542. Paul und der Mond

Paul und der Mond

An einem frühen Herbstabend machten Papa und Paul noch einen Spaziergang an den abgemähten Feldern in der Nähe ihres Hauses vorbei. Die Sonne war bereits unter gegangen und erste Sterne tauchten wie Nadelstiche in einem Zelt am Himmel auf. Kurz darauf kroch das lächelnde Gesicht des Vollmonds hinter dem Horizont empor.
Paul blieb erstmal stehen und bat Papa schließlich auf einer nahen Bank sitzen und den Mond eine Weile beobachten zu dürfen.
Und da saßen sie nun gemeinsam und sahen in den Abendhimmel hinauf.
»Warum geht der Mond eigentlich jeden Abend auf und spät In der Nacht wieder unter?«, fragte Paul irgendwann in die Stille hinein. »Wird ihm das nicht langweilig, wenn er immer das Gleiche macht?«
Papa grinste. »Der Mond ist nicht lebendig. Deswegen hat er auch nie Langeweile.«
Er überlegte kurz, wie er seinem Sohn den Mond erklären konnte.
»Weißt du, der Mond ist ein riesig großer Felsbrocken, der sich einmal im Monat um die Erde dreht.«
»Immer im Kreis?«, wollte Paul ungläubig wissen.
»Ja, immer im Kreis.«, nickte Papa
»Und der Mond fliegt nicht einfach so weg?«
»Nein.«, lachte Papa.
»Stelle dir vor, du bindest einen Stein an ein Band und drehst dich damit immer wieder schnell im Kreis.«, erklärte er. »Dann wird sich auch der Stein um dich herum im Kreis bewegen, ohne wegzufliegen. Er bleibt immer bei dir.«
Paul dachte nach. »Die Erde hat aber keine Hände, um den Mond an einem Band festzuhalten. Wie soll das den gehen? Du erzählst mir bestimmt einen riesigen Blödsinn, weil du mich auf den Arm nehmen willst.«
Papa zuckte mit den Schultern. »Das ist wirklich so. In der Schule hab ich mal gelesen, dass die Erde den festhalten kann, weil sie so schwer ist. Wie das jetzt genau funktioniert, weiß ich aber auch nicht. Vielleicht gibt es doch irgendwo ein Seiler oder eine Leine, an der der Mond befestigt ist. Gesehen habe ich das aber auch nicht nicht.«
Jetzt war es Paul, der lachen musste. »Du meinst, da geht jemand mit dem Mond an einer Leine spazieren wie mit einem Hund? Das glaubt dir aber kein einziger Mensch.«
In diesem Moment hörten sie jemanden den Feldweg entlang laufen. Wegen der Dunkelheit war aber noch nichts zu sehen.
»Aus der Bahn!«, rief eine Männer Stimme. »Macht Platz! Ich muss da durch!«
Und dann sahen Papa und Paul einen großen Mann mit muskelbepackten Armen auf sich zu kommen. In seinen Händen hielt er ein dickes Seil, das kerzengerade nach oben in den Himmel verlief. An diesem Seil entlang, konnte man direkt zum Mond schauen.
»Passt auf, dass ich euch nicht umrempel!«, rief der Mann erneut. »Ich muss den Mond festhalten, damit er nicht davon fliegt.«
Paul fielen fast die Augen aus dem Kopf. Der Mond hing tatsächlich an einer langen Leine? Das war echt unglaublich.
Na hast wenigen Sekunden war der Mann an ihnen vorbei gelaufen. Der Mond folgte ihm auf seinem Weg durch die Dunkelheit.
»Ist ja irre.«, war das einzige, das Paul sagen konnte. Dann machte er sich mit Papa auf den Heimweg.

