619. Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Wenn Christbäume Weihnachten feiern

Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Die Männer des Dorfes gingen, mit scharfen Äxten bewaffnet, in den nahen Wald und fällten einige Tannen, um sie mit sich nach Hause zu nehmen. Die Bäume, die stehen bleiben durften, wunderten sich sehr. Es war noch nie vorgekommen, dass die Menschen komplette Tannen fort schafften. Vorher hatten sie immer alle Äste abgeschnitten und im Wald gelassen.
»Da stimmt doch etwas nicht. Was geht da bloß vor sich?«, wunderte sich eine Tanne.
Sie wurde so neugierig, dass sie unter größten Mühen ihre Wurzeln aus dem Erdreich zog und sich auf den Weg ins Dorf machte. Leise schlich sie sich durch die Straßen und engen Gassen und warf da und dort einen Blick in die Häuser.
Überall entdeckte sie die gefällten Tannen, wie sie in den Wohnzimmern standen und von den Menschen rundherum mit bunten Kugeln und Kerzen geschmückt wurden.
»Das ist ja noch seltsamer, als ich es mir vorgestellt habe. Was hat das nur zu bedeuten? Normalerweise werden wir doch in Stücke zerhackt und verbrannt.«
Sie wanderte weiter, hielt immer wieder ein Ohr an die Fenster und lauschte den Gesprächen und Erzählungen. Die Menschen redeten die ganze Zeit von Christbäumen, von Weihnachten und von einer besinnlichen Zeit.
»Ob dieses Weihnachten wirklich so schön ist? Und wenn ja, warum feiern wir das in unserem Wald nicht auch?«
Die Tanne ging wieder zurück und dachte noch lange über all das nach, was sie gesehen und gehört hatte. Es ließ sie einfach nicht mehr los. Schließlich fasste sie einen Entschluss.
»Wir werden in diesem Jahr auch Weihnachten feiern.«
Als sie an einem Feld vorbei kam, entdeckte sie eine alte Vogelscheuche, die einem Menschen nicht ganz unähnlich war. Kurzerhand griff sie zu und nahm ihren Fund mit.
Als sie wieder bei den anderen Tannen im Wald stand und ihre Wurzeln in die Erde grub, erzählte sie vom Weihnachtsfest und den Christbäumen.
»Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie schön sie alle aussahen.«
»Aber wer von uns soll sich denn so schick machen, dass sie die anderen daran erfreuen können?«
Die erste Tanne grinste.
»Niemand. Wenn die Menschen Bäume schmücken, machen wir es genau umgekehrt. Wir schmücken einen Menschen. Na gut, keinen Echten. Wir nehmen einfach diese Puppe.«
Dann stellten sie die Vogelscheuche zwischen sich auf und schmückten sie mit Eicheln, Zapfen, Moosen und Schneeflocken.
Wären die Menschen zu dieser Zeit nicht damit beschäftigt gewesen, ihr eigenes Weihnachtsfest zu feiern, hätten sie sich bestimmt gewundert, warum im Wald ein Weihnachtslied gesungen wurde, obwohl außer den vielen Bäumen niemand sonst zu sehen war.

(c) 2017, Marco Wittler

618. Der erste Christbaum oder „Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?“ (Paapa erklärt die Welt 42)

Der erste Christbaum
Oder »Papa, schmücken wir eigentlich Christbäume?«

Papa hatte in der letzten Stunde in einer Ecke des Wohnzimmers den Christbaum aufgestellt und mit einer langen Lichterkette ausgestattet. Der Baum war viel größer, als die anderen in den Jahren zuvor. Er reichte mit seiner Spitze bis zur Decke.
»Den Christbaum habe ich gut ausgesucht. Er ist wunderschön.«, war seine kleine Tochter Sofie stolz auf ihre Wahl.
»Jetzt müssen wir ihn nur noch mit bunten Kugeln schmücken.«
Sie schob einen großen Pappkarton quer durch den Raum und holte die erste Kugel heraus. Vorsichtig reichte sie sie Papa nach oben, der bereits auf einer Trittleiter stand. Doch bevor sie die zerbrechliche Glaskugel abgab, zog Sofie ihre Stirn kraus.
»Papa, warum schmücken wir eigentlich Christbäume?«
»Wie meinst du das? Natürlich weil das schön aussieht. Warum auch sonst?«
Sofie verdrehte die Augen und legte die Kugel zurück in den Pappkarton. Dann stand sie auf, stellte sich vor Papa und stemmte die Hände in die Seiten.
»Du weißt ganz genau, was ich meine. Nimm mich bitte nicht auf den Arm. Du weißt doch sonst immer alles.«
Sie seufzte.
»Warum schmücken wir unseren Christbaum? Das muss sich doch jemand ausgedacht haben.«
Papa hielt inne, kratzte sich am Kinn und dachte nach.
»Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die ich erst kürzlich gehört habe. Sie handelt zufällig von Christbäumen und dem Weihnachtsfest. Und die werde ich dir jetzt erzählen.«
Sofie strahlte über das ganze Gesicht.
»Oh ja, eine Geschichte.«
»Und wie fängt eine Geschichte immer an?«, fragte Papa.
Sofie lachte schon voller Vorfreude und antwortete: »Ich weiß es. Sie beginnt mit den Worten ›Es war einmal‹.«
»Ja, das stimmt. Absolut richtig. Also, es war einmal …«

