528. Der einsame Mond oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?‘ (Papa erklärt die Welt 39)

Der einsame Mond
oder ‚Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?

Ein paar Tage vor Weihnachten stellte Papa den großen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer auf. Gemeinsam mit seiner Tochter Sofie schmückte er ihn von oben bis unten mit bunten Kugeln, glitzerndem Lametta, süßen Holzfiguren, vielen Lämpchen und kleinen Sternen.
»Wow.«, bewunderte Sofie den Baum. »Er sieht wundervoll aus. So schön hat unser Weihnachtsbaum noch nie ausgesehen.«
»War doch eine gute Idee von mir, dieses Jahr noch ein paar Sterne zu kaufen.«, war Papa mit sich selbst zufrieden.
»Da hast du Recht.«
Sofie bekam plötzlich einen nachdenklichen Gesichtsausdruck.
»Papa, warum hängen Sterne am Weihnachtsbaum?«, fragte Sie neugierig.
Papa kratzte sich am Kinn. Er dachte noch nach.
»Das ist eine sehr gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von kleinen Weihnachtssternen. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal zum Weihnachtsfeste, dass der Mond im dunklen, schwarzen Himmel aufging und die Menschen auf der Erde beobachtete, wie sie sich um einen großen, bunt geschmückten Baum versammelten, sich gegenseitig Geschenke machten und den Abend mit ihren Liebsten verbrachten.
»Ach, ist das schön.«, war der Mond begeistert. »Wie gerne würde ich auch einmal Weihnachten feiern. Stattdessen hänge ich hier oben am Himmel und bin ganz allein und einsam.«
Er schniefte leise vor sich hin und wischte sich eine Träne aus dem Auge.
»Zum Glück kann ich wenigstens den Menschen zuschauen und mir vorstellen, selbst dabei zu sein.«
Während der nächsten Stunden zog er über die Erde hinweg und sah in unzählige Häuser. Überall wurde gefeiert und niemand war allein. Kurz bevor der Mond am frühen Morgen unterging seufzte er noch ein letztes Mal und verschwand anschließend in seinem Bett.
In diesem Moment ging die Sonne hinter dem Horizont auf. Sie hatte gehört, dass der Mond traurig war und dass er sich einsam fühlte.
»Der arme Mond. Er tut mir so leid. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihm eine Freude machen könnte. Aber mir fällt nichts ein.«
Auch die Sonne zog nun über den Himmel hinweg. Ihr ging es dabei viel besser, denn die Erde war in ihr warmes Sonnenlicht getaucht. Ihre Sonnenstrahlen spiegelten sich im Schnee des Winters und ließen die ganze Welt glitzern.
»Wie schön es da unten ist. Die Menschen sind wirklich zu beneiden.«
Und da fiel der Sonne plötzlich etwas ein.
»So etwas Wundervolles würde dem Mond bestimmt auch gefallen. Wenn der Himmel um ihm herum so glitzern würde wie der Schnee, dann würde er sich bestimmt nicht mehr so einsam fühlen.«
Dann nahm sie ein paar ihrer Sonnenstrahlen und zerbrach sie vorsichtig in unzählige kleine Stücke, die sie über den ganzen Himmel verteilte.
»Und das ihr mir schön artig zum Mond seid.«, sagte sie zu den kleinen Lichtstücken. »Er ist ein sehr netter Kerl und verdient nur das Beste.«
Am Abend verschwand die Sonne wieder hinter dem Horizont. Aber sie legte sich nicht ins Bett, sondern beobachtete heimlich den Himmel.
Ein paar Minuten später ging der Mond auf und kletterte langsam am Himmel hinauf.
»Du meine Güte. Was ist denn hier passiert?«
Er sah sich begeistert um. Egal in welche Richtung er sah, überall waren kleine, helle Lichter, die wie winzige Diamanten glitzerten.
»Wer seid ihr denn? Wo kommt ihr her?«
Eines der kleinen Lichter kam näher und lächelte freundlich.
»Wir sind Sterne. Die Sonne hat uns gemacht, um dir zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Wir werden dir von nun an Gesellschaft leisten, damit du dich nie wieder einsam fühlen musst.«
Der Mond wurde rot im Gesicht, so dankbar war er. Nun wusste er, wie schön es war, wenn jemand an Weihnachten an jemand anderes dachte.
»Vielen Dank, liebe Sonne. Du bist wirklich eine sehr, sehr liebe und gute Freundin.«
Und dann zog der Mond die Nacht über durch den Himmel und begrüßte jeden Stern einzeln und gab jedem einen Namen.

»Und so sind die Sterne entstanden?«, fragte Sofie.
Papa nickte grinsend, deckte seine kleine Tochter zu.
»Und deswegen hängen wir sie jedes Jahr an unseren Weihnachtsbaum?«
»Ganz genau. Weil die ersten Sterne zum Weihnachtsfest am Himmel erschienen sind. Und nun schlaf gut, meine kleine Prinzessin.«
Sofie grinste, als Papa das Licht ausschaltete.
»Das war eine tolle Weihnachtsgeschichte. Aber ich glaube dir davon kein einziges Wort.«

(c) 2015, Marco Wittler

479. Sternenhimmel

Sternenhimmel

Am späten Abend gingen Papa und Max zu Fuß durch die Straßen der Stadt. Sie waren gerade von Omas Geburtstagsfeier gekommen und waren auf dem Weg nach Hause. Papa blieb immer wieder stehen und sah zum dunklen Himmel hinauf, während sich Max mehre für die hell erleuchteten Schaufenster interessierte.
»Schau mal, da oben ist ein Stern.« rief Papa irgendwann.
»Ein Stern?« Max sah sich um und entdeckte nach längerem Suchen den unscheinbaren Punkt am Himmel.
»Sterne sind super langweilig. Die paar Leuchtpunkte da oben. Da gibt es doch viel coolere Sachen.«
Er drehte sich wieder einem Schaufenster zu und bestaunte die neuesten Handys in der Auslage.
»Nur ein paar Sterne? Pah. Du hast ja gar keine Ahnung.«
Papa stemmte die Fäuste in die Seiten.
»Du bist ja auch hier in der Großstadt aufgewachsen und weißt gar nicht, wie schön der Nachthimmel sein kann. Ich komme aber eigentlich vom Land. Da sieht der Himmel viel schöner aus.«
Max schüttelte den Kopf.
»Schöner? Das glaube ich dir nicht. Das musst du schon beweisen.«
»In Ordnung.« sagte Papa.
»Sobald wie zu Hause sind, setzen wir uns ins Auto und fahren los.«

Es dauerte nur ein paar Minuten. Sie bogen um zwei Ecken und stiegen dann in Papas Auto ein. Bevor er den Wagen startete, suchte er noch etwas.
»Irgendwo habe ich auch die passende Musik für heute Abend. Damit macht die Fahrt noch mehr Spaß.«
Er legte eine CD ein und drehte die Lautstärke auf die höchste Stufe.
›Einen Stern, der deinen Namen trägt.‹ sang er mit, so laut er nur konnte.
»Das ist vom DJ Ötzi.« erklärte er seinem Sohn begeistert, der sich aber verzweifelt die Finger die Ohren gesteckt hatte.

