546. Gewitterdisco

Gewitterdisco

Nele sah zum Himmel hinauf und verzog das Gesicht.
»Das sieht aber gar nicht gut aus. Mama sagt bestimmt gleich, dass wir rein gehen müssen, damit uns nichts passiert.«
Und so kam es dann auch ein paar Minuten später.
»Nele, Mila, packt eure Sachen in den Keller. Es zieht ein Gewitter auf. Danach gehen wir rein. Draußen ist es zu gefährlich. Wenn euch der Blitz trifft, könnt ihr schwer verletzt werden oder sogar sterben.«
Nele verdrehte die Augen.
»Es ist doch nur ein Gewitter. Das macht doch nur Blitz und Donner. Was soll daran gefährlich sein? Ich will mal bei Gewitter im warmen Regen tanzen und toben. Das ist bestimmt wie eine Discodusche.«
Also erklärte Mama noch einmal, dass Blitze viel gefährliche seien, als sie aussehen.
»Ein Blitz besteht aus ganz viel Strom. Wenn man davon getroffen wird, bekommt man starke Verbrennungen auf der Haut und es kann einem das Herz stehen bleiben. Damit ist wirklich nicht zu spaßen.«
Nele und Mila schnieften traurig. Dann begannen sie, ihre Gartenspielsachen in den Keller zu räumen.
Eine halbe Stunde später regnete es so heftig wie nur selten. Man konnte draußen kaum noch etwas sehen. Nur die vielen Blitze erhellten immer wieder den Garten.
Nele verstand nun auch, dass es draußen sehr gefährlich und ungemütlich war. Immer wieder blies der kräftige Wind Laub und ganze Äste durch die Gegend. Immer wieder fielen dicke Hagelkörner vom Himmel.
»Dann spielen wir eben Gewitterdisco.«, entschied sie und zog ihre Schwester Mila hinter sich her.
Nach ein paar Minuten hörte Mama ein Rauschen und laute Musik aus dem Badezimmer. Neugierig sah Mama nach und entdeckte ihre Nele voll bekleidet unter der laufenden Dusche. Wild tanzte sie hin und her und jubelte laut. Auf der Toilette stand ein Radio das laut dudelte. Mila hatte die Hand auf dem Lichtschalter und ließ es blitzen.
»Ihr seid ja echt verrückt.«, lachte Mama. »Eines habt ihr aber vergessen. Wo ist denn der Donner?«
Sie schloss die Tür und klatschte nach dem Lichtblitz mit der Hand auf die Tür.

(c) 2016, Marco Wittler

398. Der fiese Opa

Der fiese Opa

»Passt auf, der fiese Opa ist im Anmarsch. Versteckt euch schnell.«, rief Paul seinen Freunden zu und lief so schnell er nur konnte.
Sofort verließen die Kinder den Gehweg und suchten Schutz hinter Mülltonnen, Treppen, Bäumen und Büschen denn einer Begegnung mit Herrn Schmidt wollten sie unbedingt aus dem Weg gehen.
In diesem Moment kam Herr Schmidt auch schon um die Ecke gebogen. Seinen Mantel hatte er sich mit einem Gürtel fest um den Körper gebunden, den Hut tief ins Gesicht gezogen und unter einem Schirm versteckt, um nicht vom ständigen Regen durchnässt zu werden. Als er seinen Hauseingang erreicht hatte, sah er sich grimmig um. Es war weit und breit kein einziges Kind zu sehen.
»Ich weiß genau, dass ihr da seid. Kommt bloß nicht auf dumme Ideen. Ich rufe sofort die Polizei.«
Es gab keine Antwort. Also schloss Herr Schmidt seine Tür auf und ging ins Haus.
»Er ist weg.«, flüsterte Paul leise und gab damit das Startkommando.
Die Kinder kamen aus ihren Verstecken hervor. Nun konnten sie wieder fröhlich mit ihren Gummistiefeln durch die vielen Pfützen springen und das Wasser damit durch die Gegend spritzen. Was für ein großer Spaß. Doch nur Sekunden später war es damit wieder vorbei.
»Mir reicht es jetzt. Verschwindet oder ich lasse euch alle verhaften.«
Herr Schmidt war noch einmal nach draußen gekommen. Drohend hielt er bereits sein Telefon in der Hand. Sofort beendeten die Kinder ihr Spiel. Sie rannten so schnell es ging nach Hause und waren sauer, dass sie wieder einmal erwischt worden waren.
»Richtig so.«, grummelte Herr Schmidt vor sich hin.
»Verschwindet bloß von hier.«
Und dann seufzte er einmal ganz laut.
»Ach, ist das lange her, dass ich als Kind durch die Pfützen gesprungen bin.«
Er machte einen weiteren Seufzer. Dann sah er sich unsicher um. Es war kein Kind und auch keine Erwachsenen zu sehen.
»Nein. Das ist eine ganz dumme Idee.«, wollte er sich selbst wieder zur Ordnung rufen.
Aber dann machte er ein paar Schritte auf die Straße zu. Zuerst tippte er vorsichtig mit seiner Schuhspitze in die größte Pfütze der Straße. Tipp, tipp, tipp.
»Ach, was soll’s.«
Herr Schmidt grinste über das ganze Gesicht. Er ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang mit einem großen Satz in die Pfütze. Das Wasser spritzte mehrere Meter weit.
»Das tat richtig gut.«
Herr Schmidt fühlte sich plötzlich zum ersten Mal seit langer Zeit glücklich und zufrieden. Während er wieder ins Haus zurück ging, überlegte er, warum er immer mit den Kinder schimpfte. Es wollte ihm aber kein Grund mehr einfallen.
»Das nächste Mal spiele ich einfach mit.«

