ihn gab es eigentlich nichts schöneres. Jeden Tag, wenn er von der Schule nach Hause kam, lief er als erstes zu seiner Schaukel und spielte dort ein paar Minuten lang. Erst dann ging es zum Mittagessen.
Nach den Hausaufgaben war Peter dann schon wieder im Garten und schaukelte stundenlang.
Nur wenn es regnete, musste er drin bleiben. Aber dann sah Peter regelmäßig aus dem Fenster zu seinem Lieblingsplatz im Garten.

An einem richtig schönen Tag im Sommer kam Peter von der Schule nach Hause. Wie immer legte er seine Schultasche vor die Gartentür und setzte sich auf seine Schaukel. Doch in dem Moment, als er Schwung gab, hörte er ein lautes, quietschendes Geräusch.
Er hielt an und lief einmal um die Schaukel herum. Und da sah er es. Es war eine Katastrophe. Sofort lief er ins Haus und erzählte unter Tränen, was passiert war.
»Papa, Papa, schau dir das ganz schnell an. Die Schaukel ist kaputt. Womit soll ich denn jetzt jeden Tag schaukeln?«
Papa ging in den Garten und besah sich den Schaden.
»Hm, das nicht gut aus. Da hat sich der Rost durch die Rohre gefressen. Und nun sind sie durchgebrochen. Da darf ich dich leider nicht mehr spielen lassen. Das ist zu gefährlich. Es könnte das ganze Gerüst zusammen brechen.«
Peter war traurig und weinte.
»Aber womit soll ich denn jetzt schaukeln?«
Papa drückte ihn an sich.
»Ich lasse mir irgendwas einfallen, das verspreche ich dir.«

Am nächsten Tag, als Peter nach Hause kam, freute er sich bereits darauf, wieder schaukeln zu können. Papa hatte schließlich versprochen, sich darum zu kümmern. Immerhin konnte Papa alles reparieren. Er war der beste Papa der ganzen Welt.
Doch als Peter um die letzte Ecke kam und in den Garten sah, war die Schaukel nicht mehr da.
Sofort rannte er los, durch das Gartentor hindurch und sah sich um. Da entdeckte er die rostigen Stangen seiner Schaukel.
»Was ist denn passiert?«, fragte er Papa, der gerade in den Garten kam.«
Tut mir leid, aber die war nicht mehr zu reparieren. Da ist einfach zu viel Rost dran. Da lässt sich gar nichts mehr machen.«
Peter war enttäuscht. Es war das erste Mal, dass Papa etwas nicht wieder herrichten konnte.
Traurig sah er zu seinem alten Schaukelplatz.
»Und was machen wir jetzt? Es sieht so leer da drüben aus. Da stand doch sonst immer nur die Schaukel.«
Papa kratzte sich seinen Bart, überlegte kurz und sagte schließlich: »Hm, ich glaube, ich habe da eine richtig tolle Idee. Aber die kann ich dir noch nicht verraten, denn es soll eine Überraschung für alle werden.«
Und so verschwand er im Haus, ging in sein Arbeitszimmer und begann, ein paar Sachen im Internet zu suchen.
»Komisch.«, sagte Peter.
»Was der jetzt wohl vor hat?«
Er war nun so neugierig geworden, dass er den Kummer über die kaputte Schaukel völlig vergessen hatte.

Ein weiterer Schultag ging zu Ende. Peter kam von der Schule. Er war getrieben von seiner Neugierde. Als er diesmal in den Garten kam, fand er an der Stelle, wo die Schaukel gestanden hatte, ein großes und tiefes Loch im Boden. Papa musste den ganzen Tag gegraben haben.
»Was soll denn das werden? Warum buddelst du denn im Garten herum?«
Papa legte die Schaufel zur Seite und machte eine kleine Pause.
»Das wird nicht verraten. Ein paar Tage musst du dich noch gedulden.«
Peter überlegte, was es sein könnte.
»Wird das vielleicht ein großer Sandkasten, so wie auf dem Spielplatz? Oder ist es bald eine kleine Höhle zum verstecken?«
»Es kann alles davon sein oder auch nichts. Wer weiß?«, sagte Papa.

Am Tag danach war das Loch abgedeckt mit einer großen Plane. Peter konnte nicht sehen, was darunter versteckt war. Dafür lagen im ganzen Garten viele Pappkartons und Verpackungen verstreut.
»Jetzt weiß ich aber gar nicht mehr, was das werden soll. Ist das ein neuer Keller?«
Aber auch diesmal wollte Papa nichts sagen.

Es dauerte noch eine ganze Woche. Papa arbeitete nur noch hinter Plane und lies niemanden zuschauen. Die Überraschung durfte niemand zu früh sehen.
Eines Abends versuchte Peter sich aus dem Haus zu schleichen. Er hatte gehofft, dass ihn im Dunkeln niemand sehen würde. Aber Mama entdeckte ihn bereits auf der Treppe und schickte ihn zurück ins Bett.

Die große Überraschung wurde am Sonntag Mittag nach dem Essen enthüllt. Papa sagte, er sei endlich fertig geworden. Nun dürften gleich alle sehen, was sich unter der Plane versteckte. Peter war schon ganz aufgeregt. Es konnte es kaum erwarten.
Schließlich gingen sie alle gemeinsam in den Garten und stellten sich vor die Plane.
»Es hat ja nun einige Tage gedauert, bis ich das hier fertig bekommen habe, und die ganze Zeit musstet ihr jeden Abend neugierig ins Bett gehen. Aber das ist jetzt vorbei. Denn gleich seht ihr, was ich mir als Ersatz für die kaputte Schaukel überlegt habe.«
Er nahm die Plane in die Hand und zog sie im hohen Bogen zur Seite. Darunter kam Wasser zum Vorschein.
»Ui, das ist ja herrlich.«, sagte Peter vor Freude.
»Das ist ein Schwimmbecken. Das ist ja noch viel besser als eine Schaukel. Darf ich gleich da rein und baden?«
Er sah er zu Mama, dann zu Papa. Beide nickten.
»Aber zieh dir deine Badehose an.«
Peter lief zurück ins Haus, zog sich ganz schnell um und kletterte keine drei Minuten später in das Wasser.
Den ganzen Nachmittag kam er nicht mehr aus dem Schwimmbecken heraus, so viel Spaß hatte er daran gefunden.
Manchmal schwamm er, dann tauchte er kurz unter, probierte aus, wie lange er die Luft anhalten konnte und spritzte sich hin und wieder gegenseitig mit Papa nass.

Am Abend lag er gemütlich mit Papa auf dem großen Sofa. Sie hatten stundenlang im Wasser gespielt und waren mittlerweile müde geworden.
Während sie auf das Mittagessen warteten, sagte Peter: »Das war die beste Idee, die du jemals hattest. Ich weiß gar nicht, warum ich so gern geschaukelt habe. Das Baden ist noch viel schöner und macht viel mehr Spaß.«

(c) 2007, Marco Wittler