Nach einer halben Stunde waren sie am Ziel angekommen. Sie hielten auf einer schmalen Straße mitten zwischen riesigen Feldern. Weit und breit war kein einziges Haus zu sehen.
»Und wo sind jetzt deine tollen Sterne?« beschwerte sich Max.
»Ich sehe genau so viele wie vorher.«
Papa seufzte.
»Kurbel das Fenster runter und wirf einen Blick nach draußen.«
Max verdrehte die Augen, tat ihm aber trotzdem den Gefallen.
In diesem Moment schaltete Papa die Scheinwerfer seiner Autos ab. Sofort wurde es um sie herum stockdunkel. Von den Feldern oder der schmalen Straße war nichts mehr zu sehen.
»Schau nach oben, mein Sohn.«
Max sah hoch und wollte seinen Augen nicht trauen. Der Himmel war tatsächlich mit Milliarden Sternen übersät. So viele hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
»Wow. Wo kommen die denn her?« staunte er.
»Ist über dem Land ein anderer Himmel, als über der Stadt?«
Papa lachte und schüttelte unbemerkt in der Dunkelheit den Kopf.
»In der Stadt ist zu viel Licht. Es ist einfach zu hell. Das Licht der Sterne ist so schwach, dann man es zu Hause nicht sehen kann. Hier aber stört keine einzige Lampe. Deshalb sieht man am Himmel auch so viel.«
»Was ist denn das?«
Max hob den Zeigefinger zum Himmel und verfolgte mit ihm einen dünnen Leuchtstreifen, der nach wenigen Sekunden wieder verschwand.
»Das war eine Sternschnuppe.«
»Eine Sternschnuppe? Krass. Ich habe die immer für ein Märchen gehalten, weil ich noch nie eine gesehen habe.«
»Die sieht man auch nur dort, wo es dunkel genug ist.«
Max grinste vor sich hin. Die Fahrt hatte sich wirklich gelohnt.
»Schade, dass wir nicht auf dem Land leben. Die Sterne hier draußen sind doch richtig cool.«

(c) 2014, Marco Wittler

307. Von Seesternen und Glühwürmchen

Von Seesternen und Glühwürmchen

Es war ein schöner und warmer Abend am Meer. Die Menschen feierten große Feste und die Tiere gingen ihren ganz alltäglichen Geschäften nach.
Und dann war da noch ein kleines Glühwürmchenmädchen mit Namen Merle.
Merle flog, wie jeden Abend gemütlich den Strand entlang und erfreute sich am Rauschen des Meeres und der untergehenden Sonne.
»Ist das nicht ein schöner Abend?«, fragte sich sie selbst.
»Das ist sogar ein sehr schöner Abend.«, gab sie sich sogleich die Antwort.
In diesem Moment zog ein unerwarteter Wind auf und blies das Glühwürmchen hinaus aufs Wasser.
»Du meine Güte.«, wunderte sich Merle und bekam Angst.
»So etwas ist mir ja noch nie passiert.«
Sie sah sich schnell um und entdeckte den Strand.
»Ich muss schnell zurück, sonst werde ich noch im Wasser landen und ertrinken.«
Also schlug sie kräftig mit den Flügeln und kämpfte sich durch den Wind. Aber noch bevor sie ihr Ziel erreichte, sah sie ein Glitzern unter sich.
»Was ist denn das?«
Merle hielt inne und schwebte etwas tiefer. Sie konnte nicht erkennen, was es war, aber es faszinierte sie.
»Es ist wunderschön.«
Dann flog sie weiter und rettete sich ans Ufer.

Zur gleichen Zeit lag ein einsamer Seestern am Grunde des Meeres und langweilte sich fast zu Tode. Sein Name war Theodor.
»Mir ist ja sooo langweilig. Wenn doch bloß mal etwas geschehen würde. Aber in diesem Teil des Meeres passiert ja leider nie etwas.«
Er träumte schon davon, dass eines Tages ein Schiff gegen ein Riff fahren und sinken würde.
»Wenn hier doch bloß ein Riff wäre. Aber leider besteht der ganze Meeresboden nur aus Sand und kleinen Steinen. Es ist zum Verzweifeln.«
In diesem Moment sah er ein Licht über sich hinweg fliegen. Genau über seinem Kopf blieb es kurz stehen, kam näher und setzte seinen Weg dann fort zum Ufer, wo es dann verschwand.
»Ui, was war denn das? Es geschieht ja doch noch was. Aber leider ist es schon wieder fort. Dabei war es so wunderschön. Vielleicht sollte ich es suchen.«
Also machte sich Theodor auf den Weg zum Strand.

Am nächsten Abend flog Merle wieder über den weiten Strand.
»Ob dieses glitzernde Ding noch da ist? Vielleicht sollte ich noch einmal auf das Wasser hinaus fliegen. Hoffentlich sieht mich dabei niemand.«
Merle schlug kräftig mit den Flügeln und wollte gerade Richtung Meer fliegen, als sie etwas Glitzerndes auf einem Stein am Ufer entdeckte. Sofort flog sie hin und betrachtete es genau.
»Es ist ein kleiner Glitzer.«, rief sie begeistert.
»Ich bin ein Seestern.«, beschwerte sich Theodor und stemmte seine Fäuste in die Seiten.
»Und was bist du? Ein fliegendes Licht?«
Merle musste lachen.
»Nein. Ich bin ein Glühwürmchen.«
Sie landete neben dem Seestern, stellte sich höflich vor und berichtete von ihrem Flug über das Meer am Tag zuvor.

Die Zeit verging viel zu schnell. Es wurde tiefe Nacht und ein paar Stunden später ging die Sonne schon wieder auf. Und ehe es sich die beiden versahen, hatten sie sich ineinander verliebt.
»Aber wie soll das denn mit uns funktionieren?«, fragte Theodor verzweifelt.
»Ich bin ein Meeresbewohner und werde an Land vertrocken. Dafür kannst du im Wasser nicht atmen und wirst ertrinken. Wir werden nie zusammen leben können.«
Daran hatte Merle auch schon gedacht.
»Wir müssen einfach einen Ort finden, wo wir zusammen sein können. Und den werde ich jetzt suchen.«
Sie versprach, bis zum Abend wieder da zu sein.

Merle flog in die Luft. Sie flog so hoch, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte. Sie hoffte, das Land unter sich besser überblicken zu können. Allerdings fand sie kein geeignetes Plätzchen zum Leben für einen Seestern und sein Glühwürmchen.
»Was soll ich denn bloß machen? Ich liebe ihn doch so sehr. Mein Herz will gar nicht mehr ohne ihn sein.«
In diesem Moment wurde Merle von einer Eule überholt.
»Hallo Eule, kannst du mir denn nicht helfen?«
Die Eule hielt an und ließ sich vom Glühwürmchen die tragische Geschichte erzählen.
»Nana, mein Kind. Mach dir nicht so viele Sorgen. Ich weiß genau, wonach du suchst.«
Die Eule wies Merles Blick nach oben.
»Da oben ist der Himmel. Er ist auch ein Meer. Ein Meer für Sterne. Aber er hat kein Wasser. Deswegen wirst du dort auch nicht ertrinken können.«
Merle bekam große Augen und bedankte sich bei der Eule. Dann flog sie, so schnell sie konnte, zu Theodor zurück. Sie verriet ihm ihren Plan und drückte ihn fest an sich.
»Wir werden gemeinsam zum Himmel hinauf fliegen und dort zusammen leben.«
Und so geschah es dann auch. Bei Einbruch der Dunkelheit flogen sie zusammen zum Himmel hoch, von wo aus sie nun in jeder Nacht zur Erde hinunter leuchten.