(c) 2012, Marco Wittler

318. Mamas Schule

Mamas Schule

Mama kam Mittags von der Arbeit nach Hause. Sie war geschafft, müde und kaputt. Also schlurfte sie ins Wohnzimmer und ließ sich erst einmal in den Sessel plumpsen.
Auf diesen Moment hatte Sophie nur gewartet. Sie stürmte aus ihrem Zimmer und sprang auf Mamas Schoß.
»Du bist endlich zu Hause.«, freute sie sich.
»Wollen wir was spielen?«
Aber Mama winkte ab.
»Lass mich erstmal ausruhen. Es war heute sehr anstrengend.«
Sophie verzog enttäuscht das Gesicht und zog sich in die Küche zurück.
Ein paar Minuten später war sie wieder da. In ihren Händen hielt sie einen Becher mit kühler Milch.
»Das macht dich bestimmt wieder munter.«
Mama sah in den Becher.
»Danke, Spätzchen. Das ist aber lieb von dir.«
Sophie sah ihr beim Trinken zu. Und dann fiel ihr etwas ein.
»Eigentlich wollte ich dir ja einen Tee machen, weil du den so gerne trinkst. Aber ich darf ja nicht den Wasserkocher benutzen.«
Mama nickte und lobte ihre Tochter.
»Willst du denn jetzt etwas mit mir spielen?«
Sophie grinste von einem Ohr zum andern, während Mama seufzend aufstand.
»Na gut, dann lass uns mal in dein Zimmer gehen.«
Sophie freute sich, nahm Mama an die Hand und zog sie hinter sich her.
»Wir spielen heute Schule. Der Schreibtisch ist das Pult und der kleine Tisch ist der Schülerplatz.«
Sofort kramte sie ein paar Bilderbücher, Papier und Stifte aus ihrem Schrank.
»Magst du vielleicht auch was anderes spielen?«
Mama gefiel der Vorschlag ihrer kleinen Tochter gar nicht. Immerhin arbeitete sie bereits jeden Vormittag als Lehrerin und war froh, wenn sie am Nachmittag etwas Abwechslung bekam.
»Nein, wie spielen heute Schule.«, entschied Sophie.
Also setzte sich Mama hinter das Pult und sah streng durch die Klasse.
»Was machst du denn da?«, fragte Sophie und verwies Mama mit ihrem Zeigefinger zum anderen Tisch.
»Ich bin doch die Lehrerin und du musst bei mir lernen.«
Nun verstand Mama, worum es eigentlich ging und begann zu lachen. Sie stand auf, wechselte den Platz und überlegte sich auf dem Weg schon die ersten Streiche, die sie anstellen konnte. Heute waren die Rollen mal vertauscht und sie konnte sich als Schülerin so richtig austoben.
»Dann wollen wir mal etwas lernen.«, sagte die kleine Lehrerin und schlug eines ihrer Bücher auf.
Genau in diesem Moment flog ein Papierkügelchen durch die Luft und prallte gegen die Wand.
»Wer war das?«, fragte Sophie streng und grinste Mama an.
»Das kann ja noch ein spaßiger Unterricht werden.«
Mama warf jubelnd ihre Arme in die Luft.