(c) 2016, Marco Wittler

471. Neues Jahr – Neues Glück

Neues Jahr – Neues Glück

Lena war mit ihrer Familie im Wald unterwegs. Das ungewöhnlich warme Wetter zum Jahresanfang hatte zu einem schönen Spaziertgang eingeladen. Die Sonne schien und es waren nur wenige Wolken am Himmel zu sehen.
Mindestens alle zwei Minuten sah Lena auf ihr linkes Handgelenk. Dort glitzerte ihr ein rotes Plastikarmband entgegen, das sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.
»Das ist sooo schön. Ich fühle mich damit wie eine richtige Prinzessin.« freute sie sich noch immer und konnte sich an ihrem neuen Schmuck gar nicht satt sehen.
»Schön, dass es dir gefällt.« sagte Mama.
»Aber trödel bitte nicht so. Wir wollen noch vor Sonnenuntergang am Ziel sein.«
Lena nickte und lief hinter den anderen her.
»Ich bin ja schon da. Nicht, dass ihr mich noch unterwegs verliert. Ihr braucht mich doch bestimmt noch, oder?«
In diesem Moment sah sie wieder auf ihr Handgelenk.
»Nein!« rief sie entsetzt. »Wo ist es? Wo ist mein Armband?«
Verzweifelt sah sie sich um. Irgendwo auf den letzten Metern musste sie es verloren haben. Nur wo? Sofort lief sie zurück und suchte den ganzen Waldweg ab.
»Da vorne liegt es. So ein Glück.«
Doch das Glück währte nicht lange, denn ein großer Vogel sauste aus den Baumwipfeln herab, stürzte sich auf das glitzernde Armband und flog damit davon.
»Hey, was soll denn das? Das Armband gehört mir.« schimpfte Lena verzweifelt und brach in Tränen aus.
Bei ihrer Suche zwischen den vielen Ästen über ihrem Kopf, entdeckte sie den diebischen Vogel. Es war ein Elster gewesen. Da wusste sie, dass sie ihren Schmuck nicht zurück bekommen würde.
»Das war doch ein Weihnachtsgeschenk. So etwas Schönes bekomme ich bestimmt nie wieder.«
Mit hängende Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, schlich sie zurück zu ihrer Familie, als sie etwas unter dem Laub glitzern sah.
»Hey, was ist denn das?«
Neugierig schob sie die Blätter zur Seite und wollte gar nicht glauben, was sie dort fand.
»Schaut euch das mal an. Es ist ein silbernes Armband. Das ist ja noch viel schöner.«
Sie drehte sich zum Nest des Vogels um und rief so laut sie konnte.
»Das Rote kannst du behalten. Mein neues Armband ist viel schöner.« und streckte ihre Zunge weit raus.
»Neues Jahr, neues Glück.« grinste sie vor sich hin.
»Ich bin mal gespannt, was ich noch alles im Wald finden werde.«
Den restlichen Weg suchte Lena unter allen Büschen und Ästen nach weiteren wertvollen Schätzen.