(c) 2010, Marco Wittler

243. Die Sternschnuppe

Die Sternschnuppe

Miriam saß am Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. Jetzt, so kurz vor dem Winter, ging die Sonne sehr früh unter und die Sterne kamen zum Vorschein, bevor es Zeit zum Schlafen wurde.
In diesem Moment kam Mama herein und setzte sich mit auf das kleine rote Sofa.
»Was schaust du dir da draußen an, mein Schatz?«, fragte sie.
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Ich sehe mit die Sterne an und denke mir Geschichten dazu aus.«
Mama lächelte.
»Da hast du dir aber viel vorgenommen.«
Auf einmal bekam Miriam ganz große Augen. Sie hielt den Atem an, bevor sie ein paar Sekunden später ihre Sprache wiederfand.
»Schau mal. Einer der Sterne fällt gerade herunter. Ist der denn nicht richtig fest gewesen?«
Da musste Mama leise lachen.
»Aber nein. Das war gar kein Stern, sondern eine Sternschnuppe.«
»Eine Sternschnuppe? Davon habe ich ja noch nie gehört. Was soll das denn sein?«
Mama seufzte.
»Das ist gar nicht so einfach zu erklären.«
Doch Miriam ließ jetzt nicht mehr locker.
»Oh, bitte, bitte. Das muss ich unbedingt wissen.«
Mama nahm sich ihre Tochter auf den Schoß und begann zu erzählen.
»Da oben im Weltall fliegen immer mal wieder kleinere und größere Steine zwischen den Sternen und Planeten hin und her. Ab und zu verirren sie sich dann zur Erde und fallen dann herab. Dabei werden sie dann so heiß, dass sie anfangen zu glühen. Bevor sie dann auf dem Boden landen, sind sie bereits komplett verbrannt.«
Nun bekam sie einen geheimnisvollen Blick.
»Aber das Wichtigste ist, dass man bei einer Sternschnuppe die Augen schließt und sich anschließend etwas wünscht. Das geht dann auch irgendwann in Erfüllung.«
Sofort klappte Miriam ihre Lider herunter, legte die Stirn in falten und wünschte so kräftig sie konnte.
Als sie die Augen wieder öffnete, warf sie sofort einen Blick in die Dunkelheit.
»Juhuu, mein Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen.«
Da war Mama verwundert.
»Wie? So schnell? Was hast du dir denn gewünscht?«
Miriam zeigte mit dem Finger in den Himmel.
»Schau. Da fällt gerade eine neue Sternschnuppe vom Himmel. Die hab ich mir gewünscht.«
Da mussten sie beide lachen.

(c) 2009, Marco Wittler

115. Wilde Sterne oder „Papa, was macht die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?“ (Papa erklärt die Welt 16)

Wilde Sterne
oder »Papa, was macht die Sonne wenn sie nachts nicht scheint?

»Es wird Zeit ins Bett zu gehen, mein Schatz. Schau mal nach draußen, die Sonne ist auch schon untergegangen.«
Papa war ins Zimmer gekommen und war bereits dabei, die Rollade herunter zu lassen. Sofie hatte sich bereits ihren Schlafanzug angezogen, saß aber noch auf dem Boden und spielte mit einem kleinen Püppchen.
»Ach Papa. Es macht doch gerade so viel Spaß. Kann ich nicht noch ein paar Minuten wach bleiben?«
Aber Papa schüttelte den Kopf.
»Du weißt doch, was wir abgemacht haben. Wenn du immer pünktlich ins Bett gehst, bekommen wir zwei keinen Streit.«
Er hob seine Tochter hoch, legte sie ins Bett und deckte sie zu.
»Und du hast es doch auch vorhin noch sehen können. Sogar die Sonne ist schon unter gegangen. Die hält sich immer an ihre Zeiten.«
Sofie grübelte. Einen Moment später erhellte sich ihr Blick.
»Papa, was macht eigentlich die Sonne, wenn sie nachts nicht scheint?«
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von der Sonne. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine Zeit, in der es am Himmel drunter und drüber ging. Die Sterne waren jung und wild. Sie flitzten durch die Gegend, leuchteten mal hier und mal da und fügten sich zum Spaß zu den lustigsten Sternzeichen zusammen, nur um sie kurz darauf wieder auseinander zu nehmen.
Die Menschen auf der Erde waren gerade dabei ihre ersten Seefahrten zu unternehmen und ärgerten sich in jeder Nacht, dass sie nicht wussten, wo sie hin segelten, da sie sich nicht nach den Sternen richten konnten. Es war ein totales Chaos.
Einen kleinen Bären, einen großen Wagen oder Waage, Steinbock, Jungfrau und all die anderen Sternbilder gab es noch nicht, nur ein paar wilde Lichtpunkte, die sich in der Nacht austobten.
Eines Tages, als die Sonne hoch am Himmel stand, blickte sie auf die Erde herab und sah den Schiffen bei ihren Fahrten zu. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend waren sie unterwegs. Doch als es langsam dunkel wurde und sie hinter dem Horizont verschwinden wollte, fuhren die Schiffe allesamt zurück in die Häfen.
»Das ist aber seltsam. Warum fahren sie denn alle wieder nach Hause?«, wunderte sich die Sonne.
»Wenn sie jeden Abend in den Häfen verbringen, dann können sie aber keine weiten Reisen unternehmen und fremde Länder besuchen. Außerdem weiß doch jedes Kind, dass manche Fischarten in der Nacht viel besser zu fangen sind.«
Sie grübelte und dachte nach, aber eine Erklärung fand sie nicht.
»Irgendwas stimmt da nicht. Und das will ich heraus finden.«
Wie an jedem Abend ging sie unter und nahm das Tageslicht mit sich.
Ohne, dass es jemand bemerkte, sah sich die Sonne in ihrem Kleiderschrank um und entdeckte ein altes Karnevalskostüm. Sie verkleidete sich ganz flink als Mond und stieg kurz darauf in dieser Gestalt zum Himmel hoch.
Als sie dann sah, was dort vor sich ging, stockte ihr der Atem. Die unzähligen Sterne trieben wieder ihr böses Spiel, flitzten hin und her und verwirrten die Menschen auf der Erde.
»Jetzt ist aber damit Schluss.«, entschied sich die Sonne.
»Eurem bunten Treiben werde ich ein Ende setzen.«
Sie verschwand wieder hinter dem Horizont und holte eine große Kiste mit Seilen hervor.
Bei ihrer nächsten Wanderung als Mond schnappte sie sich jeden Stern einzeln und band ihn am Himmel fest.
Als sie fertig war, war es schon fast früher Morgen Sie besah sich ihre Arbeit und war sehr zufrieden damit.
»So, und jetzt ist endgültig Schluss mit der Spielerei. Ihr werdet die Menschen nun nicht mehr ärgern können.«
Die verschwand wieder hinter dem Horizont, zog das Kostüm aus und ging ein paar Minuten später als strahlende Sonne auf.
Von nun an tauschte sie fast jeden Tag ihre Rolle. Mal als Sonne, mal als Mond, durchstreift sie nun den Himmel. Am Tage wärmt und beleuchtet sie die Erde und in der Nacht achtet sie darauf, dass sich kein Stern von seinem Seil löst und durch die Nacht flitzt.