(c) 2010, Marco Wittler

297. Die glückliche, kleine Schwester

Die glückliche, kleine Schwester

Der sechzehn Jahre alte Lukas stand am Gartentor und wartete auf seine Freundin. Sie hatten sich vorgenommen, auf der Terrasse die Schulaufgaben zu erledigen, denn das Wetter war viel zu schön, um im Haus zu sitzen.
In diesem Moment blieb ein Auto am Straßenrand stehen. Anja stieg aus und gab Lukas einen Kuss auf die Wange.
»Da bist du ja endlich, Schatz.«, begrüßte dieser seine Freundin.
»Bevor wir loslegen können, muss ich aber noch etwas erledigen. Wäre schön, wenn du einfach mitspielst.«
Anja machte ein verdutztes Gesicht. Sie wusste nicht, was nun geschehen würde, nickte aber trotzdem.
Sie gingen Hand in Hand über den Rasen zum Sandkasten, in dem bereits Lukas Schwester Merle spielte.
»Los, setzt euch. Ich fall sonst noch wegen Langeweile tot um.«, beschwerte sie sich.
»Meine Kuchenförmchen warten schon sooo lange darauf, endlich etwas machen zu können.«
Und schon griff das Mädchen in ihre Spielzeugkiste. Sie holte ein paar Förmchen hervor, in die sie bis zum Rand Sand füllte.
»Jetzt nur noch zum Backen in den Ofen.«
Knirschend öffnete Merle die Tür des Spielzeugofens und steckte die Förmchen hinein.
»Hey, kleine Schwester, hast du nicht etwas vergessen?«, fragte Lukas.
Da fiel es ihr auch schon ein.
»Du hast Recht. Ich muss noch Kakao holen.«
Schon flitzte sie ins Haus und verschwand für ein paar Minuten.
»So, jetzt muss ich mich auch beeilen.«
Lukas stand auf und ging zum Gartenhäuschen. Dort hatte er bereits eine große Dose versteckt gehalten, die er nun zum Sandkasten brachte.
»Ich habe gestern einen zweiten Karton mit Förmchen gekauft.«, erklärte er.
Dann öffnete er den Ofen und tauschte die Sandförmchen gegen welche aus, die mit richtigem Kuchen gefüllt waren.
»Merle wird Augen machen, wenn wir ihren Kuchen richtig essen.«
Nun verstand Anja endlich und grinste.
»Da bin ich schon wieder.«, war eine Mädchenstimme zu hören.
Merle brachte drei Tassen und eine große Packung Kakao mit.
»Jetzt können wir unsere Party anfangen. Der Kuchen ist bestimmt auch schon fertig.«
Sie verteilte Getränke und öffnete dann ihren Ofen.
»Ein Kuchen für Anja, ein Kuchen für Lukas und einer für mich.«
Während Merle wie gewohnt nur so tat, als würde sie essen, holte ihr großer Bruder seinen Kuchen aus dem Förmchen heraus und biss beherzt hinein.
»Mh, der ist ja unglaublich lecker. Ich wusste gar nicht, dass du so gut backen kannst, Schwesterchen.«
Auch Anja ließ es sich schmecken und konnte sich mit Komplimenten nicht zurück halten.
Nun wurde Merle misstrauisch. Vorsichtig schnupperte sie an ihrem Förmchen. Dann nahm sie den Kuchen heraus und probierte.
»Ich kann zaubern.«, rief sie überrascht und lachte vor Freude.
»Dann lass dir mal deinen Kuchen schmecken.«, empfahl Lukas.
»Wir beide müssen uns jetzt um unsere Hausaufgaben kümmern.«