Es war einmal eine kleine Stadt, die mitten in einem großen Wald lag. Die äußersten Häuser waren nur wenige Meter von den nächsten Bäumen entfernt.
Kurz vor dem Weihnachtsfest schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Schon nach wenigen Stunden war die Erde weiß geworden und die Bäume sahen aus, als hätte sie jemand mit Puderzucker bestreut.
Während sich die Menschen der Stadt, wie in jedem Jahr überlegten, wie sie zum Fest ihre Häuser schmücken könnten, sah ein kleines Mädchen aus dem Fenster und war begeistert über den Schnee.
»Papa, schau mal da draußen.«
»Ja, ich weiß.«, antwortete ihr Vater. »Es schneit. Das ist nichts besonderes.«
»Aber schau doch mal, wie wunderhübsch alles aussieht.«
Der Vater seufzte leise und legte dann seine Arbeit zur Seite. Dann ging er hinüber zum Fenster und warf ebenfalls einen Blick nach draußen.
Dort war nichts, was er nicht schon oft genug in seinem Leben gesehen hatte. Die unzähligen Bäume des Waldes und der Schnee, der sie mittlerweile bedeckte.
»Ist das nicht schön?«, schwärmte das kleine Mädchen.
Der Vater setzte sich auf einen kleinen Schemel, legte seine Arme auf das Fensterbrett und dachte an die Zeit zurück, als er selbst noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte unglaublich viele Stunden am Fenster gesessen und dem wilden Treiben der Schneeflocken zugesehen. Irgendwann war das vorbei gewesen. Irgendwann war seine Kindheit beendet. Als Erwachsener hatte ihm immer die Zeit für so etwas Schönes gefehlt.
»Ja, das ist wirklich unglaublich schön.«, schwärmte er leise.
Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er sprang auf und lief durch das kleine Haus, während er sprach.
»Weißt du was? Mir fällt da gerade etwas wirklich Unglaubliches ein. Jetzt weiß ich endlich, wie wir an Weihnachten unser Haus schmücken können. Wir brauchen etwas mehr Glanz unter unserem Dach. Und den habe ich gerade gesehen.«
Er lief in eine Kammer, kam mit einem Mantel bekleidet und mit einer Axt bewaffnet zurück. Damit ging er nach draußen zum Waldrand.
Kurz darauf kam er mit einer kleinen Tanne zurück und stellte sie in einer Ecke des Raums auf.
»Ist das nicht herrlich? Wie schön das Licht der Kerzen im Schnee glitzert.«
Der Vater und seine Tochter waren begeistert. Doch die Begeisterung verschwand bereits nach wenigen Minuten. Für den Schnee war das Haus zu warm. Er taute auf, verwandelte sich in Wasser und fiel in dicken Tropfen zu Boden. Dort sammelte er sich in mehreren Pfützen.
»So funktioniert das nicht.«, war der Vater enttäuscht. »Ich dachte, ich hätte mir etwas wirklich Großartiges einfallen lassen.«
»Ist nicht schlimm.«, sagte deine Tochter.
Dann lief sie zu ihrem Bett und holte unter dem Kopfkissen ein kleines Säckchen hervor.
»Kannst du vielleicht meine Murmeln an den Baum hängen?«, fragte sie. »Die können auch glitzern, weißt du?«
Dankbar nahm der Vater die Murmeln an. Um jede einzelne band er einen dünnen Faden und hängte sie dann an den Ästen des Baumes auf.
Nun glitzerte das Licht der Kerzen wieder im ganzen Raum.
»Der Baum ist wunder-, wunderschön.«, flüsterte das kleine Mädchen.
»Von deiner Idee sollten wir allen anderen Menschen in der Stadt erzählen. Sie sollten auch so etwas Schönes im Haus haben.«