Sofie war nun doch müde geworden und gähnte laut, während sie sich die Decke bis unter die Nase zog. Papa küsste noch einmal auf die Stirn, schaltete das Licht aus und verließ das Zimmer. Gerade, als der die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte er noch einmal die Stimme seiner kleinen Tochter.
»Ich glaube dir kein einziges Wort. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«
Papa konnte sich vorstellen, wie Sofie jetzt über das ganze Gesicht grinste. Zufrieden ging er nun auch zu Bett.

(c) 2008, Marco Wittler

102. Der Angsthase oder „Papa, wer hat die Sterne gemacht?“ (Papa erklärt die Welt 12)

Der Angsthase
oder »Papa, wer hat die Sterne gemacht?«

Es war eine laue Sommernacht, die sich nach Sonnenuntergang langsam über das Land legte.
Sofie lag mit einer Decke auf dem Rasen und blätterte in einem spannenden Bilderbuch. Da es aber langsam zu dunkel wurde, hatte sie eine Taschenlampe in der Hand.
»Komm endlich rein. Es ist ja schon fast ganz dunkel. Kalt wird es bestimmt auch bald.«, rief Papa von der Terassentür aus.
Sofie schüttelte den Kopf. »Ich hab doch meine Decke. Damit könnte ich die ganze Nacht draußen bleiben und sogar hier schlafen.«
Papa kam auf die Wiese und setzte sich neben seine kleine Tochter.
»Hast du denn keine Angst hier draußen?«
Sie schüttelte erneut den Kopf.
»Auf gar keinen Fall. Du bist doch immer bei mir und passt auf. Was soll denn dann noch passieren?«
Papa lächelte.
»Na gut. Ein paar Minuten darfst du noch hier liegen bleiben. Aber wenn du das Buch durch hast, kommst du rein. Ist das in Ordnung?«
Sofie nickte. Um aber noch mehr Zeit im Garten verbringen zu können, legte sie das Bilderbuch beiseite, drehte sich auf den Rücken und sah in den Himmel hinauf.
Es war mittlerweile so wenig Licht dort oben, dass bereits einige Sterne zu sehen waren. Sie waren kleine helle Punkte vor einem dunkelblauen Hintergrund.
Sie begann zu grübeln. Schließlich schlich sich eine Frage in ihren Kopf.
»Papa, kannst du noch einmal zu mir kommen?«
Papa seufzte, schaltete den Fernseher ab, trottete zurück in den Garten und setzte sich wieder neben seine Tochter.
»Was möchtest du denn?«
Sofie leitete seinen Blick mit dem Zeigefinger in den Himmel.
»Schau mal nach oben. Sieht das nicht toll aus? So viele kleine weiße Pünktchen, und jeder davon ist ein leuchtender Stern.«
Papa legte sich hin und sah nach oben.
»Wirklich schön.«, sagte er und genoss den Ausblick.
»Wer hat eigentlich die Sterne gemacht?«, fragte Sofie plötzlich.
Er hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von den vielen Sternen am Himmel. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal ein kleiner Hase. Er lebte in einem kleinen Erdloch am Rande eines Feldes. Jeden Tag hoppelte er durch die dichten Getreidehalme und die angrenzende Wiese und fraß Körner und Gras. Wenn einmal Gefahr durch einen Fuchs oder einen Raubvogel drohte, schlüpfte er schnell in sein Loch und war sofort wie vom Erdboden verschwunden. Seine Artgenossen fanden sein Verhalten sehr seltsam, denn normalerweise versteckten sich nur Kaninchen unter der Erde.
»Ich hab doch vor diesen hungrigen Tieren keine Angst.«, brüstete er sich immer vor den anderen Hasen.
»Mich hat noch keiner erwischt und gefressen, denn ich bin viel zu flink und zu schlau.«
Von allen anderen seiner Art wurde er stets dafür bewundert. Allerdings wussten sie auch nicht, dass dieser kleine Schlaumeier in Wirklichkeit ein richtiger Angsthase war.
Jeden Abend, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die Dunkelheit herein brach, wurde der kleine Hase unglaublich nervös. Er rannte auf der Wiese hin und her und wurde immer ängstlicher. Sogar in seinem Versteck lies diese Angst nicht nach. Er zitterte dann immer am ganzen Körper. Er konnte sich immer erst beruhigen, wenn am nächsten Morgen die Sonne aufging.
So ging es jeden Tag, bis plötzlich etwas Unvorhergesehenes geschah.
Der kleine Hase saß, wie jeden Morgen, auf der nahen Wiese und frühstückte. Er knabberte an Grashalmen und fraß frische Kleeblüten. In diesem Moment stürzte sich ein Falke vom Himmel.
Der kleine Hase saß den Schatten zu spät heran nahen und hatte nicht mehr genug Zeit für die Flucht. Ängstlich rollte er sich zusammen und erwartete, gefangen zu werden. Doch das geschah nicht. Der Falke lies sich im Gras nieder tat nichts.
»Willst du mich denn nicht fressen? Du bist doch ein Raubvogel und ich deine Beute.«
Der Falke schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Ich fresse keine Hasen. Ich bin hier, um dich zu warnen. Da oben zieht ein großer Adler seine Kreise und sucht nach Futter. Du solltest ganz schnell von hier verschwinden, sonst landest du noch auf seiner Speisekarte, denn ihm ist noch nie ein Beutetier entkommen.«
Der kleine Hase war völlig überrascht. So etwas hatte er gar nicht erwartet. Schnell nahm er seine Beine in die Pfoten und lief zu seinem Erdloch, in dem er verschwand.
Der Falke hingegen stellte sich davor, um mit seinem Schützling weiter reden zu können.
»Was bist du denn für ein komischer Hase? Du versteckst dich in einem Loch, wie ein Kaninchen? Was macht dir denn so viel Angst, dass du dich unter die Erde zurück ziehst?«
Nur langsam kam der kleine Hase wieder an die Oberfläche. Er hatte ein trauriges Gesicht. Man konnte ihm sehr gut ansehen, wie sehr er mit seinem Gewissen rang. Schließlich rückte er doch mit der Wahrheit raus.
»Ich habe ständig Angst. Füchse und Raubvögel sind gar nicht so schlimm, wenn man ein gutes Versteck hat. Aber das Schlimmste was es gibt, ist die Dunkelheit, die die ganze Nacht über herrscht, weil ich dann nichts mehr sehen kann.«
Der Falke dachte nach und begann schließlich nach ein paar Minuten zu grinsen.
»Ich glaube, ich weiß, wie ich dir helfen kann. Jeden Abend schiebt sich eine große schwarze Decke über den Himmel und verdunkelt die Welt. Das Licht schafft es nicht hindurch und muss immer bis zum nächsten Morgen warten. Aber ich habe da eine Idee, mit der ich deine Angst vielleicht vertreiben kann. Aber dafür müssen wir bis zum Einbruch der Nacht warten.«

Ein paar Stunden später verschwand das Licht Es wurde so dunkel, dass mein seine Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte.
Der Hase wollte schon wieder in seinem Loch Schutz suchen, doch der Falke hielt ihn davon ab.
»Schau jetzt genau hin. Ich werde dir ein wenig vom Licht zurück bringen, damit du in der Nacht etwas sehen kannst und nie wieder Angst haben musst.«
Er schlug mit den Flügeln und stieg zum Himmel hinauf. Als er an der dicken Decke angekommen war hackte er mit der Spitze seines Schnabels unzählige Löcher hinein. Nach und nach drangen einzelne Lichtstrahlen zum Boden herab und beleuchteten die Erde. Es blieb zwar immer noch dunkel, aber nun konnte man wenigstens wieder etwas sehen.
Als der Falke wieder landete, drückte sich der kleine Hase an ihn und bedankte sich so gut er konnte. Nun musste er nie wieder Angst haben.