(c) 2010, Marco Wittler

263. Der Badewannenkapitän

Der Badewannenkapitän

»Tuut, tuut.«, machte es über dem weiten Ozean.
»Tuut, tuut.«, kam es aus der Gegenrichtung zurück.
Zwei Schiffe, ein großer Dampfer und ein Transportschiff, fuhren aufeinander zu.
»Tuut, tuut, tuut.«
Die Hörner wurden immer öfters betätigt. Aber das alles nütze nichts. Nur wenige Augenblicke stießen die Schiffe zusammen. Es dauerte nur Sekunden, bis sie komplett im Wasser versunken waren. Nun lagen sie auf dem Grund der Badewanne und warteten auf ihre Rettung.
»Ich hab es euch doch gleich gesagt.«, sagte Nils.
»Hättet ihr auf mich gehört, wäre das alles nicht passiert.«
Er schnappte sich die beiden Boote, holte sie aus dem Wasser und setzte sie vorsichtig auf die wogenden Wellen.
»Hoffentlich seid ihr dieses Mal gescheiter und weicht aus.«
Und schon begann das Spiel von vorn. Die Schiffchen fuhren tutend aufeinander zu. Sie wichen einander aus, wählten aber leider die selbe Richtung. Ein weiterer Zusammenstoß war unvermeidlich. Es geschah und sie sanken erneut.
»Oh nein. Wie kann man nur so dumm sein.«
Nils schlug sich vor die Stirn.
»Ihr müsst doch in verschiedene Richtungen fahren. Habt ihr das denn nicht gelernt? Muss ich euch denn alles beibringen?«
Nils holte seine Schiffchen wieder nach oben und ließ sie ein drittes Mal aufeinander zu fahren.
»Tuut, tuut.«
Knisternd lag die Spannung in der Luft. Würden sie es dieses Mal schaffen?
Der Badewannenkapitän konnte es kaum erwarten.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Peter kam herein.
»Papa, was machst du denn da mit meinen Booten?«
Papa Nils versenkte sofort die Schiffchen und wurde rot im Gesicht.
»Boote? Welche Boote?
Peter grinste von einem Ohr zum anderen.
»Spiel ruhig noch ein wenig. Wenn Mama mich fragt, dann habe ich nichts gesehen.«
Er verschwand und schloss die Tür hinter sich.
Papa atmete auf und holte die Schiffchen wieder an die Wasseroberfläche zurück.
»Tuut, tuut.«
Sie fuhren aufeinander zu. Die Spannung war auf dem Höhepunkt. Sie standen kurz vor dem Zusammenstoß und … wichen einander aus.
»Warum denn nicht gleich so.«
Papa war zufrieden.

(c) 2009, Marco Wittler

208. Das Puzzle

Das Puzzle

Tobias saß an seinem Tisch und grübelte vor sich hin. Er starrte auf ein großes Puzzle. Er hatte erst die Hälfte der Teile an ihren richtigen Platz gelegt.
Zur Mittagszeit kam Mama in sein Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen.
»Willst du nicht mal langsam eine Pause machen? Das Essen steht auf dem Tisch und Papa wartet schon.«
Aber Tobias winkte ab. Er sah noch nicht einmal hoch, als er ablehnte.
»Ich habe keinen Hunger. Ich muss das hier noch fertig machen. Tim aus meiner Klasse hat nur neun Stunden dafür gebraucht. Das muss ich unbedingt unterbieten.«
Mama ging wieder nach draußen und aß mit Papa allein.
Tobias war nicht mit sich zufrieden. Mama hatte seinen Zeitplan durcheinander gebracht. Jetzt war er nicht mehr richtig konzentriert und er hatte bestimmt ganze fünf Minuten verloren.
Schnell schob er die Puzzleteile hin und her und steckte ein paar von ihnen an die richtigen Plätze. Doch die meisten wollten einfach nicht passen. Immer wieder sah er auf die Uhr. Die Zeit lief. Minute um Minute verstrich.
Nach einer ganzen Weile kam Papa herein.
»Oma und Opa sind gleich da. Wir wollen doch zusammen Kaffee trinken und Kuchen essen. Kommst du auch zu uns?«
Tobias nickte nur. Diesmal sah er gar nicht auf.
»Sobald ich hier fertig bin, komme ich.«
Ein Teil nach dem anderen anderen fand nun endlich seinen Platz. Das Puzzle füllte sich immer weiter. Aber es sollte noch eine ganze Weile vergehen, bis das große Bild endlich fertig war.
»Juhu!«, rief Tobias.
»Acht Stunden und fünfundvierzig Minuten. Ich habe gewonnen.«
Sofort stand er auf, schnappte sich die Stoppuhr und wollte sie seinen Eltern und Großeltern. Allerdings war der Esstisch bereits wieder leer. Mama und Papa saßen inzwischen allein gemütlich im Wohnzimmer vor dem Fernseher.
»Wo sind denn Oma und Opa geblieben? Ich wollte ihnen doch mein fertiges Puzzle zeigen.«
Mama zuckte mit den Schultern.
»Die sind vor fünf Minuten wieder gefahren. Es ist ja schließlich gleich Zeit für das Abendessen. Du hast sie verpasst.«
Tobias war von sich selbst enttäuscht. Er hatte sich den ganzen Tag auf sein Puzzle konzentriert und alles andere verpasst. Er wollte gerade in sein Zimmer gehen, als Papa ihn rief.
»Weil du heute zu beschäftigt warst, haben sie uns für Morgen zum Mittagessen eingeladen. Sie wollten unbedingt dein fertiges Puzzle sehen, dich aber beim zusammensetzen nicht stören.«
Tobias strahlte über das ganze Gesicht, als er das hörte.
»Kommst du mit mir mit? Ich brauche Hilfe. Ich muss jetzt alle Teile auf mein Holzbrett kleben.«
Papa nickte, stand auf und ging mit seinem Sohn ins Kinderzimmer.

