602. Teddys Wunschzettel

Teddys Wunschzettel

Teddy saß im Regal. Ganz hinten links in der letzten Ecke war sein Platz. Dort hatte er schon immer gesessen, seit er im Spielwarengeschäft vor vielen Jahren angekommen war. Gekauft hatte ihn in der langen Zeit niemand. Er war immer übersehen worden. An Kindergeburtstagen zu Weihnachten oder einfach zwischendurch, waren immer die anderen Kuscheltiere gekauft worden. Es waren immer die Großen, Schönen, Bunten gewesen. Oder einfach die, die ganz vorn im Regal gesessen hatten. Nur Teddy, der blieb wo er war und verstaubte mit der Zeit.
Doch dieses Weihnachten sollte alles anders werden. Teddy wollte nicht mehr der alte Bär in der Ecke bleiben, der über den die anderen Kuscheltiere hinter vorgehaltener Hand lachten. Teddy wollte endlich ein Zuhause bei einem kleinen Kind finden. Er hatte sich auch schon genau überlegt, wie er das anstellen wollte. Er schrieb einen Brief an den Weihnachtsmann.

Hallo lieber Weihnachtsmann.
Hier schreibt Dir Teddy. Du weißt schon, der kleine, alte Bär aus der hintersten Ecke im Spielwarengeschäft. Der, den bisher niemand gekauft hat. Der, an den nie jemand denkt.
Ich fühle mich hier an meinem Platz sehr einsam, auch wenn ganz viele andere Spielzeuge um mich herum leben. Denn im Verkaufsregal zu sitzen ist etwas anderes, als von einem kleinen Kind lieb gehabt zu werden. Das fehlt mir sehr. Jedes Jahr, wenn ich zusehe, wie die anderen nach und nach verkauft und verpackt werden, macht mich das traurig, dass ich wieder nicht unter einem Weihnachtsbaum oder auf einem Geburtstagstisch sitzen werde.
Deswegen schreibe ich Dir diesen Brief und hoffe, dass Du mir helfen kannst.
Mein einziger und größter Wunsch ist es, dieses Weihnachten endlich in das Herz eines ganz besonderen Kindes geschlossen zu werden. Eines, das mich nimmt, wie ich bin.
Ich bin zwar nicht der schönste Teddy, auf mir liegt schon eine Staubschicht, mein Fell glänzt schon etwas länger nicht mehr und ein Auge fehlt mir auch schon, seit ich einmal aus dem Regal gefallen bin, aber ich ich habe trotzdem noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass mich jemand findet und mit sich nach Hause nimmt. Vielleicht kannst Du mir ja dabei helfen, dass mein Traum in Erfüllung geht.

Liebe Grüße,
Dein Teddy.

Den Brief steckte Teddy in einen bunten Umschlag und legte ihn auf den großen Stapel auf dem Verkaufstresen.
Er ließ sich auch nicht vom leisen Gekicher der anderen Kuscheltiere entmutigen. Er hörte sie schon flüstern: „Schaut euch mal den alten Teddy an. Der glaubt wirklich noch daran, dass er eines Tages verkauft wird. So einen Schmuddelbären will doch keiner mehr haben.“
Doch das war ihm egal. Er setzte sich wieder an seinen Platz, in die hinterste Ecke des Regals und träumte von seiner Zukunft in einem bunten Kinderzimmer.