Sofie lag noch immer auf ihrer Decke und sah in den Himmel.
»Und so sollen die Sterne entstanden sein?«
Sie strich sich nachdenklich durch das Haar. Schließlich drehte sie sich zu Papa um und lachte.
»Ich glaub dir kein Wort. Aber schön war die Geschichte trotzdem.«

 (c) 2008, Marco Wittler

082. Der Mond wurde finster

Der Mond wurde finster

Der Abend brach an und die Sonne verschwand hinter dem Horizont. Sie machte Platz für den Mond und seine unzähligen Begleiter, die Sterne.
Armin saß auf einer kleinen Waldlichtung an seinem Lagerfeuer und wärmte sie sein Essen auf. In der kleinen Pfanne lag ein kleines Stück Pökelfleisch und auf einem der Steine am Rand ein Stück Brot.
Es war nicht gerade ein Essen für einen König, aber Armin war damit zufrieden.
»So lange ich überhaupt etwas zu Essen habe und jeden Tag satt werde, bin ich zufrieden.«
Gemütlich lehnte er sich an einen großen Baumstumpf und warf einen Blick in das unendliche Sternenmeer über sich. Dann nahm er das Brot, brach ein Stück davon ab und warf es in hohem Bogen über seinen Kopf hinweg.
»Ihr Götter im Himmel, ich möchte euch ein wenig meiner kargen Mahlzeit opfern, damit ihr freundlich gestimmt seit und auf mich acht gebt, wenn ich diese Nacht im Freien verbringe. Bitte haltet alle Gefahren von mir fern.«
Armin nahm das Fleisch aus der Pfanne, schnitt mit seinem Messer ein kleinen Teil ab und opferte auch diesen.
»Bitte sendet mir ein Zeichen, welches meine weitere Reise beeinflussen soll.«
Erst dann begann er zu essen.
Das Fleisch war zäh und das Brot trocken. Aber zumindest wurde der Magen voll. Vielleicht würde es ja doch bald wieder ordentliche Mahlzeiten geben.
»Wenn das Leben doch nicht so ungerecht wäre, dann hätte ich weiterhin in meiner Heimat bleiben und dort arbeiten können.«

Armin war auf der Flucht. In seinem Heimatdorf war ein Verbrechen geschehen. Jemand hatte vor einigen Monaten den Stern von Haladan gestohlen. Der Stern war eigentlich ein Stein, welcher vor ewigen Zeiten vom Himmel gefallen war. Er war ein Geschenk der Götter und schützte das Dorf vor allem Übel. Doch nun war er verschwunden.
Der Stern war in einer sonderbaren Nacht gestohlen worden. Die Sterne funkelten am Himmel und auch der Mond spendete sehr viel Licht. Armin war als Wachposten eingeteilt. Seine Aufgabe war es, den Tempel des Sterns von seinem Wachturm aus im Auge zu behalten, denn in der Nacht durfte ihn niemand betreten. Alles war ruhig und niemand war auf den Straßen zu sehen.
Doch dann geschah es. Wolken zogen auf und überdeckten die Sterne. Das war war nicht Ungewöhnliches. Aber als schließlich der Mond vom Himmel verschwand und dichte Nebelschwaden aufzogen, herrschte plötzlich absolute Finsternis.
»Was ist das? Wie kann das sein?«
Armin bekam es mit der Angst zu tun. Sofort holte er eine kleine Lampe hervor und entzündete ihr Feuer. Er blickte auf den Kalender, doch der Monat war noch nicht vorbei. Der Mond verschwand in regelmäßigen Abständen, kam dann aber auch zurück. Doch in dieser Nacht sollte er in voller Pracht am Himmel stehen.
»Oh, ihr Götter, welches Verbrechens klagt ihr uns Menschen an, dass ihr uns das Licht der Nacht nehmt?«
Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen hörte er nur das ferne Heulen der Wölfe im Wald.
Armin nahm seinen ganzen Mut zusammen und verließ seinen Posten. Mit der Lampe in der Hand ging er zum Tempel. Schließlich hatte er noch immer eine Aufgabe zu erfüllen.
Vorsichtig ging er die ersten Stufen hinauf. Er wagte es allerdings nicht, den Innenraum zu betreten. Zu sehen war allerdings nichts. Es war einfach viel zu finster.
Es verging einige Zeit. Bis auf einige Tiere im Wald war kein Geräusch zu hören.
Und dann wurde es schnell wieder heller. Die Wolken zogen weiter, der Nebel löste sich auf und der Mond kam wieder zum Vorschein.
»Seltsam, wirklich sehr seltsam.«
Armin sah sich um. Die Straßen waren wieder gut zu sehen und der Blick auf den Stern von Haladan wurde wieder frei.
Doch halt, was war das? Der Stern war verschwunden. Der große gläserne Schrein, in dem er während der Nacht aufbewahrt wurde, war leer.
In diesem Augenblick kam der Bürgermeister. Ab und zu war er in den Nächten unterwegs und spazierte durch die Straßen. Er genoss jedes Mal die Ruhe der Nacht.
»Was bist du bloß für ein Taugenichts. Der Stern ist verschwunden. Nun ist unser Dorf allen Gefahren schutzlos ausgeliefert. Ich werde dir zeigen, was dir für eine Strafe blüht.«
Doch dann hielt er inne und dachte kurz nach. Schließlich verfinsterten sich seine Augen.
»Hast du etwa selber unsere Gesetze gebrochen und den Tempel betreten, um den Stern zu stehlen?«
Der Bürgermeister nahm seinen Spazierstock fest in beide Hände und machte eine bedrohliche Geste.
Armin wusste, dass es nicht nützen würde, den Diebstahl abzustreiten. Niemand würde ihm glauben. Er versuchte es trotzdem.
»Aber der Mond verschwand vom Himmel. Es war absolut dunkel und ich konnte nichts sehen. Nur deswegen bin ich hierher gekommen, um den Stern im Auge zu behalten.«
Der Bürgermeister war außer sich vor Wut und holte mit dem Stock aus. Er schlug allerdings ins Leere, da Armin entsetzt zur Seite sprang und darauf hin schnell in die Nacht hinaus flüchtete.