(c) 2009, Marco Wittler

140. Flugreise

Flugreise

Merle saß mit ihrer Freunde Maja in ihrem Kinderzimmer. Gemeinsam spielten sie mit ihren neuesten Püppchen und dachten sich Geschichten aus, die diese erleben könnten.
»Meine Inga ist eine Prinzessin, weil sie eine Krone auf dem Kopf trägt. Sie herrscht über ein riesiges Reich in dem unzählige Menschen leben. Jeder muss ihr zu Diensten sein und ihre Wünsche erfüllen.«, schwärmte Maja.
»Das ist doch viel zu langweilig und altmodisch.«, fuhr ihr Merle dazwischen.
»Meine Sabrina ist eine super erfolgreiche Sportlerin. Sie gewinnt bei Olympiaden und Weltmeisterschaften sämtliche Medaillen, egal ob Gold, Silber oder Bronze. Sie ist überall unheimlich beliebt. Und ohne ihre geheimen Trainingsmethoden würde deine Prinzessin dick und rund.«
Maja gab sich geschlagen. Gegen eine Sabrina konnte sie einfach nicht ankommen.
»Das ist so fies. Immer hast du die viel besseren Puppen.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein drittes Mädchen trat ein. Es war Melanie.
»Hallo, ihr zwei. Was spielt ihr denn da?«, fragte sie.
Maja und Merle hielten stolz ihre Puppen hoch und strahlten über das ganze Gesicht.
»Das hier ist Prinzessin Inga und das ist ihre Fitnesstrainerin Sabrina, die dafür sorgt, dass im Schloss niemand dick und rund wird.«
Melanie warf einen prüfenden Blick auf die Puppen und verzog dann das Gesicht.
»Aber die sind doch langweilig. Ich spiele gar nicht mehr mit Puppen. Ich spiele lieber selber.«
Nun sahen sich Merle und Maja verwirrt an, denn sie verstanden nicht so recht, was Melanie ihnen zu sagen versuchte.
»Schaut nicht so dumm. Das ist doch alles ganz einfach.«, erklärte sie schließlich.
»Warum sollte ich einer Puppe erzählen, dass sie eine Prinzessin ist, wenn ich auch selber eine Prinzessin spielen kann. Dabei habe ich dann ein schickes Kleid an und eine große Krone auf dem Kopf. Gestern Abend bin ich sogar auf einem Teppich durch die Luft geflogen.«
Merle begann zu lachen, während Maja zu ihrem Kleiderschrank flitze und darin nach einem Prinzessinnenkleid suchte.
»Ich habe aber kein einziges Kleid, in dem ich wie eine Prinzessin aussehen würde.«
Sie machte ein langes Gesicht und war enttäuscht.
Melanie lachte, schob Merle vom Teppich und setzte sich hin.
»Ach ihr zwei. Ihr braucht doch nur ein wenig Fantasie und etwas Hilfe. Also setzt euch zu mir und schließt die Augen. Und wenn ihr sie wieder öffnet, sind wir alle Prinzessinnen auf einem fliegenden Teppich.«
Merle und Maja sahen ungläubig auf den Teppich, setzten sich aber trotzdem und schlossen auch ihre Augen.
Als sich Melanie sicher war, dass sie nicht beobachtet wurde, holte sie ein kleines Beutelchen aus der Tasche und zog eine kleine Koboldfigur daraus hervor.
»Lieber kleiner Pippel.«, flüsterte sie. »Wir drei möchten Prinzessinnen sein und auf unserem Teppich über die Stadt fliegen.«
Der Kobold begann zu leuchten und erwachte zum Leben.
»Dein Wunsch sei mir Befehl. Schon in einem kurzen Augenblick wird er in Erfüllung gehen. Schließe nun deine Augen.«