»Und seitdem schmücken alle Menschen ihre Christbäume?«, fragte Sofie.
Papa nickte. »Ja, das stimmt. Mit ein paar einfachen Glasmurmeln hat das alles angefangen.«
»Eine wirklich tolle Idee, die dem Vater da eingefallen ist. Das war eine prima Geschichte, Papa.«
Dann hielt sich Sofie ihre Hand vor den Mund und kicherte leise.
»Und trotzdem glaube ich dir kein einziges Wort davon.«
Sie reichte Papa die erste Glaskugel, die er nun an den Christbaum hängte.

(c) 2017, Marco Wittler

615. Der kleine Christbaum

Der kleine Christbaum

In einer großen Baumschonung am Waldrand standen Tannenbäume dicht an dicht. Eine war schöner als die andere. Selbst in ihrer Größe vesuchten sie sich gegenseitig zu überbieten. Sie würden wahrlich prächtige Christbäume in der nahen Weihnachtszeit abgeben und in jedem Wohnzimmer zum Mittelpunkt werden. Nur mitten drin stand eine kleine Tanne, die über die Jahre hinweg einfach nicht gewachsen war. Während die anderen Meter um Meter gen Himmel gestrebt waren, hatte sie es gerade mal auf schlappe dreißig Zentimeter gebracht.
Anfang Dezember war es dann irgendwann so weit. Der Waldbauer kam in die Schonung und sah sich zufrieden um. In diesem Jahr würde er mit seinen Tannen ein gutes Geschäft machen können. Nach und nach markierte er jeden einzelnen Baum mit einem bunten Bändchen. Jeder von ihnen bekam eines ab. Nur die kleine Tanne ging leer aus. Das wunderte sie, denn es war ihr allergrößter Wunsch, eines Tages in einem warmen Wohnzimmer zu stehen, mit einer Fülle Geschenke unter ihren Ästen und geschmückt mit bunten Kugeln und Lametta. Das war das Ziel einer jeden Tanne in der Baumschonung.
„Vielleicht hat er mich vergessen oder einfach nur übersehen, weil ihm eine andere Tanne im Weg stand.“, machte sich die kleine Tanne Mut.
„Wenn die anderen erstmal weg sind, dann wird er mich entdecken und zum Christbaum machen.“