Fleisch und Brot waren verspeist. Armin machte es sich an seinem Baumstumpf gemütlich, zog eine Decke über seinen Körper und sah wieder zu den Sternen hinauf, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Im nahen Wald knackten ein paar Äste.
Armin stand entsetzt auf.
»Wer ist da?«, rief er.
Es kam zwar keine Antwort, dafür sprangen zehn Soldaten aus dem Dickicht, gefolgt vom Bürgermeister.
»Haben wir dich endlich erwischt. Ich wusste doch, dass du Dieb uns nicht entwischen wirst.«
Er wandte sich an seine Leute und brüllte weitere Befehle.
»Fesselt ihn gut, damit er uns nicht ein weiteres Mal entwischt. Ich will den Burschen in einer Stunde im Kerker sitzen sehen. Und nun durchsucht seine Sachen. Irgendwo muss der Stern sein.«
Aber die Suche war vergeblich, der Stern blieb verschwunden.
»Das kann doch nicht möglich sein. Wo hast du den Stein versteckt.«
Doch Armin konnte nicht antworten. Er lag gefesselt und geknebelt am Boden.
Plötzlich zogen Wolken auf und verdeckten die Sterne. Nebelschwaden erfüllten die kleine Lichtung und der Mond verlöschte. Es war so finster, dass niemand mehr etwas sehen konnte.
Der Bürgermeister wurde nervös.
»Was ist das? Was hat das zu bedeuten?«
Er stieß einen seiner Soldaten um. Dieser stürzte auf Armin.
»Glaube bloß nicht, dass du die Dunkelheit zur Flucht nutzen kannst. Das werde ich nicht zulassen.«
Der Soldat verstand sofort und hielt seinen Gefangenen fest umklammert.
Der Bürgermeister schimpfte. Er war es nicht gewohnt, unter freiem Himmel nichts sehen zu können. Doch dann verstummte seine Stimme.
Wer ihn nun hätte sehen können, hätte sofort bemerkt, dass er am ganzen Körper zu zittern begann.
»Das kann doch gar nicht möglich sein. Was geschieht hier?«
Mit seinen Worten zogen der Nebel und die Wolken weg und der Mond kam wieder zum Vorschein. Die Menschen bekamen ihr Licht zurück und konnten wieder etwas sehen.
Noch immer lag Armin gefesselt am Boden und ein Soldat lag auf ihm drauf.
Der zitternde Bürgermeister war in sich zusammen gebrochen und saß nun wimmernd auf seinem Hintern. In seinen Händen hielt er einen kleinen schwarzen Stein, der nun hell zu leuchten begann.
»Die Götter hatten den Stern zu sich in den Himmel geholt und ihn nun zu uns zurück geschickt. Sie haben den Bund mit uns erneuert.«
Langsam stand er auf und hielt den Stein in die Höhe.
»Habt Dank.«
Doch dann lies er die Arme wieder sinken und sah beschämt auf den Boden.
»Armin, es tut mir leid, dass ich an deiner Ehrlichkeit gezweifelt habe. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.«
Die Soldaten halfen Armin sofort auf und befreiten ihn von den Fesseln.
Der Bürgermeister ging auf seinen ehemaligen Wachmann zu und drückte ihm den Stern in die Hand.
»Ich möchte, dass du ihn zurück in den Tempel bringst. Das bin ich dir schuldig. Und es wird auch der Wunsch der Götter sein, denn auf deinen Wunsch nach einem Zeichen, haben sie ihn zurück geschickt.«
Armin strahlte nun über das ganze Gesicht und war sehr stolz mit dieser wichtigen Aufgabe betraut worden zu sein.
Von nun an arbeitete er jede Nacht im Tempel. Er war der einzige, der die Erlaubnis dazu bekam. Von nun an sollte er den Stern von Haladan ganz persönlich und aus nächster Nähe bewachen. Und vielleicht würden die Götter ihm hin und wieder ein weiteres Zeichen senden, welches er den Menschen weiter geben sollte.

(c) 2008, Marco Wittler

055. Sternensucher

Sternensucher

Der Morgen war angebrochen, die Sonne kroch langsam über dem Horizont und kletterte am Himmelszelt hinauf. Der Mond fand dies überhaupt nicht in Ordnung. Er hatte noch nie viel für so viel Helligkeit übrig gehabt. Daher verzog er sich ganz schnell und ging einfach unter. Die kleinen leuchtenden Sterne folgten ihm natürlich sofort.
Der Tag begann und die ersten arbeitenden Menschen waren schon auf den Beinen.
Martin, ein junger Bursche war bereits unterwegs und wollte seiner angebeteten Elisa einen Strauß Blumen schenken. Seit ihr ein Paar geworden waren, tat er dies jeden Tag.
Doch als er am Blumenstand an kam, traute er seinen Augen nicht mehr. Es war nicht eine einzige Blume mehr zu finden.
»Aber was soll ich denn jetzt machen?«, fragte er den Verkäufer.
»Tut mir leid, mein Freund. Aber da kann ich dir nicht helfen. Das Schiff mit der neuen Lieferung hat sich verspätet. Es ist noch nicht im Hafen angekommen. Vielleicht gab es draußen auf See einen gefährlichen Sturm und sie mussten einen Umweg nehmen.«
Martin war verzweifelt. Er hatte seiner Freundin versprochen, ihr jeden Tag einen Strauß Blumen zu schenken. Und nun, nach fast zwei Jahren, würde er das erste Mal sein Versprechen nicht halten können.
»Dann geh doch einfach auf die große Wiese hinter der Kirche. Da wachsen ganz viele wilde Blumen, die niemand haben will.«
»Ach nein, das ist nicht das Gleiche. Dort gibt es nur gewöhnliche Blumen. Die wird sie nicht mögen. Ich werde mit wohl etwas anderes überlegen müssen.«
Martin ging enttäuscht zum Hafen hinunter und sah den Segelschiffen hinterher, die ablegten und auf das offene Meer hinaus fuhren.
»Ich hoffe, dass das Schiff mit den Blumen bald ankommt. Vielleicht bekomme ich dann doch noch einen Strauß für Elisa.«, sagte er zu sich selbst.
Aber den ganzen Tag über passierte nichts. Als es dunkel wurde und die Fischerboote zurück kehrten, musste sich Martin enttäuscht geschlagen geben. Er hatte sich bereits damit abgefunden, seiner Freundin die traurige Nachricht zu überbringen.
Doch geschah etwas sehr seltsames. Ein leichter Windstoß wehte ihm die Mütze vom Kopf und trieb sie nun über die Straße.
»He, bleibst du wohl hier. Ich brauche dich noch.«
Martin lief ihr nach, konnte sie aber nicht einholen. Jedes Mal wenn er nach ihr greifen wollte, blies der Wind erneut und die Mütze flog ein weiteres Stück am Hafen entlang.
Schließlich erhob sie sich hoch in die Lüfte, machte einen Bogen und landete auf einem Schiff, das etwas abseits der anderen angelegt hatte.
Martin blieb stehen und besah sich den Kahn. Als etwas anderes hätte auch niemand anderes bezeichnet. Das Holz sah nicht mehr schön aus und die Segel hatten stark ausgefranste Ränder. Es brauchte eine dringende Renovierung.
Als der Steuermann an Deck kam rief ihm Martin entgegen.
»Hey-ho, Seemann.«
»Hey-ho, du Landratte. Was ist dein Begehr?«, kam die Antwort zurück.
Martin ging näher, bis er das Schiff fast berühren konnte.
Ich habe den ganzen Tag auf das Schiff mit den Blumen gewartet, wurde aber enttäuscht. Und nun war ich auf dem Weg zu meiner Liebsten, bis es mir plötzlich die Mütze vom Kopf wehte. Sie liegt nun an Bord eures Schiffes. Ich wollte fragen, ob ich sie zurück bekommen könnte.«
Der Steuermann sah sich um, entdeckte die Mütze, hob sie auf und wedelte damit herum.
»Ist es jene hier? Dieses hässliche Ding nennst du dein Eigen und willst es tatsächlich auf deinen Kopf setzen?«
Er lachte.
»Ich biete dir ein Geschäft an. Du kommst zu mir an Bord und holst dir deine Mütze ab. Wenn du dich bereit erklärst, eine Nacht mit mir zu segeln, um einen Schatz zu finden, dann setze ich dich morgen früh wieder hier ab, werde dich so reich belohnen, dass du dir ein ganzes Land voll Blumen kaufen kannst und schenke dir obendrein noch eine Mütze, die aus dir einen richtigen Mann macht.«
Martin dachte nach.
»Grübel nicht zu lange, denn der Mond geht bald auf und die Sonne verschwindet. Dann müssen wir in See stechen.«
Martin warf seine Bedenken beiseite, winkte aber, bevor er an Bord ging, einen Jungen herbei und sagte ihm: »Geh für mich zu Fräulein Elisa. Sie erwartet mich heute Abend. Bitte richte ihr von mir aus, dass ich mich verspäten werde und erst Morgen zu ihr kommen kann. Dafür werde ich mit einem Geschenk zurück kehren, dass alle Blumen, die ich ihr bisher gebracht habe, in den Schatten stellen wird.«
Er drückte dem Jungen noch einen Silberling in die Hand.
»Sobald du deinen Auftrag ausgeführt hast, ist diese Münze dein.«
Der Junge machte große Augen. So großzügig war noch nie jemand zu ihm gewesen. Er nickte eifrig und lief davon, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Martin stieg derweil an Bord.
»Nun denn, Steuermann. Stechen wir in See. Ich bin bereit.«
Er sah sich um.
»Wo ist denn die restliche Besatzung und wo ist der Kapitän?«
Der Steuermann lachte und hielt sich den Bauch.
»Die siehst sie alle vor dir. Ich bin Besatzung, Steuermann und Kapitän. Nur wir zwei werden uns auf den Weg machen. Mehr Hilfe brauchen wir nicht.«
Und als wollten sie seine Worte bestätigen, rollten sich die alten Segel von allein aus und füllten sich sogleich mit Wind.
Martin löste die Seile von der Hafenmauer. Das Schiff stach in See.