Ein helles Licht blitzte auf. Als die drei Mädchen wieder ihre Augen öffneten, hatten sie wunderschöne Prinzessinnenkleider an. Der Teppich unter ihren Füßen hatte sich ebenfalls ein paar Zentimeter in die Luft gehoben.
»Los, öffnet schnell das Fenster. Wir fliegen zum Himmel hinauf.«
Merle war noch immer  völlig verwundert, befolgte aber die Aufforderung und setzte sich anschließend wieder zu ihren Freundinnen. In diesem Moment sauste der Teppich los und verließ das Haus.
Im hohen Bogen ging es über die Gärten der Siedlung hinweg. Melanie packte den Teppich mit ihren Händen an den vorderen Ecken und steuerte ihn damit nach oben und unten, nach links und nach rechts. Sie flogen über Wiesen und Felder, Wald und Flur. Sie machten sogar einen Abstecher zur Schule. Durch ein Fenster hindurch konnte sie ein paar Jungs sehen, die heute nachsitzen mussten.
»Das geschieht ihnen recht. Sie haben heute Morgen Marie geärgert und an ihren Zöpfen gezogen.«, freute sich Maja.
Und weiter ging die Flugreise. Der Teppich wurde immer schneller,  bis der Wind richtig um die Ohren pfiff.
»Und jetzt geht es hinab zur Autobahn.«, freute sich Melanie.
Sie steuerte tiefer und flog schließlich nur wenige Meter über den Autos dahin. Sie flogen so schnell, dass sie einen Wagen nach dem anderen überholten.
»Und wieder nach oben.«
Höher und immer höher stiegen die drei Mädchen mit ihrem Teppich. Schon nach wenigen Sekunden durchstießen sie die Wolkendecke.
»Was ist denn das für ein silberner Punkt dort drüben?«, fragte Merle.
»Finden wir es doch einfach heraus.«, antwortete Melanie.
Sie steuerte eine lange Kurve und kam dem Punkt immer näher. Es stellte sich heraus, dass es ein großes Passagierflugzeug war. Merle konnte nicht anders und winkte den Fluggästen zu.
Genau in diesem Moment krabbelte Pippel aus dem kleinen Beutelchen hervor und winkte ganz aufgeregt mit den Händen.
»Es wird Zeit zurück zu kehren. Die Mutter wird gleich das Kinderzimmer betreten.«
Melanie wurde ein wenig nervös und sah sich zu den anderen Mädchen um.
»Schließt schnell eure Augen und denkt an Merles Zimmer.«
Pippel wartete, bis sich die sechs Augen geschlossen hatten. Dann klatschte er einmal seine Hände über seinem Kopf zusammen. Nach einem kurzen Lichtblitz befanden sich sowohl der Teppich als auch die Kinder auf dem Fußboden des Kinderzimmers.
Die Tür öffnete sich und Merles Mutter kam herein.
»Was macht ihr drei denn da?«, fragte sie neugierig.
»Seid ihr etwa eingeschlafen?«
Die Mädchen öffneten ihre Augen und sahen sich um. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass sie nicht mehr umher flogen. Auch die schönen Kleider waren wieder verschwunden.
»Ach nein, Mama. Wir spielen doch nur. Und du störst gerade unseren Flug auf dem fliegenden Teppich.«
Merle stand auf und schob ihre Mutter sanft aus der Tür hinaus. Dann sah sie zu den anderen Mädchen und wunderte sich, so viel Fantasie zu haben.
»So einen Traum habe ich ja noch nie erlebt. Das fühlte sich alles so echt an.«
Melanie lächelte nur und verstaute ihr kleines Koboldbeutelchen in ihrer Hosentasche.

(c) 2008, Marco Wittler