Einen Tag später stand der Waldbauer wieder zwischen den Bäumen. Dieses Mal war er allerdings nicht allein gekommen. Ihm folgten mehrere starke Männer, die Sägen und Äxte in Händen hielten. Jetzt war es also soweit. Nun würden die Tannen gefällt und in den nächsten Tagen als Christbäume verkauft werden. Die Aufregung unter dem Bäumen stieg spürbar an.
Eine tanne nach der anderen wurde umgelegt und zum Hof des Bauern abtransportiert. Die Schonung wurde immer leerer. Irgendwann fiel dann auch der vorletzte Baum. Einzig die kleine Tanne stand noch in der Mitte und wartete gespannt darauf, nun selbst an der Reihe zu sein.
„Das war es dann für dieses Jahr.“, rief der Waldbauer plötzlich. „Ihr könnt einpacken, Männer.“
Die Arbeiter schafften ihr Werkzeug in mehrere Wagen und fuhren davon. Die kleine Tanne blieb allein zurück.
„Und was ist mit mir? Warum nehmt ihr mich denn nicht mit? Ich will doch auch ein Christbaum werden.“
Traurig verdrückte sie sich ein paar Tränchen und schniefte laut.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte da plötzlich ein leises Stimmchen.
Die kleine Tanne sah sich verwirrt um. Schließlich stand sie nun ganz allein in der Baumschonung. Von den Anderen waren nur ein paar Baumstümpfe und Wurzeln übrig geblieben. Dann entdeckte sie eine kleine Raupe, die auf einem ihrer Äste saß. Das kleine Insekt hatte sich mit einem langen Schal ordentlich eingewickelt und eine warme Pudelmütze aufgesetzt, um in der Winterkälte nicht zu erfrieren.
„Meinst du mich?“, fragte die kleine Tanne verwirrt.
„Ja. Natürlich meine ich dich. Wen denn sonst? Es ist ja kein anderer Baum mehr hier. Also: was ist mir dir los? Warum bist du so traurig?“
Die kleine Tanne schniefte ein weiteres Mal.
„Ach, weißt du, ich habe mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht, einmal eine stattliche Tanne zu werden und eines Tages als geschmückter Christbaum im Mittelpunkt eines warmen Wohnzimmers zu stehen und die Menschen zu erfreuen. Aber nun stehe ich hier ganz allein am kalten Waldrand und wurde einfach übersehen und vergessen.“
„Sei doch froh, dass du hier noch stehen darfst. Denk mal darüber nach, was jetzt mit den anderen Tannen geschieht. Sie wurden gefällt, ihrer Wurzeln beraubt. Sie stehen für ein paar Tage in einem viel zu warmen Wohnzimmer, verlieren nach und nach ihre Nadeln und landen nach dem Weihnachtsfest auf dem Müll. Du hingegen darfst hier am Waldrand bleiben. Ist das nicht viel schöner?“
Die kleine Tanne hätte nur zu gern ihren Kopf geschüttelt. Aber für einen Baum war das einfach zu schwer.
„Nein. Du verstehst das nicht, kleine Raupe. Ich bin eine Tanne. Es ist meine Aufgabe, ein Christbaum zu werden. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Ich lande gerne irgendwann auf dem Müll, wenn ich dafür den Menschen für ein paar Tage Glanz und Freude in die Häuser bringen darf. Außerdem ist es kein wirklich schönes Leben, wenn man ganz allein in der Baumschonung lebt und einsam ist.“
Die kleine Raupe seufzte. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie wünschte der kleinen Tanne alles Gute und krabbelte davon.

Am nächsten Tag tat sich wieder etwas am Waldrand. Es war eine kleine Mäusefamilie, die von Baumstumpf zu Baumstumpf lief. Überall schnupperten sie und suchten nach etwas, das sie aber nicht finden konnten.
„Haben wir dieses Jahr wirklich Pech?“, war der Mäusevater enttäuscht. „Jedes Jahr hinterlassen die Menschen beim Fällen der Bäume ein paar grüne Tannenzweige, die wir als Christbaum benutzen können, aber dieses Mal gehen wir wohl leider leer aus. Das wird ein trauriges Weihnachtsfest für unsere kleinen Mäusekinder. Wir werden die Geschenke in diesem Jahr wohl unter den Küchentisch legen müssen.“
Er wollte schon umkehren und seine Familie zurück in ihre Höhle scheuchen, als sein Blick auf die kleine Tanne fiel.
„Was ist denn das? Träume ich etwas oder wollen mir meine alten Augen einen Streich spielen? Das kann doch gar nicht wahr sein?“
Langsam näherte er sich der kleinen Tanne und schnupperte an ihr.
„Es ist ein Tannenbaum, ein richtig echter Tannenbaum, nicht nur ein paar gefallene Zweige. Das habe ich noch nie erlebt.“
Er wischte sich ein paar Freudentränen aus dem Gesicht. Dann machte er sich vorsichtig an die Arbeit und buddelte die kleine Tanne vorsichtig aus der Erde. Dann brachte die Mäusefamilie ihren Fund gemeinsam nach Hause und pflanzte ihn vor der Höhle wieder in den Waldboden.
Während der Mäusevater in Windeseile alle Verwandten aus der Umgebung zum bevor stehenden Weihnachtsfest einlud, schmückte die Mäusemutter die kleine Tanne und verwandelte sie in einen echten Christbaum. Ein paar Stunden später versammelten sich die Mäuse des Waldes um sie herum, sangen Weihnachtslieder und bedachten sich gegenseitig mit kleinen Geschenken.
Der kleinen Tanne war es warm ums Herz geworden. Ihr großer Traum war endlich wahr geworden. Sie war nun ein echter Christbaum. Sie stand zwar nicht in einem warmen Wohnzimmer, dafür war sie aber auch nicht gefällt worden.