Der Hafen war noch nicht weit entfernt, als ein starker Ruck durch das Schiff ging. Etwas schien zu passieren, doch noch war nichts zu sehen.
»Wunderst du dich, was geschehen ist? Dann schau auf das Wasser unter uns.«
Martin tat es und traute seinen Augen nicht. Die Meeresoberfläche entfernte sich. Das Schiff schwebte knapp darüber und hob immer weiter ab. Es war, als würde es dem Himmel entgegen fliegen.
»Ich kann dir genau ansehen, was du denkst. Und ich sage dir, du denkst genau richtig.«
Der Steuermann machte eine ausholende Geste.
»Mein Schiff ist etwas ganz besonderes. Es mag vielleicht etwas schäbig aussehen. Aber dafür ist es das einzige Schiff der Welt, das fliegen kann. Wir fliegen in den Himmel hinein und warten darauf, dass die Sterne auftauchen. Und dann finden wir einen Schatz, er nicht mit allem Gold der Welt zu bezahlen ist.«
Martin sah fasziniert abwechselnd zum Wasser hinab, von welchem er sich immer weiter entfernte, und dann zum Himmel hinauf, in den er nun flog.
»Aber kann uns auch nichts geschehen? Vielleicht stürzen wir plötzlich wieder zurück.«
Doch der Steuermann ignorierte die Angst seines neuen Matrosen.

Eine ganze Weile waren sie geflogen. Das Meer war nur noch zu erahnen. Die Welt lag in tiefem Schlaf, nirgendwo brannte ein Licht.
»Wirf den Anker, du Landratte. Wir sind an unserem Ziel angekommen.«
Martin gehorchte und löste die Ankerkette. Es ratterte einen Moment, dann hielt das Schiff an.
Wie von Geisterhand geführt, rollten sich die Segel ein.
»Schau dich um. Die ersten Sterne tauchen bereits auf. Sie beginnen zu leuchten und füllen den Himmel mit ihrem Licht. Und wenn du genau hin siehst, dann entdeckst du den Schatz, den ich suche.«
Martin sah sich um, konnte aber nichts entdecken.
»Ich weiß nicht, von welchem Schatz du die ganze Zeit redest. Ich sehe hier nichts. Hier sind doch nur die Sterne und die Schwärze der Nacht.«
Wieder lachte der Steuermann und hielt sich erneut den Bauch.
»Du bist jung und hast gesunde Augen. So vieles kannst du sehen. Aber trotzdem bleibt dir das Wichtigste verborgen. Lass das Beiboot hinunter und kletter dann hinein. Wir werden noch ein kleines Stück rudern müssen.«
Ein paar Minuten später fuhren sie durch den Himmel.
»Sieh dich um und sag mir, was du siehst.«
»Es ist noch immer das Gleiche. Nur die Sterne sind hier. Aber weit und breit nicht ein einziger Schatz. Hier gibt es kein Gold, kein Geschmeide, keine Perlen. Nach was suchen wir denn hier?«
Der Steuermann war nun ganz nah bei einem der Sterne angekommen. Er griff danach und verbarg ihn in der Hand.
»Was gibt es schöneres, als einer Frau die Sterne vom Himmel zu holen und sie ihr zum Geschenk zu machen?«
Er öffnete seine Hand und gab Martin den leuchtenden Stern.
»Bring ihr diesen Stern als Geschenk mit. In dunklen Zeiten wird er für euch leuchten. Solange ihr ihn besitzt, wird es für euch niemals finster werden.«
Martin bekam große Augen. Schon oft hatte er Männer sagen hören, dass sie für ihre Frauen die Sterne vom Himmel holen wollten, aber nun hatte er es tatsächlich auch getan.
Dankbar steckte er den Stein ein und half nun mit, noch ein paar weitere in einen kleinen Beutel zu füllen.
»Nun wird es aber Zeit, dass wir uns auf den Rückweg machen. Bald geht der Mond auf. Und wenn er bemerkt, dass wir ein paar seiner Sterne an uns genommen haben, wird er ziemlich sauer werden und uns verfolgen und bestrafen.«
Der Steuermann ruderte zu Schiff zurück und zog mit Martin das Beiboot hoch. Sie holten den Anker ein und die Segel rollten sich wieder aus.