Am nächsten Tag räumte die Verkäuferin des Spielzeugladens die Regale leer und wischte Staub. Danach sortierte sie die Kuscheltiere neu ein und platzierte sie ordentlich nebeneinander.
„Nanu, was ist denn das? Den habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Sie hielt Teddy in Händen und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Nein, was sich hier alles in den letzten Jahren angesammelt hat. Ich glaube, ich muss mal wieder altes Spielzeug aussortieren, dass sich nicht verkaufen lässt. Und mit diesem Teddy fange ich jetzt an.“
Aussortieren? Altes Spielzeug? Teddy bekam Angst. so alt war er doch auch nicht. Nur wegen einem bisschen Staub, einem fehlenden Augen und matten Fell durfte man ihn doch nicht aussortieren. Er gehörte ins Regal, damit ihn jemand kaufen konnte.
Teddy bekam Angst. Nur zu gern hätte er geschrien und gebrüllt. Aber als Spielzeug war das leichter gedacht als getan. Er konnte sich nicht einmal wehren. Die Verkäuferin nahm ihn mit nach hinten, öffnete eine Tür und warf Teddy in einen großen Müllcontainer.
Da lag er nun. Lange war er übersehen und vergessen worden. Und nun endete sein Leben im Müll. Das hatte er sich ganz anders vorgestellt.
Doch dann hörte er eine kleine, leise Stimme.
„Hast du das gesehen, Mama? Die Frau hat ein Spielzeug weggeworfen. Darf ich mir das mal ansehen?“
Die Mutter zögerte etwas.
„Das dürfen wir nicht machen. Das ist verboten. Der Müll gehört immer noch der Frau aus dem Geschäft. Wenn wir uns etwas davon nehmen, bekommen wir Ärger mit der Polizei. Das ist nämlich Diebstahl.“
„Aber Mama. Du weißt doch, wie gern ich ein Spielzeug zu Weihnachten haben möchte, auch wenn du dieses Jahr kein Geld dafür hast. Mir würde schon ein altes Spielzeug reichen, das niemand anderes mehr haben will. Bitte, bitte.“
Die Mutter seufzte.
„Na gut. Aber wir beeilen uns, damit uns niemand erwischt.“
Gemeinsam näherten sie sich dem Müllcontainer und sahen hinein. Teddy, der im Container lag, sah nach draußen und entdeckte Mutter und Kind. Beide waren in alte Klamotten gekleidet, die sie bestimmt schon einige Jahre getragen hatten. Es schien ihnen wohl nicht besonders gut zu gehen.
Da öffnete sich wieder die Hintertür des Geschäfts. Die Verkäuferin war wieder da. In ihren Händen hielt sie weitere Spielzeuge, die sie aussortiert hatte.
„Was machen sie hier?“, fragte sie die Beiden.
„Wir … äh.“
Die Mutter begann zu stottern. Sie schien Angst zu haben, dass nun die Polizei gerufen werden würde.
„Ist schon gut.“, sagte die Verkäuferin.
„Sucht euch ein Spielzeug aus. Meinem Chef wird es bestimmt nicht auffallen, wenn etwas im Müllcontainer fehlt. Ihr könnt es bestimmt gebrauchen.“ Aber erzählt es bitte nicht weiter.“
Mutter und Kind nickten. Dann sah das Kind wieder in den Container.
„So viel Spielzeug habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“, flüsterte es. „Ich kann mich gar nicht entscheiden.“
Teddy versuchte mit einem seiner Arme zu winken. Er wollte dem Kind etwas zurufen, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Aber für ein kleines, altes Spielzeug war das gar nicht so einfach. Er konnte einfach nur hoffen, dass es sich für ihn entscheiden würde.
Doch dann sah er die viel schöneren Spielzeuge, zwischen denen er lag. Da wusste er, dass er keine Chance hatte.
„Den da will ich. Der gefällt mir gut.“
Das Kind zeigte mit einem Finger in den Container.
„Wen meint sie? Wen hat sie ausgesucht?“, wollte Teddy wissen. „Wer von uns ist der Glückliche?“
Und dann kam langsam die Hand der Mutter herab. Sie ergriff Teddy und hob ihn vorsichtig heraus.
„Der sie aber nicht mehr schön aus. Er ist schmutzig, sein Fell glänzt nicht mehr und ein Auge fehlt ihm auch noch.“, sagte die Mutter.
„Willst du dir nicht etwas Schöneres aussuchen?“
„Nein. Denn etwas Schöneres gibt es in dem Container nicht. Ich möchte gern den Teddy haben.“
Die Mutter gab ihrem Kind den Teddy.
Und Teddy konnte sein Glück noch gar nicht wirklich fassen. Er war tatsächlich von einem Kind ausgesucht worden. Von einem echten Kind. Er würde in einem richtigen Kinderzimmer leben und spielen. Und ein Kind würde ihn lieb haben. Das war der schönste Tag in seinem ganzen Leben.

(c) 2017, Marco Wittler