(c) 2014, Marco Wittler

278. Bleib nicht ständig stehen

Bleib nicht ständig stehen

Lara sah sich um und betrachtete alles ganz genau. Doch bevor sie fertig war, rief Papa schon wieder nach ihr.
»Lara, nun bleib nicht ständig stehen. Du wirst noch Löcher in die Luft starren.«
Lara schnaufte beleidigt und lief den Waldweg hinab, ihren Eltern hinterher.
»Aber Papa, es ist doch Sonntag und wir haben ganz viel Zeit. Warum kann ich mir denn dann nicht auch mal etwas Interessantes anschauen?«
Papa klopfte mit seinem Zeigefinger auf seine Armbanduhr.
»Es ist schon spät und wir wollen doch einen schönen Spaziergang machen und nicht in der Weltgeschichte herum schauen.«
Mama nickte und ging bereits weiter.
»Spaziergänge sind gesund. Man ist an der frischen Luft. Davon bekommst du Farbe ins Gesicht.«
Lara schüttelte sich innerlich. Sie wusste, was Mama damit sagen wollte. Abends würde sie alle rote Wangen haben. Doch in ihrem Kopf hatte sie plötzlich die Vorstellung, dass jemand mit einem Eimer hinter dem nächsten Baum hervor gesprungen kam und ihnen allen Farbe ins Gesicht pinseln wollte.
Lara lachte und hielt sich den Bauch.
»Nun komm schon.«, mahnte Papa.
»Und lach uns nicht aus. So etwas macht man nicht.«
Also gehorchte Lara und lief weiter. Doch schon nach wenigen Metern blieb sie wieder stehen. Sie lauschte in den Wald hinein und versuchte zu entdecken, was sie gerade gehört hatte.
»Da war doch ein Geräusch.«, murmelte sie.
»Irgendwo zwischen den Büschen ist doch etwas. Das weiß ich ganz genau.«
Aber so sehr sie sich auch anstrengte, es war nichts zu entdecken.
»Du bleibst ja schon wieder stehen.«
Nun war es Mama, die gerade schimpfen wollte.
»Ich komme ja schon. Ich dachte ich hätte einen Stein im Schuh.«
Diese Ausrede hatte schon oft geholfen. Sie tat es auch dieses Mal.
Und da war es schon wieder. Ein seltsames Geräusch kam von der linken Seite. Es schien die Spaziergänger zu verfolgen.
Lara blieb stehen und sah sich um.
»Wer ist denn da?«, flüsterte sie.
Aber es kam keine Antwort. Es war nichts mehr zu hören. Nur die Grillen zirpten weiter vor sich hin. Alles andere blieb aber still.
Schon wollte Lara weiter gehen, als sich etwas bewegte und unter einem Busch hervor gekrabbelt kam. Es war ein kleines, felliges Wesen mit großen Knopfaugen.
»Was bist du denn für ein Tier?«
Die Fellkugel richtete sich auf und straffte seine Figur.
»Ich bin kein Tier. Ich bin ein Wünsch-dir-was.«
Lara bekam ganz große Augen.
»Ein Wünsch-dir-was? Was soll das denn sein? Davon habe ich ja noch nie gehört.«
»Wer mich im Wald entdeckt und findet, hat einen Wunsch frei, den ich ihm erfülle. Darum bin ich ein Wünsch-dir-was.«, erklärte das Wünsch-dir-was.«
In diesem Moment rief Papa wieder nach seiner Tochter.
»Lara, wo bleibst du denn? Bist du schon wieder irgendwo stehen geblieben? Nun beeil dich endlich. Wir wollen unseren Spaziergang fortsetzen.«
Lara verdrehte die Augen und seufzte.
»Meine Eltern sind heute richtig nervig. Ich darf nie stehen bleiben und mir etwas im Wald anschauen. Das verschwendet zu viel Zeit. Wenn sich das doch bloß mal ändern würde.«
In diesem Moment hatte das Wünsch-dir-was eine Idee.
»Ich glaube, ich kann dir dabei helfen. Du musst dir einfach nur das Richtige wünschen.«
Lara verstand sofort, sprach ihren Wunsch aus und das kleine, fellige Wesen verschwand.
»Lara? Wo bleibst du?«, rief Mama laut.
»Schau mal, was wir hier entdeckt haben. Das musst du dir unbedingt anschauen.«
Lara wollte ihren Ohren nicht trauen. Mama und Papa hatten etwas entdeckt?
Tatsächlich. Hinter der nächsten Kurve standen ihre Eltern am Wegesrand und besahen sich neugierig einen kleinen Strauch mit Beeren, von denen sie sich bereits ein paar in den Mund gesteckt hatten.
»Die sind ja sooo lecker.«, schwärmte Mama.
»Das werdet ihr niemals glauben, wenn ihr es nicht seht.«, rief Papa plötzlich von der anderen Seite.
Er hatte einen kleinen Igel unter einem Baum entdeckt.
»Ist der nicht putzig?«
Lara musste grinsen. Ihre Eltern hatten auf einmal ganz viel Zeit zum stehen bleiben, umschauen und entdecken. Das war der schönste Spaziergang ihres Lebens.

(c) 2009, Marco Wittler