Als sie zurück im Hafen waren, ging die Sonne wieder auf. Ein neuer Tag begann.
Martin ging an Land und verabschiedete sich.
»Warte noch einen Moment. Ich habe noch ein Dankeschön für dich. Deine Hilfe soll schließlich belohnt werden.«
Der Steuermann griff in seinen Beutel und holte einen der Sterne heraus. Er leuchtete so kräftig, dass man am Hafen hätte denken können, die Sonne wäre im Himmel angekommen.
»Dieser Stern soll für schlechte Zeiten sein. Wenn es dir und deiner Liebsten nicht gut geht, wenn ihr in Not seit, dann hol ihn hervor. Du wirst dann schon wissen, wie er dir helfen kann.«

Als Martin bei Elisa an kam, entschuldigte er sich für seine Verspätung und für die fehlenden Blumen. Dafür erklärte er ihr, wo er die letzte Nacht gewesen war.
»Ich glaube dir kein Wort. Aber trotzdem verzeihe ich dir. Vielleicht wirst du mir ja irgendwann die Wahrheit erzählen.«, sagte seine Freundin.
Martin aber zog seine Tasche hervor und holte ein kleines Päckchen hervor.
»Dann öffne dieses Geschenk an dich und überzeuge dich selbst.«
Elisa freute sich und öffnete das Papier. Und da strahlte ihr auch schon der Stern entgegen.
»Ich sehe es, kann es aber noch immer nicht glauben. Du hast mir tatsächlich einen Stern vom Himmel geholt.«
Sie küsste Martin und drückte ihn fest an sich.
»Ich habe noch einen zweiten Stern. Er soll uns für die Zukunft helfen. Ich weiß noch nicht wie, aber der Steuermann sagte, dass ich es bald erfahren würde.«
Er griff erneut in die Tasche und holte einen zweiten leuchtenden Stern hervor. Sein Licht glühte, wurde aber rasch dunkler, bis es ganz verschwand. Zurück blieb ein großer, glitzernder Diamant.
»Damit haben wir für den Rest unseres Lebens ausgesorgt, mein lieber Martin. Wir sind reich und werden niemals Hunger leiden müssen. Die letzte Nacht war für uns beide ein großer Glücksfall.«

Und so kam es dann auch. Martin und Elisa heirateten bald und lebten glücklich und mussten niemals mehr an die ärmeren Zeiten denken.

 (c) 2007, Marco Wittler

028. Der fliegende Holländer

Der Fliegende Holländer

“Molly ist weg!”
Anna-Lena weinte dicke Tränen. Ihr geliebter Teddy war verschwunden.
Am frühen Morgen, als sie gerade aufgestanden war, schien noch die Sonne. Es sah nach einem schönen Tag aus. Deswegen hatte sie auch ihr Lieblingskuscheltier auf den Sims vor das geöffnete Fenster gesetzt. Die Aussicht von hier auf den nahen Fluss war schließlich traumhaft schön. Immer wieder fuhren kleine und große Schiffe und Boote zum Meer hinaus oder kamen von dort zurück.
Und nun war Molly weg. Das Wetter hatte sich während des Mittags verschlechtert und dicke Regenwolken versperrten die Sicht auf die warme Sonne.
Als Anna-Lena vom Essen zurück in den Garten kam, gab es einen kräftigen Windstoß und der Bär wurde herunter gepustet. Doch leider fiel er nicht in die Blumenbeete, sondern wurde von den wehenden Lüften bis zum Fluss getragen, wo er am Segel eines vorbei fahrenden Schiffes hängen blieb.
Anna-Lena bekam einen riesigen Schrecken, denn das war das Schlimmste, was ihrer Meinung nach, passieren konnte.
Sofort lief sie ans Ufer, aber all das Rufen nützte nichts, denn die Seeleute konnten sie nicht hören.
Verzweifelt sah sie hin und her und entdeckte an einem kleinen Steg den Nachbarn Knut mit seinem Boot, dem ‘Fliegenden Holländer’. Er war gerade von einer Fahrt zurück gekommen und packte die Segel ein.
Doch als im das weinende Mädchen erzählte, was gerade vorgefallen war, gab er sich einen Ruck und machte sich sofort wieder startklar. Ein paar Minuten später stachen sie zusammen in See.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie das größere Schiff eingeholt hatten. Aber dafür hing Molly noch dort, wo Anna-Lena ihn das letzte Mal gesehen hatte.
Sie gingen längsseits, fuhren also direkt nebeneinander und riefen den anderen Seeleuten zu, dass sie den Teddy herunter pflücken sollten. Erst jetzt bemerkten diese ihren blinden Passagier.
Doch in diesem Moment, als ein Matrose zugreifen wollte, änderte der Wind seine Richtung und blies den Bären von Bord.
Hoch hinaus und immer höher wurde das Fellknäuel geweht. Bald schon war er nicht mehr, als ein kleiner dunkler Punkt vor den grauen Wolken. Es schien, als würde Anna-Lena ihren Liebling nie wiedersehen.
Aber Knut gab nicht auf.
“Wenn dein Teddy nicht herunter kommen will, dann müssen wir halt hinter ihm her. Schließlich heißt mein Schiff nicht umsonst ‘Fliegender Holländer’.”
Er holte ein paar zusätzliche Segel hervor und zog einige davon am Masten hoch. Die restlichen hängte er an langen Seilen auf und lies sie wie Drachen vor dem Boot wie Drachen fliegen.
Und dann geschah das Unglaubliche. Sie hoben tatsächlich ab und ließen das Meer unter sich zurück. Sie flogen hinauf, durch die Wolken hindurch und dem Himmel entgegen. Molly war ihnen direkt voraus.
Da sie aber nicht schnell genug waren, konnten sie ihn nicht einfangen.
Anna-Lena fragte sich, was sie nun tun könnten. Sie wusste sich keinen Rat mehr.
Knut schon.
“Wir segeln durch die Milchstraße. In ihrer Strömung sind wir schneller. Dann fahren wir an deinem Teddy vorbei und werden dann einfach darauf warten, dass er auf uns zu kommt.”
Das Blau des Himmels wich bald einem mit vielen hellen Sternen übersäten Schwarz. Dann gab es einen Ruck und sie wurden immer schneller. Sie hatten die Milchstraße erreicht.
Schon bald tauchte der nun langsamere Bär neben ihnen auf fiel immer mehr zurück.
“Jetzt holen wir ihn uns!”, sagte Knut.
Er lenkte den ‘Fliegenden Holländer’ aus der Strömung heraus und hielt an. Molly kam langsam näher geflogen und landete direkt in Anna-Lenas Armen. Sie drückte ihn fest an sich und lies ihn auf dem ganzen Rückweg nicht mehr los.
Zurück auf der Erde bedankte sie sich sehr bei Knut und lief nach Hause, um ihrer Schwester alles von diesem tollen Abenteuer zu erzählen, aber diese glaubte ihr davon kein einziges Wort.
Wenn Anna-Lena ihr den kleinen Beutel mit dem leuchtenden Sternenstaub aus der Milchstraße gezeigt hätte, den sie während der Heimkehr gesammelt hatte, wäre das bestimmt überzeugend gewesen. Aber den versteckte sie lieber unter ihrem Kopfkissen. So erinnerte er sie jeden Abend vor dem Schlafen gehen an dieses verrückte Abenteuer.

(c) 2005, Marco Wittler