Jahr für Jahr trafen sich nicht nur die Mäuse, sondern immer mehr Tiere des Waldes am kleinen Christbaum und feierten gemeinsam Weihnachten. Jahr für Jahr wurde sie größer und größer und entwickelte sich zu einer stattlichen Tanne, deren Glanz den ganzen Wald erleuchtete.
„Ich bin nicht nur ein Christbaum geworden.“, dachte sich die Tanne an jedem Weihnachtsfest. „Ich bin auch ein großer Baum geworden und darf Jahr für Jahr Christbaum sein. Das haben die anderen Tannen aus der alten Baumschonung nicht geschafft.“

(c) 2017, Marco Wittler

405. Ich werde ein Weihnachtsbaum

Ich werde ein Weihnachtsbaum

Endlich. Der lang ersehnte Schnee war gefallen, In den letzten Wochen hatten die Kinder im ganzen Land darauf gehofft, dass pünktlich zum Fest die Erde weiß färben würde. Nun war der Weihnachtsabend gekommen und alles war so, wie es sein sollte. Eines fehlte aber noch. Der Christbaum stand noch nicht in der geschmückten Wohnung.
»Heute ist es so weit.«, freute sich die große Tanne, die seit langer vor dem Haus stand.
»Heute werden sie kommen. Die Menschen holen mich herein, werden mich mit bunten Kugeln, Stohsternen und Lametta schmücken. Bestimmt bekomme ich sogar einen großen, goldenen Stern auf meine Spitze.«
Die Tanne war unglaublich aufgeregt und konnte es kaum noch erwarten.
»Was ist denn los?«, war  plötzlich ein leises Stimmchen zu hören.
»Warum sollten dich die Menschen ins Haus holen und dich schmücken?«
Die Tanne sah sich um und entdeckte unter ihren Ästen ein kleines Blümchen.
»Nanu, ist das nicht die falsche Jahreszeit für Blumen?«
»Eigentlich schon.«, antwortete das kleine Blümchen.
»Aber unter deinen Ästen bin ich vor Wind und Schnee geschützt. Verrätst du mir denn un, warum du dich so freust?«
Die Tanne räusperte sich und begann zu erzählen.
»Ein paar Tage vor Ende eines jeden Jahres feiern die Menschen Weihnachten. Sie schmücken das Haus, kochen leckeres Essen und machen sich gegenseitig Geschenke. Doch das Schönste ist, dass sie jedes Mal einen Baum herein holen. Er wird von oben bis unten festlich geschmückt. Unter seinen Ästen liegen dann die Geschenke. Die Menschen singen dann gemeinsam Lieder, die Kinder tragen Gedichte vor und die Opas lesen Geschichten vor. Das ist sooo schön.«
Das Blümchen verstand und freute sich für die Tanne.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Hauses und ein Mann kam heraus.
»Jetzt geht es los,«, flüsterte die Tanne glücklich.
Doch dann blieb der Mann stehen. Er besah sich den Baum und dachte noch einmal nach.
»Nein. Dach geht einfach nicht.«, murmelte er.
»So einen schönen Baum kann ich einfach nicht fällen. Nicht einmal für Weihnachten.«
Er drehte sich um, klopfte sich den Schnee von seinen Schuhen und ging zurück ins Haus.
Die Tanne war verwirrt. Das durfte einfach nicht wahr sein. Zu schön für Weihnachten? Niemals.
»Hallo?« Du kommst sofort wieder heraus und fällst mich.«, rief sie dem Menschen hinterher.
»So schön bin ich doch gar nicht. Einer meiner Äste hat sogar einen Knick. Außerdem freue ich mich schon mein ganzes Leben auf Weihnachten. Bring deine Axt mit und hol mich ins Haus.«
Aber es half alles nichts. Sie blieb, wo sie war.
Doch dann öffnete sich ein weiteres Mal die Tür. Der Mann kam mit seiner ganzen Familie nach draußen. Sie sangen Weihnachtslieder und brachten große Kisten mit.
»Los, schmückt den Baum.«, rief die Mutter und verteilte bunte Kugeln, Stohsterne und Lametta an ihre Kinder. Im Nu war aus der Tanne ein stattlicher Weihnachtsbaum geworden. Die Feier fand nun draußen unter freiem Himmel statt.
Von überall, aus allen Richtungen, kamen noch mehr Menschen heran und freuten sich über dieses ungewöhnliche Fest im weißen Schnee.
Die größte Freude hatte allerdings die Tanne. Sie war nicht nur ein normaler Weihnachtsbaum in irgendeiner Stube. Sie stand draußen und konnte alle Menschen der Stadt mit ihrem Glanz erfreuen, und das machte sie sehr stolz.

(c) 2012, Marco Wittler